Gruseliger Horroctober

Zack ist er schon wieder vorbei mein liebster Monat. Viel zu warm, viel zu golden. Ich habe die neblig-düsteren Wochenenden doch ein bisschen vermisst, die meiner Lektüre etwas angemessener gewesen wären. Vermutlich sollten wir uns bei der drohenden Energiekrise aber über zu warme Monate erst einmal nicht beschweren. Die kalte nasse Jahreszeit wird sicherlich noch kommen. Ein guter Lesemonat war es – wenn natürlich dem Monatsthema geschuldet ein wenig mono-thematisch.

Hier also wieder im Schnell-Durchlauf meine Oktober-Lektüre:

„The Silent Companions“ – Laura Purcell auf deutsch unter dem Titel „Die stillen Gefährten“ im Festa Verlag erschienen übersetzt von Eva Brunner

Mein Highlight diesen Monat. Selten einen so spannenden modernen Gothic-Roman gelesen der stellenweise wirklich gruselig ist und einem klar machen, dass manche Türen vielleicht wirklich besser verschlossen bleiben…

Elsie Bainbridge nach kurzer Ehe frisch verwitwet und schwanger bezieht das alte Landgut ihres verstorbenen Mannes. In ihrem neuen Zuhause existiert ein verschlossener Raum. Als sich dessen Tür für sie öffnet, findet sie ein 200 Jahre altes Tagebuch und eine beunruhigende, lebensgroße Holzfigur – eine stille Gefährtin … und definitiv mehr als sie sich je erhofft hatte. Ein echter Pageturner hab bis kurz nach zwei nachts gelesen und mich dann vor meinem eigenen Schatten gegruselt 😉
Möchte auf jeden Fall auch die anderen Romane der Autorin lesen.

Imprisonment was never the real punishment: it was the people you were stuck with.

„The Vampyre“ – John Polidori erschienen im Black Letter Press Verlag

The Vampyre ist die erste in englischer Sprache veröffentlichte Vampirgeschichte, eine Novelle von John Polidori, dem Arzt von Lord Byron die 1819 erschien.

Die Geschichte erregte in Europa großes Aufsehen. Polidori schuf die erste Vampirerzählung der Weltliteratur und begründete gleichsam mit der Hauptfigur des Lord Ruthven den Typus des modernen Vampir und war bis zur Veröffentlichung von Dracula durch Bram Stoker im Jahr 1897 die unangefochtene Quelle sämtlicher Vampirgeschichten. Die Geschichte entstand am gleichen verregneten Wochenende wie Mary Shelleys „Frankenstein“ in der Villa Diodati am Genfersee aus einem dichterischen Wettstreit mit Lord Byron sowie Mary Shelley und Percy Bysshe Shelley.

Glück brachte sie dem jungen Arzt nicht. Die Geschichte wurde unter Lord Byrons Namen veröffentlicht, Polidori bekam vom Ruhm nicht wirklich was ab (vom Geld auch nicht), hatte Spielschulden, Liebeskummer und litt wohl auch unter Depressionen. Mit nur 26 Jahren starb er unter ungeklärten Umständen die auf Selbstmord hindeuteten. Über sein Leben und das seiner Mitstreiter:innen in der Villa Diodati zu lesen ist mindestens so spannend wie seine Novelle „Der Vampyr“.

Erwähnen möchte ich auch unbedingt den kleinen unabhängigen Verlag „Black Letter Press“ aus Hannover die wunderschöne, liebevoll gemachte dunkle Klassiker veröffentlichen.

Aubrey retired to rest, but did not sleep; the many circumstances attending his acquaintance with this man rose upon his mind, and he knew not why; when he remembered his oath a cold shivering came over him, as if from the presentiment of something horrible awaiting him.

„Sleepy Hollow“ und „Rip van Winkle“ – Washington Irving erschienen im Black Letter Press Verlag

Auch dies ein Klassiker aus dem Hause Black Letter Press. Bislang kannte ich nur die Verfilmung aus den 90er Jahren, die ich sehr liebe und es wurde Zeit mich mit einem Gothic Klassiker aus New England zu beschäftigen.

Irving beschäftigte sich mit der deutschen Romantik als ihm angeblich auf einer Reise durch England auf der Westminster Bridge in London die Idee zum kopflosen Reiter aus Sleepy Hollow kam. In Interviews beteuerte Irving jedoch stets das die Sage genau so in den Catskills erzählt werde und er sie selbst so erzählt bekomme habe. Es gab immer wieder einmal Plagiats Vorwürfe, dem Erfolg der Geschichte und dem Ruhm Irvings tat das jedoch keinen Abbruch.

Rip van Winkle geht wohl tatsächlich auf eine Sage zurück, allerdings auf eine deutsche. Irving hatte wie andere amerikanische Schriftsteller auch das Problem das die frisch gegründeten Vereinigten Staaten nicht wirklich auf eine Vergangenheit zurückblicken konnte aus der er Material ziehen konnte, daher verlegte er die deutsche Sage einfach in die Berge New Yorks.

Habe beide Geschichten gerne gelesen und große Lust bald mal wieder den Film anzuschauen.

All these, however, were mere terrors of the night, phantoms of the mind that walk in darkness; and though he had seen many spectres in his time, and been more than once beset by Satan in divers shapes, in his lonely pre-ambulations, yet daylight put an end to all these evils; and he would have passed a pleasent life of it, in despite of the devil and all his works, if his path had not been crossed by a being that causes more perplexity to mortal man than ghosts, goblins, and the whole race of witches put together, and that was – a woman.

„We have always lived in the castle“ – Shirley Jackson auf deutsch unter dem Titel „Wir haben schon immer im Schloß gewohnt“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Anna Leube und Anette Grube

Ein Bücherschrank Fund in Würzburg im Oktober – das war ein Zeichen und das Buch musste umgehend in meinen Horroctober einfließen. Shirley Jackson die Grand Dame des „Uncanny“ des Unheimlichen, Seltsamen. Hier die Geschichte zweier Schwestern die allein mit ihrem Onkel in einem riesigen Haus leben und von der gesamten Dorfgemeinschaft gemieden werden. Ihre Familie wurde ein paar Jahre zuvor durch ein vergiftetes Abendessen ermordet, auch der Onkel hatte – allerdings nur wenig – vom Pilzgericht gegessen und sitzt seit dem verwirrt im Rollstuhl.

Constance wurde der Tat verdächtigt und verhaftet aber in der Gerichtsverhandlung freigesprochen, seit dem geht sie nicht mehr vor die Tür. Ihre Schwester Merricat ist höchst seltsam, erledigt die Einkäufe und besorgt wöchentlich Nachschub in der Bibliothek und versucht die zahlreichen echten und/oder imaginären Feinde der Familie mit Schutzzaubern im Zaum zu halten. Alles geht seinen mehr oder weniger seltsamen aber beständigen Gang bis eines Tages Cousin Charles auftaucht und alles durcheinander bringt…

Neben „The Haunting of Hill House“ mein liebster Roman von Shirley Jackson, ich kann auch die Verfilmung von Stacie Passon aus dem Jahr 2019 sehr empfehlen.

A pretty sight, a lady with a book

„Nothing but blackened Teeth“ – Cassandra Khaw erschienen im Titan Books Verlag

Der malayischen Autorin merkt man an, dass sie auch für die Gaming Industrie arbeitet. „Nothing but blackened Teeth“ ist ausgesprochen visuell und ein herrlich gruseliges Spukhausmärchen, durchdrungen von japanischer Folklore und voll von dramatischen Wendungen. Ein Herrenhaus aus der Heian-Ära steht verlassen da und vier Freund:innen die schnell merken, dass es keine gute Idee war in diesem Haus zu übernachten.

Eine kurze Novelle, perfekt für eine regnerische Nacht – wobei es schon düster zugeht und der Nachtschlaf könnte in Gefahr geraten. Habe es sehr gerne gelesen und werde die Autorin mal im Auge behalten.

But the interior didn’t smell like it’d had people here, not for a long, long time, and smelled instead like such old buildings do: green and damp and dark and hungry, hollow as a stomach that’d forgotten what it was like to eat

„The Fifty Year Sword“ – Mark Z. Danielewski auf deutsch unter dem Titel „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ im Tropen Verlag erschienen, übersetzt von Christa Schuenke

Mit „House of Leaves“ hat Danielewski eines meiner liebsten Bücher erschaffen und es wurde höchste Zeit, dass ich mich mal wieder mit diesem außergewöhnlichen Autoren beschäftige. Bekannt für sein visuelles Schreiben, für seine kompliziert miteinander verwobenen Erzählebenen, typografischen Variationen und unterschiedlichem Seitenlayouts.

„The Fifty Year Sword“ steht dem wieder in nichts nach. Ein Umschlag der von Nadelstichen durchdrungen ist umgibt eine Geistergeschichte für Erwachsene die Danielewski in Kooperation mit dem holländischen Künstler Peter van Sambeek erschuf.

Die Geschichte handelt von einer Halloween Party für Kinder bei der ein Geschichtenerzähler auftaucht. Die örtliche Näherin Chintana ist für fünf Waisenkinder verantwortlich, die nicht nur von der Rachegeschichte des Geschichtenerzählers gefesselt sind, sondern auch von der langen schwarzen Kiste, die er ihnen vorsetzt. Als es auf Mitternacht zugeht, wird die Kiste geöffnet, eine verhängnisvolle Mutprobe wird gemacht, und die Kinder sowie Chintana werden mit den Konsequenzen einer wiederholten und nun vorausgesagten Bosheit konfrontiert.

Ich fand es unnötig anstrengend zu lesen und nicht wirklich interessant. Zufällig stolperte ich gerade wieder über die Musik seiner Schwester die unter dem Künstlernamen „Poe“ auftritt und die ich ganz gerne höre.

What I have to tell you, he began slowly. I must show you. But what I show you I must also tell you. I have only myself and where I’ve been and what I found and what I now bring. And it will frighten you.

„Wolf in White Van“ von John Darnielle erschienen im Picador Verlag

Wolf in White Van ist der erste Roman des amerikanischen Autors und Musikers John Darnielle, dem Kopf der Band „The Mountain Goats“. Wolf in White Van erzählt die Geschichte von Sean Phillips, einem zurückgezogen lebenden Spieleentwickler, dessen Gesicht schwer entstellt ist. Die Handlung, die nicht chronologisch erzählt wird, wechselt zwischen Seans Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter, um die Umstände des Vorfalls zu beschreiben, der ihn entstellt hat. Ein fiktives Play-by-Mail-Rollenspiel namens Trace Italian spielt eine wichtige Rolle in dem Roman.

Der Roman beschäftigt sich mit den eskapistischen Qualitäten von Fantasyliteratur und Rollenspiele insbesondere als Mittel zur Bewältigung von Traumata. Wolf in White Van erhielt bei seiner Veröffentlichung positive Kritiken und wurde für den National Book Award 2014 nominiert.

Habe ich sehr gerne gelesen und ich kann nur empfehlen bei der Lektüre seine Musik im Hintergrund laufen zu lassen. Muss unbedingt noch mehr von John Darnielle lesen.

This is why people cry at the movies: because everybody’s doomed. No one in a movie can help themselves in any way. Their fate has already staked its claim on them from the moment they appear onscreen.

Der Fürst des Nebels / Der Mitternachtspalast / Der dunkle Wächter – Carlos Ruiz Zafon erschienen im Fischer Verlag, übersetzt von Lisa Grüneisen

Vielleicht kann mir ja eine schlaue Leser:in hier erklären, warum diese 3 Bände als Nebel-Trilogie gelten, denn ich konnte kein verbindendes Element in den Büchern erkennen, so sehr ich auch danach gesucht habe. Dennoch habe ich die Lektüre durchaus genossen. Perfekte Strandlektüre für die unter uns die nicht so gerne am Strand liegen, sondern lieber durch neblige Paläste oder Wälder wandern oder Strandspaziergänge bevorzugen bei denen einem ordentlich der Wind um die Ohren pfeift.

In allen drei Bänden kämpfen jugendliche Protagonist:innen gegen dunkle Mächte, die Geschichten spielen aber mal in Spanien, mal in Indien und mal in Frankreich meist in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es sind Zafóns Erstlingswerke und sie waren für ein jugendliches Publikum gedacht, man kann aber von der ersten Seite an spüren, wie die typischen Zafón Elemente im Entstehen sind und auch wenn sie eine ungleich kleinere Rolle spielen, auch hier sind Bücher wieder wie so oft zumindest heimliche Hauptdarsteller.

Ich lese mich jetzt langsam aber sich teilweise erneut durch Zafóns Werk, das ja aufgrund seines frühen Todes recht überschaubar geblieben ist. Auf ARTE lief auch gerade eine interessante Doku über ihn. Geht es eigentlich nur mir so, oder sieht Zafón ein wenig wie der kleine Bruder von Guillermo del Toro aus?

Wer nach all dem Grusel hier noch immer nicht genug hat, den verweise ich gerne auf meine Horroctober der vergangenen Jahre. Hier geht es zum Oktober 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016

Was hat euch diesen Monat gegruselt?

London by the Book – Part I

Unser Ausflug nach London kürzlich wurde hier literarisch noch gar nicht thematisiert und das geht natürlich nicht. Das Schöne und Besondere an London ist, dass fast jede Ecke die man besucht schon das eine oder andere mal literarisch erwähnt wurde, so dass ich fast überall wo ich mich in der Stadt rumtreibe an das eine oder andere Buch denken muss.

Ich möchte euch daher literarisch an unserem letzten London Besuch teilhaben lassen und wir starten ganz klassisch am Tower of London, in dessen Nähe sich dieses Mal unser Hotel befand und bei dem ich umgehend an dieses Buch denken musste:

Wolf Hall – Hilary Mantel auf deutsch erschienen im Dumont Verlag unter dem Titel „Wölfe“ übersetzt von Christiane Trabant

England im Jahr 1520: Das Königreich ist nur einen Pulsschlag von der Katastrophe entfernt. Sollte der König ohne männlichen Erben sterben, würde das Land durch einen Bürgerkrieg verwüstet. Henry VIII. möchte seine Ehe annullieren lassen und Anne Boleyn heiraten. Der Papst und ganz Europa sind dagegen. Die Scheidungsabsichten des Königs schaffen ein Machtvakuum, in das Thomas Cromwell tritt: Die Werkzeuge dieses politischen Genies sind Bestechung, Einschüchterung und Charme. Aus der Asche persönlichen Unglücks steigt er auf und bahnt sich seinen Weg durch die Fallstricke des Hofes, an dem »der Mensch des Menschen Wolf« ist. Hilary Mantel hat mit ›Wölfe‹ etwas sehr Rares geschaffen: einen wahrhaft großen Roman, der seinem historischen Gewand zum Trotz höchst zeitgemäß ist. Auf einzigartige Weise erforscht er die Choreografie der Macht.

When you are writing laws you are testing words to find their utmost power. Like spells, they have to make things happen in the real world, and like spells, they only work if people believe in them.

Den ersten Tag habe ich in London noch alleine verbracht und es hat mich seit langem mal wieder ins Britische Museum verschlagen. Dort habe ich unter anderem die großartige Ausstellung „Feminine Power – From the devine to the demonic“ angeschaut. Das Museum liegt im Stadtteil Bloomsbury und somit ganz klar Virginia Woolfs „Hood“ – ich liebe die wunderbare Plätze, Gärten und Häuserreihen und habe vor vielen Jahren häufig in einem der ruhigen schattigen Gärten gesessen und gelesen. Besonders verbinde ich dieses Buch mit dieser Zeit und diesem Teil der Stadt:

Mrs Dalloway – Virginia Woolf auf deutsch unter dem gleichen Titel erschienen im Fischer Verlag übersetzt von Walter Boehlich

An einem sonnigen Junimorgen des Jahres 1923 beginnt die begüterte Clarissa Dalloway mit den Vorbereitungen für eine elegante Abendgesellschaft. Im Verlauf des geschäftigen Tages überlässt sie sich immer wieder ihren Erinnerungen und Gedanken, und während der Big Ben unbeirrt seine Stunden schlägt, wird sie sich der Vergänglichkeit aller Dinge und der Enge ihres Daseins schmerzlich bewusst.

Der Roman handelt von den Gedanken und sparsamen Handlungen eines kleinen Kreises von Personen in London im Verlauf eines Junimittwochs im Jahre 1923. Im Mittelpunkt stehen einerseits Clarissa Dalloway, ihre Bekannten und deren Dienstboten, andererseits der durch seine Kriegserlebnisse emotional erstarrte Septimus Warren Smith, seine Ehefrau und schließlich ein Nervenarzt, der am Ende des Tages die beiden Personenkreise verbindet.

She had the perpetual sense, as she watched the taxi cabs, of being out, out, far out to sea and alone; she always had the feeling that it was very, very, dangerous to live even one day.

Von Bloomsbury geht es jetzt direkt ins Herz der Stadt in die City of London. Meiner juristische Bingereader-Gattin musste ich auf jeden Fall einmal die Inns of Court und den Palace of Justice zeigen. Ein Ort der magischer nicht aussehen könnte und bei dem ich stets an Harry Potters Ministry of Magic denken muss oder aber auch an das folgende Buch, für das ich mich heute entschieden habe, um es euch als London Lektüre ans Herz zu legen:

Jonathan Strange & Mr. Norrell von Susanna Clarke auf deutsch unter dem gleichen Titel im Heyne Verlag erschienen übersetzt von Anette Grube

Wir schreiben das Jahr 1806. Seit Jahrhunderten gibt es keine Zauberei mehr in England. Doch während auf dem Festland der Krieg gegen Napoleon tobt, entdecken die Zaubereihistoriker, dass es noch einen praktizierenden Magier gibt: Mr. Norrell, ein Einzelgänger, der zurückgezogen in Hurtfew Abbey in Yorkshire lebt. Noch ehe sich Regierung und High Society von dieser Überraschung erholt haben, taucht ein zweiter Zauberer auf: der junge, charismatische Jonathan Strange. Die beiden Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, schließen sich im Dienste der Krone zusammen, um in den Krieg einzugreifen. Doch Strange wird von der dunklen, mysteriösen Magie des Rabenkönigs angezogen, des größten Zauberers aller Zeiten. Um mehr über ihn zu erfahren, riskiert er sogar die Freundschaft zu seinem Mentor. Doch Mr. Norrell hat ebenfalls ein magisches Geheimnis, das ihn und alles, was er sich aufgebaut hat, zerstören könnte, wenn es jemals ans Licht käme …

Can a magician kill a man by magic?” Lord Wellington asked Strange.
Strange frowned. He seemed to dislike the question. “I suppose a magician might,” he admitted, “but a gentleman never could

Man kann natürlich auf keinen Fall durch London schlendern, ohne sich irgendwann in einem der vielen wunderbaren Pubs zu stärken. Im Blackfriars habe ich vor vielen Jahren Dr. Jeckyll & Mr. Hyde gelesen und es wird in diesem Herbst dringend Zeit für eine Wiederholung der Lektüre:

Dr. Jekyll and Mr. Hyde von R. L. Stevenson auf deutsch erschienen im Fischer Verlag übersetzt von Michael Adrian

Der erste Entwurf dieser unheimlichen Geschichte geht auf einen Traum Stevensons zurück. Der Arzt Dr. Jekyll ist sich von Jugend an seiner zwiespältigen Natur bewußt, versucht die dunkle Seite seines Charakters jedoch zu unterdrücken. Immer mehr ergreift der Gedanke Besitz von ihm, daß beide Veranlagungen in verschiedenen Körpern untergebracht werden könnten. Jekyll beginnt zu experimentieren …

„Stevensons makabre Studie vom menschlichen Doppel-Ich ist in erster Linie spannungsvolle, bildhafte Gestaltung seiner Einsicht von der Doppelnatur des Menschen, in dem das Böse, wenn es einmal bejaht wird, unweigerlich zur Macht drängt und seine guten Kräfte unterdrückt.“

Quiet minds cannot be perplexed or frightened but go on in fortune or misfortune at their own private pace, like a clock during a thunderstorm

Bei einem Glas Cider bleibt es in der Regel ja nicht, daher lasst uns ein wenig länger noch im Pub verweilen und ich lade euch ein mir hier demnächst auf den zweiten Teil unseres London Spaziergangs mit der jeweils passenden Lektüre zu folgen. Habt ihr noch Lust?

Auf welche Bücher bzw Ecken Londons konnte ich euch denn bisher schon Lust machen? Auf was seid ihr besonders gespannt?

Lektüre Februar 2022

Ein bisschen später als geplant, aber die weltpolitische Lage hat auch mich im doomscrolling (verdammnisblättern? bzw obsessive Konsumieren von schlechten Nachrichten) erstarren lassen und dem Lesen und Schreiben keinen Raum gelassen. Aber ein bisschen Struktur hilft in vielen Lagen, daher hier meine Lektüre aus dem Februar. Es war ein sehr guter und schöner Lesemonat, da wird im März deutlich weniger hinzukommen.

Hier geht’s lang – Mit Büchern von Frauen durchs Leben von Elke Heidenreich, Eisele Verlag

Es waren Bücher von Frauen, die Elke Heidenreich geprägt haben, von frühester Jugend an. Später machte sie das Reden und Schreiben über Bücher zu ihrem Beruf.

Als ich Anfang des Jahres hier verriet, dass ich ein Projekt plane, dann meinte ich dieses damit. Mich auch meiner Lebensbücher zu erinnern und darüber zu schreiben. Ich danke meiner lieben Freundin Barbara in Berlin sehr, mir das Buch nicht nur ans Herz gelegt sondern auch geliehen zu haben. Habe es sehr gerne gelesen und sobald mein Hirn wieder etwas ruhiger ist, beginne ich mal meine eigene Lesebiographie zu erforschen und aufzuschreiben.

… denn Literatur hat immer auch eine unterwandernde Wirkung, sie trägt uns davon aus unserer Umgebung, und mit dem Weg zurück kann es heikel werden

… und die Sonne schien in meinem Kopf und rettete mich vor Armut, Enge, Kleinkariertheit und den üblichen Nöten und Komplexen einer Heranwachsenden.

Maria Stuart – Stefan Zweig erschienen im Fischer Verlag

Sie war Königin von Schottland und Frankreich und hatte Anspruch auf den Thron von England – doch Elizabeth I. ließ Maria Stuart (1542–1587) jahrelang inhaftieren und schließlich hinrichten, um ihre Macht zu wahren. Das Leben der Maria Stuart war geprägt von Intrigen, Verschwörungen und politischen Ränkespielen, denen sie am Ende zum Opfer fiel. Stefan Zweig zeichnet ein Porträt einer Frau, deren Leben bis heute Anlass zu Spekulationen, Verklärung und Mystifizierung gibt.

Stefan Zweig ist einer meiner liebsten Autoren und auch diese Roman-Biografie habe ich sehr gerne gelesen. Gelegentlich merkt man natürlich schon aus welcher Zeit Zweig stammt und wie das seinen Blick auf Frauen geprägt hat, aber eine wirklich lohnende Lektüre, durch die ich immens viel über die schottisch-englische Geschichte und zwei ausgesprochen faszinierende Persönlichkeiten gelernt habe.

Doch eine Natur wie die ihrige kann, wenn auch noch so tief enttäuscht, nicht ohne Vertrauen leben; immer wieder sucht sie nach einem sicheren Menschen, auf den sie sich unbedingt verlassen kann. Lieber wird sie jemanden wählen, der niederem Range entstammt, der nicht die Ansehnlichkeit eines Moray und Maitland besitzt, aber dafür die Tugend, die ihr notwendiger ist an diesem schottischen Hofe, die kostbarste aller Dienergaben: unbedingte Treue und Verläßlichkeit.

The City & The City von China Miéville auf deutsch erschienen unter dem Titel „Die Stadt & Die Stadt“ bei Bastei Lübbe. Übersetzt von Eva Bauche-Eppers

Zwei Städte – geeint und doch entzweit. Die Bewohner werden erzogen, einander nicht zu sehen. Das unerlaubte Betreten der jeweils andere Stadt zieht schwerste Strafen nach sich.

Ganz warm werden Mr. Miéville und ich irgendwie nicht. Ist mein dritter Versuch, die Prämissen sind immer spannend, seine Romane stecken voller spannender Ideen, aber ich komme nie richtig in die Bücher rein, sie haben auch nicht die richtige Atmosphäre für mich. Definitiv ein gutes Buch, ein spannender Autor, nur eben nicht für mich.

“Is it more childish and foolish to insist that there is a conspiracy or that there is not?” 

Der Verdacht (The Push)- Ashley Audrain erschienen bei Penguin Random House. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, und je älter das Mädchen wird, desto mehr wächst die Angst vor Violet und ihrem feindseligen Verhalten, das sich Blythe nicht erklären kann. Alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich absichtsvoll böse? Fox, der seine Tochter von ganzem Herzen liebt, beobachtet seine Frau mit wachsendem Misstrauen. 

Ein Buch das nur schwer auszuhalten ist, emotional alles andere als leichte Kost ist und das mir noch immer nach geht.

Ich erinnerte mich daran, warum wir Violet eigentlich bekommen haben: Du wolltest eine Familie, und ich wollte dich glücklich machen. Aber ich wollte außerdem all meine Zweifel widerlegen. Ich wollte auch meine Mutter widerlegen.

Wenn Männer mir die Welt erklären (Men explain things to me) von Rebecca Solnit erschienen im btb Verlag. Übersetzt von Kathrin Razum und Bettina Münch

Ein Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten.

Rebecca Solnit ist eine Autorin die ich sehr schätze. Sie ist klug, warmherzig und hat ein wahninniges Gespür für die Themen unserer Zeit. Dieses Buch hat das Zeug dazu ein Klassiker zu werden. Sie schafft es auf ein paar Seiten, die Geschlechterdebatte auf den Punkt zu bringen.

Every woman knows what I’m talking about. It’s the presumption that makes it hard, at times, for any woman in any field; that keeps women from speaking up and from being heard when they dare; that crushes young women into silence by indicating, the way harassment on the street does, that this is not their world. It trains us in self-doubt and self-limitation just as it exercises men’s unsupported overconfidence.

Vier Tage währt die Nacht von Dorothea S. Baltenstein erschienen im Eichborn Verlag

Dorothea S. Baltenstein ist das Pseudonym von vier Schülerinnen und ihrem Lehrer die im Rahmen eines Unterrichtsprojektes, dem sogenannten Projekt Pegasus, zwischen September 1995 und Mai 1998 das Manuskript für den gleichnamigen Roman entwickelten.

Schottland, im Jahre des Herrn 1817. Jonathan Lloyd erhält von seinem alten Freund Sir Mortimer Pope eine Einladung nach Boroughmore Castle. Ein literarischer Wettstreit ist geplant; man will sich treffen wie einst die Shelleys sich mit Lord Byron in der Schweiz trafen, wo Mary Shelley die Inspiration zu Frankenstein hatte. Aber bereits in der ersten Nacht stürzt die Zugbrücke des Schlosses ein, was ein Todesopfer fordert.

Ein Roman den ich direkt nach Erscheinen gekauft und gelesen habe, denn meine Liebe zu allem Gothic / Dark Academia etc begleitet mich schon ein Leben lang. Ich habe es damals sehr gerne gelesen, war etwas besorgt, wie es wohl gealtert sein mag, aber auch es macht auch in dunklen Wintertagen im Jahr 2022 noch genauso viel Spaß sich in diese dunkel-romantische Schauergeschichte zu versenken.

Während ich am späten Nachmittag des 27. November des Jahres 1817 in einer Kutsche saß, die holpernd über steinige Straßen fuhr, und hoffte, noch vor einbrechender Nacht mein Ziel zu erreichen, breitete sich in mir bereits ein Gefühl der Unsicherheit aus – vielleicht war auch ein wenig Furcht dabei.

Krabat von Otfried Preußler erschienen bei der Büchergilde Gutenberg

Neugier lockt Krabat zur Mühle am Koselbruch, vor der alle warnen. Dort soll es nicht mit rechten Dingen zugehen. Ein leichtes und schönes Leben wird Krabat hier versprochen. Doch der Preis dafür ist hoch. Und aus der Verstrickung mit dem Bösen kann ihn nur die bedingungslose Liebe eines Mädchens retten.

Auch so ein Herzensbuch, das ich gerne alle paar Jahre lese und jedes Mal entdecke ich etwas Neues darin.

Es gibt eine Art von Zauberei, die man mühsam erlernen muß: Das ist die, wie sie im Koraktor steht, Zeichen für Zeichen und Formel um Formel. Und dann gibt es eine, die wächst einem aus der Tiefe des Herzens zu: aus der Sorge um jemanden, den man lieb hat. Ich weiß, daß das schwer zu begreifen ist – aber du solltest darauf vertrauen, Krabat.

Bibliomanie von Gustave Flaubert erschienen im Insel Verlag. Übersetzt von Erwin Rieger.

Der Buchhändler und Antiquar Giacomo lebt zurückgezogen in einer stillen Gasse in Barcelona. Seine Liebe gilt allein den Büchern. Er berauscht sich am Geruch ihres Papiers, dem Einband, der Vergoldung der Lettern und der Druckerschwärze. Sein Traum: der Aufbau einer eigenen Bibliothek. Bei dem Erwerb bibliophiler Schätze steht ihm allerdings sein Rivale Baptisto im Weg, der Buchhändler vom Königsplatz. Allmählich steigert sich Giacomos Leidenschaft zum verbrecherischen Wahn …

Einen einzigen Gedanken hatte er, eine einzige Liebe, eine einzige Leidenschaft: die Bücher! Und diese Liebe, diese Leidenschaft verbrannten sein Inneres, verdarben sein Leben, verschlangen sein Dasein.

The Offing von Benjamin Meyers erschienen auf deutsch unter dem Titel Offene See im Dumont Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. 

Das wurde ganz überraschend für mich ein richtiges Herzensbuch. Jede:r von uns braucht eine Dulcie im Leben. Ein Buch das ich ganz besonders in diesen dunklen Zeiten empfehlen kann. Es macht die Welt ein kleines bisschen besser.

There is poetry in silence but most of us don’t stop to hear it. They must talk, talk, talk, but say nothing because they are afraid of hearing their own heartbeat.

Let poetry and music and wine and romance guide the way. Let liberty prevail.

Welche Bücher davon kennt ihr oder habt ihr vielleicht Lust bekommen auf das Eine oder das Andere? Ich freue mich über Rückmeldung – lasst mal hören…

21 aus 21

Die liebsten, die spannensten, die mich am meisten zum Nachdenken angeregt haben und es fehlen im Bild die verliehenen oder die, die ich als Hörbuch gehört habe:

Was waren eure liebsten in 2021? Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch und danke für die Treue, die Kommentare, das Feeback, die Freundschaft. Ich wünsche Euch allen von Herzen ein tolles 2022 mit viel Glück, Gesundheit und Zeit zum lesen und nachdenken.

8. Türchen: Der Fisch in uns – Neil Shubin

Warum sehen wir so aus, wie wir aussehen? Was hat die menschliche Hand mit dem Flügel einer Fliege gemeinsam? Stehen Brüste, Schweißdrüsen und Schuppen in irgendeiner Weise miteinander in Verbindung? Um das Innenleben unseres Körpers besser zu verstehen und die Ursprünge vieler der heute am häufigsten auftretenden Krankheiten zu ergründen, müssen wir uns an unerwartete Quellen wenden: Würmer, Fliegen und sogar Fische.

Neil Shubin, ein führender Paläontologe und Professor für Anatomie, der das Fossil Tiktaalik entdeckte – das „fehlende Glied“, das im April 2006 weltweit für Schlagzeilen sorgte – erzählt die Geschichte der Evolution, indem er die Organe des menschlichen Körpers Millionen von Jahren zurückverfolgt, lange bevor die ersten Lebewesen die Erde betraten. Durch die Untersuchung von Fossilien und DNA zeigt Shubin, dass unsere Hände tatsächlich Fischflossen ähneln, unser Kopf wie der eines längst ausgestorbenen kieferlosen Fisches aufgebaut ist und große Teile unseres Genoms wie die von Würmern und Bakterien aussehen und funktionieren.

„Nirgendwo ist diese Vergangenheit deutlicher zu erkennen al sin den Umwegen, Wendungen und Windungen unserer Arterien, Nerven und Venen. Verfolgt man den Weg einzelner Nervenbahnen im Körper, so stellt man häufig fest, dass sie um andere Organe seltsame Bögen machen – sie verlaufen scheinbar in eine Richtung, biegen dann aber ab und enden an einer ganz unerwarteten Stelle. Die Umwege sind eine faszinierende Folge unserer Geschichte, … bescheren sie uns häufig Unannehmlichkeiten wie Schluckauf oder Eingeweidebrüche.“

Shubin lässt uns uns selbst und unsere Welt in einem völlig neuen Licht sehen. Dein innerer Fisch ist Wissenschaftsliteratur vom Feinsten – erhellend, zugänglich und mit unwiderstehlichem Enthusiasmus erzählt.

„Wir sind nicht dazu gebaut, mehr als achtzig Jahre zu leben, zehn Stunden am Tag auf unserem Hintern zu sitzen oder Buiskuitkuchen zu essen, und ebenso wenig sind wir zum Fußballspielen konstruiert. Diese große Kluft zwischen unserer Vergangenheit und unserem heutigen Leben hat zur Folge, dass unser Organismus auf bestimmten, vorhersagbaren Wegen den Bach hinuntergeht.

Eines meiner absoluten Highlights dieses Jahr und eines der Bücher, das ich sicherlich noch mal lesen werde. Ich habe bei der Lektüre unfassbar viel gelernt.

Habe ich euch Lust machen können auf das Buch oder habt ihr eine Idee wer sich über das Buch freuen würde?

Die Juli Bücher im Schnelldurchlauf

Habe gerade eine ziemliche Schreibflaute. Lesen geht immer, aber mich hinsetzen und sehr ausführlich über ein Buch schreiben, dafür ist es mir momentan zu warm, ist zu anstrengend, ich mag nicht, in der Zeit könnte ich ja schon wieder ein weiteres Buch lesen. Daher einfach ein Überblick ganz kurz und knapp über das im Juli gelesene und gehörte und ganz ohne schlechtes Gewissen – los geht’s 🙂

Korede ist verbittert. Und wär wäre es nicht? Ihre Schwester Ayoola steht immer im Mittelpunkt: sie ist das Lieblingskind, die Schöne, möglicherweise ist sie aber auch eine Serienkillerin, denn Ayoolas dritter Freund in Folge ist tot. Koredes praktische Fähigkeiten retten ihrer Schwester mehrfach den Hintern. Ob bei der Reinigung von Blut, mit einem Kofferraum der groß genug ist für eine Leiche, oder indem sie ihre leichtsinnige Schwester davon abhält, Bilder von ihrem Abendessen auf Instagram zu posten, wenn sie eigentlich um ihren „verschwundenen“ Freund trauern sollte… Aber wirklich Anerkennung bekommt sie dafür nicht…

Ein freundlicher, gut aussehender Arzt in dem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet, ist der Lichtblick in ihrem Leben. Sie träumt von dem Tag, an dem er erkennen wird, dass sie perfekt füreinander sind. Doch als Ayoola eines Tages uneingeladen im Krankenhaus auftaucht, verfällt auch er sehr schnell ihrem Aussehen und begibt sich damit unter Umständen in tötliche Gefahr.

Oyinkan Braithwaite hat ein wunderbares, tödliches Debüt geschrieben, das zugleich unterhaltsam und schockierend ist, voller Scharfsinn und trockenem Humor.

Korede, ich habe ihn umgebracht.
Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören

Judith Hermann erzählt von einem Aufbruch: eine alte Welt geht verloren und eine neue entsteht.

Ihre Tochter ist eine Reisende, unterwegs in der Ferne. Ihrem Ex-Mann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben am Meer und im Norden. Sie richtet sich ein Haus ein, schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Affäre, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll. Judith Hermann erzählt von einer Frau, die vieles hinter sich lässt, Widerstandskraft entwickelt und in der intensiven Landschaft an der Küste eine andere wird. Sie erzählt von der Erinnerung. Und von der Geschichte des Augenblicks. Melancholisch mit viel Atmosphäre, ein Buch das für mich viel zu schnell zu Ende war. Wäre sehr gerne noch ein wenig im Haus am Meer geblieben…

Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene.

Warwickshire im Jahr 1580. Agnes ist eine Frau, die wegen ihrer ungewöhnlichen Gaben ebenso gefürchtet wie begehrt ist. Sie lässt sich mit ihrem Mann in der Henley Street in Stratford nieder und bekommt drei Kinder: eine Tochter, Susanna, und dann Zwillinge, Hamnet und Judith. Der Junge, Hamnet, stirbt 1596 im Alter von elf Jahren. Etwa vier Jahre später schreibt der Ehemann ein Stück namens Hamlet.

Dies ist das herzzerreißende Drama hinter Shakespeares berühmtestem Stück. Und das alles, ohne den Namen William Shakespeare auch nur einmal zu erwähnen!

Unsere Juli-Lektüre im Bookclub und es hat fast durch die Bank weg von allen höchste Punktzahl bekommen.

Mehr Shakespeare Inspirationen findet ihr übrigens hier.

What is given may be taken away, at any time. Cruelty and devastation wait for you around corners, inside coffers, behind doors: they can leap out at you at any time, like a thief or brigand. The trick is never to let down your guard. Never think you are safe. Never take for granted that your children’s hearts beat, that they sup milk, that they draw breath, that they walk and speak and smile and argue and play. Never for a moment forget they may be gone, snatched from you, in the blink of an eye, borne away from you like thistledown.

Jean McClellan verbringt ihre Zeit in fast völliger Stille und beschränkt sich auf nur hundert Worte pro Tag. Wenn sie mehr sagt, fließen tausend Volt Strom durch ihre Adern.

Jetzt, wo die neue Regierung an der Macht ist, hat sich alles geändert. Frauen sind auf das Haus beschränkt, dürfen nicht arbeiten, müssen sich nur um ihre Männer und Kinder kümmern und dürfen vor allem nicht mehr als hundert Worte pro Tag sprechen. „Armband“ nennen sie das Gerät, das ihre Worte zählt und elektronische Schocks aussendet, wenn sie die festgelegte Zahl überschreiten. Dr. Jean McClelland, einst eine erfolgreiche und renommierte Wissenschaftlerin, sieht sich in ihrem Leben stark eingeschränkt und bereut all die Märsche, an denen sie nicht teilgenommen hat, die Petitionen, die sie nicht unterschrieben hat, und die Zeichen, die sie falsch gedeutet hat. Als der Bruder des Präsidenten fast tödlich verunglückt, wird sie als fähigste Ärztin und Wissenschaftlerin gebraucht und so gerät Jean unverhofft in die Lage, möglicherweise Bedingungen zu stellen und einen Fluchtweg aus dem Land zu finden.

Diese Dystopie ist in vielerlei Hinsicht höchst beunruhigend, irgendwie kann man sich leicht ausmalen, dass eine solche Situation Realität werden könnte. Nicht wenige Männern fühlen sich ihrer Überlegenheit beraubt und würden alles dafür tun, um die Zeit zurückzudrehen.

Eine Dystopie, die sehr an Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ erinnert und die ich sehr gerne gelesen habe.

Denk darüber nach, was du tun musst, um frei zu bleiben. Tja, mehr zu tun als rein gar nichts, hätte ein guter Anfang sein können.

Think Again ist ein Buch über den Nutzen des Zweifels und darüber, wie wir besser darin werden können, das Unbekannte zu akzeptieren und durchaus auch mal Freude am Irrtum und an Ambivalenz zu haben. Es ist erwiesen, dass überdurchschnittlich kreative Menschen nicht an einer Identität festhalten, sondern ständig bereit sind, ihre Positionen zu überdenken und das Führungskräfte, die zugeben, dass sie etwas nicht wissen, und sich um kritisches Feedback bemühen, produktivere und innovativere Teams haben.

Umdenken ist eine Fähigkeit, die erlernt werden kann, und Grant erklärt, wie man die dafür notwendigen Qualitäten entwickelt. Im ersten Teil wird untersucht, warum es uns schwerfällt, umzudenken, im zweiten Teil wie wir unsere „Argumentationskompetenz“ ausbauen können und im letzten Teil geht es darum, wie Schulen, Unternehmen und Regierungen es aktuell noch versäumen, eine Kultur zu fördern, die zum Umdenken ermutigt.

Neue Informationen müssen dazu führen, dass wir unsere Glaubenssätze hinterfragen und auch liebgewonnene Überzeugungen müssen immer wieder auf den Prüfstand. Scientific Method for President 😉

If knowledge is power, knowing what we don’t know is wisdom.

Die weltfremde junge Effi Briest wird mit dem Baron von Innstetten verheiratet, einem strengen und ehrgeizigen Beamten, der doppelt so alt ist wie sie und nur wenig Zeit für seine neue Frau hat. Isoliert und gelangweilt findet Effi Trost und Ablenkung in einer kurzen Liaison mit Major Crampas, einem verheirateten Mann mit einem gefährlichen Ruf.

Doch Jahre später, als Effi ihre Affäre schon fast vergessen hat, holt sie das Geheimnis wieder ein – mit fatalen Folgen. In straffer, ironischer Prosa schildert Fontane eine Welt, in der die Sexualität und der Wille, das Leben zu genießen, durch gesellschaftliche Enge und die Verpflichtungen der Umstände erstickt werden. Dieser Roman, der als sein größter gilt, ist ein menschliches, unsentimentales Porträt einer jungen Frau, die zwischen ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter und den Instinkten ihres Herzens hin- und hergerissen ist.

Mit „Effi Briest“ hat Fontane eine spannende Sozialstudie über gesellschaftliche Konventionen und die Folgen eines Ausbruchs aus diesen Zwängen geliefert. Ein zeitloser Klassiker der deutschen Literatur und insbesondere des bürgerlichen Realismus. Habe ich sehr gerne gelesen.

Wir müssen verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts.

Eine faszinierende Einblick in die Welt der Erinnerung, warum wir vergessen und was wir tun können, um unsere Erinnerungen zu bewahren und uns zumindest ein wenig vor Alzheimer zu schützen.

Jeder hat vermutlich schon mal einen Moment der Panik erlebt, wenn man sich partout nicht mehr an den Namen des Schauspielers erinnern kann aus dem Film, den man vor ein paar Tagen gesehen hat, oder wenn man einen Raum betritt und nicht mehr weiß was man da eigentlich wollte? Vielleicht hat man sogar Schiss, dass diese Gedächtnislücken ein frühes Anzeichen von Alzheimer oder Demenz sein könnten. In Wirklichkeit sind diese Fälle von Vergesslichkeit für die große Mehrheit von uns völlig normal. Und warum? Weil das Gedächtnis zwar ziemlich bemerkenswert, aber bei weitem nicht perfekt ist. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, sich an jeden Namen zu erinnern oder an jeden Tag, den wir erleben. Nur weil das Gedächtnis manchmal versagt, heißt das nicht, dass es kaputt ist oder an einer Krankheit leidet. Vergessen gehört zum Menschsein dazu.

In Remember geht die Neurowissenschaftlerin Lisa Genova – deren Buch „Leben ohne Gestern“ ich hier gemeinsam mit Claudia vom Blog „Das graue Sofa“ in der Reihe „Women in Science schon mal vorgestellt hatte – der Frage nach, wie Erinnerungen entstehen und wie wir sie abrufen. Sie erklärt, wann vergessene Erinnerungen vorübergehend unzugänglich sind oder für immer gelöscht werden und warum manche Erinnerungen nur für ein paar Sekunden bestehen (wie ein Passcode), während andere ein ganzes Leben lang halten können (zB der Tag, an dem man heiratet). Sie erklärt den Unterschied zwischen normalem Vergessen (wo man das Auto geparkt hat) und Vergessen aufgrund von Alzheimer (dass man ein Auto besitzt).

Darüberhinaus erfährt man viel darüber, wie sehr das Gedächtnis durch Bedeutung, Emotionen, Schlaf, Stress und Kontext beeinflusst wird. Wenn man die „Sprache“ des Gedächtnisses und seine Funktionsweise, seine unglaublichen Stärken und verrückten Schwächen, seine natürlichen Schwachstellen und potenziellen Superkräfte verstanden hat, kann man ggf. seine Erinnerungsfähigkeit deutlich verbessern und vor allem auch viel weniger beunruhigt sein, wenn man wieder einmal verzweifelt überlegt, wie die eine oder andere Schauspielerin heißt. Sie können gebildete Erwartungen an Ihr Gedächtnis stellen und so eine bessere Beziehung zu ihm aufbauen. Sie müssen es nicht mehr fürchten. Und das kann lebensverändernd sein.

These declines in memory creation, retrieval, and processing speed aren’t all inevitable, are they? You’re not gonna like this, but appears the answer is ultimately yes. If you eat a daily diet of doughnuts, only go for a run if someone is chasing you, regularly sacrifice sleep by binge watching entire seasons of the latest show on Netflix until 3 AM, and are chronically stressed, you’ll most definitely accelerate the ageing of your memory.

In „Mutation der Menschheit“, ging es Bertaux um die „Überlebenschancen der Menschheit“ angesichts der vom Menschen selbst bewirkten waffentechnologischen Entwicklung; damit befassten sich in den 1950er Jahren recht viele Philosophen und Physiker, die Originalität von Bertaux lag darin, wie sehr er den Grundgedanken durchzog, „dass die biologische Entwicklung nicht abgeschlossen ist, dass in ihrem Verlauf die gegenwärtige Menschheit nur ein Durchgangsstadium darstellt, dass aus den Menschen etwas hervorgehen wird, das sich zwar von ihm herleitet, aber dem nicht mehr genau entsprechen wird, was wir uns unter dem Wort ‘Mensch’ vorstellen.“

Der Mann, der von einer biologischen Mutation des Menschen der „neotechnischen Ära“ überzeugt war, kombinierte ein Leben lang Wissenschaft, Praxis und unbefangene Neugier. Womit er eigentlich überall aneckte. Pierre Bertaux (1907 bis 1986), war kein „Futurologe“, sondern Germanist und ist heute weitgehend unbekannt. Eventuell ist er Hölderlin-Forschern noch ein Begriff, da er die These vertrat, Hölderlin sei gar nicht verrückt gewesen, sondern habe nur simuliert.

Ein Zufallsfund aus dem Bücherschrank, wollte eigentlich nur mal kurz reinlesen, blieb dann aber hängen. Waren ein paar sehr spannende Gedanke enthalten und ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen.

Vielleicht der reinste, größte und originellste Ausdruck der europäischen Kultur und Weisheit ist: Daß ich recht habe, will noch lange nicht sagen, daß die unrecht hätten, welche anders denken als ich. Toleranz ist nicht nur eine Tugend, sie ist auch eine hohe Form der Klugheit. Das geistige Entgegenkommen, die Bemühung, das Bezugssystem derer zu verstehen, die nicht so denken wie wir, ist eine – und zwar die fruchtbarste – Form der Überlegenheit.

Verstehen bedeutet nicht unbedingt übernehmen; vielmehr handelt es sich darum, „unser“ Bezugssystem und das des „anderen“ in ein Bezugssystem höheren Grades zu integrieren, das beide umfaßt, und so kommt man einen Schritt weiter.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Meine Schester die Serienmörderin von Oyinkan Braithwaite erschienen im Blumenbar Verlag
  • Daheim von Judith Hermann erschienen im Fischer Verlag
  • Hamnet von Maggie O’Farrell auf deutsch erschienen unter dem Titel „Judith und Hamnet“ im Piper Verlag
  • Vox von Christina Dalcher erschienen im Fischer Verlag
  • Think Again von Adam Grant bisher noch nicht auf deutsch erschienen
  • Remember von Lisa Genova bisher noch nicht auf deutsch erschienen
  • Effie Briest von Theodor Fontane erschienen im Fischer Verlag
  • Mutation der Menschheit von Pierre Bertaux erschienen im Suhrkamp Verlag

Wie war Euer Lesemonat? Was waren Eure Highlights?

Don’t cry for me Argentina

Diese Woche führt uns die literarisch-kulinarische Weltreise nach Argentinien.

Bei strahlendem Sonnenschein landeten wir wie geplant in Buenos Aires. Die Hotelzimmer waren schnell bezogen und nach kurzem Frischmachen starteten wir direkt mit unserer Stadtführung. Dafür hatte sich eigens Pola Oloixarac für uns Zeit genommen, eine großartige Autorin, deren SciFi Roman „Kryptozän“ ich hier vor einer Weile bereits vorstellte.

In Buenos Aires vermischt sich europäisches Erbe mit feurigem lateinamerikanischen Charme zu kosmopolitischer Klasse. Als politisches und kulturelles Herz des Landes ist Buenos Aires der perfekte Startpunkt um Argentinien zu erkunden – Pola ließ uns Yerba-Mate-Tee in einem lokalen Café probieren, wir versuchten mit ihr Tango zu lernen, ließen uns ein saftiges Asado (Steak) schmecken und der eine oder andere ließ sich auch überreden, bis zum Morgengrauen zu feiern.

Wir besuchten die Metropolitan Cathedral, die ehemaligen Kathedrale von Papst Franziskus, besuchten die bunten Häuser des Viertels La Boca, in dem das Fußballstadion La Bombonera steht und ließen uns in der schicken Palermo-Zone zu einem gemütlichen und äußerst leckeren Mittagessen nieder.

Mit einer Gruppe lesewütiger Menschen geht es natürlich gar nicht anders, natürlich plante Pola als Hauptattraktion einen Spaziergang auf den Spuren Jorge Luis Borges‘ ein.

Jorge Luis Borges ist eine der wichtigsten Figuren der argentinischen Literatur und wohl einer der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Geboren in Buenos Aires, spielte die Stadt für Borges in vielen seiner Geschichten eine wichtige Rolle. Dies sind einige der Orte, die entweder in seinen Erzählungen vorkommen oder den großen argentinischen Schriftsteller auf die eine oder andere Weise inspirierten.

Borges lehrte von 1956 bis 1970 englische Literatur an der Fakultät für Philosophie und Literatur der Universität von Buenos Aires (Viamonte 340), die sich mitten im Stadtzentrum befand. Nur wenige Gehminuten von dort entfernt befindet sich das ehemalige Gebäude der Nationalbibliothek, ein Beaux-Arts-Palast, in dem Borges 18 Jahre lang als Direktor tätig war.

Ein Rundgang durch Borges‘ Buenos Aires wäre nicht komplett, ohne seine „Hoods“ in der Innenstadt und in San Telmo zu besuchen. Er pflegte lange Spaziergänge in San Telmo zu machen, die viele seiner berühmtesten Werke inspirierten, wie zum Beispiel die Kurzgeschichte „Der Aleph“. In der Straße Tucumán 840 befindet sich eine Gedenktafel zu Ehren seines inzwischen abgerissenen Geburtshauses, und in der Straße Maipú 994 steht das Gebäude, in dem er seine letzten Jahrzehnte verbrachte. Buenos Aires ist definitiv die Hauptstadt der Buchhandlungen. Die argentinische Liebe zu Büchern ist auf eine Reihe von Gründen zurückzuführen, einschließlich eines Zustroms von gut belesenen europäischen Einwanderern im späten 19. Jahrhundert, einer sehr vorteilhaften Steuerbefreiung für Literatur und die Argentinien kaufen Bücher nur sehr ungern online und haben auch nicht wirklich eine Affinität zu elektronischen Lesegeräten entwickelt..

El Ateneo Bookstore | © Nan Palmero/Flickr

Jedes Jahr am 24. August, dem Jahrestag von Borges‘ Geburtstag, begeben sich Borges-Fans auf Pilgertour durch die Stadt und besuchen die Orte die das Leben und Werk von Jorge Luis Borges geprägt haben.

Buenos Aires schläft selten und auch wenn die Füße weh tun und die man von Steak und Malbec ermattet am liebsten auf dem Hotelbett Siesta machen möchte, man muß die Gelegenheit einfach nutzen und die vielen großartigen Restaurants, die Alleen, die Architektur, Plätze und Museen zu erkunden.

Auch die ausschweifenste Tango-Nacht hat leider irgendwann ein Ende und beladen mit dicken Bücherpaketen, Malbec-Kisten und Tango-CDs mussten wir uns von Pola verabschieden um uns auf den Weg zum Schiff um uns auf den Weg nach Havanna zu machen.

Literaturtipps für alle die Lust auf Argentinien bekommen haben:

Filmtipp diese Woche ist „The Secret in their eyes“:

Sehen wir uns nächste Woche in Havanna?

Atemschaukel – Herta Müller

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Viel zu lange habe ich – ähnlich wie Katrin Passig im Übrigen (zumindest bin ich in ganz guter Gesellschaft) – die Autorin Herta Müller irgendwie mit schwergängiger Deutschunterricht-Lektüre in Verbindung gebracht. Hätte ich gewusst, dass es von Zwangsarbeitern in einem russischen Gulag handelt, hätte ich es vielleicht auch tatsächlich noch länger liegen lassen. Und mir wäre dadurch ein wahnsinnig gutes Buch durch die Lappen gegangen.

Herta Müller hat mich tatsächlich umgehauen. Die Art und Weise, wie sie mit Sprache umgeht, hat etwas von der Präzision einer Hirnchirurgin bei der Arbeit. Ich nehme es gleich vorneweg – ich bin unglaublich beeindruckt von dieser großartigen Autorin und Nobelpreisträgerin und dieses Werk ist sicherlich nicht das letzte Buch von ihr das ich lese.

Es geht um die mir bis dahin relativ unbekannte tragische Geschichte von unzähligen Rumänen deutscher Abstammung, die offenbar als Vergeltung für den Zweiten Weltkrieg in russische Arbeitslager gezwungen wurden. Diese Menschen waren keine Kriegsgefangenen, sondern aus ihren Häusern zusammengetriebene Männer und Frauen, die fünf Jahre lang unter unfassbaren Umständen leben mussten. Sie hungerten jahrelang, da sie täglich nur zwei Mahlzeiten bekamen, bestehend aus wässriger Krautsuppe und einer Scheibe Brot. Der Hunger war allgegenwärtig, so präsent, dass er zu einem Objekt  wurde – dem Hunger-Engel, der definitiv eher ein Teufel war. Es gab keine medizinische Versorgung, und diejenigen, die starben, wurden einfach im Hinterhof begraben.

Atemschaukel ist ein Buch, das man langsam lesen muss. So brutal die Geschichte ist, so schön ist die Sprache. Ein Buch über den menschlichen Überlebenswillen und darüber, wie reich das Leben selbst unter entsetzlichsten Umständen noch sein kann.

„Es ist gar keine Katze, sagte ich mir, nur die Verpelzung der graugestreiften Langeweile, die Geduld der Angst in einer schmalen Straße.“

Am Ende seines Lebens erinnert sich ein schwuler Mann daran, wie er aus seinem Familienhaus in Rumänien in ein russisches Gulag transportiert wurde. Es geschah im Jahr 1945, und er war ein 17-jähriger Spätaussiedler, der für die Verbrechen Hitlers zur Rechenschaft gezogen wurde.  Was für ihn eine denkwürdige Zeit des sexuellen Erwachens hätte sein sollen, war in Wirklichkeit eine Zeit, in der Homosexualität ein Verbrechen war, das mit dem Tode bestraft wurde, eine Zeit, in der Stalin noch immer regierte.

„Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss. Ich bin eingesperrt in den Geschmack des Essens, wenn ich esse. Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.“

Die Gespräche mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden lieferten ihr die notwendigen Hintergründe, aus dem sie diesen großartigen Roman formte. Es gelingt ihr, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Habt ihr ein Lieblingsbuch von Herta Müller – welches würdet ihr mir empfehlen?

Hirngymnastik Krieg

Those people who think they know everything are a great annoyance to those of us who do // Isaac Asimov

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Diese Hirngymnastik hat sich mit der Frage beschäftigt: Ist Krieg ein fest verankerter Teil unserer DNA? Oder ist Gewalt eine Verirrung und wir sind von Natur aus Pazifisten?

Natürlich ist diese Frage nicht neu. Gewalt ist in der Regel auch nur eine Taktik, um bestimmte Ziele zu erreichen: Nahrung, Partner, Territorium, Überleben.

Früher war die vorherrschende Weisheit, dass Gewalt unter Menschen mit der Entwicklung dauerhafter Siedlungen und der Landwirtschaft zusammenfiel. Die Landwirtschaft führte zu konzentrierten Gebieten, in denen Wohlstand geschaffen wurde, was die Entwicklung sozialer Hierarchien beschleunigte, was wiederum Raubzüge durch Jäger- und Sammlerbanden auslöste. In dieser strukturellen Interpretation der Geschichte waren die Dörfer, die Landwirtschaft und der konzentrierte Wohlstand die Hauptantriebskräfte der Kriegsführung, nicht die menschliche Lust oder die Natur.

Neunzig Prozent der Musketen, die nach der Schlacht von Gettysburg eingesammelt wurden, waren geladen, oft mit zwei oder mehr Kugeln, da die Männer jede Ausrede nutzten, um ihre Waffen nicht abzufeuern und dabei vorgaben, nachzuladen, anstatt sich in die Schlacht zu stürzen.

An Weihnachten 1914 feierten Deutsche und Briten gemeinsam, sangen sich aus ihren Schützengräben heraus Weihnachtslieder zu und trafen sich dann, um Geschenke auszutauschen, Fußball zu spielen und zu feiern. Bis zu dem Punkt, an dem die Generäle den Befehl verstärken mussten, sich nicht mit dem Feind zu verbrüdern.

Von Troja bis Waterloo und von Korea bis Vietnam haben nur wenige Armeen ohne die Hilfe von Rauschmitteln gekämpft und ich wusste zum Beispiel nicht, dass beispielsweise die deutsche Wehrmacht Methamphetamin-Pillen an Soldaten verteilte (alias Crystal Meth, eine Droge, die extreme Aggressionen hervorrufen kann), eine Droge, die auch im Vietnam Krieg eine große Rolle spielte.

Ich neige nach der Lektüre dieser Bücher eher zu dem Schluss, dass der Mensch nicht von Natur aus kriegerisch ist und dass Menschen gerade in riskanten, dramatischen Situationen über sich hinauswachsen, emphatisch und hilfsbereit sind.

Ich denke Menschen sind zu großer Gewalt fähig, aber sie haben auch Normen der Zusammenarbeit und Kooperation entwickelt. Wir sind ein Bündel von biologischen Impulsen, teils Rousseau und teils Hobbes, teils Bonobo und teils Schimpanse.

Hier eine detaillierte Besprechung der Bücher, die ich für diese Hirngymnastik gelesen habe:

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Die Söhne des Mars – Eine Geschichte des Krieges von der Steinzeit bis zur Antike ist keine herkömmliche Beschreibung der Kriegsgeschichte. Der Althistoriker will vielmehr aufzeigen, welche Umständen und Dynamiken vorherrschten, die den Krieg von einer eher selten auftretenden Absonderlichkeit in den Anfängen der Menschheitsgeschichte zu einem alltäglichen Thema werden ließen.

Er vertritt die These, dass der Mensch nicht von Natur aus ein Krieger ist, sondern vielmehr erst durch die kulturelle Evolution dazu gemacht wurde.  Seiner Ansicht nach geschah dieser Paradigmenwechsel durch das Schwert.

Im Gegensatz zu allen früheren Waffen, die der Mensch erfand, ob Steinäxte, Speere oder Pfeil und Bogen ist das Schwert die erste reine Kriegswaffe. Sie setzt eine hoch entwickelte Technologie voraus, sowie eine arbeitsteilige Gesellschaftsform. Stellenweise hat mir Eich ein bisschen zu viel über die Techniken und Feinheiten der Bronzegießerei verloren, aber das ist eine der wenigen Kritikpunkte, die ich an dem Buch habe. Schwerte waren von Anfang an Machtinstrumente und ich fand es überaus spannend zu lesen, wie Eich die wirtschaftlichen, technischen und sozialen Entwicklungen verknüpft, um ein sehr anschauliches Bild der Geschichte des Krieges zu zeichnen.

„Abgesehen von der Effizienzsteigerung militärischer Gewalt ging mit dieser erneuten Runde der Eskalation und Erschöpfung kein geschichtlicher Lernprozess im Sinne von Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“ einher. So ist es seitdem geblieben. Dieser negativen historischen Erfahrung steht gegenüber, dass die Triebkraft der Gewalt erst relativ spät in der Geschichte der menschlichen Spezies einsetzt“

Für Eich sind die zahlreichen Massaker der Steinzeit Belege für eine der Situation geschuldeten Aggressivität und deutet nicht auf eine inhärente Eigenschaft des Menschen hin.

Er schlägt sich in dem uralten Streit zwischen Hobbes (Homo homini lupus – Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen) und Rousseau (der den Menschen im Naturzustand den Einklang mit der Natur suchen sieht und der erst durch die Zivilisation das Böse lernte) eher auf die Seite Rousseaus.

Diese Debatte geht auf die größeren Fragen ein: Warum kämpfen wir? Und wie verringern wir die Gewalt unter den Menschen? Die Antworten, die vielleicht noch in noch nicht ausgegrabenen archäologischen Ausgrabungen vergraben sind, können darüber entscheiden, wie wahrscheinlich Frieden in unserer Zukunft ist.

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In „Wired for War“ – The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century“ erforscht P. W. Singer die größte Revolution im militärischen Bereich seit der Atombombe: den Beginn der robotergestützten Kriegsführung. Wir stehen an der Schwelle zu einem massiven Wandel in der Militärtechnologie, der die Stoffe von „I Robot“ und „Terminator“ Wirklichkeit werden zu lassen droht.

Er vermischt historische Beweise mit Interviews und zeigt, wie die Technologie nicht nur die Art und Weise verändert, wie Kriege geführt werden, sondern auch die Politik, die Wirtschaft, die Gesetze und die Ethik, die den Krieg selbst umgeben.

Leider sind nach Singers Ansicht nicht nur Roboter die, die „wired for war“ sind, sondern auch die Menschen. Wie Singer zu Recht sagt sind die ursprünglichen Sünden unserer Spezies ihre Unfähigkeit, in Frieden zu leben. Der schlimmste Alptraum eines demokratisch gewählten Politikers ist allerdings ein Krieg, der viele menschliche Opfer fordern kann. Das ist nämlich auch der sicherste Weg zu einer vernichtenden Niederlage bei der nächsten Wahl. Es ist daher keine Überraschung, dass das Militär weltweit der größte Geldgeber für Roboterforschung und -entwicklung ist, wobei das US-Militär bis zu 80 Prozent der gesamten KI-Forschung in den USA finanziert. Tote Roboter hinterlassen eben keine trauernden Familien.

„Every vehicle is a robot waiting to happen“

Roboter sind ideal für Rollen, die von menschlichen Soldaten als die „Drei Ds“ („Dull, Dirty or Dangerous“) bezeichnet werden. Der menschliche Pilot wird nach 10 Stunden in der Luft vor Müdigkeit, Hunger oder einem Druck in der Niere ohnmächtig? Kein Problem, ersetzen wir ihn durch einen Roboter.

Die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency)  arbeitet nach eigenen Aussagen an einer Drohne, die bis zu fünf Jahre lang in der Luft bleiben kann.  Technologie hat einfach nicht die gleichen Einschränkungen wie der menschliche Körper. Ein aktueller Jagdbomber kann so schnell und hart manövrieren, dass sein Pilot sofort ohnmächtig würde. Die Lösung? Roboterpiloten, die Kampfflugzeuge ohne menschlichen Einsatz „bemannen“. Das hilft auch, die Entscheidungsschleifen dramatisch zu reduzieren. Selbst der beste menschliche Kampfpilot braucht mindestens 0,3 Sekunden, um auf einen einfachen Reiz zu reagieren, und sogar doppelt so lange, um aus einer Reihe von Möglichkeiten die richtige Handlung auszuwählen. Wie viel Zeit braucht ein Roboterpilot für die gleiche Aufgabe? Weniger als eine millionstel Sekunde.

Der Mensch wird zum schwächsten Glied in jedem Verteidigungssystem. Die Zukunft wird nicht wie in Star Wars-Filmen sein, in denen Y-Wings und TIE-Kampfflugzeuge von Menschen mit minimaler Roboterunterstützung (R2D2, BB8 usw.) geflogen werden. Stattdessen wird es Roboterpiloten geben, weil Menschen gegen sie keine Chance hätten.

„Those vested in the current system, or whose talents and training might become outdated by new technologies, will fight any change that threatens to make them obsolete or out of work, or in any way harms their prestige“

Unbemannte Systeme können die schrecklichen menschlichen Kosten des Krieges mindern. „Cubicle Warriors“, die ihre Drohnen in Afghanistan oder im Irak steuern, während sie in klimatisierten Büros irgendwo in Nevada sitzen, werden wahrscheinlich nie selbst zum Kriegsopfer werden. Die geringen drohenden Verluste von Menschenleben können für Politiker sehr verführerisch sein und es ihnen künftig viel leichter machen, sich für einen Krieg zu entscheiden. In der Zukunft könnte das Dilemma, Menschenleben zu opfern, vollständig durch eine kaltherzige Wirtschaftlichkeitsberechnung über die Kosten der erforderlichen Investitionen in Roboter ersetzt werden.

„The forecast of the writers may prove to be more accurate than the forecast of the scientists“

Das Kapitel über die „Singularität“ hat mich etwas gestört, weil es einen deutlichen Mangel an Verständnis für den aktuellen Stand der Technik zeigt. Computer werden im Moment nicht schneller. Die Prozessorgeschwindigkeiten haben sich in den letzten Jahren bei etwa 3,0 GHz eingependelt, weil jede Beschleunigung und entsprechende Wärmeableitung zu einem unlösbaren Problem wird. Sogar die Geschwindigkeit von Supercomputern erreicht aus den gleichen Gründen eine Obergrenze.

Der spannenste Teil in „Wired for War“ war für mich der Teil, in dem Singer aufzeigt, wie Science-Fiction die Entwicklung der Militärtechnologie beeinflusst hat. Er vertritt den Standpunkt, dass Science-Fiction die Wissenschaftler dazu inspiriert hat, diese Dinge Wirklichkeit werden zu lassen.

Im Großen und Ganzen ist das Buch informativ, durchdacht und zugänglich und er bestärkt den Leser darin, sich kritisch über den Einsatz von Technologie und die  damit verbundenen ethischen Implikationen Gedanken zu machen.

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The wise warrior avoids the battle.

Die Kunst des Krieges ist ein altes chinesisches Militärtraktat aus der Frühlings- und Herbstzeit (etwa 771 bis 476 v. Chr.). Das Werk, das dem altchinesischen Militärstrategen Sun Tzu („Meister Sonne“, auch Sunzi geschrieben) zugeschrieben wird, besteht aus 13 Kapiteln. Jedes widmet sich einem bestimmten Aspekt der Kriegsführung und der Frage, wie sich das auf die Militärstrategie und -taktik auswirkt. Fast 1.500 Jahre lang war es der Leittext einer Anthologie, die 1080 von Kaiser Shenzong als die „Sieben Militärklassiker“ formalisiert werden sollte. Die Kunst des Krieges ist nach wie vor der einflussreichste Strategietext in der ostasiatischen Kriegsführung. Sie hat einen tiefgreifenden Einfluss sowohl auf das militärische Denken im Osten als auch im Westen, auf Geschäftstaktiken, Rechtsstrategien und darüber hinaus.

The supreme art of war is to subdue the enemy without fighting.

Die Kunst des Krieges ist nicht nur offensichtliche Lektüre für Menschen in militärischen Berufen, sondern sondern wird auch vielfach in der Wirtschaft, insbesondere für das Management empfohlen und sicherlich können viele der Lektionen des Buches auf fast jeden Bereich angewendet werden, in der es um Interaktion mit anderen geht, die einen Sieger hervorbringt. Dabei geht es nicht nur um Kriege und Wettkämpfe im klassischen Sinne, sondern zum Beispiel um Alltagssituationen, in denen Verhandlungsgeschick notwendig ist.

All warfare is based on deception.

Jede Kriegsführung basiert auf Täuschung. Ohne Täuschung hätte zum Beispiel der Zweite Weltkrieg nicht gewonnen werden können, denn während die echten Invasionstruppen an den Stränden der Normandie eintrafen, fielen dieNazi-Streitkräfte an anderer Stelle auf falsche Botschaften, eine fake Militär-Siedlung und sogar unechte Panzer rein, die aus der Luft wie echte aussahen.

So in war, the way is to avoid what is strong, and strike at what is weak.

Es gibt keinen Fall, in dem eine Nation von einem verlängerten Krieg profitiert hätte. Im Krieg geht es also darum, das Starke zu meiden und das Schwache anzugreifen.

Es gibt fünf gefährliche Fehler, die einem General unterlaufen können:
(1) Rücksichtslosigkeit, die zur Zerstörung führt;
(2) Feigheit, die zur Gefangennahme führt;
(3) ein übereiltes Temperament, das durch Beleidigungen provoziert werden kann;
(4) eine übertriebene Ehrempfindung, die empfindlich auf Scham reagiert;
(5) übertriebene Fürsorglichkeit für seine Männer

Zuletzt noch ein belletristisches Werk zu dieser Hirngymnastik:

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Sarat Chestnut, geboren in Louisiana, ist erst sechs Jahre alt, als im Jahr 2074 der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg ausbricht. Aber selbst sie weiß, dass Öl verboten ist, dass Louisiana halb unter Wasser liegt, dass unbemannte Drohnen den Himmel füllen.

Als ihr Vater getötet wird und ihre Familie in Camp Patience für Vertriebene eingewiesen wird, beginnt sie – geprägt durch den besonderen Ort und die verrückten Zeiten in denen sie aufwächst durch den Einfluss eines mysteriösen Funktionärs zu einem tödlichen Kriegsinstrument zu werden.

Ihr Neffe, Benjamin Chestnut, der während des Krieges geboren wurde und zur „Miracolous Generation gehört“ erzählt ihre Geschichte. Heute ist er ein alter Mann, der sich mit dem dunklen Geheimnis seiner Vergangenheit, mit der Rolle seiner Familie in dem Konflikt und insbesondere mit der seiner Tante konfrontiert sieht, einer Frau, die ihm das Leben rettete und gleichzeitig unzählige andere zerstörte.

Die Protagonistin, Sarat, ist eine interessante und tragische Figur, aber es war manchmal wirklich schwer, Sympathie für sie zu empfinden. Einige ihrer Handlungen waren vorhersehbar, um nicht zu sagen fast karikaturhaft.

Hier gibt es keine hellen Töne, es ist eine Geschichte Amerikas, in der seine Vorherrschaft in der Welt mit einem großen Teil seines Landes untergegangen ist, in der ökologische Veränderungen die Wüsten in verwüstete Gebiete verwandelt haben, in der die Politik auf den Kopf gestellt wurde – überall sonst dank des Endes der Öl-Energie-Krise, und in der Seuchen und Kriege den Boden Amerikas verwüstet haben.

Es ist schwer zu sagen, was genau Omar El Akkad mit seinem Buch falsch gemacht hat, denn oberflächlich betrachtet scheint es sich um einen gut konstruierten Roman zu handeln. El Akkad verknüpft die Geschichte von Sarat mit der imaginären Vision eines zweiten amerikanischen Bürgerkriegs. Die Welt, die sich in diesem Roman aufbaut, ist immens, und Nachrichtenartikel sind wie historische Versatzstücke über die gesamte Erzählung verstreut. Aber wenn man genauer hinsieht, gibt es jede Menge klaffender Löcher.

Was ist mit dem gegenwärtigen sozialen Klima in Amerika, mit dem institutionalisierten Rassismus und der Polizeibrutalität? Wie kann El Akkad für seine Erzählung so stark auf den ersten amerikanischen Bürgerkrieg zurückgreifen und die Frage der Sklaverei und des Rassismus völlig ignorieren? Wie kann der Süden weiterhin fossile Brennstoffe nutzen, wenn der Rest des Landes dies nicht mehr tut? Wie kam es zur Annexion einer großen Region der USA durch Mexiko? Wie um alles in der Welt haben sich alle Länder des Nahen Ostens im Laufe von etwa fünfzig Jahren (?!?!) zu einer Republik zusammengeschlossen?

Dies sind nur einige der Fragen, die „American War“ für mich unbeantwortet gelassen hat. Vielleicht sind sie nicht der Punkt, aber es hat mich genervt, dass der Roman nicht einmal versucht, dem Leser einigermaßen zufriedenstellende Antworten geben zu können.

Mein zweites Problem bei diesem Buch ist, dass es langweilig und wirklich ermüdend ist. Ich konnte partout keine Verbindung zu Sarat oder irgendeine andere Figur aufbauen. Ich hatte mich sehr auf diese Dystopie gefreut, klang die Ausgangssituation doch überaus spannend. Ich hätte wahrscheinlich einige der Plotlöcher durchaus verzeihen können, wenn ich wenigstens etwas Sympatie für die Figuren hätte aufbringen können. So war ich aber einfach nur froh, als ich das Buch nach etwa 2/3 abgebrochen habe.

Hat einer von Euch den Roman gelesen und eine andere Erfahrung gemacht? Es kann auch durchaus an mir gelegen haben.

Die Thematik war viel spannender als ich dachte, aber ich bin auch froh, mich mal wieder mit anderen Themen beschäftigen zu können. Allerdings, falls jemand auf der Suche nach einem Kriegsgeneral ist, stehe ich gern zur Verfügung, denn aufgrund dieser Hirngymnastik bin ich jetzt mit Kriegstaktiken bestens vertraut. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften.

Hier noch mal im Überblick die Bücher aus dieser Hirngymnastik:

Armin Eich – Die Söhne des Mars erschienen im Beck Verlag
P. W. Singer – Wired for War erschienen im Penguin Verlag
Sun Tzu – The Art of War  als „Die Kunst des Krieges“ im Knaur Verlag erschienen
Omar El Akkad – American War erschien auf deutsch unter dem gleichen Titel im Fischer Verlag.

Kleine gemischte Tüte

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Carolin Emckes „Wie wir begehren“ ist zugleich eine biografische Erinnerung, als auch ein Essay, in dem sie den Fragen nachgeht, die ihr im Laufe ihres Lebens immer wieder begegnen. Es sind Fragen, die aus den Erfahrungen der Autorin entstanden sind, aus ihren Entscheidungen und aus dem, was sie sagt und was sie verschweigt.

Gekonnt verknüpft sie persönliches mit politischem, sie berichtet von ihrem Alltag als Journalistin in Krisen- und Kriegsgebieten, während sie ihren persönlichen Hintergrund stets aufs neue beleuchtet, hinterfragt, wieviel Ehrlichkeit und Authentizität der jeweiligen Situation angemessen ist und auch, wieviel davon ihre eigene und die Sicherheit ihrer Übersetzer und Weggefährten etwa gefährdet.

Mich hat die Geschichte des offensichtlich schwulen Übersetzers in Gaza sehr berührt. Wie schwierig es war zu ahnen, ob andere eine Ahnung davon hatten oder er selbst eigentlich von seinem Schwulsein wusste.

„Wer den Normen entspricht, kann es sich leisten zu bezweifeln, dass es sie gibt“

„Wie wir begehren“ ist eine komplexe, nachdenkliche, artikulierte Lektüre. Das erforscht anschaulich die menschliche Psyche und die Beziehung zu ihren eigenen Wünschen.

Emcke untersucht die soziale Dynamik des Begehrens und der Identität (Wir sind nicht nur das, was wir sein wollen, wir sind auch das, was andere aus uns machen), die Quelle der Entstehung des Begehrens, die Form, die es annimmt, die Art und Weise, wie es entsteht und ausgedrückt wird.

„Es war die Arroganz ihrer Klasse, die eingeübte Herablassung, die sich als schützend erwies für diese Jungen, weil sie der psychischen Ungleichheit der Erwachsenen-Kind-Relation eine andere, mächtigere Ungleichheit gegenüberstellte.“

Ab und an habe ich den roten Faden etwas verloren und die musiktheoretischen Abstecher hätten etwas kürzer sein dürfen, aber insgesamt ein sehr interessanter Einblick in das Entdecken und Wiederentdecken der eigenen Identität und des Begehrens.

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Ein unerbittlicher Strom von Wahlmöglichkeiten konfrontiert uns ständig, und doch bietet uns unsere Kultur nicht wirklich Möglichkeiten, uns zu entscheiden. Das Dilemma scheint unvermeidlich, aber tatsächlich ist es relativ neu. Im mittelalterlichen Europa war die Stimme Gottes die zentrale Kraft, im antiken Griechenland stand gar ein ganzes Pantheon strahlender Götter bereit, um den Menschen als Vorbilder zu dienen. Können in unserer Kultur, in der der Glaube an Gott nicht mehr selbstverständlich ist, trotzdem noch mit den homerischen Stimmungen des Staunens und der Dankbarkeit in Berührung kommen und uns von den Bedeutungen leiten lassen, die sie offenbaren?

„Wenn Wallace damit recht hatte und falls es genau diese kulturelle Konstellation ist, auf die er so ungemein sensibel reagierte, dann bedeutet sein Selbstmord sehr viel mehr als den Verlust eines einzelnen talentierten Menschen. Dann ist er eine Warnung, die unsere höchste Aufmerksamkeit erfordert – ein Kanarienvogel in der Kohlemine unserer modernen Existenz, der vor tödlichen Gasen warnt.“

Die Autoren von „Alles, was Leuchtet“ glauben das zumindest. Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly beleuchten einige der größten Werke des Westens, um zu identifizieren, wie wir unsere leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Welt und unsere Empfindsamkeit verloren haben. Ihre Reise führt uns vom Wunder und der Offenheit des Polytheismus Homers, zum Monotheismus Dantes, von der Autonomie Kants zu den vielfältigen Welten Melvilles und schließlich zu den spirituellen Schwierigkeiten, die von modernen Autoren wie David Foster Wallace und Elizabeth Gilbert heraufbeschworen werden.

Dreyfus, seit vierzig Jahren Philosoph an der University of California, Berkeley, ist ein origineller Denker, der in den klassischen Texten unserer Kultur eine neue Relevanz für das Alltagsleben der Menschen findet.

Die Schlussfolgerungen, zu denen die Autoren kommen, sind durchaus interessant – wir fühlen uns am Lebendigsten, wenn wir uns auf eine Aktivität einlassen, die uns über uns selbst hinaushebt. Dies geschieht oft im Sport, wenn wir „im Flow“ sind. Die „Götter“ rufen uns auf, unsere Sensibilität zu kultivieren, und das Staunen nicht zu verlieren.

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Die „Mary Russell“ liegt 1823 im kleinen Hafen von Cove vor Anker. Sie ist kein gewöhnliches Schiff, sondern Gegenstand einer Untersuchung und wilder Spekulationen: In der Kabine liegen die Leichen von sieben brutal geschlagenen Männern, der Kapitän ist verschwunden. Der Forschers und Predigers William Scoresby und dessen Schwager machen es sich zur Aufgabe, die Überlebenden zu befragen und anhand der Zeugenaussagen eine Idee davon zu bekommen, warum und vor allem von wem die sieben Matrosen getötet wurden.

Nach und nach fügen sich die zunächst widersprüchlich erscheinenden Augenzeugenberichte zu einem halbwegs passenden Puzzle zusammen – oder war alles doch vielleicht ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint?

Alexander Pechmann trifft in diesem modernen Schauerroman wunderbar den Ton eines im positiven Sinne altmodischen Abenteuerromans, der sich gut in die Gedankenwelt der Menschen im 19. Jahrhundert hineinversetzen kann, eine Welt, in der der Wille Gottes selbst vor Gericht noch Gewicht hatte.

„Morley und ich froren ebenfalls wie verlorene Seelen, doch wollte ich mir nichts anmerken lassen und bat lediglich einen der Schiffsjungen darum, meine Pfeife rauchen zu dürfen, die mir schon in schlimmeren Situationen Wärme und Trost gespendet hat. Da keiner der anderen Männer an Deck erschienen war, befanden sich inzwischen wohl alle in der Gewalt des Käptns und unter der Aufsicht der drei Jungs, die keine Fesseln trugen, sondern bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten.“

Mit 161 Seiten ist es ein kompaktes, aber sehr unterhaltsames Lesevergnügen. Man ist sofort mitten im Geschehen und ist gemeinsam mit den beiden „Ermittlern“ am spekulieren, was nun wirklich passiert sein könnte. Das Ganze ist mehr psychologische Studie als Krimi, was der Spannung aber keinen Abbruch tut.

Ein wunderbarer kleiner Roman für Liebhaber von Abenteuergeschichten à la Jack London, von Meutereien, Geheimnissen und Seebären.

Welches Buch darf es also sein für dich sein? (hier bitte Herzblatt Stimme vorstellen:) Möchtest du mit Carolin Emcke über die Begierde diskutieren, mit den Herren Dreyfus und Kelly den Sinn des Lebens in großer Literatur suchen oder doch lieber mit Alexander Pechmann in See stechen und Abenteuer erleben?