Meine Woche

11 aug

Gesehen: „Jules and Jim“ (1962) von Francois Truffaut mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre. Obwohl mich alle Protagonisten nervten ein wirklich guter Film.

A simple favor“ (2018) von Paul Feig mit Anna Kendrick und Blake Lively. Thriller um Mami Vlogger Stephanie deren beste Freundin verschwindet. Unterhaltsam.

Videodrome“ (1983) von David Cronenberg mit James Woods und Debbie Harry. Nicht sicher, was Cronenberg hier eingeworfen hatte, sehr abgefahrene Body-Horror-Story.

Gehört: „Crier tout bas“ – Cœur de Pirate, „Poisson rouge“ – Saint Privat, „Laisse tomber les filles“ – France Galle, „Une histoire de plage“ – Brigitte Bardot, „Les passants“ – ZAZ, „Comment te dire adieu“ – Francoise Hardy, „Can I go on“ – Sleater-Kinney

Gelesen: Isaac Asimov „How do people get new ideas„, Jia Tolentino „How we became suckers for the hard labor of self-optimization„, Emily Guendelsberger „I was a fast food worker – let me tell you about burnout„, Sarah Jaffe „Cybergothic Acid Communisms Now“, Rejection letters sent to famous writers und Barack Obamas Sommer Lesetipps

Getan: Meinen kleinen Neffen kennengelernt, Freunde getroffen und mit dem Bookclub diskutiert

Geplant: ein Bergwanderwochenende

Gegessen: Briam

Gefreut: dass ich so einen schönen Tag mit meinem Bruder hatte

Geweint: nein

Geklickt: Nicola Sturgeon „Why governments should prioritize well-being„, Paula Stone Williams „I’ve lived as a man & a woman – here’s what I learned“ und auf diese bezaubernden Zeichnungen im Telefonbuch der Oma die nicht lesen kann

Gelacht: What are you struggling with? 😉

Gestaunt: This incredible skyscraper is also a farm, The vertical forest project

Gewünscht: diese Handtücher, diesen Vodka, diesen Pool

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: „There’s no prerequisites to worthiness. You’re born worthy, and I think that’s a message a lot of women need to hear.“ (Viola Davis)

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Women in Science (17) Lisa Randall

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Lisa Randall ist Professorin für theoretische Physik an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts.  Sie gilt als eine führende Expertin für Teilchenphysik, Stringtheorie und Kosmologie und ist bekannt für das Randall-Sundrum Modell und die darin erfolgte Einführung von Extradimensionen in die phänomenologische Teilchenphysik.

Allein die Einführung reichte um mir immens Respekt vor Ms Randall einzuflössen und meine Hoffnung, sie würde es mir mit „Knocking on Heavens Door“ in irgendeiner Weise einfach machen Zugang zur theoretischen Physik zu bekommen, flogen schon nach den ersten paar Kapiteln fröhlich aus dem Fenster. Die Harvard-Dozentin ist mittlerweile ein ziemlicher Star unter den theoretischen Physikern, insbesondere für ihre Forschung im Bereich Hochenergie Physik. Sie hat einen unglaublichen Enthusiasmus für ihr Feld und man möchte ihr einfach folgen und sich mit ihr an Themen wie dem Large Hadron Collider, der Suche nach dem Higgs Boson, bis hin zur  Theorie um das Geheimnis fehlender Antimaterie abzuarbeiten. Ihre Begeisterung kombiniert mit einem sehr angenehmen Schreibstil helfen enorm, wenn man sich auf das schwierige Terrain der Teilchenphysik begeben will.

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“Despite my resistance to hyperbole, the LHC belongs to a world that can only be described with superlatives. It is not merely large: the LHC is the biggest machine ever built. It is not merely cold: the 1.9 kelvin (1.9 degrees Celsius above absolute zero) temperature necessary for the LHC’s supercomputing magnets to operate is the coldest extended region that we know of in the universe—even colder than outer space. The magnetic field is not merely big: the superconducting dipole magnets generating a magnetic field more than 100,000 times stronger than the Earth’s are the strongest magnets in industrial production ever made.“

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And the extremes don’t end there. The vacuum inside the proton-containing tubes, a 10 trillionth of an atmosphere, is the most complete vacuum over the largest region ever produced. The energy of the collisions are the highest ever generated on Earth, allowing us to study the interactions that occurred in the early universe the furthest back in time.”

Mir gefiel das Kapitel, in dem sich sich ausgiebig mit der Skalierung beschäftigt – vom Universum zu den kleineren Atomen, zu den noch kleineren Protonen bis hin zu den Quarks. Ich fand es spannend, ich habe mich tapfer durchgekämpft, aber ehrlich gesagt hat Ms Randall mein Hirn mit einem derart hohen Datenstrom beschossen, dass die Teilchenphysik teilweise doch zur Antimaterie wurde und mein Hirn irgendwann einem schwarzen Loch glich.

Ich habe eine Menge gelernt, dass Neutrinos sich nicht den physikalischen Gesetzen unterwerfen und sich zumindest für kurze Zeit schneller als das Licht bewegen können, dass auf künftige Zeitreisen hoffende noch immer keinen Grund zum Jubeln haben und auch das Wissenschaftler jede Theorie – und sei es die eigene – immer wieder versuchen zu widerlegen, alles zu hinterfragen, bis eine Theorie nicht länger nur Theorie ist.

Aber ganz ehrlich „Knocking on Heaven’s Door“ war eine Spur zu heftig für mich – zu viel Physik, die ich mit meinem Erbsenhirn nicht meistern konnte. Das ist aber auf gar keinen Fall ein Grund dieses Buch nicht zu lesen. Wenn es jemand schaffen kann, Menschen für Physik zu begeistern und diese besser zu erklären, dann Lisa Randall und selbst wenn man nicht alles versteht, man wird definitiv mehr über die Welt und das Universum wissen als vorher. Ms Randall ist im Übrigen nicht nur wahnsinnig intelligent, witzig und ausgesprochen attraktiv, in ihrer Freizeit schreibt sie dann eben auch noch mal Opern. Nee, ist klar 😉

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel: „Die Vermessung des Universums: Wie die Physik von Morgen den letzten Geheimnissen auf der Spur ist“ im S. Fischer Verlag.

Mainz by the Book

Ich habe schon so viele literarische Reiseberichte verfasst für diesen Blog, aber meine Heimatstadt, die habe ich bislang schmählich vernachlässigt. Das soll sich heute ändern. Anlass war unser Besuch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt den sich meine Schwiegermama mit uns gewünscht hatte. Sie wollte immer schon mal die Mainzelmännchen Hauptstadt kennenlernen und der diesjährige Geburtstag der Bingereader-Gattin ließ sich bestens mit dem Weinfest in Nierstein verbinden.

Passende Reiselektüre war auch kein Problem, es stand noch eine ungelesene Anna Seghers Novelle im heimischen Bücherschrank.

Mit Mainz verbinden viele Menschen hauptsächlich Fastnachtssitzungen, Mainzelmännchen und „wolle mer se roilasse“ dabei ist Mainz natürlich noch sehr viel mehr. 

Vor über 2000 Jahren von den Römern gegründete Stadt, begegnet man dem römischen Erbe an fast jeder Ecke. Für mich war das normalste auf der Welt als Kind in sämtliche Baustellen reinzuschauen, weil man sich fast sicher sein konnte, das etwas römisches zu Tage tritt. Neben spektakuläreren Fundstücken wie den nahezu komplett erhaltenen Römerschiffen, dem riesigen Amphitheater und dem Isis-Tempel, finden sich auch jede Menge Tore, Säulen, Steine etc

Im späten Mittelalter hatte dann mein persönlicher Held Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg seinen Auftritt. Er gilt als Erfinder der beweglichen Lettern und damit der Buchdruckkunst und jedes Jahr zelebriert man während des Johannnisfests das „Gautschen“, die Buchdruckertaufe: „Bei der Zeremonie werden seit dem 16. Jahrhundert Gesellen in ein großes, mit Wasser gefülltes Holzfass eingetaucht und somit symbolisch von den Sünden der Lehrjahre und dem Bleistaub befreit. Diese Tradition wird heute immer am Johannisnacht-Samstag, in historischen Kostümen auf der Bühne am Liebfrauenplatz fortgeführt. Bei den Lehrlingen handelt es sich inzwischen hauptsächlich um Mediengestalter*innen, die ihre Ausbildung frisch beendet haben.“ (aus http://www.johannisnacht.de)

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Einen Besuch im Gutenberg-Museum kann ich natürlich sehr empfehlen, aber wer wenig Zeit hat und sich entscheiden muss, unbedingt in den daneben gelegenen Druckladen gehen. Dort können sich Große und Kleine als Buchdrucker üben und die selbst gedruckten Erzeugnisse stolz mit nach Hause nehmen. Großer Spaß für wenig Geld.

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Neben all den Römern, Buchdruckern und Mainzelmännchen ist der Wein in Mainz natürlich allgegenwärtig. Samstag morgens nach dem Einkauf auf dem Markt mit Weck, Worscht und Woi ins Wochenende starten

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Foto: Mainz.de

Durch die französische Besetzung 1792 – 1814 wo in Mainz ab 1798 französisch als verbindliche Amtssprache galt, gelangten einige Wörter in den alltäglichen Mainzer Sprachgebrauch. Ein paar Beispiele gefällig?

Bagaasch: Familie (fr.bagage) *Coupé: Abteil (fr. coupé) *Briambel: Gezänk (fr. preámbule)*Buddige: Laden (fr. boutique) *Dormel: Schlafmütze (fr. dormir)*  *Kannapee/Schesselong:Sofa (fr. canapé/chaise longue) *Kondukteer: Schaffner (fr.conducteur) *Monder: Schaufenster (fr. montrer) *Portmonee:Geldbörse (fr. porte-monnaie) *Regadd: Angst (fr. regard)*Trottwaa: Bürgersteig (fr. trottoir)
(aus dem Merkurist)

Wunderschön sind im Übrigen auch die Chagall-Fenster in der Stephanskirche, die man sich bei einem Besuch nicht entgehen lassen sollte.

Neben Carl Zuckmayer ist Anna Seghers wohl die bekannteste Autorin die in Mainz das Licht der Welt erblickte.

Aus Mainz.de:

Anna Seghers wurde am 19. November 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie war das einzige Kind des jüdischen Antiquitäten- und Kunsthändlers Isidor Reiling (1868-1940) und seiner Frau Hedwig, geb. Fuld. Der Vater gehörte dem orthodoxen Teil der Mainzer jüdischen Gemeinde an, die Mutter engagierte sich im Vorstand des jüdischen Frauenbundes. Sie wurde 1942 in das Lager Piaski bei Lublin in Polen deportiert und dort ermordet. Netty wurde in der Religion der Eltern erzogen, trat dann aber zwischen 1925 und 1927 aus der jüdischen Gemeinde aus. Die jüdisch-christlichen „Wurzeln“ ihrer Herkunft sind in vielen ihrer literarischen Werke erkennbar.

Netty besuchte ab 1907 eine angesehene Privatschule in Mainz, wechselte nach drei Jahren auf die Höhere Mädchenschule und kam 1917 schließlich auf das Gymnasium, auf dem sie 1920 das Abitur erlangte. Danach begann Netty Reiling ein Studium der Philologie und Kunstgeschichte in Heidelberg und Köln, das sie 1924 mit einer Dissertation über „Das Jüdische im Werke Rembrandts“ abschloss.

In Heidelberg lernte sie ihren späteren Mann, den ungarischen Philosophen und Kommunisten László Radványi, kennen, den sie nach ihrem Studium nach Berlin begleitete. 1928 trat sie selbst der KPD und dem „Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller“ (BRPS) bei. Aufgrund ihres politischen Engagements und ihrer jüdischen Herkunft besonders gefährdet, floh sie schon 1933 aus Deutschland und lebte fortan mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Exil in Frankreich und Mexiko.

1947 kehrte Anna Seghers zurück und lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1983 in Ostberlin. Mit ihrem literarischen Werk und ihrem gesellschaftlichem Engagement wollte sie das „neue Deutschland“ auf antifaschistischer Grundlage aktiv mitgestalten.

Mit dem Roman „Das Siebte Kreuz“ (1942) und der Erzählung „Ausflug der toten Mädchen“ (1944) setzte die Autorin, eine der bedeutendsten Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts und seit 1981 Ehrenbürgerin, Mainz ein unvergängliches literarisches Denkmal.

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Seit sich Anna Seghers auf ihrem Weg ins mexikanische Exil in Martinique und der Dominikanischen Republik aufhielt, beschäftigte sie sich mit der Karibik. Ausführlich widmete sie sich dem Thema in ihrer karibischen Trilogie „Die Hochzeit von Haiti“, „Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe“ und „Das Licht auf dem Galgen“.
In der dünnen Novelle „Drei Frauen aus Haiti“ ihrem letzten Werk, kehrt sie zu dem Themenkomplex und zu ihren Wurzeln als Revolutionsautorin zurück.
Die Protagonistinnen dieser drei kurzen, miteinander verwobenen Geschichten sind drei sehr unterschiedliche Frauen aus drei unterschiedlichen Zeiten. Toaliina lebt in Haiti zur Zeit von Columbus Eroberung, Claudine in Frankreich Napoleons und Luise unter der Diktatur von Doc Duvalier. Anhand der Erlebnisse dieser drei Frauen zeigt Seghers das Schicksal der Haitianer durch die Geschichte hindurch. Sie erzählt von ihrer Unterdrückung, den Mißhandlungen, dem Leid das den Menschen durch die Eroberer zugefügt wurde.
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Egal wie schwierig das Leben für die drei beschriebenen Frauen ist, sie zeigen eine stille, würdevolle Stärke. Die Aussichten für die Frauen sind eher trübe dennoch kämpft Seghers durch das Buch dafür ihnen eine Stimme und einen Platz in der Geschichte zu geben.
Seghers schreibt schonungslose, karge Prosa hier schon fast minimalistisch. Anna Seghers beherrscht die kurze Form, ich bin aber nicht sicher, ob sie auch Kurzgeschichten veröffentlicht hat.
Ich habe auf jeden Fall Lust bekommen, noch einmal „Das siebte Kreuz“ oder „Transit“ zu lesen, deren Lektüre schon viel zu lange her ist. Schade fand ich, dass sich außer der Tafel an Anna Seghers Geburtsthaus nicht auch ein Denkmal oder eine Büste von ihr finden läßt. Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, wie wenige Frauen eigentlich ein Denkmal haben, fast immer nur Herren. Wird Zeit das mal zu ändern.
Ich hoffe, ihr hattet Spaß an diesem Ausflug ins schöne Mainz und ich habe euch etwas Lust auf Anna Seghers gemacht.
Adschee – bis zum nächsten Mal.

Meine Woche

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Gesehen: „Iwans Kindheit“ (1962) von Andrei Tarkovsky. Arbeite mich weiter durch Tarkovskys Filmwerk – auch dieser Film wieder ganz großes Kino.

In Full Bloom“ (2019) von Maegan Houang. Koreanischer Kurzfilm mit tollen Bildern um eine alte Frau in deren Haus ein schwarzes Loch auftaucht.

Lucy’s Tale“ (2018) von Chelsea Lupkin. Body-Horror meets Coming of Age Kurzfilm.

Gehört: „Partitia #2“ – Johann Sebastian Bach, „Sì morrò ma lonor mio meco“ – Georg Friedrich Händel, Charlie XCX live in Chicago, „Pink & Blue“ – Tycho, „Bungalow“ – Bilderbuch, „III“ – Banks, „Dune“ – Soundtrack

Gelesen: dieses Interview mit einer Profilerin potentielle Mass-Shooters aufdeckt, dieses Interview mit Nicolas Cage, diesen Nachruf von Fran Lebowitz auf Toni Morrison, diesen Artikel über die merkwürdige Sekte „Christliche Wissenschaft“ und diesen Artikel von Amanda Lee Koe über Marlene Dietrich

Getan: die Nacht auf der Geburtstagsparty durchgetanzt und beim Augenarzt ein schmerzhaftes Gerstenkorn behandeln lassen

Geplant: Treffen mit lieben Menschen

Gegessen: Irisches Soda-Brot mit Cheddar

Gefreut: über diesen wunderbaren Sommer

Geweint: über die Tatsache, dass eine liebe Freundin beide Elternteile verloren hat

Geklickt: auf diese wunderschönen Bilder aus Teherans verlassenen Gebäuden

Gelacht: Wenn Frauen über Autoren schreiben, wie sonst nur Männer über Autorinnen schreiben und Fragen die Männern nie gestellt werden von Sibylle Berg

Gestaunt: die Seite Wolfram Alpha ist ein wunderbarer Zeitvertreib und über diese Kontaktlinsen

Gewünscht: dieses Tshirt, diese visuellen Meßbecher, diesen Kalender

Gefunden: tolle Bücher im Bücherschrank

Gekauft: ein Abo der SZ,

Gedacht: If there is a book that you want to read, but it hasn’t been written yet, you must be the one to write it. (Toni Morrison)

Women in Science (16) Helen Macdonald

Foto: The Daily Mail

Obwohl so viele Menschen das Buch gelobt und mir empfohlen haben, war ich lange nicht davon zu überzeugen. Ein Buch über Trauerbewältigung und Greifvögel klang einfach überhaupt nicht nach mir. Und dann stand es eines Tages im Bücherschrank und ich blätterte hinein, blieb hängen und ich bin so froh darüber, denn es wäre mir ein wunderbares Leseerlebnis durch die Lappen gegangen.

“The hawk was everything I wanted to be: solitary, self-possessed, free from grief, and numb to the hurts of human life.” 

Falknerei ist ein Thema, mit dem ich mich absolut noch nicht beschäftigt habe. Außer dem Bild von Menschen, die einen großen Greifvogel auf einem riesigen Lederhandschuh tragen, wußte ich gar nix darüber. Irgendwie schafften es diese Menschen, dass die Greifvögel für sie jagten und auch tatsächlich immer wieder brav auf dem Arm landeten.

Einen Vogel abzurichten ist eine große Verantwortung die man übernimmt, wenn man den Vogel trainiert und mit ihm zusammenlebt. Ich war überrascht, dass Helen Macdonald ihre Mabel im Wohnzimmer hält, ich bin immer davon ausgegangen, die Vögel sitzen draußen in Volieren und werden nur herausgenommen, wenn man sie jagen läßt.

Einen Habicht zu trainieren ist ein nahezu übermenschliches Unterfangen, wie das Buch anhand des Trainings von Mabel und parallel dazu anhand T. H. Whites mißglücktem Versuch, einen männlichen Habicht namens Gos zu trainieren, zeigt. Das Training lenkt die Autorin von ihrer tiefen Trauer ab, da ihr Schmerz über den Verlust des Vaters fast zu einer Identitätskrise für sie wird. „H wie Habicht“ ist die Geschichte ihrer Reise aus dem Verlustschmerz hinaus, in die Welt ihres Habichts hinein, den sie als nur wenige Monate alten Jungvogel von einem Züchter übernimmt.

“I think of what wild animals are in our imaginations. And how they are disappearing — not just from the wild, but from people’s everyday lives, replaced by images of themselves in print and on screen. The rarer they get, the fewer meanings animals can have. Eventually rarity is all they are made of. The condor is an icon of extinction. There’s little else to it now but being the last of its kind. And in this lies the diminution of the world. How can you love something, how can you fight to protect it, if all it means is loss?”

Helen Macdonald ist Historikerin, Naturforscherin, Affiliated Scholar an der University of Cambridge im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften sowie eine herausragende Autorin im Bereich „Nature Writing“.

 

MacDonald stand ihrem Vater, dem bekannten Fotografen Alisdair Macdonald, sehr nah. Er war es auch, der sie als Kind mit der Falknerei in Berührung brachte. Das Training von Mabel war ihr Weg, nach dem Tod mit dem Vater in Verbindung zu bleiben.

„The archaeology of grief is not ordered. It is more like earth under a spade, turning up things you had forgotten. Surprising things come to light: not simply memories, but states of mind, emotions, older ways of seeing the world.“

Das Buch beschreibt das erste Jahr, das Macdonald mit Mabel verbringt. Es beginnt mit intensivem Eingwöhnungstraining bis hin zu Mabels ersten Jagd-Flügen ohne Leine. Das Buch endet mit ihrem ersten gemeinsam verbrachten Frühling, wenn Habichte in die Mauser kommen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, sie für die Saison in eine Voliere zu geben und es klingt, als hätte Macdonald sie danach im Grunde von vorne trainieren müssen, nachdem ihre Federn nachgewachsen waren.

Insgesamt verfolgt das Buch vier Erzählstränge. Der erste ist Macdonalds fortwährendes Bemühen, Mabel zu trainieren. Im zweiten geht es um die Beziehung zu ihrem Vater, die dritte beschäftigt sich mit ihrem emotionalen, existentiellen Kampf, sich durch die Trauer wieder zurück ins Leben zu kämpfen und im letzten geht es um den Falkner TH White.

Sowohl White als auch Macdonald nutzen das Habicht abrichten, um sich von der Welt draußen zurückzuziehen. Lena Headey, die Schauspielerin, die insbesondere durch ihre Rolle in „The Game of Thrones“ bekannt geworden ist, kaufte die Filmrechte für das Buch und ich bin sehr gespannt, ob und wann es Mabel auf die große Leinwand schafft.

Macdonald ist ein wunderbar poetisches, emotionales Buch gelungen. Man merkt ihr an, wieviel sie über Greifvögel weiß und sie versteht es, den Leser an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, ohne jemals langweilig oder belehrend zu wirken.

Ganz große Leseempfehlung. Weitere begeisterte Rezensionen findet ihr bei Zeichen und Zeiten sowie bei Buzzaldrins. 

Erschienen ist „H wie Habicht“ im Allegra Verlag.

Meine Woche

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Gesehen: „OITNB Season 7“ – waah eine weitere Lieblingsserie geht zu Ende und ich hab schlimme Entzugserscheinungen. In 2 Tagen komplett durchgeschaut. Eine großartige Sendung, die mir viel bedeutet.

The Feels“ (2017) von Jenée LaMarque mit Constance Wu. Gay RomCom um eine Bachelorette Party. Joah war ok.

Gehört: „You’ve got time“ – Regina Spector, „Blood Year“ – Russian Circles, „Every Step“ – Mavis Staples, „Behind the Spiderweb Gate“ – Alison Cotton

Gelesen: dieses Interview mit Laura Prepon, wird Facebooks „Libra“ Weltwährung? How to party like an existentialist, diesen Artikel von Carolin Emcke zu Sophie Hingst

Getan: viel Zug gefahren, Geburtstag in einem Dortmunder Biergarten gefeiert, einen sehr schönen Abend in Hagen verbracht, ein Weinfest besucht, in einem Elektroauto gefahren und eine riesige Rechnung für einen Kollegen auf 0 herunter gehandelt

Geplant: Yoga machen

Gegessen: sehr leckeres Sushi

Getrunken: Weinschorle

Gefreut: wieder mal in Mainz zu sein und dann auch noch mit all meinen Lieben

Geweint: als ich das Video „Unaccompanied: Alone in America“ gesehen habe

Geklickt: auf die Booker Prize Longlist

Gelacht: Everything is a Dildo if you are brave enough (Alex Vause)

Gestaunt: warum Oktopoden so schlau sind

Gewünscht: diesen Beutel, diesen Pool, dieses Outfit

Gefunden: nix

Gekauft: Geburtstagsgeschenke für die Bingereader-Gattin

Gedacht: „“Freedom is not something that anybody can be given. Freedom is something people take and people are as free as they want to be“ (James Baldwin)

Women in Science (15) Sibylle Anderl

Heute stelle ich euch zum ersten Mal eine Woman in Science vor, die ich tatsächlich persönlich kenne – woohoo. Habe Sibylle Anderl bei einer Lesung in der LMU München getroffen. Sie hat Astrophysik und Philosophie studiert (eine sehr coole Kombi) und über Stoßwellen im interstellaren Medium promoviert. Zurzeit forscht sie als Gastwissenschaftlerin zu den Themen Sternenentstehung und Astrochemie am Institut de Planétologie et d’Astrophysique de Grenoble. Seit Januar 2017 ist sie Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und schreibt für das Feuilleton sowie das Wissenschaftsressort.

Heute möchte ich euch ihr Buch „Das Universum und ich vorstellen“ auf das ich durch Petra von „Elementares Lesen“ aufmerksam wurde:

 

„Wir müssen uns also wohl oder übel damit abfinden, dass wir in Erdnähe festsitzen und nicht sehr viel tun können, um das Universum aktiv zu erkunden“ – das führt dazu, dass Kritiker wie Ian Hacking die Astrophysik für deutlich ungenauer und wissenschaftlich nur schwer erfassbar halten, als andere Naturwissenschaften.

Sibylle Anderl macht uns mit der Popper’schen Welt des universellen Zweifels bekannt und zeigt den Unterschied zu den experimentellen Wissenschaften auf. In ihrem recht persönlichen Buch erzählt sie von einer Tagung in der Uckermark mit Teilnehmern aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wie der Astrophysik, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Dort versuchte Anderl ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass die Astronomie grundsätzlich anders als andere Wissenschaften arbeiten. Doch schon die noch immer bestehende Trennung und die Berührungsängste in den Wissenschaften in unterschiedliche Fachschaften machen es schwer, einen fächerübergreifenden Forschungsantrag zu stellen. Aus dem gemeinsamen Projekt wird daher nichts, doch das Treffen war mehr oder weniger der Anstoss für Anderls Buch, also keineswegs ein unnötiges Treffen in der Uckermark.

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Auch wenn Anderl weiße Zwerge, rote Riesen und schwarze Löcher schlecht unters Mikroskop legen kann, das Universum hat seine ganz eigene Art, mit uns zu kommunizieren, z.B. durch die kaum wahrnehmbare, stets vorhandene Hintergrundstrahlung, die unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann und die für uns messbar und damit hoch wissenschaftlich zur Verfügung steht. Genauso unsichtbar wie Mikrowellen oder die kürzlich entdeckten Gravitationswellen  – die Hintergrundstrahlung ist für die Astrophysik eine der wichtigsten Informationsquellen und gibt Auskunft über die Geburt von Sternen, über Kollisionen von Galaxien und wird oft auch als das Babyfoto des Universums bezeichnet, entstand die Hintergrundstrahlung doch ziemlich kurz nach dem Big Bang.

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Foto: Hanser

„Die Annahme, dass es Dunkle Materie geben muss, beruht darauf, dass man die allgemeine Relativitätstheorie für richtig hält. Tatsächlich hat diese Theorie mit beeindruckender Präzision alle bisherigen Tests bestanden. Wenn man aber in Betracht zieht, dass es eine andere Theorie zur Beschreibung der Gravitation geben könnte, dann kann man auch das Problem der Dunklen Materie umgehen. Über die Frage, ob andere Theorien wie beispielsweise MOND, „Modifizierte Newtonsche Dynamik“, die eine modifizierte der Newtonschen Gravitationstheorie bei geringen Beschleunigungen postuliert, wirklich eine attraktive Alternative darstellen, wird in Kosmologenkreisen leidenschaftlich gestritten.“

Astrophysiker sitzen übrigens deutlich häufiger am Schreibtisch und am Computer als man vermutet, aber wenn sie Glück haben, können Sie die Teleskope auch mal besuchen und selbst Daten aufnehmen. Das führt dann auch zu den deutlich spannenderen Geschichten über zwischenmenschliche Probleme zwischen Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Kulturen, Anekdoten über gefährliche Banditen auf dem Weg zum Teleskop in Chile und Forschung an Sternenembryos.

Die Sherlock-Holmes Methode zeigt anschaulich, wie mühselig die Messungen teilweise sein können und wie schnell die Messergebnisse verfälscht werden können durch locker sitzende Kabel oder tieffliegende Flugzeuge. Als Astrophysiker braucht man also unbedingt eine Menge Geduld beim akribischen Sammeln und Auswerten von Daten.

Die Lesung mit Vortrag war äußerst spannend, wer die Gelegenheit hat, Sibylle Anderl live zu sehen, sollte diese nutzen. Sie hat mit viel Humor auch abstruseste Fragen beantwortet und trotz der Tatsache, dass sie KEIN Star Trek Fan ist, fand ich sie sehr sympatisch (ihren Vater irgendwie auch, obwohl ich ihn gar nicht kenne, aber wenn man das Buch liest, glaubt man irgendwann es sei so).

Ich drücke die Daumen für den Nobelpreis in ein paar Jahren, sie hat ja versprochen mir rechtzeitig Bescheid zu geben, dann wird gefeiert.

Das Universum und ich erschien im Hanser Verlag.