Lektüre Februar 2022

Ein bisschen später als geplant, aber die weltpolitische Lage hat auch mich im doomscrolling (verdammnisblättern? bzw obsessive Konsumieren von schlechten Nachrichten) erstarren lassen und dem Lesen und Schreiben keinen Raum gelassen. Aber ein bisschen Struktur hilft in vielen Lagen, daher hier meine Lektüre aus dem Februar. Es war ein sehr guter und schöner Lesemonat, da wird im März deutlich weniger hinzukommen.

Hier geht’s lang – Mit Büchern von Frauen durchs Leben von Elke Heidenreich, Eisele Verlag

Es waren Bücher von Frauen, die Elke Heidenreich geprägt haben, von frühester Jugend an. Später machte sie das Reden und Schreiben über Bücher zu ihrem Beruf.

Als ich Anfang des Jahres hier verriet, dass ich ein Projekt plane, dann meinte ich dieses damit. Mich auch meiner Lebensbücher zu erinnern und darüber zu schreiben. Ich danke meiner lieben Freundin Barbara in Berlin sehr, mir das Buch nicht nur ans Herz gelegt sondern auch geliehen zu haben. Habe es sehr gerne gelesen und sobald mein Hirn wieder etwas ruhiger ist, beginne ich mal meine eigene Lesebiographie zu erforschen und aufzuschreiben.

… denn Literatur hat immer auch eine unterwandernde Wirkung, sie trägt uns davon aus unserer Umgebung, und mit dem Weg zurück kann es heikel werden

… und die Sonne schien in meinem Kopf und rettete mich vor Armut, Enge, Kleinkariertheit und den üblichen Nöten und Komplexen einer Heranwachsenden.

Maria Stuart – Stefan Zweig erschienen im Fischer Verlag

Sie war Königin von Schottland und Frankreich und hatte Anspruch auf den Thron von England – doch Elizabeth I. ließ Maria Stuart (1542–1587) jahrelang inhaftieren und schließlich hinrichten, um ihre Macht zu wahren. Das Leben der Maria Stuart war geprägt von Intrigen, Verschwörungen und politischen Ränkespielen, denen sie am Ende zum Opfer fiel. Stefan Zweig zeichnet ein Porträt einer Frau, deren Leben bis heute Anlass zu Spekulationen, Verklärung und Mystifizierung gibt.

Stefan Zweig ist einer meiner liebsten Autoren und auch diese Roman-Biografie habe ich sehr gerne gelesen. Gelegentlich merkt man natürlich schon aus welcher Zeit Zweig stammt und wie das seinen Blick auf Frauen geprägt hat, aber eine wirklich lohnende Lektüre, durch die ich immens viel über die schottisch-englische Geschichte und zwei ausgesprochen faszinierende Persönlichkeiten gelernt habe.

Doch eine Natur wie die ihrige kann, wenn auch noch so tief enttäuscht, nicht ohne Vertrauen leben; immer wieder sucht sie nach einem sicheren Menschen, auf den sie sich unbedingt verlassen kann. Lieber wird sie jemanden wählen, der niederem Range entstammt, der nicht die Ansehnlichkeit eines Moray und Maitland besitzt, aber dafür die Tugend, die ihr notwendiger ist an diesem schottischen Hofe, die kostbarste aller Dienergaben: unbedingte Treue und Verläßlichkeit.

The City & The City von China Miéville auf deutsch erschienen unter dem Titel „Die Stadt & Die Stadt“ bei Bastei Lübbe. Übersetzt von Eva Bauche-Eppers

Zwei Städte – geeint und doch entzweit. Die Bewohner werden erzogen, einander nicht zu sehen. Das unerlaubte Betreten der jeweils andere Stadt zieht schwerste Strafen nach sich.

Ganz warm werden Mr. Miéville und ich irgendwie nicht. Ist mein dritter Versuch, die Prämissen sind immer spannend, seine Romane stecken voller spannender Ideen, aber ich komme nie richtig in die Bücher rein, sie haben auch nicht die richtige Atmosphäre für mich. Definitiv ein gutes Buch, ein spannender Autor, nur eben nicht für mich.

“Is it more childish and foolish to insist that there is a conspiracy or that there is not?” 

Der Verdacht (The Push)- Ashley Audrain erschienen bei Penguin Random House. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, und je älter das Mädchen wird, desto mehr wächst die Angst vor Violet und ihrem feindseligen Verhalten, das sich Blythe nicht erklären kann. Alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich absichtsvoll böse? Fox, der seine Tochter von ganzem Herzen liebt, beobachtet seine Frau mit wachsendem Misstrauen. 

Ein Buch das nur schwer auszuhalten ist, emotional alles andere als leichte Kost ist und das mir noch immer nach geht.

Ich erinnerte mich daran, warum wir Violet eigentlich bekommen haben: Du wolltest eine Familie, und ich wollte dich glücklich machen. Aber ich wollte außerdem all meine Zweifel widerlegen. Ich wollte auch meine Mutter widerlegen.

Wenn Männer mir die Welt erklären (Men explain things to me) von Rebecca Solnit erschienen im btb Verlag. Übersetzt von Kathrin Razum und Bettina Münch

Ein Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten.

Rebecca Solnit ist eine Autorin die ich sehr schätze. Sie ist klug, warmherzig und hat ein wahninniges Gespür für die Themen unserer Zeit. Dieses Buch hat das Zeug dazu ein Klassiker zu werden. Sie schafft es auf ein paar Seiten, die Geschlechterdebatte auf den Punkt zu bringen.

Every woman knows what I’m talking about. It’s the presumption that makes it hard, at times, for any woman in any field; that keeps women from speaking up and from being heard when they dare; that crushes young women into silence by indicating, the way harassment on the street does, that this is not their world. It trains us in self-doubt and self-limitation just as it exercises men’s unsupported overconfidence.

Vier Tage währt die Nacht von Dorothea S. Baltenstein erschienen im Eichborn Verlag

Dorothea S. Baltenstein ist das Pseudonym von vier Schülerinnen und ihrem Lehrer die im Rahmen eines Unterrichtsprojektes, dem sogenannten Projekt Pegasus, zwischen September 1995 und Mai 1998 das Manuskript für den gleichnamigen Roman entwickelten.

Schottland, im Jahre des Herrn 1817. Jonathan Lloyd erhält von seinem alten Freund Sir Mortimer Pope eine Einladung nach Boroughmore Castle. Ein literarischer Wettstreit ist geplant; man will sich treffen wie einst die Shelleys sich mit Lord Byron in der Schweiz trafen, wo Mary Shelley die Inspiration zu Frankenstein hatte. Aber bereits in der ersten Nacht stürzt die Zugbrücke des Schlosses ein, was ein Todesopfer fordert.

Ein Roman den ich direkt nach Erscheinen gekauft und gelesen habe, denn meine Liebe zu allem Gothic / Dark Academia etc begleitet mich schon ein Leben lang. Ich habe es damals sehr gerne gelesen, war etwas besorgt, wie es wohl gealtert sein mag, aber auch es macht auch in dunklen Wintertagen im Jahr 2022 noch genauso viel Spaß sich in diese dunkel-romantische Schauergeschichte zu versenken.

Während ich am späten Nachmittag des 27. November des Jahres 1817 in einer Kutsche saß, die holpernd über steinige Straßen fuhr, und hoffte, noch vor einbrechender Nacht mein Ziel zu erreichen, breitete sich in mir bereits ein Gefühl der Unsicherheit aus – vielleicht war auch ein wenig Furcht dabei.

Krabat von Otfried Preußler erschienen bei der Büchergilde Gutenberg

Neugier lockt Krabat zur Mühle am Koselbruch, vor der alle warnen. Dort soll es nicht mit rechten Dingen zugehen. Ein leichtes und schönes Leben wird Krabat hier versprochen. Doch der Preis dafür ist hoch. Und aus der Verstrickung mit dem Bösen kann ihn nur die bedingungslose Liebe eines Mädchens retten.

Auch so ein Herzensbuch, das ich gerne alle paar Jahre lese und jedes Mal entdecke ich etwas Neues darin.

Es gibt eine Art von Zauberei, die man mühsam erlernen muß: Das ist die, wie sie im Koraktor steht, Zeichen für Zeichen und Formel um Formel. Und dann gibt es eine, die wächst einem aus der Tiefe des Herzens zu: aus der Sorge um jemanden, den man lieb hat. Ich weiß, daß das schwer zu begreifen ist – aber du solltest darauf vertrauen, Krabat.

Bibliomanie von Gustave Flaubert erschienen im Insel Verlag. Übersetzt von Erwin Rieger.

Der Buchhändler und Antiquar Giacomo lebt zurückgezogen in einer stillen Gasse in Barcelona. Seine Liebe gilt allein den Büchern. Er berauscht sich am Geruch ihres Papiers, dem Einband, der Vergoldung der Lettern und der Druckerschwärze. Sein Traum: der Aufbau einer eigenen Bibliothek. Bei dem Erwerb bibliophiler Schätze steht ihm allerdings sein Rivale Baptisto im Weg, der Buchhändler vom Königsplatz. Allmählich steigert sich Giacomos Leidenschaft zum verbrecherischen Wahn …

Einen einzigen Gedanken hatte er, eine einzige Liebe, eine einzige Leidenschaft: die Bücher! Und diese Liebe, diese Leidenschaft verbrannten sein Inneres, verdarben sein Leben, verschlangen sein Dasein.

The Offing von Benjamin Meyers erschienen auf deutsch unter dem Titel Offene See im Dumont Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. 

Das wurde ganz überraschend für mich ein richtiges Herzensbuch. Jede:r von uns braucht eine Dulcie im Leben. Ein Buch das ich ganz besonders in diesen dunklen Zeiten empfehlen kann. Es macht die Welt ein kleines bisschen besser.

There is poetry in silence but most of us don’t stop to hear it. They must talk, talk, talk, but say nothing because they are afraid of hearing their own heartbeat.

Let poetry and music and wine and romance guide the way. Let liberty prevail.

Welche Bücher davon kennt ihr oder habt ihr vielleicht Lust bekommen auf das Eine oder das Andere? Ich freue mich über Rückmeldung – lasst mal hören…

Türchen 19: Gesammelte Tshirts – Haruki Murakami

Herr Murakami ist mir mit dieser Idee zuvor gekommen! Ich könnte und würde schon auch gerne mal ein Buch machen zu meinen gesammelten Tshirts. Im Gegensatz zu ihm ziehe ich die aber alle an. Und mangels Haus oder gar Häuser muss ich mich auch schweren Herzens trennen, wenn Bandshirts aus den 90ern vom Leib fallen oder man selbst mit viel Anstrengung nicht mehr erkennen kann, was überhaupt zu sehen sein sollte auf dem Shirt.

Eine liebe Freundin aus dem Bookclub hat mich (neben einem anderen spannenden Buch – doch dazu demnächst hier mehr) mit diesem Kleinod des Murakamischen Kaleidoskops als Secret Santa überrascht.

Das Buch bietet einen Überblick über die megalomanische Sammlung an Tshirts im Hause Murakami. Der Mann ist anscheinend der geborene Sammler. Ob Shirts, Platten, Bücher, Autos, Flipperautomaten, Laufveranstaltungen – er kann nicht genug bekommen. Seltsam eigentlich für einen ansonsten so asketisch agierenden Herren, der stets nur einfache Mahlzeiten zu sich nimmt mit maximal einem kleinen Bier oder Whisky und der spätestens um 21.00 Uhr im Bett liegt nachdem er 50km gelaufen ist.

Oh und er spricht wirklich nicht gern über sich, aber auch grundsätzlich glaube ich nicht so wahnsinnig gerne mit anderen Leuten. Da lässt er lieber seine Shirts sprechen, die tatsächlich eine Menge über ihn verraten. Also zum Beispiel wie wenig gerne er mit anderen spricht, oder noch schlimmer von anderen angesprochen werden möchte, wie er es schon als junger Mann geschafft hat soviel Zeit in seinem Leben ohne Lohn-Arbeit zu verbringen (die Sache auf die ich bei ihm am allerneidischsten bin – behalte all dein Geld, deine Häuser, deine Autos – ich will nur deine ZEIT!) und wie sehr er auf sein Geld achtet, egal wieviel er mittlerweile davon wahrscheinlich hat.

Das Buch selbst hat nur zwei Tshirts auf meinen Shirt-Wunschzettel geworfen, ansonsten haben Herr Murakami und ich auch weiterhin eine erstaunlich kleine Schnittmenge was Shirts, Musik und Autos angeht. Bei Büchern ist sie deutlich größer.

Das perfekte Geschenk für alle Hardcore Murakami Fans, die ihre Sammlung komplettieren wollen, oder Lust haben noch ein bisschen mehr über den introvertierten Meister zu erfahren. Erschienen ist „Gesammelte Tshirts“ im Dumont Verlag, übersetzt wurde es von Ursula Gräfe.

Ach ja und Vorbestellungen für mein Buch „Bingereaders gesammelte Tshirts“ können hier direkt aufgegeben werden 😉

Erste Person Singular – Haruki Murakami

Murakami lesen ist immer irgendwie so: Buch auspacken, frischen Buchduft inhalieren, überall offline gehen, mit Buch in die Leseecke und mit jeder Seite, in die man tiefer in die Geschichte(n) eintaucht, merkt man, wie der Puls langsamer wird, wie der Blutdruck sich senkt und man sich wie nach langer Abwesenheit umgehend wieder wie zu Hause fühlt.

Das Buch enthält acht Kurzgeschichten, von denen ich eine bereits kannte, da sie vorab im New Yorker erschienen war. Es gibt wieder Frauen, die verschwinden, eine fiktive Bossa-Nova-Platte von Charlie Parker, sprechende Affen und einen Mann auf Sinnsuche.

Die Ich-Erzähler der acht Geschichten in „Erste Person Singular“ sind klassische Murakami-Erzähler, die uns in eine Welt aus nostalgischen Jugend- und Musikerinnerungen, vergangene Beziehungen und dem typischen reduzierten Mix aus Literatur, Musik und Philosophie entführen. Die Geschichten sind melancholisch, klug und einzig mit der Baseball Geschichte konnte ich wenig anfangen. Wie immer tänzelt Murakami geschickt auf der Grenze zwischen Fiktion und Realität, verschiebt Welten, lässt den Alltag rätselhaft und skurril erscheinen und oft fällt es mir schwer, in den jungen Protagonisten nicht den früheren Murakami zu sehen.

„Denk nach, sagte der alte Mann. Mach die Augen zu und denk noch mal gründlich nach. Denk an einen Kreis, der viele Mittelpunkte und keine Begrenzung hat. Wozu hast Du Deinen Verstand? Er ist dazu da, dir unverständliche Dinge verständlich zu machen. Du darfst nicht faul und nachlässig sein. Jetzt ist der entscheidende Zeitpunkt, an dem sich dein Herz und dein Hirn entwickeln“

Für mich kamen diese Kurzgeschichten gerade zur rechten Zeit. Das Arbeiten von zu Hause stört mich weniger, aber die unendlichen Stunden von anstrengenden Videocalls am Tag, sich noch immer in den Job hineinfinden müssen, der auch nach neun Monaten häufig noch mit unbekannten Prozessen, Netzwerken, Fragestellungen oder Programmen aufwartet und einem grundsätzlich hohen Tempo, was Deadlines und Termine angeht, hat eine ständige Unruhe in mir verursacht. Neben Yoga und Meditation ist Murakami stets das beste Mittel um mich zu ruhiger werden zu lassen, dem Hirn etwas Ruhe zu geben und mir erlaubt, mich vor der Realität ins atmosphärische Murakami-Land zu flüchten.

Bin nach wie vor für Murakami auf Rezept, aber auf mich hört ja keiner…

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Chroniken des Aufziehvogels – Haruki Murakami

Der Grund für die Neuauflage des Aufziehvogels war die Neuübersetzug der obersten Instanz in Murakami Fragen, der Übersetzerin Ursula Gräfe. Sie übersetzte das Werk direkt aus dem Japanischen, im Gegensatz zur früheren Ausgabe, die vom Japanischen ins Amerikanische und dann erst ins Deutsche übersetzt wurde.

Zu meiner großen Schande muss ich gestehen, dass ich üblicherweise nicht super sensibel bin, was Übersetzungen angeht. Habe schon im Bookclub des Öfteren erstaunt geschaut, wenn meine englischsprachigen Mitstreiterinnen überzeugt waren, ein Buch hätten ihnen gegebenenfalls besser oder schlechter gefallen und es würde an der Übersetzung liegen.

Wahrscheinlich sollte ich das als Literatur-Bloggerin nicht zugeben, aber ich lese Bücher zumeist ihrer Atmosphäre wegen und/oder auf der Suche nach Erkenntnisgewinn. Schöne Sprache nehme ich schon wahr und erfreue mich an ihr, aber allein der schönen Sprache wegen glaube ich würde ich ein Buch nicht lesen, wenn mir die Atmosphäre nicht gefällt, die Story mich nicht fesselt oder ich keinen wirklichen Erkenntnisgewinn habe.

Herr Buchrevier hatte einzelne Sätze aus der alten und der neuen Ausgabe miteinander verglichen und ja, im direkten Vergleich kann ich schon sagen, welche Version ich schöner finde, aber ich glaube nicht, dass es einen so großen Unterschied bei mir machen würde, wie gut ein Buch mir gefällt, wie das bei vielen anderen Menschen der Fall zu sein scheint.

Ich habe den Aufziehvogel wieder sehr gerne gelesen, hatte mein altes Exemplar leider nicht mehr, da es eine gebrauchte Taschenbuchausgabe war, die das mehrfache Lesen nicht überlebt hatte und sich in Einzelteile aufgelöst hatte.

Es ist nicht mein Lieblings-Murakami – auch beim nochmaligen lesen nicht – dafür sitzt er mir dann doch einen Ticken zu lange im Brunnen und ich bin noch immer genervt von den endlosen Kriegskapiteln, die ich (wieder) überblättert habe.

Der Titel des Buches „Die Chroniken des Aufziehvogels“ bezieht sich auf einen merkwürdigen Vogel, den nie jemand tatsächlich zu Gesicht bekommt und dessen Ruf irgendwie ein Überbringer schlechter Nachrichten zu sein scheint. Die Geschichte ist nicht einfach wiederzugeben. Man wird von Anfang an in eine Art hypnotischen Strudel hineingezogen, in dem sich das Suchen nach verschwundenen Katzen, Menschen und Gegenständen im Zentrum befindet.

Toru Okada, ein Mann in Tokio Anfang 30, hat keinen Job, keinerlei Ambitionen und eine Ehe, die langsam aber sicher zerbröselt. Als ihre Katze verschwindet, sucht er auf Anraten seiner Frau Hilfe bei dem merkwürdigen Geschwisterpaar Malta und Kreta Kano, die ihm ab da weder im echten Leben, noch im Traum,  von der Seite weichen.

Seine Frau verlässt ihn plötzlich und ohne jegliche Erklärung, er hängt viel mit einer pupertierenden Schulabbrecherin ab, die sich unaufhörlich mit dem Tod beschäftigt und die für eine Perückenfabrik arbeitet.

Toru versucht seine Frau zu finden, versucht, all die verschiedenen Sachen zu verstehen, die ihm in letzter Zeit so passiert sind und um besser nachdenken zu können, begibt er sich auf den Boden eines Brunnens in der Nachbarschaft. Dort unten in der absoluten Einsamkeit macht er bizarre Erfahrungen, die wirklich sind oder auch nicht. Er wird irgendwann von Kreta Kano gerettet und im Laufe der Geschichte verbringt Toru mehr und mehr Zeit im Hotel oder in einem mysteriösen Hotelzimmer, das vermutlich nur in seiner Phantasie existiert. Es wird immer schwieriger zu unterscheiden, was wirklich ist und was nicht.

Murakami versteht es meisterhaft Flashbacks, Träume, Zeitungsartikel, Internet Chats, Briefe und Berichte in seine Geschichte einzubauen.

Die Frauen in seinen Büchern sind immer die stärkeren, geheimnisvolleren, die regelmäßig verschwinden und auf deren Suche der meist recht antriebslose Protagonist gehen muss.

Murakami lesen und ganz besonders auch den Aufziehvogel ist, als würde man sich auf eine Achterbahnfahrt durch die Träume eines anderen Menschen bewegen. Das mag man oder eben auch nicht. Einige dieser Bilder lassen mich gar nicht mehr los. Einige sind wiederkehrende Motive seiner Bücher und ich bekomme die verwinkelten labyrinthartigen Hotelflure nicht mehr aus dem Kopf, den trockenen Brunnen, den Vogel in der merkwürdigen Gasse, die keinen Durchgang hat, der Rossini pfeifende Kellner, das Teenager-Mädchen beim ewigen Sonnenbad in den verwunschen anmutenden Gärten und leider vergesse ich auch das Hautabziehen am lebendigen Leib nicht mehr.

„Je beschränkter der geistige Horizont eines Mannes ist, desto mehr Macht kann er in einem Land gewinnen.“

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar.

11

Meine Woche

Gesehen: The eyes of my mother (2016) von Nicolas Pesce mit Kika Magalhaes. Verstörender schwarzweiß-Horror um eine traumatisierte junge Frau. Der Auftaktfilm für unseren Horrorcotober.

Reverse (2018) Horror-Kurzfilm von Josh Tanner. Ein Auto, eine Tiefgarage und 5 in denen ich mich so krass gegruselt habe, wie selten in einem Kurzfilm. Unbedingt anschauen, wer sich traut 😉

Ratched (2020) Thriller/Horror-Serie mit Sarah Paulson, Cynthia Nixon und Sharon Stone über die psychotische Nurse Ratched aus „One flew over the cuckoo‘ s nest“ – großartige Kostüme, Farben, Darstellerinnen – der Einstieg machte definitiv Spaß.

Gehört: 1000 Bier – Die Braut haut ins Auge,  Naufrágio – Amália, No Time to die – Billie Eilish, Kol Nidrei – Max Bruch, Ronde du Crépuscule – Cécile Chaminade, Turntables – Janelle Monáe, Exhale – Jónsi, Blanket me – Hundred Waters, Different Pulses – Asaf Avidan, Careful what I try to do – Erasure

Gelesen: dieses Interview mit Isabelle Huppert, diesen Artikel über Oktopoden und was das Militär von ihnen lernen kann, Mely Kyak über Polizei und Rechtsextremismus, Hotels around the world turn into apartment buildings, How to destroy surveillance capitalism

Getan: viele Interviews und Meetings, ein Konzept zur Vorstellungsreife gebracht, mit Freunden getroffen und gelesen

Gegessen: Okonomiyaki

Getrunken: viel schwarzen Tee

Gefreut: über das Mess(e) Päckchen vom KiWi Verlag und den neu übersetzten Murakami-Aufziehvogel aus dem Dumont Verlag

Getrauert: nein

Geärgert: dass wir nicht früher drauf gekommen sind, dass unsere Monstera gerne etwas weniger direkte Sonne hätte

Geklickt: Astrophysicist Janna Levin Explains Gravity in 5 Levels of Difficulty, sämtliche IKEA-Kataloge seit 1950

Gestaunt: über die mit dem Deezen Architekturpreis ausgezeichnete Architektur, über selbstfahrende Wassertaxis, what if we removed men from political photos

Gelacht: über Neil deGrasse Tysons Twitter post

Gewünscht: dieses und dieses Bild, diesen Kamin, dieses Outfit

Gefunden: spannende Bücher im Bücherschrank

Gekauft: einen Wintermantel

Gedacht: Do you want empathy, or do you want a solution? //Lisa F. Barrett

Gemischte Tüte – Sommeredition

Gott, hilf dem Kind – Toni Morrison

Ferien an der See im hohen Norden und viel Zeit im Zug, am Meer und im Garten für ausgiebige Lektüre. Hier kurz der Überblick – und es war tatsächlich kein Ausfall dabei.

Das Ableben Toni Morrisons letztes Jahr war ein wirklich trauriger Moment für mich. Ich habe ihre Bücher gelesen und irgendwann werde ich sie auch alle noch einmal lesen. Eines stand noch ungelesen im Schrank: „God Help The Child“. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, kein bisschen kitschig, eher rauh und wütend, aber dennoch optimistisch und lebensbejahend.

Lula Ann ist ein tiefschwarzes Baby, dass ihre Mutter Sweetness bei der Geburt fast zu Tode erschrickt und der Vater die junge Familie auf der Stelle verlässt, weil er dieses Kind nicht als seines ansieht. Die heranwachsende Tochter sträubt sich gegen jegliche von außen verordnete Angepasstheit. Sie ändert ihren Namen, kleidet sich provokant nur noch in strahlendem Weiß, macht Karriere in einer Kosmetikfirma und befreit sich auf ihre ganz eigene Weise von ihrer Vergangenheit.

„Du musst mich nicht lieben, aber Du musst mich verdammt noch mal respektieren“

Toni Morrisons Schwanengesang ist eine bestechende Ergänzung zum Kanon der großen amerikanischen Literatur.

Gratitude – Oliver Sacks

Keinem Schriftsteller ist es derart gelungen, medizinisches und menschliches Drama so ehrlich und wortgewandt einzufangen wie Oliver Sacks.

In den letzten Monaten seines Lebens schrieb er eine Reihe von Essays, in denen er auf bewegende Weise seine Gefühle über sein hinter ihm liegendes Leben und die Bewältigung seines eigenen Todes erforschte.

Es ist das Schicksal eines jeden Menschen“, schreibt Sacks, „ein einzigartiges Individuum zu sein, seinen eigenen Weg zu finden, sein eigenes Leben zu leben, seinen eigenen Tod zu sterben“.

Kurze, aber tiefgründige Reflexionen über das Leben, das Altern und die Konfrontation mit Krankheit und dem Ende des Lebens in Würde und Gnade. Zusammen bilden diese vier Essays eine Ode an die Einzigartigkeit jedes Menschen und an die Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens.

“I cannot pretend I am without fear. But my predominant feeling is one of gratitude. I have loved and been loved; I have been given much and I have given something in return; I have read and traveled and thought and written. I have had an intercourse with the world, the special intercourse of writers and readers.“

Alev HaShalom, rest in peace, Oliver.

Purple Hibiscus – Chimamanda Ngozi Adichie

Die fünfzehnjährige Kambili und ihr älterer Bruder Jaja führen ein privilegiertes Leben in Enugu, Nigeria. Sie leben in einem schönen Haus, in einer fürsorglichen Familie und besuchen eine exklusive Missionarsschule. Sie sind völlig abgeschirmt von den Schwierigkeiten der Welt. Doch, wie Kambili in ihrem Bericht offenbart, sind die Dinge weniger perfekt, als sie scheinen. Obwohl ihr Papa großzügig und gut respektiert ist, ist er zu Hause fanatisch religiös und tyrannisch – ein Haus, das still ist und jede Gefühlsregung erstickt.

Als das Land durch einen Militärputsch auseinanderzubrechen beginnt, werden Kambili und Jaja zu ihrer Tante, einer Universitätsprofessorin außerhalb der Stadt, geschickt, wo sie ein Leben jenseits der Grenzen der Autorität ihres Vaters entdecken. Bücher quellen aus den Regalen, Curry und Muskatnuss durchdringen die Luft, die Mahlzeiten mit ihren Cousins sind fröhlich und es wird insgesamt sehr viel gelacht. Als sie nach Hause zurückkehren, eskalieren die Spannungen innerhalb der Familie, und Kambili versucht die Familie zusammenzuhalten.

“There are people, she once wrote, who think that we cannot rule ourselves because the few times we tried, we failed, as if all the others who rule themselves today got it right the first time. It is like telling a crawling baby who tries to walk, and then falls back on his buttocks, to stay there. As if the adults walking past him did not all crawl, once.”

Chimamanda Ngozi Adiche schildert eloquent den Untergang der Familie sowohl in Enugu als auch in Nsukka und führt uns allmählich einem ziemlich tragischen Ende entgegen. Sie führt den Leser in die Bräuche, das Essen und viele andere Aspekte des nigerianischen Lebens ein. Ich möchte definitiv mehr von der Autorin lesen und unbedingt einige der im Buch genannten Gerichte nachkochen – nachgebacken hat Frau schiefgelesen bereits auf ihrem Blog „schiefgegessen“ in Form von Chin-Chin, da ich es eher herzhaft mag, würde ich mich wahrscheinlich eher an Jollof Rice, Onogu Soup oder Azu versuchen.

Handbuch für Zeitreisende – Kathrin Passig / Aleks Scholz

So viele nützliche Tipps! Dieses Handbuch darf bei der nächsten Zeitreise auf keinen Fall fehlen. Vergnügliches Hörbuch, das gut unterhält und zudem eine Menge faszinierendster Fakten zu den Zusammenhängen und Geschichte der Welt enthält.

Wollten Sie schon immer mal nachsehen, warum die Dinosaurier ausgestorben sind – und dabei möglichst selbst am Leben bleiben? Von England nach Dänemark laufen, ohne nasse Füße zu bekommen? Zusehen, wie Stonehenge erbaut wird? – Mit diesem Reiseführer kann nichts mehr schiefgehen: Kathrin Passig und Aleks Scholz vermitteln alles, was Zeitreisende wissen müssen. Was Sie bei den Volksfesten der Maya erwartet, wogegen Sie sich vor der Reise in die Renaissance impfen lassen und welche Kleidung Sie für die Weichsel-Eiszeit einpacken sollten, all das erklärt Ihnen dieses Handbuch. Mehr noch: Es verrät Ihnen die schönsten Zielorte und -zeiten, nützliches Wissen über Parallelwelten und ihre Besonderheiten, Umgangsformen für jede Epoche, praktische Tipps für mehrere Weltteile und das gesamte All. Und wenn Sie im Urlaub nicht nur an den Traumstränden der Vergangenheit herumliegen, sondern die Welt verbessern möchten, erfahren Sie hier, was dafür zu tun wäre.

Beschreibung einer Krabbenwanderung – Karosh Taha

Sanaa ist zweiundzwanzig. Sie studiert, hat einen Freund, einen Liebhaber und sie hat Träume. Es könnte alles ganz schön sein, würde sie nicht immer wieder von der Realität gekniffen werden, wie damals die Krabbe im Irak, als sie im Fluß baden war mit ihrer Familie.

Die Realität besteht aus ihrer depressiven Mutter Asija, ihrem Vater Nasser, der sich immer mehr von der Familie entfremedet und ihrer Schwester Helin, die nirgends halt findet, einsam und wütend ist. Ihre Tante Khalida sitzt Tag für Tag rauchend bei ihnen zu Hause auf dem Sofa, klatscht und tratscht und fühlt sich als vermeintliche Hüterin des Anstands.

Sanaa rebelliert gegen die Enge ihres Umfeldes, sie versucht ihr Leben abzustreifen wie ein Hummer seinen zu klein gewordenen Panzer abwirft, um eine neuere festere Schale zu bekommen.

Sie kümmert sich um ihre Familie, versucht allen zu helfen, ohne selbst komplett unterzugehen und plötzlich steht alles, was sie sich an Freiheit so erkämpft hatte, auf dem Spiel.

„Hör auf damit, Sanaa, werde nicht so wie die Frauen aus dem Hochhaus.“
Hochhausfrauen, die vom Balkon aus andere Menschen beobachten, Frauen, deren Lebenswelt bis zum Supermarkt reicht. Frauen, die auf Spielplätzen Passanten beachten statt ihrer Kinder, weil sie ihre Kinder satthaben, weil sie andere Menschen nur aus dem Fernsehen kennen, Frauen, deren Füße vom vielen Warten platt sind, die warten und warten, bis ihr Mann nach Hause kommt, die aus dem Fenster schauen, die auf dem Balkon Wäsche aufhängen und gucken, ob auf dem Marktplatz etwas passiert, endlich etwas passiert… Die Frauen aus dem Hochhaus, die Frauen im Wachturm. Aber ich lebe auch im Hochhaus, will ich ihm sagen.“

Ein großartiger Roman von Karosh Taha vom Leben zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Deutschland und dem Irak, zwischen Realität und Aberglaube. Sie entwirft Figuren, die einem lange nicht aus dem Kopf gehen und das Leben in diesem Hochhaus, mit den Nachbarinnen, Tanten und all ihren Problemen hat mich sehr an meine Kindheit erinnert. Ein Buch, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht und immer wieder denke ich an die Sanaa und hoffe, sie wird irgendwann endlich ankommen und die Freiheit finden, die sie verdient.

Das große Los – Meike Winnemuth

Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen? Meike Winnemuth gewinnt 500.000 € bei „Wer wird Millionär“ und bricht auf zu einer unglaublichen Reise um die Welt: ein Jahr und zwölf Städte über alle Kontinente hinweg. Mit Tempo, Humor und viel Gespür für die Besonderheiten der Menschen erzählt sie von ihren Erfahrungen und zahllosen wundervollen Erlebnissen. Ein inspirierendes Buch über den Rausch der Freiheit, das Glück des Zufalls (Serendipity!) und die Überraschungen, die man nicht zuletzt mit sich selbst erlebt.

Ich hoffe, dass entweder die Autorin selbst oder jemand anderes dieses Buch übersetzen wird, denn es ist wirklich eines der besten Reisebücher, das ich je gelesen habe und es wäre schade, wenn es nur in der deutschsprachigen Welt gelesen würde.

Es geht nicht um Sightseeing und auch nicht darum, die letzten Abenteuer dieser Erde an abgelegenen Orten zu suchen, sondern eher darum, wie ein Ort das eigene Verhalten und die eigene Persönlichkeit verändern kann.

Da sie ihre Arbeit als Journalistin im Ausland fortsetzte, gab sie nur einen Bruchteil des Geldes während ihrer Reise aus, die sie in faszinierende Städte wie Buenos Aires, Shanghai, San Francisco und sogar in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba führte. Indem sie in jeder der zwölf Städte für einen Monat eine voll möblierte Wohnung mietet, taucht sie direkt in teilweise hektisch pulsierende, lebhafte Orte wie Barcelona ein oder chillt zu den entspannten Vibes in Honolulu.

Die unterschiedlichen Orte bringen auch immer neue Aspekte ihres eigenen Selbst hervor. Es gibt jede Menge spannende psychologische und philosophische Einsichten – ich war wirklich überrascht wie unterhaltsam, faszinierend, lehrreich und teilweise sehr persönlich dieses Buch ist.

Wer nach der Lektüre dieses Buches kein Reisefieber bekommt, ist ganz hochoffiziell ein Couch-Potatoe und muss zur Strafe bei all meinen künftigen Urlauben unsere Blumen gießen im 4. Stock ohne Aufzug.

Mein Überraschungshit diesen Sommer, dem ich locker 10 von 5 Sternen gegeben hätte.

Fuchs 8 – George Saunders

Eine düster-komische Kurzgeschichte, eine Fabel über die allzu realen Auswirkungen, die wir Menschen auf die Umwelt haben.

Fuchs 8 war schon immer als der Tagträumer in seinem Rudel bekannt, der von seinen Fuchskollegen mit einem wissenden Schnauben und Augenrollen betrachtet wurde. Das heißt, bis Fuchs 8 eine einzigartige Fähigkeit entwickelt: Er bringt sich selbst das Sprechen von „Yuman“ bei, indem er sich in den Büschen vor einem Haus versteckt und den Gutenachtgeschichten der Kinder zuhört. Die Macht der Sprache schürt seine reichliche Neugierde auf Menschen – selbst nachdem „danjer“ in Form eines neuen Einkaufszentrums eintrifft, das seine Lebensmittelversorgung unterbricht und Fuchs 8 auf eine erschütternde Suche schickt, um sein Rudel zu retten.

Das machte mir ein gutes Gefül, so als könnten Mänschen Libe fülen und zeigen. Mit anderen Worten, Hoffnung für di Zukunf von der gansen Erde!“

Ich habe dieses Buch geliebt! Ich habe gelacht, fast hätte ich geweint, wurde wütend, wollte ein paar Leute hauen und hab stattdessen das Buch umarmt. Fox 8 ist ein Unikat. Ich bin voller Hoffnung, dass Yumans eines Tages all das sein werden, wovon Fox 8 träumt und im Übrigen stelle ich genau die gleichen Fragen wie Fuchs 8…

Großes Extralob noch an den Übersetzer, Frank Heibert, – amerikanisches mänschisch ins Deutsche zu übertragen war sicher eine ganz besondere Herausforderung. Die wunderschönen Illustrationen sind von Chelsea Cardinal.

Das war sie – die große Sommeredition der Gemischten Tüte. Welche davon habt ihr schon gelesen? Konnte ich euch auf das eine oder andere Buch Lust machen? Ich freue mich über eure Rückmeldungen.

Hier noch mal im Überblick:

  • Gott, hilf dem Kind – Toni Morrison erschienen im Rowohlt Verlag. Übersetzungung: Thomas Piltz
  • Gratitude – Oliver Sacks auf deutsch erschienen unter dem Titel Dankbarkeit im Rowohlt Verlag.
    Übersetzung: Hainer Kober
  • Purple Hibiscus – Chimamanda Ngozi Adichie auf deutsch erschienen unter dem Titel Blauer Hibiskus im Luchterhand Verlag.
    Übersetzung: Judith Schwaab
  • Handbuch für Zeitreisende – Kathrin Passig & Aleks Scholz erschienen im Rowohlt Verlag.
  • Beschreibung einer Krabbenwanderung – Karosh Taha erschienen im Dumont Verlag.
  • Das große Los – Meike Winnemuth erschienen im Knaus Verlag.
  • Fuchs 8 – George Saunders erschienen im Luchterhand Verlag.
    Übersetzung: Frank Heibert

Homegoing – Yaa Gyasi

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Ohne Frage eine der anspruchsvollsten Familiengeschichten, die ich bislang gelesen habe. Yaa Gyasi verfolgt ihre Geschichte über 7 Generationen, schreibt aus 14 unterschiedlichen Perspektiven – normalerweise etwas, wo ich vor lauter Stammbaum schnell den Überblick verliere und schnell die Flinte ins Korn werfe.

Unglaublich, wie sie es schafft, jede Person auf ein paar Seiten so derart individuell, einzigartig und klar rüber zu bringen. Wow. Die Geschichte beginnt mit zwei Halbschwestern: Effia und Esi – die sich niemals kennenlernen. Die eine verschlägt es als Sklavin in die USA, die andere bleibt als Frau eines Sklavenhändlers in Ghana und an den jeweiligen zwei Standorten entwickeln sich die beiden Familienlinien weiter.

“We believe the one who has power. He is the one who gets to write the story. So when you study history, you must ask yourself, Whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story too. From there you get a clearer, yet still imperfect, picture.”

“This is the problem of history. We cannot know that which we were not there to see and hear and experience for ourselves. We must rely upon the words of others. Those who were there in the olden days, they told stories to the children so that the children would know, so that the children could tell stories to their children. And so on, and so on.” 

Jedes Kapitel ist aus der Sicht eines neuen Charakters geschrieben. Erst Effia und Essi, dann jeweils 6 ihrer Nachkommen. Auf diese Weise werden nicht nur die Schicksale der beiden Familien, sondern auch die historischen Ereignisse in Ghana und den USA miteinander verwoben. Durch die Augen der Protagonisten erleben wir die Stammeskonflikte in Ghana im 18. Jahrhundert, den absoluten Horror des transatlantischen Sklavenhandels, der unter amerikanischen und britischen Sklavenhändlern aufblühte.

Was mir bis dato nicht bewusst war, dass es Sklaverei auch vorher in Afrika gab. Bei Stammeskonflikten wurden oft Angehörige des unterlegenen Stammes als Hausmädchen, Ehefrauen, Dienstboten, als Sklaven mitgenommen und die westlichen Sklavenhändler waren eifrig dabei, Öl ins Feuer dieser Konflikte zu gießen und die Stämme dazu zu bringen, ihnen die Verlierer aus solchen Konflikten zu verkaufen.

“You want to know what weakness is? Weakness is treating someone as though they belong to you. Strength is knowing that everyone belongs to themselves.” 

Auf gerade einmal 300 Seiten wird so derart viel an geschichtlichem Wissen und Charakterstudien übermittelt, dass mein Hirn wohl noch eine Weile mit diesem Thema beschäftigt sein wird. Es war spannend, dieses Buch im Bookclub direkt nach Zora Neale Hurstons „Their Eyes were watching God“ zu lesen. Die passende Anschlusslektüre wäre wohl Colson Whiteheads „The Underground Railroad“, das auch schon eine Weile in meinem Regal steht. Wir waren uns bei der Diskussion im Übrigen so einig wie selten. Ich glaube fast jede hat dem Roman 5 Sterne gegeben.

Das Buch ist, wie zu erwarten, keine einfache Lektüre. Brutalität, Blut, Auspeitschungen, Rassismus, die unerträgliche Überlegenheit der Sklavenhändler, die fürchterliche Angst, die der „Fugitive Slave Act“ von 1850 brachte, etc.
Gyasi behandelt diese Themen mit viel Sensibilität, sie schafft ein ehrliches und realistisches Porträt der Gewalt, ohne voyeuristisch zu wirken.

Eine mutige, ungeschminkte Geschichte über die noch immer anhaltenden Effekte der Kolonisation Afrikas und des Sklavenhandels. Unglaublich, dass es sich bei diesem Buch um ein Debüt handelt, was für ein Talent. Ich bin sehr gespannt auf das nächste Buch dieser großartigen Autorin, die ihrem Vorbild Toni Morrison alle Ehre macht.

Danke an Leila, für die Übersendung dieser spannenden Artikel über die Autorin:

und

https://www.theguardian.com/books/2017/oct/28/yaa-gyasi-my-writing-day

sowie dieses spannende Interview/Lesung mit ihr:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Heimkehren“ im Dumont Verlag.

Connection with Reader could not be established

Ab und an schnackelt es nicht und dann ist diese Rubrik mein virtueller Beichtstuhl für mangelndes Durchhaltevermögen. In den allermeisten Fällen trifft die Autoren, die hier landen, deutlich weniger Schuld (wenn man von solcher sprechen möchte) als die Leserin, die häufig zu ungeduldig ist oder zur falschen Zeit das falsche Buch in die Hand nimmt. Dieses Mal hat es diese Werke getroffen:

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Ich freute mich riesig, als ich ganz überraschend den neuen Seethaler in der Post hatte, ist er doch einer der Gegenwartsautoren, der sich ganz sachte und heimlich mit seiner poetischen leisen Sprache in mein Herz geschlichen hat.

Die Idee, die Begrabenen eines Friedhofs ihre Geschichte erzählen zu lassen, fand ich sehr spannend, ich freute mich auf ein vielstimmiges Porträt, aber vollkommen überraschend sind wir dieses Mal überhaupt nicht zusammen gekommen, der Herr Seethaler und ich.

Seethaler ist grundsätzlich einfach und ehrlich wie das deutsche Abendbrot und kaum einer schafft es sonst so einfach wie er, mich in die literarische Provinz zu locken, aber dieses Mal war ich einfach nur gelangweilt. Diese deutschen Toten waren wie Pumpernickel, von dem ich auch immer nur maximal zwei Scheiben mag und dann bleibt die Packung liegen, guckt vorwurfsvoll und beschämt werfe ich sie irgendwann weg.

Das mache ich mit Herrn Seethaler natürlich nicht. Ich stelle ihn ins Regal und versuche es noch einmal, denn ich kann noch nicht so wirklich glauben, dass das dieses Mal nix geworden ist mit uns …

Ich danke dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Mein erster Bolano. Sein bekanntestes Werk 2666 habe ich schon seit Ewigkeiten auf dem Wunschzettel, auf dieses Büchlein stieß ich vor Kurzem im offenen Bücherschrank und bin ganz fürchterlich daran zerschellt. Es ist ein außergewöhnliches Buch, komplett in Monologform. Vieles wiederholte sich, die Sätze sind ausschweifend, aber ich bin einfach nicht hineingekommen.

Das Buch bekommt wahnsinnig gute Kritiken, es liegt also definitiv mehr an mir als an  Bolano. Ich habe es probiert, nach einigen Seiten weggelegt, wie Kaviar vor einigen Jahren, den hab ich noch 2-3 mal weggeschoben, bis ich ihn irgendwann mochte. Vielleicht wird es mit dem Buch auch so sein.

Auch dieses wandert zurück ins Regal und wir versuchen es irgendwann noch einmal miteinander. Kennt es jemand? Hat jemand eine Idee wie man es knackt? Ich gebe doch so ungern auf …

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Als stolze Eltern eines gelegentlich auf dem Balkon mitwohnenden Eichhörnchens namens Willy war es klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

Veblen (die nach einem Philosophen benannt ist) ist eine unterbeschäftigte Mittzwanzigerin, die mit Eichhörnchen spricht. Sie hat eine anstrengende Beziehung zu ihrer hypochondrischen Mutter und glaubt, niemals den Mann fürs Leben zu finden. Bis sie Paul trifft und alles toll zu werden scheint, aber er mag keine Eichhörnchen…

Irgendwo mittendrin verlor ich die Lust an der Geschichte, versuchte stattdessen, mit unserem Willy zu kommunizieren, was dieser ablehnte und beschloss, das Buch nicht weiterzulesen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Im Kern eine Liebesgeschichte“ im Dumont Verlag.

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Ja und dann traf meine Widerborstigkeit auch noch die grandiose Sybille Berg. Ich schätze ihre Romane sehr, im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass ihr Debüt und ich ü-ber-haupt nicht miteinander können.

Zuviel menschlicher Abgrund? Ich weiß es nicht, ich hatte einfach keine Geduld mit den verschiedenen Protagonisten, wollte sie dauernd schubsen oder schütteln, hatte auch gelegentlich Schwierigkeiten, die Informationen dem richtigen Charakter zuzuordnen und habe das Buch dann entnervt in die Ecke geworfen.

Wir sollten das einfach so unter uns lassen, Frau Berg muß das nicht erfahren. Ich kann mir ihren strafenden Blick sehr gut vorstellen und es ist mir ja auch wirklich unangenehm.

So, Beichte abgelegt, fühle mich gleich besser. Welche literarischen Sünden habt ihr zu beichten?

 

Die Ermordung des Commendatore II – Haruki Murakami

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Dieses Jahr hätte er den Nobelpreis bestimmt bekommen, für den er schon so lange gehandelt wird, aber fällt ja nun aus. Über den ersten Teil, in dem unser 37 Jahre alter, gerade frisch getrennter Maler das Haus von Tomohiko Amado bezieht und dessen geheimnisvolles Bild findet, habe ich hier schon geschrieben.

Auf den zweiten Teil musste der geneigte Leser knapp vier Monate warten, das hat mich schon etwas genervt, habe die Teilung des Buches nicht ganz verstanden, denn 1Q84 hat man uns ja auch in einem Band vor den Latz geknallt.

Der Dumont-Verlag hat das aber durch das phantastische Design des Buches wirklich wett gemacht. Diesen beiden Bänden ein dunkles Erscheinungsbild zu geben, hat mir gut gefallen.

Man war schnell wieder drin in der Geschichte, die sich sich anfangs noch recht linear und realitätsnah weiterzuentwickeln schien. Und dann peng! er zieht das Tempo an und auf einmal wird es surreal, aufregend und unglaublich intensiv.

Metaphern wandeln sich, Verlorene tauchen wieder auf, Gesichter verschwinden. Alles wie fast immer bei Murakami, der sich gekonnt selbst zitiert. Die einzige Sache, die mich in diesem Band genervt hat, seine seltsame Busen-Fixierung, insbesondere wenn es sich um ein gerade mal 12- oder 13jähriges Mädchen handelt.

Abgesehen davon war das Lesegenuss pur, auch oder gerade durch die bekannten Motive und die so wohltuende Atmosphäre. Murakamis Romane will man nicht nur lesen, man will sich drin einrichten und darin leben.

Murakami ist Wabi Sabi.

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Big in Japan

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass wir in Japan waren und wahrscheinlich war es der kürzlich beendete neue Roman von Murakami, der wieder heftiges Japan-Fernweh auslöste, es musste also dringend etwas gegen die Sehnsucht unternommen werden. Einfach nur japanisch essen gehen war auf keinen Fall genug, ich plante daher eine intensive Japan-Literaturwoche, um mir ein bisschen von der Stimmung des Landes nach Hause zu holen.

Das Glück ist eine Festung

Fuminoris Roman beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite dunkler Themen von Mord über Krieg, Terrorismus und Identitätsdiebstahl. Auch sein zweiter auf deutsch erschienener Roman ist das, was man einen Krimi-Noir nennen würde. Dunkel und urban schleicht er sich ganz langsam in die Nervengänge und wenn man etwa in der Mitte des Buches angelangt ist, kann man es partout nicht mehr aus der Hand legen.

Als Kind wird Fumihiro Kuki von seinem Vater erzählt, dass dieser ihn allein zu dem Zweck gezeugt hat, um ihn als Krebsgeschwür in die Welt zu entlassen. Die Welt hat es nicht besser verdient und sein Vater wünscht sich, dass Fumihiro soviel Zerstörung und Unheil anrichtet, wie er nur kann. Das möchte er der Welt als Erbschaft hinterlassen.

Fumihiro rebelliert gegen diesen Plan. Als sein Vater ein kleines Mädchen, Kaori, adoptiert,  verliebt sich Fuminori in sie. Von Anfang an ist klar, das sein Vater das Mädchen nicht aus reiner Gutherzigkeit adoptiert hat. Fuminori versucht alles, um Kaori vor seinem zutiefst bösartigen Vater zu beschützen…

Die Sprache ist wunderschön und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die zwar düster, aber dennoch voller Schönheit ist. Man fiebert mit Fumihiro und fühlt mit ihm, dem einzigen, der in seiner kranken, verkorksten Familie versucht, das Richtige zu tun, was nicht einfach ist, wenn man in einer derartig verkorksten Umwelt aufwächst.

Krieg wird in der Geschichte sehr richtig als moderne Form des Bösen dargestellt, das als effiziente Maschine von Kapitalisten, Arbeitern und Soldaten am Laufen gehalten wird durch die unerschöpfliche Energie der ständig neu entstehende Kriegsherde. Krieg als Laboratorium der Unmenschlichkeit im ungezügelten Kapitalismus. Das ist das eigentliche Thema des Buches, das damit unweigerlich Bilder aus den beiden Weltkriegen, dem Vietnam Krieg, dem Krieg in Syrien etc., aufbeschwört.

„Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg.“

Fumihiros Bemühungen, Kaori zu schützen, bringt einiges in Bewegung und bietet und einen schonungslosen Blick in die verdrehten Köpfe von Kriegstreibern, Machthabern und Terroristen, denen völlig egal ist, womit sie Geld verdienen, hauptsache die Kohle stimmt.

Momentan scheinen die spannendsten und intelligentesten Krimis aus Japan zu kommen und Fuminori Nakamura ist ganz vorne dabei. Schon sein erster Roman „The Thief„, den ich mir während unseres Japan-Urlaubs kaufte, war richtig gut.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich schon auf seinen nächsten Roman. Eine weitere schöne Rezension könnt ihr hier bei letusreadsomebooks lesen.

 

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In der Serie „Lost“ gab es einen Protagonisten, der stets das einzige von ihm noch nicht gelesene Exemplar eines Charles Dickens Romans mit sich herumschleppt, weil er glaubte, solange er den noch nicht gelesen hat, kann ihm nix passieren. Vielleicht hatte ich unbewußt einen ähnlichen Beweggrund, warum ich den (vermeintlich wie sich herausstellte) letzten noch ungelesenen Murakami Band „Nach dem Beben“ noch immer jungfräulich im Regal stehen hatte. Bis ich irgendwann merkte, dass „Nach dem Beben“ und „Untergrundkrieg“ natürlich zwei gänzlich verschiedene Bände sind, die ich aus welchem Grund auch immer mental für eines gehalten hatte.

„Untergrundkrieg“ besitze ich derzeit noch nicht einmal, ich konnte also meine Japan-Woche erfreulicherweise um einen Murakami ergänzen, ohne wie Desmond aus Lost das letzte noch ungelesene Buch des Lieblingsautors zu opfern.

„Nach dem Beben“ sind Kurzgeschichten, die Murakami als Reaktion auf das verheerende Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 schrieb. Er schuf sechs unglaubliche Geschichten, deren Hauptcharaktere zwar nicht selbst vom Erdbeben betroffen waren, deren Leben aber dennoch von Grund auf erschüttert und verändert werden. Ein Erdbeben, das nicht nur das Land sondern auch das Gewissen eines ganzen Landes erschütterte.

In typischer Murakami Manier ist es wieder nicht unbedingt der Plot der einzelnen Geschichten, der zentral oder sonderlich wichtig ist, sondern die Atmosphäre, die er wieder untrüglich zu schaffen weiß. In jeder einzelnen Geschichte schafft er eine eigene kleine Welt, seltsam, surreal und komplett faszinierend.

Meine liebste Geschichte war Thailand, auch wenn sie die am wenigsten surreale war. Eine kleine leise entspannende Perle von einer Story, ich wollte sofort und auf der Stelle in einem Freibad alleine früh morgens ein paar Runden drehen.

Mein liebstes Zitat stammt aus der Geschichte „Frosch rettet Tokio“:

„Manche behaupten zwar, Verständnis sei nichts als die Summe unserer Missverständnisse…“

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„Der Bergmann“ ist ein gewagter experimenteller Roman und der, wie ich las, anscheinend das am wenigsten bekannte Buch des großen „Meji„-Autoren Natsume Soseki, der es im Jahr 1908 schrieb. Es ist ein absurder Roman über die unbestimmbare Natur der menschlichen Persönlichkeit, eine Art Vorahnung auf Bücher von Autoren wie Woolf, Beckett oder Joyce.

Der Roman wird als Lieblingsbuch von Haruki Murakami angepriesen und bislang bin ich gerne jeglicher Musik oder Buchempfehlung von Murakami gefolgt und habe das nie bereut (abgesehen von ein paar Jazz-Stücken, mit denen ich nichts anfangen konnte). Dieser Roman war allerdings eine Herausforderung für mich, da er fast gänzlich ohne wirkliche Story fungiert und ausschließlich im Hirn des Protagonisten spielt.

Stream-of-conciousness ist immer schwierig und bei Jocye habe ich da auch immer riesige Schwierigkeiten, komischerweise so gar nicht bei Virigina Woolf. Muss mich irgendwann noch mal damit beschäftigen, woran das liegen könnte. Natsume Sosekis „Der Bergmann“ ist allerdings wieder einer, an dem ich mir ordentlich die Zähne ausgebissen habe.

Die ersten 50 Seiten gingen durchaus gut, wäre das ganze eine Kurzgeschichte die nach 50-60 Seiten endet, ich hätte glaube ich Lobeshymnen abgelassen, aber irgendwann merkte ich beim Lesen, dass ich mehr und mehr zum störrischen Maulesel wurde, der einfach nicht mehr weiter wollte. Kein gutes Zureden, kein „es ist doch Murakamis Lieblingsbuch“ wollten helfen, selbst meine Versuche, mich mit Majus aus dem Asialaden zu bestechen, waren erfolgreich, etwa in der Mitte des Buches ging es nicht mehr weiter und ich sitze sozusagen noch immer im Bergwerk fest.

„Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. Und dann die Leser, die so tun, als würden sie alles verstehen, indem sie von diesem und jenem da reden. Erstere scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, Lügen zu fabrizieren, und letztere sich daran zu ergötzen, diese Lügen zu lesen. Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht. Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich drauf verlassen, dass daraus kein Roman wird. Der reale Mensch ist seltsam undefinierbar.“

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, ich werde es sicherlich noch einmal versuchen, ich glaube das Buch ist wie Matcha Tee, man muss sich da langsam rantasten, es immer mal wieder versuchen. Hat irgendeiner von euch bessere Erfahrungen gemacht und kann mir Tipps geben wie ich das „Bergwerk“ knacken kann?

Ich danke auf jeden Fall dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Während meiner Japan-Woche habe ich im offenen Bücherschrank noch ein obskures Buch aus den 1970er Jahren gefunden. „Bei den Weisen Japans“ von Paul Arnold eine Reise ins mystische Japan und den dortigen Geheimlehren und -sekten. Ich habe bislang nur hineingeblättert, es wirkt etwas esoterisch, erinnert mich aber aus irgendeinem Grund an den „Commendatore“ von Haruki Murakami…


Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust auf Japan machen – bei Interesse kann ich euch meinen Reisebericht empfehlen, dann könnt ihr zumindest schon mal virtuell verreisen, die richtige Reiselektüre hättet ihr auf jeden Fall schon mal 🙂