The Buried Giant – Kazuo Ishiguro

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Habe mich lange nicht mehr so schwer getan mit einer Rezension, wie mit dieser. Ich bin ein riesiger Ishiguro Fan. Ich mag seinen eleganten, simplen Schreibstil, die unterschiedlichen Welten die er bevölkert, man weiß bei ihm nie was als nächstes kommt und ich habe mich so sehr auf diesen neuen Roman seit Langem gefreut. Es ist eine wunderschöne Ausgabe und damit vielleicht eines der schönsten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe, aber komplett warm geworden bin ich nicht mit diesem Roman.

Die Geschichte spielt in England einige Jahre nach König Arthurs Tod und einige seiner mythische Weggefährten, z.B. Sir Gaiwan, sind noch am Leben. Die Atmosphäre gerade am Anfang des Buches ist wunderbar melancholisch, man sieht förmlich den Nebel über den grün-bräunlichen Wäldern und Mooren aufsteigen in dieser spartanisch bevölkerten Welt, die an eine etwas romantischere Version von Mordor erinnert. Ein seltsamer Nebel hat sich über das Land gelegt, der bei der Bevölkerung zu einem merkwürdigen kollektiven Gedächtnisverlust führt.

“There were instead miles of desolate, uncultivated land; here and there rough-hewn paths over craggy hills or bleak moorland. Most of the roads left by the Romans would by then have become broken or overgrown, often fading into wilderness. Icy fogs hung over rivers and marshes, serving all too well the ogres that were then still native to this land. „

Axl und Beatrice sind ein älteres Pärchen, das ihren Sohn besuchen will, an den sie nur noch eine ganz schwache Erinnerung haben. Diese ersten Kapitel, bis sie in einer Gewitternacht in einem verfallenen Haus auf den Bootsmann und die Hexe treffen, fand ich einfach nur großartig. Wundervoll dunkel melancholisch, wundervolle Sprache und voller ungelöster Rätsel. Von der Atmosphäre her ähnlich wie in „Never let me Go“.

“It’s queer the way the world’s forgetting people and things form only yesterday and the day before that. Like a sickness come over us all.”

Auf ihrer Reise treffen sie desweiteren Gaiwan, den ehemaligen Weggefährten König Arthurs. Sie treffen auf Drachen, einen Krieger auf einer undurchschaubaren Mission, einen kleinen Jungen und Mönche mit ziemlich dunklen Motiven. Jeder einzelne hat irgendwie mit ihrer eigenen Reise zu tun.

„The Buried Giant“ ist ein phantastisches Märchen, eine teilweise altmodische Rittergeschichte voller Abenteuer, es wimmelt vor Andeutungen (Arthur und die Ritter der Tafelrunde, Dantes Beatrice?, die altbekannten Volksmärchen und wahrscheinlich noch jede Menge mehr, die ich gar nicht erkannt habe)

Es geht um das Vergängliche, um das Erinnern und das Vergessen um Liebe und Altwerden, um die Unmöglichkeit von Frieden der auf Kampf und Besiegen beruht und um die Frage, was uns zu einem guten Menschen macht.

“For what good’s a memory’s returning from the mist if it’s only to push away another? Will you promise me, princess? Promise to keep what you feel for me this moment always in your heart, no matter what you see once the mist’s gone.”

Was kostet uns das Erinnern, was ist der Preis für das Vergessen? Was möchten wir überhaupt bewahren und welche Erinnerungen geben wir dafür auf?

 

Im Laufe der Geschichte, hab ich selbst das Gefühl gehabt von dem Nebel erwischt worden zu sein. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, irgendwie dement zu werden und der Geschichte nicht mehr wirklich folgen zu können.

Am Ende klärt sich vieles auf, aber man muss sich schon durch den Nebel kämpfen, um zum Kern der Geschichte vorzudrängen. Das erfordert Geduld und Durchsetzungsvermögen, denn er macht mürbe der Nebel. Man nennt die Zeit in der der Roman spielt (die Zeit der Völkerwanderungen etwa 450 AD) im Englischen auch Dark Ages und anfangs dachte ich, der Nebel sei womöglich eine Metapher dafür, aber das war es nicht, wäre vielleicht auch ein wenig zu platt gewesen. Allerdings mußte ich bei dem Begriff „Dark Ages“ ein wenig lachen, wenn man sich so umschaut, aktuelle Nachrichten hört überlegt man durchaus, ob nicht wir es sind, die aktuell in den „Dark Ages“ leben.

“But then again I wonder if what we feel in our hearts today isn’t like these raindrops still falling on us from the soaked leaves above, even though the sky itself long stopped raining. I’m wondering if without our memories, there’s nothing for it but for our love to fade and die.”

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thegreatgraffities.blogspot.co.nz

Ich habe es gerne gelesen, einige Sätze und Kapitel fand ich wunderschön, die Melancholie bezaubernd, die Sprache so poetisch klar, noch einmal würde ich es aber wohl nicht lesen. Die Auflösung macht soviel Sinn am Ende (mag hier jetzt nicht zuviel verraten) und ich habe Sorge, dass einige Leser gar nicht bis zum Ende kommen und die Botschaft (so es denn als eine gedacht war) verlorengeht, was schade wäre.

“Yet are you so certain, good mistress, you wish to be free of this mist? Is it not better some things remain hidden from our minds?“
„It may be for some, father, but not for us. Axl and I wish to have again the happy moments we shared together. To be robbed of them is as if a thief came in the night and took what’s most precious from us.“
„Yet the mist covers all memories, the bad as well as the good. Isn’t that so, mistress?“
„We’ll have the bad ones come back too, even if they make us weep or shake with anger. For isn’t it the life we’ve shared?”

Ein Buch für Drachenbezwinger, die dem Nebel trotzen wollen.

Dieser Soundtrack eignet sich im übrigen phantastisch zu dem Buch:

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5 Kommentare zu “The Buried Giant – Kazuo Ishiguro

  1. Eigentlich mag ich Herrn Ishiguro und seine zauberhafte Sprache auch sehr gern. Aber nach deiner Rezi (und einem immer größer werdenden SuB) werde ich dieses Buch wohl mal auslassen. Das Sujet geht mir auch irgendwie am irgendwo vorbei. Nebel habe ich momentan selber genug. Irgendwann fällt es mir eh durch Zufall in die Hände, vielleicht sogar als Ramsch im Lebensmittelsupermarkt/Baumarkt für 2-3 Euro, wie die letzten beiden Bücher von Ihm.
    Und ja, ich glaube auch dass wir in „Dark Ages“ leben. Leider nicht mit so schöner Musik untermalt.

    Obwohl. Ich hab das jetzt nochmal gelesen…mal schaun.
    ….

  2. Der Hinweis, dass wir im frühen Mittelalter leben, liegt nicht nur nahe, sondern ist durchaus berechtigt und offensichtlich beabsichtigt. Als Kazuo Ishiguro in Hamburg seinen Roman vorstellte, nahm er in der anschließenden Diskussion auf die heutigen politischen Verhältnisse direkt Bezug.
    Die Lesung sollte mir Lust auf das neue Buch machen, geschafft hat sie es leider nicht.
    Die Veranstaltung verlief wie Deine Buchbesprechung… nebulös. Danke für Deinen Beitrag.

    Liebe Grüße
    Midori

  3. Schöne Rezi, danke. Beim Lesen habe ich mich gefragt, ob Ishiguro tatsächlich einen Roman über das Thema von Demenz und Alzheimer im Alter geschrieben hat, nur halt in poetischer Weise, weniger medizinisch. Hat mich ein wenig an die Biografie des Lebensgefährten von Iris Murdoch erinnert und wie er versucht, die gemeinsame Vergangenheit, somit einen Großteils seines Lebens, vor dem Vergessen zu retten. Deinen Hinweis auf ein „aufklärendes“ Ende finde ich sehr wichtig für mich und es motiviert mich, den Roman vielleicht doch zu lesen, mag der Schlüssel zur Story auch irgendwo und völlig unauffindbar im Nebel liegen.

    • Ja, Demenz und Alzheimer gingen mir anfangs auch durch den Kopf (Wortspiel aaarghgghhg) habe das aber dann irgendwann verworfen. Ich freue mich, dass ich Dein Interesse wecken konnte, denn die Lektüre lohnt sich wirklich. Mit einer Kerze beim Lesen kommst Du allemal durch den Nebel 😉

  4. Pingback: Mein Jahr in Büchern 2016 – Entdecke England

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