Women in Science (27) Elizabeth Kolbert

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Die Umweltjournalistin Elizabeth Kolbert erhielt 2015 für ihr Buch „Das sechste Sterben“ den Pulitzerpreis für Non-Fiction.

Falls ihr auf der Suche nach einer richtig guten Horrorgeschichte seid, die euch garantiert den Schlaf rauben wird, dann seid ihr hier richtet. Dieses Buch zeigt den völlig erbarmungslosesten, erfindungsreichsten und erfolgreichsten Serienkiller, über den je geschrieben wurde. Die Zahl seiner Opfer steigt exponentiell und sein Appetit ist leider noch lange nicht gestillt. Der Bösewicht ist im Grunde genommen jeder von uns, die wir auf diesem wunderbaren Planeten leben.

Seit seinem Erscheinen vor etwa 200 000 Jahren hat der Homo sapiens seine Umwelt verändert: Anfangs kaum spürbar,  seit der neolithischen Revolution vor gut 12 000 Jahren deutlich stärker und seit Beginn der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts radikal. Heute ist sein Einfluss auf die Natur und das globale Ökosystem so tiefgreifend, dass der niederländische Meteorologe Paul Crutzen vorschlug, den jetzigen Abschnitt der Erdgeschichte, bislang als Holozän bezeichnet, in „Anthropozän“ umzubenennen.

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Die fünf großen Massensterben im Laufe der Geschichte sind durch verschiedene, vom Menschen unabhängige Phänomene verursacht worden, etwa Eiszeiten oder Meteoriteneinschläge. Doch das derzeit ablaufende sechste Massensterben liegt allein in unserer Verantwortung, wie das Buch überzeugend darlegt.

Bei der Vernichtung des amerikanischen Mastodon, dem Riesenalk, den Neanderthalern und auch des Panamanischen goldenen Frosches, der hawaiianischen Krähe, dem Sumatra Nashorn und diversen Fledermaus-Arten wird eines ganz klar deutlich: fast immer starben diese Arten aus, als der Mensch begann, die Umwelt zu betreten.

Auch wenn das Thema eher entmutigend ist, Kolbert schreibt mit trockenem Galgenhumor, der für mich immer dann auftrat, wenn die Dinge allzu deprimierend zu werden drohten. Das Buch ist recht naturwissenschaftlich, aber dennoch zugänglich geschrieben, ohne je nach Lehrbuch zu klingen.

Interessant fand ich die Kapitel am Anfang, wo sie über Wissenschaftler wie Cuvier, Lyell oder Darwin schreibt, die mit die ersten waren, die Mutmaßungen anstellten mit Blick auf Aussterben und Evolution. Mir war nicht klar, dass das Aussterben von Rassen eine relativ neue Idee ist. Lange Zeit nahmen Wissenschaftler an, dass nichts aussterben konnte und erst mit der Entdeckung der Fossilien begann sich diese Auffassung zu ändern.

Faszinierend fand ich auch die Idee eines neuen Pangea. Das die Leichtigkeit, mit der wir zwischen Ländern und Kontinenten hin- und herreisen, im Grunde genommen einem wieder entstandenen Pangea gleicht und das wir teils wissentlich, teils unwissentlich fremde Tier- oder Pflanzenspezies in neue Umgebungen mitnehmen, die die Balance zwischen Jäger und Gejagtem immens durcheinander bringen können – mit teilweise desaströsen Konsequenzen.

Kolbert schafft es, all das klar, unterhaltsam, aber auch durchaus erschreckend zu transportieren. Zum Ende hin wurde ich etwas müde und im Grunde kann man die letzten Kapitel einfach so zusammenfassen: Menschen sind scheiße.

Das elaboriert zu lesen, die unwiderlegbaren Beweise vorgelegt zu bekommen und selbst aber auch mit Schuld zu sein, zieht einen doch ziemlich runter. Aber wahrscheinlich benötigen wir diese Art von runter ziehen ganz dringend, denn die Menschheit muss lernen und erkennen, was wir der Umwelt antun.

Man kann den Generationen vor uns nur begrenzt einen Vorwurf machen, teilweise wussten sie einfach nicht, was sie da taten und sind wahrscheinlich wirklich davon überzeugt gewesen, dass es egal ist wie viele Mastodons man jagt und isst, es werden immer wieder welche nachkommen. Aber diese ignoranten Tage liegen jetzt hinter uns. Wir wissen es besser, also müssen wir es auch besser machen.

Kolbert zitiert am Ende eine Wissenschaftlerin mit den Worten, „solange wir weiter forschen, wird die Menschheit überleben“, womit sie suggeriert, wir werden uns aus der bestehenden dramatischen Situation schon irgendwie „herauszutechnologisieren“. Das aber wird mit Sicherheit nicht eintreten. Nur ein radikaler Wandel unseres ökonomischen und ökologischen Handelns kann das Schlimmste verhindern.

Die Menschheit ist definitiv deutlich weniger schlau als sie allgemein so von sich annimmt.

Unbedingte Lese-Empfehlung, auch wenn das nicht wirklich ein Vergnügen ist.

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Another gem of the „Naturkunden“ series by Matthes & Seitz Verlag. At some stage I think I really want them all. I was never particularly interested in snails but that certainly changed after reading this funny, insightful and beautiful little book.

There is so much more to these fascinating creatures than their chalky little shells would make you believe. So let’s get closer to  dsiscover the creature that is hidden most of the time and let’s carefully open up the entrance so we can carefully and slowly ever so slowly sneak into the entwined coils to have a proper look.

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We admire the snail for its beautiful spiral shell, we laugh about their slow method of locomotion are disgusted by their slimy body but enjoy eating them with garlic butter. We have a highly ambivalent relationship to the snail so it was high time to get closer to it and better understand this highly fascinating creature.

Florian Werner takes up it’s trail from an cultural-historical point. He visits the World Snail Racing Competion in England, an eco snail farm in France and he explains the virtuosity of snail sex. He is not only checking out the outstanding position the snail had in the history of Architectur or movies he also looks into their participation in founding the financial system and brass music.

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Maybe the tenacity and persistance of the snail is the perfect antidote for our hectic and restless times.

You can really tell that Judith Schalansky has a hand in this series and I highly recommend to check out her books for example her beautiful and interesting „Verzeichnis einiger Verluste“ or her „Atlas der abgelegenen Inseln“ that I introduced here a few days ago.

Can’t wait to read another one from this series, I am quite keen on „Korallen“ and have high hopes to read one about the „Octopus“ or about „Jellyfish“ pretty soon.

Have you read any of the titles? Which one would you recommend?

Women in Science (24) Blattgeflüster – Hope Jahren

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Dieses Mal habe ich für Women in Science auf Esthers wunderbarem Blog „Esthers Bücher“ geklaut, da werde ich immer wieder einmal fündig, sei es für meine Women in SciFi als auch diese Reihe. Der geistige Diebstahl wurde abgesegnet und somit freue ich mich euch heute eine Geobiologin vorstellen zu dürfen:

Hope Jahren ist eine amerikanische Geobiologin, die in diesem Buch über Pflanzen und ihr eigenes Leben erzählt, wobei der biografische Teil überwiegt. Es ist also weniger ein Sachbuch über unsere Flora, obwohl das Buch alleine schon wegen den bildhaften Beschreibungen des pflanzlichen Lebens lesenswert ist. Viel eher ist es die ergreifende Geschichte einer Wissenschaftlerin, die sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten muss.

Was ist aber Geobiologie? Hope Jahren buddelt oft in der Erde, sammelt Pflanzen und verbringt sehr sehr viel Zeit in ihrem Labor (Doppelschichten sind bei ihr die Norm!). Das beschreibt schon mal ganz gut die Tätigkeit eines Geobiologen. Diese Wissenschaft ist nämlich „eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die die Methodiken der Geowissenschaften i. w. S. und der Biologie miteinander verknüpft, um Wechselwirkungen zwischen Biosphäre einerseits und Lithosphäre, Erdatmosphäre und Hydrosphäre andererseits zu erkunden“. (Wikipedia) Dabei folgt Jahren ihrer eigenen Methode, die in dieser Disziplin eher selten ist: Sie versucht die Logik der Pflanzen zu verstehen, und daraus Schlüsse zu ziehen. Für sie sind Bäume nicht einfach nur Bäume, sondern Lebewesen, die immer einen trifftigen Grund dafür haben, was sie gerade tun.

Ich versuchte, mir eine neue Umweltwissenschaft auszumalen, die nicht auf einer Welt der Menschen basierte, in der eben auch ein paar Pflanzen lebten, sondern auf einer Welt der Pflanzen, in der auch ein paar Menschen herumspazierten.

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Es ist nicht einfach, in der Männerdomäne der Naturwissenschaften sich als Frau einen Namen zu machen, das muss Hope Jahren immer wieder erfahren. Dass sie für ihre Forschung dann auch noch einen Weg wählt, der völlig ungewohnt ist, hilft ihr dabei nicht unbedingt. Ständige Geldprobleme machen es schwer, ihr Labor aufzubauen und ihre Kollegen zu bezahlen. Und als würden sich nicht bereits genug Hindernisse ihr in den Weg legen, muss sie auch mit einer Angststörung und den Auswirkungen ihrer manischen Depression kämpfen.

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All das scheint sie aber nicht zu verlangsamen, im Gegenteil. Sie arbeitet bis heute, wo sie bereits eine etablierte und mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin ist, Tag und Nacht. Das liegt sicherlich auch an ihrer medizinischen Kondition, aber auch an ihrem unbändigen Interesse am pflanzlichen Leben. Stets an ihrer Seite ist Bill, der im Buch ohne Nachnamen erwähnt wird, nach kurzer Recherche weiß man aber, dass es sich dabei um Bill Hagopian handelt. Bills Figur ist mindestens so faaszinierend, wie die von Hope Jahren. Er ist ein Einzelgänger, der in seiner Jugend im Garten seiner Eltern ein Loch gebuddelt und dort gelebt hat. Er liebt es nun mal, in der Erde zu graben. Er folgt Jahren überall hin, auch wenn seine Existenz meistens nicht gesichert ist. Denn während Jahren als Professorin immer über ein Gehalt von ihrer jeweiligen Universität erhält, muss Bill aus anderen, oft nicht vorhandenen oder sehr spärlichen Mitteln bezahlt werden. Das führt dazu, dass er teilweise kein Dach über dem Kopf hat und in seinem Auto oder verbotenerweise im Labor übernachten muss.

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Hope Jahren und Bill Hagopian. Foto: Gunhild M . Haugnes/UiO. Lizenz: CC BY 4.0

Bill ist es, der immer in der Lage ist, Jahren zu beruhigen, oder sie immer wieder zu motivieren, wenn sie aufgeben würde. Und Hope Jahren lernt nach und nach, was dazu notwendig ist, ihr Forscherteam nicht nur am Leben zu erhalten, sondern auch zum Erfolg zu führen. Man bekommt das Gefühl, dass sie ohne einander verloren wären und es nie soweit geschafft hätten, wo sie heute sind.

Und diese fast schon symbiotische Beziehung ist in ihrer Welt der Pflanzen nicht unbekannt. Das Überleben für eine Pflanze ist keine Selbstverständlichkeit. Nur ein kleiner Bruchteil aller Samen wird irgendwann mal zu einem Sprössling. Und nur ein Bruchteil dieser Sprösslinge wird mal zu einer erwachsenen Pflanze. Dass eine Pflanze lange überlebt und sich sogar fortpflanzen kann, bedarf so vieler glücklicher Umstände, dass man sie kaum aufzählen kann. Diese Parallelen zwischen Pflanzen und der Lebensgeschichte ihrer Erforscherin sind leicht zu entdecken und ergeben sich aus der Struktur des Buches. Scheinbar vermischen sich pflanzenbezogene Kapitel wahllos mit biografischen, doch da steckt eine tiefere Logik dahinter.

Ein tolles Buch, das mir so viel mehr gegeben hat, als was ich erwartet habe. Ich war auf ein Buch über Pflanzen vorbereitet, und habe mich darauf gefreut, mehr über sie erfahren. Und diese Erwartung wurde auch nicht enttäuscht. Womit ich nicht gerechnet habe, war Hope Jahren mit ihren immer wieder neu aufgebauten Laboren und mit ihrer Leidenschaft (oder Besessenheit?). Aktuell bereitet sie ihr nächstes Buch vor, das im März 2020 unter dem Titel „The Story of More“ erscheinen soll. Ich freue mich schon darauf.

 

Women in Science (20) Maria Sibylla Merian

Als ich diese Reihe begann hätte ich niemals damit gerechnet, wie schwierig es ist unter meinen Blogger-Kolleginnen und Kollegen Mitstreiter für diese Reihe zu finden. Um so mehr freue ich mich, mit Birgit von Sätze und Schätze eine „Wiederholungstäterin“ zu haben, die auch schon bei den „Women in SciFi“ dabei war. Heute stellt sie uns eine sehr spannende Frau vor, die aufgrund ihrer genauen Beobachtungen und Darstellungen zur Metamorphose der Schmetterlinge sie als wichtige Wegbereiterin der modernen Insektenkunde gilt. Vorhang auf für

Maria Sibylla Merian – Die Frau der Metamorphosen

Surinam! Schon der Name klingt wie eine exotische Verheißung. Zwar steht das kleinste unabhängige Land Südamerikas nicht auf der Top Ten der Reiseländer, doch ist es für Touristen inzwischen relativ bequem zu besuchen. Doch was bewegte im Jahre 1699 eine Frau, die sich von Amsterdam zu einer nicht ungefährlichen Seereise aufmachte, dazu, die Strapazen und Gefahren solch eines Unternehmens auf sich zu nehmen? Es war, um es kurz zu machen, der reine Forschungstrieb.

Der Aufenthalt in der niederländischen Kolonie Surinam, den sie wegen gesundheitlicher Beschwerden 1701 vorzeitig beenden musste, das war sicher das größte Abenteuer im Leben der Maria Sibylla Merian, die aber auch sonst nicht über mangelnde Beschäftigung und Abwechslung klagen konnte. Mit der erstmaligen Erforschung der Flora und Fauna Surinams war die gebürtige Frankfurterin im Grunde die Wegbereiterin für Alexander von Humboldt und andere, die naturwissenschaftliches Interesse nach Südamerika zog.

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Welche Bedeutung die Forscherin heute noch für das kleine Land hat, zeigt sich das Geschenk, dass die Niederlande der ehemaligen Kolonie 1975 zur Unabhängigkeit machte: Surinam erhielt eine der raren Originalausgaben der „Metamorphosis insectorum Surinamensium“. Das opulente Werk mit Kupferstichen und Texten, das als Folioausgabe erschien und von Merian zum Teil handkoloriert wurde, gilt als ihr Hauptwerk, die wenigen erhaltenen Originalbände sind inzwischen bibliophile Kostbarkeiten.

Wer aber war diese Frau, die sich wegen einiger Insekten und Raupen, um es salopp auszudrücken, in solche Abenteuer stürzte?

Maria Sibylla Merian wird am 2. April 1647 in Frankfurt geboren. Sie stammt aus der berühmten Verlegerfamilie, jedoch aus der zweiten Ehe von Matthäus Merian dem Älteren. Der Vater stirbt bereits drei Jahre nach ihrer Geburt, die Mutter heiratet erneut, den Maler Jacob Marrel. Die künstlerische Ader ist ihr bereits als Talent schon durch die väterliche Familienseite mitgegeben, der Stiefvater wird dieses Talent fördern und ihr den Weg für ihre spätere berufliche Karriere bereiten.

Der Name Merian nutzt der kleinen Familie zunächst wenig: Maria Sibyllas Halbbrüder übernehmen die Verlagsgeschäfte, die Stiefmutter, nun verwitwet, wird gemieden und finanziell abgespeist. Maria Sibylla geht also schon in frühen Jahren beim Stiefvater Marrel sozusagen in die Lehre, arbeitet in dessen Atelier – oder besser Kunstwerkstatt – mit. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit, wie die Merian-Biographin Barbara Beuys hervorhebt:

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„Zu sehr hat das 19. Jahrhundert, als Bürgertöchter keinen Beruf erlernen durften, weil standesgemäßes Frauenleben sich nur mit Kindern, am Herd und im häuslichen Salon abspielte, den Blick dafür verstellte, dass in ferneren Epochen Gleichberechtigung Realität war – bei Handwerkern wie bei Kaufleuten. (…) Die mittelalterliche Stadt hatte die Frau aus der Vormundschaft ihrer Verwandten und ihres Mannes befreit; sie wurde eine Person eigenen Rechts und war geschäftsfähig. Finster dagegen war die moderne Zeit.“

Diese hohe Selbständigkeit und Unabhängigkeit wird sich Maria Sibylla Merian auch im weiteren Lauf ihres ungewöhnlichen Lebens bewahren. Von ihrer Herkunftsfamilie bekommt sie dafür das nötige Rüstzeug mit: Neben ihrem künstlerischen Talent die entsprechende Ausbildung und kaufmännisches Geschick. Später wird sie dies als Verlegerin ihrer Werke – heute wäre sie „Selfpublisherin“ – gut gebrauchen. Neben der künstlerischen Ader ist die junge Merian jedoch auch noch von einer anderen Eigenschaft geprägt: Einer unbändigen Neugier auf alles, was kreucht und fleucht.

Aus den wenigen Quellen geht nicht eindeutig hervor, warum sich die 13-jährige plötzlich mit Seidenraupen beschäftigte – ein doch etwas ungewöhnliches Hobby zu jener Zeit. Barbara Beuys, die 2016 ihre ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Merian-Biographie veröffentlichte, verweist auf den damals gängigen Handel mit Seide und Seidenraupen, der Bruder von Merians Stiefvater ist ebenfalls in diesem Metier tätig. Im Vorwort zu ihrem Surinam-Buch schreibt sie:

„Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung der Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupenarten viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen. Das veranlasste mich, alle Raupenarten zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten. Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen.“

Woher auch immer das Interesse kam, „das junge Mädchen füttert in einer Spanschachtel, die geschlossen, aber mit Luftlöchern versehen ist, über Tage und Wochen eine Seidenraupe. Es beobachtet, wie das Tier mit dem Spinnen des Seidenfadens beginnt und nach acht Tagen von einem festen Seidenkokon umgeben ist.“ Es ist der Beginn einer Karriere, die Maria Sibylla Merian in den Rang einer der wegweisenden Insektenforscherinnen erheben wird, auch wenn sie manchmal einseitig nur als „Künstlerin“ wahrgenommen wird. Tatsache aber ist, dass sie durch ihre jahrzehntelange Beobachtung und Protokollierung der Entwicklung von Raupen, deren Nahrungsgewohnheiten, deren Entwicklungsstadien usw., die Grundlagen für die moderne Insektenforschung mitbestimmte. Barbara Beuys betont:

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„Forschung und Kunst, Kunst und Forschung sind bei Maria Sibylla Merian nach ihrer eigenen Auskunft von Anfang an eine ausgewogene Partnerschaft eingegangen. Es gab keinen Bruch. Sie war nicht hin- und hergerissen, sondern führte die beiden Begabungen auf ideale Weise zusammen.“

1665 heiratet Maria Sibylla den Maler Johann Andreas Graff, ebenfalls ein Schüler ihres Vaters. Das Paar bekommt zwei Töchter, die das naturwissenschaftliche Interesse der Mutter später teilen, sie in ihrer Arbeit unterstützen und das Ganze zu einem Familienunternehmen ausbauen. Doch zunächst ist ein Ortswechsel angezeigt: 1670 zieht die Familie nach Nürnberg, wo die junge Frau durch Zeichenunterricht und den Handel mit Malutensilien zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt. In Nürnberg entstehen zudem ihre ersten Bücher. Das „Neue Blumenbuch“, ein Musterbuch für stickende Damen, und das zweiteilige „Raupenbuch“. Es muss recht eigenartig ausgesehen haben in diesem Haushalt: Neben den Handwerksutensilien der Maler standen wohl allerorten Schachteln mit Raupen und es konnte, wie Barbara Beuys hinweist, durchaus geschehen, dass die Hausfrau beim Bearbeiten von Geflügel mehr Interesse für Maden aufbrachte, die sie im Inneren der Vögel fand, als für die Zubereitung des Mittagessens.

Painted portrait of Maria Sibylla Merian

Foto: Wikipedia

Daran ist die Ehe wohl nicht gescheitert – die eigentlichen Gründe dafür werden für immer im Dunkeln bleiben. Allerdings ist das Geschehen, wie Briefzeugnisse zeigen, vor allem für Johann Andreas Graff dramatisch: Nach zwanzig Jahren Ehe beschließt die Merian, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Töchtern in eine urchristliche Kolonie im niederländischen Friesland zu ziehen. Was Barbara Beuys über das Leben der Labadisten schreibt, erinnert an strenges, engherziges Sektierertum – dennoch aber scheint Maria Sibylla Merian hier den nötigen Abstand und die Ruhe für ihre Arbeiten zu finden. 1692 wird die Ehe geschieden.

1691 zieht sie nach Amsterdam, damals das Tor zur Welt. Es gelingt ihr auch dort wieder, ein eigenes Leben, eigene Geschäftstätigkeit und Beziehungen aufzubauen. Mit ihrem anschließenden Umzug nach Amsterdam habe sich Merian wiederum „genau die internationalen Kontakte“ gesucht, die sie für ihre weitere Forschungsarbeit benötigt habe, meint Barbara Beuys:

„Amsterdam war damals die Weltmetropole. Dort kamen Schiffe an aus aller Welt, mit exotischen Gewürzen aber auch Pflanzen und Tieren. Und dort ist sie ein- und ausgegangen bei den Gelehrten, sie war befreundet mit dem Bürgermeister, auch das in damaliger Zeit kein Problem.“ 

Und vielleicht trieb sie auch dabei die Neugier auf ein fernes Land namens Surinam an: Denn die frühpietistische niederländische Sekte, der sie angehörte, war eng mit dem Gouverneur von Surinam verbunden, schon in Friesland muss sie viel über die Kolonie erfahren haben. Dennoch: Von der Neugierde bis zur selbstfinanzierten Forschungsreise ohne männlichen Begleitschutz ist es ein weiter Weg. Das ganze Vorhaben war seinerzeit die reinste Sensation, viele Freunde rieten der Merian von der Reise ab. Ohne Erfolg: 1699 schiffte sie sich ein.

Zwar von der Malaria und anderen Krankheiten geschwächt nahm die Forscherin nach ihrer Rückkehr zu den Grachten 1701 ihr geschäftiges Leben wieder auf. Auch nach einem Schlaganfall arbeitete sie noch bis zu ihrem Tod 1717 trotz der körperlichen Einschränkungen weiter. Zumal ihr auch nichts anderes übrig blieb: Trotz ihrer guten Kontakte und vielfältigen Beziehungen, trotz ihres Handels mit Malutensilien und dem Verkauf ihrer Bilder und Präparate sowie anderer geschäftlicher Unternehmungen: Maria Sibylla Merian verstarb unvermögend. Viel Geld wird in die von ihr mit viel Aufwand und Liebe zum Detail erstellten Bücher geflossen sein.

Und gerade deshalb, weil sie sich diese Neugier an einem bis dahin unbeachteten Element der Natur – Insekten waren für die Forscher jener Zeit kein bemerkenswerter Gegenstand – von ihren Mädchenjahren bis ins hohe Alter bewahrte, weil sie sich von der Lust an der Erkenntnis leiten ließ, gerade deshalb kann man von einem erfüllten Leben sprechen. Barbara Beuys schreibt:

„Was von Maria Sibylla Merian bleibt, ist das Bild einer Persönlichkeit, deren Leben trotz der selbstgewählten Umbrüche und inmitten des dramatischen Übergangs von mittelalterlichen Gewissheiten in eine moderne, ungewisse Zeit, gelassen und beständig verlief. Maria Sibylla Merian behauptet sich neben ihren eindrucksvollen Büchern als eine Frau, die verwirklichte, was sie früh als ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten erkannte. Die mit konzentriertem Ernst und Ehrgeiz bei der Sache war.“

 

Women in Science (16) Helen Macdonald

Foto: The Daily Mail

Obwohl so viele Menschen das Buch gelobt und mir empfohlen haben, war ich lange nicht davon zu überzeugen. Ein Buch über Trauerbewältigung und Greifvögel klang einfach überhaupt nicht nach mir. Und dann stand es eines Tages im Bücherschrank und ich blätterte hinein, blieb hängen und ich bin so froh darüber, denn es wäre mir ein wunderbares Leseerlebnis durch die Lappen gegangen.

“The hawk was everything I wanted to be: solitary, self-possessed, free from grief, and numb to the hurts of human life.” 

Falknerei ist ein Thema, mit dem ich mich absolut noch nicht beschäftigt habe. Außer dem Bild von Menschen, die einen großen Greifvogel auf einem riesigen Lederhandschuh tragen, wußte ich gar nix darüber. Irgendwie schafften es diese Menschen, dass die Greifvögel für sie jagten und auch tatsächlich immer wieder brav auf dem Arm landeten.

Einen Vogel abzurichten ist eine große Verantwortung die man übernimmt, wenn man den Vogel trainiert und mit ihm zusammenlebt. Ich war überrascht, dass Helen Macdonald ihre Mabel im Wohnzimmer hält, ich bin immer davon ausgegangen, die Vögel sitzen draußen in Volieren und werden nur herausgenommen, wenn man sie jagen läßt.

Einen Habicht zu trainieren ist ein nahezu übermenschliches Unterfangen, wie das Buch anhand des Trainings von Mabel und parallel dazu anhand T. H. Whites mißglücktem Versuch, einen männlichen Habicht namens Gos zu trainieren, zeigt. Das Training lenkt die Autorin von ihrer tiefen Trauer ab, da ihr Schmerz über den Verlust des Vaters fast zu einer Identitätskrise für sie wird. „H wie Habicht“ ist die Geschichte ihrer Reise aus dem Verlustschmerz hinaus, in die Welt ihres Habichts hinein, den sie als nur wenige Monate alten Jungvogel von einem Züchter übernimmt.

“I think of what wild animals are in our imaginations. And how they are disappearing — not just from the wild, but from people’s everyday lives, replaced by images of themselves in print and on screen. The rarer they get, the fewer meanings animals can have. Eventually rarity is all they are made of. The condor is an icon of extinction. There’s little else to it now but being the last of its kind. And in this lies the diminution of the world. How can you love something, how can you fight to protect it, if all it means is loss?”

Helen Macdonald ist Historikerin, Naturforscherin, Affiliated Scholar an der University of Cambridge im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften sowie eine herausragende Autorin im Bereich „Nature Writing“.

 

MacDonald stand ihrem Vater, dem bekannten Fotografen Alisdair Macdonald, sehr nah. Er war es auch, der sie als Kind mit der Falknerei in Berührung brachte. Das Training von Mabel war ihr Weg, nach dem Tod mit dem Vater in Verbindung zu bleiben.

„The archaeology of grief is not ordered. It is more like earth under a spade, turning up things you had forgotten. Surprising things come to light: not simply memories, but states of mind, emotions, older ways of seeing the world.“

Das Buch beschreibt das erste Jahr, das Macdonald mit Mabel verbringt. Es beginnt mit intensivem Eingwöhnungstraining bis hin zu Mabels ersten Jagd-Flügen ohne Leine. Das Buch endet mit ihrem ersten gemeinsam verbrachten Frühling, wenn Habichte in die Mauser kommen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, sie für die Saison in eine Voliere zu geben und es klingt, als hätte Macdonald sie danach im Grunde von vorne trainieren müssen, nachdem ihre Federn nachgewachsen waren.

Insgesamt verfolgt das Buch vier Erzählstränge. Der erste ist Macdonalds fortwährendes Bemühen, Mabel zu trainieren. Im zweiten geht es um die Beziehung zu ihrem Vater, die dritte beschäftigt sich mit ihrem emotionalen, existentiellen Kampf, sich durch die Trauer wieder zurück ins Leben zu kämpfen und im letzten geht es um den Falkner TH White.

Sowohl White als auch Macdonald nutzen das Habicht abrichten, um sich von der Welt draußen zurückzuziehen. Lena Headey, die Schauspielerin, die insbesondere durch ihre Rolle in „The Game of Thrones“ bekannt geworden ist, kaufte die Filmrechte für das Buch und ich bin sehr gespannt, ob und wann es Mabel auf die große Leinwand schafft.

Macdonald ist ein wunderbar poetisches, emotionales Buch gelungen. Man merkt ihr an, wieviel sie über Greifvögel weiß und sie versteht es, den Leser an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, ohne jemals langweilig oder belehrend zu wirken.

Ganz große Leseempfehlung. Weitere begeisterte Rezensionen findet ihr bei Zeichen und Zeiten sowie bei Buzzaldrins. 

Erschienen ist „H wie Habicht“ im Allegra Verlag.

Women in Science (13) – Sandra Aamodt

Sandra Aamodt ist die Autorin zweier populärwissenschaftlicher Bücher „Welcome to your Brain“ und „Other Puzzles of Everyday Life“ (beide in Zusammenarbeit mit Sam Wang). Beide Bücher wurden in über 10 Sprachen übersetzt. Sandra Aamodt schreibt seit Jahren für die Science Seiten der New York Times, Washington Post, El Mundo und der London Times. Sie war Chefredakteurin der Zeitschrift „Nature Neuroscience“, ein führendes Magazin im Bereich der Hirnforschung. Aamodt hat einen Abschluß in Biophysik von der John Hopkins Universität und machte ihren Doktor in Neurowissenschaften an der Universität Rochester.

Zu ihrem Buch „Welcome to your Brain“ animierte mich vor einiger Zeit ihr  TED Talk. Wir nutzen unser Hirn praktisch in jedem Moment unseres Lebens und doch haben die Wenigsten von uns eine Idee, wie es überhaupt funktioniert. Vieles von dem, was wir glauben über das Hirn zu wissen, beruht auf irgendwelchen Legendenbildungen: das wir nur 10 Prozent unseres Hirns überhaupt nutzen, dass der Genuss von zuviel Alkohol Hirnzellen abtötet etc. Diese und andere Mythen über das Hirn sind falsch, wie die Heerscharen an Neurowissenschaftlern in ihrer Forschung in den letzten Jahrzehnten herausgefunden haben.

Was sie aber tatsächlich über die Funktionsweise des Hirns gelernt haben, davon dringt erstaunlich wenig aus den Forschungslaboren. In diesem gut lesbaren und unterhaltsamen Buch räumen Aamodt und Wang mit einigen dieser Mythen auf und bieten einen umfangreichen, nützlichen Überblick darüber, wie das Hirn tatsächlich funktioniert. Sie zeigen auf, wie man mit Jet Lag umgehen sollte, was das Hirn mit Religion zu tun hat und wie sich die Hirne von Männern und Frauen unterscheiden. Mit viel Witz und Charme machen sie die Materie überaus zugänglich. Der Text wird durch eine Reihe von Charts, Illustrationen, kleinen Quizzes und wissenswerten Kleinigkeiten unterstützt.

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Den Autoren sind Fakten und sorgfältig durchgeführte Studien wichtig und sie wollen den Leser dazu animieren, weniger auf Emotion und verbreitete Mythen über das Gehirn zu hören, als kritischer nachzufragen und zu recherchieren. Sie räumen im Buch mit einigen der Mythen auf, beispielsweise mit den sagenumwobenen 10% des Hirns, die wir angeblich nur nutzen, dass Mozart hören Babys klüger macht oder das Impfstoffe Autismus auslösen.

Daneben geben sie praktische Tipps wie man z. B. mit Videospielen sein Gehirn schulen kann oder wie man das Hirn am besten überlistet, wenn man abnehmen will.

 

Für Film-Freaks vielleicht besonders interessant ist die Liste an Filmen, die neurologische Krankheitsbilder besonders gut beschrieben haben (z.B. Memento, A Beautiful Mind und Awakenings) oder auch eher ungenau, wie z.B. Total Recall und 50 First Dates.

Dieser respektlose Führer durch die Welt unseres Gehirns von Samuel Wang und Sandra Aamodt gibt einen guten Überblick über unser Gehirn und seine Funktionen. Es geht nicht sonderlich in die Tiefe, ist aber gut geschrieben, leicht lesbar und somit ein empfehlenswerter Einstieg in die Neurowissenschaften.

#WomeninScience (10) Elisabeth Oberzaucher

War es schon nicht immer einfach Mitstreiter*innen für meine Reihe #WomeninSciFi zu finden, gegen #WomeninScience war es ein Zuckerschlecken. Die Idee bekommt viel Zuspruch, aber nur wenige haben etwas von oder über Wissenschaftlerinnen gelesen oder planen es und es hagelt Körbe 😉 vielleicht aber auch ein Zeichen, wie nötig so eine Reihe ist um die Frauen in den Natur- und Geisteswissenschaften mal ordentlich unter den Scheinwerfer zu halten.

Um so mehr freue ich mich über Petras Beitrag heute vom wunderbaren Blog „Elementares Lesen„, sie ist schon eine Veteranin und ich hoffe innigst es wird nicht ihr letzter Beitrag für #WomeninScience sein. Jetzt aber Bühne frei für Elisabeth Oberzaucher und ein kleiner Appell noch – wer Lust hat bei der Reihe dabei zu sein meldet euch bitte gerne (zahlreich :)) – ich freue mich sehr auf eure Beiträge.

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Die Verhaltensbiologin Dr. Elisabeth Oberzaucher lehrt und forscht an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt und Kriterien für die Partnerwahl. 2015 erhielt sie zusammen mit Karl Grammer den Ig-Nobelpreis für Mathematik – eine satirische Auszeichnung für ihre Studie zur Fortpflanzungsfähigkeit des marokkanischen Königs Moulay Ismael. Der hatte im 17. Jahrhundert angeblich 888 Kinder gezeugt. Vielleicht kennt Ihr die österreichische Forscherin auch als Mitglied des preisgekrönten Wissenschaftkabaretts Science Busters. Ein weiteres Thema, mit dem sich Elisabeth Oberzaucher als Wissenschaftliche Leiterin des Forschungsinstituts „Urban Human“ beschäftigt, ist das Thema Stadtentwicklung. Davon handelt auch ihr Buch Homo urbanus.

Elisabeth Oberzaucher © Sabine Oberzaucher

Foto: Sabine Oberzaucher

Elisabeth Oberzaucher untersucht das Leben von Menschen in der Stadt aus evolutionsbiologischer Perspektive. Unsere Vorfahren streiften durch die Savannen Ostafrikas, offenen Graslandschaften, die einen guten Überblick und Schutz vor Feinden boten. Dieses Erbe bewirkt eine Vorliebe für bestimmte Landschaftstypen und geschützte Bereiche. Sind wir modernen Menschen überhaupt für die Stadt geschaffen, mit Menschenmassen, räumlicher Enge und Lärm? Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Der Kampf ums Überleben in der Savanne zwang unsere Vorfahren zur Zusammenarbeit, zum Leben in immer größeren Gemeinschaften. Diese soziale Komplexität steigerte ihre Intelligenz und führte zur Entwicklung der Sprache, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen und Beziehungen zu pflegen. Optimal war eine Gruppengröße bis zu 150 Personen. Mehr war kaum zu bewältigen – und das gilt auch für den modernen Menschen. In der Großstadt begegnen wir Tausenden Individuen. Mit den vielen Eindrücken, die auf uns niederprasseln, kommen wir nur zurecht, indem wir vieles einfach ausblenden, unseren Tunnelblick einsetzen und zum Beispiel Blickkontakt vermeiden – so wird die soziale Komplexität reduziert.

Oberzaucher Homo Urbanus

Im Laufe der Evolution haben wir gelernt, unser Verhalten an das Territorium anzupassen, in dem wir uns gerade aufhalten, und die jeweiligen Regeln zu respektieren. Der Wunsch, das eigene Territorium, zum Beispiel durch persönliche Gegenstände, zu markieren, schlummert noch immer in uns, ob im Café oder am Arbeitsplatz. Wichtig im Kontakt mit der Umwelt sind das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu den Mitmenschen, geeignete Rückzugsorte und – besonders wichtig – eine funktionierende Nachbarschaft. Dies muss auch bei der Planung von Neubauten berücksichtigt werden.

Vor allem lebendige Elemente wie Pflanzen und fließendes Wasser können die Lebensqualität in den Städten verbessern. Sie dämpfen den Lärm, filtern die Luft, reduzieren den Stress und tun uns einfach gut. Naturbereiche dürfen daher in Städten nicht fehlen. Die Autorin erklärt plausibel, woher unsere Neigung zu Grünem und Wasser stammt und wie man ihr in der Stadt Rechnung tragen kann.

Unser evolutionäres Erbe als Bewohner der Savanne ist auch heute noch spürbar, wie Elisabeth Oberzaucher mit faszinierenden Beispielen belegt. In ihrem lesenswerten Sachbuch zeigt die Wissenschaftlerin, wie unsere Städte menschengerecht gestaltet werden können, auch für die Zukunft, denn die Zahl der Stadtbewohner wächst. Homo urbanus ist ein dichter, konzentrierter Text, eignet sich also nicht zum nebenbei Lesen. Wesentliche Aussagen werden jedoch in verschiedenen Kontexten wiederholt. Die Lektüre lohnt sich, denn sie bietet spannende Einblicke in die Wurzeln unseres Verhaltens und die Überlebensstrategien des Homo sapiens in der Stadt!