Interpol @Palladium Köln

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Wenn man für ein Konzert extra nach Köln fliegt, dann legt man automatisch die Latte etwas höher. Für Interpol mußte das aber sein, da sie sich aus unerfindlichen Gründen entschlossen hatten, nicht in München zu spielen, ich sie unbedingt sehen wollte und mich diese ständigen Auflösungsgerüchte nervös genug gemacht hatten zu entscheiden, verrückt oder nicht, da fliegen wir hin.

Wir konnten noch zwei Freunde von der Genialität dieser Idee überzeugen und somit standen 4 Münchner und 2 weitere aus dem Ruhrpott angereiste Freunde dann irgendwann erwartungsfroh im Kölner Palladium. Meine persönliche Freude war noch immens gestiegen, als ich mich erinnerte, dass ja die wunderbare Band „Health“ als Support dabei war. Die Noise-Band aus Los Angeles hatte ich vor Jahren schon einmal als Vorband zu Pavement gesehen und war hin und weg. Die würde ich zu gerne einmal einen ganzen Abend lang sehen.

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Health Pressefoto

Health ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Ein Konzertrezensent hat es wunderbar beschrieben: wer Yoga mag und lange Strandspaziergänge und grundsätzlich auf die Balance zwischen Körper und Geist achtet. „Well then GET THE HELL OUT! RUN! Bands like this feed on the blood of innocents, DON’T BE FOOLED BY THE NAME! HEALTH, for the uninitiated, is the musical equivalent of being hit by a car. If said car were being driven by the ghost of a former choir boy, two deranged mechanical engineers, and a drum machine.“

Ja, so klingt Health und das muss man mögen. I do 🙂

So – aber jetzt mal zum eigentlichen Grund unseres Köln-Besuchs. Interpol. Das Konzert war klasse, aber wahnsinnig kurz. Die Herren in schwarz, vor ein paar Jahren noch immer wieder gern mit Joy Divison und The Cure verglichen, haben zumindest für mich letztes Jahr überraschend eine neue Platte rausgehauen, die unglaublich gut ist.

Und Interpol spielt so ziemlich alles, was der Zuschauer sich wünschen kann. Es fängt an mit „Say Hello to the Angels“, wir bekommen NYC, Evil, Slow Hands, das Heinrich Manouvre hab ich vielleicht vermisst, aber grundsätzlich war fast alles da, was mein Interpol-Herz begehrte.

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Die Stimmung – ja also die war ok würde ich sagen, aber ganz 100% ist der Funke glaube ich nicht übergesprungen. Das war alles astrein gespielt, die Location ist nicht schlecht, wenn auch der Klang nicht wirklich toll ist, aber nein, ganz wollte er nicht überspringen der Funke. Ich weiß nicht genau woran es lag. Trotzdem war es einfach ein wirklich gutes Konzert, ich habe nicht eine Sekunde bereut dort gewesen zu sein, würde wieder hingehen und das einzige, was ich unbedingt ändern muß, ich brauche mal eine gescheite Kamera mit der man auf Konzerten auch Bilder machen kann. Das ist schwierig mit dem iPhone, da muss ich mir mal was einfallen lassen.

 

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The Goldfinch – Donna Tartt

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Eine Autorin sehr zu mögen, die nur etwa alle 10 Jahre ein Buch veröffentlicht, kann eine ziemlich anstrengende Sache sein. Mit ihrem Debut hatte mich Donna Tartt Mitte der 90er Jahre vollkommen umgehauen. An einem eisigen Dezembertag mit fiebriger Erkältung im Bett liegend, habe ich „The secret history“ angefangen und konnte im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr aufhören. Ich habe non-stop gelesen bis morgens um 4.30 Uhr, bis ich es endlich durch hatte. Und da lag ich dann schlaflos und durfte nahezu 10 Jahre warten, bis Madame Tartt endlich fertig war mit „The Little Friend“ – und der hat mich dann massloss enttäuscht. Wir kamen nicht zurecht miteinander, der kleine Freund und ich.

Entsprechend ungeduldig und nervös war ich daher, als nach den erwarteten 10 Jahren mit dem „Goldfinch“ endlich wieder Tartt-Time war. Wie wird das dieses Mal werden? Lesefieber und endlose Begeisterung wie beim ersten Mal oder wird das wieder schief laufen und ggf. mein letzter Tartt sein, den ich lese? Mein Bookclub hat mir die Entscheidung, ob ich mich dran traue oder nicht, auf jeden Fall abgenommen, denn der Distelfink war unsere Januar-Lektüre. Und es gab eine Menge zu diskutieren.

*Trommelwirbel* – „The Goldfinch“ ist großartig! Auch wenn er mich nicht ganz in das gleiche hypnotische suchtartige Bingereading gestürzt hat wie beim ersten Mal, sind wir doch mehr als Freunde geworden. Schon der Anfang ist ein sehr gelungener Einstieg. Der Erzähler, Theo Decker, sitzt in einem Amsterdamer Hotel und sucht in den holländischen Zeitungen, die er nicht wirklich lesen kann, nach seinem Namen im Zusammenhang mit einem Verbrechen. Erklärt wird das erst einmal nicht, sondern wir gehen 14 Jahre zurück in der Geschichte, zu dem Tag an dem Theo seine Mutter verliert, bei einem nicht näher erläuterten Terroranschlag in einem Museum. Die beiden befinden sich in unterschiedlichen Räumen, als die Explosion passiert, Theo überlebt, lässt sich von einem Fremden, den er kurz zuvor mit seiner Enkelin im Museum gesehen hatte, dazu verleiten, eines der Gemälde von der Wand und mitzunehmen, bevor er unerkannt nach Hause eilt, sicher, dort seine Mutter zu treffen.

Nach all der Action der Eröffnung nimmt der Roman jetzt eine andere Geschwindigkeit auf. Es ist ziemlich herzzerreissend Theo’s Einsamkeit zu erleben, seine Angst, wie er so plötzlich aus seinem Leben gekegelt wird, den Boden unter den Füßen verliert und dieser Boden bleibt ab da immer ein schwankender. Seine Mutter ist tot, sein Vater bleibt verschwunden, er landet bei der Familie eines befreundeten Schulkameraden und als er sich gerade so ein wenig eingelebt hat, taucht der Vater auf und wieder wird er entwurzelt.

Der Roman ist lang und es gibt auch keine wirklichen Abkürzungen. Von New York’s vornehmer Upper West Side aus geht es in die Wüste von Las Vegas, zurück in die Lower East Side und nach Amsterdam. Wir lernen unglaublich viel über Holz und Möbelrestauration durch Hobie, machen Abstecher in die Philospophie, Kunstgeschichte, Proust, Dostojewski, schließen einen russische Drogenhändler und einen kleinen Hund ins Herz und leiden mit Theo.

Es gibt so viele Momente, die man einfach nicht vergessen kann in dem Buch. Die Momente, wo ein kleiner Hund nach 10 Jahren noch jemanden wiedererkennt, wie sich zwei einsame verletzte Teenager pausenlos mit Alkohol und Drogen wegschiessen, wie fest die Verbindung zwischen Menschen sein kann, auch wenn sie sich über Jahre nicht sehen und auch wie ein Bild ein Leben verändern kann. Wie die Schönheit eines Bildes helfen kann, Wunden zu heilen. Das Bild, der letzte Gegenstand, den Theo mit seiner Mutter verbindet und das er einfach nicht aufgeben kann.

Der Roman beschreibt einzigartig wie es ist, sich in die falsche Person verliebt zu haben, die mit der es einfach nicht funktionieren kann und wie perfekt sich diese Liebe trotzdem anfühlen kann und wie sehr es weh tut das zu erkennen.

„The Goldfinch“ ist oft mit Dickens „Great Expectations“ verglichen worden und der Vergleich passt auch wirklich. Die Story im Einzelnen nacherzählen zu wollen, würde den Rahmen sprengen hier und ich mag es auch nicht, wenn Rezensionen so viel über ein Buch verraten, dass man manchmal den Eindruck hat, man müsse es gar nicht mehr selber lesen.

„Only here’s what I really, really want someone to explain to me. What if one happens to be possessed of a heart that can’t be trusted–? What if the heart, for its own unfathomable reasons, leads one willfully and in a cloud of unspeakable radiance away from health, domesticity, civic responsibility and strong social connections and all the blandly-held common virtues and instead straight toward a beautiful flare of ruin, self-immolation, disaster?…If your deepest self is singing and coaxing you straight toward the bonfire, is it better to turn away? Stop your ears with wax? Ignore all the perverse glory your heart is screaming at you? Set yourself on the course that will lead you dutifully towards the norm, reasonable hours and regular medical check-ups, stable relationships and steady career advancement the New York Times and brunch on Sunday, all with the promise of being somehow a better person? Or…is it better to throw yourself head first and laughing into the holy rage calling your name?”

Mit diesem Buch begibt man sich auf eine Reise und fast beneide ich die Leute ein wenig, die sie noch vor sich haben. Ich habe überlegt, „The secret history“ noch einmal zu lesen, einfach weil ich mir sicher bin, dass ich jetzt wieder 10 Jahre warten muss auf den nächsten Donna Tartt Roman. Habe aber beschlossen, es nicht zu tun. Die Erinnerung ist zu kostbar, die mag ich mir nicht ruinieren, falls es mir nach so vielen Jahren vielleicht doch nicht mehr so gut gefällt.

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In der Zwischenzeit ist da ja noch Dickens und Dostojewski und Boris hat mich an Raymond Chandler erinnert und wenn ich all deren Werke durch habe, ist Frau Tartt ja vielleicht auch wieder soweit.

Donna Tartt ist eine sehr zurückgezogen lebende Autorin, die selten Interviews gibt und die immer wahnsinnig streng und kontrolliert auf Bildern aussieht (aber auch ziemlich gut), daher hatten wir uns im Bookclub gefragt, woher sie wohl die detaillierten Beschreibungen der Alkohol- und Drogenexzesse genommen hat. Aber vielleicht ist sie ja auch gar nicht so streng und kontrolliert wie sie ausschaut, denn mit etwas MEHR Disziplin, müsste es doch wohl zu schaffen sein, auch mal ein Buch in 5 Jahren oder so fertigzustellen.

Donna TarttThe new Queen of the Bob: author Donna Tartt. Photograph: Beowulf Sheehan

The Crow Road – Iain Banks

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„It was the day my grandmother exploded. I sat in the crematorium, listening to my Uncle Hamish quietly snoring in harmony to Bach’s Mass in B Minor, and I reflected that it always seemed to be death that drew me back to Gallanach.“

Kann es einen besseren ersten Satz geben in einem Buch als diesen? Was für ein Einstieg in ein Buch, das eine rockige, nie sentimentale Liebeserklärung an Schottland, Whisky, Mädchen, explodierende Großmütter und Autos ist.

Aber nicht nur der erste Satz ist brilliant, Banks schafft es diese für weitere gut 500 Seiten am Leben zu halten. Aber eine Warnung am Rande liebe Leser, einfach ist das Buch nicht in Englisch. Ganze Abschnitte im breitesten „Scots“, Zeitsprünge und die wechselnden Ich-Erzähler machen den Einsteig in das Buch etwas schwer. Wenn man sich an den Sound und die Zeitsprünge gewöhnt hat geht es, aber diese rasante Fahrt macht man am besten angeschnallt, mit einem guten Wörterbuch ausgestattet oder einfach mit der (wie ich mir habe sagen lassen) ordentlichen deutschen Übersetzung. Denn lesen sollte man diesen Roman auf jeden Fall, auch wenn mir „The Wasp Factory“ noch ein klein wenig besser gefallen hat.

Prentice McHoan ist der junge Mann, der uns hininzieht in diese Geschichte um drei schottische Familien mit ziemlich komplizierten Verbindungen. Wir folgen Prentice durch sein letztes College-Jahr, in dem er sich ziemlich viel mit dem Tod, dem Trinken, Sex, Glauben, Whisky und Drogen beschäftigt – oh und ja, was zur Hölle eigentlich mit Onkel Rory passiert ist, der seit etwa 10 Jahren verschwunden ist.

„People react more than they act, Prentice, she said eventually. Like you are with your dad; he raises you to be a good little atheist and then you go and get religion. Well, that’s just the way of things.“ I could almost hear her shrug.

„In every generation, there’s a pivot. Somebody everybody else revolves around, understand?“

„The Crow Road“ handelt nicht von vier Hochzeiten und einem Todesfall, sondern genau umgekehrt. Vier Todesfälle, eine Hochzeit, Unmengen an Whiskies und viele Hangover später scheint der clevere Prentice tatsächlich rausgefunden zu haben, was damals passiert ist mit dem Onkel.

Die Familiensage transportiert uns zurück in die 80/90er Jahre in Schottland. Gallanach, Oban, Lochgilphead – Ortsnamen, die schon nach Torf und Lochs und Highlands klingen, die Banks beschreibt als eine karge, manchmal trostlose erbarmungslose Landschaft, wo man sich abends im Pub trifft, viel zu viel trinkt und am Wochenende angeln und Rugby spielen geht.

Ein Land, in dem die jungen Leute gehen: nach Edinburgh, Glasgow oder London, um dort Karriere zu machen, aber irgendwann kehren sie fast alle wieder heim und wenn es nur für die Weihnachtsferien ist.

“People can be teachers and idiots; they can be philosophers and idiots; they can be politicians and idiots… in fact I think they have to be… a genius can be an idiot. The world is largely run for and by idiots; it is no great handicap in life and in certain areas is actually a distinct advantage and even a prerequisite for advancement.”

„The Crow Road“ ist ein Roman über Vater-Sohn-Beziehungen, in dem viel philosohiert wird über Religion und die Begierde, über den Körper und darüber, was nach dem Tod mit uns passiert. Vor allem aber ist es eine Geschichte über die Unzuverlässigkeit und Unbeständigkeit von Erinnerungen.

Ein großartiger Roman mit sehr komplexen, nachvollziehbaren Charaktären und richtig gut geschrieben. Große Empfehlung für alle, die wie ich ein kleines Stück von ihrem Herzen irgendwann mal in einem der schottischen Täler verloren haben 😉 Oder im Übrigen auch für Auto-Fans, denn die spielen eine ziemliche große Rolle im Buch. Einige der wichtigsten Szenen spielen in Autos, Verity wird im Rover ihrer Eltern geboren, verführt Prentice’s großen Bruder auf dem Dach eines Range Rovers und brennt mit ihm in einem XR3i durch. Prentice erbt einen Bentley etc. – die Liste der Auto-Referenzen im Buch könnte wohl ewig lang weitergehen.

“We’re not in prison, we’re not junkies and we’re not Young Tories…it’s no small achievement.”

Iain Banks ist letztes Jahr leider viel zu früh kurz nach einer Krebsdiagnose gestorben.

Sehr ans Herz legen möchte ich euch auch die BBC-Verfilmung von Crow Road aus dem Jahr 1996. Allein dieser wunderbare schottische Akzent – I love it!

Meine Woche

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Gesehen: „Only Lovers left alive“ – wow! Was für ein Film, was für ein Soundtrack. Der hat das Zeug einer meiner absoluten Lieblingsfilme zu werden.
Welcome to the Rileys“ mit Kristen Stewart, die wieder zeigt, das sie nicht nur hübsch aussehen kann.

Gehört: SQÜRL & Madeline Follin „Funnel of Love„, Yasmine Hamdan „Hal“ und viel Interpol zB dieses

Gelesen: dieses Interview mit Björk zu ihrem neuen Album, diesen Artikel über Beziehungen und diesen Artikel über Karriere-Verweigerer

Getan: Freunde getroffen, eine schöne neue Bar ausprobiert, ein Abschieds- und Willkommens-Team Dinner, im Bookclub disktuiert, zum Konzert nach Köln geflogen

Gegessen: sehr leckere Grünkohl-Minestrone

Getrunken: einen Vinum Vincentinum vom Christopherus Hof – sehr lecker!

Gefreut:  auf das tolle Konzert und die wunderbare Gesellschaft

Geärgert: protect me from what I want oder will ich wirklich wissen, was ich wissen will?!?

Gelacht: über 19 verschiedene Versionen von „Total Eclipse of my Heart“ – grandios und über diese wundervolle Nachricht, die uns zu Ronaldo erreichte

Geplant: ich sollte mehr schlafen – bleibt! Und wieder 2 MBTI-Workshops nächste Woche

Gewünscht: diesen Hoody und dieses Bücherregal

Gekauft: Tulpen

Gefunden: einen schönen Gedicht-Band in der Klenzestrasse

Geklickt: auf den Artikel „The Secret history of same-sex marriage“ – interessant.

Gewundert: über die wunderbare Welt der Reisekostenrichtlinien – wow!

Die Sache mit dem Ich – Marc Fischer

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Marc Fischer sagte mir anfangs nicht wirklich was und plötzlich hörte ich von allen Seiten von dem Buch, bekam es von unterschiedlichen Leuten empfohlen und hatte es gerade auf meinen Wunschzettel gepackt als es mir dann auch noch witzigerweise von stepanini zugeschickt wurde, als sie ein paar ihrer gelesenen Bücher verschenkte, ohne vorher zu wissen welches ich bekommen würde. Dieses Buch wollte und sollte also wirklich zu mir.

Mit entsprechender Neugierde begann ich dann mein Besuch in der Fischerwelt, dem „Mietreporter“ wie er sich nannte und in der Tat, schon nach den ersten 1-2 Reportagen hatte er mich. Das Zitat der Süddeutschen Zeitung auf dem Buchrücken trifft es am besten: „Andere Schreiber besitzen einen Ton, er hatte Sound“.

„Die Sache mit dem Ich” ist ein Sammelband von Kurzgeschichten und Reportagen, die Fischer bereits in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht hatte und die postum noch einmal gesammelt herausgegeben wurden. Die Idee zu dem Buch stammte von ihm und wurde nach seinem Tod entsprechend umgesetzt.

Seine Texte bewegen sich elegant und sehr gekonnt zwischen Literatur und Journalismus, wäre Hemingway in den 80er und 90er Jahren jung gewesen, hätte er wohl so geklungen. Das sind nicht einfach nur Reportagen, das ist Literatur, das sind Kurzgeschichten wie man sie in der deutschsprachigen Literatur nur sehr selten findet. Irgendwie war er immer ein bisschen der Junge auf dem Postkasten. Der einfach da sitzt irgendwo auf der Welt und dem Leben zuschaut wie es so passiert.

„Im Grunde waren es Entweder-Oder-Fragen, und manchmal wenn ich an die Neunzigerjahre denke, denke ich, dass sich die Menschen damals die ganze Zeit nur solche Fragen gestellt haben: Berlin oder Hamburg? Gucci oder Prada? Blur oder Oasis? In gewisser Weise war es ein rhetorisches Jahrzehnt.“

„Es gibt nur cool oder uncool und wie man sich fühlt“, sang die Hamburger Band Tocotronic. Das traf es in etwa.

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Die Reportagen sind kurz, erzählen eigentlich fast immer vom Scheitern sind melancholisch aber nie deprimierend. Dennoch verwunderte es mich nicht wirklich, dass er irgendwann nicht mehr rauswollte aus der Fischerwelt. Einfach drinnen bleiben, nicht mehr rauskommen. Eine Welt in der am liebsten mit seinen Helden wie Hemingway, Camus, Jack Kerouac, Leonard Cohen etc rumsitzt, Bier trinkt und Sonnenuntergänge verfolgt. Schwierig ist dann nur, so Fischer, „wenn ich nach einiger Zeit wieder herausmuss aus der Fischerwelt, weil die Welt draußen meine Anwesenheit verlangt“. Und irgendwann ist er halt dringeblieben.

Er bringt die 90er Jahre für mich in kurzen Sätzen auf den Punkt wie kein anderer. Seine Geschichten findet er in Tokyo, Berlin, Nairobi, in Nachclubs, auf Briefkästen, im Auto unter Models und Schauspielern oder einfach in sich selbst.

Am schönsten fand ich die Geschichte in der es gar keine Promis, keinen Glitzer, keine tollen Orte gab sondern einfach nur einen Menschen: eine 15-Jährige, die mit ihm im Auto fährt und sie ihre Generationserfahrungen austauschen und spiegeln, ohne belehren oder angeben zu wollen. Ganz leise und einfach und wunderschön.

„Worüber schreibst Du so?“
„Über Menschen und Orte, würd ich mal sagen.“
„Was für Menschen und Orte?“
„Menschen, die irgendwas machen, was die meisten anderen nicht machen.“
„Verrückte?“
Ich sah sie an.
„In gewisser Weise schon.“

„Zum ersten Mal verstand ich den Blick, den ich in den letzten Tagen an ihr bemerkt hatte. Den Blick, der mir symphatisch gewesen war. Der Blick, der mich an meine eigene Vergangenheit erinnert hatte, als ich fünfzehn war. An das Ausgeliefertsein an die Erwachsenen, obwohl man selber gerade damit anfing, sich die Welt einzurichten.“

Man möchte mit ihm an der Bar sitzen, einfach nur zuhören, gelegentlich einen weiteren Whisky bestellen und hoffen, die Sonne geht so schnell noch nicht auf.

„Eventuell ist das Problem dieser Generation nicht die Tatsache, dass sie mit iPhones, iPads und Facebook überschüttet wird, dachte ich in diesem Moment. Eventuell ist ihr Problem, dass sie mit Mitte dreißig schon alles gesehen und erlebt hat. Jede Droge probiert, jeden Sex gehabt, jeden versteckten Strand gefunden. Been there, done that.“

Meine Woche

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Gesehen: „Take shelter“ düsteres Drama/Thriller von Jeff Nichols. Hat mir gut gefallen. Und zum Überbrücken der Durststrecke bis zur 3. Staffel von OITNB mit „Orphan Black“ begonnen. Richtig gut, spannende story, ein toller Soundtrack aber keine wirkliche Konkurrenz 😉

Gehört: Marilyn Manson „Third Day of a Seven Day Binge„, Mia „Bad Girls“ und Eileen „Die Stiefel sind zum Wandern“ und Caribou’s longest mixtape

Gelesen: diesen Artikel im New Yorker warum eine Biografie kein Status Update ist, diesen Artikel über Joan Didion, das neue Gesicht des Fashion-Labels Celine und diesen Artikel über die Oscar-nominierten Buch-Verfilmungen

Getan: viel Zug gefahren, einen wirklich guten Leadership Workshop zum Thema MBTI durchgeführt, einen Blog-Workshop besucht, Sport gemacht und …

Gegessen: ausgesprochen leckere Reisnudeln mit kleinen Frühlingsröllchen und Sojasprossen gegessen im Koriander Too.

Getrunken: Kilkenny im Molly Malone’s – mein liebster Irish Pub

Gefreut:  das mein Bruder eine sehr gute Entscheidung getroffen hat!

Geärgert: über Stinky im Zug neben mir – boah ich hätte ihm fast einen Wunderbaum umgehängt!

Gelacht: über meinen RoboCop Walk diese Woche dank des Weltraum Muskelkaters 😉

Geplant: ich sollte mehr schlafen

Gewünscht: Diese Jacke gefällt mir sehr

Gekauft: ein paar Schuhe

Gefunden: eine Menge Inspiration beim Blog-Workshop

Geklickt: auf diese Seite mit Film-Quotes

Gewundert: wieso ich so wenige Konzerte geplant habe dieses Jahr – sehr sehr merkwürdig. Das muss sich ändern.

Wild – Cheryl Strayed

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Heute mal wieder ein Gruß aus dem Bucharchiv. Gelesen habe ich Cheryl Strayed „Wild“ auf der großen Südost-Asien-Tour im Januar letzten Jahres. Hatte das Buch auf dem Radar durch die positive Besprechung in der NY Times und war sehr überrascht, es in einem kleinen Second-Hand-Buchladen in Kambodscha zu finden. Genau wie Cheryl mit einem Rucksack unterwegs, der viel zu voll war und mit viel zu vielen unnützen Dingen (wie Büchern) bepackt, war es natürlich vollkommen unsinnig, so einen dicken Trümmer einzupacken – aber hey, irgendwie hab ich ihn in den Rucksack bekommen und das Buch hat mich wunderbar auf unseren Wanderungen begleitet und auch wenn ich anfangs dachte, ich würde es zurücklassen, wenn ich es ausgelesen habe, war nix zu machen, es hat mich so bewegt, ich habe es noch die ganze weitere Reise mitgeschlörrt und jetzt steht es hier zu Hause und beim Durchblättern rieselt noch immer Sand heraus.

Schade – ein „Unterwegs“-Foto hab ich nicht finden können, daher musste ich heute nochmal nachstellen. Sonst hätten wir hier eher Palmen, einen Street-Food-Stand, einen Bootstrip auf dem Mekong oder irgendeine andere Szene gesehen, in der ich das Buch gelesen habe.

„Wild“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die mit Mitte 20 so ziemlich am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen zu sein scheint. Sie ist allein, der Tod der Mutter die mit Mitte Vierzig an Krebs gestorben ist, noch lange nicht verarbeitet, vor den Scherben einer zerbrochenen Ehe stehend, verschuldet und ohne Perspektive rutscht sie auch noch in eine unglückliche Affäre mit der großen Trösterin Miss Heroin, als sie beschließt, einen Rucksack zu packen, nach Kalifornien zu fliegen und eine sehr sehr lange Wanderung zu machen, um sich wiederzufinden.

„Hiking the PCT, …was my way back to the person I used to be.“

Sie ist eine vollkommen unerfahrene Hikerin, packt viel zu viel und vollkommen falsche Sachen ein, ist nicht vorbereitet und läuft einfach los. Es hat mir eine diebische Freude bereitet, mir die vielen pragmatischen, stets übervorbereiteten Leute mit Schaum vorm Mund vorzustellen, wie sie vor lauter Empörung über die Naivität der Progagonistin den Kopf schütteln und sich fragen, ob sie überhaupt weiterlesen sollen 😉

Ich mag das ja, das happy-go-lucky und habe auch meist die Erfahrung gemacht, am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es halt noch nicht zu Ende.

Cheryl macht diesen Trip, die ganzen 1100km des Pacific Crest Trails. Sie wandert bei 40 Grad im Schatten auf dem Modoc Plateau erlebt Rekord-Schneefälle in den High Sierras, trifft auf Bären, Klapperschlangen, Skorpione, vertrocknete Wasserstellen. Sie verliert unzählige Fußnägel, kann sich manchmal Ewigkeiten lang nicht waschen, ist oft hungrig und irgendwann verliert sie sogar ihre Wanderschuhe. Und selbst da gibt sie nicht auf. Diese vollkommen unvorbereitete nicht übermässig starke blonde, junge Frau kicks ass. Sie beisst sich durch. Sie bastelt sich Ersatzschuhe aus Klebeband und wandert darin weiter, bis ihre neuen Wanderschuhe irgendwo in der nächsten Kurierbox im Nirgendwo auftauchen. Zusammen mit dem nächsten Geld, ein paar Vorräten und dem nächsten Satz Bücher.

Ich habe Cheryl unglaublich für ihren Mut bewundert. Ich hätte ihn wohl nicht. Eine so lange Wanderung ganz alleine, ohne wirkliche Navigationskenntnisse, in Gegenden wo mir jederzeit Bär, Skorpion, Schlangen oder andere gefährliche Viecher begegnen können. Wow. Ich halte mich schon nicht für ein Weichei, aber ich glaube ich wäre beim ersten Skorpion im Zelt umgehend umgedreht.

“I knew that if I allowed fear to overtake me, my journey was doomed. Fear, to a great extent, is born of a story we tell ourselves, and so I chose to tell myself a different story from the one women are told. I decided I was safe. I was strong. I was brave. Nothing could vanquish me.

Beim Lesen ist man komplett bei ihr, man leidet mit ihr, man freut sich ähnlich ekstatisch über die Dusche und selbst einen Schokoriegel essen beim Lesen fand ich schwierig, weil ich mich schuldig fühlte, wenn sie dabei so hungrig war 😉

Es gibt keine ellenlangen Naturbeschreibungen, es ist viel mehr eine Reise durch ihre innere Landschaft und das machte das Buch so überaus lesenwert für mich. Die Verwandlung die sie durchlebt, die Stärke die sie gewinnt, aber auch die vielen Momente der Schwäche und Einsamkeit.

Cherly Strayed ist meistens alleine gewandert, hat ab und an ein paar Tage lang die Gesellschaft von Mitwanderern genossen, mit ihnen gegessen, das Essen und die Erfahrungen geteilt und am Lagerfeuer wurden die wichtigsten Trail-Neuigkeiten ausgetauscht.

“The thing about hiking the Pacific Crest Trail, the thing that was so profound to me that summer—and yet also, like most things, so very simple—was how few choices I had and how often I had to do the thing I least wanted to do. How there was no escape or denial. No numbing it down with a martini or covering it up with a roll in the hay. As I clung to the chaparral that day, attempting to patch up my bleeding finger, terrified by every sound that the bull was coming back, I considered my options. There were only two and they were essentially the same. I could go back in the direction I had come from, or I could go forward in the direction I intended to go.”

Besonders gefallen haben mir die Passagen in denen sie über ihre Beziehung zu Büchern und dem Geschriebenen schreibt, wie es ist, wenn man so alleine wandert und abends beim Lagerfeuer mit der Stirnlampe am Kopf dasitzt und ein paar Seiten liest, während man sein Essen auf den Knien balanciert. Die Wanderung macht sie stärker und die Bücher helfen ihr dabei. Sie liest sich selbst raus aus ihrem Loch, ihrer Schwäche, ihrer Depression. Die Bücher helfen ihr auf dem Weg zu bleiben, nicht mehr davon abzukommen, to become Cheryl „Un-Strayed“.

“What if I forgave myself? I thought. What if I forgave myself even though I’d done something I shouldn’t have? What if I was a liar and a cheat and there was no excuse for what I’d done other than because it was what I wanted and needed to do? What if I was sorry, but if I could go back in time I wouldn’t do anything differently than I had done? What if I’d actually wanted to fuck every one of those men? What if heroin taught me something? What if yes was the right answer instead of no? What if what made me do all those things everyone thought I shouldn’t have done was what also had got me here? What if I was never redeemed? What if I already was?”

Dieses Buch ist mit Vorsicht zu geniessen – es macht „itchy feet“, erzeugt Fernweh. Man will sofort seine Wanderschuhe schnüren und loslaufen. Ich werde es garantiert mitnehmen, wenn ich noch einmal den West Highland Way laufe. Viel weniger gefährlich und viel kürzer, aber auch eine wunderbare Gelegenheit viel Zeit mit sich, seinem Kopf und seinen Füßen zu verbringen.

Ich bin gespannt auf die Verfilmung, auch wenn ich eher Taylor Schilling in der Hauptrolle sehe, Reese Witherspoon ist schon ok.

Hier eine Liste der Bücher die den PCT nicht überlebt haben – nach Verzehr verbrannt 😉

The Pacific Crest Trail, Vol. 1 California – Jeffrey P. Schaffer
Staying Found – June Fleming
The Dream of a Common Language – Adrienne Rich*
As I Lay Dying – William Faulkner
**The Complete Stories – Flannery O’Connor
The Novel – James Michener
A Summer Bird-Cage – Margaret Drabble
Lolita – Vladimir Nabokov
Dubliners – James Joyce
Waiting for the Barbarians – J. M. Coetzee
The Pacific Crest, Vol 2 Oregon and Washington – Jeffrey P. Schaffer
The Best American Essays 1991 – Robert Atwan, Joyce Carol Oates (Editors)
The Ten Thousand Things – Maria Dermout

*nicht verbrannt unterwegs – die ganze Strecke getragen
** nicht verbrannt, sondern eingetauscht gegen „The Novel“