Große gemischte Tüte

Ian McEwan ist der Naturwissenschaftler unter den Romanautoren. Immer wieder beschäftigt er sich in seinen Werken damit, woher die menschliche Erkenntnis kommt, wie zugänglich die Erkenntnisse der Wissenschaften für uns Leser sind, gibt es eine universelle menschliche Natur? In diesem Bändchen finden sich fünf Essays, die sich mit Wissenschaft, Literatur und Religion beschäftigen.

My own particular hero is E.O. Wilson” sagte der britische Schriftsteller Ian McEwan einmal in einem Interview. Es mag etwas überraschen, dass der „Held“ eines Literaten kein Dichter oder Romancier ist, sondern ein amerikanischer Biologe, der für die Entwicklung der Soziobiologie, einer Verschmelzung von Natur- und Sozialwissenschaften, berühmt ist. Doch wenn man sich McEwans Werk ansieht, wird deutlich, dass er zwar selbst ganz klar Literat ist, sich aber sehr für wissenschaftliche Themen interessiert. Für seine Romane Saturday und Enduring Love wählte er sogar zwei Wissenschaftler als Protagonisten, die der Erzählung ihr rational-wissenschaftliches Weltbild aufdrücken. Gleichzeitig geraten beide Protagonisten in einen Konflikt mit der Literatur.

„Über die Entstehung, in dreizehn Monaten geschrieben, ist das Resultat einer enormen intellektuellen Anstrengung: ausgereifte Einsichten, umfassendes Wissen und präzise Beobachtungen, die Darbietung aller Fakten, die Erläuterung geradezu unwiderleglicher Argumente im Dienste einer profunden Kenntnis natürlicher Abläufe. Darwins Zögern, gegen Emmas religiöse Überzeugungen zu verstoßen, den theologischen Gewissheiten seiner Kollegen zu widersprechen oder sich in der unpassenden Rolle eines Bilderstürmers wiederzufinden, eines radikalen Abweichlers in der viktorianischen Gesellschaft – all diese Bedenken warf er über den Haufen, weil er fürchtete, jemand anderes könne ihm zuvorkommen und die Anerkennung für Überlegungen einheimsen, die er für die seinen hielt.“

Darwin bildet ein wenig den roten Faden zwischen den einzelnen Vorträgen bzw. Artikeln, bzw. der Vergleich der Arbeit eines Wissenschaftlers mit der eines Autors, dennoch stehen die Essays in keinem bestimmten zeitlichen oder inhaltlichen Bezug zueinander. Trotzdem habe ich sie sehr gerne gelesen – eine sehr anregende Lektüre, die mich dazu bringt, dieses Jahr aber wirklich endlich Darwins „The Origins of Species“ zu lesen, das schon viel zu lange ungelesen in meinem Regal steht.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gilbert hat einen Alptraum, indem seine Frau untreu ist, er erwacht schwer empört und konfrontiert sie im Laufe des Tages mit ihrer Untreue. Sie jedoch leugnet jegliche eheliche Abschweifung, woraufhin er von ihrer Untreue weiterhin tief überzeugt, seine seine Tasche packt, seinen Pass nimmt, zum Flughafen fährt und den erstbesten verfügbaren Interkontinentalflug bucht. Er landet in Tokio, wo Gilbert – ein Forscher in Sachen Bart – versucht, ein Gespräch mit einem seltenen jungen Japaner anzufangen, der erste, den er sieht, der einen kleinen Bart trägt. Yosa war gerade im Begriff, Selbstmord zu begehen, aber als Gilbert ihn anspricht, verbietet es die Höflichkeit, mit seinem Plan fortfahren. Ausgestattet mit zwei Büchern, Bashos berühmtem Reiseführer über das Hinterland Japans und einem japanischen Selbstmord-Handbuch, beginnen die beiden Männer eine Reise durch Japan auf der Suche nach den seit Basho bedichteten berühmten Kiefern.

Über den Weg, der neben dem Schild vom Hauptweg abzweigte, spannte sich ein dünner Faden, der offenbar eine Sperre versinnbildlichen sollte. Yosa hob das Sinnbild an, bückte sich darunter durch, und Gilbert tat es ihm gleich, auf einmal von heißem Trotz gegen eine Maßregelung durch schlaffe Bindfäden erfüllt. Sie brauchen ihm jetzt wirklich nicht mit der Albernheit zu kommen, ihn mittels Bindfäden gängeln zu wollen, er hielt sich an ausreichend viele Vorschriften, wenn auch widerstrebend, und bei einem Waldspaziergang benötigte er keine Kontrolle und keine Bevormundung. Er überholte Yosa und stapfte wütend den Pfad entlang durch unübersichtliches, verbotenes Gebiet.

Der Roman ist ein kleines Meisterwerk. Witzig, skurril, großartig beobachtet. Ich weiß nicht, wie Poschmann es geschafft hat, sie fängt mit atemberaubender Perfektion exakt die verwirrende Erfahrung ein, die einen als Besucher des Landes permanent begleitet. Ich hatte vor der Lektüre schon eine Ahnung, dass es mir gefallen könnte, aber es dürfte eines der Highlights des Jahres sein, kann es nur jedem ans Herzen legen und je weniger man vorher über den Roman weiß, desto besser glaube ich.

Marion Poschmann erzählt in „Nimbus“ von den Verheerungen, denen die Natur durch den Menschen ausgesetzt ist. Ihre poetischen Illuminationen lassen die Magie der Natur sinnlich werden. Diese Gedichte haben eine unfassbar schöne Rhythmik und die Sprache malt passende atmosphärische Bilder dazu. Ich habe keine Ahnung, wie man Gedichte bespricht, daher einfach nur: Kauft diesen Gedichtband, lasst euch hineinfallen und legt ihn nie zu weit außer Reichweite, ihr werdet immer wieder einmal darin lesen wollen!

Farnfraktal – wie Flügel gegen sinkendes Abendlicht.
Und wir, wir wichen schüchtern den Schritt zurück
ins Dunkle, wo die Farnspiralen
ausharrten, dicht in sich eingewunden,

genügsam, lautlos. War ich denn jemals so –
so eingerollt in mich, völlig eingehegt
in Wald, der an mich grenzte, Wald, der
Gegenfarn bildete, größer, stiller.

Diese erstaunliche Frau führte ein sehr beeindruckendes Leben. Anne Beaumanoir war im Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzung Frankreichs, half vielen ihrer jüdischen Mitmenschen dem Nazi-Terror, der Gefangenschaft und dem sicheren Tod zu entkommen, arbeitete als Neurologin, war im algerischen Unabhängigkeitskampf gegen den französischen Kolonialismus aktiv und wurde dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, lebte viele Jahre in Tunesien und Algerien im Exil und half in den Anfangsjahren der algerischen Unabhängigkeit beim Aufbau des algerischen Gesundheitssystems. Heute ist sie 97 Jahre alt und traf bei einer Veranstaltung auf die Autorin Anne Weber, der sie ihr Leben erzählte.

„Zu lange waren Angst Erschöpfung Einsamkeit
ihre einzigen Begleiter. Sie kann nicht mehr. Im
Parc Monceau findet sie, statt der Ruhe, die sie sucht,
eine noch nie empfundene Beklemmung. Kein
Mensch in dieser großen Stadt, die sie mit kleinen
Schritten monatelang durchmessen hat, von der sie
jeden Winkel, jeden Außenbezirk kennt, kein Mensch,
der sich im Geringsten um sie schert, der sie was fragt
oder sich vielleicht Gedanken um sie macht, nichts,
niemand – Leere. Hat Kommunismus nicht mit
Gemeinsamkeit zu tun? Als sie noch handelte und
etwas Sinnvolles vollbrachte – etwas, wovon sie
hoffte, dass es sinnvoll war -, da ging es noch. Und
jetzt?

Die Form erhebt Beaumanoir in die Höhen einer griechischen Heldin, aber gleichzeitig macht der Inhalt sie zu einer sehr modernen Figur, die nicht nur durch die Zeit in der sie lebte geformt wurde, sondern die sich auch mit Fragen wie Identität und Ideologie beschäftigte. Die Sprache ist poetisch, aber, in Anbetracht der Form, nicht sehr stilisiert und sehr zugänglich. Die ganze Mischung ist ein überaus fesselndes Erlebnis.

In The Heat of the Day erschafft Elizabeth Bowen auf brillante Weise die angespannte und gefährliche Atmosphäre Londons während der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs.

Viele Menschen sind aus der Stadt geflohen, und diejenigen, die zurückgeblieben sind, finden sich in einer seltsamen, aus der Krise geborenen Intimität zusammen. Stella Rodney ist eine von denen, die sich entschieden haben, zu bleiben. Aber für sie wird das Gefühl der bevorstehenden Katastrophe plötzlich sehr persönlich, als sie entdeckt, dass ihr Geliebter Robert verdächtigt wird, Geheimnisse an den Feind zu verkaufen, und dass der Mann, der ihn verfolgt, Stella als Preis für sein Schweigen zu seiner Geliebten machen will. Gefangen zwischen diesen beiden Männern und nicht sicher, wem sie glauben soll, gerät Stellas Welt aus den Fugen, als sie erfährt, wie wenig wir wirklich über die Menschen um uns herum wissen können.

„Beide waren in ihrem Element, und als sie sich kennenlernten gleich noch viel mehr. Es war typisch für dieses Leben im Augenblick und um des Augenblicks willen, daß man Menschen gut kannte, ohne allzuviel von ihnen zu wissen. Das Vakuum hinsichtlich der Zukunft entsprach dem Vakuum hinsichtlich der Vergangenheit; Lebensgeschichten wurden als unnützer Ballast abgeworfen, und aus verschiedenen Gründen kam das sowohl ihr als auch ihm entgegen.“

Bowen hat einen ungewöhnlichen Schreibstil, der mich immer wieder mal an Virginia Woolf erinnerte. Manchmal kamen die Worte geradezu in Maschinengewehrsalven auf einen zu, dann wieder ihre Sätze fast träge wie wie ein schwüler Spätsommertag. Dies ist mein erster Roman von Elizabeth Bowen, aber sicher nicht meine letzter. Der Roman ist eine spannende Mischung aus Noir-Spionage mit einem Spritzer Liebesroman.

Dieses kleine Buch wurde 1938 in den Vereinigten Staaten veröffentlicht und wurde noch zu Lebzeiten der Autorin zum Klassiker. Die Erstveröffentlichung hat wegen der darin enthaltenen Wahrheiten – und der Warnungen – immer wieder an Popularität gewonnen.

A short time before the war, some cultivated, intellectual, warmhearted German friends of mine returned to Germany after living in the United States. In a very short time they turned into sworn Nazis. They refused to listen to the slightest criticism about Hitler. During a return visit to California, they met an old, dear friend of theirs on the street who had been very close to them and who was a Jew. They did not speak to him. They turned their backs on him when he held his hands out to embrace them. How can such a thing happen? I wondered. What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty?

These questions haunted me very much and I could not forget them. It was hard to believe that these people whom I knew and respected had fallen victim to the Nazi poison. I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care. In 1938, the isolationist movement in America was strong; the politicians said that affairs in Europe were none of our business and that Germany was fine. Even Charles Lindbergh came back from Germany saying how wonderful the people were. But some students who had returned from studying in Germany told the truth about the Nazi atrocities. When their fraternity brothers thought it would be fun to send them letters making fun of Hitler, they wrote back and said, “Stop it. We’re in danger. These people don’t fool around. You could murder one of these Nazis by writing letters to him.”

So erklärte Kathrine Kressmann Taylor die Inspiration zu „Adresse unbekannt“, das heute als eines der grundlegenden Werke der Anti-Nazi-Literatur gilt. Ursprünglich 1938 veröffentlicht, wurde die Kurzgeschichte in Form eines Briefwechsels auf dem Höhepunkt des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland zwischen zwei Geschäftspartnern und Freunden geschrieben. Martin, der kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt ist, wird nach und nach von der Nazi-Ideologie indoktriniert, sein Freund Max ist Jude, der in Amerika zurückgeblieben ist, um das Geschäft weiterzuführen.

Die Geschichte beschäftigt sich mit den Themen Fanatisierung, Faschismus und Rache und wie leicht der Spieß auch umgedreht werden könnte, wenn man andere verunglimpft. Leider ist dieses Buch auch heute noch so relevant wie eh und je, wo faschistische Ideale wieder auf dem Vormarsch sind und durch Social Media leicht verbreitet und akzeptiert werden.

Ich hoffe, in dieser gemischten Tüte war etwas dabei für euch? 6 sehr unterschiedliche, aber allesamt überaus empfehlenswerte Bücher die ich euch ans Herz legen möchte.

Hier noch einmal in der Übersicht:

  • Erkenntnis und Schönheit von Ian McEwan erschienen im Diogenes Verlag
  • Die Kieferninseln von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Nimbus von Marion Poschmann erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber erschienen im Matthes & Seitz Verlag
  • In der Hitze des Tages von Elizabeth Bowen erschienen im Schöffling Verlag
  • Adressat unbekannt von Kressmann Taylor erschienen im Rowohlt Verlag

Hard Land – Benedict Wells

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Ein cooler nostalgischer Trip zurück in die 80er samt Playlist und ich war kurz davor, mit der Liste an Filmen, die ich jetzt (wieder)sehen möchte in die nächste Videothek zu rennen. Die Lektüre war für mich das perfekte Buch gegen den Corona-Blues.

In diesem Sommer 1985 wird alles anders, als es zuvor je war. Es ist der Sommer seines Lebens. Der Sommer 1985, in dem er 16 wird, Freunde findet, über sich hinaus wächst und in dem seine Mutter stirbt.

Vermutlich hatte fast jeder von uns so einen prägenden Sommer in unserer Jugend, in dem ein großer Grundstein gelegt wurde, der uns zu dem Menschen machte, der wir später einmal wurden. Es ist gleichzeitig die schönste und die schrecklichste Zeit, weil man permanent auf diesem schmalen Grat herumeiert – noch nicht richtig erwachsen, aber auch längst kein Kind mehr. Wo man zum ersten Mal die ganz großen Gefühle erlebt, die den ohnehin schon hormonell durchgewirbelten jugendlichen Körper vollends ins Chaos stürzen. Verliebt sein, unsicher sein ob die Liebe erwidert wird oder auch nicht und fast alles passiert zum ersten Mal.

Benedict Wells neuer Roman Hard Land spielt in der fiktiven Kleinstadt Grady in Missouri und erzählt von all diesen ersten Malen, davon wie es ist, in den 1980ern jung zu sein, von Freundschaft, der ersten Liebe, von Trauer, Mut und Familie. Von Shopping Malls, kleinen Kinos, ersten Küssen, Begegnungen mit Alkohol und Drogen und die ersten Abstürze und Ernüchterungen, die zwangsläufig darauf folgen.

„Der Mercury raste durch die Kleinstadt, der Wind wehte uns ins Gesicht, wieder kam der Refrain, wieder grölten wir alle auf der Ladefläche mit, und ich ahnte: Egal, was kam, dieser Moment würde bleiben.“

Sam entwickelt sich in diesem Sommer von einem schüchternen Mathe-Nerd, der aufgrund seiner Ängste schon als Kind beim Psychologen war, zu einem Jungen, der sich mit Marty McFly identifiziert und dazu neigt, selbst in den schönsten Momenten an das Schlimmste zu denken, was gleich passieren könnte.

Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn Sam hat es alles andere als leicht. Seine Mutter leidet nach einer Gehirntumor OP noch immer an den Folgen und die drohende Rückkehr des Tumors überschattet seinen Alltag. Zudem ist sein Vater schon länger arbeitslos, das Geld fehlt hinten und vorne. Da würde wohl jeder langsam den Optimismus verlieren bzw. von Ängsten gequält werden. Eigentlich planen die Eltern, ihn über die Sommermonate zu den Cousins nach Kansas zu schicken, um ihm zu helfen, Freunde zu finden und einen normalen Sommer zu verleben, doch das möchte Sam auf gar keinen Fall. Stattdessen heuert es als Aushilfe über den Sommer im Kino an und freundet sich dort mit der Tochter des Kinobesitzers Kirstie an, seiner heimlichen Flamme, mit Cameron und dem Supersportler „Hightower“ Brandon. In den dreien findet er zum ersten Mal im Leben eine richtige Clique, mit denen er Nacht für Nacht auf dem Dach des Kinos hockt, über Filme und die Zukunft spricht und versucht, mit dem emotionalen Rollercoaster seines Lebens fertig zu werden.

„Hard Land“ ist eine wunderbare Coming of Age Geschichte, die dem Genre vielleicht keine unfassbar neuen Erkenntnisse beschert, aber geht es nicht immer und für jeden Jugendlichen stets um Liebe, Freundschaft, Verlust und darum, die Kunst des Lebens zu lernen, sowie die Fähigkeit zu erkennen, dass Schwierigkeiten und Hindernisse der eigentliche Lebensweg sind und die wunderbaren Glücksmomente, die goldenen Ausnahmen zwischendrin?

„Hightower nickte. Und dann sagte er, dass ihn der Sport gerettet habe und ich mir etwas suchen solle, wo ich „Dampf ablassen“ könne. Aber dass das alles nichts Schlimmes sei. Es habe bisher kein Spiel und keine Prüfung gegeben, wo ihm die Wut nicht genützt habe. Denn die anderen Leute würden irgendwann aufgeben. Doch die Wütenden würden nie nachlassen. Und darüber dachte ich nach.“

Benedict Wells hat mich auch auf einen emotionalen Rollercoaster geschickt. Ich habe während der Lektüre definitiv in den 80ern gelebt, musste unbedingt „Zurück in die Zukunft“ wiedersehen, der Breakfast Club folgt die Tage und die Playlist im Nachwort läuft in Dauerschleife.

Eine melancholische, aber sonnig warme Hommage an die 80er und mein perfekter Impfstoff für die anstrengenden Corona-Tage.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und hier geht es zur Playlist.

Leben und Schreiben

Sylvia Plath und Ted Hughes, das berühmteste Liebespaar der Literatur, waren komplexe, nur schwer durchschaubare Menschen. Sie waren überzeugt davon, dass ihre Beziehung vom Schicksal vorherbestimmt war und vielleicht war das ja tatsächlich der Fall. Sie motivierten sich zum Schreiben, konkurrierten miteinander, aber vor allem trieben sie sich gegenseitig dazu an, Texte zu verfassen, die besser und einzigartiger waren als alles, was zu dieser Zeit sonst geschrieben wurde. Das Ende ihrer Ehe war der Auslöser für Plaths letzte Gedichte, die ihr Unsterblichkeit garantieren sollten.

„Ich liebte sie, ich habe nie aufgehört sie zu lieben. Wenn ihr Selbstmord die Falle war, in der sie mich fangen wollte, um mich zu verschlingen, in sich aufzunehmen, zu einem Körper zu werden, ist ihr das gelungen. Ein Bräutigam, der Geisel des Todes ist, in einer posthumen Ehe auf ewig mit seiner Braut verbunden, so unzertrennlich von ihr, wie sie es wollte.
Ihr Name ist mein Name. Ihr Tod ist mein Tod.“

Es ist schwer zu sagen, was man von Ted Hughes halten soll. Nach der Lektüre dieses Buches habe ich definitiv mehr Interesse an ihm und seinem Werk. Eines glaube ich – er ist vielleicht der einzige Mann, der das Leben im Schatten von Sylvia Plath hätte ertragen können. Ein Jäger, ein Schöpfer von Mythen, dessen forschende, hinterfragende Natur zumindest zeitweise ihrer Energie standhalten konnte.

„In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben“

Frau Palmen scheint es wirklich gelungen zu sein, in das Bewußtsein des Dichters Ted Hughes einzutauchen und uns die tiefe, komplexe, symbiotische und empathische Beziehung der beiden Literaturgiganten miterleben zu lassen. Die Liebesgeschichte, die verwoben ist mit Jungscher Symbolik, psychoanalytischen und philosophischen Überlegungen und dann wieder brutal banal. Zwei brilliante junge Menschen, egoistisch, teilweise fehlgeleitet und beide auf ihre Art tragisch.

Schon beeindruckend, wie Palmer aus den Worten des Dichters, aus Tagebucheinträgen und Briefen eine brillante Momentaufnahme ihres gemeinsamen Lebens gemacht hat. Gelegentlich hat sie zu viel Partei ergriffen für Hughes, aber ich habe das Buch dennoch sehr gerne gelesen und es hat mir auf jeden Fall Lust gemacht, Plaths Gedichte wieder einmal vorzuholen.

Wer jetzt mehr Lust auf Sylvia Plaths Werk bekommen hat, der findet hier etwas zu ihrem Roman „The Bell Jar“ und hier zu ihrem Gedichtband „Übers Wasser“ sowie zu ihren autobiografischen Schriften „Zungen aus Stein

Kaum ein anderer Autor hat die Literatur der Moderne so essentiell geprägt wie Franz Kafka. Sein Leben wird vom ebenfalls jüdischen Schriftsteller mit juristischem Hintergrund, Louis Begley beleuchtet, der sich kritisch mit dem Leben des Autors und seinen häufig rätselhafte Texten beschäftigt.

Begley stützte sich bei seiner Recherche auf die Tagebücher und Briefe Kafkas, sowie die Erinnerungen und Briefe seiner Wegbegleiter und Zeitgenossen. Spannend immer wieder die Frage, wie man selbst an Max Brods Stelle reagiert hätte, der von Kafka mit der Vernichtung sämtlicher Briefe, Tagebücher und nicht explizit zur Veröffentlichung freigegebenen Unterlagen beauftragt war. Brod widersetzte sich bekanntermaßen diesem Wunsch. Schwierig, aber wahrscheinlich hätte ich doch genauso gehandelt.

Die Biografie enthält auch einige Fotos von Kafka und Personen aus seinem Leben, was hilft den Autor vom Podest ins normale Leben herunterzuholen und ihm näher zu kommen.

Meine eigentliche Furcht – es kann wohl nichts schlimmeres gesagt und angehört werden – ist die, daß ich Dich niemals werde besitzen können. Daß ich im günstigsten Fall darauf beschränkt bleiben werde, wie ein besinnungslos treuer Hund Deine zerstreute mir überlassene Hand zu küssen, was kein Liebeszeichen sein wird, sondern nur ein Zeichen der Verzweifelung des zur Stummheit und ewigen Entfernung verurteilten Tieres…“

Begleys Biografie ist sehr zugänglich und verschafft einen guten Überblick über Kafka. Wer tief gehende Werkanalysen erwartet, wird vermutlich noch das Eine oder Andere vermissen.

Wer möchte kann sich auf hier auf einen Rundgang durch Kafkas Prag begeben, bitte einfach hier entlang.

Zum Zeitpunkt ihres Todes am 12. Januar 1976 war Agatha Christie in der ganzen Welt als Königin des Verbrechens bekannt, konkurrenzlos als meistverkaufte Romanautorin aller Zeiten mit zwei Milliarden verkauften Büchern in mehr als 100 Sprachen.

Von der frühen Kindheit Ende des 19. Jahrhunderts, über zwei Ehen und zwei Weltkriege, bis hin zu ihren Erfahrungen als Schriftstellerin und auf archäologischen Expeditionen mit ihrem zweiten Ehemann Max Mallowan enthüllt dieses Buch mit viel Leidenschaft und Offenheit das wahre Genie Christies und geht dem Grundstein ihres legendären Erfolgs auf den Grund.

Die Geschichte beginnt mit ihrer Kindheit und erzählt von ihren beiden Ehen, eine mit Archie Christie und die andere mit Max Mallowan. Sie überlebte zwei Weltkriege und lernte nebenbei einige Fähigkeiten als Krankenschwester und Apothekerin. Sie nahm Gesangsunterricht, ging leidenschaftlich gern schwimmen und war sogar eine richtig gute Surferin. Eine Sache die ich mir vor der Lektüre partout nicht habe vorstellen können: die Queen of Crime auf einem Surfbrett!

„Wie ich schon sagte, begrüßte ich neue Ideen; tatsächlich hätte mein Motto damals lauten können: ‚Probiere alles einmal aus‘.“

Was ich besonders mochte, waren die bildhaften Beschreibungen ihrer Reisen um die Welt. Sie reiste ziemlich viel, vor allem in den Nahen Osten und es machte mir riesigen Spaß, ihre Reisen im Atlas mitzuverfolgen. Ihr zweiter Ehemann, Max Mallowan, war Archäologe, und nachdem sie ihn dort bei einer Ausgrabung kennengelernt hatte, begleitete sie ihn später noch oft zu anderen Ausgrabungsstätten in der Region. Eine Gemeinsamkeit haben wir: auch sie zog das Reisen mit der Eisenbahn jedem anderen Transportmittel vor.

„Züge sind wunderbar; ich liebe sie immer noch. Mit dem Zug zu reisen bedeutet, die Natur und die Menschen, Städte und Kirchen und Flüsse zu sehen – eigentlich das Leben.“

Ich fand es sehr interessant, dass sie das Schreiben nicht wirklich als ihren Beruf betrachtete, sondern eher als eine Art Hobby, mit dem sie praktischerweise ihre Rechnungen bezahlen konnte. Sie war nicht sofort und über Nacht erfolgreich. Die Verlagswelt war eine, die sie langsam zu erobern lernte, nachdem sie einige Male anfangs auch auf die Nase gefallen war.

Heutzutage schreiben mir ständig Leute, die vorschlagen, dass Miss Marple und Hercule Poirot sich treffen sollten – aber warum sollten sie? Ich bin sicher, es würde ihnen überhaupt keinen Spaß machen. Hercule Poirot, der totale Egoist, würde es nicht mögen, von einer älteren Jungfer in seine Angelegenheiten eingewiesen zu werden.“

Das ist eine Biografie, für die man nicht einmal ein großer Fan ihrer Krimis sein muss, um dieses Buch zu genießen. Ein großartiges Buch, bei dem man literweise Tee trinkt und idealerweise Scones mit clotted cream im Haus haben sollte, man wird Lust darauf bekommen.

Ich möchte auf jeden Fall bald mal wieder einen ihrer Krimis lesen und/oder Miss Marple im Fernsehen sehen.

Gemischte Tüte

Kein Grund zur Sorge, bei Kalmann kann man sich sicher sein, es wendet sich alles zum Guten. Kalmann ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn und er muss einen Mord aufklären. Das wäre im besten Fall schon keine einfache Sache, aber in Kalmanns Kopf geraten die Dinge schnell durcheinander, die Fäden verwirren sich und manchmal laufen die Räder in seinem Kopf auch rückwärts.

„Als ich noch ein Kind war, hatte meine Mutter nie Zeit für mich, arbeitete fast rund um die Uhr. Ihr Problem war, dass sie keinen Mann hatte. Aber es gab schon Versuche. Einmal stellte sie mich sogar einem vor. Ein geschiedener Elektriker. Seine Haare waren schön gescheitelt, und weil er auch schön angezogen war, sah er überhaupt nicht aus wie ein Elektriker. Sie hoffte wohl, einen Vaterersatz für mich gefunden zu haben, aber so was wie einen Vater kann man nicht einfach ersetzen. Man hat dasselbe Blut in den Adern wie sein Vater. Es gibt also nur einen. Das spürt man. Genau darum ist es für mich ganz normal, einen Cowboyhut und einen Sheriffstern zu tragen, das ist in mir programmiert, da kann meine Mutter noch so laut meckern.“

So sehr mir dieser charmante Island-Roman auch gefallen hat, ich kann ihn nicht ohne Warnung empfehlen. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch mit diesem Buch einlasst: Ihr werdet ganz sicher eine Reise nach Island buchen wollen, so bald das Virus uns nicht mehr Griff hat. Dieses Buch macht extrem Lust, dorthin zu reisen und ich habe die Route schon geplant, hoffe sehr ich treffe Kalmann vor Ort oder zumindest den mindestens genau so symphatischen Autor Joachim B. Schmidt, um gemeinsam einen Brennivin zu trinken und Polarfüchse zu beobachten. Die Reiselektüre ist dann auf jeden Fall schon mal klar.

Kalmann von Joachim B. Schmidt erschien im Diogenes Verlag.

What was is and what is was.

Die Erzählerin des Romans ist S.H., eine Schriftstellerin, die aus Minnesota stammt und nach New York zieht, um ihre schriftstellerische Karriere voranzutreiben.

Zum Zeitpunkt des Romans ist S.H. 61 Jahre alt und eine etablierte Autorin, die bereits mehrere Romane geschrieben hat. Als wir sie treffen, durchstöbert sie die Besitztümer ihrer Mutter und stößt dabei auf ein Tagebuch, das sie im Alter von 23 Jahren führte, als sie zum ersten Mal in New York ankam.

Auf diese Weise wird eines der Hauptthemen des Buches vorgestellt: Wie wirken Erinnerung und Vorstellungskraft zusammen. In zwei Strängen des Buches schreibt S.H. aus der Gegenwart des Romans über ihre Erinnerungen an diese Zeit (und die Zeiten davor und danach) und parallel dazu gibt sie Einträge aus dem Tagebuch wieder und denkt darüber nach.

The more I focus on remembering, the more details I am likely to provide, but those particulars may well be invented.

We are all wishful creatures, and we wish backward, too, not only forward, and thereby rebuild the curious, crumbling architecture of memory into structures that are more habitable.

Let us not forget that each time we evoke a memory, it is subject to change, but let us also not forget that those changes may bring truths in their wake.

Wie immer steckt Hustvedt voller interessanter Ideen und Beobachtungen. Der Roman ist nicht ganz einfach, aber er ist immer fesselnd und faszinierend.

Auf Deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Damals“ im Rowohlt Verlag.

Wo gehören wir hin? Was ist unser Zuhause in einer Zeit, in der sich immer weniger Menschen sinnstiftend dem Ort verbunden fühlen, an dem sie geboren wurden?

„Traumata sind Teil der eigenen Biografie. Man kann sie nicht im Nachhinein veändern, und sie hören nicht auf, ihre Schatten auf das Leben zu werfen, das man führt.“

In seinem persönlichen Essay beschreibt Daniel Schreiber den Umschwung eines kollektiven Gefühls: Zuhause ist nichts Gegebenes mehr, sondern ein Ort, nach dem wir uns sehnen, zu dem wir suchend aufbrechen. Schreiber blickt auf Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse, und zugleich erzählt er seine eigene Geschichte: von Vorfahren, die ihr Leben auf der Flucht verbrachten. Von der Kindheit eines schwulen Jungen in einem mecklenburgischen Dorf. Von der Suche nach dem Platz, an dem wir bleiben können.

Ein Buch, das einen definitiv auf eigene Spurensuche schickt.

„Die amerikanische Lyrikerin Maya Angelou: „Die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Zuhause lebt in jedem von uns. Es ist die Sehnsucht nach dem Ort (…), an dem wir nicht in Frage gestellt werden.“

Zuhause von Daniel Schreiber erschien im Hanser Verlag.

Mit Mitte zwanzig, auf dem Höhepunkt des Tech-Boom ist Anna Wiener – wie fast jeder Millennial – auf der Suche nach dem Sinn in ihrer Arbeit. Der Job im Buchverlagswesen erfüllt sie nicht richtig und reich wird man mit diesem Job natürlich auch nicht. Die Tech Branche ist hungrig nach frischen Talenten, man lockt sie und es fällt ihr nicht wirklich schwer, den Verlockungen nachzugeben.

Sie zieht von New York nach San Francisco, wo sie bei einem großen Daten-Startup im Herzen der des Silicon Valley landet: eine Welt surrealer Extravaganz, zweifelhaften Erfolgs und ambitionierter Unternehmer, die wild entschlossen sind, die Welt zu dominieren.

Doch inmitten von Skiurlauben mit ihrem Unternehmen und den ständigen Saufgelagen im Büro mit den Bros entsteht ein neues Silicon Valley: eines das weit über seine Mittel lebt, eines, das sich auf Kosten der idyllischen Zukunft bereichert, die es angeblich für alle Menschen erarbeiten möchte.

Anna Wieners Memoiren sind das Porträt einer bereits schon wieder vergangenen Ära. Sie geben seltenen Einblick in eine Überflieger- und rücksichtslose Gründerkultur, in der ungebremster Ehrgeiz auf unkontrollierte Überwachung trifft.

“The platforms designed to accommodate and harvest infinite data inspired infinite scroll…people were saying nothing and saying it all the time.”

Mit Witz, Offenheit und Herz zeichnet Anna geschickt den Wandel der Technologieindustrie vom selbsternannten Weltretter zum demokratiegefährdenden Moloch nach, eingebettet in ihre eigene persönliche Erfahrung, die voller Ambivalenzen und Desillusionierungen steckt.

Uncanny Valley eine prägnante, schonungslose und warnende Biografie, die uns auf die mit Konsequenzen aufmerksam macht, die auf die ahnungslosen User zukommt und die wir erst jetzt langsam zu verstehen beginnen.

Being the only woman on a nontechnical team, providing customer support to software developers, was like immersion therapy for internalized misogyny. I liked men—I had a brother. I had a boyfriend. But men were everywhere: the customers, my teammates, my boss, his boss. I was always fixing things for them, tiptoeing around their vanities, cheering them up. Affirming, dodging, confiding, collaborating. Advocating for their career advancement; ordering them pizza. My job had placed me, a self-identified feminist, in a position of ceaseless, professionalized deference to the male ego.”

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Code kaputt“ im Droemer Knaur Verlag.

Findungen – Maria Popova

“Geschichte ist jedoch nicht das Geschehene, sondern das, was die Schiffbrüche von Urteil und Zufall überlebt.

Maria Popova hat mit Brainpickings einen meiner liebsten Blogs geschaffen, dem ich seit vielen Jahren folge und dem ich unglaublich viele Lektüretipps, Ideen und spannende Einsichten verdanke. Sie schafft es schon seit Jahren von einem Blog leben zu können, der sich mit Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Feminismus, Poesie, Astronomie und vielem anderen beschäftigt.

Das Buch beginnt mit Johannes Kepler und mit dem Einfluß, den er mit seiner Persönlichkeit und seinem beruflichen Leben auf eine ganze Litanei an Menschen in der Astronomie und der Kunst seither genommen hat. Alles ist miteinander verbunden. Gedanken und Ideen durchdringen Raum und Zeit, landen irgendwo, inspirieren und die Kombination ganz unterschiedlicher Ideen führt immer wieder zu neuen und weiteren Entdeckungen.

“Leben verflechten sich mit anderen Leben, und aus diesem Wandteppich ergeben sich Hinweise zu Antworten auf Fragen, die die Essenz des Lebens betreffen: Was sind die Bausteine des Charakters, der Zufriedenheit, der nachhaltigen Errungenschaften?

„Figuring“ ist ein multidisziplinärer Begriff. Er steht für die Verbindung von unterschiedlichen wissenschaftlichen Domänen, den Künsten und menschliches Erkenntnisvermögen. Es gibt sogar ein Institute for Figuring in den USA, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen mit der ästhetischen und poetischen Dimension von Naturwissenschaft und Mathematik in Verbindung zu bringen. Und Kepler ist eine der großen Inspirationen für dieses Vorgehen, da er einer der führenden „Figurer“ in der Geschichte war.

“Nichts, was über die ersten mathematischen Formeln hinausgeht, kann als gegeben betrachtet werden. Stellen Sie alles Übrige in Frage” 

Für Popova ist Kepler sowas wie der Ur-Vater in ihrem Buch. Ein Mann, dessen facettenreiches Leben eine Verflechtung aus Naturwissenschaft, Ästhetik und Theologie war. Von ihm aus leitet sie uns an eine ganze Reihe historischer Charaktäre weiter, die ebenfalls disziplinübergreifend tätig waren, die Grenzen überschritten haben auf der Suche nach Warheit, Schönheit und der Suche nach dem wahren und richtigen Leben.

Für dieses disziplinübergreifende Sein könnte man sich keinen besseren Paten vorstellen als Kepler. Er schrieb eine Abhandlung über Schneeflocken, verfasste eine Stereometrie der Weinfässer, berechnete die Umlaufbahn von Planeten und gab 5 Bücher zur Harmonik der Welt heraus. Seine berühmteste Entdeckung war, dass die Planeten in Elipsen um die Sonne wandern, wobei er mal eben ein 2000 Jahre altes astronomisches Dogma über den Haufen warf und damit den Weg für Newtons Law of Gravity ebnete.

Auch wenn Kepler auch nicht annähernd so berühmt ist wie Newton oder Kopernikus, so ist er doch auf Augenhöhe mit ihnen und er ist einfach eine sehr spannende Persönlichkeit, insbesondere durch seine Mischung aus mathematischer Strenge und ästhetischer Verspieltheit. Er verteidigte seine Mutter, die von der Kirche der Hexerei angeklagt wurde und die er nach langem und qualvollem Prozess am Ende zum Freispruch verhilft. Kepler erkennt auch, dass seine Mutter als Frau nie die Möglichkeit hatte, selbst eine Gelehrte zu werden, sondern ihnen hilflos ausgeliefert war. Das veranlasste Kepler zu einer sehr modernen Erkenntnis:

“Die unterschiedlichen Schicksale der Geschlechter, deutet Kepler an, werden nicht vom Himmel bestimmt, sondern von der irdischen Konstruktion des Geschlechts als kultureller Funktion.”

Nach dem Einstieg mit Kepler fokussiert sich Popova weitestgehend auf weibliche Geschichten und man begegnet hier ein paar sehr interessanten Frauen – alle unerschrockene Denkerinnen – die immense Hindernisse überwinden mussten um astronomische Entdeckungen machen zu können, zu schreiben, zu malen oder die Umweltbewegung zu gründen.

Besonders spannend fand ich die Astronominnen Maria Mitchell und Caroline Herschel, die Mathematikerin Mary Somerville, die Autorin/Kritikerin Margaret Fuller, die Bildhauerin Harriet Hosmer, die Dichterin Emily Dickinson und die Biologin/Umweltaktivistin Rachel Carson. Frauen, die allesamt die Verkörperung von Francois Poullain de la Barres Aussage sind „der Verstand hat kein Geschlecht.“

„Figuring“ ist ein komplex geknüpftes Netz, in dem die Leben dieser Frauen und einem guten Dutzend weiterer wissenschaftlicher und literarischer Figuren über Jahrhunderte und Kontinente hinweg miteinander verbunden sind. Verbunden durch unerwartete Verkettungen  wie gemeinsame Freunde, „Serendipity“ (das wunderbare Wort kann man einfach nicht wirklich übersetzen finde ich), durch Zusammenkünfte, Briefe, Freund- und Liebschaften. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass Popovas Hirn durch die immensen Berge an Literatur, die sie liest, mit speziellen Filtern ausgestattet ist, das solche Verbindungen aufspürt:

“Die Welt ist durch geheime Knoten verbunden.” (Athanasius Kircher)

Aber vor allen Dingen gelingt es Popova, diese Menschen greifbar zu machen, man lebt, leidet, liebt mit ihnen und sie alle Leben changierend zwischen Zufall und Entscheidung.

Kreative Arbeit geht aus dem Prozess der Zusammensetzung existierender Gedanken- und Bildfragmente zu neuen Kombinationen hervor.

Gelegentlich bin ich in den Verlinkungen und Verbindungen etwas verloren gegangen, dann hatte ich manchmal das Gefühl beim Lesen Brotkrumen legen zu müssen, damit ich mich von den verwobenen Abschweifungen wieder zum Hauptteil des Kapitels zurückfinde.

Aber es kann ab und an ja auch ganz schön sein sich zu verirren. Man macht überraschende Entdeckungen und am Ende findet man meist wieder zurück. In „Figuring“ treffen wir auf brilliante Menschen mit spannenden Gehirnen – die meisten davon gehören Frauen und die überwiegende Anzahl der Figuren im Buch ist queer und sie alle bestehen darauf, das Leben bis zum Letzten auszukosten und sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen.

Einen der schönsten Sätze sagt die Astronomin Maria Mitchell zu ihren Studenten:

“Lassen Sie das Sternenlicht in ihr Leben sickern und sie werden sich nie mehr über Kleinigkeiten ärgern“

Kepler hätte dem sicherlich zugestimmt.

Große Empfehlung und eine großartige Schatzkiste insbesondere für meine #WomeninScience Reihe

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hirngymnastik Klassische Musik

Ein Jahr voller Wunder – Clemency Burton-Hill

Ich glaube, ich habe nicht viel mit der Krimi-Autorin Donna Leon gemeinsam, außer wahrscheinlich unsere immense Vorliebe für klassische Musik aus der Barock-Zeit und der (nicht ganz ernst gemeinten) Ansicht, die eigentliche Oper endet für uns mit Mozart.

Neben den Barockopern von Händel, Monteverdi, Gluck oder Vivaldi mag ich insbesondere geistliche Musik, was mir wieder zeigt, dass man, um großartige Musik oder auch Architektur (Kirchen) schätzen zu können, nicht unbedingt religiös sein muss.

Die heutige Hirngymnastik befasst sich mit Literatur, in der klassische Musik eine zentrale Rolle spielt.

Die europäische Musik unterscheidet sich sehr von vielen anderen außereuropäischen klassischen Musikformen – durch ihr Notationssystem, das etwa seit dem 11. Jahrhundert in Gebrauch ist. Katholische Mönche entwickelten die ersten Formen moderner europäischer Musiknotation, um die Liturgie in der gesamten Weltkirche zu vereinheitlichen.

Im Gegensatz zu den meisten volkstümlichen Stilen ist die klassische Musik für die Entwicklung hoch entwickelter Formen der Instrumentalmusik wie Symphonie, Konzert, Fuge, Sonate und gemischter vokaler und instrumentaler Stile wie Oper, Kantate und Messe bekannt.

Eines der schönsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe ist eines, das mich gelegentlich auch in ganz andere Epochen der klassischen Musik geführt hat und auch wenn das Jahr noch nicht ganz um ist, es ist ganz eindeutig mein Lieblingsbuch dieses Jahr:

Clemency Burton-Hill ist unglaublich enthusiastisch, nicht im Entferntesten versnobt und hat mir riesige Lust gemacht, jeden Morgen das Stück des Tages zu hören. Sie redet über Stücke, die sie in der U-Bahn, bei der Hausarbeit oder auch mal ganz ehrfürchtig in einem Konzertsaal hört. Alle wichtigen Komponisten sind hier und an 366 Tagen (ja, inklusive des extra Tages – also perfekt für das Schaltjahr 2020) stellt sie erfreulich viele Frauen, Nicht-Europäer/Amerikaner und Komponisten vor, die noch leben und arbeiten – viele von ihnen unter 50.

Ein Buch wie dieses wäre vor dem Streaming vielleicht gar nicht möglich gewesen, aber durch das Streaming ist es leicht, sich durch alle 366 Stücke zu hören (meistens an dem dafür vorgesehenen Tag, aber ab und an auch mal ein paar am Stück, wenn ich etwas hinterherhinkte ). Dadurch lernte ich so unglaublich viele neue Stücke/Komponisten kennen und schätzen.

Natürlich hat mir nicht jedes Stück gefallen, aber wer klassische Musik mag, spürt richtig, wie sich der eigene Horizont erweitert. Ein wunderbares Buch und das perfekte Geschenk für eigentlich fast alle Menschen.

Weiter geht es mit dem Genre der Oper. Das rote Opernbuch im Hintergrund habe ich als Kind von Verwandten aus der DDR geschickt bekommen und es hat mich seitdem überall hinbegleitet, wo auch immer ich gewohnt habe. Es ist ein guter erster Anlaufpunkt, wenn man sich über den Inhalt und den Hintergrund einer Oper informieren möchte.

Heute geht das natürlich auch sehr gut mit Wikipedia, dennoch kann ich jedem, der vielleicht auch gerade erst anfängt, sich mit Opern zu beschäftigen, empfehlen, sich ein solches Opernbuch anzuschaffen und/oder auch das Who’s Who in der Oper, ein hilfreiches Handbuch das einem noch mal mehr Einblick in die wichtigsten Figuren gibt, die immer wieder in Opern auftauchen.

Robert Levines „Weep, Shudder and Die“ ist ein sehr kompakter Guide, der noch mal interessante Einblicke in die Welt der Opernliebhaber in den USA gibt, die Auswahl der Komponisten und die Kürze der Opernbeschreibungen waren mir aber eine Spur zu oberflächlich. Es fehlte Händel (!!!).

Etwas umfassender möchte ich euch diesen Roman vorstellen:

Opernroman – Petra Morsbach

Wunderbarer Roman über das Treiben an einem fiktiven Opernhaus in einer fiktiven Stadt. Morsbach wirft einen messerscharfen Blick hinter die Kulissen. Man spürt, dass Petra Morsbach die Bühnen der Welt von innen heraus kennt, denn nur als Insider erlangt man diese Detailschärfe und kann so lebendig und humorvoll über diesen Mikrokosmos schreiben.

Hochs und Tiefs gehören zum künstlerischen Alltag in der Oper. Hinter den Kulissen ist das Geschehen aber fast genauso dramatisch wie auf der Bühne. Einige opfern ihr Leben für die Kunst, während andere recht skrupellos über Leichen gehen um Karriere zu machen. Die Menschen leben hier intensiver, leiden aber auch mehr als anderswo. Die Oper ist ein Ort der Extreme.

In diesem bislang einzigen Nicht-Brunetti Roman von Donna Leon geht es unter anderem um den italienischen Geistlichen, Diplomaten und Komponisten Agostino Steffani (1654 – 1728). Er lebte über zwanzig Jahre in München, was ihn noch einmal interessanter für mich machte.

Das Buch entstand in Kooperatin mit Cecilia Bartoli, einer Opernsängerin, die Ms Leon vor etwa zwanzig Jahren einmal interviewte und die seitdem ihr Opern-Buddie ist. Bartoli nahm eine CD mit Werken von Agostini auf und nur für die CD alleine hat sich der Kauf dieses wunderschönen Buches gelohnt. Der Krimi selbst spielte für mich eher eine untergeordnete Rolle, unterhalten habe ich mich aber auf jeden Fall sehr gut gefühlt.

Caterina Pellegrini ist gebürtige Venezianerin und wie so viele von ihnen musste sie ihre Heimat verlassen, um ihre Karriere fortzusetzen. Mit einem Doktortitel in „Barockoper“ aus Wien landet sie in Manchester. Als Caterina von einer Stelle in ihrer Heimat erfährt, ergreift sie die Gelegenheit beim Schopf und zieht zurück.

Die Stelle ist ziemlich ungewöhnlich. Nach fast drei Jahrhunderten wurden zwei verschlossene Truhen entdeckt, in denen sich vermutlich Papiere eines Barockkomponisten befanden. Mit religiösen und politischen Kreisen eng verbunden, starb der Komponist kinderlos; nun beanspruchen zwei (sehr unsympathische) Venezianer, Nachkommen seiner Cousins, jeweils das Erbe. Caterinas Aufgabe ist es, alle beigefügten Papiere zu prüfen, um so etwas wie eine testamentarische Verfügung des Komponisten zu finden. Doch als ihre Nachforschungen sie in unerwartete Richtungen führen, beginnt sie sich zu fragen, welche Geheimnisse diese Truhen wohl tatsächlich bergen.

Die Juwelen des Paradieses – ein großartiger Roman für Musikliebhaber*innen, eine fesselnde Erzählung über Intrigen, Musik, Geschichte und Gier mit großartiger Musik.

Hier könnt ihr Cecilia Bartolis Steffani-Aufnahme hören

Von Venedig aus reisen wir jetzt ins Deutschland der Bach-Zeit. Bach und Händel sind ja die großen deutschen Komponisten der Barock-Zeit und theoretisch hätten sie sich treffen können, es hat aber tatsächlich nie geklappt.

Die Suche in der häuslichen Bibliothek hat gleich zwei Bücher über Johann Sebastian Bach hervorgebracht – aber sträflicherweise keines über „meinen“ Händel, ein Zustand den ich schnellstens ändern muss.

Als die Musik in Deutschland spielte – Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer entführt uns in die Lebenswelt des Barock: Wie kleideten sich die Menschen? Wie sah das Familienleben aus? Tabak kam gerade in Mode und auch der Kaffee und damit der Siegeszug der Kaffeehäuser.

Musik wurde überall gespielt – ob in Gottesdiensten, zur Unterhaltung des Adels, der Bürger oder auf dörflichen Festen. Es war die Zeit von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann, deren Kompositionen uns bis heute nachhaltig berühren.

Preisendörfer breitet ein Füllhorn an Fakten, Anekdoten und Wissen aus, für mich hat die Lesbarkeit manchmal etwas gelitten und mich machte dieses hektische Springen von einer Anekdote zur nächsten irgendwie etwas kirre.

Hätte mir mehr über das Leben Johann Sebastian Bachs gewünscht und etwas weniger Hektik.

Als Bach nach Dresden kam – Ralf Günther

Leider stand auch in diesem Buch nicht etwa Johann Sebastian Bach im Zentrum der Geschichte, sondern der Dresdner Konzertmeister und Direktor der französischen Hofmusik: Jean-Baptiste Volumier.

Im Jahr 1717 ist Volumier Konzertmeister der Hofkapelle August des Starken. Als ihm zu Ohren kommt, dass der skandalumwitterte französische Musiker Louis Marchand nach Dresden geholt werden soll, wird ihm angst und bange: Wird Marchand ihm den Rang streitig machen? Volumier fasst einen Plan: Ein Orgelduell, bei dem er Marchand gegen den größten lebenden deutschen Komponisten antreten lässt: Johann Sebastian Bach wird Marchand überstrahlen, da ist Volumier sicher, und nach einer Blamage wird Marchand das Weite suchen. In Weimar lernt Volumier Bachs Cousine Friedelena kennen. Die Begegnung verändert einiges. Kurz bevor das Tastenduell stattfindet, nehmen die Ereignisse einen unvorhergesehen Verlauf.

Ein unterhaltsames Buch, aber ich wollte doch etwas mehr Bach und weniger Volumier *mit den Füßen trampelt*.

Jetzt aber zwei Bücher über einen Komponisten, bei dem man tatsächlich das bekam, was auch außen drauf stand.

Wir reisen nach Österreich und widmen uns DEM Komponisten der Wiener Klassik: Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart: Ein Leben ist eine gut recherchierte Biographie von Maynard Solomon und war 1996 Finalist für den Pulitzerpreis. Sie liest sich wie ein Roman, in dem wir Mozart durch seine frühe Kindheit in Salzburg bis zu seinen gefeierten Auftritten in den Hauptstädten Europas als Wunderkind begleiten.

Solomon folgt ihm nach Wien, wo er heiratet und als vielversprechender junger Komponist nicht nur in Wien, sondern auch in Prag und Deutschland Erfolg hat. Sein Leben überschattet eine sich stetig vertiefende Melancholie, die sich besonders ausprägte als er an seinem letzten Werk, dem Requiem, arbeitet, bevor er im Alter von 36 Jahren viel zu früh stirbt.

Mozart last Aria – Matt Rees

Matt Rees nimmt in seinem Roman das historische Rätsel des Mordes an Mozart unter die Lupe und präsentiert anhand von Fakten und Personen aus dem wirklichen Leben eine mögliche Lösung des Falles.

Zu Beginn der 1790er Jahre steht Europa vor einigen großen Problemen. In Frankreich ist die Französische Revolution im Gange. Preußen und Österreich sind Erzfeinde. Und Mozart verliert unter mysteriösen Umständen sein Leben und vermutet eine Vergiftung. Der Roman beginnt, als seine Schwester Nannerl im Sterben liegt und Mozarts Sohn das von ihr geführte Tagebuch gibt. Als Nannerl von Mozarts rätselhaftem Tod erfährt, verlässt sie ihr Dorf Salzburg und reist nach Wien, wo ihr Bruder Mozart Erfolg hatte und Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen erlangte. Nannerls Ziel ist einfach: herauszufinden, was mit ihrem Bruder geschehen ist.

Nur ist dem Wien, dem sie begegnet, ein anderes als das ihrer Jugend. Die Atmosphäre ist nicht mehr offen und entspannt, sondern geheimnisvoll und trügerisch. Als Nannerl beginnt, sich umzuhören, gerät sie in ein gefährliches Spiel – sie wird auf der Straße angegriffen und muss um ihr Leben fürchten.

Der Roman war eine verführerische Lektüre. Gleich zu Beginn des Buches stellt Rees dem Leser eine Liste der Charaktere und ihrer Identitäten zur Verfügung, das hilft sehr. Jedes Mal, wenn man glaubt, der Mörder sei entlarvt, schlägt Rees wieder einen Haken. Das Buch hat wirklich Spaß gemacht.

Die Mozart-Lektüre hat mir große Lust gemacht den Film Amadeus wiederzusehen, leider konnte ich ihn nirgendwo streamen, daher musste ich mich vorab erst mal mit dem Trailer begnügen:

Der letzte Roman dieser Hirngymnastik führt uns in die Welt der Kastraten.

Margriet de Moors „Der Virtuose“ hatte ich vor Jahren schon einmal gelesen und war gespannt, wie viel mir noch in Erinnerung geblieben war und wie gut es mir jetzt gefallen würde.

Dieser Roman erzählt die Geschichte eines berühmten Sängers. Der musikalisch begabte Garparo, der in furchtbare Armut hineingeboren wird lässt sich freiwillig und bereitwillig kastrieren, als er fast schon in der Pubertät ist. Danach wurde er ins Konservatorium gebracht und unzählige Stunden lang zu einem der berühmtesten Sänger Neapels ausgebildet.

Es ist die Geschichte der dramatischen Liebesgeschichte zwischen Gaspara und einer reichen Adligen.

Das Buch gibt Einblick in eine Zeit, in der Menschen – egal welcher Klasse sie angehörten völlig verrückt nach der Oper waren. Aristokraten, wie die Heldin des Romans, besuchten das Theater von San Carlo mehrmals in der Woche in ihren Logen, dort wurde gespielt und gegessen, Gespräche über Philosophie geführt und auch Liebesaffären nahmen dort ihren Lauf.

Manchmal widmeten sie sich aber auch der Musik und gingen mitunter sogar bis auf die Bühne, um die Aufführungen aus der Nähe zu sehen! Seither verstehe ich, warum Mahler darauf bestand, dass die Zuschauer ruhig sitzen und zuschauen sollten.

De Moor lässt die Welt der italienischen Musik und der neapolitanischen Aristokratie mit einer Sinnlichkeit aufleben, die einem den Atem raubt.

Der passende Film zum Buch ist natürlich Farinelli:

Zum Abschluß eine Playlist meiner liebsten klassischen Stücke:

Ich hätte gerade riesige Lust dazu. Habe mich für Ende Dezember um Tickets beworben an der Münchner Staatsoper, aber noch weiß ich nicht ob es geklappt hat. Wir werden sehen.

Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust machen auf klassische Musik – habt ihr Lieblingskomponisten oder Stücke die ihr mir empfehlen würdet? Geht ihr gerne in die Oper?

Dystopien & Skurriles

IMG_2900

Es gab Kriege und die Zivilisation ist in finstere Zeiten zurückgefallen. Die Leute überleben irgendwie, einige haben alles verloren andere sind kurz davor alles zu verlieren.

”A haggard man used one of the huts as a home. He lay on a sagging mattress, his head on his pack, surrounded by rubbish–paper, porcelain shards, food remains, and unidentifiable debris. His hand was over his eyes. He looked like a failed soldier. Dirt seemed so worked into him that the lines of his face were like writing.”

Und dann sind da noch die verwaisten Kinder, die in der Stadt zusammenleben, die sich zusammen geschlossen haben, um irgendwie zu überleben.

Der Vater des Jungen ist ein Schlüsselmacher. Er macht Schlüssel, die in alte Maschinen passen. Er macht Schlüssel für Wettermaschinen, für Schlösser, die Herzen öffnen und alles was er tut ist geheimnisvoll und mysteriös. Aberglaube ist die neue Religion, genau wie ein Voodoo-Zauber nur funktioniert, wenn man an ihn glaubt.

Der Junge lebt oben auf dem Berg. Das macht ihn zu einem „Uphiller“. Er hat Dinge gesehen und er weiß Dinge über seinen Vater, die ihm keiner glaubt.

”I knew that, by whatever means he’d killed it, it was not to eat. I wanted to cry; I stood still.“

Da ist dieses Loch in der Höhle, ein tiefes Loch ohne Boden. Ein Loch, das vielleicht bis zum Mittelpunkt der Erde geht. Als seine Mutter verschwindet, bekommt er Alpträume.

”I thought of my mother’s hands hauling her up. Of her climbing all grave-mottled and with her face scabbed with old blood, her arms and legs moving like sticks or the legs of insects, or as stiff as toys, as if maybe when you die and come back you forget what your body is.”

IMG_2901

Aber sein Vater behauptet steif und fest, die Mutter würde noch leben. Als der Mann, der die Menschen zählt kommt, sieht der Junge in ihm die einzige Chance herauszubekommen, was mit seiner Mutter passiert ist. Was das eigentliche Geheimnis seines Vaters ist.

“He said, You’ll write it not because there’s no possibility it’ll be found, but because it costs too much to not write it.”

Das ist eines der abgefahrensten, merkwürdigsten Bücher die ich seit langem gelesen habe und ich fand es großartig. Es ist sehr kafkaesk in dem Gefühl, dass man keine Möglichkeit hat, den Ereignissen zu entkommen. Es dauert eventuell, bis man hineinfindet in diese düstere Welt, aber irgendwann hebt sich der Nebel.

Für mich hätte das Buch gut noch ein paar Hundert Seiten haben können, ich hätte zu gerne gewusst, wie es weitergeht. Ich hätte nur zu gerne das verschwundene Notizbuch gefunden …

Der Roman hat auch durchaus Gothic Elemente, die Schatten, das bedrohliche Unbekannte, der sich ständig aufbauende blanke Horror. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, wollte unbedingt einen Weg finden, dem Jungen zu helfen, vom Berg zu entkommen.

Das wird ganz sicher nicht mein letzter Miéville sein, ich habe Blut geleckt. Hat eigentlich noch jemand das Bild oben in seinem Buch gehabt? Oder lag nur meinem eines bei? Es sieht so sehr aus wie ich mir die Brücke zur Stadt vorgestellt habe, dass ich auf der einen Seite annehme, es handelt sich um eine Beilage zum Buch vom Verlag, auf der anderen Seite sieht es aus wie ein ganz normales Foto – hinten steht auf jeden Fall „The census maker“ und ein Datum drauf. Sehr mysteriös – wie das Buch.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Dieser Volkszähler“ beim Liebeskind Verlag.

IMG_2902

Bei Margaret Atwoods Nachfolger zum weltberühmten „The Handmaids Tale“ sollte man vor Lektürebeginn ganz klar seine Erwartungshaltung in den Griff bekommen. „The Testaments“ ist spannende Unterhaltung, aber eventuell keine Weltliteratur wie sein Vorgänger.

Es unterscheidet sich von dem 1985 erschienenen „The Handmaids Tale“ was den Ton, und die Stimme der Protagonisten und auch was die literarische Güte angeht. Der frühere Roman hat eine Kraft und eine Gewichtigkeit, mit der „The Testaments“ nicht mithalten kann.

Offred war so sehr Gefangene ihrer Umstände, ihre Isolation für den Leser unmittelbar beklemmend spürbar. Sie ist völlig passiv, hält die Füße still und versucht nur von einem Tag zum nächsten zu überleben, während andere Charaktere im Buch (Moire zum Beispiel oder Ofglen) deutlich aktiver versuchen, das Regime in Gilead zu unterwandern. Offred war eine absolute Durchschnittsfrau, die den Leser stets mit der Frage konfrontiert „Was hättest Du in meiner Situation gemacht – und mach Dir bloß nix vor“.
Der Roman war völlig hoffnungslos, die Kraft des Romans lag in seinem intimen Portrait völliger Hilflosigkeit.

„The Testaments“ ist dagegen viel Action geladener, viel hoffnungsvoller und dadurch aber vielleicht auch deutlich weniger realistisch. Man folgt den Stimmen dreier unterschiedlicher Protagonisten, die alle drei absolut bereit sind, sich dem System zu widersetzen. Sie riskieren alles, um die Patriarchie zu beenden. Zwei der drei Protagonistinnen sind Teenager, ich glaube, auch Margaret Atwood sieht unsere einzige Hoffnung auf Rettung in der Jugend.

Dieser Wandel wird insbesondere den Fans der TV Serie „The Handmaids Tale“ bekannt vorkommen. Wahrscheinlich haben sowohl Margaret Atwood als auch die Produzenten der Serie das Gefühl, dass die Menschen jetzt einfach Hoffnung und eine Katharsis brauchen, die ein gewonnener Kampf gegen all die Vollidioten in der Welt mit sich bringt.

Nein, keine große Literatur – aber ein sehr unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Die Zeuginnen“ beim Piper Verlag.

IMG_2905

The October Country ist eine Sammlung an Kurzgeschichten ohne jeglichen Science Fiction Bezug, die eher im Bereich des Okkulten, Makabren und Düsteren anzusiedeln sind.

 “The October Country … that country where it is always turning late in the year. That country where the hills are fog and the rivers are mist; where noons go quickly, dusks and twilight linger, and midnights stay. That country composed in the main of cellars, sub-cellars, coal bins, closets, attics and pantries faced away from the sun. That country whose people are autumn people, thinking only autumn thoughts. Whose people passing at night on the empty walks sound like rain.”

Die Kritiken überschlagen sich für diese Sammlung an Kurzgeschichten und sie sind auf jeden Fall gut geschrieben. Es sind definitiv keine „Horrorgeschichten“, denn sie sind nicht sonderlich gruselig, aber sie sind skuril und sie haben teilweise etwas verstörendes.

Passende Lektüre für den Horroctober, kurz vor Halloween. Besonders mochte ich die Geschichten „Skeleton“, „The Emissary“ und „The Scythe“. Ein unterhaltsamer Kurzgeschichtenband, aber komplett umgehauen war ich jetzt nicht.

Auf deutsch erschien dieser Kurzgeschichten-Band unter dem Titel „Familientreffen“ im Diogenes Verlag.

Was ist für euch perfekte Halloween-Lektüre?

Große gemischte Tüte

Zu warm für lange Rezensionen. Hier in Kürze 5 Empfehlungen für schwüle Sommernächte:

IMG_1907

Süd-Afrika 1901. Sarah van der Watt und ihr sechsjähriger Sohn Fred werden während des Burenkrieges aus ihrem Haus in ein Internierungslager verschleppt, wo die höflichen britischen Angreifer ihnen versichern, sie seien in Sicherheit dort.

2014. Der sechzehnjährige Willem ist ein Außenseiter. In der Hoffnung, dass er endlich der Sohn wird, den sich seine Mutter und ihr Freund wünschen, zwingen sie ihn, ins New Dawn Safari Training Camp zu gehen, wo man stolz darauf ist, aus Jungs Männern zu machen. Sie versprechen ihm, er werde dort in Sicherheit sein.

“Above all this the stars shine. Willem pauses for a moment and feels the world turn as he struggles to pick out the Southern Cross among the interstellar static, He’s never seen a sky so big or so bright. It’s dizzying and he spins slowly to take it all in…” 

You will be safe hier ist ein eindringlicher Roman, der zwei südafrikanische Geschichten miteinander verbindet. Ein Roman um das Vermächtnis von Gewalt und unseren Willen zu überleben. Ein Buch das unter die Haut geht.

IMG_1937

Machines Like Me spielt in einer alternativen Vergangenheit in den 1980er Jahren in London. Charlie treibt antriebslos durch sein Leben, verdient ein paar Kröten mit Online-Börsenhandel und ist in seine Nachbarin Miranda verliebt, die ein schreckliches Geheimnis hütet. Als Charlie Geld erbt, kauft er sich einen Adam, einen der ersten künstlichen Menschen. Mit Mirandas Hilfe co-designt er Adams Persönlichkeit.

“The future kept arriving. Our bright new toys began to rust before we could get them home, and life went on much as before.” 

Dieser nahezu perfekte Mensch ist schön, stark, klug und es entspinnt sich sehr bald ein subversive Dreiecksbeziehung. Die drei werden mit einem tiefgehenden moralischen Dilemma konfrontiert – McEwans beliebter Modus Operandi.

McEwan hat wieder einen unglaublich intelligenten, unterhaltsamen und anregenden Roman geschrieben, der sich mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigt: Was macht uns zu Menschen? Unsere äußerlichen Handlungen oder unser innerstes Sein? Kann eine Maschine das menschliche Herz verstehen? Wieviel Rechte hat ein künstliches Leben?

“We create a machine with intelligence and self-awareness and push it out into our imperfect world. Devised along generally rational lines, well disposed to others, such a mind soon finds itself in a hurricane of contradictions. We’ve lived with them and the list wearies us. Millions dying of diseases we know how to cure. Millions living in poverty when there’s enough to go around. We degrade the biosphere when we know it’s our only home. We threaten each other with nuclear weapons when we know where it could lead. We love living things but we permit a mass extinction of species. And all the rest – genocide, torture, enslavement, domestic murder, child abuse, school shootings, rape and scores of daily outrages.” 

Ein provokanter, spannender Roman, der uns davor warnt, Geister zu rufen, die wir dann nicht loswerden bzw. nicht mehr kontrollieren können…

IMG_1951

Als Cora Seabornes brillianter, aber auch dominanter Ehemann stirbt, beginnt ein neues Leben für sie. Sie lässt ihre unglückliche Ehe hinter sich und hat endlich Gelegenheit, ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und Neugier den Raum zu geben, den sie braucht.

Zusammen mit ihrer Freundin und ihrem wahrscheinlich autistischen Sohn Francis verlässt sie London für einen Besuch an der Küste Essex, wo sie – ihrem Vorbild Mary Anning gleich – einem wissenschaftlichen Geheimnis auf der Spur ist.

Sie trifft bei ihren Nachforschungen auf den Pfarrer William Ransom, der ebenfalls mit dem Geheimnis um die „Essex Serpent“ beschäftigt ist. Cora ist eine begeisterte Naturforscherin mit wenig Sinn für Übersinnliches oder Religion und so sehr William und sie sich als Freunde schätzen, immer wieder geraten sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen aneinander.

The Essex Serpent ist eine großartige Gothic Novel im besten Sinne. Die Geschichte mag im späten 19. Jahrhundert spielen, die Themen finden sich aber ganz genau so im 21. Jahrhundert wieder. Glaube und Aberglaube treffen auf Wissenschaften und Fakten und auch die unterschiedlichen Formen der Liebe sowie moralische Limitierungen sowohl in der Liebe als auch in der Medizin.

“We both speak of illuminating the world, but we have different sources of light” 

Besonders gefiel mir, wie differenziert Perry mit den verschiedenen Formen der Liebe umgeht. Den schmalen Grat erfasst, wo Freundschaften sich verwandeln in andere Formen von Beziehungen, nicht immer klar benennbar, sondern changierend und abwechslungsreich.

“The windows in her room were open and light was fading on the wall. She said, ‘There may be blood,’ and he said, ‘Better that way – better’; and it was Cora’s mouth he kissed, and Cora’s hand she placed where she wanted it most. Each was only second best: they wore each other like hand-me-down coats.”

Großes Lesevergnügen.

6D8CFE1A-A632-48C9-B5E8-043A8539FE4F

Loyalty Island in Washington State wird vom Meer beherrscht. Jeden Herbst fahren die Schiffe der Loyalty Islander hoch zur Bering See, um den Winter über Königskrabben zu fangen. Das ist die Industrie, die die Stadt und seine Geschäfte am Leben erhält, auch wenn stets der drohende Tod auf See über ihnen hängt. Für Cal, dessen Vater Kapitän eines der Boote ist, haben das Meer und Alaska etwas ähnlich mystisches wie die Piratengeschichten, die sein Vater ihm als Kind erzählte – aber er sieht auch, wie sehr das Meer verantwortlich dafür ist, dass die Ehe seiner Eltern alles andere als glücklich verläuft. Sowohl wenn sein Vater auf See ist, als auch, wenn er für ein paar Monate wieder zu Hause ist.

„Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten. Das Rumpeln von Außenbordern, von Windböen und Eismaschinen, das Heulen hydraulischer Winschen. Es war graues Dämmerlicht, das morgens und abends kam und ging – wie Ebbe und Flut.

Es war eine Aura der Einsamkeit.“

Die Familie Gaunt ist die mächtigste und einflußreichste auf der Insel. Ihnen gehört seit Generationen die Fangflotte auf Loyalty Island und sie sind der größte Arbeitgeber der Insel. Als John Gaunt plötzlich stirbt und sein entfremdeter Sohn Richard alles erbt, gerät das Leben auf der Insel außer Balance. Richard scheint wild entschlossen alles an die Japaner zu verkaufen und somit den Bewohnern der Insel ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage zu entziehen. Als Cal entdeckt, dass sein Vater möglicherweise drastische Schritte unternommen hat, um ihre gewohnte Lebensweise zu bewahren, steht er vor einer schwierigen Wahl…

Ein wunderbarer Roman über Väter und Söhne, das Ende der Kindheit,  Verantwortung, Loyalität und über die Frage, was Menschen zu unmoralischem Handeln treib. Ein Buch, das definitiv seinen eigenen Soundtrack verdient:

img_1988.jpg

Gordon Comstock verachtet den Materialismus und die Oberflächligkeit der Mittelklasse, ihre Anbetung des Geldes und ihr Streben nach langweiliger muffiger Seriosiät. Er will ganz nach seinen Idealen leben und kündigt seine gut bezahlte Stelle als Werbetexter und gibt sich ganz seinem Leben in Armut und anderen edelmütigen Aktivitäten hin.

So ein Leben in Armut ist allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken und seine permanente Geldfixiertheit (bzw. der Mangel an Geld) geht einem irgendwann auf den Keks. Es vergeht kein Absatz, in dem das Wort Geld nicht vorkommt. Ich hätte eventuell mehr Respekt für Gordon aufgebracht, wenn er in seiner edelmütigen Lebensweise in Armut nicht permanent auch seine Mitmenschen, insbesondere seine Verlobte und seine Schwester, mit ins Unglück gezerrt hätte.

“The mistake you make, don’t you see,is in thinking one can live in a corrupt society without being corrupt oneself. After all, what do you achieve by refusing to make money? You’re trying to behave as though one could stand right outside our economic system. But one can’t. One’s got to change the system, or one changes nothing. One can’t put things right in a hole-and-corner way, if you take my meaning.”

So edel seine Beweggründe sind, sich und seine Kunst (er ist Schriftsteller) nicht zu verkaufen, so wenig juckt es ihn, wie er die Menschen behandelt, die ihm nahestehen.
Ich bereue es keinesfalls, das Buch gelesen zu haben, es ist durchaus gut und hat viele gute Passagen, aber die Art, wie er mit Frauen umgeht und sein egozentrisches Verhalten haben ihn für mich zu einem der unsympathischsten Protagonisten gemacht, die ich seit langem in Büchern getroffen habe.

Down and out in Paris and London hat mir deutlich besser gefallen.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Damian Barr – „You will be safe here“ erschienen bei Bloomsbury
  • Ian McEwan – „Machines like me“ auf deutsch unter dem Titel „Maschinen wie ich“ bei Diogenes erschienen
  • Sarah Perry – „The Essex Serpent“ auf deutsch unter dem Titel „Die Schlange von Essex“ bei Eichborn erschienen
  •  George Orwell „Keep the Aspidistra flying“ auf deutsch unter dem Titel „Die Wonnen der Aspidistra“ im Diogenes Verlag erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich.

George Orwells London

IMG_0535

Einmal im Jahr muss ich nach London, sonst bekomme ich schlimmes Heimweh. Auch wenn ich durchaus in alle möglichen Ecken der Stadt gekommen bin und länger im Westen Londons wohnte, das Eastend und der Osten Londons sind nach wie vor eher Terra incognita für mich. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass wir uns am Ende für ein Hotel im Eastend entschieden haben, weil es mir die endlich die Gelegenheit gab, mal mehr im Eastend zu sehen als nur die Streetart rund um Brick Lane (auch wenn die immer wieder nur allein für sich schon eine Reise wert ist).

Was passt besser, als sich George Orwells „Down and out in Paris and London“ als Reiselektüre einzupacken? Orwell wurde 1903 als Eric Arthur Blair in Motihari, British India, geboren, wo sein Vater für die Opium-Abteilung des indischen Civil Service arbeitete. Seine Mutter wuchs in Burma auf und zog mit dem kleinen Eric und seinen beiden Schwestern 1904 nach Oxfordshire, wo sie bis 1912 ohne den Vater lebten, der weiterhin in Asien blieb und in all den Jahren nur für einen kurzen Besuch bei der Familie nach England kam.

20a5b872-f6ab-46f3-93aa-60eeccea33f6

Seiner Mutter war wichtig, dass Eric eine vornehme public school besucht, die Familie konnte sich die Gebühren jedoch nicht leisten, er bekam aber 1916 ein Stipendium in Eton. Er war dort nicht sonderlich glücklich, seine akademischen Leistungen nicht überragend, er schrieb in jeder freien Minute und war Mitherausgeber eines College Magazins. 1921 verließ er Eton ohne Abschluss und beschloss, bei der Indian Police in Burma zu arbeiten.

1927 zog er nach London, wo ihm eine Freundin der Familie half, eine Wohnung in der Portobello Road zu finden. Sie mochte seine schriftstellerische Arbeit und ermutigte ihn, weniger poetisch zu schreiben, sondern sich mit der Realität um ihn herum zu beschäftigen. Seinem Vorbild Jack London folgend begann er, die ärmeren Ecken Londons zu erkunden. Er lebte teilweise auf der Straße, schlief in Obdachlosenasyls, ob aus tatsächlicher finanzieller Notwendigkeit oder zu Recherchezwecken war mir bei der Lektüre von „Down and Out“ nicht immer ganz klar. Er wollte das Buch nicht unter seinem Namen herausbringen (was insbesondere seine Mutter sehr glücklich machte) und wählte das Pseudonym George Orwell, inspiriert wurde er beim Nachnamen wohl vom Fluss Orwell in Suffolk.

1024px-Blue_plaque_George_Orwell,_22_Portobello_Road,_Nothing_Hill

Er beschreibt das Obdachlosenasyl in der Commercial Street, der Straße, in der unser Hotel war und Orwells Beschreibungen hätten ehrlich gesagt auch Zeitungsberichte aus dem Jahr 2018 sein können.

Viele Stadtteile Londons sind nahezu frei von Obdachlosen, doch schon wenn man die Stufen der Aldgate East Tubestation heraufsteigt, sitzen die ersten im Eingang und auf den wenigen Schritten von dort zu unserem Hotel waren jede Menge Frauen und Männer, die auf Matratzen vor Geschäften und Hotels auf dem Boden liegen.

Die umstrittene PSPO (Public Space Protection Order), die 2014 von der zu der Zeit Home Secretary Therese May eingeführt wurde, gibt den Councils die Möglichkeit, Menschen aus den Stadtteilen zu verbannen und sie mit Geld- oder Gefängnis zu bestrafen, wenn sie betteln oder auf öffentlichen Plätzen „gammeln“. Eine „Criminal Behavior Order“ (CBO) zu brechen kann Geldbußen von bis zu 1000 GBP und Gefängnisstrafen von bis zu 5 Jahren nach sich ziehen.

Die Councils nutzen teilweise nicht nur die PSPO, um sich Obdachloser zu entledigen, sondern auch Verbote wie Alkohol trinken oder Fluchen in der Öffentlichkeit. Statt sich um die Wurzeln der Problematik zu kümmern, werden ohnehin schon schwache soziale Gruppen tiefer in die Kriminalität und Hoffnungslosigkeit gestoßen.

Wer durch East London läuft fühlt sich teilweise wie in einem dystopischen Roman. Schicke neue Hochhäuser, hippe Restaurants und gleichzeitig Scharen von Menschen, die auf offener Straße Crackpfeifen auspacken, versuchen in Coffeeshops vom erbettelten Geld ein warmes Getränk zu bekommen und die von den Security Guards umgehend wieder auf die Straße gesetzt werden.

stock-photo-portrait-smoke-crack-poverty-urban-homeless-blackandwhite-streetphotography-addict-7645018e-95c9-4dd2-997d-1e3bf028c655

Ganz schwarz weiß ist das alles aber natürlich nicht. Es gibt professionelle Bettler, die gar nicht obdachlos sind, die in Gangs umherziehen und das Betteln als lukrative Einnahmequelle sehen. Oder auch Obdachlose, die vollkommen zugedröhnt sind und aggressiv die Leute beschimpfen und bedrohen, wenn man nichts oder nicht genug gibt. Aber klar, einfach Obdachlosigkeit bestrafen und verbieten und peng löst sie sich in Luft auf – Problem gelöst…

Ein Bekannter berichtete schon vor einer Weile von solch dystopischen Zuständen in San Francisco und im Silicon Valley, wo Heerscharen von Süchtigen auf der Straße leben und aufgrund der absurden Miet- und Lebensmittelpreise keine Chance haben, in ein „normales“ Leben zurückzukehren.

Das ist definitiv jetzt auch in London angekommen und erfahrungsgemäß dauert es nicht lange, bis das dann in dieser Heftigkeit auch bei uns ankommt. München ist sicherlich noch weit entfernt von solchen Zuständen, auch wenn es hier natürlich auch genug Armut und Obdachlosigkeit gibt.

Die Schere geht immer weiter auseinander und ich fürchte, das wird noch heftiger. In London sind abgeschlossene Parks und Wohnanlagen, die nur per Sicherheitscode erreichbar sind, an der Tagesordnung, das gibt es hier noch eher selten, aber ich denke die Getthoisierung in Städten wird weiter zunehmen.

George Orwells Abneigung gegen den Imperialismus führte nicht nur zu einer persönlichen Abneigung gegen das Leben der Bourgeoisie, sondern führte bei ihm zu einer kompletten politischen Umorientierung. Direkt nach seinem Aufenthalt in Burma bezeichnete er sich für ein paar Jahre als Anarchist. In den 1930er Jahren bezeichnete er sich dann als Sozialist, er war in seinem Denken jedoch zu freiheitsliebend, um sich einen Kommunisten zu nennen, was in dieser Zeit weit verbreitet war.

IMG_0537

Er kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten und wurde heftig verwundet. Ein Schuss in Arm und Kehle führten dazu, dass er ein paar Jahre lang nicht sprechen konnte. Seine Frau und er wurden in Spanien des Verrats angeklagt, glücklicherweise wurde die Anklage fallen gelassen und er konnte mit ihr das Land verlassen.

IMG_0344

In England arbeitete er in einem Buchladen, als Journalist und Literaturkritiker und ab 1941 bei der BBC als Producer. Er war zeitlebens häufig krank und 1938 wurde bei ihm Tuberkulose diagnostiziert, weswegen er im zweiten Weltkrieg nicht eingezogen wurde sondern im Rahmen seiner Tätigkeit bei der BBC als Propagandachef für die Britische Regierung agierte.

Seine Bücher „Animal Farm“ und insbesondere „1984“ wurden seine größten Erfolge. Letzeres schrieb er auf der schottischen Insel Jura wo er von 1946 bis zu seinem Tod im Jahr 1950 lebte.

Obwohl er seinen Job und die BBC zeitlebens hasste, wurde 2017 vor dem Eingang der BBC eine George Orwell Statue aufgestellt:

Orwell_McBeath

Keine Ahnung, was er dazu gesagt hätte, wenn er diesen Moment miterlebt hätte. Ich bin mir allerdings sicher, er hätte den Obdachlosen in Essays und Zeitungsartikeln auch 2018 eine Stimme gegeben und die unsägliche PSOP in Grund und Boden verdammt.

Down and Out in Paris in London erscheint auf deutsch unter dem Titel „Erledigt in Paris und London“ im Diogenes Verlag.

Big in Japan

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass wir in Japan waren und wahrscheinlich war es der kürzlich beendete neue Roman von Murakami, der wieder heftiges Japan-Fernweh auslöste, es musste also dringend etwas gegen die Sehnsucht unternommen werden. Einfach nur japanisch essen gehen war auf keinen Fall genug, ich plante daher eine intensive Japan-Literaturwoche, um mir ein bisschen von der Stimmung des Landes nach Hause zu holen.

Das Glück ist eine Festung

Fuminoris Roman beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite dunkler Themen von Mord über Krieg, Terrorismus und Identitätsdiebstahl. Auch sein zweiter auf deutsch erschienener Roman ist das, was man einen Krimi-Noir nennen würde. Dunkel und urban schleicht er sich ganz langsam in die Nervengänge und wenn man etwa in der Mitte des Buches angelangt ist, kann man es partout nicht mehr aus der Hand legen.

Als Kind wird Fumihiro Kuki von seinem Vater erzählt, dass dieser ihn allein zu dem Zweck gezeugt hat, um ihn als Krebsgeschwür in die Welt zu entlassen. Die Welt hat es nicht besser verdient und sein Vater wünscht sich, dass Fumihiro soviel Zerstörung und Unheil anrichtet, wie er nur kann. Das möchte er der Welt als Erbschaft hinterlassen.

Fumihiro rebelliert gegen diesen Plan. Als sein Vater ein kleines Mädchen, Kaori, adoptiert,  verliebt sich Fuminori in sie. Von Anfang an ist klar, das sein Vater das Mädchen nicht aus reiner Gutherzigkeit adoptiert hat. Fuminori versucht alles, um Kaori vor seinem zutiefst bösartigen Vater zu beschützen…

Die Sprache ist wunderschön und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die zwar düster, aber dennoch voller Schönheit ist. Man fiebert mit Fumihiro und fühlt mit ihm, dem einzigen, der in seiner kranken, verkorksten Familie versucht, das Richtige zu tun, was nicht einfach ist, wenn man in einer derartig verkorksten Umwelt aufwächst.

Krieg wird in der Geschichte sehr richtig als moderne Form des Bösen dargestellt, das als effiziente Maschine von Kapitalisten, Arbeitern und Soldaten am Laufen gehalten wird durch die unerschöpfliche Energie der ständig neu entstehende Kriegsherde. Krieg als Laboratorium der Unmenschlichkeit im ungezügelten Kapitalismus. Das ist das eigentliche Thema des Buches, das damit unweigerlich Bilder aus den beiden Weltkriegen, dem Vietnam Krieg, dem Krieg in Syrien etc., aufbeschwört.

„Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg.“

Fumihiros Bemühungen, Kaori zu schützen, bringt einiges in Bewegung und bietet und einen schonungslosen Blick in die verdrehten Köpfe von Kriegstreibern, Machthabern und Terroristen, denen völlig egal ist, womit sie Geld verdienen, hauptsache die Kohle stimmt.

Momentan scheinen die spannendsten und intelligentesten Krimis aus Japan zu kommen und Fuminori Nakamura ist ganz vorne dabei. Schon sein erster Roman „The Thief„, den ich mir während unseres Japan-Urlaubs kaufte, war richtig gut.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich schon auf seinen nächsten Roman. Eine weitere schöne Rezension könnt ihr hier bei letusreadsomebooks lesen.

 

IMG_9734

In der Serie „Lost“ gab es einen Protagonisten, der stets das einzige von ihm noch nicht gelesene Exemplar eines Charles Dickens Romans mit sich herumschleppt, weil er glaubte, solange er den noch nicht gelesen hat, kann ihm nix passieren. Vielleicht hatte ich unbewußt einen ähnlichen Beweggrund, warum ich den (vermeintlich wie sich herausstellte) letzten noch ungelesenen Murakami Band „Nach dem Beben“ noch immer jungfräulich im Regal stehen hatte. Bis ich irgendwann merkte, dass „Nach dem Beben“ und „Untergrundkrieg“ natürlich zwei gänzlich verschiedene Bände sind, die ich aus welchem Grund auch immer mental für eines gehalten hatte.

„Untergrundkrieg“ besitze ich derzeit noch nicht einmal, ich konnte also meine Japan-Woche erfreulicherweise um einen Murakami ergänzen, ohne wie Desmond aus Lost das letzte noch ungelesene Buch des Lieblingsautors zu opfern.

„Nach dem Beben“ sind Kurzgeschichten, die Murakami als Reaktion auf das verheerende Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 schrieb. Er schuf sechs unglaubliche Geschichten, deren Hauptcharaktere zwar nicht selbst vom Erdbeben betroffen waren, deren Leben aber dennoch von Grund auf erschüttert und verändert werden. Ein Erdbeben, das nicht nur das Land sondern auch das Gewissen eines ganzen Landes erschütterte.

In typischer Murakami Manier ist es wieder nicht unbedingt der Plot der einzelnen Geschichten, der zentral oder sonderlich wichtig ist, sondern die Atmosphäre, die er wieder untrüglich zu schaffen weiß. In jeder einzelnen Geschichte schafft er eine eigene kleine Welt, seltsam, surreal und komplett faszinierend.

Meine liebste Geschichte war Thailand, auch wenn sie die am wenigsten surreale war. Eine kleine leise entspannende Perle von einer Story, ich wollte sofort und auf der Stelle in einem Freibad alleine früh morgens ein paar Runden drehen.

Mein liebstes Zitat stammt aus der Geschichte „Frosch rettet Tokio“:

„Manche behaupten zwar, Verständnis sei nichts als die Summe unserer Missverständnisse…“

IMG_9736

„Der Bergmann“ ist ein gewagter experimenteller Roman und der, wie ich las, anscheinend das am wenigsten bekannte Buch des großen „Meji„-Autoren Natsume Soseki, der es im Jahr 1908 schrieb. Es ist ein absurder Roman über die unbestimmbare Natur der menschlichen Persönlichkeit, eine Art Vorahnung auf Bücher von Autoren wie Woolf, Beckett oder Joyce.

Der Roman wird als Lieblingsbuch von Haruki Murakami angepriesen und bislang bin ich gerne jeglicher Musik oder Buchempfehlung von Murakami gefolgt und habe das nie bereut (abgesehen von ein paar Jazz-Stücken, mit denen ich nichts anfangen konnte). Dieser Roman war allerdings eine Herausforderung für mich, da er fast gänzlich ohne wirkliche Story fungiert und ausschließlich im Hirn des Protagonisten spielt.

Stream-of-conciousness ist immer schwierig und bei Jocye habe ich da auch immer riesige Schwierigkeiten, komischerweise so gar nicht bei Virigina Woolf. Muss mich irgendwann noch mal damit beschäftigen, woran das liegen könnte. Natsume Sosekis „Der Bergmann“ ist allerdings wieder einer, an dem ich mir ordentlich die Zähne ausgebissen habe.

Die ersten 50 Seiten gingen durchaus gut, wäre das ganze eine Kurzgeschichte die nach 50-60 Seiten endet, ich hätte glaube ich Lobeshymnen abgelassen, aber irgendwann merkte ich beim Lesen, dass ich mehr und mehr zum störrischen Maulesel wurde, der einfach nicht mehr weiter wollte. Kein gutes Zureden, kein „es ist doch Murakamis Lieblingsbuch“ wollten helfen, selbst meine Versuche, mich mit Majus aus dem Asialaden zu bestechen, waren erfolgreich, etwa in der Mitte des Buches ging es nicht mehr weiter und ich sitze sozusagen noch immer im Bergwerk fest.

„Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. Und dann die Leser, die so tun, als würden sie alles verstehen, indem sie von diesem und jenem da reden. Erstere scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, Lügen zu fabrizieren, und letztere sich daran zu ergötzen, diese Lügen zu lesen. Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht. Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich drauf verlassen, dass daraus kein Roman wird. Der reale Mensch ist seltsam undefinierbar.“

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, ich werde es sicherlich noch einmal versuchen, ich glaube das Buch ist wie Matcha Tee, man muss sich da langsam rantasten, es immer mal wieder versuchen. Hat irgendeiner von euch bessere Erfahrungen gemacht und kann mir Tipps geben wie ich das „Bergwerk“ knacken kann?

Ich danke auf jeden Fall dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Während meiner Japan-Woche habe ich im offenen Bücherschrank noch ein obskures Buch aus den 1970er Jahren gefunden. „Bei den Weisen Japans“ von Paul Arnold eine Reise ins mystische Japan und den dortigen Geheimlehren und -sekten. Ich habe bislang nur hineingeblättert, es wirkt etwas esoterisch, erinnert mich aber aus irgendeinem Grund an den „Commendatore“ von Haruki Murakami…


Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust auf Japan machen – bei Interesse kann ich euch meinen Reisebericht empfehlen, dann könnt ihr zumindest schon mal virtuell verreisen, die richtige Reiselektüre hättet ihr auf jeden Fall schon mal 🙂