Dystopisch-Gruselige D(r)amen

Es ist kalt geworden in Berlin und in der Gesellschaft. Ein dystopischer Blick in eine Zukunft, die sich von unserer Gegenwart nur wenig unterscheidet. Die laute Propaganda einer faschistischen Partei, nicht unähnlich den Krakeelern der rechten Partei, mit der wir uns rumschlagen müssen, sondern die die Politik des ganzen Landes beherrscht. Mittendrin taumeln drei verlorene Menschen durch die Welt, die irgendwann anfangen, Fragen zu stellen.

Die Atmosphäre des Buches ist bedrückend und beängstigend. Burschi, Charlie und Charlotte fangen an Dinge, die sie anfangs einfach hingenommen haben, zu hinterfragen. Sie stellen mehr und mehr in Frage.

„Stück für Stück ergibt Sinn, was mir immer wie ein beinahe obszön chaotisches Strudeln und Schlingern erschienen ist: mein Leben eben. Ich hatte mich redlich darum bemüht, es irgendwie im Griff zu behalten, aussichtslos.“

Da ist Burschi, die Johanna liebt, gegen alle Widerstände, auch wenn sie dabei den starken Arm eines Staates zu spüren bekommt, der Anderssein nicht mehr duldet. Die für ihre Beziehung kämpft, auch wenn ihr die Angst im Nacken sitzt. Dann ist da Charlie, der in anarchischen Musikkreisen zwischen Joints und lauten Beats ein Praktikum macht, seine ganz eigene Weise hat, der allgegenwärtigen Überwachung zu entkommen und noch mit seiner Mutter zusammenwohnt, die ursprünglich in esoterischen Kreisen verkehrte und in diesem Regime zur Scharfschützin ausgebildet wurde. Charlotte beginnt ebenfalls, in ihrer Loyalität wankelmütig zu werden und droht dabei fast den Verstand zu verlieren.

„Ich streiche über seinen Ring und sage, Stimmt, ich bin vollkommen gaga. Trotzdem habe ich einen Sicherheitsdienst mit aufgebaut. Das sage ich stolz. Urs lacht, er findet das witzig, und seine Laune wechselt von finster über fidel zu hoppsfallera, als der Kellner ihm seinen Kaffee schließlich doch noch serviert. Ich arbeite wirklich bei der Bürgerwehr, ich bin Scharfschützin, das glaubt er mir endgültig nicht. Und womit schießt du, mit Keramikküken? Urs zieht groteske Grimassen und ahmt nach, wie ich seiner Vorstellung nach ein Gewehr halte und ziele.

Laura Lichtblau entwirft mit ihrem Debütroman „Schwarzpulver“ eine urbane erschreckend realistische Dystopie mit wunderschöner poetischer Sprache, die ich sehr gerne gelesen habe. Ein Buch das es wert ist langsam und konzentriert gelesen zu werden.

Schwarzpulver von Laura Lichtblau erschienen im C. H. Beck Verlag.

Ein mysteriöser Virus hat die Tierwelt bis an den Rand des Massensterbens ausgerottet. Da es keine Fleischquelle mehr gibt, hat sich die Menschheit dem Kannibalismus zugewandt, um ihren unaufhörlichen Hunger nach Fleisch zu befriedigen. Menschen werden nun domestiziert, in Massen produziert, geschlachtet und als „Spezialfleisch“ verkauft. Eingelegte Finger, gegrillte Rippchen, gebratene Zunge, serviert auf Kimchi und Kartoffelsalat, alles schön gewürzt mit Kräutern und Gewürzen.

Bazterrica zeigt uns eine Welt, in der der Kannibalismus regiert, der jetzt „Transition“ genannt und mit sprachlichen Euphemismen überdeckt wird, um ihn der Gesellschaft äh, schmackhaft zu machen.

„Auf dem Weg zur Innereienabteilung kommen sie am Zerlegerau vorbei. Die Schiene durchläuft alle Räume und befördert die Kadaver von einer Station zur nächsten. Durch die länglichen Fenster können sie beobachten, wie dem Weibchen, das Sergio betäubt hat, Kopf, Arme und Beine abgesägt werden“

Marcos, ein Mann, der in einer fleischverarbeitenden Fabrik arbeitet, findet sich plötzlich mit einem kostspieligen Luxusgeschenk wieder: ein speziell gezüchteter Mensch erstklassiger Qualität. Ein Geschenk, das ihn auf vielfältige Weise in diverse Dilemma stürzt und zum Nachdenken bringt. Er, der selbst ursprünglich mal auf dem Schlachthof seines Vaters das Handwerk des Schlachters (von Tieren) gelernt hat, kann schon seit einiger Zeit kein Fleisch mehr essen. Sein Job widert ihn mehr und mehr an und er versucht, einen Ausweg aus seiner schrecklichen, trostlosen, hoffnungslosen, dunklen Arbeitswelt zu finden.

Bei diesem Buch wurde mir beim Lesen teilweise wirklich schlecht. Das Buch ist natürlich ein Protest gegen die Massentierhaltung, aber man würde dem Buch unrecht tun, wenn man es auf eine Kritik an Fleischindustrie und Massentierhaltung verkürzen würde. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was wir billigend in Kauf nehmen, um unseren Fleischgenuss zu befriedigen.

Agustina Bazterricas Roman ist wahrscheinlich das verstörendste, was ich je gelesen habe, aber die Lektüre lohnt sich wirklich, sie traf mit der Veröffentlichung ihres Romans einen neuralgischen Punkt der argentinischen Kultur. Nach wochenlanger Platzierung auf der Bestsellerliste und der Verleihung des Premio Clarín, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, gilt sie als eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.

Traut Euch und lest dieses Buch!

Wie die Schweine von Agustina Bazterrica erschienen im Suhrkamp Verlag übersetzt von Matthias Strobel.

Die Geschichte ist simpel, aber durchaus interessant. Wir befinden uns im Jahr 1933, als der Protagonist der Geschichte, Freddie, einen ganz besonderen Buchhändler besucht. Seine Unterhaltung mit dem Buchhändler geht zunächst ins Jahr 1928 zurück, in dem Freddie die französischen Pyrenäen besucht, um dort auf andere Gedanken zu kommen, sich von seiner Depression – ausgelöst durch den Tod seines Bruders während des 1. Weltkriegs – zu erholen. Von seinen Gastgebern im Gasthof eingeladen, beschließt er, dem Fest von St. Etienne beizuwohnen, einem Fest, das für die Bewohner des Dorfes eine besondere Bedeutung hat. Er trifft dort auf eine verführerische junge Frau, mit der er sich Stunden lang unterhält und nach einem seltsamen Überfall auf die festliche Runde die Nacht verbringt.

Mosse stellt in ihrem Roman einen jungen Mann in den Mittelpunkt, der den Tod seines Bruders nicht überwinden kann und sich auch Jahre später noch traumatisiert zurückgelassen und einsam fühlt. Solche starken Emotionen werden sonst eher weiblichen Charakteren zugeschrieben, es war eine willkommene Abwechslung, es hier einmal andersherum zu erleben. Freddie ist ein sehr einnehmender, sympathischer Charakter. Er ist ein Träumer, der mit der Realität und den Ansprüchen seiner Eltern nicht zu Rande kommt.

“The dead leave their shadows, an echo of the space within which once they lived. They haunt us, never fading or growing older as we do. The loss we grieve is not just their futures but our own.”

Der Roman beschäftigt sich mit der Frage was passiert, wenn wir mit einem vorzeitigen, tragischen Tod konfrontiert werden? Wie lernen wir damit zu leben? Wie gehen wir damit um, wenn die Schatten der Toten den Lebenden die Kraft nehmen weiterzuleben? Wie in ihrem berühmten Roman „Labyrinth“ kehrt Mosse wieder nach Frankreich und den Katharern zurück.

Die Autorin macht Lust auf eine Reise ins verschneite Südfrankreich, auf geheimnisvolle Höhlen und tragische Karthager. Die Stimmung war wohlig mysteriös, wenn auch nicht wirklich gruselig. Eine leichte Lektüre, perfekt für einen verschneiten Sonntagnachmittag.

Winter Ghosts erschien auf deutsch unter dem Titel Wintergeister im Droemer Knaur Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust machen auf zwei herausfordernde Dystopien und einen gemütlichen Gruselschinken. Habt ihr noch Empfehlungen für gute Dystopien oder spannenden Grusel?

Schutzzone – Nora Bossong

Mira arbeitet im diplomatischen Korps der Vereinten Nationen. Aus der Ich-Perspektive werfen wir einen Blick in ihren Kopf, während sie durch ihre Erinnerungen an vergangenen Missionen reist. Von Genf nach Burundi, nach Den Haag, nach New York und in den Kongo. Es gibt keine klaren Handlungsstränge, sie beschreibt vielmehr die Komplexität und die Frustrationen, die die Arbeit im Schatten politischer Gräueltaten mit sich bringt.

Fragmentarisch arbeitet die Diplomatin Mira Weidner ihr Leben auf, von ihrer Kindheit bei einer befreundeten Diplomatenfamilie, ihrer Schwärmerei für den älteren Milan, in dem sie einerseits einen Bruder sieht, in den sie aber auch stets ein wenig verliebt war und ihre sich abkühlende Beziehung zu ihrem Freund.

Sie beschreibt das Leben der Expats in ihrer Blase an den Schwimmbecken ihrer Häuser in kriegsgebeutelten, afrikanischen Ländern und über die Distanz, die man entwickeln muss, wenn man mit dubiosen politischen Akteuren verhandeln muss, die vielleicht oder vielleicht auch nicht in Völkermorde verwickelt waren. Von ehemaligen Kindersoldaten bis hin zu Menschenrechtsexperten – fast alle, denen wir begegnen, haben eine zynische oder desillusionierte Haltung entwickelt. Es ist die Schutzzone, die sie brauchen, um zu überleben oder sich überhaupt engagieren zu können.

Und die Kosmopoliten? Das waren die wenigen, die sehr wenigen unter uns, die wussten, das eine Heimat nicht festgehalten werden konnte, so wie man eine kurze Verliebtheit nicht festhalten kann oder einen Gegenstand, der Bedeutung hat, denn entweder verschwindet der Gegenstand oder die Bedeutung, oder man selbst erinnert sich nicht mehr daran, und es gibt nur eine beschlagene Scheibe, durch die hindurch wir auf etwas Zurückliegendes blicken, und manche haben Glück und sehen etwas Wunderschönes, aber sie sehen es nur, sie erleben es nicht mehr.

Die langen Satzstrukturen, die von einigen kritisiert wurden, haben mich nicht wirklich gestört. Gerade die Sprache Bossongs hat mich gefesselt. Mir hat eine etwas stringentere Handlung gefehlt. Stellenweise las sich der Roman so aufregend wie ein UN Bericht der Hauptorgane an die Generalversammlung.

… mit einem Hang zum Pathos bewiesen, der sich schließlich in Oscar-Verleihungen, Inaugurationen und der unbedingten Herbeiorderung des Bösen immer wieder zeige, als wüssten die Amerikaner ohne ihre Feinde nicht, wer sie selbst waren, als wären auch sie keine auserwählte, überlegene Nation, sondern eben eine wie jede andere, wir alle, Mademoiselle Weidner, sagte er vertraulich und berührte beinah mein Handgelenk, ließ seine Hand dicht über meiner schweben, wir wissen ja nicht, wer wir sind, und unsere Freunde erklären uns das ungenauer als jene, die wir als unsere Freunde bezeichnen, darum hauen wir uns die Köpfe ein, weil den Gegner zu erkennen soviel leichter ist als uns selbst.

Gelegentlich wollte ich aufgeben, aber ich habe mich durchgebissen und wurde mit ein paar sehr klugen Gedanken und wunderschöner Sprache belohnt.

Nora Bossong hat einen melancholischen, fordernden, sprachlich wundervollen Roman geschrieben über die Illusion institutioneller humanitärer Hilfe und die Notwendigkeit, sich eine Schutzzone zu schaffen, um darüber nicht zu verzweifeln. Zurecht die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2019.

Ich danke meiner Freundin Barbara ganz herzlich für diesen Roman *nach Berlin winkt*.

Hirngymnastik Soziologie

Vielleicht ist man prädestiniert dafür, zur Archäologin oder Soziologin seiner Selbst zu werden, wenn man einigermaßen prekär und bildungsfern aufwächst. Von klein auf haben mich Familien fasziniert (ich wollte unbedingt bei den Waltons leben und an so einem langen Tisch zu Abend essen) und war stets fasziniert von den Bücherregalen, den Klavieren, der Weitläufigkeit der Häuser (die meine Oma putzte), im Gegensatz zu der beengten Sozialwohnung, in der ich mit meinem Bruder bei meiner Oma lebte.

Der Zusammenhang zwischen Bildung und Herkunft ist eine Frage, die mich seit Jahren endlos fasziniert. Ich habe unermüdlich die Bildungslebensläufe verschiedenster Menschen gescannt, auf der Suche nach Ähnlichkeiten.

Eine der ersten großen Erkenntnisse für mich war, dass nicht alle gebildeten Menschen unbedingt reich an Geld sind, sie aber in der Regel aus bildungsnahen Umfeldern kommen. Also Eltern haben mit „guten Berufen“, die ihre Kinder zum Lernen animieren und die zu Hause Bücher haben.

Unser Viertel war interessant durchmischt. Einige Familien aus Italien, dem ehemaligen Jugoslawien und viele sogenannte Aussiedler und Deutsche. Insbesondere unter den Deutschen fiel auf, dass viele der alten Leute (wie z.B. meine Oma) zur Gruppe „arm aber bildungs-wertschätzend“ gehörten, viele der jüngeren eher zu den Menschen, über die RTL2 Brennpunkt-Dokus macht und die Bildung eher als etwas lästiges betrachten.

Daher waren viele der Kinder, mit denen ich in der Nachbarschaft unterwegs war, eher der Brennpunkt-Gruppe zuzuordnen. Es war wohl viel Zufall und persönliches Glück (vorlesende Großeltern zum Beispiel) dabei, dass ich mich in der Schule eher zu den bildungsnahen Kindern hingezogen fühlte und somit von klein auf Lust auf Bildung hatte.

Und genau diesen Mikrokosmos finde ich so spannend. Nature vs Nurture – was liegt in den Genen, was im Umfeld und welches Umfeld prägt einen mehr, welches weniger? Was ist mir selbst, meinem IQ, meiner Familie geschuldet und was meinem Milieu?

Die Auswahl der Bücher zu dieser Hirngymnastik ist insofern auch noch mal interessant, als es (wirklich ohne dass ich das vorher wußte) drei Autor*innen sind, die ebenfalls ursprünglich aus der „Arbeiterklasse“ kommen und sich durch Bildung aus diesem Milieu entfernt haben.

Dass der einzige wirkliche Ausweg oft nur über ganz besondere Begabung geht, hat mich oft zur Verzweiflung gebracht. Vielleicht gibt es Ausnahmen die ich noch nicht getroffen habe, aber man hört bzw. liest eigentlich nur von den Bildungsaufsteigern, die wie Bourdieu, Ernaux oder Eribon unfassbar klug sind und/oder sich über Stipendiate etc. auf Elite-Universitäten bugsiert (Tara Westover) haben.

Mich hat es zur Verzweiflung gebracht, weil ich keine Hochbegabung habe. Ich bin in der Realschule gerade mal so mitgekommen, auch – aber nicht nur – weil Lehrer von vorne rein nicht glauben, dass man irgendwas kann, wenn man aus bestimmten Wohngegenden kommt – ich hätte niemals ein Stipendium für irgendeine Uni bekommen und das ist der Punkt, wo ich merkte, es muss sich strukturell etwas ändern, damit Kinder, die jetzt in Brennpunkten aufwachsen, überhaupt eine Chance haben.

Auch dort wird es Kinder geben, die es verdient hätten, in die Bildungsaristokratie aufzusteigen, die aber so weit weg von allem sind, was mit Bildung zu tun hat, dass es nicht einmal teilweise auf ihrem Bildungshorizont auftaucht. Die keine mega Begabung für irgendwas haben, sondern ganz „normal“ intelligent sind.

Die genau so gut Englisch / Spanisch / Französisch sprechen könnten wie ihre Mitschüler, deren Eltern es sich leisten können mit ihnen in den Sommerferien ins entsprechende Land zu fahren und die dann erstaunlicherweise die Sprache so viel besser sprechen, als die, die es sich „nur“ alleine zu Hause beigebracht haben. Die genauso gut in einer Sportart sind, wie die Kinder der Eltern, die sich Sportlager leisten können oder die genauso gut oder schlecht in Mathe / Deutsch etc. sind wie die Kinder, deren Eltern sie auf Internate schicken können, wo man in speziellen kleinen Klassen aufs Abitur vorbereitet wird und das Wissen einem portionsweise zugefüttert wird.

Was mich mein Leben lang schon immens wütend macht, ist der Glaube von ganz vielen „erfolgreichen“ Menschen da draußen, dass es einzig an ihrer harten Arbeit, ihrem IQ und was weiß ich liegt, dass sie da sind, wo sie sind und sie nicht sehen wollen, dass es auch hier, wie so oft, einfach nur Privilegien sind, die sie haben und die ihnen in den meisten Fällen einfach nicht bewusst sind.

Ich habe es rausgeschafft aus meinem Mileu aus einer Brennpunkt-Kindheit durch meine Oma, die uns rausgeholt und bei sich aufgenommen hat, obwohl sie eine Mini-Rente hatte und ich bis heute nicht weiß, wie sie das geschafft hat.

Ich habe es den bildungsnahen Familien meiner Freundinnen in der Kindheit zu verdanken, mit denen ich trotz der bösen Brennpunkt-Herkunft spielen durfte und der Leihbücherei, die mein zweites Zuhause war 🙂

Aber genug von mir und meinem Rant – jetzt doch mal etwas zu den Büchern für diese Hirngymnastik – sie haben nur einfach eine Menge bei mir in Bewegung gesetzt.

„Gesellschaft als Urteil“ von Eribon ist ein großartiges Buch, es gelingt ihm an vielen Stellen Worte zu finden für Erfahrungen, die ich gut kenne, die ich aber nie so hätte benennen können:

„Wenn man als Kind seine Ferien im Landsitz der Großeltern verbringt, wenn man übers Wochenende ins Landhaus der Eltern oder Geschwister fährt, resultiert daraus ein anderer Selbstbezug, ein anderer Bezug zur Welt und zu den anderen, als wenn man eine Kindheit ohne Ferien erlebt oder man die Ferien im Ferienlager, mit den Eltern auf dem Campingplatz oder in einem Wohnmobil verbracht hat.“

„Sie verfügen nicht über das soziale Kapital der Privilegierten, sie beherrschen nicht die notwendigen Codes. Dieser Unterschied spielt in den Details des beruflichen und privaten Lebens eine wichtige Rolle. Man fühlt sich unwohl, wenn man in einem bürgerlichen Haus zu Gast ist, man weiß nicht, wie man im Restaurant mit dem Besteck umzugehen hat, man ignoriert die passenden Redeweisen in bestimmten Situationen usw.“

Das z.B. geht mir heute noch exakt so, bei den Treffen der Freunde des Literaturhauses. Die sind alle wirklich sehr symphatisch, aber wann immer ich sie treffe, fühle ich mich wie eine Außerirdische, umgeheben von all den Studienrät*innen, Professor*innen und einfach sehr vornehm und gebildeten Menschen.

„Es versteht sich von selbst, dass eine aufsteigende soziale Bahn den Aufsteiger nicht zum exakt gleichen Status oder zur exakten Position derjenigen führt, die schon lange oben sind. Füllen zwei Menschen die gleiche Position oder Profession aus, dann unterscheiden sie sich durch die Dauer ihrer Klassenzugehörigkeit. Kumuliertes ökonomisches Kapital (Eigentumswohnungen, Häuser, ererbte Güter usw.) und ein seit der Kindheit verfügbares kulturelles Kapital (mobilisierbare Beziehungen innerhalb des eigenen Milieus, der eigenen Familie und über diese hinaus) können bei einem nominell identischen Status zu großen Wertunterschieden führen. Auch die scheinbar vollständige Gleichheit wird von einer Ungleichheit der Herkunft durchzogen“.

Bei dem letzten Zitat muss ich an einen Abschnitt aus einer Biografie von Marion Gräfin Dönhoff denken. Sie beschreibt darin ihre Flucht aus Ostpreußen und wie sie auf einem Pferd ohne irgendwelches Hab und Gut die Flucht ergreift, an den endlosen Flüchtlingtrecks vorbei reitet und nachts auf der Suche nach Unterkunft für die Nacht schnurstracks aufs nächste Schloß zureitet und ganz selbstverständlich dort ans Tor klopft und die Nacht verbringt. Das hat mich endlos fasziniert, diese Selbstverständlichkeit.

Das perfide an Privilegien ist eben, das man sich ihrer nicht bewusst ist. Einfach dadurch, dass man gewisse Dinge NICHT erlebt, machen sie sich bemerkbar. Wir alle haben Privilegien und je mehr wir uns ihrer bewusst werden, desto sensibler können wir miteinander umgehen und je eher ist uns wichtig, immer mehr Menschen an diesen Privilegien teilhaben zu lassen bzw. strukturell dafür zu sorgen, dass sie eine immer kleinere Rolle spielen.

Eine große Gefahr besteht darin, dass die unterschiedlich wenig privilegierten Menschen gegeneinander ausgespielt werden.

Annie Ernaux Buch „Die Jahre“ ist ein eindringliches Zeitdokument. Sie erzählt die französische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte anhand von privaten Fotografien, populären Medien und ihren eigenen Erinnerungen.

Damit gelingt ihr, der „Ethnologin ihrer selbst“, ein scharfsinniges Gesellschaftsporträt, in dem sie über ihre Kindheit in der Nachkriegszeit, den Algerienkrieg, ihr Schreiben, ihre Mutterschaft, die 68er, ihre Emanzipation, den Mauerfall bis hin zu ihrem eigenen Altern schreibt.

„Die Geschehnisse überstiegen unsere Vorstellungskraft – also hatte man den Kommunismus für unsterblich gehalten – und unsere Gefühle hielten nicht mit der Wirklichkeit Schritt. Man hinkte den Ereignissen hinterher und beneidete die Osteuropäer, weil sie alles unmittelbar miterlebten. Als sie dann in Westberlin die Geschäfte stürmten, blickte man konsterniert auf ihre katastrophale Bekleidung und die Tüten voller Bananen. Ihre Unerfahrenheit mit dem Konsum war rührend. Dann begann uns ihr kollektiver Hunger nach Materiellem zu ärgern, ihre fehlende Zurückhaltung, ihr mangelnder Stil. Offenbar waren sie der Freiheit, die wir für sie geschaffen hatten, der reinen, abstrakten Freiheit, nicht gewachsen. Das Mitleid, das man jahrelang für die Menschen „unter dem Joch des Kommunismus“ empfunden hatte, schlug in Missbilligung darüber um, wie sie von ihrer neu gewordenen Freiheit Gebrauch machten. Als sie noch um Wurst und Bücher angestanden hatten und es ihnen an allem gefehlt hatte, waren sie uns lieber gewesen, damals hatte man sein Überlegenheitsgefühl und das Glück der „freien Welt“ anzugehören, viel besser auskosten können.“

Was uns final nun zu Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ bringt. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, das 1979 erschienen ist und noch heute selbst gebraucht 26 € kostet. Eribon schwärmt in den höchsten Tönen davon, Goodreads überschlägt sich und ich…

…. habe es einfach nicht verstanden. Ich bin sicher, es ist unfassbar klug, aber es ist kein Buch, dass man abends lesen kann, wenn man 10 Stunden gearbeitet hat. Man muss sich jeden Absatz erkämpfen und das Buch verdient es sicherlich auch so gelesen zu werden, nur habe ich dafür im Moment nicht genug Zeit, Energie und vielleicht bin ich auch einfach nicht gebildet genug für diese Lektüre.

Die Hirngymnastik Soziologie hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe parallel auch den Kurs an der Zeit Akademie besucht und möchte noch das eine oder andere von Aladin El-Mafaalani, Judith Butler, Ulrich Beck und Kate Kirkpatrick z.B. lesen.

Ich hoffe, diese Hirngymnastik war nicht zu persönlich – ich habe beim Schreiben definitiv gemerkt, dass mich das Thema sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht hat.

„Jede etablierte Ordnung neigt dazu, die Naturalisierung ihrer eigenen Willkür zu produzieren“ // Pierre Bourdieu

Stadt der Engel – Christa Wolf

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Drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wurde der Schriftstellerin Christa Wolf Zugang zu ihren Stasi-Akten gewährt. Wolf, die für ihren Trotz und ihre Offenheit bekannt war, war nicht besonders überrascht, zweiundvierzig Bände mit Dokumenten der ostdeutschen Geheimpolizei zu entdecken. Was sie überraschte, war jedoch eine dünne grüne Mappe, deren Inhalt eine ungewohnte – und sie sehr beunruhigende – Geschichte erzählte: Anfang der 1960er Jahre war Wolf selbst Informantin der kommunistischen Regierung gewesen. Und doch hatte sie dreißig Jahre später überhaupt keine Erinnerung mehr daran. Wie konnte das sein?

Die Ich-Erzählerin, eine deutsche Schriftstellerin Mitte 60, fliegt 1992 für ein paar Monate als Stipendiatin des Getty Center nach Los Angeles. Ihr Zuhause für diese Zeit ist ein skurriles Hotel, das „Ms Victoria Old World Charm“ in Santa Monica. Dort schaut sie gerne Star Trek:

„Abend für Abend erinnert sich die Protagonistin „saß ich vor dem Fernseher, wenn die Star-Trek-Serie lief, und erlaubte mir die Ausrede, ich müsse mein Englisch vervollkommnen, wusste aber insgeheim, es war mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu schaden kommen würde.“

Selten fühlte ich mich Christa Wolf näher… 😉

Christa Wolf mischt Reisebericht, Tagebuch, Erinnerungen, Traumerzählungen und Fiktion. Dieses Buch ist ein subtiler Blick auf Selbsttäuschung, Erinnerung, Geheimnisse, das Bekenntnis zu den eigenen Werten und den Kontrast zwischen Innen- und Außenleben. Das Buch ist definitiv keine schnelle Lektüre. Ich hatte mit etwas tiefergehenden Passagen zu dem Auffinden ihrer Stasi-Akten gerechnet und eventuell mehr Aufregung und Dramatik, aber sie ist das Thema viel nuancierter angegangen.

Hatte ich zwiespältige Gefühle, als wir dann auf dem Nachhausweg in unserem Auto lange an der Kreuzung Schönhauser / Bornholmer Straße stehen mussten, weil der Strom der Trabis und Wartburgs, der auf den Grenzübergang Bornholmer zuflutete, nicht abriss? Was habe ich da wirklich gefühlt? Freude? Triumph? Erleichterung? Nein. Etwas wie Schrecken. Etwas wie Scham. Etwas wie Bedrückung. Und Resignation. Es war vorbei. Ich hatte verstanden.

Reich an philosophischen Einsichten, persönlichen Enthüllungen und lebendigen Beschreibungen einer vielfältigen Stadt und ihrer Bürger ist City of Angels ein zutiefst humaner und sehr ehrlicher Roman, der Politik, Buddhismus, Psychologie, Freundschaft, Kultur und Geschichte miteinander verbindet – ein würdevoller Abschluss einer bemerkenswerten Schriftstellerinnen-Karriere.

Women in Science (27) Elizabeth Kolbert

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Die Umweltjournalistin Elizabeth Kolbert erhielt 2015 für ihr Buch „Das sechste Sterben“ den Pulitzerpreis für Non-Fiction.

Falls ihr auf der Suche nach einer richtig guten Horrorgeschichte seid, die euch garantiert den Schlaf rauben wird, dann seid ihr hier richtet. Dieses Buch zeigt den völlig erbarmungslosesten, erfindungsreichsten und erfolgreichsten Serienkiller, über den je geschrieben wurde. Die Zahl seiner Opfer steigt exponentiell und sein Appetit ist leider noch lange nicht gestillt. Der Bösewicht ist im Grunde genommen jeder von uns, die wir auf diesem wunderbaren Planeten leben.

Seit seinem Erscheinen vor etwa 200 000 Jahren hat der Homo sapiens seine Umwelt verändert: Anfangs kaum spürbar,  seit der neolithischen Revolution vor gut 12 000 Jahren deutlich stärker und seit Beginn der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts radikal. Heute ist sein Einfluss auf die Natur und das globale Ökosystem so tiefgreifend, dass der niederländische Meteorologe Paul Crutzen vorschlug, den jetzigen Abschnitt der Erdgeschichte, bislang als Holozän bezeichnet, in „Anthropozän“ umzubenennen.

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Die fünf großen Massensterben im Laufe der Geschichte sind durch verschiedene, vom Menschen unabhängige Phänomene verursacht worden, etwa Eiszeiten oder Meteoriteneinschläge. Doch das derzeit ablaufende sechste Massensterben liegt allein in unserer Verantwortung, wie das Buch überzeugend darlegt.

Bei der Vernichtung des amerikanischen Mastodon, dem Riesenalk, den Neanderthalern und auch des Panamanischen goldenen Frosches, der hawaiianischen Krähe, dem Sumatra Nashorn und diversen Fledermaus-Arten wird eines ganz klar deutlich: fast immer starben diese Arten aus, als der Mensch begann, die Umwelt zu betreten.

Auch wenn das Thema eher entmutigend ist, Kolbert schreibt mit trockenem Galgenhumor, der für mich immer dann auftrat, wenn die Dinge allzu deprimierend zu werden drohten. Das Buch ist recht naturwissenschaftlich, aber dennoch zugänglich geschrieben, ohne je nach Lehrbuch zu klingen.

Interessant fand ich die Kapitel am Anfang, wo sie über Wissenschaftler wie Cuvier, Lyell oder Darwin schreibt, die mit die ersten waren, die Mutmaßungen anstellten mit Blick auf Aussterben und Evolution. Mir war nicht klar, dass das Aussterben von Rassen eine relativ neue Idee ist. Lange Zeit nahmen Wissenschaftler an, dass nichts aussterben konnte und erst mit der Entdeckung der Fossilien begann sich diese Auffassung zu ändern.

Faszinierend fand ich auch die Idee eines neuen Pangea. Das die Leichtigkeit, mit der wir zwischen Ländern und Kontinenten hin- und herreisen, im Grunde genommen einem wieder entstandenen Pangea gleicht und das wir teils wissentlich, teils unwissentlich fremde Tier- oder Pflanzenspezies in neue Umgebungen mitnehmen, die die Balance zwischen Jäger und Gejagtem immens durcheinander bringen können – mit teilweise desaströsen Konsequenzen.

Kolbert schafft es, all das klar, unterhaltsam, aber auch durchaus erschreckend zu transportieren. Zum Ende hin wurde ich etwas müde und im Grunde kann man die letzten Kapitel einfach so zusammenfassen: Menschen sind scheiße.

Das elaboriert zu lesen, die unwiderlegbaren Beweise vorgelegt zu bekommen und selbst aber auch mit Schuld zu sein, zieht einen doch ziemlich runter. Aber wahrscheinlich benötigen wir diese Art von runter ziehen ganz dringend, denn die Menschheit muss lernen und erkennen, was wir der Umwelt antun.

Man kann den Generationen vor uns nur begrenzt einen Vorwurf machen, teilweise wussten sie einfach nicht, was sie da taten und sind wahrscheinlich wirklich davon überzeugt gewesen, dass es egal ist wie viele Mastodons man jagt und isst, es werden immer wieder welche nachkommen. Aber diese ignoranten Tage liegen jetzt hinter uns. Wir wissen es besser, also müssen wir es auch besser machen.

Kolbert zitiert am Ende eine Wissenschaftlerin mit den Worten, „solange wir weiter forschen, wird die Menschheit überleben“, womit sie suggeriert, wir werden uns aus der bestehenden dramatischen Situation schon irgendwie „herauszutechnologisieren“. Das aber wird mit Sicherheit nicht eintreten. Nur ein radikaler Wandel unseres ökonomischen und ökologischen Handelns kann das Schlimmste verhindern.

Die Menschheit ist definitiv deutlich weniger schlau als sie allgemein so von sich annimmt.

Unbedingte Lese-Empfehlung, auch wenn das nicht wirklich ein Vergnügen ist.

Book-a-Day-Challenge Day 9

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The story feels like a very reduced film script which I think is very typical of her novels. There is a subtle subdued bleakness and very little that could be described as a plot. It takes some time to find your way around the get an idea of the characters and what is really going on. I really enjoyed the heavy dreamlike atmosphere

The only thing that moves in Laos the French said is the river Mekong and following the pregnant girl from Cambodia to India along the Mekong felt like this. There is this simmering slowly burning mystery to the novel only there is not really a mystery. This made me feel a little bit cheated at the end, like when I was a kid and forced my kaleidoscope open, only to be sooo disappointed when I discovered it’s only a tube of mirrors containing some loose coloured beads …

OK so we the young pregnant girl in Cambodia who is rejected by her family and sent off into the wilderness. She is sleeping rough, begging and eating whatever she finds. Eventually she has to give up her baby. The story than moves on to Calcutta to the Vice-Consul and his relation the the French ambassador’s wife. It’s not really clear what this part has to do with the pregnant girl walking out of Cambodia it’s only somehow clear she will also end in Calcutta.

Marguerite Dumas doesn’t give a damn if her readers understand, she tells the story from her perspective and I read somewhere it’s based on an encounter she once had in India. Not everything is revealed and explained but in order to enjoy the book you need to let the writings flow around you, like a wave.

I can understand that some readers will be turned off by her writing style, I enjoyed this weird little book, but would probably have had some issues if it would have been a lot longer…

Have you read anything by Marguerite Dumas before? Anything you would recommend?

Check out JG Ballard’s „The Drowned World“ if you would like to remain in a feverish sticky atmosphere or the diaries of Anaïs Nin.

Book-a-Day-Challenge Day 6

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This groundbreaking essay was hard work for me and it took me a while and a second and third reading to be able to somewhat summarize my takeaways. It explores how in the age of mass media audiences can see a work of art or listen to music repeatedly and what the social implications of that might be.

Benjamin questions the notion of art, connecting the meaning and the value of it with the conditions in which it was produced, distributed and received.

Benjamin applies some of Karl Marx ideas by showing how the devaluing of an art work as a unique object in time and space might cause alienation in the artist and the viewer as a result.

There were a lot of interesting ideas especially with regards to film theory but I had the impression the book ended a bit abruptly so I felt a bit hanging there at the end.

“One of the foremost tasks of art has always been the creation of a demand which could be fully satisfied only later. The history of every art form shows critical epochs in which a certain art form aspires to effects which could be fully obtained only with a changed technical standard, that is to say, in a new art form. The extravagances and crudities of art which thus appear, particularly in the so-called decadent epochs, actually arise from the nucleus of its richest historical energies.”

In general reading Walter Benjamin felt to me like trying to catch soap bubbles. Oh and interesting idea, oh no it spins off in all direction, I try to catch it but it’s really hard to keep up 😉

I personally take away from the book as a consumer to fully engage with all the art that I consume.

Definitely not an easy read but definitely worthwhile. What other books by him would you recommend me to read?

Naxos by the Book

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Das Erste, was auf Naxos überrascht, ist der Wind. Ein stürmischer Wind, der schon Odysseus im Ägäischen Meer so einigen Ärger bereitete, uns aber überwiegend wohltuende Abkühlung brachte und der so ganz anders ist, als die Stürme hier bei uns, ohne dunkle Wolken, Regen und bei strahlend blauem Himmel.

Nach dem eher abenteuerlustigen Urlaub in Kanada im letzten Jahr wollten wir dieses Jahr wieder einfach ein kleines weißes Häuschen am Meer mieten, jede Menge Bücher einpacken und planlos in den Tag hineinleben.

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Naxos ist die größte der Kykladen-Inseln mit etwa 6500 Einwohnern, sie ist recht bergig und da es an den Berggipfeln regelmäßig Niederschläge gibt, ist die Insel auch verhältnismäßig grün. Schon Herodotus (zu dem gibt es in den nächsten Tagen einen gesonderten Beitrag hier) beschrieb die Insel als eine der Reichsten.

Berühmt sind insbesondere die Kartoffeln auf Naxos und ich muss ehrlich zugeben, die haben wirklich sehr gut geschmeckt, denn eigentlich mag ich Kartoffeln überhaupt nicht und habe die Bingereader-Gattin ziemlich überrascht, als ich freiwillig des Öfteren Kartoffeln bestellte.

Es gedeihen aber nicht nur Kartoffeln sehr gut auf Naxos, auch sonst gibt es sehr leckeres Obst, Gemüse und frische Kräuter, daher erschien uns ein Kochkurs eine überaus gute Idee. Die Zutaten kamen direkt von Dimitris Farm und seine bezaubernde Mama, die Kochlehrerin, freute sich sehr über die Erfolge ihrer Kochschützlinge – diese wurden großzügig mit Umarmungen und Bussis belohnt. Wir kochten:

Yemista: mit Reis gefülltes Gemüse
Kolokythokeftedes: Zucchinibällchen mit Feta
Sfougata: Zucchini-Omelette
Tzatziki und
Hühnchen in Tomatensauce

Wir haben gelernt, das Geheimnis guter Küche ist auf jeden Fall immer eine Menge Olivenöl 😉

 

Naxos hat traumhafte Strände, wir fühlten uns teilweise fast in die Karibik versetzt und es gab auch ein paar interessante antike Ruinen zu erwandern. Insgesamt ein rundum perfekter Urlaub.

 

Die passende Lektüre kam auch nicht zu kurz – dieser Urlaub war für mich auch zeitgleich meine Entdeckung der Christa Wolf und die beiden Bücher die ich las – Medea und Kassandra – haben mich umgehend in ein riesiges Christa Wolf-Fangirl verwandelt – ich möchte unbedingt alle Bücher dieser großartigen und von mir viel zu spät entdeckten Autorin lesen.

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Was für eine tragische unheimliche Geschichte – unglaublich wild und brutal, die einem noch lange nachgeht. Die Handlung ist eine Nacherzählung der alten Geschichte des Apollonius von Rhodos und Euripides. Medea, die sonst immer als rachsüchtige Hexe, Kindsmörderin und Inbegriff abgrundtiefen Hasses präsentiert wird erfährt bei Christa Wolf eine Wandlung. Sie zeigt Medea als Opfer politischer Intrige, die einem paranoiden Idioten als Feindbild dienen musste. Ja sie ist wütend – auch in dieser Geschichte – aber immer rational und kein bisschen durchgeknallt.

„Weiß ich doch lange: In dem großen Getriebe spielt auch der seine Rolle, der es verhöhnt..“

„Für den gewöhnlichen Menschen mit seinen Schwächen lebt es sich besser unter Menschen, die auch ihre Schwächen haben“

Das Buch ist eine Reihe von elf Monologen, eine Mischung verschiedener Stimmen doch Medea beherrscht das Narrativ und ist verzweifelt darum bemüht, die letztgültige Version ihres eigenen Lebens zu erzählen.

Christa Wolf schrieb dieses Buch nach dem Zusammenbruch der DDR, Anfang der 1990er Jahre, nach einigen Jahren der Depression und Stille, verursacht wohl durch den Schock über die untergegangene Heimat und die kurz danach einsetzende Hexenjagd, die durch arrogante westdeutsche Journalisten auf sie veranstaltet wurde.

„So ist es Brauch gewesen in den alten Zeiten, auf die auch wir uns ja berufen hatten, weil wir uns einen Vorteil davon versprachen. Und seitdem ist mir ein Schauder geblieben vor diesen alten Zeiten und vor den Kräften, die sie in uns freisetzen und derer wir dann nicht mehr Herr werden können.“

Medea scheint ihre Katharsis gewesen zu sein, ihre Art, den Schmerz darüber zu verarbeiten, keine wirkliche Heimat mehr zu haben. Die alte Heimat – Kolchis im Roman – ist untergegangen im brutalen Showdown omnipotenten männlichen Egos. Ihre neue Heimat – Korinth – braucht einen Sündenbock, um von ihren eigenen immanenten Problemen abzulenken.

Die wilde Frau, die sich weigert, ihre Ambitionen zu beschränken und sich arroganten Männern zu unterwerfen wird gejagt und verurteilt… Das gilt für Medea wie auch für Christa Wolf.

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist vermutlich das, was die Leute glauben wollen.
Medea, die versucht wahrhaftig zu leben, muss ihre Heimatlosigkeit akzeptieren in einer Welt voller kindischer egomanischer Männer, die von skrupellosen Beratern voller Opportunismus umringt sind.

„Große schreckliche Kinder, Medea. Das nimmt zu, glaub mir. Das greift um sich.“

Christa Wolfs Sicht auf die Welt (und das Patriarchat) ist kristallklar, desillusioniert und ehrlich. Diese Version der Medea ist schrecklicher als die antike Version, da sie erschreckend aktuell, das Oper einer Fake News Maschine erster Güte wird.

Agameda meint, es sei eine Form von Hochmut, auf Haß nicht mit Haß zu antworten und sich so über die Gefühle der gewöhnlichen Menschen zu erheben, die Haß genauso brauchen wie Liebe, eher mehr.“

Chapeau Christa Wolf – wilde Frau!

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Direkt weiter ging es mit einer weiteren Neufassung eines antiken Klassikers. Kassandra, die Seherin, in einer Welt voll blindem Patriotismus und Machismo, die Kämpferin für die Rechte der Frauen in einer Gesellschaft, die Frauen per Tauschgeschäft gegen Gold oder Ehre eintauscht. Kassandra ist ein zeitloser Mythos und gleichzeitig so aktuell, wie ein Protagonist nur sein kann.

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da?
Da stünde, unter andern Sätzen: Laßt euch nicht von den Eignen täuschen.“

Kassandra ähnelt der Autorin sehr, die zu ihren Lebzeiten ebenfalls gegen  desillusionierende machthungrige Politik ankämpfte, die versuchte, der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen und die damit genauso wenig Erfolg hatte wie Kassandra.

„Das alte Lied: Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen blaß, auch wütend, ich kenn es von mir selbst. Und daß wir lieber den bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht: Da sind wir, wie in allem übrigen, alle gleich. Der Unterschied liegt darin, ob mans weiß.“

Am Ende sieht Kassandra die Mauern ihrer Gesellschaft von innen her zerstört und wie die trojanische Prinzessin so sah auch Christa Wolf, dass ihre eigene Gesellschaft dabei war, zu zerbrechen. Der Roman erschien 1983 und die DDR zeigte bereits jede Menge Anzeichen des beginnenden Zerfalls.

Kassandra beklagt, wie die Rhetorik der Herrschenden lauter und lauter wird, je schwächer Troja wird, ein Spiegelbild zur DDR Propaganda und mit Eumelos hatte Troja sogar seinen eigenen fanatischen Stasi-Agenten.

„… auf einmal war es nicht mehr ratsam für uns Frauen, alleine unterwegs zu sein. Wenn man es recht betrachtete – nur traute niemand sich, es so zu sehn – , schienen die Männer beider Seiten verbündet gegen unsere Frauen. Entmutigt zogen die sich in die winterlichen Höhlen der Häuser, an die glimmenden Feuer und zu den Kindern zurück.“ 

Sie hat mich auch sehr überrascht mit der Wendung der Geschichte, dass Helena gar nicht in Troja ist. Das der ganze Grund für den Trojanischen Krieg auf einer Illusion, einem Betrug beruht. Aber egal, ob Helena da ist oder nicht, zwei kriegswütige Demagogen brauchen keinen wirklichen Grund für einen Krieg. Helena ist einfach nur eine Ausrede.

Fake News treffen auf griechische Mythen. Christa Wolf hat mich wirklich umgehauen. Ein Roman, der wieder und wieder gelesen werden muss, denn die Trojanischen Kriege werden auch heute noch geführt. Und sie werden solange weitergehen, bis gewalttätige Helden nicht mehr angesagt sind. Bis Frauen nirgendwo auf der Welt mehr als Objekte gesehen werden, die man als Kriegsbeute erobert oder die man beim Spiel gewinnen oder verlieren kann.

„Was dann kam, sah ich vor mir, als wär ich dabeigewesen. Achill der Griechenheld schändet die tote Frau. Der Mann, unfähig, die Lebende zu lieben, wirft sich, weiter tötend, auf das Opfer. Und ich stöhne. Warum. Sie hat es nicht gefühlt. Wir fühlen es, wir Frauen alle. Was soll werden, wenn das um sich greift. Die Männer, schwach, zu Siegern hochgeputscht, brauchen, um sich überhaupt noch zu empfinden, uns als Opfer. Was soll da werden.“

Noch bleiben die Stimmen von Frauen wie Kassandra weiterhin zu oft ungehört.

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Aus Vernunftgründen hatte ich auf Stephen Frys „Mythos“ verzichtet, da der Stapel an Reiselektüre schon beachtlichen Umfang hatte. Um so mehr habe ich mich gefreut, das Buch in der Bibliothek unseres Ferienhauses zu entdecken.

“Gaia visited her daughter Mnemosyne, who was busy being unpronounceable.” 

Meine letzte Stephen Fry Lektüre liegt lange zurück, aber meine Erwartung an beste Unterhaltung mit viel Witz wurde absolut erfüllt.  Seine Nacherzählungen der griechischen Mythen sind einfach brillant. Ich habe sehr viel über die griechische Mythologie gelernt und einiges an verschüttetem Wissen aus der Kindheit wieder ausgegraben.

Er ist ein geborener Geschichtenerzähler, nie langweilig oder dröge und man verliert nie den Faden. Er schreibt mit viel Witz, seine Kommentare sind sehr hilfreich und sorgen dafür, dass man viel mitnimmt und den Kosmos der Götter besser versteht.

“For the world seems never to offer anything worthwhile without also providing a dreadful opposite.”

Das Buch enthält ein paar meiner liebsten Mythen, insbesondere Persephone und Hades fand ich spannend. Die Geschichte um Arachne hat leider nicht geholfen, mich mit den zahlreichen großen Arachne-Vertretern auf Naxos anzufreunden, ich mag sie immer noch nicht.

Ich kann Stephen Frys Nacherzählungen nur jedem empfehlen. Ein großartiger Spaß.

“Brooding, simmering and raging in the ground, deep beneath the earth that once loved him, Ouranos compressed all his fury and divine energy into the very rock itself, hoping that one day some excavating creature somewhere would mine it and try to harness the immortal power that radiated from within. That could never happen, of course. It would be too dangerous. Surely the race had yet to be born that could be so foolish as to attempt to unleash the power of uranium?”

Hier die Bücher noch einmal in der Übersicht:

Medea und Kassandra von Christa Wolf erscheinen heute im Suhrkamp Verlag
Mythos von Stephen Fry erschein auf deutsch im Aufbau Verlag.

#Women in Science (1b) Marie Curie – Little People, Big Dreams

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Bevor es am Mittwoch mit der zweiten Folge von #Women in Science weitergeht, möchte ich hier noch einen ganz wunderbaren Nachschlag zum Beitrag über Marie Curie. Dieses bezaubernde Bilderbuch ist die perfekte Lektüre für kleine und große Forscherinnen.

Little People, BIG DREAMS ist eine Buchserie die jetzt auf deutsch im Suhrkamp/Insel Verlag erchseint und die das Leben von außergewöhnlichen Menschen beleuchtet. Little People, Big Dreams erzählt von den beeindruckenden Lebensgeschichten großer Persönlichkeiten: Jede dieser Frauen, ob Künstlerin, Pilotin oder Wissenschaftlerin, hat Unvorstellbares erreicht. Dabei begann alles, als sie noch klein waren: mit großen Träumen. Rebellische Frauen, die mit ihren Kindheitsträumen die Welt veränderten.

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Die Forscherin Marie Curie schuf mit ihrer Liebe zum Wissen Unglaubliches: Sie revolutionierte den Kampf gegen Krebs, indem sie die chemischen Elemente Radium und Polonium entdeckte, und gewann den Nobelpreis – zwei Mal!

Die Autorin Isabel Sánchez Vegara wurde in Barcelona geboren und arbeitet seit über 15 Jahren als Creative Director für führende Werbeagenturen. Mit ihrer vielgerühmten Kinderbuchreihe Little People, Big Dreams begeistert sie kleine und große Leser auf der ganzen Welt.

Übersetzt wurde der Band von Svenja Becker.

Die ausführliche Lebensgeschichte von Marie Curie findet ihr hier.

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Foto: Frances Lincoln Children's Books

Als weiteren wunderbar passenden Nachschlag zum Marie Curie Beitrag hier, dem ersten in der #Women in Science Reihe habe ich Adrienne Richs Gedicht „Power“ gefunden. Gelesen von Cheryl Strayed:

POWER

Living in the earth-deposits of our history

Today a backhoe divulged out of a crumbling flank of earth
one bottle amber perfect a hundred-year-old
cure for fever or melancholy a tonic
for living on this earth in the winters of this climate

Today I was reading about Marie Curie:
she must have known she suffered from radiation sickness
her body bombarded for years by the element
she had purified
It seems she denied to the end
the source of the cataracts on her eyes
the cracked and suppurating skin of her finger-ends
till she could no longer hold a test-tube or a pencil

She died a famous woman denying
her wounds
denying
her wounds came from the same source as her power

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Suhrkamp/Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

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Gesehen: „Sex, Lies and Videotape“ (1989) von Steven Soderbergh mit Andie McDowell und James Spader. Hm ich werde mit dem Film nicht warm, auch beim zweiten Anlauf nicht.

Violette“ (2013) von Martin Provost. Bio-Pic über die Autorin Violette Deduc mit Emmanuelle Devos und Sandrine Kiberlain. Yoah ganz interessant, hat mich aber auch nicht gepackt.

Gehört: „Droneflower“ – Marissa Nadler & Stephen Brodsky, „We will“ – Sing Sinck Sing, „Blue Bell Knoll“ – Cocteau Twins, „Memories“ – The Monk by the Sea, „In my room“ – Fennesz, „Soul Tones“ – Steve Roach, „Elsewhere“ – Kalpamantra, „Mining for Gold“ – Deadbeat & Camara

Gelesen: Zur Kritik des normierten Lesens, Women who changed science, What is wrong with meritocracy, the surprising benefits of reading before bed, the influence of too much cleanliness and the immune system, Walt Disney’s failed plan for the city of tomorrow, Heatwaves sweep the oceans like wildfires

Getan: den Bookclub besucht und beim Panda Leadership Contest for Women mitgemacht

Geplant: Freunde treffen und ins Kino gehen

Gegessen: ein sehr leckeres indisches Bookclub-Dinner und eine spannende asiatische Buddha-Bowl

Gefreut: über das tolle feministische Bücherpaket vom Suhrkamp Verlag und über die tollen Frauen die ich beim Leadership Contest getroffen habe

Geweint: zum Glück nicht

Geklickt: auf die Bilder von Dorothea Tanning, Sam Bean reads „Euclid alone“ von Edna St. Vincent Millay, Meryl Streep reads „Morning Song“ von Sylvia Plath und auf die App „everambient

Gelacht: über diese Erinnerung an typische Mainzer Gespräche

Gewünscht: diese Leseecke, diese Münze, diesen Beamer

Gestaunt: A huge asteroid exploded above earth and we totally missed it

Gekauft: nix

Gefunden: nix

Gedacht: Nothing in life is to be feared, it is only to be understood. Now is the time to understand more, so that we may fear less. (Marie Curie)