#WomeninSciFi (20) Bloodchild & Parable of the Sower – Octavia E. Butler

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Als waschechter Murakami-Fan erkennt man in Herrn Aufziehvogel vom Blog „Am Meer ist es wärmer“ natürlich sofort einen fellow Murakaminista 😉

Sein Blog ist eine echte Schatztruhe, bis zum Rand gefüllt mit viel, aber nicht ausschließlich japanischer Kultur, Buchrezensionen, Filmbesprechungen abseits vom Mainstream und ich kann nur jeden ermuntern, es sich auf einer virtuellen Liege am Strand des Herrn Aufziehvogels bequem zu machen.

Er stellt uns heute zwei Romane einer Autorin vor, auf die ich ganz besonders gespannt bin: Octavia Butler mit der wir endlich auch eine Vertreterin der afroamerikanischen Science Fiction Kultur vorstellen:

Als Sabine mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Beitrag für ihre Women in SciFi Reihe zu schreiben hatte ich bedenkenlos zugesagt. Bevor ich denke, antworte ich meistens schon und die erste Freude über den Beitrag wurde getrübt, als ich nicht wusste, über welche Dame ich überhaupt schreiben sollte. Die Verdutztheit wich schnell der Freude, denn ich betrat hier absolutes Neuland. Ich kann nicht das allgemeine Klischee bestätigen, Science-Fiction sei eine reine Männerdomäne. Der erste Weg führt meistens, vielleicht aber auch immer, zu Ursula K. Le Guin (1929-2018). Ihr bekanntestes Werk dürften zwar die Erdsee-Bücher sein und gehören dem Fantasy-Genre an, aber ein Großteil ihres Werkes umfasste die wundervolle Welt der Science-Fiction Geschichten. Ursula K. Le Guin war für meinen Beitrag keine Option, denn ich selbst wollte über eine Autorin schreiben, die ich selbst noch gar nicht kannte.

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Foto: Nikolas Coukouman

Nach einigen tollen Vorschlägen fiel meine Wahl jedoch überraschend auf Octavia E. Butler (1947-2006). In Fachkreisen geschätzt und verehrt war Octavia Butler für mich völlig unbekannt, doch ihr schriftstellerisches Werk umso reizvoller. Denn hier bekommt der Leser es nicht nur mit einer echten Woman in SciFi zu tun, zusätzlich repräsentierte Octavia Butler auch die afroamerikanische Kultur da sie eine farbige Schriftstellerin war. Und hier wird es interessant: Octavia Butler und Ursula K. Le Guin unterscheiden sich thematisch gar nicht mal so dramatisch voneinander. Das besondere an Octavias Geschichten sind jedoch die Einflüsse der afroamerikanischen Kultur. Diese Einflüsse waren der Autorin immer wichtig und sie verleihen ihren Geschichten einen einzigartigen Twist. Neben renommierten Science-Fiction Awards wie dem Hugo oder Nebula Award erhielt Octavia Butler sogar die MacArthur Fellowship, eine Premiere für schriftstellerische Leistung in der Gattung Science-Fiction.

Die Bibliographie von Octavia Butler ist reichhaltig, aber besonders auch aufgrund ihres frühen Todes von 58 Jahren noch recht überschaubar. Die meisten Werke von ihr sind Mehrteiler, oftmals aber auch inhaltlich voneinander unabhängig.

Über „Bloodchild“ und „Parable of the Sower“

Meine erste Station war „Bloodchild“. Eine Kurzgeschichte von gerade mal etwas über 30 Seiten, jedoch mit erheblicher Wirkkraft. Bloodchild entstand 1984 und heimste Nebula, Hugo und Locus Award ein. Die Geschichte kommt relativ schnell auf den Punkt und wird aus der Sicht des Jungen Gan erzählt. Um die geheimnisvolle Art der Geschichte zu bewahren hält sich die Autorin mit detaillierten Hintergründen zurück. Vor einer langen Zeit verließ eine Gruppe von Menschen die Erde um neues Glück auf einem anderen Planeten zu finden. Viele Generationen später leben die Nachfahren dieser „Aussteiger“ auf dem Heimatplaneten der Tlic, einer außerirdischen Rasse, die selbst um ihren Fortbestand kämpft. Es existiert ein Geben und Nehmen zwischen beiden Rassen. Die Tlic gewähren den Menschen eine erstaunlich lange Lebenszeit, ausgewählte Menschen hingegen tragen die Eier der Tlic aus, ein Unterfangen, nicht ganz ungefährlich und Stoff für zahllose Alpträume derer, die Zeuge einer Geburt werden. Gan, unser Erzähler, soll die Eier von T’Gatoi austragen, einer mächtigen und einflussreichen Tlic. Als gute Freundin der Familie und besonders Gans Mutter, versprach diese ihrer außerirdischen Freundin, ihren Sohn später einmal bereitzustellen (eine alternativlose Entscheidung, da er sonst die Eier einer fremden Tlic austragen müsste). Als der besagte Tag näher rückt und Gan Zeuge einer solchen „Geburt“ wird, kommt er allmählich ins Grübeln…..

Octavia Butler bestätigte mehrmals, dass die Geschichte keine Allegorie auf die Sklaverei ist. Stattdessen, so die Autorin im Nachwort, sei es gar eine romantische Geschichte. Gemeint ist hier das Verhältnis zwischen Gan und T’Gatoi, welches vielleicht beim ersten lesen der Geschichte nicht wirklich deutlich wird. Die beiden verbindet mehr als Freundschaft und Verpflichtungen. Es ist eine besondere Beziehung und besonders im letzten Teil der Geschichte zaubert Octavia Butler hinreißende Dialoge zwischen den beiden Protagonisten aufs Papier. Wer außerdem danach noch wissen möchte, wie so ein Tlic aussehen könnte, der sollte mal die Bildersuche bei Google aufsuchen!

Meine zweite Station in Octavia Butlers Werk war „Parable of the Sower“ (dt. „Die Parabel vom Sämann“) aus dem Jahr 1993. Bei den „Parable“ Büchern handelt es sich um einen Zweiteiler. Beide Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Fortsetzung aus dem Jahr 1998 „Parable of the Talents“ ist bisher nicht in deutscher Sprache erschienen. Ein geplantes drittes Buch war geplant, wurde aber selbst zu Lebzeiten von Octavia aufgrund mehrerer gescheiterter Versuche nicht mehr realisiert.

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Foto: Heyne Verlag

„Parable oft he Sower“ ist eine Dystopie, die in den 2020ern spielt und aus der Sicht einer jungen Frau namens Lauren Oya Olamina erzählt wird, die von ihrem Vater, einem Baptisten, religiös erzogen wurde aber nie seine Sichtweise auf die Religion teilte. Relativ schonungslos führt uns Lauren in ihre Kindheit in einem völlig desolatem Los Angeles ein. Ihr Vater und andere Erwachsene berichten wehmütig von Zeiten, in denen die Welt noch nicht im Chaos versunken war. Leid, Tod und Chaos herrscht auf den Straßen und selbst an normale Spaziergänge ist nicht mehr zu denken. Jeder Weg wird zu einem Abenteuer. Lauren gründet einige Zeit  und Schicksalsschläge später anschließend ihre eigene Kommune -Earthseed- und durchstreift mit ihrer Gefolgschaft den amerikanischen Norden. Schon bald kommt Lauren zu der Erkenntnis, dass die Zukunft der Menschheit nicht auf der Erde liegt.

Genau wie Bloodchild greift Parable of the Sower ähnliche Thematiken auf. Es geht um Aussteiger, die die Zukunft ihrer Rasse auf einem anderen Planeten sehen (könnte genauso gut auch die Vorgeschichte zu Bloodchild darstellen). Die Trümmerhaufen verlassen um noch einmal neu anfangen zu können. Auch geht es ums Zusammenleben, der Bewältigung schwieriger Zeiten, Emotionen sowie Rassenhass und Feminismus. All das sind Zutaten, die schnell zur eigenen Bürde werden können doch Octavia Butler meistert diese Hürden makellos. Im Internet verfolgte ich einige Debatten über den Roman und wie beispielsweise Leser, die nicht viel über das Werk wussten (nämlich gar nichts im Vorfeld) und für einen Roman hielten, der nur in der Ära Trump entstanden sein konnte. Diese Meinung revidierten einige Leser schnell als sie recherchierten und erfuhren, dass die Autorin bereits 2006 verstarb. Doch genau solche Aussagen der Leser unterstreichen noch einmal die Aktualität nicht nur von Parable of the Sower, sondern diese Aussagen kann man auch auf das gesamte Werk von Octavia Butler anwenden.

„Parable of the Sower“ erscien auf deutsch unter dem Titel „Die Parabel vom Sämann“ im Heyne Verlag.

Die Kurzgeschichte „Bloodchild“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Blutsbrut“ oder auch „Blutbande“ und ist derzeit (soweit ich sehe) nur antiquarisch erhältlich.

 

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#WomeninSciFi (12) Die Maschinen – Ann Leckie

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Dank Alex und Nadine vom Literaturblog „Letusreadsomebooks“ geht es für die #WomeninSciFi heute endlich wieder einmal in die Weiten des Weltalls. Die beiden Germanistikstudenten aus dem Ruhrpott decken auf ihrem Blog neben Belletristik auch gern dystopisches, Phantasy, Lyrik und mehr ab und wir haben jede Menge Überschneidungen bei unserer Lektüre. Ein gefährlicher Blog für mich, der mir regelmässig neue Bücher auf den SUB haut und den ich euch sehr ans Herzen legen möchte.

Danke, dass ihr dabei seid beim #WomeninSciFi Projekt, eure Teilnahme hat mich riesig gefreut und ich hoffe, wir laufen uns vielleicht bei einer Buchmesse mal über die Füße. Jetzt aber bitte anschnallen, wir heben ab:

Als Sabine uns fragte, ob wir Zeit und Lust hätten, an ihrem Projekt #WomeninSciFi teilzunehmen, war die spontane Reaktion sofort JA. Dabei ist es dann auch geblieben. Allerdings hat ein Blick in unser Bücherregal schnell gezeigt, dass dort generell eher männliche Autoren und ihre Werke stehen und im Sci-Fi Bereich außer Margaret Atwood keine Schriftstellerin zu finden ist. Dann ist mir die Autorin Ann Leckie mit ihrer Reihe Imperial Radch eingefallen, die mich schon länger interessierte. Sabines Anfrage war also die perfekte Möglichkeit, sich mit diesem Werk zu beschäftigen.

Es ist beeindruckend, dass Ann Leckie mit ihrem Debütroman Die Maschinen (Originaltitel: Ancillary Justice) einen großen Preis und eine Nominierung nach der anderen erhielt. So wurde der Roman mit dem Arthur C. Clarke, dem Hugo Award und dem Nebula Award ausgezeichnet. Dazu kamen Nominierungen für weitere Preise. Vor ihrem Debüt veröffentlichte die 1966 geborene Amerikanerin bereits mehrere Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitschriften.

Die Maschinen erzählt die Geschichte von Breq. In der Zukunft hat das Imperium der Radch große Teile der Galaxis erobert und unterworfen. Einen großen Anteil daran hatte die weiter entwickelte künstliche Intelligenz. Dabei wäre es besser hier von Intelligenzen zu sprechen, denn dabei handelt es sich um große Truppentransporter mit mehreren Hilfseinheiten, die in Form von weiblich-menschlichen Gestalten auftreten. Breq ist die letzte einer solchen Hilfseinheit. Der Weg, mit dem die Radch andere menschliche Kulturen in ihr Reich eingliedern, ist immer derselbe und parallelen zum Vorgehen des römischen Reiches sind nicht zu übersehen. Unterwirft sich eine Welt nicht freiwillig, wird sie mit Gewalt erobert, wobei jeder Widerstand rücksichtslos unterdrückt und die politische Führung hingerichtet wird. Die Durchsetzung des Ordnungssystems der Radch wird mithilfe der riesigen Truppentransporter gesichert. Nachdem die Radch ihr System eingeführt und gefestigt haben, können sich die Bewohner der eroberten Welten zu vollwertigen Bürgern des Imperiums entwickeln. Wer sich gegen die Radch zur Wehr setzt, wird eingefroren und mit einem Implantat ausgestattet, das sämtliche Erinnerungen löscht, und danach als Köper für KI-Soldaten verwendet.

Ann Leckie

Ann Leckies Roman ist aber keine Space-Opera voller Actionsequenzen. Zu Beginn ist Breq als letzter Teil einer KI-Schiffsintelligenz auf der Suche nach einer besonderen Waffe. Mit der Waffe will sie sich für die Zerstörung ihres Schiffes, der Gerechtigkeit der Torren, rächen. Dabei trifft sie auf Seivarden, die als Leutnantin auf der Gerechtigkeit der Torren diente. In Rückblenden wird zudem das gesellschaftliche System der Radch, das vor allem auf Abstammung und Abhängigkeiten beruht, erklärt, sowie die Geschichte der Gerechtigkeit der Torren. Dabei entwickelt sich ein Netz aus politischen Intrigen, in dem auch Breq und Seivarden gefangen sind.

Innerhalb des ersten Teils der Trilogie entwickelt sich Breq von einem Kollektivwesen zu einer einzelnen KI-Einheit, die immer mehr Individualität entwickelt und so gleichzeitig menschlicher wird – sowohl in ihrem Handeln als auch in ihren Gefühlen. Gefühle sind wesentlich, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Dabei sind ihr Emotionen und Gedanken als künstliche Intelligenz alles andere als fremd. Als Gerechtigkeit der Torren hatte sie eine besondere Bindung zu ihrer Kapitänin und zu den anderen menschlichen Besatzungsmitgliedern. Der Tod ihres Kapitäns kann ein Schiff in den Wahnsinn treiben. Aus der ehemaligen KI wird in Breq mithilfe von Gefühlen, Musik und Loyalität eine eigenständige Individualität und Wesenheit. Sie ist sowohl Breq, als auch die Gerechtigkeit der Torren und die letzte Hilfseinheit Eins Esk.

Ann Leckie lässt sich viel Zeit, um ihre Hauptprotagonistin Breq zu entwickeln und die unterschiedlichen Stufen darzustellen. Wir erleben sie als KI mit zwanzig Körpern, was Ann Leckie ermöglicht, mit den Erzählperspektiven zu spielen, als Gerechtigkeit der Torren und letztlich als verbliebene Hilfseinheit, die sich immer menschlicher verhält. Die Darstellung der verschiedenen Entwicklungsschritte beschreibt Ann Leckie sehr eindringlich und mit ihren aufeinanderfolgen Schritten auch glaubwürdig und aufeinander aufbauend.

„Dadurch wird es schwierig, die Geschichte zu erzählen. Denn obwohl ich immer noch ich war, eins und einheitlich, handelte ich gegen mich selbst, im Widerspruch zu meinen Interessen und Wünschen, manchmal insgeheim, und täuschte mich selbst in Bezug auf das, was ich wusste und tat. Und es ist für mich sogar jetzt noch schwierig zu erkennen, wer welche Handlung ausführte oder wer welche Informationen hatte. Weil ich die Gerechtigkeit der Torren war. Selbst wenn ich es nicht war. Selbst wenn ich es jetzt nicht mehr bin.“

Neben der ungewöhnlichen Protagonistin und Ich-Erzählerin weist das Buch auf der stilistischen Ebene eine Besonderheit auf. Wer das Vorwort des Übersetzers einfach überspringt, wird sich vermutlich schnell fragen, ob das Imperium der Radch nur von Frauen bewohnt wird. Dem ist nicht so. In der Sprache der Radch, dem Radchaai, sind keine unterschiedlichen Genus-Markierungen vorgesehen und es wird ausschließlich die weibliche Form verwendet. Breq bereitet es immer wieder Schwierigkeiten, Personen, die keine Radch sind, richtig anzusprechen. So kann es schon mal passieren, dass sie Menschen, die einen Bart haben, mit der weiblichen Form bezeichnet. In der Kultur der Radch spielen geschlechtliche Unterschiede keine Rolle, was es für Breq zusätzlich erschwert, das Geschlecht fremder Personen zu erkennen.

In der deutschen Übersetzung wird das Ganze nochmal deutlicher als im englischen Original. So hat sich der Übersetzer Bernhard Kempen dazu entschieden, immer wenn es zum Beispiel „visitor“ oder „friend“ heißt, daraus konsequent immer eine „Besucherin“ oder eine „Freundin“ zu machen. Laut Vorwort ist Die Maschinen damit der erste (literarische) Text in Form eines Romans, der durchgehend im generischen Femininum geschrieben ist und dieses konsequent beibehält. Ausnahmen bilden nur Gespräche mit Personen, die eben nicht der Radch-Kultur angehören und die auf der sprachlichen Ebene zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Vermutlich hat dieser Stil auf jeden Leser eine ganz eigene Wirkung und so wird die Space-Opera auch zu einer Art Gender-Geschichte. In einem Interview mit wired.com (https://www.wired.com/2016/07/wired-book-club-ann-leckie-interview/) wurde Ann Leckie auf die Verwendung der weiblichen Form angesprochen und antwortete: “[…]I honestly thought—and I was told by a number of my friends and thought they were right—that this would make the book unsalable, that nobody would want it. The thing about writers is, you have to keep writing no matter what, even though you get tons of rejection all the time. It really is a world-building detail. They biologically have their gender, they’re human, they have the same range of gender expressions as any group of humans would. But they don’t care. They think about gender the same way we would think about hair color […]”. Gleichzeitig ist sie aber auch genervt davon, dass einige Leser den Roman einzig auf diesen Aspekt reduzieren: „It’s moderately annoying, because it’s not what the book is about. On the other hand, what it’s meant is that everybody and their pet monkey is talking about my book. And every time people get agitated in public about it, I sell more copies.”

Die Maschinen ist alles andere als ein einfacher Science-Fiction Roman, den man mal eben nebenbei lesen kann. Ann Leckie hat den Mut, ihre Ideen konsequent umzusetzen und dabei auf Massentauglichkeit zu verzichten. Dafür liefert sie ein Buch, das herausfordert und seine Konzepte ohne Scheu zu Ende denkt. Die Themen beschäftigen sich mit der Frage des Seins, mit Moral, der Frage nach Identität und mit der (möglichen) Menschlichkeit einer KI. Dabei gibt der Roman immer wieder Rätsel auf, fesselt gleichzeitig mit seiner Spannung und bietet ein Ende, das die Folgebände rechtfertigt. Mit ihrer Imperial-Radch Reihe hat Ann Leckie eines der interessantesten und innovativsten Science-Fiction Projekte der letzten Jahre geschaffen.

#WomeninSciFi (4) The Power – Naomi Alderman

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Miss Booleana, die diese Woche Naomi Aldermans „The Power“ vorstellt, hat höchstwahrscheinlich selbst eine heimliche Powerbank irgendwo, an die sie sich regelmässig anschließt. Anders kann ich mir ihren irren Output auf ihrem Blog fast nicht erklären. Ich kenne wenige Menschen mit einem derart großen Wissen über Manga, Anime, Filmen, Serien und den Bereich IT, über die sie auf ihrem Blog spannend, differenziert und intensiv schreibt. Als sei das nicht genug, kann sie auch noch richtig gut zeichnen und illustrieren, woran sie uns auf ihrem zweiten Blog teilhaben läßt.

Warum habe ich sie eigentlich nicht gefragt, ob sie diesen Artikel illustrieren könnte? Ein echter Booleana auf meinem Blog hätte mir sehr gefallen. Aber was (noch) nicht ist …

Aber jetzt gebe ich ihr und Naomi Alderman das Wort:

Zuerst ist da das Hören-Sagen und die Handy-Videos, die auf einzelnen Netzen geteilt werden. Frauen, die elektrische Ladungen erzeugen können. Ein paar wenige. Doch was anfangs für Zufall, später für einen Virus und lange Zeit nur für einen Trick gehalten wird, greift bald um sich. Immer mehr Frauen haben sie – The Power. So ist auch der Titel von Naomi Aldermans 2016 erschienen Buch, das die Geschlechterrollen auf den Kopf stellt.

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In der Welt, die sie schildert, existiert ausschließlich am Schlüsselbein von Frauen ein Muskel, das sogenannte Skein, das elektrische Ladungen provoziert. Es greift um sich, immer mehr Frauen entdecken, dass sie die Fähigkeit haben und lernen sie zu kontrollieren. Es ist kontroverser denn je, da Männer scheinbar nicht über diesen Muskel verfügen. Auch bei den Frauen muss das Skein lange inaktiv gewesen sein. Es gibt Theorien, warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt die Kraft entdeckt wurde. Das globale Phänomen löst verschiedenste Emotionen aus. Während andere sich über die Entdeckung freuen, es schlicht cool finden und sich wie bei den X-Men fühlen, sind andere schockiert und empört. Befreiung und Emanzipation – Frauen können sich durch die (sofern sie wollen) sogar tödlichen elektrischen Ladungen gegen Gewalt zur Wehr setzen. Sie fühlen sich stark, während andere sich benachteiligt fühlen. Wer als Mann mit Skein zur Welt kommt oder als Frau ohne oder es nicht kontrollieren kann, wird ausgegrenzt.

Aldermans Roman streut all diese Erscheinungen und Informationen nebenbei. Es sind eine handvoll Personen aus deren Perspektive sie die Geschichte erzählt beginnend bei den ersten Sichtungen von Frauen, die ihre Fähigkeiten öffentlichen zeigen bis hin zu einem Tag X, an dem sich alles verändert. Der Roman ist der Countdown. Bis dahin wird alles durch die Augen der Tochter eines Gangsters erzählt, die nun die im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftigste Waffe ihrer Familie wird. Und aus der Sicht des angehenden Reporters Tunde, der nicht selten Angst vor Frauen haben muss, die von ihrer Vormacht profitieren und die es nun sind, die diese missbrauchen.

Eine junge Frau erkennt gar die Chance das erste Mal in ihrem Leben eine Anführerin zu sein und wird Gründerin einer religiöse Bewegung – rund um die Macht. Eine Politikerin muss verstecken, dass sie über die Macht verfügt, weil sie ansonsten als beeinflussbar gilt. Schließlich gibt es anhand der Veränderungen im zarten Gefüge der Welt nun einige politische Entscheidungen zu treffen. Dass Jungen und Mädchen in getrennten Bussen zur Schule fahren ist eine der ersten Forderungen, die klar macht, dass das bisher als starke Geschlecht angesehene, seine Rolle verloren hat. Der Umsturz der Gesellschaft wie wir sie kennen und in der man sich in vielen Teilen der Welt lange um Gleichberechtigung bemüht hat, zieht krasse Veränderungen nach sich. In einigen Teilen der Welt schlägt die Befreiung der Frauen aus den Zwängen der Gesellschaft um in ein Regime, das nun Männer zu den Opfern macht, so als ob man von der Gewalt der Vergangenheit nichts gelernt hätte.

„Men are no longer permitted to drive cars.

Men are no longer permitted to own businesses.

Foreign journalists and photographers must be employed by a women.

Men are no longer permitted to gather together, even in the home […].“

In den Teilen der Welt in der Gleichberechtigung schon vorher mühsam aufrecht erhalten und oftmals trotzdem noch verfehlt wurde, ist es jetzt die Frau, die dem Mann die Hand auf das Knie legt und im Vertrauen sagt, dass er jetzt besser den Mund zu halten hat. Alderman zeichnet aber nicht nur Feindbilder, sondern auch von Frauen, die diese drastische Entwicklung früh bemerken. So wie die Leserin, die die Lektüre anfangs noch genießt, sich aber bald fragen muss: Das würde ich doch besser machen oder? Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Alderman ihre Geschichte um Ausnahme-Personen herum gebaut hat. Ein investigativer Journalist, eine Gangsterbraut, eine Politikerin, eine religiöse Führerin. Wo sind die Ottonormal-Frauen und -Männer? Auch in dieser Gesellschaft muss es sie geben. Somit fühlt sich Aldermans Geschichte sehr exklusiv, aber eben nicht sehr natürlich an.

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Der Roman ist neben den Science-Fiction-Aspekten aber v.A. auch ein Gesellschaftsroman. Man könnte fast meinen, dass Science hier v.A. Der Rahmen ist, der die Fiction kleidet, die uns zu einem Gesellschaftsroman führt. Die Erklärungen, woher das Skein plötzlich kommt, sind zum Großteil biologisch und genetisch bedingt. Zu was die Frauen in der Lage sind, erscheint plausibel und das Grundszenario ebnet den Weg für eine spannende gesellschaftliche Studie. Es ist Science-Fiction ohne Raumschiffe, ohne massenhaft Physik oder Chemie, aber es ist ein ausgeklügeltes Was-wäre-wenn unserer Gesellschaft, wenn sich umkehrt, was man als normal angenommen hatte. Geschichtliche Fragmente weisen durch das Buch verteilt darauf hin, dass The Power die Welt für immer verändert hat. Die Rahmenhandlung des Buches und die eigentlich durchschlagende Wirkung des Szenarios erschließen sich dem Leser und der Leserin aber erst ganz zum Schluss. Und das sitzt. Wieviel sind wir bereit dafür zu geben alte Gesellschaftsbilder aus den Köpfen der Menschen zu bekommen?

„I feel instinctively – and I hope you do, too – that a world run by men would be more kind, more gentle, more loving and naturally nurturing.“

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Die Gabe“ im Heyne Verlag.

Vielen lieben Dank, liebe Miss Booleana fürs Mit- und Lust machen auf „Women in SciFi“ nächste Woche stellt uns Birgit von Sätze & Schätze Jeanette Wintersons „Die steinernen Götter“

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Die nächste SciFi Protagonistin die ich euch vorstellen möchte, ist Sarah Connor aus der Terminator-Reihe. Ein Charakter der sich von der schüchternen Jungfrau in Nöten aus dem ersten Film zur aufopfernden Mutter, gesuchten Terroristin und stählernen Kämpferin weiterentwickelt hat.

Die bekannteste Darstellerin ist Linda Hamilton die Sarah Connor in den ersten beiden Filmen darstellte.

 

#WomeninSciFi (3): Saga of the Exiles – Julian May

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I’m so happy and proud to have the incredibly knowledgeable Paul Graham Raven, a researcher in infrastructure futures and theory at the University of Sheffield, join the series. They way I met Paul was in a way where the internet functioned in such a positive way that we all always wanted the internet to be: One of my favorite SciFi and Comic writers is Warren Ellis who sends out a weekly newsletter that I enjoy reading. In this newsletter he recommended a futurism conference in Munich that I had not heart about before (shame on me) and that I immediately registered for. That was Zündfunk where Paul gave a really interesting talk on „Transhumanism„.

Later outside in the sunshine we chatted about his talk and also about Sci-Fi books we both love and recommend to each other. I’m still thankful for him recommending „Roadside Picnic“ to me. I mentioned that I plan to do a series on my blog about „Women in SciFi“ and was so happy when he joined in. Check out his website or follow him on Twitter, but first dive into the Exile series he features for the WomeninSciFi series:

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Julian May – Saga of the Exiles

(The Many-Coloured Land / The Golden Torc / The Non-Born King / The Adversary)

Julian May was not quite the first science fiction author I read; that was Anne McCaffery. A colleague of my father’s – a die-hard sf reader, as was often the way with programmers and other such computer people in the mid-80s, and still is today – spotted racing my way through McCaffery’s Pern novels (which, now I come to think about it, may have come from his collection, too) and gave me what I now recognise as the classic pusher’s pitch: “Hey, kid – if you like those, then these are gonna blow your mind.” Maybe he started me on the female authors because I was so young; maybe because he just thought they were good. Whatever the reason, he did me a great favour.

He was not wrong about the blowing of my mind – not least because, at 8 ½ years old (the half mattered a whole lot at the time) I had to keep a dictionary handy for the big words. I was a precocious reader, but not that precocious.

It took me the best part of a year to make it all the way through the first volume of Saga of the Exiles (titled The Many-Coloured Land), at which point, sensing that I’d kinda levelled up as a reader in the interim, I went right back to the beginning and started again, McCaffery all but forgotten, along with the insipid boarding-school fictions and Enid Blyton derivatives that a child of my age and social background was supposed to be reading. Suddenly I had a new benchmark for what a book could do, what a book could be.

That benchmark has lasted, too – though it bears admitting that Exiles is showing its age a bit, just like I am. For instance, Exiles was perhaps the last big hoorah for science fiction that took the notion of psychic powers as one of its major tropes. And with the benefit of hindsight, the near-total lack of characters of colour in such a vast ensemble cast of humans is pretty hard to defend. (Though far from unusual at the time – and in May’s defence, it’s much more international a cast than was common in much USian sf of the same era. But my word, it’s pretty white… and the smattering of non-hetero characters have a tendency to either be broken from the outset, or to meet a sticky end, or both.)

But holy crap, the scale of it – the ambition, the audacity, and the water-tight synthesis of what were by then already hokey fantasy tropes with a grand sf concept. (And yeah, OK, also the wordcount; it’s a big series, though admittedly dwarfed by the latest advances in the manufacture of Extruded Fantasy Product.) Indeed, it’s way too big to summarise – and while I hold no brief for the Spoiler Police, the grand arc of Exiles is just too majestic to give away ahead of time.

(That said, anyone else raised in an environment saturated with Christian narratives, particularly the USian flavour of Roman Catholicism, or anyone who really knows their Jung, will probably see a good deal of it coming anyway – which is part of the satisfaction for an adult reader, I’d argue. Don’t let it put you off, in other words… but if you’re really allergic to Christian subtexts, I’d avoid the subsequent Galactic Milieu series like the plague; it’s far from being a bad set of books, but it’s weak sauce compared to Exiles.)

So, no summary – but here’s the opening hook:

Some time in the 21st Century, Earth has been semi-successfully onboarded into a kind of federation of alien species known as the Galactic Milieu, and humans are busily levelling themselves up (psychically, but also politically and socially) to become equal partners in it all. Or at least most of them are – but humans, it transpires, are not as integrated and psychically well-balanced a species as their new exotic peers, and Team Homo Sapiens still harbours a goodly selection of oddballs, misfits, screw-ups, recidivists and ne’er-do-wells of various types, for whom life in the rather happy-clappy and hyper-conformist Milieu is an experience frustrating, infuriating or downright intolerable. Furthermore, refusing to integrate is the one thing that the Milieu cannot tolerate; psychic readjustment, incarceration or euthanasia are pretty much the only options for such hardcore refuseniks.

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Foto: Julian May Fanpage

There’s one other option, however: a fairly well-kept secret which can nonetheless be discovered, whether by luck, or through connections of the very lowest or very highest sort. See, a few decades earlier, a human scientist based somewhere in the French countryside managed to invent a time-gate – a portal to the Pliocene era of prehistoric Earth, going back six million years or so. It’s not the sort of discovery you’d think would go unnoticed, but for its one serious flaw: it’s a one-way trip, and anything organic trying to make the reverse journey from the Pliocene to the present instantly ages every single one of the six million years it just leapt over. (This is not a survivable process.) So the time-gate ends up relegated to being an obscure scientific curiosity, of interest to paleonaturalists and temporal physicists only.

But of course, if you find the present intolerable – or if the present finds you intolerable – the whole one-way thing is actually an advantage for atavists of all kinds. It’s an escape hatch into the deep past, to a world devoid not only of the Milieu’s alien do-gooders, but of homo sapiens itself: an idyllic, low- to no-tech past in which to live out your stubborn or broken outsiderdom without anyone giving you grief or hassle (other than your fellow outsiders, natch). And so, slowly at first, and with a conveniently blind eye turned by the Milieu authorities – who, while righteous and idealistic, are far from being fools, particularly when it comes to dealing with difficult humans – the late scientist’s wife starts letting people pass through the gate into the past, on the condition that they’re sterilised (so no booting up homo sapiens ahead of schedule) and take no advanced technologies (so no leaving anachronistic indications of their presence, or otherwise meddling with causality and history as currently understood from the geological record).

As the Saga starts, we follow one such rag-tag group of burn-outs and rejects as they make their own one-way trip into the deep past… where they discover that, while humans (other than those who went ahead of them) have very definitely not yet arrived on Earth, someone else is nonetheless already there.

That’s barely the first quarter of the first volume (of a total of four) I’ve summarised – which would be an impressive plot for a novel or set of novels, even absent all the other wild and crazy shit that turns up in May’s masterpiece of a series. It’s an epic adventure in every sense, populated (quite purposefully) with characters who are avatars for all the classic Jungian archetypes, plus a crafty twist on elves, goblins, orcs and all the rest – oops, I just went and gave the game away there, didn’t I? – and bulging with incredible set-pieces (one of which takes up almost half a volume on its own), prehistorical landscapes and critters, humour and horror and pathos, and buckets and buckets and buckets of sensawunda. It’s a staggering achievement, and quite unique.

It’s also – or so I have argued – the first real extended work of transhumanist fiction, albeit one written before that term entered the lexicon in any significant way. (Those creeps were still calling themselves “extropians” back then, those of them that were even born.) Like I said at the start, Saga of the Exiles is a little dated now, but it’s still a very substantial work, and written so deftly that you should be easily able to overlook the anachronisms and cliches. If you do – and I really recommend you try – you’ll get to experience one of the most ambitious and epic works the genre has ever produced.

„Julian Clare May (July 10, 1931 – October 17, 2017) was an American science fiction, fantasy, horror, science and children’s writer who also used several literary pseudonyms. She was best known for her Saga of Pliocene Exile.“ (Quelle Wikipedia)

Auf deutsch erschien die Serie unter dem Namen „Pliozän-Zyklus“ im Heyne Verlag ist aber leider momentan nur gebraucht erhältlich.

Hier geht es nächste Woche weiter mit Film- und Manga-Guru „Miss Booleana“ die sich Naomi Aldermans „The Power“ vorgenommen hat.

Als kleines Schmankerl stelle ich euch ab jetzt jede Woche eine fiktionale SciFi Protagonistin vor, die meines Erachtens bestens in diese Reihe passen.

Wir starten mit Ellen Ripley aus der Alien-Reihe die von 1979 bis 1997 in der Alien-Serie häufig ziemlich auf sich allein gestellt mit angreifenden Aliens fertig werden mußte. 1979 erhielt Sigourney Weaver für ihre Rolle der Ellen Ripley eine Oskar-Nominierung, was eine der ersten für eine Science Fiction Rolle gewesen sein dürfte.Wer sich die chronologische Reihenfolge der Film- und Hörbuchsaga anschauen will, ist hier ganz gut beraten.

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#WomeninSciFi: The Left Hand of Darkness by Ursula LeGuin (1)

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Vermutlich bin ich nicht die erste, die eine Weile lang dachte, es handle sich bei dem Blog Vorspeisenplatte.de um einen Kochblog. Er wurde mir wiederholt als „Lieblingsblog“ genannt, wenn ich mich entsprechend erkundigte. Tatsächlich handelt es sich vermutlich um einen der ersten Tagebuchblogs.

So mancher Blog-Empfehlung folge ich schon lange nicht mehr, der Kaltmamsell bin ich jedoch treu geblieben, denn sie versorgt mich regelmäßig mit spannenden Artikeln, Links und Twitterlieblingen. Ihr beeindruckendes Sportprogramm ist eine Art Master Yoda für meinen inneren Schweinehund.

Zudem habe ich gelernt, dass „mein“ Buchclub nicht der einzige in München ist. Gut zu wissen…

Ich freue mich sehr, dass sie die #WomeninSciFi Reihe heute mit Ursula LeGuins „The Left Hand of Darkness“, der Grande Dame der Science Fiction Literatur, eröffnet:

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Eine unersättliche Leserin war ich von Kindesbeinen an, doch an Science Fiction geriet ich nicht von selbst. Zwar ließ ich mir als Erwachsene gezielt die Klassiker des Genres reichen, mochte vor allem die alternativen Gesellschaftsentwürfe. Doch erst in den letzten Jahren trafen sich eine wachsende Abneigung gegen alles „based on a true story“ (Erinnerungen sind schließlich auch Konstruktionen und Fiktionen – doch diese Literatur trägt angebliche Wahrhaftigkeit vor sich her) und genauso wachsende Freude an sehr Ausgedachtem bis hin zu speculative fiction.

Es war dann ein Essay von Laurie Penny, der mir zu einer konkreten Leseliste verhalft: „Fear of a Feminist Future“. Darin listet Penny Science-Fiction-Autorinnen auf, die Alternativen zu einer patriarchalen Gesellschaft entwarfen. Und so geriet ich an die Ikone Ursula K. Le Guin. Der Roman der US-amerikanischen Autorin The Left Hand of Darkness von 1969 stand in einer schönen Neuauflage von 1980 im Regal des Science-Fiction-Experten an meiner Seite.

Sie enthält Le Guins „Introduction“ von 1976 – für mich ein Teil des Werks. Darin legt sie klug dar, warum Erfundenes einen tieferen Blick auf die Wirklichkeit ermöglichen kann – und genau das tut sie mit ihrem Roman The Left Hand of Darkness. Der erste Satz des Romans lautet dann auch: „I’ll make my report as if I told a story, for I was taught as a child on my homeworld that Truth is a matter of the imagination.“

Wir werden von Anfang an in eine völlig fremde Welt geworfen; das erste Kapitel heißt „A Parade in Erhenrang“, und vor dem ersten oben zitierten Satz der Handlung steht die vierzeilige Archivkennzeichnung des folgenden Berichts. Die Ortsnamen sind fremd, die Zeitangaben haben nichts mit unseren zu tun, die geografischen Gegebenheiten und Gesellschaftsstrukturen sind unerwartet. Manches davon wird erklärt, denn, so stellt sich heraus, wir lesen den Bericht eines Besuchers oder einer Besucherin namens Genly Ai auf dieser Welt, dem Planeten Gethen, selbst von ganz woanders kommend – allerdings aus einer Welt, die uns Leserinnen genauso fremd ist.

Diese große Fremdheit zeichnet den gesamten Roman aus, viele Wörter und Konzepte bleiben bis zum Schluss unerklärt. Zwischenkapitel („hearth tales“) wechseln komplett die Perspektive und geben Gethens Mythologie wieder, ohne offensichtlichen Zusammenhang. Das Lesen erfordert Offenheit und Aufgeben von Erwartungen – genau das braucht Le Guin für den alternativen Gesellschaftsentwurf, den sie hier vorlegt.

Denn es stellt sich heraus, dass der größte Unterschied zu unserer gewohnten Erdenwelt des 20. Jahrhunderts nicht das Klima, die Technik oder die politischen Prozesse sind, sondern der Umstand, dass die Bewohner Gethens nicht einem von zwei Geschlechtern angehören. Zwar wird unsere Leseerwartung zunächst in die Irre geführt, weil alle das Personalpronomen „he“ tragen. Doch es stellt sich heraus, dass das nur eine Hilfskonstruktion des Berichtenden Genly Ai ist. Die Erzählfigur wurde als Botschafter des Ekumen geschickt, eines losen Zusammenschlusses von Planeten, und soll die Staaten des Planeten Gethen dazu bringen, dem Ekumen beizutreten. Dazu muss die Erzählfigur aber damit zurecht kommen, dass die Bewohner von Gethen im Normalzustand kein fixes Geschlecht haben; sie sind nur einmal im Mondzyklus fruchtbar, und erst wenn es an die Fortpflanzung geht, vereinbart ein Paar, wer welchen Part übernimmt.

Das ist allerdings nicht das einzige Detail auf Gethen, das die Erzählfigur überfordert: Sie wird unbemerkt zum Spielball politischer Ränke, und das mehrfach auf verschiedene Weise, gerät in Gefangenschaft, wird dort durch Medikation unbeabsichtigt fast umgebracht. Ich bezeichne sie hier absichtlich als „Erzählfigur“: Le Guin schaffte es sehr lange unklar zu lassen, welchem menschlichen Geschlecht diese Ezählstimme eigentlich zugehört, unter anderem durch die Erzählung in Ich-Form. Und als dieses Detail klar wird, ist es schon lange unwichtig.

Gleichzeitig ist The Left Hand of Darkness die Geschichte einer großen Freundschaft und einer großen Liebe (ohne Geschlechtlichkeit auf Gethen deckungsgleich), der zwischen Genly Ai und Estraven. Estraven ist zu Anfang der Handlung eine wichtige politische Figur auf Gethen – und gibt alles auf, um der Erzählfigur beizustehen. Es braucht den Großteil der Geschichte, bis Genly Ai das überhaupt bemerkt, denn Verhaltenscodes und Kommunikation sind auf Gethen so völlig anders – werden auch uns Leserinnen nicht erklärt.

Ich kenne keine Utopie, die so vielschichtig ist wie The Left Hand of Darkness. Le Guin erfindet nicht nur zwei Universen und lässt aus ihrem Zusammentreffen Erkenntnis erwachsen, sie erfindet auch eine neue Sprache, neue Gefühle, neue Kommunikationstechnik, stellt eine Vielzahl von gewohnten Konzepten in Biologie und Gesellschaft in Frage. Ihre sprachlichen Mittel dafür sind dicht und schnörkellos, sie wechselt kapitelweise die Klangfarbe, je nach dem ob die Berichtsfigur spricht, ob Estraven sein/ihr Tagebuch schreibt oder ob der heimische Mythos wiedergegeben wird. Und so erleben wir die Gesellschaft ohne Geschlechterzuschreibung subtil durchgespielt mehr als Hintergrund denn als propagandistischen Vordergrund.

The Left Hand of Darkness gilt als einer der ersten feministischen Science-Ficition-Romane. Er gehört zu Le Guins Hainish Cycle, in dem noch zwei weitere ihrer Romane und einige Kurzgeschichten spielen. Ihr umfassendes Werk aus Romanen und Kurzgeschichten in Fantasy und Science Ficiton, aus Gedichten und Essays beeinflusste Generationen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Weiterführende Lektüre:

Ligaya Mishan, „First Contact: A Talk with Ursula K. Le Guin“ – Ein Interview von 2009 über The Left Hand of Darkness. „In the spirit of the novel, our questions are a collaboration between a male and a female; we leave it up to our readers to determine who wrote which“. Darin die schöne Aussage Le Guins: „What is the metaphorical significance? I don’t know. The theme was just there. A given. Writing a story, I generally take what’s given and run with it. Then the critics can tell me what it Means.“

Maria Popova, „Ursula K. Le Guin on Being a Man“ – erklärt die konsequente Verwendung von „he“ für alle Personen des Romans.

Justine Jordan, „Winter reads: The Left Hand of Darkness by Ursula K Le Guin“ – über die lange Sequenz des Romans, die die dreimonatige Reise der Protagonisten durch eisige Landschaft beschreibt.

Sarah LeFanu, „The king is pregnant“ – über die Rolle von Angst und Vertrauen in dem Roman.

 

„The Left Hand of Darkness“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Die linke Hand der Dunkelheit“ im Heyne Verlag.

Liebe Kaltmamsell, vielen Dank für diese gelungene Eröffnung der „Women in SciFi“-Reihe. Weiter geht es hier im nächsten Beitrag in Kürze mit einer Spaceopera. Thursdaynext vom Blog „Feiner reiner Buchstoff“ stellt uns Becky Chambers „The long way to a small, angry planet“ vor.

Mobile Library – David Whitehouse Achtung Verlosung

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Ich war als Kind immer ziemlich neidisch, wenn ich in irgendwelchen Büchern über fahrende Büchereien las und wollte unbedingt, dass so eine auch mal vor unserer Tür hält. Tat aber nie eine.

Als ich dann Jahre später in Schottland war und nach einem Job suchte, versuchte ich tatsächlich, einen Job als Mobile Library Fahrerin zu bekommen, hat aber leider nicht geklappt. Da läuft einiges nicht ganz rund mit mir und den fahrenden Bücherparadiesen.

Es war also ziemlich klar, dass ich bei der Abstimmung darübe,r welche Bücher wir im Bookclub lesen für David Whitehouses „Mobile Library“ stimmte, diesem Titel konnte ich einfach nicht widerstehen.

Doch um es gleich vorweg zu nehmen ein wirkliches Happy End hat es für mich und Mobile Libraries noch immer nicht gegeben. Das Buch war ganz unterhaltsam, die leicht exzentrische Geschichte des kleinen zwölfjährigen Bobby Nusku, der immer wieder von seinem betrunkenen Vater geschlagen und von seinen Klassenkameraden schikaniert wird.

Sein einziger Freund behält beim Versuch, sich in einen Cyborg zu verwandeln um Bobby besser beschützen zu können, bleibende Schäden zurück und verschwindet aus Bobbys Leben. Einsam sehnt er sich nach seiner verschwundenen Mutter, bis er eines Tages die kleine Rosa und ihre Mutter Val trifft. Val ist die Putzfrau der Mobile Library und sie führt ihn an Bücher heran und versucht, ihm Auswege aus seinem düsteren Alltag zu bieten.

Als alles den Bach runtergeht, wird Val aktiv, klaut die Mobile Library und begibt sich mit Bobby und Rosa auf eine spektakuläre, bisweilen etwas unglaubwürde Reise quer durchs Land.

David Whitehouse beginnt sein Buch mit dem Ende und erzählt die Geschichte dann rückwärts. Ich kam nicht gut rein ins Buch und auch wenn ich einige Charaktere in dieser charmanten kleinen Geschichte ganz sympatisch fand, ein absoluter Treffer war es nicht für mich.

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„Mobile Library“ ist eine unkonventionelle Geschichte über Freundschaft, Bücher, Gefahren und Abenteuer und wie wichtig es ist, die Menschen zu beschützen, die man liebt.

Wer Lust hat auf die „Mobile Library“ einfach bis nächsten Montag einen Kommentar hinterlassen, hier oder auf Facebook. Sollte es mehr als einen Interessenten geben, werde ich das Los entscheiden lassen, wer das Buch bekommt. Es handelt sich um die englische Ausgabe!

Bis zum glücklichen Gewinn kann ich diese Geschichte von Hatice Akyün empfehlen, wie der Bücherbus ihr Leben verändert hat.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ im Heyne Verlag.

The Girl in the Spider’s Web – David Lagercrantz

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”Shut up and listen,” she said.

Das war die Stelle, an der ich wusste, ahhh alles gut. Das ist meine Lisbeth. Wie wir sie kennen und lieben. Die Stieg Larsson Trilogie hat mich vor ein paar Jahren wirklich umgehauen und ziemlich süchtig gemacht. Als ich hörte, es gibt eine Fortsetzung, habe ich in etwa so reagiert:

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Als Fan von Stieg Larssons schrägem Ermittlerduo, der genialen Punk Hackerin Lisbeth Salander und ihrem Ermittlungspartner Mikael Blomkvist, dem investigativen Journalisten des Magazins Millenium, wird man absolut nicht enttäuscht von dieser Fortsetzung, die aufgrund von Larssons Herztod im Jahr 2004 vom schwedischen Journalisten David Lagercrantz weitergeschrieben wurde und es hätte ja durchaus auch ordentlich in die Hose gehen können.

In „The Girl in the Spider’s Web“ werden die beiden in den Fall des geheimnisvollen Informatikers Frans Balder verwickelt. Er ist ein Experte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, der in eine globale Verschwörung verstrickt wird, die von der schwedischen Geheimpolizei, über die russische Mafia und Industriespione aus dem Silicon Valley bis zur NSA reicht.

Lisbeth hackt wieder und nicht irgendwen, sondern als stolze Hackerin natürlich niemand geringeren als die NSA. Als gäbe es nichts einfacheres und als sei die NSA der Kegelverein von gegenüber, gleitet sie durch deren Abwehrsysteme wie ein Messer durch die Sahnetorte. Das hetzt ihr erwartungsgemäss die Höllenhunde der  NSA auf den Hals und der Roman nimmt ordentlich Fahrt auf.

Auch Balder gerät in das Fadenkreuz der NSA und einer zwielichtigen Firma namens Solifon, die an sein Computerprogramm heran wollen, das auf seiner Forschung zur künstlichen Intelligenz basiert. Balder ist alleinerziehender Vater, der sich um seinen kleinen autistischen Sohn mit Savant-Syndrom kümmert. Der kleine August ist ein mathematisches Genie und zusätzlich noch in der Lage, unglaublich präzise Zeichnungen anzufertigen, die eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen.

Erwartungsgemäß denkt man das Salander, die super-intelligente Hackerin/Problemlöserin in der Geschichte, alles auflösen wird, aber es ist dann tatsächlich August, der den entscheidenden Hinweis geben kann. Die Interaktion zwischen August und der wahrscheinlich selbst irgendwo auf dem autistischen Spektrum angesiedelten Lisbeth gehören zu den berührensten Momenten im Roman.

Salander und Blomkvist treffen lange nicht aufeinander. Zehn Jahre sind seit ihrem letzten Zusammentreffen vergangen und es dauert bis etwa zum Ende des ersten Drittel des Buches, bis es ein Aufeinandertreffen der beiden gibt. Im ersten Teil geht es um Mikael und sein Magazin „Millenium“, das er mitgegründet hat und das in Schwierigkeiten gerät. Er ist die Art Journalist, die einem wirklich Hoffnung für diesen Berufsstand gibt.

Lisbeth hat dann mit „Shut up and listen“  ihren Auftritt und das macht er dann auch der Herr Blomkvist. Lange bleibt es bei kurzen email-Sequenzen und Telefonaten und lange fragt man sich, ob sie überhaupt aufeinander treffen werden in der Geschichte.

David Lagercrantz versteht es meiner Ansicht nach ganz ausgezeichnet, sich in Stieg Larssons Charaktere hineinzuversetzen. Er erfasst ihre Verletzlichkeiten, ihren Widerwillen und ihre Müdigkeit. Beide wollen Gerechtigkeit, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen. Salander aufgrund ihrer unbändigen Entschlossenheit, sich an denen zu rächen, die unterdrücken und missbrauchen. Typen, die es sexuell erregt, wenn sie Frauen oder Kinder schlagen, sollten hoffen, dass Salander niemals dahinter kommt, denn es könnte sonst schnell mit einem Stiefel am Hals oder einem Messer am Brustkorb enden und ihnen wird unweigerlich die Frage durch den Kopf gehen, wie zur Hölle ausgerechnet ein so zierliches Wesen ihnen das antun konnte.

Blomkvist dagegen kämpft für Gerechtigkeit, weil er einfach ein idealistischer Mensch ist, jemand der aus intrinsischen Motiven handelt und stets so, als hätte er nichts zu verlieren.  Das Millennium und sein Erfolg bei schönen Frauen entschädigen ihn für seinen Mut gelegentlich.

“we live in a twisted world where everything, both big and small, is subject to surveillance, and where anything worth money will always be exploited.”

“it’s always the wrong people who have the guilty conscience. Those who are really responsible for suffering in the world couldn’t care less. It’s the ones fighting for good who are consumed by remorse.”

Einige Kritiken beschweren sich über den Techie-Jargon im Buch und den vielen verschiedenen Hacker-Typen, die man nur schwer auseinanderhalten könnte, dies war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Lagercrantz hat meiner Meinung nach alles gut erklärt, den Kontext dargelegt und man erfährt eine Menge über künstliche Intelligenz, Autismus, das Savant-Syndrom, White und Dark Hat Hacking und vieles mehr.

Hier ein link zu „White Hat Hacking for Beginners“ falls ihr auf den Geschmack gekommen seid 😉

“Money talks, bullshit walks.”

Habe das Buch in nur zwei Tagen verschlungen. Tolle Geschichte, gut geschrieben, Lisbeth ist einfach nur verdammt cool und ich bin weiterhin ein bisschen verliebt 😉
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Foto: Weheartit

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Verschwörung“ im Heyne Verlag erschienen.