Die Sache mit dem Ich – Marc Fischer

fischer

Marc Fischer sagte mir anfangs nicht wirklich was und plötzlich hörte ich von allen Seiten von dem Buch, bekam es von unterschiedlichen Leuten empfohlen und hatte es gerade auf meinen Wunschzettel gepackt als es mir dann auch noch witzigerweise von stepanini zugeschickt wurde, als sie ein paar ihrer gelesenen Bücher verschenkte, ohne vorher zu wissen welches ich bekommen würde. Dieses Buch wollte und sollte also wirklich zu mir.

Mit entsprechender Neugierde begann ich dann mein Besuch in der Fischerwelt, dem „Mietreporter“ wie er sich nannte und in der Tat, schon nach den ersten 1-2 Reportagen hatte er mich. Das Zitat der Süddeutschen Zeitung auf dem Buchrücken trifft es am besten: „Andere Schreiber besitzen einen Ton, er hatte Sound“.

„Die Sache mit dem Ich” ist ein Sammelband von Kurzgeschichten und Reportagen, die Fischer bereits in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht hatte und die postum noch einmal gesammelt herausgegeben wurden. Die Idee zu dem Buch stammte von ihm und wurde nach seinem Tod entsprechend umgesetzt.

Seine Texte bewegen sich elegant und sehr gekonnt zwischen Literatur und Journalismus, wäre Hemingway in den 80er und 90er Jahren jung gewesen, hätte er wohl so geklungen. Das sind nicht einfach nur Reportagen, das ist Literatur, das sind Kurzgeschichten wie man sie in der deutschsprachigen Literatur nur sehr selten findet. Irgendwie war er immer ein bisschen der Junge auf dem Postkasten. Der einfach da sitzt irgendwo auf der Welt und dem Leben zuschaut wie es so passiert.

„Im Grunde waren es Entweder-Oder-Fragen, und manchmal wenn ich an die Neunzigerjahre denke, denke ich, dass sich die Menschen damals die ganze Zeit nur solche Fragen gestellt haben: Berlin oder Hamburg? Gucci oder Prada? Blur oder Oasis? In gewisser Weise war es ein rhetorisches Jahrzehnt.“

„Es gibt nur cool oder uncool und wie man sich fühlt“, sang die Hamburger Band Tocotronic. Das traf es in etwa.

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Die Reportagen sind kurz, erzählen eigentlich fast immer vom Scheitern sind melancholisch aber nie deprimierend. Dennoch verwunderte es mich nicht wirklich, dass er irgendwann nicht mehr rauswollte aus der Fischerwelt. Einfach drinnen bleiben, nicht mehr rauskommen. Eine Welt in der am liebsten mit seinen Helden wie Hemingway, Camus, Jack Kerouac, Leonard Cohen etc rumsitzt, Bier trinkt und Sonnenuntergänge verfolgt. Schwierig ist dann nur, so Fischer, „wenn ich nach einiger Zeit wieder herausmuss aus der Fischerwelt, weil die Welt draußen meine Anwesenheit verlangt“. Und irgendwann ist er halt dringeblieben.

Er bringt die 90er Jahre für mich in kurzen Sätzen auf den Punkt wie kein anderer. Seine Geschichten findet er in Tokyo, Berlin, Nairobi, in Nachclubs, auf Briefkästen, im Auto unter Models und Schauspielern oder einfach in sich selbst.

Am schönsten fand ich die Geschichte in der es gar keine Promis, keinen Glitzer, keine tollen Orte gab sondern einfach nur einen Menschen: eine 15-Jährige, die mit ihm im Auto fährt und sie ihre Generationserfahrungen austauschen und spiegeln, ohne belehren oder angeben zu wollen. Ganz leise und einfach und wunderschön.

„Worüber schreibst Du so?“
„Über Menschen und Orte, würd ich mal sagen.“
„Was für Menschen und Orte?“
„Menschen, die irgendwas machen, was die meisten anderen nicht machen.“
„Verrückte?“
Ich sah sie an.
„In gewisser Weise schon.“

„Zum ersten Mal verstand ich den Blick, den ich in den letzten Tagen an ihr bemerkt hatte. Den Blick, der mir symphatisch gewesen war. Der Blick, der mich an meine eigene Vergangenheit erinnert hatte, als ich fünfzehn war. An das Ausgeliefertsein an die Erwachsenen, obwohl man selber gerade damit anfing, sich die Welt einzurichten.“

Man möchte mit ihm an der Bar sitzen, einfach nur zuhören, gelegentlich einen weiteren Whisky bestellen und hoffen, die Sonne geht so schnell noch nicht auf.

„Eventuell ist das Problem dieser Generation nicht die Tatsache, dass sie mit iPhones, iPads und Facebook überschüttet wird, dachte ich in diesem Moment. Eventuell ist ihr Problem, dass sie mit Mitte dreißig schon alles gesehen und erlebt hat. Jede Droge probiert, jeden Sex gehabt, jeden versteckten Strand gefunden. Been there, done that.“

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