Jonathan Safran Foer und der Penis von Steven Spielberg

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Er schaut so lieb und unschuldig der Herr Foer und doch ging es gleich in den ersten Sätzen seines neuen Buches, die im Literaturhaus München vorgelesen wurden um den Penis von Steven Spielberg. Größe, Form, Beschaffenheit, beschnitten oder nicht ?

Ich fand es irre komisch vielleicht noch einmal mehr, weil ich Jonathan Safran Foer nicht als witzigen Autor verbucht hatte. Ich kenne „Eating Animals“, „Everything is Illuminated“ und die Verfilmung von „Extremely Loud and Incredibly Close“ aber entweder sind mir die komischen Passagen dieser Bücher entfallen, oder es ist tatsächlich neu.

Ich war gar nicht sicher, ob ich mir den neuen Roman „Here I am“ kaufen wollte. Diese dicken Wälzer schrecken mich immer sehr und ich war eher skeptisch, doch alles was ich von und über das Buch hörte, liess mir dann gar keine andere Wahl als es zu kaufen und am Ende auch signieren zu lassen.

Jonathan Safran Foer ist ein wahnsinnig kluger, warmherzig und charmanter Autor. Der die Politik natürlich nicht außen vor gelassen hat und ein wenig Mut machte in der dunklen Zeit in der er zu bedenken gab, das mehr als 3 Millionen Menschen für Hilary Clinton als für Trump gestimmt hatten, er absolut niemanden persönlich kennt oder in seinem Freundeskreis hat, der Trump gewählt hat und das daher Grund zur Hoffnung ist.

Es ist kein Problem des moralischen Kompasses, sondern ein Problem des electoral system. Doch so ausgeprägt der moralische Kompass in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung auch ist, die Kultur des permanent mehr, des Anspruchs an immerwährenden Wachstum ist ein Problem das es zu bewältigen gilt.

Ich freue mich auf „Here I am“ und bin gespannt auf den philosophischen Sam und was passiert wenn die Gleichungen des Lebens nicht aufgehen wollen.

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Der Zauberberg – Thomas Mann

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Als ich hörte, Thomas Manns „Zauberberg“ wird das Thema der nächsten Literaturhaus-Ausstellung, nahm ich das als Zeichen, mich nun endlich mit diesem Werk zu beschäftigen. Die Kombination aus richtig fettem Wälzer UND Thomas Mann, führten allerdings schon im Vorfeld zu leichter Schnappatmung und das Vorhaben klang für mich schon ähnlich anstrengend wie die Besteigung des Matterhorns.

Wir haben nicht wirklich die besten Erfahrungen miteinander. Bis auf „Tod in Venedig“ bin ich bei all meinen anderen Versuchen an ihm gescheitert oder er an mir, man weiß es nicht so genau. Ich habe sehr viel und sehr gerne über die Famillie Mann gelesen, mag Erika und Klaus besonders gern, in ganz früher Jugend gefiel mir „Der Untertan“ natürlich, aber puh, der stocksteife ewig nörgelige Thomas mit seinen zugegebenermaßen wunderschönen Sätzen, nope bisher wurde das nix.

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Nun also der „Zauberberg“. Ich will es gar nicht so spannend machen, um die Seite 500 herum habe ich aufgegeben. Es war keine Total-Niederlage. Einen Teil des Sogs, des Zaubers dieser melancholisch-fiebrigen Atmosphäre auf dem Berg, der hat mir schon gefallen, dem konnte ich mich nicht entziehen. Aber letztlich bin ich vielleicht doch zu sehr Identifikationsleser und habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich wollte Hans Castorp einfach nur noch schütteln und aus seinem Liegestuhl werfen.

Auf der Metaebene ist das alles ja auch richtig gut. Diese Betrachtungen der Zeit auf verschiedenen Ebenen, der erfolglose intellektuelle Reifeprozess des Protagonisten, die philosophischen Debatten der Herren Settembrini und Naphta, die doch nur Schwätzer sind und letztlich auch die Entlarvung der Tuberkulose-Heilpraktiken als reine Abzocke und Scharlatanerie. Alles gut, aber 1000 Seiten hätte ich einfach nicht durchgehalten.

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Die Ausstellung im Literaturhaus hat mir aber auf jeden Fall großen Spaß gemacht. Bin in den Genuss einer Führung gekommen, was meinen Erkenntnisgewinn erheblich vergrösserte. Vom ersten Moment an, wenn man mit der Bahn hoch fährt auf den Berg, hatte ich das Gefühl im „Berghof“ zu sein. Selbst gehustet wurde in jedem Raum, man erfährt eine Menge zu den damals üblichen Behandlungspraktiken, kann sich selbst für einen Moment eine Liegekur verordnen und aus dem Fenster auf die tiefverschneite Berglandschaft schauen.

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„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin ein, dass Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.“

Die Sprache ist wunderschön, die Atmosphäre hat mir stellenweise sehr gefallen, immer dann, wenn es leiser und dunkel-morbid wurde.

„Das verstehe ich nicht!“ sagte Hans Castorp. „Ich verstehe es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, daß ich tagüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, ja ich kann sagen, daß ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre für mich der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser Tag, und wenn ich morgens sagen müßte: heut gibt’s nichts zu rauchen, – ich glaube, ich fände den Mut gar nicht, aufzustehen, wahrhaftig, ich bliebe liegen. Siehst du: hat man eine gut brennende Zigarre – selbstverständlich darf sie nicht Nebenluft haben oder schlecht ziehen, das ist im höchsten Grade ärgerlich – ich meine: hat man eine gute Zigarre, dann ist man eigentlich geborgen, es kann einem buchstäblich nichts geschehen.“

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Musik spielt eine große Rolle im „Zauberberg“, deren Thema wohl die Überwindung der romantischen Todessehnsucht ist. Es wäre also passend eines dieser Musikstücke auszuwählen für diesen Bericht, allerdings bin ich über die wunderbare Elektro-Band „Gas“ gestolpert, die den „Zauberberg“ vertont hat – für mich war das die passende Begleitmusik zum Buch:

„Der Zauberberg“ ist ein monumentales, intellektuelles Werk, das Geduld und langsames, tiefes Lesen erfordert. Thomas Mann entwickelt auf geradezu grandiose Weise ein Gefühl von Zeitlosigkeit mit bewusst ermüdenden Beschreibungen der diversen obsessiven Gemütszustände der Bewohner, ihrer Feindseligkeiten untereinander und der imaginären Liebesaffären.

Die Geschichte selbst ist relativ einfach, die Erzählweise unglaublich komplex und man fühlt sich beim Lesen wie beim Klettern über einen einfach aussehenden, aber verdammt gefährlichen steilen Abhang.

Für Notfälle sollte man ein Sauerstoffgerät dabei haben, die weniger erfahrenen Alpinisten müssen sonst, wie ich, eventuell die Besteigung des Zauberbergs abbrechen.  Die Ausstellung im Literaturhaus kann ich hingegen jedem ans Herz legen. Die ist wunderschön, spannend und für eine Kurz-Liegekur sehr zu empfehlen.

Einen weiteren sehr schönen Bericht über die Ausstellung findet ihr bei Sätze & Schätze.

Der Zauberberg ist im Fischer Verlag erschienen.

Meine Woche

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Gesehen: „Locke“ von Steven Knight mit Tom Hardy. Hätte nie gedacht, dass ein Film der komplett während einer Autofahrt spielt so interessant sein könnte.

Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel. Beeindruckender und deprimierender Film über den Stasi-Apparat in der DDR. Mit einem großartigen Ulrich Mühe.

Room in Rome“ – von Julio Medem. Melancholische Liebesgeschichte mit mehr Tiefgang als erwartet.

Betty Blue 37.2“ – von Jean-Jacques Beineix mit Beatrice Dalle. Geschichte einer durchgeknallten unglücklichen Liebe.

Gehört: „Sunday Morning“ – Velvet Underground & Nico, „Courtship II“ – Health, „Can’t handle me“ – Rein, „Shift of Dismay“ – Youth Code, „Düsseldorf“ – Teleman, „The Pop Kids“ – Pet Shop Boys, „Wolves of Winter“ – Biffy Clyro, „Cold to see clear“ – Nada Surf

Gelesen: diesen Artikel über die mysteriösen Bücherstapel in New York, diesen Spiegel-Artikel im Frauen im Film, wie AI gegen tötliche Krankheiten eingesetzt wird, über Hilary Mantels Schreibroutine, den Artikel „Sagt es einfach“ in der Zeit von Yascha Mounk – großartig.

Getan: meine vom Doc empfohlene Schlaf- und Walking-Kur brav befolgt, die Zauberberg Ausstellung im Literaturhaus besucht, die 100 Jahre Leica-Ausstellung „Augen Auf“ angesehen, Bücher ausgemistet (siehe Free Little Library), die Eisbach-Surfer bewundert

Gegessen: den ersten Spargel – sehr lecker 🙂

Getrunken: viel Pfefferminztee und Singapore Sling

Gefreut: habe bei der wunderbaren Amy von einfallsreich ein Buch gewonnen – jetzt lasse ich basteln 😉

Geärgert, nein eher erschrocken: über das Erdbeben in Japan

Gelacht: Art is not a crime unless you do it right

Geplant: die Banksy Ausstellung besuchen, ein Workshop Konzept zum Thema „Digitale Transformation“ erarbeiten und endlich auch ein Kapitel im „Unendlichen Spiel“ lesen

Gewünscht: dieses Bild von Isa Genzken, diesen Nachtschrank, dieses Outfit und diesen Lichtschalter

Gekauft: ein Mini-Gewächshaus, eine Lampe für meine Leseecke und Balkonkästen

Gefunden: den Podcast von Damian Barrs Literary Salon – unbedingt reinhören

Geklickt:auf dieses Video über den Space Elevator, diesen TED Talk zu Erfolgen in der Krebsbekämfpung, diesen TED Talk über Mega-Cities, diesen wie wir auf dem Mars überleben könnten und dieses Video über Hedonismus

Gewundert: wie gut Abstand für mich ist

The Buried Giant – Kazuo Ishiguro

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Habe mich lange nicht mehr so schwer getan mit einer Rezension, wie mit dieser. Ich bin ein riesiger Ishiguro Fan. Ich mag seinen eleganten, simplen Schreibstil, die unterschiedlichen Welten die er bevölkert, man weiß bei ihm nie was als nächstes kommt und ich habe mich so sehr auf diesen neuen Roman seit Langem gefreut. Es ist eine wunderschöne Ausgabe und damit vielleicht eines der schönsten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe, aber komplett warm geworden bin ich nicht mit diesem Roman.

Die Geschichte spielt in England einige Jahre nach König Arthurs Tod und einige seiner mythische Weggefährten, z.B. Sir Gaiwan, sind noch am Leben. Die Atmosphäre gerade am Anfang des Buches ist wunderbar melancholisch, man sieht förmlich den Nebel über den grün-bräunlichen Wäldern und Mooren aufsteigen in dieser spartanisch bevölkerten Welt, die an eine etwas romantischere Version von Mordor erinnert. Ein seltsamer Nebel hat sich über das Land gelegt, der bei der Bevölkerung zu einem merkwürdigen kollektiven Gedächtnisverlust führt.

“There were instead miles of desolate, uncultivated land; here and there rough-hewn paths over craggy hills or bleak moorland. Most of the roads left by the Romans would by then have become broken or overgrown, often fading into wilderness. Icy fogs hung over rivers and marshes, serving all too well the ogres that were then still native to this land. „

Axl und Beatrice sind ein älteres Pärchen, das ihren Sohn besuchen will, an den sie nur noch eine ganz schwache Erinnerung haben. Diese ersten Kapitel, bis sie in einer Gewitternacht in einem verfallenen Haus auf den Bootsmann und die Hexe treffen, fand ich einfach nur großartig. Wundervoll dunkel melancholisch, wundervolle Sprache und voller ungelöster Rätsel. Von der Atmosphäre her ähnlich wie in „Never let me Go“.

“It’s queer the way the world’s forgetting people and things form only yesterday and the day before that. Like a sickness come over us all.”

Auf ihrer Reise treffen sie desweiteren Gaiwan, den ehemaligen Weggefährten König Arthurs. Sie treffen auf Drachen, einen Krieger auf einer undurchschaubaren Mission, einen kleinen Jungen und Mönche mit ziemlich dunklen Motiven. Jeder einzelne hat irgendwie mit ihrer eigenen Reise zu tun.

„The Buried Giant“ ist ein phantastisches Märchen, eine teilweise altmodische Rittergeschichte voller Abenteuer, es wimmelt vor Andeutungen (Arthur und die Ritter der Tafelrunde, Dantes Beatrice?, die altbekannten Volksmärchen und wahrscheinlich noch jede Menge mehr, die ich gar nicht erkannt habe)

Es geht um das Vergängliche, um das Erinnern und das Vergessen um Liebe und Altwerden, um die Unmöglichkeit von Frieden der auf Kampf und Besiegen beruht und um die Frage, was uns zu einem guten Menschen macht.

“For what good’s a memory’s returning from the mist if it’s only to push away another? Will you promise me, princess? Promise to keep what you feel for me this moment always in your heart, no matter what you see once the mist’s gone.”

Was kostet uns das Erinnern, was ist der Preis für das Vergessen? Was möchten wir überhaupt bewahren und welche Erinnerungen geben wir dafür auf?

Im Laufe der Geschichte, hab ich selbst das Gefühl gehabt von dem Nebel erwischt worden zu sein. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, irgendwie dement zu werden und der Geschichte nicht mehr wirklich folgen zu können.

Am Ende klärt sich vieles auf, aber man muss sich schon durch den Nebel kämpfen, um zum Kern der Geschichte vorzudrängen. Das erfordert Geduld und Durchsetzungsvermögen, denn er macht mürbe der Nebel. Man nennt die Zeit in der der Roman spielt (die Zeit der Völkerwanderungen etwa 450 AD) im Englischen auch Dark Ages und anfangs dachte ich, der Nebel sei womöglich eine Metapher dafür, aber das war es nicht, wäre vielleicht auch ein wenig zu platt gewesen. Allerdings mußte ich bei dem Begriff „Dark Ages“ ein wenig lachen, wenn man sich so umschaut, aktuelle Nachrichten hört überlegt man durchaus, ob nicht wir es sind, die aktuell in den „Dark Ages“ leben.

“But then again I wonder if what we feel in our hearts today isn’t like these raindrops still falling on us from the soaked leaves above, even though the sky itself long stopped raining. I’m wondering if without our memories, there’s nothing for it but for our love to fade and die.”

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thegreatgraffities.blogspot.co.nz

Ich habe es gerne gelesen, einige Sätze und Kapitel fand ich wunderschön, die Melancholie bezaubernd, die Sprache so poetisch klar, noch einmal würde ich es aber wohl nicht lesen. Die Auflösung macht soviel Sinn am Ende (mag hier jetzt nicht zuviel verraten) und ich habe Sorge, dass einige Leser gar nicht bis zum Ende kommen und die Botschaft (so es denn als eine gedacht war) verlorengeht, was schade wäre.

“Yet are you so certain, good mistress, you wish to be free of this mist? Is it not better some things remain hidden from our minds?“
„It may be for some, father, but not for us. Axl and I wish to have again the happy moments we shared together. To be robbed of them is as if a thief came in the night and took what’s most precious from us.“
„Yet the mist covers all memories, the bad as well as the good. Isn’t that so, mistress?“
„We’ll have the bad ones come back too, even if they make us weep or shake with anger. For isn’t it the life we’ve shared?”

Ein Buch für Drachenbezwinger, die dem Nebel trotzen wollen.

Dieser Soundtrack eignet sich im übrigen phantastisch zu dem Buch:

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Der begrabene Riese“ im Blessing Verlag erschienen.

Herbstmix im Literaturhaus München

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Die Aussicht auf spannende neue Literatur PLUS Musik UND interessante Drinks hatte meine Herzdame dann doch überzeugt, mich trotz nasskalter Oktobernacht ins Literaturhaus zu begleiten. Der Mix war dieses Mal nicht wie gewohnt im Foyer im 3. Stock, sondern in der Bibliothek des Literaturhauses. Das war in meinen Augen eher ein Gewinn, denn der Raum hat eine tolle Atmosphäre und man wirkt nicht so verloren wie im 3. Stock, auch wenn der Blick dort oben über das nächtliche München natürlich ziemlich umwerfend ist.

Besonders gespannt war ich auf Mercedes Lauenstein, über deren Debüt „Nachts“ ich schon das eine oder andere gelesen und gehört hatte. Als Eule mit Vorliebe für nächtliche Spaziergänge schien das Buch wie für mich geschrieben. Mercedes war dann auch die erste, die die schummrig beleuchtete „Bühne“ betrat und war soooo unglaublich nervös, es war irgendwie entzückend. Sie startete ihre Lesung mit Pink Floyds „Hey You“ und einem sehr leckeren Gin Fizz. Sie liest nicht gerne vor, gab sie selbst freimütig zu, dafür kann sie um so schöner erzählen. Ich war von den nächtlichen Geschichten gefangen und nur kurz besorgt, ob der zweite Gin Fizz nicht das Vorlese-Tempo eventuell noch erhöhen würde.

Es waren eine spannende und unterhaltsame Tour mit ihr durch die Vorstadt-Slums Münchens, auch wenn man über die Autorin selbst erstaunlich wenig erfahren hat. Sie ist aus Kappeln, hält Spaghetti-Eis für eine wahnsinnig wichtige Mahlzeit und schreibt in der jetzt Redaktion der Süddeutschen Zeitung und als freie Autorin für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihre Webseite ist ziemlich hässlich, die Texte darauf allerdings wirklich spannend. Grund genug, das Buch zu kaufen und mit einem Glas Rotwein auf die zweite Autorin zu warten.

IMG_4448 Verena Boos stellte ihr Debüt „Blutorangen“ und leitete ihre Lesung mit der Ouvertüre aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ein. Das einzige, was Verena Boos und Mercedes Lauenstein zu verbinden scheint, ist der Aufbau-Verlag, mit dem beide debütiert haben. Boos schien gar nicht aufgeregt, hatte als Absolventin der Bayerischen Akademie des Schreibens auch ein Stückchen weit Heimspiel und schien durch ihre Lesungen beim „Open Mike“ auch Vorlese-Routine gewonnen zu haben.

Sie verknüpft in ihrem Roman „deutsche und spanische Geschichte über einen Zeitraum von achtzig Jahren hinweg, mit Eindringlichkeit und narrativer Vielfalt“ (Zitat Thomas Lehr). Die Lesung machte durchaus Lust auf mehr, aber momentan ist mein SUB so hoch, ich muss wirklich selektiv sein, obwohl mich ihre geniale Musikauswahl zum Ausklang mit Policas „Lay your cards out“ fast noch in letzter Sekunde umgestimmt hätten.

Nach Orangenpapier, Spanien und Rotwein ging es dann zum letzten Debütanten, Marcus Lucas, aktuell stellvertretender Chefredakteur des Lifestyle Magazins GQ (und ja, er war auch irgendwie hübsch angezogen), der das Music-Comic „Ice Ice Baby. One Hit Wonders 1955 – 2015“ zusammen mit der Illustratorin Carolin Löbbert, im avant-Verlag veröffentlicht hat.

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Er brachte neben dem interessant klingenden Jägermeister-Mate-Getränk, an das ich mich dann doch nicht mehr herangetraut habe, einen ganzen Sack voll One-Hit-Wonders mit. Von The La’s „There she goes„,  über Maurice Williams & The Zodicas „Stay“ bis hin zu Nenas „99 Red Balloons“ und noch so einige andere, an die ich mich nicht erinnern kann.

Zu jedem Künstler gab es  witzige, traurige, überraschende Geschichten und ich kann mir das Buch als tolles Geschenk unter vielen Weihnachtsbäumen vorstellen.

Ich liebe diese Mix-Veranstaltungsreihe und freue mich schon jetzt auf den Wintermix. Immer wieder neue Eindrücke, neue Autoren, neue Mischgetränke – einfach wunderbar. Für alle Münchner – unbedingt hingehen, macht wirklich riesigen Spaß,  für alle Nicht-Münchner die beste Entschuldigung, endlich mal (wieder) anzureisen.

So – jetzt ab in die Nacht mit Gin Fizz oder vielleicht auch einfach Kamillentee 😉

Der Hoeg Effekt

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Peter Hoeg wird den Zuhörern an diesem Abend im Literaturhaus München nicht nur vom Susan Effekt erzählen, sondern den Hoeg Effekt deutlich spürbar machen. Wir erfahren eine Menge über ihn. Studierter Literaturwissenschaftler ist er von Haus aus, hat aber auch als Matrose, Putzmann und Tänzer gearbeitet. Gerade diesen Tänzer nimmt man ihm sofort ab. Ich habe selten jemanden gesehen, der mehr nach Tänzer ausschaut als er.

Groß, hager irgendwie ätherisch sitzt er da und spricht in entzückendenstem Dänisch-Deutsch mit dem Publikum und verzaubert sie alle. Mit seinen Geschichten zum Beispiel von der knorzigen Oma die ihre Enkel mit heftigsten Gutenacht-Geschichten um den Schlaf gebracht hat und auch mal im Knast gesessen hat, warum weiß aber niemand so recht in der Familie.

Oder auch mit seiner Liebe zur Naturwissenschaft, die leider ziemlich unerwidert blieb, seinem Engagement für Kinder, seiner Einladung das zu nutzen, was einem gefällt und seiner Erkenntnis, dass  das Schreiben viel weniger etwas intellektuell-geistiges als eine äußerst körperliche Sache ist.

Trotz seiner guten Deutsch-Kenntnisse ist die Sprecherin der Hörbuch-Ausgabe von „Der Susan Effekt“ dabei und sie klingt perfekt nach Susan. Auch Peter Hoeg ist der Überzeugung, seine Susan klingt genau so. Sandra Schwittau ist nicht nur die Stimme Susans, man erkennt in ihr auch Noomi Rapace und vor allem Bart Simpson wieder. Absolut grandios. Sollte diese Stimme Kinder kriegen, ich möchte auf der Stelle eines! Bitte vormerken…

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Herr Hoeg überrascht dann noch mit einer Kostprobe seines tänzerischen Könnens in dem er kubanischen Rumba vorführt, erklärt mit welchen Schritten und Handbewegungen die Tänzer versuchen unter die Röcke der Damen zu gelangen und wie diese den Angriff parieren. Spätestens jetzt ist auch der Letzte vom Hoeg-Effekt erfasst. Kilometerlange Signier-Schlange, teilweise haben die Leute ihre gesamte heimische Bibliothek zum Signieren mitgebracht und ich wünsche mir ein Buch über Hoegs Oma.

Ein toller Roman, ein wunderschöner Abend und hier noch mal der link zur Susan Effekt-Rezension:

https://bingereader.org/2015/09/09/der-susan-effekt-peter-hoeg/

Frühlingsmix im Literaturhaus München

1Die ganze Woche Regen, aber pünktlich zum Frühlingsmix zeigte sich München von seiner frühlingshaftesten Seite. Hatte ich am Tag zuvor, ob der Sturzbäche, noch überlegt, den Mix ausfallen zu lassen, da ich wenig Lust hatte, nass wie eine Ratte durch die Gegend zu radeln, hat mich der Frühlingsüberfall am nächsten Morgen leicht überzeugen können, meiner Lieblingsveranstaltung im Literaturhaus nicht untreu zu werden. Texte, Töne und Drinks – was will man mehr?

Dieses Mal waren neben den obligatorischen drei Roman Autoren noch zusätzlich ein Graphic Novel Künstler dabei, es versprach also ein abwechslungsreicher, bunt gemischter Abend zu werden.

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Die erste die sich ans Mikrofon begab und bei einem Gin&Tonic ausfragen ließ, war die Münchnerin Lilian Loke (sehr cooler Name allein schon) zu ihrem Debüt „Gold in den Straßen„, erschienen bei Hoffmann & Campe. Ihr Roman zeichnet das Psychogramm eines Maklers für Luxusimmobilien, der süchtig ist nach Kontrolle und Manipulation. Aus kleinen Verhältnissen stammend hat er den Aufstieg geschafft und versucht jetzt den ganz großen Coup, der vielleicht aber auch sein größter Fehler werden könnte.

https://www.youtube.com/watch?v=m8HQxKhUubc
(Owen Palett – On a path“)

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Sarah Elisa Bischoff wurde als ehemalige Praktikantin des Literaturhauses dann bei einem Gläschen „Inge“ vom Chef selbst in die Mangel genommen und immer wieder fiel er auf ihre bewusst aufgestellte Falle herein, die Hauptfigur ihres Buches „Panthertage – Mein Leben mit Epilepsie“ (Eden Books) mit der Autorin zu verwechseln. Sie gibt viel über Epilepsie preis, nicht aber über sich, die Romanhandlung drum herum ist frei erfunden. Panthertage sind die Tage, an denen ihre epileptischen Anfälle kommen, die sich anfühlen wie Raubtiere, und die Tage danach auch.

Panthertage hat eine halb-schwedische Protagonistin, die Autorin hat Zeit dort verbracht und so erklärt sich wohl auch der Song den sie mitgebracht hat:

https://www.youtube.com/watch?v=Upx_t4YR3X8&list=PLOuo3LsUG_yazWPT_8YhgRexcMWXEeqZN
(Hakan Hellström – Det kommer adrig va över för mig)


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Das Gespräch zwischen Kristine Bilkau und Marion Bösker war dann mein persönliches Highlight. Das hat einfach Spaß gemacht. Bei einem Martini Bianco erfuhren wir zunächst jede Menge über ihren Roman „Die Glücklichen“ aus dem Luchterhand Verlag, in dem das Bild einer verunsicherten Generation gezeichnet wird, die unbedingt immer alles richtig machen wollen. Alle Möglichkeiten zu haben überfordert fast noch mehr, als keine zu haben, insbesondere dann, wenn man sich keine Fehler erlauben will oder glaubt machen zu dürfen.

https://www.youtube.com/watch?v=uERETvmoqNw
(Belle & Sebastian – Waiting for the Moon to rise)

Frau Bösker hatte mächtig recherchiert und viel Wissenswertes zu vermitteln – von den Kosten eines Auftragskillern (ab 242,- €), der emphatielosen Empfehlung des Romans „Die Glücklichen“ von der Zeitschrift Brigitte, bei der gerade ein eiskaltes Lüftchen durch die Arbeitsverträge weht und nahezu alle mit Freiberuflern ersetzt werden sollen,  bis hin zum Sex und was man da wann so denkt.

Ich hätte den beiden noch ewig zuhören können, aber da gab es noch eine Graphic Novel, die man nicht verpassen sollte. Aber weil es so schön war, gibt es ausnahmsweise beide mitgebrachten Songs zu hören:

https://www.youtube.com/watch?v=nBFGzoBkdzI
(David Bowie – Absolute Beginners)

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Jan Soeken stellte dann bei einem „Kümmel Sour“ (ich glaube es klingt nur so schrecklich, es soll laut Frau Wentlandt tatsächlich gut schmecken) seine Grahic Novel „Friends“ (erschienen im Avant Verlag) vor. Das hat riesigen Spaß gemacht. Der Hamburger hat eine Live Comic Show hingelegt, die einen frohlocken ließ. Knurrende Hunde, staubtrockene Dialoge zwischen den beiden Polizisten Thomas und Hermann, die auf dem Weg zu einem Gruppentreffen des baden-württembergischen Ku-Klux-Klan sind und die Wegbeschreibung ist echt kacke.

„Wie du dich wieder aufführst, solltest dich mal sehen! Erst willst du was ändern, willst zum Klan. Dann kommt irgendein Köter und die Mütze ist zu heiß. Du hast den Biss wieder nicht. Weißt nicht, was du willst“

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Als Soeken erzählte, dass das ganze einen sehr realen Hintergrund hat, blieb mal kurz das Lachen im Hals stecken. Unglaublich. Es gab tatsächlich zwei Polizisten aus Baden-Württemberg, die, nach eigener Aussage nur dem Ku-Klux-Klan beitreten wollten, um Frauen kennenzulernen. Äh klar. Oh und die beiden sind wohl noch immer im Dienst. Noch unglaublicher. Und wieso überhaupt ist der Ku-Klux-Klan in Deutschland nicht verboten?

Ich hätte am liebsten alle vorgestellten Titel des Abends gekauft, mich aber erst einmal mit Kristine Bilkau’s „Die Glücklichen“ begnügt – das werde ich hier dann demnächst ausführlicher vorstellen.

Zum Abschluß hören wir Jan Soeken’s mitgebrachten Song „Der Mond“ von Rocko Schamoni:

https://www.youtube.com/watch?v=nLZBK3807iE

Und an alle Münchner – der nächste Mix im Literaturhaus kommt bestimmt: Hingehen, es lohnt sich!

Herbstmix im Literaturhaus München

Madeleine Prahs

Das ist meine absolute Lieblingsveranstaltung im Literaturhaus – der Mix. Drei Autoren lesen aus ihren – häufig Debüt – Romanen, bringen ihr Lieblingsgetränk und zwei Lieblingssongs mit. Perfekt.

Als erstes ging Madeleine Prahs an den Start, die mit ihren knapp 25 Jahren einen witzigen und klugen Wende-Roman geschrieben hat. Die Stelle, als der zauselige Rentner Fritsche unversehens von seiner Altenpflegerin zum Babysitter mißbraucht wird, war irre komisch. Ich kann das Buch nur empfehlen und hätte es doch kaufen sollen, hab es nur aus Vernunftsgründen nicht gemacht. Aber ich denke, das muß noch her.

Prah aufgrund des Bahnstreiks mit dem knallgelben Postbus aus Leipzig angereist, ist München nicht fremd. Sie hat in München und Leningrad studiert, dort hat sie auch die gleichnamige Band kennengelernt. Geboren in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt und aufgewachsen am Ammersee, hat es sie nach Leipzig verschlagen, wo sie nun eigentlich auch gerne bleiben möchte.

Auch an ihr mitgebrachtes Getränk die „Polnische Rakete“ hab ich mich nicht dran getraut, auch das werde ich nachholen – versprochen.

Martin Lechner

Martin Lechner, Autor von „Kleine Kassa“

Die „Kleine Kassa“ war nicht ganz so meins. Irgendwie wirr, hab beim Vorlesen recht schnell den Faden verloren und mich hat das etwas bemüht kafkaeske Lüneburger Heiden-Roadmovie nicht wirklich in seinen Bann ziehen können. Getrunken wurde Whisky Sour, auch den hab ich an diesem Abend nicht haben wollen. Herr Lechner mag ein wirklich wunderbarer Mensch sein, aber ich wollte ihm sehr sehr dringend eine neue Frisur verpassen. Die hat mich glaube ich doch sehr von seinem Buch abgelenkt.

Der 1974 in der Lüneburger Heide geborene Lechner ist mit seinem Debüt-Roman mal direkt auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Respekt. Von daher liegt es sicherlich eher an meinem individuellen Geschmack, als an der literarischen Güte des Romans. Wenn gleich am Lesungsabend die Damen verkaufstechnisch deutlich die Nase vorn hatten.

Zum Schluß dann eine echte Premiere! Karen Köhler tat etwas, was bislang noch niemand im Münchner Literaturhaus gewagt hatte. Sie hatte sich „Enter Sandman“ von Metallica gewünscht und das ehrwürdige Haus fuhr erschrocken zusammen, schüttelte sich kurz – ist dann aber durchaus mitgegangen.

Köhler hat ihr Buch im September veröffentlicht und es wurde mit rasendem Beifall aufgenommen. Es hat mich neugierig gemacht, dieses hübsche Buch, das sie selbst illustriert hat. Überhaupt ist Frau Köhler ein ziemliches Multitalent. Von Schreinerlehre über Schauspielausbildung, neben ihrer Autoren-Tätigkeit ist sie auch noch Theaterautorin und ihre Windpocken bedingte Absage an Klagenfurt ist mittlerweile legendär.

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Auf sie hatte ich mich am meisten gefreut, denn „Wir haben Raketen geangelt“ war schon ganz lange auf meiner Wunschliste. Also rein, Buch gekauft und es mir damit schön bequem gemacht am kleinen Tisch und bis es losging hatte ich die erste Geschichte schon durch. Puh – die war heftig. Hat mir sehr gefallen, aber die war hart. Auch wenn ich mit den Erzählungen noch nicht fertig bin, ist das Buch auf jeden Fall eines der schönsten Bücher 2014 für mich.

Vorgelesen hat sie dann aus der zweiten Kurzgeschichte „Cowboy und Indianer“. Mir gefällt ihr Erzählstil und auch unser kleiner Plausch war ungemein unterhaltsam. Gut, das sie jetzt den Unterschied zwischen „binge drinking“ und „binge reading“ kennt.

Ihr Getränk „Gin Basil Smash“ war auch voll auf meiner Wellenlänge, schmeckt sehr vorzüglich.

Ich freue mich schon auf den Wintermix und bis dahin habe ich dann auch die Raketen geangelt und hier rezensiert.