Low + Daniel Blumberg @ Ampere, München, 2018-06-25

Mit dem Herrn Emmer aufs Konzert gehen ist immer eine Freude, aber auch ganz besonders weil er so wunderbare Konzertberichte schreibt, die ich dann hier teilen kann … 🙂

KULTURFORUM

Intensives Indie-Doppelpack mit zwei Emotional-Weltmeistern zum Wochen-Start im gut gefüllten Münchner Ampere, einmal solo, einmal in klassischer Trio-Besetzung: Bevor Alan Sparhawk und die Seinen die Bühne des Muffathallen-Clubs bespielten, bot der Londoner Kunst-Zeichner, Songwriter und ex-Yuck-Musiker Daniel Blumberg ein komplexes halbstündiges Eröffnungsprogramm und erntete damit alles andere als ungeteilte Zustimmung für seine Tondichtungen, die sich konzeptionell phasenweise wie Dylan-does-Metal-Machine-Music gerierten. Der junge Engländer startete relativ konventionell mit wunderschöner Singstimme, die sich irgendwo im ausgeprägten Tenor zwischen Musikanten-Kollegen wie Neil Young, Doug Martsch oder Sid Hillman (kennt den noch wer?) verorten lässt, und die in leidender Verfassung im tonalen Seelen-Strip die innere Zerrissenheit und Seelenpein des von diversen Dämonen heimgesuchten Künstlers nach außen zu kehren trachtete, begleitet von Folk-konformem Bluesharp-Gebläse und gefälligem Saiten-Anschlag in Moll, den Blumberg als tragfähiges Grundgerüst loopte für seine sporadisch eingeworfenen, extravaganten, keinen Noten oder gängigen Riffs/Akkorden mehr folgenden Gitarren-Experimente – erratische Fingerübungen, die das klassische Indie-Folk-Gerüst…

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Connection with Reader could not be established

Ab und an schnackelt es nicht und dann ist diese Rubrik mein virtueller Beichtstuhl für mangelndes Durchhaltevermögen. In den allermeisten Fällen trifft die Autoren, die hier landen, deutlich weniger Schuld (wenn man von solcher sprechen möchte) als die Leserin, die häufig zu ungeduldig ist oder zur falschen Zeit das falsche Buch in die Hand nimmt. Dieses Mal hat es diese Werke getroffen:

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Ich freute mich riesig, als ich ganz überraschend den neuen Seethaler in der Post hatte, ist er doch einer der Gegenwartsautoren, der sich ganz sachte und heimlich mit seiner poetischen leisen Sprache in mein Herz geschlichen hat.

Die Idee, die Begrabenen eines Friedhofs ihre Geschichte erzählen zu lassen, fand ich sehr spannend, ich freute mich auf ein vielstimmiges Porträt, aber vollkommen überraschend sind wir dieses Mal überhaupt nicht zusammen gekommen, der Herr Seethaler und ich.

Seethaler ist grundsätzlich einfach und ehrlich wie das deutsche Abendbrot und kaum einer schafft es sonst so einfach wie er, mich in die literarische Provinz zu locken, aber dieses Mal war ich einfach nur gelangweilt. Diese deutschen Toten waren wie Pumpernickel, von dem ich auch immer nur maximal zwei Scheiben mag und dann bleibt die Packung liegen, guckt vorwurfsvoll und beschämt werfe ich sie irgendwann weg.

Das mache ich mit Herrn Seethaler natürlich nicht. Ich stelle ihn ins Regal und versuche es noch einmal, denn ich kann noch nicht so wirklich glauben, dass das dieses Mal nix geworden ist mit uns …

Ich danke dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Mein erster Bolano. Sein bekanntestes Werk 2666 habe ich schon seit Ewigkeiten auf dem Wunschzettel, auf dieses Büchlein stieß ich vor Kurzem im offenen Bücherschrank und bin ganz fürchterlich daran zerschellt. Es ist ein außergewöhnliches Buch, komplett in Monologform. Vieles wiederholte sich, die Sätze sind ausschweifend, aber ich bin einfach nicht hineingekommen.

Das Buch bekommt wahnsinnig gute Kritiken, es liegt also definitiv mehr an mir als an  Bolano. Ich habe es probiert, nach einigen Seiten weggelegt, wie Kaviar vor einigen Jahren, den hab ich noch 2-3 mal weggeschoben, bis ich ihn irgendwann mochte. Vielleicht wird es mit dem Buch auch so sein.

Auch dieses wandert zurück ins Regal und wir versuchen es irgendwann noch einmal miteinander. Kennt es jemand? Hat jemand eine Idee wie man es knackt? Ich gebe doch so ungern auf …

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Als stolze Eltern eines gelegentlich auf dem Balkon mitwohnenden Eichhörnchens namens Willy war es klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

Veblen (die nach einem Philosophen benannt ist) ist eine unterbeschäftigte Mittzwanzigerin, die mit Eichhörnchen spricht. Sie hat eine anstrengende Beziehung zu ihrer hypochondrischen Mutter und glaubt, niemals den Mann fürs Leben zu finden. Bis sie Paul trifft und alles toll zu werden scheint, aber er mag keine Eichhörnchen…

Irgendwo mittendrin verlor ich die Lust an der Geschichte, versuchte stattdessen, mit unserem Willy zu kommunizieren, was dieser ablehnte und beschloss, das Buch nicht weiterzulesen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Im Kern eine Liebesgeschichte“ im Dumont Verlag.

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Ja und dann traf meine Widerborstigkeit auch noch die grandiose Sybille Berg. Ich schätze ihre Romane sehr, im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass ihr Debüt und ich ü-ber-haupt nicht miteinander können.

Zuviel menschlicher Abgrund? Ich weiß es nicht, ich hatte einfach keine Geduld mit den verschiedenen Protagonisten, wollte sie dauernd schubsen oder schütteln, hatte auch gelegentlich Schwierigkeiten, die Informationen dem richtigen Charakter zuzuordnen und habe das Buch dann entnervt in die Ecke geworfen.

Wir sollten das einfach so unter uns lassen, Frau Berg muß das nicht erfahren. Ich kann mir ihren strafenden Blick sehr gut vorstellen und es ist mir ja auch wirklich unangenehm.

So, Beichte abgelegt, fühle mich gleich besser. Welche literarischen Sünden habt ihr zu beichten?

 

Meine Woche

 

Justin Teodoro

Foto: Justin Teodoro

Gesehen: „Ocean’s 8“ (2018) von Gary Ross mit Cate Blanchett, Sandra Bullock, Rihanna, Sarah Paulson und noch eine ganze Reihe anderer toller Schauspielerinnen. Großartig und ich mag eigentlich nicht einmal Heist-Movies.

„The Day the Earth stood still“ (1951) von Robert Wise – grandios, unbedingt angucken, die Neuverfilmung hingegen aus dem Jahr 2008 von Scott Derrickson können auch Keanu Reeves und Jennifer Connelly nicht retten, die ist richtig grottig.

Proof“ (2005) von John Madden mit Gwyneth Paltrow, Jake Gyllenhaal und Anthony Hopkins. Verfilmung des Theaterstücks von David Auburn um einen psychisch kranken Mathematiker und seine Tochter die ihn bis zum Schluß gepflegt hat. Habe das Stück vor Jahren in New York gesehen mit Marie Louise Parker und fand die Verfilmung gelungen.

Gehört: „Ambush“ – Sune Rose, „The dreamer is still asleep“ – Coil, „Suffer the Flesh“ – Android Lust, „In Chains“ – War on Drugs, „Smooth Music for your next space travel“ – DJ Supermarkt

Gelesen: Jesmyn Wards Artikel über Rassismus in Mississippi, can Democracy survive Tribalism, diese Kurzgeschichte von Emily St. John Mandel, do we get paid what we deserve, Michael Pollan on how Psilocybin could be used in mental health treatment

Getan: die IKOM besucht, im Kino gewesen, im Bookclub „Homegoing“ diskutiert und endlich die Faust Ausstellung in der Kunsthalle München besucht

Geplant: den Piper Verlag besuchen

Gegessen: Erdbeeren mit Cheesecake Creme und ein sehr leckeres Hochzeitstags-Menü im Hippocampus

Getrunken: Becks

Gelacht: If you eat well, get enough sleep, exercise, and drink plenty of water, you will die anyway

Geärgert: über die Trump Konzentrationslager für Kinder 😦 und immer wieder Zündel-Seehofer

Gefreut: Damien Barr wurde Literary Ambassador im Savoy London und das Tor gestern abend in der letzten Sekunde

Geklickt: auf das Reading Personality Quiz und auf diese Fotos von Stanley Kubrick

Gewünscht: ein Besuch in diesem Museum, eines dieser Häuser, dieses Outfit

Gefunden: nix

Gekauft: einen neuen Grill

Gestaunt: Intelligence in Nature – eine Sammlung großartiger Videos

Gedacht: Stories are data with a soul (Brené Brown)

#WomeninSciFi (24) Binti – Nnedi Okorafor

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Unser gemeinsames Interesse an Science Fiction hat Judith Voigt und mich bei Twitter zusammengebracht und ich freue mich mit ihr die erste waschechte Autorin im Kreis der #WomeninScifi Rezensenten zu haben. Bereits 16 Romane hat sie veröffentlicht und sie ist insbesondere in Phantasy-Kreisen eine feste Größe, aber auch Science Fiction und Rollenspiele gehören zu ihrem Repertoire.

Heute stellt sie uns mit Nnedi Okorafor eine Science Fiction Autorin vor, auf die ich ganz besonders gespannt war, kenne ich bislang doch nur ihre ausgezeichnete Kurzgeschichte „Mother of Invention„.

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Foto: Goodreads

Bei „Binti“ handelt es sich um eine Novellen-Trilogie von Nnedi Okorafor,  deren ersten Teil ich als englischsprachiges eBook gelesen habe. „Binti“ ist eine kurze Erzählung und daher rasch gelesen, zumal einen die klare und trotzdem außergewöhnliche Art zu erzählen in den Bann zieht. Die junge Binti lebt in einer Dorfgemeinschaft, die sich auf das Herstellen und Reparieren von „astrolabs“ spezialisiert hat, die eine Funktion irgendwo zwischen Ausweis, elektronischem Curriculum Vitae und Smartphone innehaben. Binti ist in der Wüste großgeworden, statt Wasser reinigen sich die Menschen ihrer Kultur mit roter Erde – otjize. Binti ist als erste Himba auserwählt, zu den Sternen zu reisen und dort eine Universität zu besuchen, und wir erfahren alles über ihre Kultur und Familie nur im Rückblick, denn bereits am Anfang der Erzählung beschließt sie, ihr Volk heimlich zu verlassen, da ihre Leute ihre Entscheidung, zur Universität zu gehen, nicht gut heißen.

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In den Städten und Raumhäfen und Schiffen, die sie auf ihrer Reise betritt, reagieren andere Menschen, die größtenteils der (ebenfalls fiktiven) Kultur der Khoush entstammen, negativ und ablehnend auf die junge, mit Erde „beschmierte“ Frau, doch diese Erde, von der Binti auch, als sie Wasser zur Verfügung hat, nicht lassen möchte, bewahrt sie vor einem schrecklichen Schicksal, als ihr Schiff von der Alienspezies der Medusen überfallen wird: All ihre Kommilitonen und das Personal des Schiffes wird getötet, und Binti ist auf sich allein gestellt, bis sie merkt, dass ihr otjize die Verletzungen der Medusen heilen kann und sie anfängt mit ihnen zu kommunizieren. Den quallenartigen Bestien wurde ein kulturelles Erbe geraubt und sie würden alles dafür tun, es wiederzuerlangen …

Die Novelle kommt ohne viele Action-Szenen oder aufgeblähte Konflikte aus und macht Lust, auch die anderen beiden Teile zu lesen. Das Aufeinandertreffen und die Schilderung der (afrikanisch-inspirierten) Kulturen ist ebenso klassisches Element der Afro-SF/F wie der stattfindende Identifikationsprozess mit den Medusen: Oft finden sich im Afrofuturismus Parabeln und Metaphern auf die afrikanische Diaspora und Rassismus. Der Aufbruch in den Weltraum und das Begegnen mit dem Außerirdischen ist dabei ein Kernelement und wird perspektivisch anders geschildert und behandelt als der europazentrische „First Contact“. Wohingegen in europazentrischen Romanen häufig der Kolonialgedanke in den Weltraum weitergedacht wird, fungiert in vielen afrozentrischen Romanen das Außerirdische als Identifikation – das Außerirdische ist in einem fremden Land seiner eigenen Geschichte beraubt.

Wer in Afro-SF/F einmal hereinschnuppern möchte, dem sei „Binti“ ans Herz gelegt!

Nnedi Okorafor hat auch einen sehr spannenden TED Talk gehalten „Sci-Fi stories that imagine a future Africa“ – sehr empfehlenswert.

Meine Woche

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Gesehen: „Jurassic World – Fallen Kingdom“ (2018) von Juan Antonio Bayona. Jaaaaa, keine große Filmkunst, aber: DINOS 🙂

Escape from New York“ (1981) von John Carpenter mit Kurt Russell, Ernest Borgnine und einigen anderen Hochkarätern. Ich bevorzuge Carpenters Horror vor seinen Action-Filmen, aber der ist gut und der Soundtrack ist klasse.

Gehört: „Escape from New York Main Theme“ – John Carpenter, „Psychedelic Sounds“ – The 13th Floor Elevators, „Black Car“ – Beach House

Gelesen: Zu Büchern findet man nicht allein, The strange case of the missing Joyce scholar, Why start ups should offer a library, Eugenics never went away, die großartige Erklärung von Claudia Roth, dieses Interview mit Richard David Precht

Getan: viel Zug gefahren, im Kino gewesen und mit Freunden den halben Heimgarten bestiegen und Murnau unsicher gemacht

Geplant: muss einige Artikel schreiben und einen Workshop vorbereiten

Gegessen: mexikanische Snacks während des Fußballspiels

Getrunken: Buttermilch

Gelacht: über diese Brexit Briefmarken

Geärgert: Seehofer, die CSU – ohne Worte. Diese Irren, die gefährlich mit dem Feuer spielen…

Gefreut: wieder zu Hause zu sein und meine sehr coole VR-Brille

Geklickt: auf diese Las Vegas Werbung cheesy aber cool,

Gewünscht: diese Badewanne, dieses Outfit, diese Pflanzen-Ecke

Gefunden: dieses Buch und dieses und dieses

Gekauft: diese Hose und eine Dino-Zeitschrift

Gestaunt: 10 hours of relaxing Oceanscapes

Gedacht: Our most painful moments are also our most important. Rather than run from pain, we need to identify it, accept it, and learn how to use it to better ourselves. (NN)

#WomeninSciFi (23) Ein Tropfen Zeit – Daphne Du Maurier

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Daphne du Maurier, der Meisterin des dunklen Suspense und tiefer seelischer Abgründe, wird in dieser Ausgabe mit Illustrationen von Kristina Andres ein wundervolles Denkmal gesetzt. Hitchcocks „Die Vögel“, „Rebecca“ sowie Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gehen auf ihre Erzählungen zurück und auch „Ein Tropfen Zeit“ hätte durchaus Verfilmungs-Potential.

„Ein Tropfen Zeit“ erschien bereits 1969 und wurde jetzt von der Büchergilde Gutenberg neu aufgelegt. Der Protagonist Dick Young (von du Maurier als sehr unsympathischer Zeitgenosse angelegt – ein echter Dick, sorry for the pun) läßt sich von seinem alten Studienfreund Magnus, in dessen Cornwaller Strandhaus er seine Ferien verbringt, dazu überreden eine Zeitdroge zu testen, die dieser entwickelt hat.

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Natürlich hat diese Droge auch so ihre Nebenwirkungen. Er landet immer wieder im 14. Jahrhundert, stets in naher Umgebung des Strandhauses, in dem er für einige Zeit lebt. Er beobachtet die Geschehnisse, Intrigen, Geheimnisse um Isolda Carminowe, ihren heimlichen Liebhaber Otto Bodrugan, dessen böse Schwester Joanna und den Verwalter Roger Kylmerth. Allerdings kann er weder den genauen Zeitpunkt bestimmen, an den er transportiert wird, noch kann er die Geschehnisse in irgendeiner Weise beeinflussen. Berührungen, auch zufällige mit den Personen im 14. Jahrundert, haben heftige Nachwirkungen. Er wird sofort in seine Zeit zurückgeschleudert und Übelkeit, Desorientierung und zeitweilige Paralyse sind die unangenehmen Folgen.

Während er auf der Droge ist, bewegt er sich benommen durch die Gegend und ist für die äußeren Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr zugänglich, was durch Züge, Autos etc. durchaus gefährlich werden kann. Zudem macht die Droge natürlich auch noch süchtig und Dick wird der Gegenwart und auch seiner Familie gegenüber immer gleichgültiger. Der nächste Zeitreisetrip ist alles, was ihn noch interessiert, und dass das alles nicht gut enden wird, wird einem ziemlich bald klar.

Die beiden Erzählstränge waren für mich jetzt keine absoluten „page-turner“. Ich habe nicht vor lauter Spannung und Atemlosigkeit ins Kopfkissen gebissen, aber die Atmosphäre und die Stimmung des Buches haben mich voll und ganz eingefangen.

Neben den in du Mauriers Werk immer wiederkehrenden Themen Wahnsinn, Manie, Besessenheit, Sucht und wissenschaftliche Experimente, spürt man auch den Einfluß Carl Jungs, den sie sehr schätzte, und der sich stark mit dem „kollektiven Unbewussten“ beschäftigt hat.

 

Man spürt in „Ein Tropfen Zeit“ du Mauriers große Liebe zu Cornwall, der Landschaft, der Geschichte und den Menschen dieser Region. Der Roman heißt im englischen „The House on the Strand“. Die Vorlage für Magnus‘ Haus „Kilmarth“ war ihr eigenes, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, nachdem sie gezwungen war, ihr geliebtes „Menabilly“ 1967 zu verlassen.

Diese Ausgabe ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen. Im englischen Original heißt das Buch: „The House on the Strand“.

Hirngymnastik Stoizismus

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“The aim of life is self-development. To realize one’s nature perfectly—that is what each of us is here for.”
Oscar Wilde

Die Hirngymnastik beschäftigt sich dieses Mal mit dem Stoizismus, einer Schule der Philosophie, die von Zenon von Kition etwa 301 vuZ gegründet wurde. Der Name Stoa geht auf eine Säulenhalle (Stoa) auf dem Marktplatz in Athen zurück, auf der Zenon seine Lehrtätigkeit aufnahm. Die frühen Stoiker wurden durch frühere philosophische Schulen und Denker beeinflusst, insbesondere durch Socrates, die Kyniker aber auch die Anhänger Platons und die Sophisten.

Die Stoiker waren vielleicht die eigentlichen Erfinder der Selbsthilfe-Bewegung. Neben der theoretischen Wissensvertiefung ging es ganz stark immer wieder um die Frage: „Wie lebe ich ein ethisch-moralisches gutes Leben?“. Es ist eine Gedankenschule, die immer auch das Gemeinwohl im Sinn hat, aber deutlich stärker auf das Individuum und dessen Weiterentwicklung ausgerichtet ist.

Der Stoizismus erreichte in seiner zweiten Periode (auch unter dem Begriff mittlere Stoa bekannt) das römische Reich. Cicero war einer der ersten, der sich mit dieser Philosophierichtung beschäftigte, ohne selbst ein Stoiker zu sein. In der dritten und letzten Phase verbreitete sich der Stoizismus weit im Römischen Reich und einige der bekanntesten und wichtigsten Schriftstücke des Stoizismus stammen aus dieser Zeit. Wichtige Stoiker waren Marcus Aurelius, Seneca, Epictetus sowie Gaius Rufus.

Als das Christentum die offizielle Religion des römischen Reiches wurde, begann der Stoizismus an Bedeutung zu verlieren, gemeinsam mit einigen anderen Gedankenschulen. Ihre Grundideen überlebten aber und beeinflussten viele historische Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Boethius, Thomas von Aquin, Erasmus, Montaigne, Descartes oder Spinoza. Auch die modernen Existentialisten wurden durch den Stoizismus beeinflusst. Es ist eine Philosophie, die aktuell eine Art Wiedergeburt erlebt und von modernen Methoden in der Logotherapie, der kognitiven Verhaltenstherapie beeinflusst wird und Überschneidungen mit dem Zen Buddhismus und dem Humanismus aufweist.

Für die Stoiker war die praktische Ethik der wichtigste Teil ihrer Philosophie: wie kann man sein Leben auf die bestmögliche Art leben? Gleichzeitig waren sie sich bewusst darüber wie schwer es ist, realistische und praktikable ethische Grundsätze für sich zu entwickeln, ohne zu verstehen wie die Welt funktioniert und die eigenen Grenzen und die Grenzen des menschlichen Verstandes zu akzeptieren.

Der Stoizismus beschäftigte sich daher mit drei Studienfeldern. Der Ethik, der Physik und der Logik. Unter Physik verstanden die Stoiker aber eher das, was wir heutzutage Naturwissenschaft und Metaphysik nennen würden. Natürlich sind viele der ursprünglichen stoischen Lehren durch die moderne Naturwissenschaft überholt worden. Das hätten die Stoiker der Antike allerdings auch erwartet, denn sie waren sich stets der Grenzen ihres Wissens bewusst und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber stets aufgeschlossen.

Eine der wichtigen Grundideen des Stoizismus leitet sich aus dem Studium der Metaphysik und Naturwissenschaften ab – das Verständnis, dass wir der Natur entsprechend leben sollten. Ein „gutes Leben“ (eudaimonia) beinhaltet das Kultivieren seiner eigenen moralischen Werte um ein guter Mensch zu werden. Die vier Kardinalstugenden der Stoiker sind: Weisheit (sophia), Mut (andreia), Gerechtigkeit (dikaiosyne) und Gelassenheit (sophroysne).

Einem bedeutenden Vertreter des Stoizismus widmet sich das folgende Buch:

James Romm: „Seneca und der Tyrann“ – Die Kunst des Mordens ans Neros Hof

Es ist jetzt nicht so, als habe ich noch nie etwas mit Römischer Geschichte am Hut gehabt und natürlich habe ich von den dekadenten und intriganten Römern gehört, wie heftig es dort allerdings zuging, war mir irgendwie doch nicht klar. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber gelegentlich kam mir Trump schon fast wie ein Waisenknabe vor im Gegensatz zu Caligula, Nero und Co. Im alten Rom wurde nicht nur tagtäglich gelogen und betrogen, da wurde auch gemordet als gäbe es kein Morden. Vater, Mutter, Kind, jeder gegen jeden – da konnte auch der Stoizismus eines Seneca nicht mehr viel ausrichten und auch er war diesbezüglich kein Kind von Traurigkeit, wie uns James Romm Buch zeigt.

Man kann Seneca als Mann der Widersprüche bezeichnen, aber das wäre schon reichlich freundlich. Er wollte einfach immer alles gleichzeitig sein und leben: Die asketischen Werte der Stoiker, ohne aber auf das luxuriöse Leben eines römischen Multimillionärs zu verzichten. In seinen Essays schreibt er wieder und wieder über die heroische Freiheit, die der Selbstmord mit sich bringt, während er selbst als Politiker an Neros Hof und dessen persönlichem Philosoph Ermordungen dulden musste, die fast schon an der Tagesordnung waren, inklusive der Ermordung von Neros Mutter, einer einstigen Gönnerin Senecas.

„Von all den fesselnden, aber zugleich wenig schlüssigen Indizien für Senecas Seelenzustand ist dies sicherlich das fesselndste und zugleich auch das uneindeutigste. Wir entnehmen es einer Erzählung, die ein Mann mehrere Jahrzehnte nach dem Geschehen hörte und aufschrieb, ohne seiner Sache selbst sicher zu sein. Tacitus war freilich nicht bereit, diese Fußnote der Geschichte zu verwerfen, ebenso wenig, wie viele moderne Historiker dies tun wollen. Immerhin beschwört sie die fast unheimliche Vorstellung herauf, Seneca könnte sich trotz seines Zurückschreckens vor einer aktiven Teilnahme Hoffnungen gemacht haben, am Ende als neuer Princeps dazustehen – als erster gekrönter Philosoph der westlichen Welt.“

Ein antiker Historiker gibt Seneca gar die Schuld, aus Habgier heraus die Rebellion von Boudicca, der Krieger-Königin im antiken England, verschuldet zu haben, die mit 80.000 getöteten römischen Soldaten und mindestens ebenso vielen britischen Kriegern endete. Seneca watete quasi in Blut und konnte sich am Ende dann doch nicht zu Tode bluten. In seinem verzweifelten zweiten Selbstmordversuch versuchte er dann, den großen Socrates zu imitieren und einen Schierlingsbecher zu trinken, aber auch das brachte noch immer nicht das gewünschte Ergebnis, am Ende musste er sich zu Tode baden. Immer noch eine der abgefahrensten Todesursachen von denen ich bislang so hörte.

Frauen hatten nicht viel zu sagen. Weder in philosophischen Kreisen noch am römischen Hof. Sie waren dynastische Geburtsmaschinen, die nach man nach Belieben heiraten, betrügen, sich von ihnen scheiden lassen oder im schlimmsten Fall ermorden konnte. Nero machte nicht einmal vor seiner eigenen Mutter Agrippina halt, eine Frau die strategisch an Neros Machtübernahme mitwirkte und sicherlich auch kein Wässerchen trüben konnte.

Eine besondere Rolle spielte eine Konkubine und ehemalige Sklavin namens Epicharis:

„Das weit und breit einzige Exempel moralischer Festigkeit lieferte die Freigelassene Epicharis, die sich weigerte, Namen von Mitverschörern zu nennen. Die junge Frau, die Lukans Haushalt angehörte und das Komplott mit Feuereifer unterstützt hatte, befand sich noch in Haft, nachdem sie ihren Versuch, in Misenum Proculus für die Verschwörung zu gewinnen, abgestritten hatte. Nero befahl nun, die Frau zu foltern – mit rotglühenden Eisenplatten und auf der Streckbank. Er glaubte, den Widerstand einer Frau auf diese Weise brechen zu können. Epicharis ertrug indes die Qualen für viele Stunden stillschweigend. Ihr Körper war danach so übel zugerichet, dass sie am nächsten Tag auf einem Sessel in die Folterkammer getragen werden musste. Dennoch brachte sie es, in dem verriegelten Raum sich selbst überlassen, fertig, ihr Busenband zu lösen, es zu einer Schlinge zu knoten und sich an einer der Stützen, die den Baldachin des Sessels trugen, zu erhängen.“

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Romm schreibt wunderbar anschaulich und lebendig. Man taucht völlig ab in die römische Welt und leidet mit der armen Octavia, dem Britannicus oder den anderen unschuldigen Leuten, die sich häufig nichts weiter haben zu Schulden kommen lassen, als irgendwie doof – sprich gefährlich – in der Erblinie zu sitzen und daher aus dem Weg geräumt zu werden. Es ist üblich, im alten Rom die Leute zum Selbstmord aufzufordern. Das hat den Vorteil, dass es keinen Mörder gibt und der sich selbst Tötende die Hälfte seines Vermögens behalten kann und seine Familie in Sicherheit weiß.

„Unglaublich ist, was ich ertrug, als ich mich selbst nicht ertragen konnte“, schreibt er in für ihn typischer Zuspitzung. Dann ließ er seine Gedanken auf ihren gewohnten Wegen wandeln, hin zur Suche nach einem tugendhaften Leben, einem gewissenhaften Leben, Unpässlichkeiten verderben, so sinniert Seneca, den Leib auf dieselbe Weise, wie Laster und Dummheit die Seele verderben. Der Leidende weiß vielleicht nicht einmal, dass er leidet, so wie ein Mensch im Tiefschlaf nicht weiß, dass er schläft. Nur die Philosophie kann die Seele eines Menschen aus einem solchen Koma wecken. Die Philosophie, Lucilius, ist das, was du mit deinem ganzen Sein und Wesen betreiben musst. Lass alles sein außer der Philosophie, so wie du alle deine Angelegenheiten schleifen lassen würdest, wenn dich eine schwere Krankheit befiele“

Seneca selbst bleibt schwer zu fassen, Romm interpretiert dessen Gedanken und Emotionen aus Mangel an echten Quellen und vieles bleibt einfach unklar. Er ist eine interessante, vielschichtige Persönlichkeit der sich seiner Schwächen bewusst zu sein scheint. Es ist tragisch, wie Seneca am Ende dem apokalyptischen Leben am Hof nicht entkommen kann und er qualvoll auf sein tragisches Ende wartet. Ein großartiges Buch, das wich nur schwer aus der Hand legen konnte. Unbedingte Empfehlung.

Ich danke dem Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Im Rahmen dieser Hirngymnastik habe ich mich noch mit folgenden Werken großer Stoiker beschäftigt:

Meditations“ von Marcus Aurelius

Dieses ursprünglich auf griechisch verfasste Werk war nie für eine Veröffentlichung geplant. Die Tagebucheinträge des einzigen römischen Kaisers, der gleichzeitig auch Philosoph war, Marcus Aurelis (121-180 vuZ), vereinen eine Reihe spannender mentaler Denkübungen, Einsichten und Reflektionen. Marcus Aurelius arbeitet an sich, reflektiert, meditiert, denkt und versucht, sich und das Universum um sich herum zu verstehen. Die Einträge zeugen von seinen Zweifeln, seinen Ängsten aber auch seinen leidenschaftlichen und glücklichen Momenten. Er beschäftigt sich mit Ethik und Werten, menschlicher Rationalität, göttlicher Vorsehung und seinen eigenen Emotionen.

“The happiness of your life depends upon the quality of your thoughts.” 

“Dwell on the beauty of life. Watch the stars, and see yourself running with them.” 

“Waste no more time arguing about what a good man should be. Be one.”

“When you arise in the morning think of what a privilege it is to be alive, to think, to enjoy, to love …” 

Marcus Aurelius Tagebucheinträge haben sich zu einem der größten Werke der Philosophie entwickelt, die bis heute von Lesern, Denkern, Politikern gelesen, hinterfragt, bewundert und konsultiert werden. Ein Buch, das man wunderbar neben dem Bett liegen haben kann, morgens einfach aufschlagen einen kurzen Abschnitt lesen und man hat den ganzen Tag etwas, worüber man nachdenken kann. Perfekt.

“Das Buch vom geglückten Leben“ – Epiktet

Dieses Büchlein des Epictetus ist quasi ein stoisches Handbuch für ein moralisch-ethisches Leben. Zusammengestellt von einem seiner Schüler ist es ein zeitloses kleines Juwel mit Aphorismen und Gedanken, die einen guten Einblick in die Gedankenwelt der Stoiker bieten.

„Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden.“

„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“

 

“Von der Gelassenheit” – Seneca

Hier kommt Seneca selber noch einmal mit bedeutenden wirkungsvollen Einsichten in die Lebenskunst. Er schreibt über die Wichtigkeit von Vernunft und Moral und bietet profundes Wissen, Lehrsätze und eloquente, klarsichtige und zeitlose Weisheit an.

„Vor allem meide man Depressive und solche, die über alles und jedes jammern, denen jeder Anlaß für Klagen recht kommt. Mag solch ein Mensch einem auch treu und wohlgesinnt sein, er ist trotzdem ein Feind unserer Ruhe und Gelassenheit, ein Begleiter ohne seelisches Gleichgewicht, der ständig über alles seufzt und jammert.“

„Alle Grausamkeit entspringt der Schwäche.“

„Ich habe angefangen, mir selbst ein Freund zu sein. – Damit ist schon viel gewonnen, denn man kann dann niemals mehr einsam sein. Wisse auch, daß ein solcher Mensch allen ein rechter Freund sein wird.“

Auch wenn er selbst vielleicht selbst nicht in der Lage war, seinen eigenen Richtlinien immer zu folgen, es zu versuchen und jeden Tag ein bisschen besser zu werden, ist auf jeden Fall ein Anfang auf dem Weg zu einem glücklichen Leben.