#WomeninSciFi (28) Die Hochhausspringerin – Julia von Lucadou

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Woohooo Women in SciFi hat die erste Wiederholungstäterin: Birgit von Sätze und Schätze hat sich wunderbarerweise noch einmal mit einen Beitrag für die Reihe beteiligt. Den Orbit müssen wir nicht verlassen, freut euch auf eine spannende Geschichte bei dir wir alle etwas dazu beitragen sollten, dass sie Dystopie bleibt…

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Foto: Pixabay

Man würde meinen, eine Gesellschaft wie die unsere böte alle Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Doch Wohlstand alleine macht offensichtlich nicht frei. Statt Individualität herrscht Konformismus vor. Wir unterwerfen uns den Mechanismen von Social Media, die unsere „Wünsche“ mitdiktieren. Dutzende von Fernsehshows nach dem Motto „Deutschland sucht den Superstar“ kitzeln zugleich den Wunsch der Menschen, etwas „Besonderes“ zu sein und sorgen doch nur für allgemeine Verflachung. Statt Vielfalt Monotonie in der Konsumentenwüste. Der Mensch wird zum Konsumenten, aber Konsumenten wiederum können nur Leistungsträger sein – wer da nicht reinpasst, fällt durch das Netz.

Ins Abgrundtiefe fallen, ohne Netz und doppelten Boden, um aus den „Peripherien“ in die „Stadt“ zu kommen – das nehmen in diesem grandiose Debütroman junge Menschen freiwillig in Kauf. Selbst die Todesgefahr kann sie nicht schrecken: denn das Hochhausspringen, das Tausende von Menschen digital mitverfolgen, ist für viele der einzige Weg in die Elite der Gesellschaft, die eben in der Stadt lebt.

Julia von Lucadou zeichnet in dieser Dystopie das Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Performance alles gilt. Gespiegelt an zwei jungen Frauen, deren Schicksal diametral verläuft: Hitomi, die Ich-Erzählerin, das ist die Überangepasste, die nichts mehr fürchtet als den sozialen Abstieg. Sie hat den ersten Schritt geschafft in „der Stadt“ – ein Job als Psychologin, eine eigene Wohnung, scheinbare Sicherheit. Ihr neuer Auftrag scheint der Sprung auf der Karriereleiter zu sein – sie soll eine berühmte Hochhausspringerin, Riva, der Star unter den Sportlern, wieder auf Kurs bringen: Denn unerklärlicherweise weigert sich Riva von einem Tag auf den anderen, zu trainieren. Hito beobachtet ihre „Klientin“ (die davon nichts weiß) rund um die Uhr durch die in Rivas Wohnung installierten Kameras, sie analysiert ihr Gegenüber, versucht über den Partner Rivas zu intervenieren, untersucht ihr Tagebuch:

„In den ersten drei Jahren der App-Nutzung entsprechen Rivas Einträge dem Bild, das sie auch nach außen hin vermittelte. Doch danach verändern sie sich drastisch, die Texte werden notizenhaft und unzugänglicher. Riva erscheint weniger ausgeglichen, aufbrausender, nicht mehr so zielorientiert. Ihr Leistungswille, ihre Selbstdisziplin und Freude am Wettbewerb gingen zurück. Statt Beschreibungen ihres Trainingsfortschritts erstellte sie immer häufiger durchnummerierte Listen mutmaßlicher Erinnerungen, deren Zweck nicht erkennbar ist.“

Was für Hito zunächst ein großer Erfolg zu werden scheint, hat seinen Preis: Es gelingt ihr nicht, Zugang zu Riva zu finden, ein psychologisches Experiment mündet gar in einer Katastrophe aus Sicht der Leistungsträger. Unter Dauerbeobachtung durch ihren Vorgesetzten „Master“ stehend, der jede ihre Leistungen beurteilt, bricht sich der Stress zunehmend psychosomatisch Bahn, geraten Hitos ganzes Leben und ihre Ansichten ins Wanken. Spannend erzählt die Autorin von der entgegengesetzten Entwicklung der beiden jungen Frauen, die sich dann tatsächlich nur einmal begegnen – die eine wählt den Ausstieg aus der schönen neuen Welt, die andere muss mit ihrem Abstieg fertig werden, konsequent in ihrer Sozialisierung jedoch bis zum bitteren und für den Leser überraschenden Ende.

Julia von Lucadou, promovierte Filmwissenschaftlerin, ist mit „Die Hochhausspringerin“ ein Debüt gelungen, das zu fesseln vermag: Eine gut durchdachte Geschichte, die Figuren psychologisch schlüssig, eine spannende Erzählung. Die Filmerfahrung der Autorin macht sich positiv bemerkbar: Manche Szenen sind so plastisch beschrieben, die entsprechenden Bilder ruft das innere Auge sofort hervor. Aber auch stilistisch überzeugend für eine Leserin wie mich, die sich mit der oft von Technik überfrachteten Sprache des Sciene Fiction-Genres schwer tut. Vor allem jedoch scheint das dystopische Weltbild, das Julia von Lucadou hier zeichnet, so bestürzend und greifbar nah.

Die Anerkennung, die Clemens Setz dem Buch zollt, ist gerechtfertigt:

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“

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Connection with Reader could not be established

Ab und an schnackelt es nicht und dann ist diese Rubrik mein virtueller Beichtstuhl für mangelndes Durchhaltevermögen. In den allermeisten Fällen trifft die Autoren, die hier landen, deutlich weniger Schuld (wenn man von solcher sprechen möchte) als die Leserin, die häufig zu ungeduldig ist oder zur falschen Zeit das falsche Buch in die Hand nimmt. Dieses Mal hat es diese Werke getroffen:

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Ich freute mich riesig, als ich ganz überraschend den neuen Seethaler in der Post hatte, ist er doch einer der Gegenwartsautoren, der sich ganz sachte und heimlich mit seiner poetischen leisen Sprache in mein Herz geschlichen hat.

Die Idee, die Begrabenen eines Friedhofs ihre Geschichte erzählen zu lassen, fand ich sehr spannend, ich freute mich auf ein vielstimmiges Porträt, aber vollkommen überraschend sind wir dieses Mal überhaupt nicht zusammen gekommen, der Herr Seethaler und ich.

Seethaler ist grundsätzlich einfach und ehrlich wie das deutsche Abendbrot und kaum einer schafft es sonst so einfach wie er, mich in die literarische Provinz zu locken, aber dieses Mal war ich einfach nur gelangweilt. Diese deutschen Toten waren wie Pumpernickel, von dem ich auch immer nur maximal zwei Scheiben mag und dann bleibt die Packung liegen, guckt vorwurfsvoll und beschämt werfe ich sie irgendwann weg.

Das mache ich mit Herrn Seethaler natürlich nicht. Ich stelle ihn ins Regal und versuche es noch einmal, denn ich kann noch nicht so wirklich glauben, dass das dieses Mal nix geworden ist mit uns …

Ich danke dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Mein erster Bolano. Sein bekanntestes Werk 2666 habe ich schon seit Ewigkeiten auf dem Wunschzettel, auf dieses Büchlein stieß ich vor Kurzem im offenen Bücherschrank und bin ganz fürchterlich daran zerschellt. Es ist ein außergewöhnliches Buch, komplett in Monologform. Vieles wiederholte sich, die Sätze sind ausschweifend, aber ich bin einfach nicht hineingekommen.

Das Buch bekommt wahnsinnig gute Kritiken, es liegt also definitiv mehr an mir als an  Bolano. Ich habe es probiert, nach einigen Seiten weggelegt, wie Kaviar vor einigen Jahren, den hab ich noch 2-3 mal weggeschoben, bis ich ihn irgendwann mochte. Vielleicht wird es mit dem Buch auch so sein.

Auch dieses wandert zurück ins Regal und wir versuchen es irgendwann noch einmal miteinander. Kennt es jemand? Hat jemand eine Idee wie man es knackt? Ich gebe doch so ungern auf …

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Als stolze Eltern eines gelegentlich auf dem Balkon mitwohnenden Eichhörnchens namens Willy war es klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

Veblen (die nach einem Philosophen benannt ist) ist eine unterbeschäftigte Mittzwanzigerin, die mit Eichhörnchen spricht. Sie hat eine anstrengende Beziehung zu ihrer hypochondrischen Mutter und glaubt, niemals den Mann fürs Leben zu finden. Bis sie Paul trifft und alles toll zu werden scheint, aber er mag keine Eichhörnchen…

Irgendwo mittendrin verlor ich die Lust an der Geschichte, versuchte stattdessen, mit unserem Willy zu kommunizieren, was dieser ablehnte und beschloss, das Buch nicht weiterzulesen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Im Kern eine Liebesgeschichte“ im Dumont Verlag.

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Ja und dann traf meine Widerborstigkeit auch noch die grandiose Sybille Berg. Ich schätze ihre Romane sehr, im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass ihr Debüt und ich ü-ber-haupt nicht miteinander können.

Zuviel menschlicher Abgrund? Ich weiß es nicht, ich hatte einfach keine Geduld mit den verschiedenen Protagonisten, wollte sie dauernd schubsen oder schütteln, hatte auch gelegentlich Schwierigkeiten, die Informationen dem richtigen Charakter zuzuordnen und habe das Buch dann entnervt in die Ecke geworfen.

Wir sollten das einfach so unter uns lassen, Frau Berg muß das nicht erfahren. Ich kann mir ihren strafenden Blick sehr gut vorstellen und es ist mir ja auch wirklich unangenehm.

So, Beichte abgelegt, fühle mich gleich besser. Welche literarischen Sünden habt ihr zu beichten?

 

Hirngymnastik Wissenschaftsphilosophie

Hirngymnastik

Man nehme eine Portion Naturwissenschaft, füge etwas Philosophie hinzu, gut umrühren und fertig ist eine Hirngymnastik, die es mächtig in sich hat.

Von Wissenschaftsphilosophie wird man in der Regel direkt auf die Erkenntnistheorie verwiesen, die Wikipedia wie folgt erklärt:

„Die Erkenntnistheorie (auch Epistemologie oder Gnoseologie) ist ein Hauptgebiet der Philosophie, das die Fragen nach den Voraussetzungen für Erkenntnis, dem Zustandekommen von Wissen und anderer Formen von Überzeugungen umfasst. Dabei wird auch untersucht, was Gewissheit und Rechtfertigung ausmacht und welche Art von Zweifel an welcher Art von Überzeugungen objektiv bestehen kann.“

Eine wichtige Disziplin gerade heute, wo wir von alternativen Fakten und Fake News umgeben zu sein scheinen, die uns dabei, hilft abzuwägen, was zum jeweiligen Zeitpunkt als richtig gilt und was nicht. Überhaupt eine wichtige Sache zu lernen, seine eigenen Lieblingstheorien von Leuten mit eventuell gegenteiliger Meinung  auf Schwachstellen untersuchen zu lassen und immer bereit zu sein, sich theoretisch auch vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Wenn die eigenen Theorien solchen Prüfungen standhalten, dann hat sie Bestand, ansonsten sollte man sie überdenken. Deutlich leichter gesagt als getan, aber grundsätzlich richtig.

Bevor wir uns aber tiefer mit der erkenntnisphilosophischen Seite dieser Hirngymnastik befassen, lasse ich uns erstmal von Frau Anderl ins Universum entführen:

Sibylle Anderl – Das Universum und ich

Schon Ende Oktober letzten Jahres hatte ich die Gelegenheit, Sibylle Anderl in der Bayrischen Staatsbibliothek zu hören, die aus ihrem Buch „Das Universum und ich“ vorlas. Petra von „Elementares Lesen“ hatte mir schon ordentlich Lust gemacht auf die Kombi aus Astrophysik und Philosophie und die Lesung mit Vortrag und kurzer Fragerunde war mindestens so spannend, wie ich es mir erhofft hatte.

„Wir müssen uns also wohl oder übel damit abfinden, dass wir in Erdnähe festsitzen und nicht sehr viel tun können, um das Universum aktiv zu erkunden“ – das führt dazu, dass Kritiker wie Ian Hacking die Astrophysik für deutlich ungenauer und wissenschaftlich nur schwer erfassbar halten, als andere Naturwissenschaften.

Sibylle Anderl macht uns mit der Popper’schen Welt des universellen Zweifels bekannt und zeigt den Unterschied zu den experimentellen Wissenschaften auf. In ihrem recht persönlichen Buch erzählt sie von einer Tagung in der Uckermark mit Teilnehmern aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wie der Astrophysik, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Dort versuchte Anderl ihre Kollegen davon zu überzeugen, dass die Astronomie grundsätzlich anders als andere Wissenschaften arbeiten. Doch schon die noch immer bestehende Trennung und die Berührungsängste in den Wissenschaften in unterschiedliche Fachschaften machen es schwer, einen fächerübergreifenden Forschungsantrag zu stellen. Aus dem gemeinsamen Projekt wird daher nichts, doch das Treffen war mehr oder weniger der Anstoss für Anderls Buch, also keineswegs ein unnötiges Treffen in der Uckermark.

Auch wenn Anderl weiße Zwerge, rote Riesen und schwarze Löcher schlecht unters Mikroskop legen kann, das Universum hat seine ganz eigene Art, mit uns zu kommunizieren, z.B. durch die kaum wahrnehmbare, stets vorhandene Hintergrundstrahlung, die unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann und die für uns messbar und damit hoch wissenschaftlich zur Verfügung steht. Genauso unsichtbar wie Mikrowellen oder die kürzlich entdeckten Gravitationswellen  – die Hintergrundstrahlung ist für die Astrophysik eine der wichtigsten Informationsquellen und gibt Auskunft über die Geburt von Sternen, über Kollisionen von Galaxien und wird oft auch als das Babyfoto des Universums bezeichnet, entstand die Hintergrundstrahlung doch ziemlich kurz nach dem Big Bang.

„Die Annahme, dass es Dunkle Materie geben muss, beruht darauf, dass man die allgemeine Relativitätstheorie für richtig hält. Tatsächlich hat diese Theorie mit beeindruckender Präzision alle bisherigen Tests bestanden. Wenn man aber in Betracht zieht, dass es eine andere Theorie zur Beschreibung der Gravitation geben könnte, dann kann man auch das Problem der Dunklen Materie umgehen. Über die Frage, ob andere Theorien wie beispielsweise MOND, „Modifizierte Newtonsche Dynamik“, die eine modifizierte der Newtonschen Gravitationstheorie bei geringen Beschleunigungen postuliert, wirklich eine attraktive Alternative darstellen, wird in Kosmologenkreisen leidenschaftlich gestritten.“

Astrophysiker sitzen übrigens deutlich häufiger am Schreibtisch und am Computer als man vermutet, aber wenn sie Glück haben, können Sie die Teleskope auch mal besuchen und selbst Daten aufnehmen. Das führt dann auch zu den deutlich spannenderen Geschichten über zwischenmenschliche Probleme zwischen Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Kulturen, Anekdoten über gefährliche Banditen auf dem Weg zum Teleskop in Chile und Forschung an Sternenembryos.

Die Sherlock-Holmes Methode zeigt anschaulich, wie mühselig die Messungen teilweise sein können und wie schnell die Messergebnisse verfälscht werden können durch locker sitzende Kabel oder tieffliegende Flugzeuge. Als Astrophysiker braucht man also unbedingt eine Menge Geduld beim akribischen Sammeln und Auswerten von Daten.

Die Lesung mit Vortrag war äußerst spannend, wer die Gelegenheit hat, Sibylle Anderl live zu sehen, sollte diese nutzen. Sie hat mit viel Humor auch abstruseste Fragen beantwortet und trotz der Tatsache, dass sie KEIN Star Trek Fan ist, fand ich sie sehr sympatisch (ihren Vater irgendwie auch, obwohl ich ihn gar nicht kenne, aber wenn man das Buch liest, glaubt man irgendwann es sei so).

Ich drücke die Daumen für den Nobelpreis in ein paar Jahren, sie hat ja versprochen mir rechtzeitig Bescheid zu geben, dann wird gefeiert.

Hier geht es zu der spannenden Besprechung auf Elementares Lesen.

Karl Popper – Alles Leben ist Problemlösen

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Dies ist vermutlich der zugänglichste Einstieg in Poppers Werk, eine Sammlung an provokanten, nachdenklich stimmenden Aufsätzen und Reden. Die Artikel zeigen Poppers Arbeits- und Denkprozess bei der Erarbeitung seiner Schlüsseltheorien auf dem Gebiet der Wissenschaftsphilosopie sowie seine politischen Ansichten zum Stand der Welt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt. Teil 1 beschäftigt sich mit Fragen der Naturerkenntis, Teil 2 mit Gedanken zur Geschichte und Politik. Seine Ansichten zur wissenschaftlichen Erkenntnis stellt er als dreistufiges Modell vor, das nach der Versuch- und Irrtum-Methode funktioniert. Stufe 1 ist die Benennung des Problems, Stufe 2 die entsprechenden Lösungsversuche, Stufe 3 die Eliminierung von fehlgeschlagenen Lösungen.

„Wenn ein höherer Organismus zu oft in seinen Erwartungen getäuscht wird, so bricht er zusammen. Er kann das Problem nicht lösen; er geht zugrunde“

„Ich bin im allgemeinen ein großer Verehrer des gesunden Menschenverstandes; ich behaupte sogar, daß, wenn wir nur ein wenig kritisch sind, der gesunde Menschenverstand der wertvollste und verläßlichste Ratgeber in allen möglichen Problemsituationen ist. Aber er ist nicht immer verläßlich; und wenn es zu wissenschaftstheoretischen oder erkenntnistheoretischen Fragen kommt, dann ist es von der größten Wichtigkeit, ihm kritisch gegenüberzustehen.“

Popper sieht sich selbst als kritischen Rationalisten, Kantianer und Optimisten. Er ist gegen Utopien, Ideologien und intellektuelle Moderscheinungen jeglicher Art sind ihm ein Graus. Er kritisierte Intellektuelle häufig für ihre unverständliche Sprache und ihre Arroganz. Für ihn ist Wissenschaft die Möglichkeit für eine stetige Weiterentwicklung und -verbesserung der Welt durch die unermüdliche Suche nach der Wahrheit und zum Wohle der gesamten Menschheit.

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„Der Aufklärer spricht so einfach, wie es eben möglich ist. Er will verstanden werden. In dieser Hinsicht ist unter den Philosophen wohl Bertrand Russell unser unübertroffener Meister.“

„Einer der Gründe, warum der Aufklärer nicht überreden und nicht einmal überzeugen will, ist der folgende. Er weiß, daß man außerhalb des engen Gebietes der Logik und vielleicht der Mathematik nichts beweisen kann. Man kann wohl Argumente vorbringen, und man kann Ansichten kritisch untersuchen. Aber außerhalb der elementaren Teile der Mathematik ist unsere Argumentation niemals zwingend und lückenlos. Wir müssen immer die Gründe abwägen, wir müssen immer entscheiden, welche Gründe mehr Gewicht haben: die Gründe, die für eine Ansicht sprechen, oder die, die gegen sie sprechen. So enthält die Meinungsbildung in letzter Linie immer ein Element der freien Entscheidung. Und es ist die freie Entscheidung, die eine Meinung menschlich wertvoll macht.“

Mehrfach erwähnt Popper, wir leben in einer besseren und faireren Welt als je zuvor. Seiner Ansicht nach sollten fundamentale Einsichten so einfach und verständlich sein, dass sie allen zugänglich sind. Geschichte ist keine Entwicklung, die wir jemals werden voraussagen können.

Schon 1994 weist Popper darauf hin, das es keine Garantie gibt, dass die Freiheit wie wir sie kennen, in der Zukunft so weitergehen wird. Je länger die Menschen frei sind, desto mehr empfinden sie diese Freiheit als selbstverständlich und verteidigen sie weniger.

Im Gegensatz zu Bertrand Russell glaubt er nicht, dass wir wissenschaftlich zu klug aber moralisch nicht klug genug sind. Stattdessen ist er der Ansicht, dass die Menschen in der Regel sehr bemüht sind das richtige zu tun und moralisch zu agieren, sie seien allerdings nicht klug genug, die Folgen abzuschätzen, die aus den Handlungen folgt, die sich auf den Rat von moralischen Instanzen hin ausführen.

„Der Rationalist ist einfach ein Mensch, dem mehr daran liegt zu lernen, als Recht zu behalten“

Wir brauchen mehr Rationalisten.

Den letzten Band, den ich hier heute besprechen möchte, fällt nicht eigentlich in den Bereich der Wissenschaftsphilosophie, er hat aber thematisch gut zu den anderen beiden gepasst und ich habe ihn mit sehr großem Vernügen gelesen.

How we got to now – Steven Johnson

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Steven Johnson erforscht in seinem Buch die Geschichte von sechs Innovationen, die den Lauf der Welt beeinflussten (Glas, Kälte, Sound, Sauberkeit, Zeit und Licht) von ihrer Entdeckung durch Hobbyforscher, Amateure, Unternehmer und Wissenschafler zu den häufig komplett unbeabsichtigten historischen Folgen dieser Entdeckungen.

Das Buch ist voller überraschender Geschichte von zufälligen brillianten und genialen Fehlern, wie zum Beispiel der französische Verleger, der den Phonographen einige Jahre vor Edison entdeckte, aber komplett vergaß, eine Playback Funktion einzubauen oder die Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, die bei der Entwicklung der Technologie, die hinter WiFi und Bluetooth steckt, federführend dabei war (hier geht es zu einer Rezension des wunderbaren Buches über Hedy Lamarr).

„How we got to now“ untersucht die Entstehungsgeschichte alltäglicher Gegenstände und zeigt die unerwarteten Verbindungen zwischen augenscheinlich unverwandter Wissensgebiete. Zum Beispiel, wie die Erfindung von Air-Conditioning für die größte Migration von Menschen in der Geschichte unserer Spezies verantwortlich war in bis dahin fast unbewohnbare Gebiete wie Phoenix/Arizona zum Beispiel. Oder wie Pendeluhren die industrielle Revolution vorantrieben oder auch wie sauberes Wasser die Herstellung von Computerchips möglich machte.

“A world without glass would strike at the foundation of modern progress: the extended lifespans that come from understanding the cell, the virus, and the bacterium; the genetic knowledge of what makes us human; the astronomer’s knowledge of our place in the universe. No material on Earth mattered more to those conceptual breakthroughs than glass.”

Johnsons Buch ist provokativ, informativ und eine kleine Warnung muss ich aussprechen, während der Lektüre kann es dazu kommen, dass man durch penetrantes Teilen von gerade entdeckten unglaublich spannenden Informationen in Gefahr gerät, für einen nervigen Klugscheißer gehalten zu werden – das Buch fordert es aber auch wirklich heraus.

“Humans had proven to be unusually good at learning to recognize visual patterns; we internalize our alphabets so well we don’t even have to think about reading once we’ve learned how to do it.”

Es gibt auch eine sehr spannende sechsteilige Serie zum Buch, die ich euch sehr ans Herz legen kann:

Hier noch mal die Bücher der Hirngymnastik im Überblick:

Sybille Anderl – Das Universum und ich erschienen im Hanser Verlag.

Karl Popper – Alles Leben ist Problemlösen erschienen im Piper Verlag

Steven Johnson – How we got to now auf deutsch unter dem Titel „Die Erfindung der Zukunft: Sechs Innovationen, die die Welt veränderten“ im Springer Verlag erschienen.

 

Wir haben Raketen geangelt – Karen Köhler

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Jaaa das Buch ist in aller Munde und es gibt einen ziemlichen Hype darum, ist mir aber alles ganz und gar egal, denn es ist richtig richtig gut und eines meiner absoluten Lieblinge 2014. Ich hätte das nicht geglaubt, Kurzgeschichten haben es ohnehin immer schwieriger bei mir und wenn unisono alle jubeln, dann bin ich ja von vornherein schon mal ganz besonders kritisch, aber diese 9 Kurzgeschichten haben mich ehrlich umgehauen.

Von der ersten Seite an heißt es anschnallen, festhalten, los gehts, die Achterbahn fährt heute ohne Sicherheitskontrolle direkt los. Diese Frau hat keine Angst vor Gefühlen – die Erzählungen handeln meist vom Verlust, von Krankheit, vom Tod, von der Vergangenheit. In wunderbar poetischer Sprache, viel Humor trotz heftiger Themen und sehr viel Charme  gerät man vom ersten Satz an in einen Sog, dem man sich überhaupt nicht mehr entziehen kann. Das sind wunderschön warme Geschichten für eisig-kalte Wintertage. Ich möchte gar nicht einzeln auf die Geschichten eingehen, es sind jede für sich einzigartige ganz verschiedene kleine Juwelen.

“Ich weiß, ich schulde dir alles. Eine Erklärung. Eine Antwort. Ein Leben vielleicht.”

Bei der Lesung im Literaturhaus vor ein paar Wochen hatte ich dann Gelegenheit, mich ein Weilchen mit ihr zu unterhalten – wir kamen da sehr salopp vom Binge drinking aufs Binge Reading und wieder zurück. Sie ist jemand, die innerhalb kürzester Zeit Nähe aufbauen kann und nach Minuten schon hat man das Gefühl, man kenne sich schon seit Ewigkeiten und habe sich einfach eine Weile nicht gesehen.

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Von den Windpocken hat sie erzählt, die ihr zwar den Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb verdarben, aber die ihr auch ein bisserl geholfen haben, Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die Aufmerksamkeit verdient sie, denn das sind wirklich richtig gute Erzählungen. Ich würde es ohne Bedenken allen möglichen Leuten zu Weihnachten schenken, man kann damit gar nix falsch machen.

„Komm her. Und bring den Ring mit.“

Köhler ist gelernte Schauspielerin, schreibt Theaterstücke, macht Illustrationen und hat sich auch gleich am eigenen Buch ausgetobt. Ob es das beste Buch für mich ist 2014, darauf mag ich mich noch nicht so richtig festlegen, eines der besten ja, aber auf jeden Fall das mit Abstand schönste.

raketen3 “Ich möchte etwas sagen, irgendetwas, aber ich bin leer, mir fällt nichts ein, nichts, was nicht belanglos wäre. Die Zeit wird dick und ich unter ihrem Gewicht ganz krumm. Mit jedem Augenblick, der verstreicht, wird das Schweigen zwischen uns größer, und die Möglichkeit, es zu überwinden, schrumpft zu einem sehr überschaubaren Häufchen.”

Raketen geangelt, große Gefühle gefangen und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass vor Köhlers Auftritt im Literaturhaus München noch nie Metallica durch die heiligen Literaturhallen hallten. Das passende Getränk zum Buch ist im Übrigen natürlich die polnische Rakete, die wir an dem Abend auch noch kennenlernen durften. Rezept gefällig ? Ganz einfach:

4cl Wodka
1cl Himbeersirup
10 Tropfen roten Tabsco

und los fliegt die Rakete!

Sehr schöne Rezensionen zu „Wir haben Raketen geangelt“ – findet ihr hier und hier.

The Curtain – Milan Kundera

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Milan Kundera gehört zu meinen Lieblingsautoren. Dieses Buch ist mir beim Reading Weekend in Tilton House in die Hände gefallen. Eines der schönsten Cover, die ich jemals gesehen habe im Übrigen.

Mit diesen Essays habe ich mich allerdings etwas schwer getan. Ich finde den Versuch sehr spannend, über die Weltliteratur einen tieferen Einblick in die Geschichte Europas und des Romans als eigene Kunstform zu bekommen. Allerdings habe ich so einige der Romane auf die er sich bezieht, (noch?) nicht gelesen – das machte es schwierig für mich.

Die Essays machen neugierig auf die – für mich zum Teil – unbekannteren Autoren wie Rabelais, Gombrowicz und Broch, gar keine Frage. Aber am meisten habe ich Lust bekommen auf einen Kundera-Roman. Daher verschreibe ich mir einfach mal wieder die „Unterträgliche Leichtigkeit des Seins“ oder den „Scherz“ zu lesen. Easy.

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Der Vorhang“ im Hanser Verlag erschienen.