Kluge Köpfe II

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Als sich vor ein paar Tagen „meine“ Siri Hustvedt mit Miriam Meckel in Zürich zum Gespräch traf, wurde ich vor lauter Neid schon ein bisschen ohnmächtig. Es gibt einfach Menschen mit wahnsinnig attraktiven Gehirnen und mit diesen beiden Damen würde ich liebend gerne mal ein paar Nächte durch diskutieren und über die Zukunft der menschlichen und künstlichen Intelligenz sprechen.

Miriam Meckel untersucht in ihrem Buch „Mein Kopf gehört mir“ in 14 Stationen die unterschiedlichen Wege, in denen die Menschen momentan versuchen, ihr Hirn zu tunen und sich mit Hilfe der Technologie in mehr oder weniger Cyborgs zu verwandeln. Dabei reicht es ihr bei weitem nicht, entsprechende Literatur darüber zu lesen, Frau Meckel startet eigentlich überall den Selbstversuch und führt protokollarisch Tagebuch über ihre Erlebnisse.

„Es wird unsere Aufgabe für die Zukunft sein, den Verbindungsbalken zwischen den Hemisphären des neuen Weltgeistes aus menschlicher und künstlicher Intelligenz zu bauen. Wenn es schlecht läuft, werden wir verlieren von dem, was unsere Welt und das Leben schön macht: Kreativität, Emotionen, geistige Einzigartigkeit und die Fähigkeit, Menschen und Dinge zu lieben. Wenn es gut läuft, wird es uns gelingen, die beiden Zustände zu verbinden und in einer großartigen Welt zu leben…“

Das geht von 24 Stunden in der Dunkelkammer, Neuro Enhancer Pillen und Stromstößen fürs Gehirn bis hin zu Spracherkennung über das Gedankenlesen. Nicht alle Versuche gingen spurlos an ihr vorbei und sie hat sich da weit aus ihrer Komfortzone rausgewagt.

Besonders gefiel mir, dass Meckel nie plakativ ins Schwarz-Weiße verfällt. Sie zeigt kritisch Gefahren auf, erklärt aber auch die durchaus bestehenden positiven Möglichkeiten, insbesondere für die Medizin. Immer wieder werden wir mit der Frage konfrontiert, sollen wir wollen, was wir können, was bedeutet das aus ethischer Sicht für die Menschen und wie weit können wir die möglichen Folgen absehen, weil aktuell vieles noch nicht durch Langzeitstudien erforscht ist?

Ein spannendes und unterhaltsames Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und ich hoffe noch immer auf einen Besuch der Autorin in München. Mein Hirn war jedenfalls permanent on fire und ich könnte problemlos die ganze Nacht mit Frau Meckel diskutieren – auch ganz ohne Hirnboosting durch Stromzufuhr.

Ich bedanke mich beim Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

Verteidigung des liberalen Charakter

Dieses kleine Büchlein hatte unglaublich viele großartige Erkenntnisse geboten für mich, ich kam aus dem Unterstreichen überhaupt nicht mehr raus. Strenger führt aus, dass die Menschen ihre Freiheiten als selbstverständlich und naturgegeben ansehen und nicht als etwas, dass man sich erarbeiten muss und für das es sich zu kämpfen lohnt.

Wir sehen die politische Stabilität und die Menschenrechte zum Beispiel als eines unserer Grundrechte an und in dem Moment, wo irgendwer diese Rechte beschneidet oder uns ins Gehege kommt, kreiden wir das dem jeweiligen Politiker oder der Gesellschaft als solches an, sehen es aber in der Regel nicht als unser ureigenes Problem an, das wir proaktiv mit lösen müssen.

Die meisten sind so sehr damit beschäftigt, sich selbst zu optimieren durch Sport, die passende Ernährungsweise oder dem optimierten Schlafverhalten, dass neben Beruf und Selbstoptimierung maximal noch Zeit für Beruf und etwas Familie bleibt, aber für die Gesellschaft bleibt am Ende nichts übrig.

Wir haben meistens kein größeres Ziel, als uns selbst zu verbessern, was dazu führt, dass unsere gesellschaftlichen Systeme einknicken oder von rechts unterwandert werden. Wir sind zuviel mit uns selbst beschäftigt und haben keine Zeit und nicht genügend Interesse, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Eine Kritik, die ich mir auch persönlich gefallen lassen muss. Ich sehe einiges positiver als Strenger, aber grundsätzlich trifft er mit vielen Punkten ins Schwarze.

Die größte Leistung der westlichen Aufklärung liegt darin, dass sie den Menschen die Möglichkeit, gibt ihr Leben frei gestalten zu können und es heute mehr Auwahl gibt als je zuvor. Das ist aber nicht nur Anlass zur Freude, denn es bedeutet auch, dass die Menschen sich ihre existentiellen Fragen nach dem Warum, ihrer Identität, dem Sinn etc. selbst beantworten und ihrem Leben einen eigenen Sinn geben müssen. Manche Menschen befreit diese Freiheit, doch für einige bedeutet es ein zu viel an Verantwortung, Mut und Anstrengung und das auch noch ohne Erfolgsgarantie.

„Wo negative Freiheit als Freiheit von äußeren Zwängen definiert ist, besteht die positive darin, dass wir wirklich autonom sind. Wahre Selbstbestimmung erfordert Vernunft, Wissen und Disziplin. Mit negativer Freiheit ist durchaus vereinbar, dass wir zu Sklaven unserer Leidenschaften, Begierden oder auch äußerer Manipulation werden. Der Begriff der positiven Freiheit hingegen gibt einer starken menschlichen Intuition Ausdruck: Wahrhaft frei sind wir nur dann, wenn wir die negative Freiheit mit Inhalten füllen, für die wir uns bewusst entschieden haben.“

Die westlichen Gesellschaften werden nicht überleben können, wenn die Menschen nicht bereit sind, ihre persönliche und gesellschaftliche Freiheit zu verteidigen.

Mit eines der wichtigsten Bücher für mich, die ich dieses Jahr gelesen habe. Spannend und bringt das Hirn garantiert auf Hochtouren.

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Ich habe hier ja schon bis zum Abwinken seine beiden Bücher „Sapiens“ und „Homo Deus“ besprochen, beworben und vielfach verschenkt und zugegebenermaßen ist hier nichts neues drin, da es sich hier um einen Auszug aus seinen beiden Büchern handelt. Trotzdem. Es hat sich gelohnt, dieses Büchlein zu lesen.

Der erste Teil erzählt die Geschichte des Geldes. Wie und warum wurde es erfunden? Warum hat es so eine derart große Bedeutung in unserem Leben und macht es uns eher glücklich oder unglücklich? Im zweiten Teil entwickelt er Zukunftsszenarien zur Zukunft der Menschheit, des Individuums und der Gesellschaft. Wir befinden uns am Rande einer Revolution, ob wir das wollen oder nicht.

Seine brillianten Einsichten, Klarsicht und seine Weitsichtigkeit sorgen für Lektüre die den Leser aufrüttelt, zum Nachdenken bringt und wer sich bislang nicht sicher war, ob er seine beiden Bücher lesen sollte, spätestens nach diesem Auszug dürfte alles klar sein.

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Die beiden Essays machte Susan Sontag über Nacht zu einer literarischen Sensation und waren die ersten, die versucht die Grenzen zwischen der sogenannten „Hoch- und Trivialkultur“ zu überwinden.

„Camp“ auf Deutsch vielleicht mit dem Begriff „Kitsch“ oder „affektiert“ zu übersetzen ist eine bestimmte Form des Ästhetizismus. Eine bestimmte Art, die Welt zu sehen. Es hat nicht unbedingt mit Schönheit im klassischen Sinne zu tun, sondern mehr mit einer Versinnbildlichung der artifiziellen stilisierten Form.

The more we study Art, the less we care for Nature“

„The ultimate camp state means it’s good because it’s awful“

Mir hat der zweite Essay „One Culture and the New Sensibility“ vielleicht sogar noch besser gefallen. Es beschäftigt sich mit der nach wie vor aktuellen Debatte um den Bruch zwischen low und high brow Kultur und die Weiterentwicklung in die sogenannte nobrow Kultur.

„One important consequence of the new sensibility is that the distinction between high and culture seems less and less meaningful.“

4 Hirne und die daraus entstandenen Texte/Bücher, die garantiert den Blickwinkel erweitern und die eigenen Synapsen zum Glühen bringen. Hier die klugen Köpfe noch mal im Überblick:

  • Miriam Meckel „Mein Hirn gehört mir“ erschienen im Piper Verlag
  • Carlo Sprenger „Abenteuer Freiheit“ erschienen im Suhrkamp Verlag
  • Yuval Noah Harari „Money“ erschienen im Vintage Verlag
  • Susan Sontag „Notes on Camp“ erschien im Penguin Verlag
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Double Français

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Ich hatte ursprünglich keine Ahnung, wie eng die beiden Bücher in vielfacher Hinsicht zusammengehören. Ich hatte mir Eribons „Rückkehr nach Reims“ zum Geburtstag gewünscht, es auch recht schnell gelesen und kurz drauf bekam ich vom Fischer Verlag Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ als Rezensionsexemplar zugeschickt und, obwohl so viele andere Bücher auf meinem Stapel lagen und eigentlich zuerst hätten gelesen werden müssen, las ich mich einfach fest.

Abgesehen davon, dass beide Bücher in Frankreich spielen, Protagonisten haben, die aus eher prekären Verhältnissen stammen und schwul sind, haben auch beide Bücher bei mir einen unfreiwilligen Regenguss abbekommen, als ich bei einem Gewitter vergessen hatte, das Fenster zu schließen und ja, schlussendlich sind die beiden Autoren auch miteinander befreundet, das fiel mir aber erst so richtig auf, als ich das Zitat von Eribon auf dem Buchrücken entdeckte und etwas recherchierte. Von daher erschien es mir naheliegend, die beiden Bücher auch gemeinsam hier zu rezensieren.

Die erste Hälfte von Didier Eribons Buch beschäftigt sich mit seiner Kindheit im Arbeitermilieu und die Hintergründe seiner Familie bis zurück in den 2. Weltkrieg. Wie er selbst in seinem Buch sagt, schreibt wohl kaum jemand über die dieses Milieu, der sich selbst nicht daraus emanzipiert hat.

Eribon hat das geschafft, er wurde ein erfolgreicher Soziologe und Autor, der Weg dorthin war alles andere als leicht. Er beschreibt die Schwierigkeiten, die nicht einfach nur materieller Natur sind, unglaublich passend. Dieses Gefühl, einfach nicht dazuzugehören, nicht die „richtigen“ Bücher, Filme, Musik zu kennen. Seinen Hintergrund nicht ständig zu verraten mit unbedachten Gesten oder einfach auch Unkenntnis und die ständige Angst, sich zu blamieren.

“Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.”

Ich kann mich an einigen Stellen des Buches sehr mit Eribon identifizieren, sein krasser Ekel seiner Abstammung gegenüber war mir allerdings teilweise zu heftig. Das Bildungsferne des „Arbeitermilieus“, die ich ebenfalls erlebt habe, ist etwas, was mir auch immer zu schaffen gemacht hat, vielleicht ist da etwas mehr der Stolz des lesenden Arbeiters meines Opas auf mich übergegangen, eine komplette Ablehnung meiner Herkunft kommt für mich nicht in Frage.

“Was mir vor allen Dingen unbestreitbar vorkommt, ist die Tatsache, das ein solches Ausbleiben des Klassengefühls eine bürgerliche Kindheit kennzeichnet. Die Herrschenden merken nicht, dass ihre Welt nur einer partikularen, situierten Wahrheit entspricht (so wie ein Weißer sich nicht seines Weißseins und ein Heterosexueller sich nicht seiner Heterosexualität bewusst ist).”

“Links zu sein, sagt Gilles Deleuze in seinem Abécédaire, das heiße, ‚eine Horizontwahrnehmung‘ zu haben (die Welt als ganze zu sehen, die Probleme der Dritten Welt wichtiger zu finden als die des eigenen Viertels). Nicht links zu sein hingegen bedeute, die Wahrnehmung auf das eigene Land, auf die eigene Straße zu verengen.”

Aber Eribon analyisert absolut treffsicher die Verfehlnisse der Linken. In seiner Kindheit wählten ausnahmslose alle in der Familie und in der Nachbarschaft die Kommunisten, das war Klassenbekenntnis. Dieses Bekenntnis gibt es nicht mehr und ist immer weiter nach rechts gerutscht. Seine Brüder wählen ganz selbstverständlich „National Front“ und selbst seine Mutter gibt zu, sie gewählt zu haben, um den Parteien eine Lektion zu erteilen. Dem beiläufigen Rassismus und der Homophobie, die ihn letztlich zum Ausbruch aus dem Milieu bringen, werden Struktur und Berechtigung gegeben durch Parteien wie die Front National.

“Man könnte es auch so zusammenfassen: Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden, sie sprachen nicht mehr im Namen von und gemeinsam mit den Regierten, sondern mit und für die Regierenden […] und zwar mit einer verbalen Gewalt, die von den Betroffenen durchaus als solche erkannt wurde. In den christsozialen oder philanthropischen Ausprägungen dieses neokonservativen Diskurses ließ man sich bestenfalls dazu herab, diejenigen, die gestern noch „unterdrückt“ oder „beherrscht“ gewesen waren und politisch „gekämpft“ hatten, als „Ausgeschlossene“ darzustellen, als „Opfer“ von „Armut, Prekarisierung und Ausgrenzung“ und somit als stumme potentielle Empfänger technokratischer Hilfsmaßnahmen.” 

Die Linke beschäftigte sich nicht länger mit Klassenfragen und die „einfachen Leute“ fühlten sich mehr und mehr unverstanden von den linken Parteien, was darin resultierte, dass aus dem alten klassenbezogenen „wir“ gegen „die“ ein nationales „wir“ gegen „die“ wurde.

“Man spürte förmlich, wie sich in ehemals kommunistisch dominierten Räumen der Geselligkeit und des Politischen eine rassistische Stimmung breitmachte, wie sich die Menschen allmählich einem politischen Angebot zuwandten, das vorgab, lediglich die Stimme des Volkes oder die Stimmung der Nation wiederzugeben, das eine solche Stimmung in Wahrheit aber erst herstellte, weil es Ressentiments und Affekte mit einem stabilen diskursiven Rahmen und gesellschaftlicher Legitimität versah.” 

Die zweite Hälfte des Buches beschäftigt sich mit seiner Jugend und was es bedeutet, in diesem Milieu als schwuler junger Mann aufzuwachsen. Foucault beschäftigt ihn sehr und er identifiziert sich stark mit ihm und seinen Ideen. Das Buch ist eine etwas ulkige Mischung aus Biografie und soziologischem Essay. Ich fand es wahnsinnig berührend und es ist eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Es hat mich stark an James Baldwin erinnert oder auch an Damian Barrs Biografie „Maggie & Me“ – das ich an dieser Stelle unbedingt noch einmal empfehlen möchte.

Eine weitere Rezension zum Buch findet ihr hier.

„Rückkehr nach Reims“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Als Édouard in einer kalten Dezembernacht auf dem Heimweg einem jungen Mann gegegnet möchte er eigentlich direkt nach Hause, doch die beiden kommen ins Gespräch und schnell wird klar, dass die spontane Begegnung in starke gegenseitige Anziehung umgschlagen ist und Édouard nimmt Reda, den algerischen Immigrantensohn, mit in seine Wohnung.

Was als zarter Flirt beginnt schlägt um in die schrecklichste Nacht, die Èdouard je erlebt hat. Ein Roman, der von Kindheit, Begehren, Rassismus, Gewalt und Migration erzählt und der, auch wenn es abgedroschen klingt, tatsächlich mitten ins Herz zielt.

Ein atemloser politischer Roman der auf drei Ebenen erzählt wird.  Édouard erzählt seiner (in der Realität nicht existierenden) Schwester detailliert von den Geschehnissen dieser Nacht, die diese wiederum ebenso ausführlich ihrem Mann erzählt, wobei sie von Èdouard belauscht wird, der hinter der Tür steht und das Erzählte kommentiert.

Das wirkt etwas gekünstelt, bewirkt aber, dass er durch die Figur der Schwester dem sozial benachteiligten Milieu eine Stimme gibt.

Es ist ein Roman über Schande, über das was gesagt wird, über die schändliche Vergewaltigung und was nicht gesagt wird. Èdouard überprüft seine Emotionen ständig, er korrigiert und klärt sie, bis er das Gefühl hat, sie akzeptieren zu können.

Er leidet darunter, keinen Sinn aus dieser schrecklichen Erfahrung ziehen zu können. Er ist jemand, der sich mit den Außenseitern identifiziert, der versucht, die Gewalt soziologisch zu erklären. Er geht mit der weit verbreiteten Homophobie in der Provinz ähnlich wie Eribon hart ins Gericht.

„In jener Nacht gelang es mir, mich von Reda zu befreien, aber erst sehr spät, nach sehr langer Zeit, und ebenso wie bei Temple war der wirklich Wille zur Flucht, der sich doch schon bei den ersten Anzeichen von Redas Wüterei hätte einstellen müssen, meine letzte Reaktion.“

Édouard erzählt seiner Schwester detailliert von der Nacht auf den 25. Dezember und die Schwester wiederum erzählt dies ebenso detailliert ihrem Mann, während Édouard den Monolog seiner Schwester – denn der Mann spricht nicht ein Wort – hinter der Tür belauscht. Überlagert wird die Stimme der Schwester durch die Gedanken Édouards, der das Erzählte als Figur kommentiert und manchmal selbst als Erzähler eingreift.

Édouard wirkt stellenweise recht arrogant in seiner naiven Begeisterung für alles Bildungsbürgerliche, aber das ist glaube ich einfach häufig ein Merkmal von Menschen, die sich den Weg ins Bildungsbürgertum hart erkämpfen mussten. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen der Protagonist die Nachwirkungen der Vergewaltigung beschreibt. Seine Ängste, seine Scham, die sich auch nach der x-ten Dusche nicht abwaschen lassen und ihn verwundet und roh zurücklassen.

Der Roman ist eine heftige und präszise Analyse der Gewalt, der in Frankreich sehr gefeiert wird und bereits über 300.000 Exemplare verkauft hat.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr hier.

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

 

 

Japan by the Book

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Japan ist ein Bücherland. In keinem der asiatischen Länder, die wir bislang bereisten, waren Bücher so allgegenwärtig wie in Japan. Die Menschen schlafen in der U-Bahn nicht nur in den verrücktesten Positionen, sie lesen auch im größten Gedränge und, wenn die Bücher häufig eher kleinformatig sind, so werden doch immer wieder auch Mangas in der Größe des früheren Quelle-Kataloges mitgeschleppt.

Mangas sind natürlich etwas, das wohl jeder mit Japan assoziiert. Und sie sind tatsächlich auch überall. In der Ubahn werden auch Romane gelesen, aber doch überwiegend Mangas und das vom Schulkind über schicke Business-Menschen bis hin zu älteren Damen.

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Schaut man seinen Mitfahrern in der U-Bahn über die Schulter, kann man auch schnell mal schamviolett werden. Die haben es teilweise wirklich in sich. Da wird geschnackselt was das Zeug hält, hetero und homosexuell, auf freiwilliger Basis, aber Vergewaltigungen z.B. kommen durchaus auch vor, alles recht explizit. Neben den sexuell freizügigen, gibt es auch einige, die recht düster sind, aber im Grunde genommen ist hier für wohl für jeden Geschmack etwas dabei. Man könnte sicherlich ganze Abhandlungen schreiben, möchte hier aber nur einen kurzen Einblick in den japanischen Manga-Alltag geben, den wir erlebt haben. Eine wunderbare Facette sind natürlich auch die vielen Cosplayer, die in einen spannenden Kontrast bieten, zu den monochromen Business-Menschen.

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Japan nimmt wenig Rücksicht auf nicht-japanische Besucher. Das ist deutlich weniger negtiv gemeint, als das jetzt klingt. Ob im Alltag, oder wenn es um den Tourismus geht, das Angebot richtet sich eben in der Regel an die einheimische Bevölkerung und ausländische Gäste werden höflich und sehr sehr freundlich inkludiert, aber es wird keine Extrawurscht gebraten. Uns hat das weniger gestört, da man so deutlich mehr vom alltäglichen Leben in einem Land mitbekommt, aber natürlich kann es einem das Leben auch mal schwerer machen.

Ich hatte damit gerechnet, mir im Urlaub Bücher kaufen zu können und bin ziemlich in Panik geraten, als ich in Tokyo die ersten 3-4 riesigen Buchläden abgeklappert hatte und keiner davon eine Abteilung mit englischsprachigen Büchern hatte. Ich bin dann in Kyoto fündig geworden und das war dann auch ein wundervoller Laden, bestens sortiert mit einer riesigen Auswahl, aber man muss schon ein wenig danach suchen. Zeitungen, Zeitschriften habe ich gar nicht gefunden, wobei die normalen Tageszeitungen ab und an 1-2 englischsprachige Seiten enthielten.

In Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha waren an jeder Ecke Läden in denen man gebrauchte englische Bücher kaufen konnte, das findet man in Japan eigentlich überhaupt nicht. Um so glücklicher war ich, in einer kleinen Straße in Kobe ziemlich ab vom Schuss, einen winzig kleinen entzückenden Second-Hand-Bookshop „Wantage“zu entdecken. Der Besitzer, ein sehr herzlicher, älterer Engländer öffnet seinen Laden nur am Wochenende. Ich hätte da gut und gerne ein paar Stunden drin verloren gehen können.

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Meine Urlaubslektüre bestand natürlich unter anderem aus einem Haruki Murakami. Geht ja gar nicht ohne und nach Japan reisen ohne ein Buch von ihm – völlig undenkbar. Ich hatte mich für „Hard-Boiled Wonderland“ entschieden, einer der Romane, die ich bisher noch nicht gelesen hatte und der seit dem Haidhausener Flohmarkt auf seinen Auftritt wartet.

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„Hard-Boiled Wonderland“ ist ein ziemlich komplexer Roman, den ich sehr langsam lesen musste, manche Kapitel benötigten gar eine zweite Runde, bis ich mich wieder zurechtgefunden habe. Die Geschichte spielt im Tokyo der nahen Zukunft. Dank wundersamer fortschrittlicher Technologien wird einem schüchternen, intelligenten Datenanalysten etwas ins Hirn implantiert, das es ihm ermöglicht, geheime Daten zu „waschen“ und zu „shuffeln“.

Ein verrückter Wissenschaftler, die Datenmafia und die Semiotecs, eine rivalisierende Intelligence Unit, sind ihm auf den Fersen und dabei, in sein Unterbewusstsein eine komplett andere Welt zu implantieren. Nach und nach verwischen die Grenzen der beiden Welten und es entbrennt eine Jagd um dem Ende der Welt zu entkommen, oder nicht ?

Einer der abgefahreneren Murakamis, der einen an Kafka und Orwell denken läßt. Keine einfache Lektüre, aber eine lohnende, die perfekt nach Tokyo passt. Die perfekte Überschrift für eigentlich fast jeden seiner Romane könnte dieses Zitat sein:

„Everyone may be ordinary but they’re not normal“

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Mit Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“ begab ich mich auf unsere Wanderung und gleichzeitig ein paar Jahrhunderte zurück in das Japan der Samurais. Unser Weg führte uns drei Tage lang auf dem Nakasendo Trail entlang, ein über 500km langer uralter Handelsweg, der von den Shoguns zum Reisen genutzt wurde. Es gibt 69 Stationen, die zumeist aus winzig kleinen Örtchen bestehen. Unsere Wanderung führte uns damit drei Tage lang durch die japanischen Alpen. Wir haben uns allerdings mehr als einmal verlaufen, da wir die ganze Zeit über wirklich niemanden getroffen haben auf den Wanderung und sämtliche Schilder natürlich in japanisch waren. Am zweiten Tag haben wir daher einen ordentlichen Umweg eingebaut und statt der geplanten 18km waren wir 25km unterwegs. Puh, da hing uns doch die Zunge auf Halbmast und wir wurden irgendwann etwas panisch. Aber am Ende haben wir unser Ryokan doch noch gefunden.

Übernachtet haben wir in Ryokans, den traditionellen Herbergen der Edo-Periode. Die Zimmer bestehen aus den am Boden liegenden Tatami Matten und den mit Washi bespannten Schiebetüren.

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Abendessen und Frühstück sind im Übernachtungspreis enthalten und werden im Gemeinschaftsraum eingenommen, man trägt Yukata und faltet die Beine irgendwie unter den niedrigen Tisch. Serviert wird in der Regel ein einheitliches, typisches sehr reichhaltiges Abendessen, das aus sehr vielen gleichzeitig servierten kleineren Portionen besteht. Miso-Suppe, eingelegtes Gemüse, geräucherter Fisch gehören eigentlich zu jeder Mahlzeit. Das Essen ist wahnsinnig gut, sehr frisch, aber teilweise auch gewöhnungsbedürftig. Sashimi, roher Fisch in dünne Scheiben geschnitten, kennt man und mag ich auch sehr gerne, lebt der Fisch allerdings noch und man schneidet ihm bei Bewußtsein Scheiben raus, das ist dann noch mal eine andere Geschichte. Auch Fleisch wird gern roh gegessen, wie Sushi und so haben wir uns dann auch rohem Pferd gegenüber gesehen, die gegrillten Grashüpfer waren für mich da die einfachere Herausforderung.

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Nach dem Abendessen macht man üblicherweise einen Abstecher ins Gemeinschaftsbad Onsen. Wir haben diesen Abstecher nur zweimal geschafft, denn auf Tattoos ist man in Japan gar nicht gut zu sprechen, sind diese doch so untrennbar mit der japanischen Mafia der Yakuzi verbunden. Schafft man es hinein in ein Onsen, ist das schon ein phantastisches Erlebnis. Nach ausgiebiger gründlicher Reinigung gehts dann ins große Becken, in dem meist auch andere Leute schon vor sich hin kochen. Seit dem Onsen habe ich eine ungefähre Idee, wie sich Hummer fühlen mögen, wenn sie ins heiße Wasser fliegen. Krass war das heiß. Japan hat Unmengen heißer Quellen und es tut schon gut so ein Bad, nach einer langen Wanderung.

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Seitenschläfer haben es auf den Tatami Matten nicht leicht. Ich mußte mich morgens origamimäßig erst einmal wieder auseinanderfalten und hab ein paar blaue Flecken davon getragen, wer üblicherweise auf dem Rücken schläft und es hart mag, dem dürften Tatami Matten gut gefallen.

Nun aber zu „Der Tod des Teemeisters“ – es war die perfekte Wahl für die Wanderung und unsere Übernachtung im Ryokan, die ganze Stimmung und der Inhalt der Erzählung haben einfach wunderbar gepasst.

Die Geschichte handelt davon, was aus der Kunst der Teezeremonie wird, wenn sein Meister verschwindet. Es ist nicht wirklich ein Thriller, wie der Umschlagtext vermuten ließ, sondern eher eine Suche nach Antworten darauf, warum der Master of Tea „Rikyu“ seinen angeordneten ritualen Suizid ohne Kampf akzeptierte. Sein letzter Schüler, Honkakubo versucht die Umstände, die zum Tod seines Meisters führen, zu verstehen und nachzuvollziehen.

Die Sprache ist karg und spröde, aber auch poetisch fein. Könnte man ein Buch schmecken, so wäre dieses ganz eindeutig ein Matcha-Tee. Ein kleines Wunderwerk, das aber sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen wird.

Dieses Zitat trifft die Essenz des Buches für mich, ohne das es aus diesem Buch ist. Woher ich es habe, weiß ich leider nicht mehr:

„…we find beauty not in the thing itself but in the patterns of shadows, the light and the darkness, that one thing against another creates.“

Vom Rest unserer Reise und der dazugehörigen Lektüre berichte ich im zweiten Teil. So stay tuned for more adventures …

Haruki Murakami „Hard-boiled Wonderland“ ist im Dumont Verlag erschienen
Yasushi Inoue „Der Tod des Teemeisters“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen