Homegoing – Yaa Gyasi

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Ohne Frage eine der anspruchsvollsten Familiengeschichten, die ich bislang gelesen habe. Yaa Gyasi verfolgt ihre Geschichte über 7 Generationen, schreibt aus 14 unterschiedlichen Perspektiven – normalerweise etwas, wo ich vor lauter Stammbaum schnell den Überblick verliere und schnell die Flinte ins Korn werfe.

Unglaublich, wie sie es schafft, jede Person auf ein paar Seiten so derart individuell, einzigartig und klar rüber zu bringen. Wow. Die Geschichte beginnt mit zwei Halbschwestern: Effia und Esi – die sich niemals kennenlernen. Die eine verschlägt es als Sklavin in die USA, die andere bleibt als Frau eines Sklavenhändlers in Ghana und an den jeweiligen zwei Standorten entwickeln sich die beiden Familienlinien weiter.

“We believe the one who has power. He is the one who gets to write the story. So when you study history, you must ask yourself, Whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story too. From there you get a clearer, yet still imperfect, picture.”

“This is the problem of history. We cannot know that which we were not there to see and hear and experience for ourselves. We must rely upon the words of others. Those who were there in the olden days, they told stories to the children so that the children would know, so that the children could tell stories to their children. And so on, and so on.” 

Jedes Kapitel ist aus der Sicht eines neuen Charakters geschrieben. Erst Effia und Essi, dann jeweils 6 ihrer Nachkommen. Auf diese Weise werden nicht nur die Schicksale der beiden Familien, sondern auch die historischen Ereignisse in Ghana und den USA miteinander verwoben. Durch die Augen der Protagonisten erleben wir die Stammeskonflikte in Ghana im 18. Jahrhundert, den absoluten Horror des transatlantischen Sklavenhandels, der unter amerikanischen und britischen Sklavenhändlern aufblühte.

Was mir bis dato nicht bewusst war, dass es Sklaverei auch vorher in Afrika gab. Bei Stammeskonflikten wurden oft Angehörige des unterlegenen Stammes als Hausmädchen, Ehefrauen, Dienstboten, als Sklaven mitgenommen und die westlichen Sklavenhändler waren eifrig dabei, Öl ins Feuer dieser Konflikte zu gießen und die Stämme dazu zu bringen, ihnen die Verlierer aus solchen Konflikten zu verkaufen.

“You want to know what weakness is? Weakness is treating someone as though they belong to you. Strength is knowing that everyone belongs to themselves.” 

Auf gerade einmal 300 Seiten wird so derart viel an geschichtlichem Wissen und Charakterstudien übermittelt, dass mein Hirn wohl noch eine Weile mit diesem Thema beschäftigt sein wird. Es war spannend, dieses Buch im Bookclub direkt nach Zora Neale Hurstons „Their Eyes were watching God“ zu lesen. Die passende Anschlusslektüre wäre wohl Colson Whiteheads „The Underground Railroad“, das auch schon eine Weile in meinem Regal steht. Wir waren uns bei der Diskussion im Übrigen so einig wie selten. Ich glaube fast jede hat dem Roman 5 Sterne gegeben.

Das Buch ist, wie zu erwarten, keine einfache Lektüre. Brutalität, Blut, Auspeitschungen, Rassismus, die unerträgliche Überlegenheit der Sklavenhändler, die fürchterliche Angst, die der „Fugitive Slave Act“ von 1850 brachte, etc.
Gyasi behandelt diese Themen mit viel Sensibilität, sie schafft ein ehrliches und realistisches Porträt der Gewalt, ohne voyeuristisch zu wirken.

Eine mutige, ungeschminkte Geschichte über die noch immer anhaltenden Effekte der Kolonisation Afrikas und des Sklavenhandels. Unglaublich, dass es sich bei diesem Buch um ein Debüt handelt, was für ein Talent. Ich bin sehr gespannt auf das nächste Buch dieser großartigen Autorin, die ihrem Vorbild Toni Morrison alle Ehre macht.

Danke an Leila, für die Übersendung dieser spannenden Artikel über die Autorin:

und

https://www.theguardian.com/books/2017/oct/28/yaa-gyasi-my-writing-day

sowie dieses spannende Interview/Lesung mit ihr:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Heimkehren“ im Dumont Verlag.

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Connection with Reader could not be established

Ab und an schnackelt es nicht und dann ist diese Rubrik mein virtueller Beichtstuhl für mangelndes Durchhaltevermögen. In den allermeisten Fällen trifft die Autoren, die hier landen, deutlich weniger Schuld (wenn man von solcher sprechen möchte) als die Leserin, die häufig zu ungeduldig ist oder zur falschen Zeit das falsche Buch in die Hand nimmt. Dieses Mal hat es diese Werke getroffen:

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Ich freute mich riesig, als ich ganz überraschend den neuen Seethaler in der Post hatte, ist er doch einer der Gegenwartsautoren, der sich ganz sachte und heimlich mit seiner poetischen leisen Sprache in mein Herz geschlichen hat.

Die Idee, die Begrabenen eines Friedhofs ihre Geschichte erzählen zu lassen, fand ich sehr spannend, ich freute mich auf ein vielstimmiges Porträt, aber vollkommen überraschend sind wir dieses Mal überhaupt nicht zusammen gekommen, der Herr Seethaler und ich.

Seethaler ist grundsätzlich einfach und ehrlich wie das deutsche Abendbrot und kaum einer schafft es sonst so einfach wie er, mich in die literarische Provinz zu locken, aber dieses Mal war ich einfach nur gelangweilt. Diese deutschen Toten waren wie Pumpernickel, von dem ich auch immer nur maximal zwei Scheiben mag und dann bleibt die Packung liegen, guckt vorwurfsvoll und beschämt werfe ich sie irgendwann weg.

Das mache ich mit Herrn Seethaler natürlich nicht. Ich stelle ihn ins Regal und versuche es noch einmal, denn ich kann noch nicht so wirklich glauben, dass das dieses Mal nix geworden ist mit uns …

Ich danke dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Mein erster Bolano. Sein bekanntestes Werk 2666 habe ich schon seit Ewigkeiten auf dem Wunschzettel, auf dieses Büchlein stieß ich vor Kurzem im offenen Bücherschrank und bin ganz fürchterlich daran zerschellt. Es ist ein außergewöhnliches Buch, komplett in Monologform. Vieles wiederholte sich, die Sätze sind ausschweifend, aber ich bin einfach nicht hineingekommen.

Das Buch bekommt wahnsinnig gute Kritiken, es liegt also definitiv mehr an mir als an  Bolano. Ich habe es probiert, nach einigen Seiten weggelegt, wie Kaviar vor einigen Jahren, den hab ich noch 2-3 mal weggeschoben, bis ich ihn irgendwann mochte. Vielleicht wird es mit dem Buch auch so sein.

Auch dieses wandert zurück ins Regal und wir versuchen es irgendwann noch einmal miteinander. Kennt es jemand? Hat jemand eine Idee wie man es knackt? Ich gebe doch so ungern auf …

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Als stolze Eltern eines gelegentlich auf dem Balkon mitwohnenden Eichhörnchens namens Willy war es klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

Veblen (die nach einem Philosophen benannt ist) ist eine unterbeschäftigte Mittzwanzigerin, die mit Eichhörnchen spricht. Sie hat eine anstrengende Beziehung zu ihrer hypochondrischen Mutter und glaubt, niemals den Mann fürs Leben zu finden. Bis sie Paul trifft und alles toll zu werden scheint, aber er mag keine Eichhörnchen…

Irgendwo mittendrin verlor ich die Lust an der Geschichte, versuchte stattdessen, mit unserem Willy zu kommunizieren, was dieser ablehnte und beschloss, das Buch nicht weiterzulesen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Im Kern eine Liebesgeschichte“ im Dumont Verlag.

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Ja und dann traf meine Widerborstigkeit auch noch die grandiose Sybille Berg. Ich schätze ihre Romane sehr, im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass ihr Debüt und ich ü-ber-haupt nicht miteinander können.

Zuviel menschlicher Abgrund? Ich weiß es nicht, ich hatte einfach keine Geduld mit den verschiedenen Protagonisten, wollte sie dauernd schubsen oder schütteln, hatte auch gelegentlich Schwierigkeiten, die Informationen dem richtigen Charakter zuzuordnen und habe das Buch dann entnervt in die Ecke geworfen.

Wir sollten das einfach so unter uns lassen, Frau Berg muß das nicht erfahren. Ich kann mir ihren strafenden Blick sehr gut vorstellen und es ist mir ja auch wirklich unangenehm.

So, Beichte abgelegt, fühle mich gleich besser. Welche literarischen Sünden habt ihr zu beichten?

 

Die Ermordung des Commendatore II – Haruki Murakami

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Dieses Jahr hätte er den Nobelpreis bestimmt bekommen, für den er schon so lange gehandelt wird, aber fällt ja nun aus. Über den ersten Teil, in dem unser 37 Jahre alter, gerade frisch getrennter Maler das Haus von Tomohiko Amado bezieht und dessen geheimnisvolles Bild findet, habe ich hier schon geschrieben.

Auf den zweiten Teil musste der geneigte Leser knapp vier Monate warten, das hat mich schon etwas genervt, habe die Teilung des Buches nicht ganz verstanden, denn 1Q84 hat man uns ja auch in einem Band vor den Latz geknallt.

Der Dumont-Verlag hat das aber durch das phantastische Design des Buches wirklich wett gemacht. Diesen beiden Bänden ein dunkles Erscheinungsbild zu geben, hat mir gut gefallen.

Man war schnell wieder drin in der Geschichte, die sich sich anfangs noch recht linear und realitätsnah weiterzuentwickeln schien. Und dann peng! er zieht das Tempo an und auf einmal wird es surreal, aufregend und unglaublich intensiv.

Metaphern wandeln sich, Verlorene tauchen wieder auf, Gesichter verschwinden. Alles wie fast immer bei Murakami, der sich gekonnt selbst zitiert. Die einzige Sache, die mich in diesem Band genervt hat, seine seltsame Busen-Fixierung, insbesondere wenn es sich um ein gerade mal 12- oder 13jähriges Mädchen handelt.

Abgesehen davon war das Lesegenuss pur, auch oder gerade durch die bekannten Motive und die so wohltuende Atmosphäre. Murakamis Romane will man nicht nur lesen, man will sich drin einrichten und darin leben.

Murakami ist Wabi Sabi.

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Big in Japan

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass wir in Japan waren und wahrscheinlich war es der kürzlich beendete neue Roman von Murakami, der wieder heftiges Japan-Fernweh auslöste, es musste also dringend etwas gegen die Sehnsucht unternommen werden. Einfach nur japanisch essen gehen war auf keinen Fall genug, ich plante daher eine intensive Japan-Literaturwoche, um mir ein bisschen von der Stimmung des Landes nach Hause zu holen.

Das Glück ist eine Festung

Fuminoris Roman beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite dunkler Themen von Mord über Krieg, Terrorismus und Identitätsdiebstahl. Auch sein zweiter auf deutsch erschienener Roman ist das, was man einen Krimi-Noir nennen würde. Dunkel und urban schleicht er sich ganz langsam in die Nervengänge und wenn man etwa in der Mitte des Buches angelangt ist, kann man es partout nicht mehr aus der Hand legen.

Als Kind wird Fumihiro Kuki von seinem Vater erzählt, dass dieser ihn allein zu dem Zweck gezeugt hat, um ihn als Krebsgeschwür in die Welt zu entlassen. Die Welt hat es nicht besser verdient und sein Vater wünscht sich, dass Fumihiro soviel Zerstörung und Unheil anrichtet, wie er nur kann. Das möchte er der Welt als Erbschaft hinterlassen.

Fumihiro rebelliert gegen diesen Plan. Als sein Vater ein kleines Mädchen, Kaori, adoptiert,  verliebt sich Fuminori in sie. Von Anfang an ist klar, das sein Vater das Mädchen nicht aus reiner Gutherzigkeit adoptiert hat. Fuminori versucht alles, um Kaori vor seinem zutiefst bösartigen Vater zu beschützen…

Die Sprache ist wunderschön und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die zwar düster, aber dennoch voller Schönheit ist. Man fiebert mit Fumihiro und fühlt mit ihm, dem einzigen, der in seiner kranken, verkorksten Familie versucht, das Richtige zu tun, was nicht einfach ist, wenn man in einer derartig verkorksten Umwelt aufwächst.

Krieg wird in der Geschichte sehr richtig als moderne Form des Bösen dargestellt, das als effiziente Maschine von Kapitalisten, Arbeitern und Soldaten am Laufen gehalten wird durch die unerschöpfliche Energie der ständig neu entstehende Kriegsherde. Krieg als Laboratorium der Unmenschlichkeit im ungezügelten Kapitalismus. Das ist das eigentliche Thema des Buches, das damit unweigerlich Bilder aus den beiden Weltkriegen, dem Vietnam Krieg, dem Krieg in Syrien etc., aufbeschwört.

„Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg.“

Fumihiros Bemühungen, Kaori zu schützen, bringt einiges in Bewegung und bietet und einen schonungslosen Blick in die verdrehten Köpfe von Kriegstreibern, Machthabern und Terroristen, denen völlig egal ist, womit sie Geld verdienen, hauptsache die Kohle stimmt.

Momentan scheinen die spannendsten und intelligentesten Krimis aus Japan zu kommen und Fuminori Nakamura ist ganz vorne dabei. Schon sein erster Roman „The Thief„, den ich mir während unseres Japan-Urlaubs kaufte, war richtig gut.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich schon auf seinen nächsten Roman. Eine weitere schöne Rezension könnt ihr hier bei letusreadsomebooks lesen.

 

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In der Serie „Lost“ gab es einen Protagonisten, der stets das einzige von ihm noch nicht gelesene Exemplar eines Charles Dickens Romans mit sich herumschleppt, weil er glaubte, solange er den noch nicht gelesen hat, kann ihm nix passieren. Vielleicht hatte ich unbewußt einen ähnlichen Beweggrund, warum ich den (vermeintlich wie sich herausstellte) letzten noch ungelesenen Murakami Band „Nach dem Beben“ noch immer jungfräulich im Regal stehen hatte. Bis ich irgendwann merkte, dass „Nach dem Beben“ und „Untergrundkrieg“ natürlich zwei gänzlich verschiedene Bände sind, die ich aus welchem Grund auch immer mental für eines gehalten hatte.

„Untergrundkrieg“ besitze ich derzeit noch nicht einmal, ich konnte also meine Japan-Woche erfreulicherweise um einen Murakami ergänzen, ohne wie Desmond aus Lost das letzte noch ungelesene Buch des Lieblingsautors zu opfern.

„Nach dem Beben“ sind Kurzgeschichten, die Murakami als Reaktion auf das verheerende Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 schrieb. Er schuf sechs unglaubliche Geschichten, deren Hauptcharaktere zwar nicht selbst vom Erdbeben betroffen waren, deren Leben aber dennoch von Grund auf erschüttert und verändert werden. Ein Erdbeben, das nicht nur das Land sondern auch das Gewissen eines ganzen Landes erschütterte.

In typischer Murakami Manier ist es wieder nicht unbedingt der Plot der einzelnen Geschichten, der zentral oder sonderlich wichtig ist, sondern die Atmosphäre, die er wieder untrüglich zu schaffen weiß. In jeder einzelnen Geschichte schafft er eine eigene kleine Welt, seltsam, surreal und komplett faszinierend.

Meine liebste Geschichte war Thailand, auch wenn sie die am wenigsten surreale war. Eine kleine leise entspannende Perle von einer Story, ich wollte sofort und auf der Stelle in einem Freibad alleine früh morgens ein paar Runden drehen.

Mein liebstes Zitat stammt aus der Geschichte „Frosch rettet Tokio“:

„Manche behaupten zwar, Verständnis sei nichts als die Summe unserer Missverständnisse…“

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„Der Bergmann“ ist ein gewagter experimenteller Roman und der, wie ich las, anscheinend das am wenigsten bekannte Buch des großen „Meji„-Autoren Natsume Soseki, der es im Jahr 1908 schrieb. Es ist ein absurder Roman über die unbestimmbare Natur der menschlichen Persönlichkeit, eine Art Vorahnung auf Bücher von Autoren wie Woolf, Beckett oder Joyce.

Der Roman wird als Lieblingsbuch von Haruki Murakami angepriesen und bislang bin ich gerne jeglicher Musik oder Buchempfehlung von Murakami gefolgt und habe das nie bereut (abgesehen von ein paar Jazz-Stücken, mit denen ich nichts anfangen konnte). Dieser Roman war allerdings eine Herausforderung für mich, da er fast gänzlich ohne wirkliche Story fungiert und ausschließlich im Hirn des Protagonisten spielt.

Stream-of-conciousness ist immer schwierig und bei Jocye habe ich da auch immer riesige Schwierigkeiten, komischerweise so gar nicht bei Virigina Woolf. Muss mich irgendwann noch mal damit beschäftigen, woran das liegen könnte. Natsume Sosekis „Der Bergmann“ ist allerdings wieder einer, an dem ich mir ordentlich die Zähne ausgebissen habe.

Die ersten 50 Seiten gingen durchaus gut, wäre das ganze eine Kurzgeschichte die nach 50-60 Seiten endet, ich hätte glaube ich Lobeshymnen abgelassen, aber irgendwann merkte ich beim Lesen, dass ich mehr und mehr zum störrischen Maulesel wurde, der einfach nicht mehr weiter wollte. Kein gutes Zureden, kein „es ist doch Murakamis Lieblingsbuch“ wollten helfen, selbst meine Versuche, mich mit Majus aus dem Asialaden zu bestechen, waren erfolgreich, etwa in der Mitte des Buches ging es nicht mehr weiter und ich sitze sozusagen noch immer im Bergwerk fest.

„Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. Und dann die Leser, die so tun, als würden sie alles verstehen, indem sie von diesem und jenem da reden. Erstere scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, Lügen zu fabrizieren, und letztere sich daran zu ergötzen, diese Lügen zu lesen. Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht. Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich drauf verlassen, dass daraus kein Roman wird. Der reale Mensch ist seltsam undefinierbar.“

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, ich werde es sicherlich noch einmal versuchen, ich glaube das Buch ist wie Matcha Tee, man muss sich da langsam rantasten, es immer mal wieder versuchen. Hat irgendeiner von euch bessere Erfahrungen gemacht und kann mir Tipps geben wie ich das „Bergwerk“ knacken kann?

Ich danke auf jeden Fall dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Während meiner Japan-Woche habe ich im offenen Bücherschrank noch ein obskures Buch aus den 1970er Jahren gefunden. „Bei den Weisen Japans“ von Paul Arnold eine Reise ins mystische Japan und den dortigen Geheimlehren und -sekten. Ich habe bislang nur hineingeblättert, es wirkt etwas esoterisch, erinnert mich aber aus irgendeinem Grund an den „Commendatore“ von Haruki Murakami…


Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust auf Japan machen – bei Interesse kann ich euch meinen Reisebericht empfehlen, dann könnt ihr zumindest schon mal virtuell verreisen, die richtige Reiselektüre hättet ihr auf jeden Fall schon mal 🙂

Die Ermordung des Commendatore I – Haruki Murakami

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Ein neuer Murakami erscheint und weltweit verfallen die Jünger in erwartungsfreudige Aufregung, können kaum noch essen oder schlafen, bis der Roman direkt nach Erscheinen verschlungen und verdaut ist.

Bei keinem anderen Autor hat das Lesen seiner Romane etwas derart kulthaftes. Dabei sind die Zutaten in seinen Romanen ziemlich vorhersehbar, man könnte sie eigentlich auf einer Checklist abhaken:

Protagonist – männlicher Mittdreißiger – check
Eine Frau die verschwindet oder sich trennt – check
Einfache Mahlzeiten, Musikstücke in Dauerschleife – check
etc. etc.

Manche erklären es mit dem Sound, dem Murakami-Flow, in den man beim Lesen gerät und das kann ich für mich absolut bestätigen. Ich bin ernsthaft davon überzeugt, Murakami könnte als blutdrucksenkendes Beruhigungsmittel verschrieben werden. Seine Protagonisten, selbst wenn sie gelegentlich ziemlich abgefahrene Dinge erleben, können eine Freiheit leben, die den meisten Menschen komplett unerreichbar erscheint.

Nichts scheint uns heutzutage so sehr zu fehlen, wie Zeit. Wir haben alles im Überfluß, unser Hirn kämpft ständig mit Überforderung, muss ständig aus zuviel Angebot auswählen und möchte doch am liebsten einfach seine Ruhe. Murakami zeigt uns in jedem Roman aufs Neue, wie einfach es sein, kann der FOMO-Blase zu entkommen. Einfach ein einfaches Leben leben. Verzicht auf Luxus, auf unnütze Dinge und sobald die eigenen Wünsche geringer sind als das zur Verfügung stehende Einkommen, hat man es geschafft.

Wir holen uns Marie Kondos Entrümpelungsratgeber und minimalisieren unser Leben als gäbe es kein Morgen, doch irgendwas fehlt noch zur endgültigen Freiheit der Murakamischen Protagonisten und das ist nicht der Brunnen, in dem man einfach mal für ein paar Tage verschwindet oder die Parallelwelt mit zwei Monden. Die für mich und wahrscheinlich die meisten seiner Fans vollkommen unerreichbare Freiheit liegt darin, wie selbstbestimmt sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Ob Maler, Mathematiklehrer, Bibliothekar oder gar komplett arbeitslos, irgendwie schaffen seine Mittdreißiger es immer, Berufe zu haben die ihnen erlauben, 1-2 Tage oder Abende in der Woche zu arbeiten, nie gestresst zu sein, keine Überstunden zu machen und auch wenn sie alle wenig konsumieren, sie schaffen es auch noch sich damit ein Dach überm Kopf zu finanzieren, was nicht das Einfachste ist, wenn ich mich an die Mieten in Tokyo erinnere, wo selbst Schuhschachteln horrende teuer waren.

Wie schaffen die das? Ich will das auch! Selbst wenn ich alle Kosten, die ich beeinflussen kann, so gering wie möglich halte, eine Wohnung zu finanzieren mit 1-2 Tagen Arbeit die Woche schafft man glaube ich nur im Murakami-Universum. Das ist also wahrscheinlich das Phantastischste überhaupt in seinen Romanen und gar nicht die Schafsmänner, kleinen Leute oder Mehrfach-Monde.

„Sie haben ein gutes Verständnis von der Welt, scheinen aber dennoch ein Typ zu sein, der mehr Zeit braucht als gewöhnliche Menschen“

Dieses leise ruhige Leben ohne Stress, Deadlines und vollen Terminkalendern wird es für mich wohl auch weiterhin nur in den Romanen von Haruki Murakami geben. Immerhin da. Ich würde ja schon zumindest eine Weile mit dem Maler auf dem Berg tauschen, mich durch eine Opern-Plattensammlung hören und ohne Internetanschluß auf der Terrasse sitzen und Weißwein trinken. Hach.

Ich bin überzeugt davon, in Murakamis Welt gibt es das bedingungslose Grundeinkommen schon. Das beziehen seine Protagonisten, davon zahlen sie die Miete und den Rest da brauchen sie ja wenig, so wird es sein. Wird Zeit, dass das kommt, dann haben wir endlich die Chance, alle Hauptdarsteller in unserem eigenen Murakami-Roman zu werden.

Die Ermordung des Commendatore hat mich, wie eigenlich jeder seiner Romane, komplett in seinen Bann gezogen. Der Puls ging runter in dem Moment, als der frisch getrennte Porträt-Maler auf seinen Road Trip geht, der ihn nach ein paar Wochen in das Haus des Vaters eines Freundes bringt, wo er die nächsten Monate damit verbringt, ein auf dem Dachboden gefundenes Bild des Vaters und Hauseigentümers, dem berühmten Maler Tomohiko Amada zu betrachten.

Nach einer Weile passieren natürlich wieder unheimliche Dinge, er lernt seinen Nachbarn Menshiki kennen, der von ihm porträtiert werden möchte und im Garten entdecken sie eine sehr seltsame unterirdische Kammer mit einem Glockenstab darin. Murakamis neuer Roman ist wunderbar gruselig, macht immer wieder einen Seiltanz zwischen Halluzination und Realität. Kann man dem Protagonisten eigentlich vertrauen?

Wer jemals in Japan war, ahnt wie seltsam anders die Figuren in Murakamis Büchern sind, in ihrer krassen Individualität, ihrer Abkehr vom üblichen sich-zu-Tode-arbeiten, jeglichem Konsumrausch und der großen Rolle, die westliche Literatur, Musik und Kultur bei ihnen spielen.

Schockiert hat mich, dass Herr Murakami seinen Dewars Whisky in den Kühlschrank stellt, bitte probieren Sie das nicht zu Hause aus. Whisky ist kein Erfrischungsgetränk.

Legen Sie Mozarts „Don Giovanni“ auf, schenken sie sich ein Glas nicht-gekühlten, schottischen Whisky ein, wer sich rebellisch fühlt, kann auch einen japanischen Hibiki oder Yamazaki wählen (sehr lecker!) und wer während der Lektüre irgendwann hungrig wird, bereite sich eine einfache Mahlzeit zu…

Ich kann Teil 2 des Commendatore kaum erwarten und bastel solange an einer Playlist, die ich dann beim Lesen hören kann.

 

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexmplar und habe die #MurakamiLesen Aktion auf Twitter im Übrigen sehr gemocht – bitte gerne mehr davon 🙂

 

Exit West – Mohsin Hamid

We are all migrants through time

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Bevor die Sci-Fi Ladies hier jetzt endgültig das Ruder übernehmen noch eine kurze Review des Buches, mit dem ich ins neue Jahr gestartet bin. Nach dem nicht nur die Bingereader Gattin das Buch frech auf den Stapel am Bett legte,  weil ich das ganz unbedingt bald lesen müsse, sondern auch Barack Obama es mir nahe legte (also in Form seiner jährlichen Lieblings-Bücherliste, aufn SUB direkt hat er mir nix geschoben) zeigte ich mich also willig und griff zu beworbener Lektüre.

Ich will die Spannung hier jetzt gar nicht ins Unerträgliche steigern, es hat sich gelohnt. Den Wirbel um das Buch kann ich nachvollziehen, insbesondere der erste Teil der Geschichte ist in einer wunderschönen, poetischen Sprache geschrieben, hat tolle Bilder und ist voller Atmosphäre.

Die Geschichte spielt in einem nicht genannten muslimischen Land, das sich am Rande eines Krieges befindet (man denkt unweigerlich an Syrien oder Pakistan) und Hamid lässt uns unmittelbar an der Liebesgeschichte von Nadia und Saeed teilhaben.

“In a city swollen by refugees but still mostly at peace, or at least not yet openly at war, a young man met a young woman in a classroom and did not speak to her.“

Saeed und Nadia sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Nadia ist freiheitsliebender, risikofreudiger und sehr zukunftsorientiert. Sie fährt Motorrad und trägt ihren Umhang, den Abaya, um weniger aufzufallen und in Ruhe gelassen zu werden, ist aber nicht religiös. Sie lebt alleine in einer kleinen Dachgeschosswohnung und arbeitet in einem Tech Start Up.

Saaed auf der anderen Seite ist ein sehr gutherziger, freundlicher und mitfühlender Mensch, der Konflikte nicht mag und ihnen eher ausweicht, als sich auseinanderzusetzen. Er ist konservativer und betet regelmässig.

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Ihre Beziehung ist nicht einfach, auch aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Wandel von Studenten zu Liebhabern zu Flüchtlingen kompliziert ihre bittersüße Liebesgeschichte noch weiter.

Beide gehören der Mittelschicht an, sind gebildet, social-media affin, urban und offen und entsprechen damit so gar nicht dem standardmässigen Bild der ungebildeten Flüchtlinge aus der Provinz.  Sie sind ein junges Pärchen, das genauso gut in Paris, London, New York oder Berlin lebten könnte.

“To love is to enter into the inevitability of one day not being able to protect what is most valuable to you.” 

Diie Spannungen und die Gefahren in ihrer Heimatstadt nehmen zunehmend Einfluss auf ihre Beziehung und irgendwann sehen sie sich gezwungen, das Land zu verlassen.

Ab dem Zeitpunkt der Flucht wird die Geschichte traumhafter, sie bleibt dennoch klar und packend, die phantastischen Elemente nehmen aber zu und einige Leser werden damit vermutlich Schwierigkeiten haben.

Die Art und Weise, wie Hamid die Flucht darstellt, ist ganz und gar einzigartig, wunderschön, poetisch fast schon anmutig und hat wenig mit dem üblichen Horror zu tun, mit dem eine Flucht tatsächlich verbunden ist. Es geht weniger um die Flucht selbst, als um das, was mit den Menschen passiert, nachdem sie angekommen sind.

“It might seem odd that in cities teetering at the edge of the abyss young people still go to class—in this case an evening class on corporate identity and product branding—but that is the way of things, with cities as with life, for one moment we are pottering about our errands as usual and the next we are dying, and our eternally impending ending does not put a stop to our transient beginnings and middles until the instant when it does.”

Exit West ist ein wichtiges Buch, eines das man vielen Menschen in die Hand drücken möchte in der Hoffnung, es würde ihnen helfen zu verstehen, warum Menschen ihr Zuhause verlassen, wie viel Humanität dabei verloren geht und wie wichtig es ist, unsere Empathie nicht zu verlieren.

Ein eleganter Roman, der ohne Sentimentalitäten auskommt und der sich ziemlich festsetzt in Hirn und Herz.

Hier ein interessantes Interview mit dem Autor:

Das Buch erschien auf deutsch unter dem gleichen Titel im Dumont Verlag.

Eine sehr schöne Rezension von „Exit West“ findet ihr auch bei letteratura.

Fast vergessen hier noch der link zu den Fotos die Saeed Nadia zeigte von den Städten die nur von den Sternen beleuchtet werden – soooo schön:

https://www.wired.com/2014/11/thierry-cohen-darkened-cities/

Day 6 – It’s a mystery

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So heute mal auf deutsch. Ich liebe Regeln brechen, selbst die die ich selbst gebastelt hab.

Die „Wilde Schafsjagd“ ist ein Trip der ganz besonderen Art. Ein Mix aus Detektivgeschichte, Mystery/Phantasieroman mit einem Schuss Philosophie, japanischem Dosenbier, einfachem Essen, Ohren und Katzen.

Es fängt alles reichlich harmlos an. Der typische Mittzwanziger Murakami Protagonist – dieses Mal ein Angestellter in einer Werbeagentur – hatte eine Liebesaffäre in seiner Jugend mit einer Frau die acht Jahre später stirbt. Am gleichen Tag an dem er von ihrem Tod erfährt, verlässt ihn seine Frau. Das kümmert ihn nicht großartig und er fängt eine Affäre mit einer Frau an die Ohren-Modell ist.

Der Protagonist bekommt eine Postkarte von einem Freund und ohne sich großartig Gedanken darum zu machen nutzt das Bild auf der Postkarte Werbeimage für eine Versicherungsfirma. Was er nicht ahnt ist, dass das harmlos scheinende Foto eines Schafes mit einem Stern auf dem Rücken die Aufmerksamkeit eines Mannes im Dunkeln weckt der ihm ein heftiges Ultimatum stellt: entweder er findet genau dieses Schaf oder er muss mit schrecklichen Konsequenzen rechnen.

Damit beginnt für unseren armen Protagonisten ein Abenteuer, dass seine bisherige Welt komplett auf den Kopf stellt. Es führt ihn aus dem urbanen Tokio in die abgelegene verschneite Bergwelt Nord-Japans wo er nicht nur mit dem ominösen mysteriösen Schaf konfrontiert wird, aber auch mit seinen eigenen innewohnenden Dämonen.

Er verlässt mit seiner Freundin die Stadt um das Schaf zu finden, sie kommen zu einem seltsamen Hotel wo sie einen Mann treffen, dessen Bewusstsein auf seltsame Weise mit dem magischen Schaf verschmolzen ist. Er lässt sie einen Schäfer suchen, der sie zu dem Ort bringen kann, auf das Foto vom Schaf entstanden ist.

Sie finden ihn auch tatsächlich und er fährt sie zu einem Anwesen in den Bergen das dem Foto gleicht. Das Haus ist leer, war aber kürzlich noch bewohnt. Sie finden alte Bücher, eine Gefriertruhe mit Essen, Bierkisten und eine Schallplattensammlung. Die Freundin verlässt den Protagonisten ohne Ankündigung und er bleibt alleine in dem Anwesen, hört sich durch die Plattensammlung, trink und futtert die Vorräte auf und wartet drauf das irgendwas passiert.

Würden wir uns das nicht alle irgendwie wünschen? Das uns einfach irgendein Schicksal dazu zwingt ein paar Tage nichts weiter zu tun als zu lesen, Musik zu hören, zu essen und zu trinken? Außerhalb von Murakami-Romanen heißt das Wellness und es ist ja meine feste Überzeugung, dass diese immer wiederkehrenden Situationen ein ganz tiefes Bedürfnis bei den Lesern erfüllen. Diese Freiheit einfach nur zu sein, nichts Großartiges zu erleben – was würde ich dafür geben für eine Weile mal der Protagonist in einer von Murakamis Büchern zu sein.

Nach den paar Tagen Wellness allerdings bekommt er Besuch vom Schafsmann (der sich selbst so bezeichnet) und dann wird es noch ein bisschen abgedrehter falls das möglich ist 😉

Die „Wilde Schafsjagd“ gehört mit zum abgefahrensten und besten was Murakami geschrieben hat. Wie Raymond Chandler und Acid oder Murakami eben auf Dosenbier. Jeder Satz sitzt und es sind insbesondere die kleinen Dinge in der Geschichte die diesen Roman ganz besonders unvergesslich machen. Wie er die Stimmung, die Atmosphäre einzufangen weiß. Jeder Raum, jede Stille, jede Begegnung hat perfekt nuancierte Charakteristika, die fabelhaften Bilder und erstaunlichen Landschaftsbeschreibungen sind voller wunderschöner Metaphern.

Aber eigentlich liest man das, fühlt sich pudelwohl in dieser verrückten Welt, dann wacht man auf und fragt sich – was zur Hölle war das denn? Und vielleicht wundert man sich noch, warum man ein paar Tage lang leicht zusammenzuckt wenn man Fotos von Schafen sieht.

Aber die Murakami Fans sind das ja gewohnt 😉

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.