Underground Railroad – Colson Whitehead

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Dieses Buch ist ein sehr intensives Lese-Erlebnis voller Mut, Brutalität und Hoffnung. Es ist die Verurteilung eines der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Sklaverei und es gibt eindringliche, schreckliche Beschreibungen der Gewalt, die den Sklaven angetan wurde.

Das Buch wurde hinlänglich auf allen möglichen Blogs besprochen, daher werde ich mich etwas kürzer halten.

Die Protagonistin Cora ist eine junge Frau, die ihre Mutter vermisst, teilweise aber auch hasst, weil ihr die Flucht gelang, als Cora noch klein war. Ein junger Mann plant auf ihrer Plantage in Georgia ebenfalls zu fliehen und bietet Cora an, ihn zu begleiten. Zum Teil, weil er glaubt, sie bringe Glück durch die gelungene Flucht ihrer Mutter und zum anderen, weil er gerne in ihrer Nähe ist.

Die Geschichte ist ein schreckliches Katz- und Mausspiel zwischen den brutalen Sklavenjägern und den Entflohenen. In der Geschichte gibt es eine tatsächlich existierende Zuglinie, die im Untergrund fährt und die Flüchtenden unter großer Gefahr von einer Station zur nächsten bringt.

“And America, too, is a delusion, the grandest one of all. The white race believes–believes with all its heart–that it is their right to take the land. To kill Indians. Make war. Enslave their brothers. This nation shouldn’t exist, if there is any justice in the world, for its foundations are murder, theft, and cruelty. Yet here we are.”

Auf der Flucht geben sie sich als freigelassene Sklaven aus und als Leserin erfährt man viel über das Leben der Sklaven im frühen 19. Jahrhundert. Nach ihren ersten Jahren als baumwollpflückende Sklavin und ihrer Flucht arbeitet sie mit gefälschten Papieren als Dienstmädchen für eine weiße Familie in Charleston, als lebendes Ausstellungsstück „Afrikanerin“ in einem gut meinenden Museum, und sie versteckt sich über Monate auf einem Dachboden. Als Frau hat sie es noch einmal schwerer, da sie stets mit sexuellen Übergriffen rechnen muss auf ihrem Weg von Georgia über North und South Carolina, Tennessee bis schlussendlich nach Indiana.

“Slavery is a sin when whites were put to the yoke, but not the African. All men are created equal, unless we decide you are not a man.”

Die Geschichte zeigt die verschiedenartigen Misshandlungen und Beschimpfungen, denen die Schwarzen ausgesetzt waren, bis hin zu den nicht gerade selten vorkommenden Morden. Es ist aber nicht nur die Geschichte von zermürbender brutaler Arbeit und teuflischen Sklavenhaltern, es geht auch darum, wie sehr auf freie Sklaven Jagd gemacht wurde, um die Lügen der Besitzer, die Freiheit versprachen und diese Versprechen dann brachen. Es geht um das falsche Spiel, das weiße Ärzte mit unwissenden Schwarzen trieben, in dem sie eugenische Experimente an ihnen vornahmen, um die ständige Sorge der Schwarzen um ihre Familienmitglieder, nicht nur die der Eltern um ihre Kinder, auch umgekehrt, wenn freigelassene oder geflohene Kinder sich verzweifelt fragen, was aus ihren alten Eltern auf den Plantagen werden wird.

Man spürt die immense Recherche, die der Autor für dieses Buch betrieben hat. Ich habe viel gelernt. Das ist kein einfaches, aber ein wichtiges Buch. Einzige Kritik meinerseits, teilweise waren die Charaktere etwas zweidimensional.

Das Buch hat den Pulitzer Preis definitiv verdient und das war mit Sicherheit nicht das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe. Ich hatte es im Übrigen zuerst auf Englisch versucht, war aber froh, als mir dann eine deutsche Ausgabe des Buches zulief, das hat mir die Lektüre in diesem Fall definitiv einfach gemacht.

Gemischte Tüte

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Der ambitionierte Schönling Julien Sorel ist fest entschlossen, seine einfache Provinz-Herkunft hinter sich zu lassen. Er merkt bald, dass man nur dann Erfolg hat, wenn man die subtile Heuchelei beherrscht, mit der die Gesellschaft operiert und er erlangt durch Betrug und viel Egoismus erste Erfolge.

Seine erfolgreiche Karriere bringt ihn ins Herz der glamourösen Pariser Gesellschaft und auf dem Weg dorthin erobert er die sanfte, verheiratete Madame de Rênal und die arrogante, schwierige Mathilde. Als Julien ein unerwartetes, verheerendes Verbrechen begeht, bringt er seine Karriereleiter ins Wanken.

Rot und Schwarz ist ein großartiges satirisches Portät der französischen Gesellschaft nach Waterloo, voller Korruption, Gier, Ennui und einem überaus machiavellisch agierenden Julien, dem irgendwann die eigenen Gefühle in die Quere zu kommen scheinen.

Ich habe sehr viel über Frankreich, Napoleon und die diffizilen gesellschaftlichen Bewegungen gelernt. Ich habe etwas gebraucht, bis ich in der Geschichte drin war, aber dann konnte ich es fast nicht weglegen. Stendhal hat mit Rot und Schwarz einen der ersten psychologischen Romane überhaupt geschrieben und auch wenn wir im Bookclub bei der Diskussion nur zu viert waren (der dicke Schmöker hat doch einige abgeschreckt) hatten wir eine überaus lebendige Diskussion.

Kann den Roman definitiv empfehlen.

Auf Deutsch erschien der Roman unter dem Titel Rot und Schwarz zuletzt im Hanser Verlag.

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Dieser Band versammelt die besten Interviews aus vier Jahrzehnten mit der großartigen Joan Didion. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Sacramento, ihrer Studienzeit in Berkeley, den Jahren in New York und Los Angeles. Sie spricht über ihre Ehe mit dem Schriftsteller John Gregory Dunne, seinen unerwarteten Tod und den ihrer Tochter Quintana, nur zwei Jahre später – Schicksalsschläge, die sie in ihren Erinnerungsbüchern „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“ verarbeitete.

Natürlich spricht sie auch über das Schreiben, die Literatur und den Unterschied im Schreiben von Romanen und nicht-fiktionalen Texten. Ein spannendes Leben einer wegweisenden Frau, die auch mit über 80 Jahren noch immer eine Stilikone ist und für das Modelabel Céline das Postergirl gibt.

Lifegoals: Mit über 80 nur ansatzweise so cool sein wie Joan Didion. Was für eine Frau.

 Dinge zurechtrücken – Gespräche mit Joan Didion aus 40 Jahren erschien im Kampa Verlag.

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Vor etwa zwei Jahren hatte ich mit den Freunden des Literaturhauses in München die Gelegenheit, einer privaten Führung durch die Musikhochschule München beizuwohnen, dem früheren „Führerbau“. Der Dekan der Hochschule hatte ein paar Tage vorher Robert Harris durchs Haus geführt, der Recherchen zu seinem Roman „Munich“ durchführte.

Während wir anfangs eine Powerpoint Präsentation mit Informationen zum Haus anschauten, blieb mir plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke weg. Das Bild auf der Leinwand zeigte Hitler mit Mussolini, Chamberlain und Daladier in Hitlers Arbeitszimmer und dieses Zimmer war zweifelsohne das, in dem wir gerade saßen. Das war ein zutiefst unangenehmes, gruseliges Gefühl.

Aber nun zum Roman, den ich natürlich dann doch irgendwann einmal lesen wollte, auch wenn Spionageromane üblicherweise nicht wirklich meins sind. Guy Legat ist der aufstrebende Star im britischen diplomatischen Dienst, der als Privatsekretär Chamberlains in 10 Downing Street agiert.

Richard von Holz ist Mitarbeiter im Auswärtigen Amt und heimlich im Anti-NSDAP Widerstand. Die beiden Männer waren in den 1920er Jahren Freunde in Oxford, aber hatten seit Längerem keinen Kontakt mehr. Als Guy gemeinsam mit Chamberlain von London nach München fliegt, ist Richard zur gleichen Zeit mit Hitler im Zug aus Berlin nach München unterwegs und die Wege der beiden werden sich definitiv wieder kreuzen.

Ein überaus spannender, historisch akkurater und sehr gut recherchierter Roman, den ich sehr gerne gelesen und viel dabei gelernt habe.

Auf deutsch erschien „Munich“ unter dem Titel „München“ im Heyne Verlag.

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Herman Kochs „Angerichtet“ führt uns in ein vornehmes Restaurant in Amsterdam. Zwei Brüder mit ihren jeweiligen Ehefrauen treffen sich dort und anfangs dreht sich die Unterhaltung eher um Banalitäten: die Arbeit, die letzten Filme, die sie gesehen haben, etc. Aber hinter diesen leeren Worten verbergen sich ziemliche Abgründe und mit jedem gezwungenen Lächeln und jedem neuen Gang des schicken Abendessens werden langsam aber sicher die Messer gewetzt.

Beide Paare haben einen jeweils 15jährigen Sohn. Die beiden Jungen haben gemeinsam ein schreckliches Verbrechen begangen, die eine polizeiliche Untersuchung angestoßen hat und das gemütliche, behütete Leben der Familien gründlich auf den Kopf stellt. Während Höflichkeit und Anstand langsam den Bach runtergehen, zeigen die Paare, wie weit sie zu gehen bereit sind, um die zu beschützen, die sie lieben.

Ein krasser Roman, der einen von der ersten Seite an packt, mich hat er aber letztendlich irgendwie etwas unbefriedigt zurückgelassen. Zuviele Leerstellen, ähnlich wie auf den vornehmen Tellern.

Angerichtet“ erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

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Literary Places nimmt den Leser auf eine aufschlussreiche Reise an die wichtigsten literarischen Orte mit, begleitet von unglaublich schönen Illustrationen.

Sarah Baxter beschreibt umfassend und atmosphärisch 25 literarische Orte rund um den Globus und die dazugehörigen Werke. Die ganzseitigen Illustrationen transportieren einen umgehend in der richtigen Stimmung an den jeweiligen Ort.

Die Reise führt uns mit Don Quixote’s durch die sonnenverbrannten Ebenen La Manchas, mit Cathy und Heathcliffe durch die wilden Yorkshire Moore und mit Holden Caulfield durch den Central Park. Wir erforschen Arundhati Roys Kerala, Joan Lindsay’s Hanging Rock in Australien, die Straßen und Kanalisation von Victor Hugos Paris und noch viele weitere Plätze.

Ein Buch, in das man eintaucht und sofort Lust bekommt, Reisen zu buchen, die passende Lektüre aus dem Regal zu holen und der Autorin Listen mit weiteren Orten zu schicken, die doch bitte bitte im nächsten Band bereist werden sollen.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel „Atlas der literarischen Orte: Entdeckungsreisen zu den Schauplätzen der Weltliteratur“ im Brandstätter Verlag erschienen.

Ich hoffe hier war heute für jeden was dabei – auf welches Buch konnte ich euch am meisten Lust machen?

Book-a-Day-Challenge Day 11

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Just some adjectives that describe this novel, which is one of my favorites this year:

Tender
Raw
Heartbreaking
Beautiful
Stunning

Ocean Vuong didn’t just write a book; he opened his heart and just let it bleed all over the pages. You can tell he is a poet. Reading this shattering portrait of a family cracked me open and turned me inside out.

“They say nothing lasts forever but they’re just scared it will last longer than they can love it.

The book was published as „Auf Erden sind wir kurz grandios“ in Hanser Verlag.

What was the last book that had this affect on you?

 

The People in the Trees – Hanya Yanagihara

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Im Jahr 1950 begibt sich ein junger Arzt namens Norton Perina mit dem Anthropologen Paul Tallent während einer Expedition auf einer entlegenen mikronesischen Insel namens Ivu’ivu auf der Suche nach einem geheimnisvollen Stamm. Sie finden nicht nur den besagten Stamm, sondern auch noch eine Gruppe mysteriöser Waldbewohner, die die „Träumer“ genannt werden. Es stellt sich heraus, dass diese „Träumer“ ein unglaublich langes Leben leben und zwar körperlich recht agil, allerdings zunehmend seniler werdend.

“It disappointed me when I discerned as an adolescent that my father had married my mother only for her beauty, but this was before I realized that parents disappoint us in many ways and it is best not to expect anything of them at all, for chances are that they won’t be able to deliver it.”

Perina glaubt, dass die Ursache dieser unglaublichen Langlebigkeit in einer sehr seltenen Schildkrötenart liegt. Er sucht nach dieser Schildkröte und schmuggelt das Fleisch zurück in die USA, wo er seine These wissenschaftlich nachweisen kann, weltweiten Ruhm erlangt und sogar den Nobelpreis verliehen bekommt. Außer dem Schildkrötenfleisch nimmt er auch nach und nach etwa 50 Kinder mit in die USA und adoptiert sie.

Gods are for stories and heavens and other realms; they are not to be seen by men. But when we encroach on their world, when we see what we are not meant to see, how can anything but disaster follow?”

“Life was elsewhere, and it was frightening and vast and mountainous and uncomfortable.”

Nach kurzer Internetsuche stösst man auf den Nobelpreisträger, der der Autorin als Inspiration für diese Geschichte diente. Es handelt sich um den berühmten Wissenschaftler Carleton Gajdusek, der für die Entdeckung einer neuartigen Klasse infektiöser Erreger, der Prionen, 1976 – zusammen mit Baruch Blumber, den Nobelpreis für Medizin erhielt und der 1997 wegen sexuellen Missbrauchs an von ihm adoptierten Jungen, welchen er im Gerichtsverfahren zugegeben hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

“It is astonishing and a little sad to realize how many discoveries, how many advancements, have been delayed for years, for decades, not because the information was unavailable but because of sheer cowardice, fear of being laughed at, of being ostracized by one’s colleagues.”

Keine Sorge ich spoiler hier nicht, der Nobelpreisgewinn und auch die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs an seinen adoptierten Kindern wird im Roman schon auf den ersten paar Seiten erwähnt. Es handelt sich hier um ein Buch im Buch, die Memoiren Perinas werden von seinem früheren Mitarbeiter und Freund Ronald editiert, der ein eher unzuverlässiger Erzähler ist.

Die Entdeckung des sogenannten „Selene-Syndromes“ und der damit verbundene Nobelpreis haben enorme Implikationen auf Perinas Karriere und seinen Ruf. Doch was passiert, wenn der Mensch versucht, sich zu einem Gott zu erheben? Wenn wir es schaffen Dinge zu tun, die vielleicht nie für uns gedacht waren? Welchen Preis sind wir bereit, für den Fortschritt zu zahlen? Was sind wir bereit zu opfern und zu vergeben?

“All ethics and morals are culturally relative. And Esme’s reaction taught me that while cultural relativism is an easy concept to process intellectually, it is not, for many, an easy one to remember.”

Yanagiharas Roman hat für eine ausgesprochen interessante Diskussion in unserem Bookclub gesorgt. Nur wenige Autoren trauen sich auf so dünnes Eis, wagen es, keine Stellung zu nehmen und Fragen aufzuwerfen wie zum Beispiel die, wie man mit einem Genie umgeht, der im Privatleben alles andere als großartig ist? Ist Perina/Gajdusek eine Legende oder ein Monster? Ist es ok, wie Faust, seine Seele zu verkaufen für Unsterblichkeit?

Yanagihara kickt ihre Leser definitiv aus der Komfortzone. Der Roman hat einige sehr aufwühlende Szenen, es gibt jede Menge Frauenfeindlichkeit, Kolonialismus und Pädophilie. Also keine leichte Kost. Ein Buch, das aufwühlen möchte – auf keinen Fall eine „feel good“ Lektüre.

The People in the Trees“ ist ein großartiger Roman sowohl was die Entwicklung der Charaktere, die Struktur des Romans oder die Sprache angeht. Die Symbolik ist sorgfältig ausgewählt und platziert. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Fähigkeit die Vielzahl an schwierigen Themen so gekonnt und elegant miteinander zu verweben.

Was für ein Debüt!

Neben dem wunderbaren Roman möchte ich euch auch diese spannende Dokumentation über Daniel Gajdusek ans Herz legen:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Das Volk der Bäume“ im Hanser Verlag.

Women in Science (15) Sibylle Anderl

Heute stelle ich euch zum ersten Mal eine Woman in Science vor, die ich tatsächlich persönlich kenne – woohoo. Habe Sibylle Anderl bei einer Lesung in der LMU München getroffen. Sie hat Astrophysik und Philosophie studiert (eine sehr coole Kombi) und über Stoßwellen im interstellaren Medium promoviert. Zurzeit forscht sie als Gastwissenschaftlerin zu den Themen Sternenentstehung und Astrochemie am Institut de Planétologie et d’Astrophysique de Grenoble. Seit Januar 2017 ist sie Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und schreibt für das Feuilleton sowie das Wissenschaftsressort.

Heute möchte ich euch ihr Buch „Das Universum und ich vorstellen“ auf das ich durch Petra von „Elementares Lesen“ aufmerksam wurde:

 

„Wir müssen uns also wohl oder übel damit abfinden, dass wir in Erdnähe festsitzen und nicht sehr viel tun können, um das Universum aktiv zu erkunden“ – das führt dazu, dass Kritiker wie Ian Hacking die Astrophysik für deutlich ungenauer und wissenschaftlich nur schwer erfassbar halten, als andere Naturwissenschaften.

Sibylle Anderl macht uns mit der Popper’schen Welt des universellen Zweifels bekannt und zeigt den Unterschied zu den experimentellen Wissenschaften auf. In ihrem recht persönlichen Buch erzählt sie von einer Tagung in der Uckermark mit Teilnehmern aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wie der Astrophysik, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Dort versuchte Anderl ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass die Astronomie grundsätzlich anders als andere Wissenschaften arbeiten. Doch schon die noch immer bestehende Trennung und die Berührungsängste in den Wissenschaften in unterschiedliche Fachschaften machen es schwer, einen fächerübergreifenden Forschungsantrag zu stellen. Aus dem gemeinsamen Projekt wird daher nichts, doch das Treffen war mehr oder weniger der Anstoss für Anderls Buch, also keineswegs ein unnötiges Treffen in der Uckermark.

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Auch wenn Anderl weiße Zwerge, rote Riesen und schwarze Löcher schlecht unters Mikroskop legen kann, das Universum hat seine ganz eigene Art, mit uns zu kommunizieren, z.B. durch die kaum wahrnehmbare, stets vorhandene Hintergrundstrahlung, die unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann und die für uns messbar und damit hoch wissenschaftlich zur Verfügung steht. Genauso unsichtbar wie Mikrowellen oder die kürzlich entdeckten Gravitationswellen  – die Hintergrundstrahlung ist für die Astrophysik eine der wichtigsten Informationsquellen und gibt Auskunft über die Geburt von Sternen, über Kollisionen von Galaxien und wird oft auch als das Babyfoto des Universums bezeichnet, entstand die Hintergrundstrahlung doch ziemlich kurz nach dem Big Bang.

Sibylle Anderl

Foto: Hanser

„Die Annahme, dass es Dunkle Materie geben muss, beruht darauf, dass man die allgemeine Relativitätstheorie für richtig hält. Tatsächlich hat diese Theorie mit beeindruckender Präzision alle bisherigen Tests bestanden. Wenn man aber in Betracht zieht, dass es eine andere Theorie zur Beschreibung der Gravitation geben könnte, dann kann man auch das Problem der Dunklen Materie umgehen. Über die Frage, ob andere Theorien wie beispielsweise MOND, „Modifizierte Newtonsche Dynamik“, die eine modifizierte der Newtonschen Gravitationstheorie bei geringen Beschleunigungen postuliert, wirklich eine attraktive Alternative darstellen, wird in Kosmologenkreisen leidenschaftlich gestritten.“

Astrophysiker sitzen übrigens deutlich häufiger am Schreibtisch und am Computer als man vermutet, aber wenn sie Glück haben, können Sie die Teleskope auch mal besuchen und selbst Daten aufnehmen. Das führt dann auch zu den deutlich spannenderen Geschichten über zwischenmenschliche Probleme zwischen Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Kulturen, Anekdoten über gefährliche Banditen auf dem Weg zum Teleskop in Chile und Forschung an Sternenembryos.

Die Sherlock-Holmes Methode zeigt anschaulich, wie mühselig die Messungen teilweise sein können und wie schnell die Messergebnisse verfälscht werden können durch locker sitzende Kabel oder tieffliegende Flugzeuge. Als Astrophysiker braucht man also unbedingt eine Menge Geduld beim akribischen Sammeln und Auswerten von Daten.

Die Lesung mit Vortrag war äußerst spannend, wer die Gelegenheit hat, Sibylle Anderl live zu sehen, sollte diese nutzen. Sie hat mit viel Humor auch abstruseste Fragen beantwortet und trotz der Tatsache, dass sie KEIN Star Trek Fan ist, fand ich sie sehr sympatisch (ihren Vater irgendwie auch, obwohl ich ihn gar nicht kenne, aber wenn man das Buch liest, glaubt man irgendwann es sei so).

Ich drücke die Daumen für den Nobelpreis in ein paar Jahren, sie hat ja versprochen mir rechtzeitig Bescheid zu geben, dann wird gefeiert.

Das Universum und ich erschien im Hanser Verlag.

Eisblaue D(r)amen

2018 endete mit drei großartigen Damen und so ging erfreulicherweise das neue Jahr gleich weiter. Drei richtig gute Bücher, so lasse ich mir frisch begonnene Literaturjahre gefallen.

Den Anfang machte Judith Schalansky, auf die ich besonders gespannt war. Ich kenne bislang nur „Der Hals der Giraffe“, das ich sehr mochte und in dem ich Unmengen an Sätzen unterstrichen hatte. Die Latte hing also recht hoch…

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In zwölf Geschichten brausen wir mit ihr durch die Weltgeschichte und erfahren von ganz unterschiedlichen Verlusten, auf jeweils 16 Seiten jeweils getrennt durch eine schwarze Seite. Diese sollte man sich etwas genauer ansehen, denn wer genau schaut, der erkennt die jeweiligen Verluste. Den kaspischen Tiger, die Liebeslieder der Sappho, verlorene Gebäude und Gemälde.

„Wo Sapphos Worte lesbar sind, sind sie so unmissverständlich und klar, wie Worte nur sein können. Besonnen und leidenschaftlich zugleich erzählen sie in einer untergegangenen Sprache, die mit jeder Übersetzung erst zum Leben erweckt werden muss, von einer Himmelsmacht, die auch sechsundzwanzig Jahrhunderte später nichts von ihrer Gewaltigkeit eingebüßt hat: Die plötzliche, ebenso wundersame Verwandlung eines Menschen in ein Objekt des Begehrens, das einen wehrlos macht und Eltern, Ehegatten und Kinder verlassen lässt.“

Die Geschichten sind ganz unterschiedlicher Natur. Die gründlich recherchierten Fakten werden in poetisch knapper Sprache zu melancholischen kleinen Kunstwerken gesponnen. Ich kam aus dem Unterstreichen wieder kaum heraus. Es geht mit Captain Cook vom Atoll Tuanakai, das bei einem Seebeben verschwand, dem letzten Kampf des kaspischen Tigers im Kolosseum in Rom, einem Spaziergang einer nölenden Greta Garbo durch Manhattan, über die attische Lyrikerin Sappho hin zu einem ganz besonderen Kapitel deutscher Naturbeschreibung in Greifswald. Diese Form des „Nature Writing“ habe ich bislang in Deutschland noch nicht gelesen (was aber sicherlich meinem beschränken Lesehorizont zuzuschreiben ist, sicherlich gibt es das noch häufiger – kennt jemand Beispiele?)

Die Geschichten gehen mir noch immer nach und es hat mir riesigen Spaß gemacht, meine eigenen Recherchen zu den Geschichten zu betreiben und mich auf die Suche nach weiteren Verlusten zu begeben. Dieses Buch hätte für mich gerne noch einige weitere sechszehnseitige Verlustanzeigen enthalten dürfen. Für mich ein ganz feines Juwel und ich freue mich schon sehr auf die Lesung mit Judith Schalansky in München am 23. Januar.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Auch Maggie Nelson hat ein erstaunliches, besonderes, kleines blaues Kunstwerk geschaffen. In 240 durchnummerierten Absätzen, die kurzen Gedichten ähneln, philosophiert die Autorin über ihre unbeschreibbare Liebe zur Farbe Blau. Es ist eine Liebes- und Leidensgeschichte. Sie trauert um ihren blauen Prinzen und beschreibt gleichzeitig die Leidensgeschichte ihrer querschnittsgelähmten Freundin.

Frei, und ohne sich um irgendwelche Formbeschränkungen zu scheren, reflektiert sie über die verschiedenen Formen des Blaus in Literatur, Philosophie, Musik und Poesie. Es geht in diesen Miniatur-Essays ums Begehren, das Loslassen, das Versinken im Leid aber Nelson verfasst das nicht ohne Selbstironie, einen Hauch Sentimentalität und feministischer Intellektualität.

Ein Buch, das man auf jeder Seite aufschlagen und loslesen kann, und mit dem man bestens prokrastinieren kann. Ein paar Absätze lesen, ein passendes Musikstück raussuchen, die erwähnten Personen nachschlagen und einfach ein bisschen blau-schwermütig aus dem Fenster schauen…

Meine letzte Empfehlung passt bestens zu den aktuellen Wetterbedingungen.

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Hanna befindet sich mit einem Forscherteam in der Antarktis, als sie von ihrem Bruder eine Email mit den Worten „Scott ist tot“ erhält. Vollkommen überrascht und erschüttert versucht sie, die Nachricht vom Tod ihrer ehemals besten Freundin Fido zu verarbeiten. Die ungeklärten Fragen und immer wieder hochkommenden Erinnerungen drohen Hanna und die Expedition in Gefahr zu bringen.

Es geht nicht nur um eine Forschungsexpedition ins ewige Eis, sondern auch und vor allem um Erinnerungen und an die erste, große Liebe. Nüchtern legt Anna von Canal das Beziehungsgeflecht zwischen Hanna, ihrem Bruder Jan und Fido unter das Mikroskop. Ein spannendes poetisches Buch über die Kindheit, die Macht der Erinnerung und den eisigen Schmerz, den „Ghosting“ verursacht, das bewusste Verschwinden eines Menschen ohne jede Erklärung.

„Du bist seit zwanzig Jahren eingefroren in diesem Bild. Festgehalten in meiner letzten Erinnerung an dich. In dem Moment, bevor unsere Freundschaft endete.“

Mir gefiel dieser kurze Roman mit seiner klaren schnörkellosen Sprache und mit einem letzten Satz, über den ich noch immer nachdenken muss.

Aufmerksam wurde ich darauf durch Constanze, die auf ihrem Blog „Zeichen und Zeiten“ vor einiger Zeit schon darüber berichtete.

#WomeninSciFi (28) Die Hochhausspringerin – Julia von Lucadou

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Woohooo Women in SciFi hat die erste Wiederholungstäterin: Birgit von Sätze und Schätze hat sich wunderbarerweise noch einmal mit einen Beitrag für die Reihe beteiligt. Den Orbit müssen wir nicht verlassen, freut euch auf eine spannende Geschichte bei dir wir alle etwas dazu beitragen sollten, dass sie Dystopie bleibt…

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Foto: Pixabay

Man würde meinen, eine Gesellschaft wie die unsere böte alle Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Doch Wohlstand alleine macht offensichtlich nicht frei. Statt Individualität herrscht Konformismus vor. Wir unterwerfen uns den Mechanismen von Social Media, die unsere „Wünsche“ mitdiktieren. Dutzende von Fernsehshows nach dem Motto „Deutschland sucht den Superstar“ kitzeln zugleich den Wunsch der Menschen, etwas „Besonderes“ zu sein und sorgen doch nur für allgemeine Verflachung. Statt Vielfalt Monotonie in der Konsumentenwüste. Der Mensch wird zum Konsumenten, aber Konsumenten wiederum können nur Leistungsträger sein – wer da nicht reinpasst, fällt durch das Netz.

Ins Abgrundtiefe fallen, ohne Netz und doppelten Boden, um aus den „Peripherien“ in die „Stadt“ zu kommen – das nehmen in diesem grandiose Debütroman junge Menschen freiwillig in Kauf. Selbst die Todesgefahr kann sie nicht schrecken: denn das Hochhausspringen, das Tausende von Menschen digital mitverfolgen, ist für viele der einzige Weg in die Elite der Gesellschaft, die eben in der Stadt lebt.

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Foto: Hanser Verlag

Julia von Lucadou zeichnet in dieser Dystopie das Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Performance alles gilt. Gespiegelt an zwei jungen Frauen, deren Schicksal diametral verläuft: Hitomi, die Ich-Erzählerin, das ist die Überangepasste, die nichts mehr fürchtet als den sozialen Abstieg. Sie hat den ersten Schritt geschafft in „der Stadt“ – ein Job als Psychologin, eine eigene Wohnung, scheinbare Sicherheit. Ihr neuer Auftrag scheint der Sprung auf der Karriereleiter zu sein – sie soll eine berühmte Hochhausspringerin, Riva, der Star unter den Sportlern, wieder auf Kurs bringen: Denn unerklärlicherweise weigert sich Riva von einem Tag auf den anderen, zu trainieren. Hito beobachtet ihre „Klientin“ (die davon nichts weiß) rund um die Uhr durch die in Rivas Wohnung installierten Kameras, sie analysiert ihr Gegenüber, versucht über den Partner Rivas zu intervenieren, untersucht ihr Tagebuch:

„In den ersten drei Jahren der App-Nutzung entsprechen Rivas Einträge dem Bild, das sie auch nach außen hin vermittelte. Doch danach verändern sie sich drastisch, die Texte werden notizenhaft und unzugänglicher. Riva erscheint weniger ausgeglichen, aufbrausender, nicht mehr so zielorientiert. Ihr Leistungswille, ihre Selbstdisziplin und Freude am Wettbewerb gingen zurück. Statt Beschreibungen ihres Trainingsfortschritts erstellte sie immer häufiger durchnummerierte Listen mutmaßlicher Erinnerungen, deren Zweck nicht erkennbar ist.“

Was für Hito zunächst ein großer Erfolg zu werden scheint, hat seinen Preis: Es gelingt ihr nicht, Zugang zu Riva zu finden, ein psychologisches Experiment mündet gar in einer Katastrophe aus Sicht der Leistungsträger. Unter Dauerbeobachtung durch ihren Vorgesetzten „Master“ stehend, der jede ihre Leistungen beurteilt, bricht sich der Stress zunehmend psychosomatisch Bahn, geraten Hitos ganzes Leben und ihre Ansichten ins Wanken. Spannend erzählt die Autorin von der entgegengesetzten Entwicklung der beiden jungen Frauen, die sich dann tatsächlich nur einmal begegnen – die eine wählt den Ausstieg aus der schönen neuen Welt, die andere muss mit ihrem Abstieg fertig werden, konsequent in ihrer Sozialisierung jedoch bis zum bitteren und für den Leser überraschenden Ende.

Julia von Lucadou, promovierte Filmwissenschaftlerin, ist mit „Die Hochhausspringerin“ ein Debüt gelungen, das zu fesseln vermag: Eine gut durchdachte Geschichte, die Figuren psychologisch schlüssig, eine spannende Erzählung. Die Filmerfahrung der Autorin macht sich positiv bemerkbar: Manche Szenen sind so plastisch beschrieben, die entsprechenden Bilder ruft das innere Auge sofort hervor. Aber auch stilistisch überzeugend für eine Leserin wie mich, die sich mit der oft von Technik überfrachteten Sprache des Sciene Fiction-Genres schwer tut. Vor allem jedoch scheint das dystopische Weltbild, das Julia von Lucadou hier zeichnet, so bestürzend und greifbar nah.

Die Anerkennung, die Clemens Setz dem Buch zollt, ist gerechtfertigt:

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“