Meine Reisen mit Herodot – Ryszard Kapuściński

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Als der frisch graduierte Ryszard Kapuściński seiner Verlegerin mitteilte, er würde gerne einmal ins Ausland reisen, hatte er keine Ahnung, wie sehr dieser Wunsch sein Leben beeinflussen würde. Eigentlich ging es ihm um den konkreten Grenzübertritt, dieses Gefühl zu erleben, tatsächlich eine Grenze zu überschreiten. Er hatte einen kurzen Abstecher ins benachbarte sozialistische Ausland wie z.B. Prag im Kopf, seine Verlegerin schickte ihn allerdings gleich einmal um die halbe Welt: nach Indien. Damit begann seine ereignisreiche und erfolgreiche Karriere als Auslandskorrespondent und Autor diverser Bücher, dessen Name immer wieder einmal in den Topf der Anwärter auf den Literaturnobelpreis geworfen wurde.

Kapuściński verstarb, bevor das tatsächlich passieren konnte, aber zum Glück hat er uns eine Vielzahl großartiger Bücher hinterlassen. Auf seinen vielen Reisen begleiteten ihn stets die Historien von Herodot, ein Buch, das ihm seine damalige Verlegerin für seine erste Reise schenkte.

Bei dieser ersten Reise ins Ausland wird der junge Journalist einfach so ins kalte Wasser geworfen. Aus dem sozialistischen Ausland kommend, mit rudimentären Englischkenntnissen, merkt er schnell, dass einzig Sprache ihn retten kann. In Herodots Welt wurde überall Griechisch gesprochen, in Kapuścińskis Welt ist es das Englische ,ohne das man verloren ist. Ihm wird klar, dass er nur sehen und sich erinnern kann, wofür er Namen hat und je mehr Namen er für die Dinge in der Welt hat, desto reicher wird die Welt für ihn sein.

Er erzählt auch von seinen Schwierigkeiten in Indien, stets bedient zu werden, gerade für ihn, der im Sozialismus im Geiste der Gleichheit erzogen wurde und wie er lernen musste, dass er jemandem das Geld zum Überleben verweigert, wenn er sich nicht in einer Rikscha kutschieren oder einen Knopf annähen lässt.

Zurück in Polen wird er schon bald darauf wieder losgeschickt. Dieses Mal geht es nach China, wo eine kurze Phase der Offenheit seinen Aufenthalt dort ermöglicht, doch kommt es nie zu einer wirklichen Zusammenarbeit mit chinesischen Journalisten. Sein Radius wird schon bald vor Ort stark eingeschränkt und jeder seiner Schritte überwacht. Ihm wird klar, dass eine Mauer nicht nur vor Feinden draußen schützt, sie hilft auch, die zu kontrollieren, die sich innerhalb der Mauern befinden. Er merkt, wie eine solche Mauer die Menschen verändert, sie dazu bringt, alles von Mauern umringt und in schwarz-weiß/gut und schlecht aufgeteilt zu sehen.

Von China aus geht es für ihn nach Afrika, ein Kontinent, der viel stärker fragmentiert und differenzierter ist als Asien und für ihn daher etwas einfacher zu fassen. In Afrika reift Kapuściński als Journalist, er beginnt, die unter den Ereignissen liegenden Gründe zu analysieren und nicht mehr nur über die Ereignisse an sich zu berichten. Er beginnt, sich mit den Menschen in Afrika anzufreunden, er redet mit ihnen, er beobachtet, er liest und nimmt sich Herodot immer wieder als Vorbild.

Er verbindet das, was er bei Herodot liest, stets mit seiner eigenen Laufbahn. Wie führte Herodot seine Nachforschungen aus? Welche Quellen nutzte er? Wie mag er gereist sein, mit wem gesprochen und wem hat er wiederum seine Geschichten erzählt? Wer war sein Publikum? In Herodot findet er seiner Ansicht nach den ersten, der Konnektivität der Welt erfasst hat, etwas das für Kapuściński eine gradueller Lernprozess war.

Herodot ist ein Geschichtenerzähler der weiß, wie man ein Publikum unterhält und wie man eine Geschichte würzen muss. Er ist unendlich neugierig, eine Eigenschaft die Kapuściński mit ihm gemein hat.

„Er (Herodot) war vollauf beschäftigt mit seinen Reisen, den Vorbereitungen dafür, und dann mit der Auswahl und Sichtung der mitgebrachten Materialien. Denn eine Reise beginnt nicht in dem Moment, da wir uns auf den Weg machen, und sie endet nicht, wenn wir ans Ziel gelangt sind. In Wahrheit beginnt sie viel früher, und sie ist faktisch nie zu Ende, weil sich das Band unserer Erinnerungen in unserem Inneren weiterdreht, auch wenn wir angekommen sind. Es gibt so etwas wie eine Infizierung mit dem Reisebazillus, und das ist eine im Grunde unheilbare Krankheit.“

Herodot wollte verhindern, dass die menschlichen Geschehnisse im Dunkel der Zeit verloren gehen und sah seine Aufgabe darin, ein Chronist der Zeit zu sein. Auszüge aus Herodots Werk ziehen sich durch das gesamte Buch. Kapuściński erzählt die Geschichte der Griechisch-Persischen Kriegs nach und stellt seine eigenen Nachforschungen an. Er begibt sich in die Geschichten hinein, z.B. in die Geschichte der Belagerung Babylons, bei der die Männer beschlossen, jeweils alle Frauen bis auf eine pro Haushalt zu erwürgen, um Vorräte zu sparen. Er fragt sich, wie genau die Männer die Entscheidung trafen, wer entscheidet welche übrig bleibt, wer führte die Tötungen durch, töteten sie die Frauen ihrer eigenen Familien oder die der anderen? Die Frauen müssen mitbekommen haben was vor sich geht. Haben sie sich gewehrt? Haben sie versucht ihre Töchter zu schützen? Herodot berichtet einfach nur die Fakten, ohne jeglichen Kommentar, hier lernt Kapuściński weiterzugehen, nach Fragen zu suchen und Antworten zu finden in seiner Arbeit.

„Die Perser und die Franzosen wurden von derselben Leidenschaft angetrieben – erobern, erlangen, besitzen. Beide erleiden eine Niederlage, weil sie gegen das griechische Gesetz verstoßen, das Gesetz der Mäßigung: niemals zu viel zu wollen, nicht alles zu begehren.“

Kapuściński sieht Herodot und sich als Reporter die auf Begegnungen mit Menschen angewiesen sind. Zu Herodots Zeiten gab es keine andere Form der Kommunikation als der direkte Kontakt, er lebte in einer Zeit der mündlichen Weitergabe von Wissen, das sich hauptsächlich auf  die Erinnerung stützte. Er wusste wie fragil und unzuverlässig Erinnerungen sind und dennoch sammelte er das Wissen und ließ sich auch auf die Ungenauigkeiten ein.

„Alle Diktaturen bedienen sich eines solchen passiven Magmas. Damit ersparen sie sich teure Armeen bezahlter Polizisten. Sie brauchen nur auf diese Menschen zurückzugreifen, die nach etwas in ihrem Leben suchen. Ihnen das Gefühl zu geben, sie könnten sich nützlich machen, man würde auf sie zählen, sie wahrnehmen, ihnen Bedeutung beimessen.“

Das Einnehmen von unterschiedlichen Gesichtspunkten, die Wahrheit zu suchen, Quellen zu prüfen, das sind gemeinsame Werte und die Verbindungen, die Kapuscinski in seiner und Herodots Arbeit sieht.

Man könnte Kapuścińskis Buch einfach vordergründig für die Memoiren eines berühmten Reporters halten, der einigen historisch äußerst bedeutsamen Ereignissen beiwohnte.

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Aber Kapuścińskis Buch wirkt durch den Bezug auf Herodots Werk noch auf einem tieferen Level. Durch ihn zeigt der Journalist, wie wenig sich für den Einzelnen seit Herodot verändert hat, wann immer große geschichtliche Ereignisse auf ihn hereinbrechen.

„Wann immer man tote Tempel, Paläste, Städte betrachtet, stellt man sich die Frage nach dem Schicksal ihrer Erbauer. Nach ihren Schmerzen, den gebrochenen Rückgraten, den durch Steinsplitter verlorenen Augen, dem Rheumatismus. Nach ihrem unglücklichen Leben. Ihren Leiden. Und daraus ergibt sich die nächste Frage: hätten diese Wunderwerke ohne solches Leiden überhaupt entstehen können? Ohne die Peitsche der Aufseher? Ohne die Angst, die den Sklaven im Nacken saß? Ohne den Hochmut, der den Herrscher erfüllte? Wurden die großen Kunstwerke der Vergangenheit nicht gerade durch das hervorgebracht, was im Menschen negativ ist und böse? Andererseits: Sind sie nicht auch aufgrund der Überzeugung entstanden, daß das, was im Menschen negativ ist und schwach, nur durch die Anstrengung und den Willen, Schönes zu erschaffen? Und daß das einzige, was sich nie ändern wird, die Form des Schönen ist? Und das uns innewohnende Bedürfnis danach?“

Immer wieder pausiert Kapuściński, wenn er eine Geschichte über Herodot erzählt, um die Parallelen aufzuzeigen, die überall immer wieder auftauchen. Beispielsweise zum Ende des Buches hin, als der Journalist in Algier den Zusammenstoß zwischen dem toleranten Islam der Händler und Kaufleute und des fremdenfeindlichen Glaubens der Nomaden und Hirten diskutiert, nimmt er Bezug auf ähnlichen Erlebnisse des Herodot zu seiner Zeit.

„Er entschloß sich, vermutlich gegen Ende seines Lebens, ein Buch zu schreiben, da er wußte, daß er eine riesige Menge von Geschichten und Nachrichten zusammengetragen hatte, und wenn er die nicht in einem Buch festhielt, würde alles, was er bisher in seinem Gedächtnis gespeichert hatte, einfach verschwinden. Da haben wir wieder den Kampf gegen die Schwäche der Erinnerung, gegen ihre Flüchtigkeit, ihre immerwährende Tendenz, sich zu verwischen und zu verschwinden.“

„Eines zeichnet solche Individuen aus: Sie haben das unersättliche Wesen von Hohltieren, Schwämmen, die alles leicht aufsaugen und es ebenso leicht wieder abgeben. Sie behalten nichts länger für sich, und da die Natur keine Leere duldet, brauchen sie immer etwas Neues, müssen ständig etwas aufsaugen, ergänzen, vermehren, vergrößern. Herodots Denken ist nicht imstanden, bei einem Ereignis oder einem Land zu verweilen. 

Oder in einem Kapitel als Kapuściński im östlichen Mittelmeerraum unterwegs ist, liest er die Passagen, wo Herodot über die Verzweiflung eines Kriegers spricht, der ahnt, dass er kurz darauf in einem aussichtslosen Kampf fallen wird. Auch Kapuściński erlebt die Region in Unruhe, während seines Besuches und auch heute noch sterben – genauso sinnlos – nahezu jeden Tag Kämpfer in und um Syrien herum.

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„Herodot ist ein Kind seiner Kultur und der menschenfreundlichen Atmosphäre, in der sich diese entwickelt. Es ist eine Kultur der langen, gastlichen Tische, an denen Menschen an lauen Abenden gemeinsam sitzen, Käse und Oliven essen, kühlen Wein trinken und sich unterhalten. Dieser offene, von keinen Mauern begrenzte Raum am Meeresufer oder auf einem Berghang wirkt befreiend auf die menschliche Phantasie.“ 

Meine Reisen mit Herodot ist kein Buch für ungeduldige Leser und es ist eines, das es verdient, mehrfach gelesen zu werden. Ich habe auf jeden Fall Lust bekommen, mir auch einen Herodot für künftige Reisen zuzulegen.

Eine sehr schöne Besprechung des Buches findet sich auch bei Birgit von Sätze und Schätze.

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Be like Water

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Eigentlich verrückt, die Biografie eines Schauspielers und Kung Fu Meisters zu lesen, von dem man nicht einmal einen Film geschaut hat. Auf Lees Biografie bin ich durch mein Fangirling auf Maria Popovas Seite „Brainpicking“ gestoßen, die vor einigen Jahren schon über das Buch geschrieben und mich sehr neugierig gemacht hat. Hier könnt ihr den entsprechenden Beitrag von ihr dazu lesen.

Bruce Lee ist ein Name, den viele kennen und man hat ihn als Schauspieler in mittelprächtigen Kung Fu Filmen der 1970er Jahre abgespeichert. Ich war recht überrascht zu lesen, dass er sich intensivst mit fernöstlicher und westlicher Philosophie beschäftigt hat und sein „Be like water“ Zitat dürfte weltberühmt sein. Bruce Lee war ein sehr intensiver Mensch, mit unglaublich Präsenz sowohl persönlich als auch auf dem Bildschirm. Besonders symphatisch war mir seine unglaubliche Leidenschaft für das Lesen und das Lernen.

Er füllte eine Menge an Notizbüchern, in denen er sich viel mit Philosophie, den Büchern die er gelesen hatte und seiner Kampfsportart Kung Fu beschäftigte. In der Philosophie faszinierte ihn die Verbindung zwischen westlicher und fernöstlicher Lehre, die er für sich in eine ganz eigene persönliche Philosophie der Selbsterkenntnis verwandelte. Das Buch „Bruce Lee: Artist of Life“ gibt Einblicke in seine persönliche Weiterentwicklung und ist eine spannende Mischung aus Philosophie, Psychologie, Poesie, Kung Fu und Schauspielkunst.

“The ideal is unnatural naturalness, or natural unnaturalness. I mean it is a combination of both.
I mean here is natural instinct and here is control. You are to combine the two in harmony.
Not if you have one to the extreme, you’ll be very unscientific.
If you have another to the extreme, you become, all of a sudden, a mechanical man
No longer a human being.
It is a successful combination of both.
That way it is a process of continuing growth.
Be water, my friend.

In dem Band sind auch eine Auswahl von Lees Briefen an Freunde und Bekannte enthalten, in denen er äußerst eloquent seine Gedankengänge nachvollziehbar macht und stets wohlmeinende Empfehlungen und Tipps zur persönlichen Entwicklung weitergibt.

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Im Buch sind auch zahlreiche Variationen eines Textes, in dem er über Kung Fu schreibt, diese waren mir irgendwann etwas zu repetitiv, das ist aber mein einziger Kritikpunkt an diesem Band, der einen Einblick in seine spannende Persönlichkeit bietet.

Sein tragischer Tod mit nur 33 Jahren konnte nie komplett aufgeklärt werden. Studiobosse sollen ihn aus ästhetischen Gründen gebeten haben, sich die Unterarm Schweißdrüsen entfernen zu lassen. Es gibt Mutmaßungen, dass ein sehr anstrengendes Training ggf. zu Überhitzung und Kopfschmerzen führte, gegen die ihm eine Schauspiel-Kollegin das Schmerzmittel Equagesic gab. Er legte sich hin, kam nicht zum Dinner zurück und konnte auch nicht wieder aufgeweckt werden. Bei Ankunft im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Hier noch ein interessantes Interview mit Bruce Lee:

Direkt im Anschluß las ich „Ego is the Enemy“ von Ryan Holiday. Schon der Titel hätte Bruce Lee wahrscheinlich gefallen und dessen Interesse an Taoismus und Stoizismus hätte bestens zu Ryan Holiday gepasst, einem Autor, der sich als selbsternannter moderner Stoiker ausgiebig mit dieser Philosophieschule beschäfigt.

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Ryan Holiday beschäftigt sich mit dem Ego, unserem größten Feind. Es kann uns davon abhalten, Notwendiges zu lernen, weil wir uns überschätzen und uns damit selbst im Weg stehen, unsere Talente zu entwickeln. Ist man erfolgreich ist, besteht stets die Gefahr, die eigenen Fehler zu übersehen, läuft gerade vieles schief, kann das eigene Ego extrem hinderlich daran sein, es erneut zu versuchen.

Amor Fati – die Liebe zum (eigenen) Schicksal ist ein wichtiges Konzept für Holiday. Gerade die schwierigen Episoden in unserem Leben machen uns zu den Menschen, die wir sind. Häufig muss man erst einmal ganz tief fallen, bevor man in der Lage ist, über sich hinaus zu wachsen.

“Impressing people is utterly different from being truly impressive.”

„Ego is the Enemy“ erinnert uns daran, dass wir alle stinknormal sind. Keiner schuldet uns etwas, wir sind nicht weniger, aber auch nicht mehr als Sternenstaub. Wir sind Teil des Universums, von etwas, das soviel größer ist als wir selbst. Wer am Meer sitzt, in der Natur wandert oder die Sterne beobachtet, bekommt einen Eindruck davon wie klein und unwichtig wir eigentlich sind. Aber auch von der unglaublichen Schönheit um uns herum.

“Your potential, the absolute best you’re capable of—that’s the metric to measure yourself against. Your standards are. Winning is not enough. People can get lucky and win. People can be assholes and win. Anyone can win. But not everyone is the best possible version of themselves.”

Ein Buch das daran erinnert, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, uns um unsere Mitmenschen und die Natur zu kümmern, denn das Ego ist gar nix und Liebe ist Alles 😉

“When we remove ego, we’re left with what is real. What replaces ego is humility, yes—but rock-hard humility and confidence. Whereas ego is artificial, this type of confidence can hold weight. Ego is stolen. Confidence is earned. Ego is self-anointed, its swagger is artifice. One is girding yourself, the other gaslighting. It’s the difference between potent and poisonous.” 

 

 

Fräulein Nettes kurzer Sommer – Karen Duve

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Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war mir einzig dem Namen nach bekannt und dunkel erinnere mich an ihr Portrait auf einem DM-Schein, auf dem sie immer etwas vorwurfsvoll schaute, wenn man sie ausgeben wollte. Ich weiß, das Heerscharen von Schülern „Die Judenbuche“ gelesen haben, ich bin aber nie mit ihr konfrontiert worden während meiner Schulzeit. Das ist ja oft durchaus ein Vorteil, denn manche Schriftsteller werden einem durch den Deutschunterricht ja leider auch öfter mal gründlich versaut.

Diese Lücke wollte ich mit Karen Duves Roman „Fräulein Nettes kurzes Sommer“ nun endgültig stopfen und mich erst einmal über das Leben dieser Autorin kundig machen, bevor ich jetzt endlich auch mal etwas von ihr lese. Karen Duve erzählt die Geschichte der begabten Schriftstellerin die zu ihrer Zeit mit unglaublich vielen Widerständen kämpfen musste und zu deren Lebzeiten lange nicht viel für ihren posthumen Ruhm sprach.

Mir gefiel alleine zu Anfang schon die Beschreibung dieses schrecklichen Sommers, der dem großen Vulkanausbruch in Indonesien im Jahr 1815 folgte, als große Teile der Welt keinen wirklichen Sommer hatten und von Kälte, Regengüssen und daraus resultierenden Missernten heimgesucht wurden.

Die Beschreibung der Kutschfahrt durch schlammige völlig überflutete Wege bei Dauerregen war unglaublich bildhaft und als ich das Kapitel las, hatten wir in München auch gerade heftigste Regengüsse. Der an die Fenster prasselnde Regen war der perfekte Soundtrack für das Buch.

Duve läßt uns Annette von Drostes restriktives Leben miterleben, voller Empathie, aber ohne sie in eine Opferrolle zu stecken. Wilhelm Grimm bekommt regelrecht Panik, wenn er die Schriftstellerin nur sieht, neckt sie ihn doch häufig und bringt ihn wiederholt in Verlegenheit. Überhaupt ist Fräulein Nette ein komischer Vogel, finden ihre Verwandten, Freunde und Freundinnen. Sie schweigt nicht sittsam, mischt sich in die Unterhaltungen der Männer ein und das gar ohne die Stimmlage lieblich weiblich eine Oktave nach oben zu verlegen, sie strickt und stickt nicht gerne, schreibt ständig Gedichte und zieht lieber mit einem Hämmerchen bewaffnet in Steinbrüche, um dort nach Fossilien zu suchen. Und dann hat sie auch noch ein unerhörtes Interesse an Literatur, Politik, Geschichte. Wie unhöflich und seltsam.

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Foto: Wikipedia

Als Annette heranwuchs, gesellte sich zu der zerbrechlichen Konstitution ein heftiges und störrisches Wesen. Sie zeigte wenig Neigung, sich mit angemessenen Beschäftigungen aufzuhalten, stromerte in der matschigen Moorlandschaft herum, kam mit verkrusteten Stiefeln und Kleidersäumen zurück und schwänzte den Unterricht, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester und den beiden zur allseitigen Erleichterung schließlich doch noch geborenen Brüdern bei einem Hauslehrer nehmen durfte. Mathematik, Latein, Griechisch und Französisch waren keine selbstverständliche Ausbildung für junge Damen – Französisch ging gerade noch durch, Mathematik aber auf gar keinen Fall. Der Unterricht von Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln.“

Auch um ihren Gesundheitszustand steht es nicht zum Besten. Blind wie ein Maulwurf und daher stets mit Lorgnette in der Hand, häufig krank und dünn. Nein, mit Annette ist kein Staat zu machen, findet die Familie. Gut sie hat Talent, reimt ganz hübsche Gedichtlein, die sie an Geburtstagen vortragen darf, aber so wirklich begeistert ist man von ihrer Schreiberei nicht und versucht, sie ständig mit Blick auf ihren Gesundheitszustand am Lesen und Schreiben zu hindern.

Der labilen Konstitution ist es dann auch zu verdanken, dass sie mit ihrer Großmutter für ein paar Wochen in ein sterbenslangweiliges Kurbad reist, um dort ab 5 Uhr früh literweise gesundes Wasser zu trinken. Sehr seltsam fand ich, dass man zu dieser Zeit den „monatlichen Fluss“ mit der Lust an Brandstifterei in Verbindung brachte, wie dieses Zitat hier zeigt:

„Wie alt sind Sie jetzt? Dreiundzwanzig schon? Denken Sie an Heirat! Im wahren Ideal des Weibes findet kein Monatsfluss statt. Spüren sie manchmal die Neigung Feuer zu legen? Nein? Gut.“

Im Roman geht es hauptsächlich um den Sommer im Jahr 1820, als Annette nicht nur die Aufmerksamkeit eines Herrn erweckt, nein, gleich zwei scheinen von der vorlauten, aber interessanten Annette bezaubert zu sein. Da ist einmal der von ihrem nur wenige Jahre älteren Onkel protegierte Straube, ein Habenichts, den der Onkel für das größte Genie nach Goethe hält und der Adlige Arnwaldt, ein spiessiger Burschenschaftler mit wallender Frisur, der vorgibt Annettes Treue zu Straube testen zu wollen.

Eine schlimme Intrige entspinnt sich da in diesem Sommer, die nie ganz genau aufgeklärt werden konnte, die aber traurige Folgen für die Schriftstellerin haben wird, sich zum Glück aber nicht auf ihr kreatives Schaffen auswirkt.

Karen Duve erzählt diese Geschichte überaus plastisch, mit viel Zeitkolorit, in die sie viel Recherche gesteckt hat. Der Roman stützt sich auf umfassendes Material aus der Zeit, insbesondere auf Briefe, die man sich zu dieser Zeit ja reichlich geschrieben hat. Es tauchen eine Menge Figuren auf, unbekannte wie bekannte z.B. die Gebrüder Grimm, Heinrich Heine, der Dichter Kotzebue, der von einem radikalen jungen Studenten ermordet wird, Heinrich von Fallersleben und andere. So sehr das dem Zeitkolorit dient und man wirklich immens viel über die Zeit lernt, mir kam die eigentliche Protagonistin ein bisschen zu kurz.

Ich hätte gerne gewußt, was Droste-Hülshoff gelesen hat. Was, wann und wo hat sie geschrieben? Ich hätte gerne mehr von ihr und ihren Gedanken erfahren, das ging aber oft zugunsten der lärmenden studentischen Dauerplauderer, die sich durch die Bank weg für Genies hielten, unter.

Ich habe das Buch gerne gelesen, mir ist das Fräulein sehr ans Herz gewachsen und ich möchte auf jeden Fall noch mehr von und über sie lesen.

Fräulein Nettes kurzer Sommer ist im Galiani Verlag erschienen.

Eine weitere Rezension zum Roman findet ihr bei Sätze & Schätze.

ETA Hoffmann – Rüdiger Safranski

Wer wagt, durch das Reich der Träume zu schreiten, gelangt zur Wahrheit.

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ETA Hoffmann lebte von 1776 – 1822 in einer Zeit voller geistiger und historischer Umbrüche, ohne dessen Kenntnis die Bedeutung und das Verständnis seiner Werke nur schwer erfasst werden kann. Diese Biografie ist gleichzeitig sehr tiefgehend und dabei leicht lesbar, ich mochte sie stellenweise gar nicht aus der Hand legen. Hoffmann ist heute eigentlich fast ausschließlich durch sein literarisches Werk bekannt, dass er ein ebenso großer Musiker und Maler war, habe ich auch erst durch die Biografie erfahren. Jeder kennt wohl die Oper „Hofmanns Erzählungen“ oder das Ballett „Der Nußknacker und der Mäusekönig“ – dass diese aber von ETA Hoffmann verfasst wurden, wusste ich nicht.

Durch die Biografie bekommt man ein recht „persönliches“ Bild vom Autor. Er wuchs im Elternhaus seiner Mutter auf, die sich – ungewöhnlich für diese Zeit – recht früh von seinem Vater trennte. ETA wuchs dort mit den Schwestern seiner Mutter, seiner Großmutter und einem unverheirateten Onkel auf. Früh spürt Hoffmann die häusliche Enge, die finanziellen Mittel sind knapp und der hochintelligente Junge fühlt sich schon früh eingesperrt. Seine Familie drängt ihn, einen vernünftigen Brotberuf zu erlernen und er wird auch brav Jurist, genau wie sein Jugendfreund Hippel. Die umfangreiche Korrespondenz der beiden gibt Einblick in den Zwiespalt, den Hoffmann sein Leben lang spürt, der Zerrissenheit zwischen der Juristerei, die ihm Geld und gesellschaftlichen Halt verschafft und dem Bedürfnis, sein künstlerisches Ich auszuleben.

Er arbeite um 1800 als preußischer Regierungsrat in der polnischen Provinz, wo er bis zur Niederlage Preußens durch Napoleon 1806 blieb. Er hatte danach verschiedene Tätigkeiten inne als Komponist, Dirigent, Kritiker und Theaterdirektor. 1811 komponiert er das Ballet „Arlequin“ und 1816 die Oper „Undine“. Im Jahr 1813 ändert er seinen dritten Vornamen von Wilhelm zu Amadeus als Homage an Wolfgang Amadeus Mozart.

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1814-15 veröffentlicht Hoffmann die Phantasiestücke, die ihn als bekannten deutschen Autoren etablieren sollten. Er schrieb bis zu seinem Tod 2 Romane und mehr als 50 Kurzgeschichten, während er weiterhin seinem Broterwerb als Jurist  nachging. Insbesondere seine späteren Kurzgeschichten verschafften ihm großen Ruhm – insbesondere in England, den Vereinigten Staaten und Frankreich.

In seinen Geschichten kombiniert er Phantastisches mit lebendigen und überzeugenden Untersuchungen des menschlichen Charakters und Psychologie. Seine Protagonisten, oft Verrückte, Phantome, Geister oder Automaten, wandeln teils durch fiebrig mysteriöse Traumlandschaften, teils durch realistischen Alltag. Hoffmanns Kampf zwischen der idealen Welt der Kunst und seinem Alltag als Bürokrat macht sich in vielen seiner Geschichten bemerkbar.

„Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie in einem festgefrorenen Äther, der dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens deinem toten Körper gebietet.“

Seine beruflichen Stationen führen ihn aus der Provinz Polens über Warschau, Berlin, Bamberg nach Dresden, Leipzig und am Ende wieder nach Berlin, wo er im Jahr 1822 in Alter von nur 46 Jahren an einer fortgeschrittenen Lähmung starb, womöglich ausgelöst durch Syphilis oder ALS.

Safranski hat die Fähigkeit, komplexe Entwicklungen in ihren biografischen Kontexten spannend und unterhaltsam darzustellen. Ich habe bereits die eine oder andere weitere Biografie von ihm im Auge.

Ich glaube überdem, daß jede Einschränkung der Freiheit, sollte diese auch gemißbraucht werden, drückend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend, unausstehlich ist.

Kick-Ass Women – Mackenzie Lee

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Das es in der Weltgeschichte keine Heldinnen gegeben hat, ist natürlich Quatsch. Aber immer wieder hört man nur von den immer Gleichen, die alibimässig in überwiegend männerlastigen Listen auftauchen.

Mackenzie Liee hat in dieser herausragenden Sammlung 52 Frauen vorgestellt, die es verdienen, deutlich berühmter zu sein, als sie es tatsächlich sind. Frauen aus der ganzen Welt, aus unterschiedlichen Rassen und Klassen, die Krankheiten geheilt haben, Diktatoren überworfen, Unterdrückung widerstanden und sich erdrückenden Geschlechtsvorurteilen einer männlich dominierten Welt widersetzt haben.

Lee schreibt knapp und witzig, manchmal etwas flach, aber immer packend. Sie baut aus den kurzen umfassenden Biografien spannende Geschichten von Frauen die Heldinnen, Anführerinnen, Athletinnen oder auch Kriminelle sind. Die Frauen sind intelligent, gefährlich, mutig, verführerisch und vor allen Dingen durchbrechen sie die gläserne Decke aus Patriarchie und Vorurteilen.

Die 52 Frauen sind alle großartig, aber hier sind ein paar meiner Favoritinnen:

Hatschepsut, die erste Pharaonin, die nach dem Tod ihres Mannes den Thron bestieg, weil sie es konnte und die ihre Untertanen 22 Jahr erfolgreich führte.

Agnodike, die Frau, die sich als Mann verkleiden musste, um im antiken Athen Medizin studieren zu können.

Arawelo, die legendäre Königin von Somalia, die jegliche Stereotype über den Haufen warf und eine Regierung schuf ,die komplett aus Frauen bestand. Sie und ihr Kabinett zeigten den Männern was es tatsächlich heißt, den Haushalt eines Landes zu übernehmen.

Königin Christina von Schweden, die Beschützerin der Künste. Gelehrt und insbesondere an Naturwissenschaften interessiert. Sie befürwortete Religionsfreiheit und hatte keinerlei Interesse an der Ehe.

Irena Sendler war eine polnische Krankenschwester, die wahnsinnig mutig war und während des 2. Weltkriegs unter Einsatz ihres Lebens mehr als 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto rettete.

Das sind nur ein paar Beispiele der 52 wundervollen Portraits, jede der Frauen großartig farbenprächtig illustriert von Petra Eriksson.

Ich glaube, man merkt wie sehr mir dieses Buch gefallen hat. Kauft es euch, verschenkt es und gebt ihm einen besonders schönen Platz in eurem Regal. Dieses kleine Schatzkästchen voller Mut und Empowerment ist ein Denkmal für alle Frauen, die nach ihren eigenen Spielregeln spielen und die Pionierinnen waren in ihren jeweiligen Bereichen.

Aus dem Englischen von Jenny Merling erschienen im Suhrkamp Verlag, dem ich für dieses Rezensionsexemplar herzlich danke.

The Moth and the Star – Biography of Virginia Woolf

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Der erste Satz aus Aileen Pippetts Virginia Woolf Biografie hätte auch von mir sein können: Alles, was ich über Virginia Woolf wusste war, dass ich alles von ihr und über sie gelesen hatte und sie auf diese Weise irgendwie ein Teil meines Lebens war. Aber schon ab dem zweiten Satz war die Autorin uneinholbar für mich und ich wurde ein klein wenig grün vor Neid:

„I met her once, in a Bloomsbury attic, by candlelight, unexpectedly, at a small party some time in the middle nineteen-thirties. To me it was a memorable occasion, though I did nothing to make it so, being more than content to admire and observe and remain quieter than the mice behind the wainscoting, for I believed then, as I do still, that anything of importance an author has to say to a reader is to be found in books and heard in the privacy of the mind.“

Eine Biografin, die Virginia Woolf selbst kennengelernt hatte, das gefiel mir außerordentlich und hat ihr ein paar Vorschußlorbeeren eingebracht. Meine Erwartungen wurden aber durchaus erfüllt. Bei „The Moth und the Star“ handelt es sich um eine sehr lesenswerte Biografie voller Atmosphäre, die uns an der Kindheit und Jugend Virginias teilhaben lässt. Leise und heimlich heften wir uns an ihre Fersen, wenn sie den Gartenweg zu ihrem Schreibstudio entlanggeht, oder wir sie bei ihren ausgiebigen Spaziergängen an der Küste, durch die Straße Londons oder auf dem Land begleiten. Wir lernen ihre Bekannten kennen und ihre Freunde kennen.

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Das Portrait baut sich wie aus kleinen Mosaikstückchen zusammen. Wir lernen die Stephens Familie kennen, die „Bloomsberries“ (die von der Autorin gegen jegliche Abstempelung als hochmütige Elfenturmbewohner vehement verteidigt werden). Wir folgen Virginia Woolf durch Kew Garden, besuchen mit ihr Monks House (hier habe ich im Übrigen schon einmal über meinen Besuch in Monks House berichtet) und erleben die Freuden und Miseren einer sehr sensiblen, ätherisch wirkenden jungen Autorin, die die Literaturwelt revolutionierte.

Interessant fand ich auch ihr gemeinsames Schreiben mit E. M. Forster als Antwort auf die Öbszönitäts-Anklage gegen Radclyffe Hall:

“Writers produce literature, and they cannot produce great literature until they have free minds. The free mind has access to all knowledge and speculation of its age, and nothing cramps it like a taboo.”

Aileen Pippett verknüpft auf’s wunderbarste Virginia Woolfs Leben mit ihrer Arbeit wobei ihr als Quellen neben Woolfs Büchern und Tagebüchern auch die ausgiebige Korrespondenz zwischen Virginia und Vita Sackville-West dient. Der Frau, der sie mit „Orlando“ ein einzigartiges Denkmal gesetzt hat. Vitas Sohn beschrieb „Orlando“ später einmal als den längsten und schönsten Liebesbrief in der Literatur.

Die Biografie zeigt auch deutlich den Einfluss, die Faszination, den Verwandte und Freunde, ihre Arbeit in der Hogarth Press und überhaupt die Welt draußen auf Virginia Woolf ausübte. Doch immer wieder wird es alles zuviel, sie muss mit ihren Kräften haushalten, sie ist kränklich und fragil und wird immer wieder von Depressionen heimgesucht.

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Wolf in Monks House

Im März 1940 hat sie keinerlei Kraft mehr, gegen einen weiteren mentalen Zusammenbruch anzukämpfen. Sie hat Angst davor, verrückt zu werden. Sie schreibt einen Abschiedsbrief in ihrem Gartenhäuschen in Monks House, füllt ihre Taschen mit Steinen und ertränkt sich in dem kleinen Flüsschen Ouse ganz in der Nähe des Hauses.

„The Moth and the Star“ ist die gelungene Biografie von einer Zeitgenossin Virginia Woolfs. Das Buch bringt den Leser einer großen Schriftstellerin näher, ohne die Privatssphäre zu verletzen, die einem Menschen wie Virginia Woolf sicherlich durchaus wichtig gewesen wäre.

Darf es noch ein bisschen mehr sein? Dann findet ihr hier die Besprechung zu zwei ihrer Romane „Jacobs Room“ und Mrs Dalloway  und dem phänomenalen „A room of one’s own„. Dazu passt auch wunderbar ihr Briefwechsel mit Vita Sackville-West „Geliebtes Wesen„.

Ich würde gerne noch weitere Biografien über Virginia Woolf lesen – habt ihr Empfehlungen?

Dublin by the Book

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In keiner Stadt der Welt gibt es gefühlt mehr Orte, an denen berühmte Schriftsteller/-innen gesessen, gewohnt, getrunken und geschrieben haben, als in Dublin. Die ganze Stadt ist eigentlich eine riesige Bibliothek, nur gelegentlich von Pubs, Parks und Wohnhäusern unterbrochen.

Viel Zeit hatten wir zwar nicht, denn das Übernachten in Dublin ist erschreckend teuer geworden, aber wir haben in der kurzen Zeit doch viel gesehen und erlebt. Zeit zum Bücher gucken und kaufen und um das eine oder andere Guinness zu testen, hatten wir auch.

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Dublin war deutlich kleiner, als ich es von meinem letzten Besuch vor gefühlten 1000 Jahren in Erinnerung hatte. Wir wohnten ganz in der Nähe von Temple Bar und der erste Ausflug am frühen Morgen brachte uns zum Trinity College, wo ich natürlich die berühmte Bibliothek bewundern musste und die arme Bingereader Gattin mich nur unter Anstrengung sämtlicher Kräfte und dem Versprechen auf spätere Buchkäufe und Guinness wieder heraus bekam.

Ich kannte Fotos davon, dachte also durchaus zu wissen, was mich erwartet, aber als ich durch die Tür trat, war ich vollkommen von den Socken. Diese Bibliothek ist in Echt noch Tausendmal aufregender und schöner, als es auf dem besten Foto rüberkommt.

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Gegründet wurde sie 1592 und im sogenannten Long Room stehen an die 200.000 Bücher. Mit den Büchern wird auch durchaus noch gearbeitet, nach vorheriger Bestellung kann man als ganz normaler Student die Bände vor Ort unter entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen nutzen und damit arbeiten.

Schweren Herzens habe ich irgendwann die heiligen Hallen wieder verlassen und wir haben uns in Ruhe den Rest der Innenstadt rund um den Fluß Liffy herum angesehen. 1200px-HalfPennyBridge

Meinen Lieblingsbuchladen vom ersten Dublin Besuch habe ich auch wiedergefunden, den ich natürlich auch nicht ganz ohne Lektürenachschub verlassen konnte. Hier ein paar Impressionen, vielleicht versteht ihr dann, warum ich den Laden so gerne mag:

 

Die einzige kleine Enttäuschung, die wir hinnehmen mussten war, dass der „Literary Pub Crawl, den wir unbedingt am Abend machen wollten, ausgebucht war. Wir haben dann auf eigene Faust ein paar Pubs erkundet und fast jeder Pub hat eigentlich irgendeinen literarischen Bezug, ob der nun wirklich stimmt oder nicht 😉 Meiner Meinung sollte man insbesondere am Wochenende einen Bogen um Temple Bar machen, da ist es einfach nur mega voll und ein Junggesellen-Abschied jagt den nächsten und schöne, interessante Pubs gibt es in der ganzen Stadt.

Wir machten noch einen Abstecher ins Dublin Writers Museum. Das ist durchaus interessant, auch wenn man das Gefühl bekommen könnte durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum im Jahr 1981 gelandet zu sein.

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Natürlich bin ich nicht ohne entsprechende Reiselektüre nach Dublin gereist. Im Reisegepäck befand sich:

The Speckled People – Hugo Hamilton

Eine spannende irische Biografie, in der es nicht ständig regnet oder sich jemand zu Tode trinkt, das allein fand ich schon wunderbar. Hugo erzählt die Geschichte seiner Kindheit und die seiner Geschwister, die als Außenseiter in ihrem eigenen Land aufwachsen, da ihre Mutter Deutsche und ihr Vater ein stolzer irischer Unabhängigkeitskämpfer war, der so sehr hinter seinen Überzeugungen stand, dass er absolut verbot, dass irgendjemand in seinem Haushalt Englisch sprach. Der Vater war recht autoritär und streng, dennoch sind die Kinder in einem sehr liebevollen Haushalt aufgewachsen.

Insbesondere die Mutter war eine ganz tolle Frau, die sich in Deutschland sehr gegen die Nazis zur Wehr setzte und auf einer Pilgerfahrt durch Irland ihren künftigen Mann trifft und mit ihm in Irland bleibt. Sie ist warmherzig, unterstützt ihren Mann und ihre Kinder, ohne dabei ihre Eigenständigkeit aufzugeben und ist einfach eine ganz tolle Mutter (so eine hätte ich auch gerne gehabt).

Das Buch ist stellenweise traurig und manche Charaktere nerven ab und an, aber es ist auch ganz oft sehr lustig und aufmunternd.

“Maybe your country is only a place you make up in your own mind. Something you dream about and sing about. Maybe it’s not a place on the map at all, but just a story full of people you meet and places you visit, full of books and films you’ve been to. I’m not afraid of being homesick and having no language to live in. I don’t have to be like anyone else.“

Einen wirklich ulkigen Zufall erlebte ich, als ich am Montag nach unserer Dublin-Reise auf dem Weg zur Arbeit am öffentlichen Bücherschrank vorbeiging und dort tatsächlich den zweiten Band der Biografie entdecke. Konnte es erst gar nicht glauben. Im Flugzeug hatte ich noch gesagt, das mir das Buch so gut gefällt, ich würde unbedingt auch den zweiten Teil lesen wollen und peng! steht es am nächsten Morgen im Regal.

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Der Matrose im Schrank

Der zweite Teil seiner Memoiren dreht sich um seinen Übergang von seiner strikten Kindheit in Dublin in seine unabhängigere Jugend. Der Titel bezieht sich auf Hugos väterlichen Großvater John Hamilton, der starb, während er in der Royal Navy diente. Hugos Vater hat ein Foto seines Vaters in seiner Uniform ganz hinten in seinem Kleiderschrank versteckt, da Hugos Vater jegliche Form von Service unter den Briten für Vaterlandsverrat hält. Hugo fühlt sich diesem verhassten Großvater nahe und er kämpft weiterhin mit widerstreitenden Gefühlen, wo er jetzt eigentlich hingehört. Er arbeitet im Hafen des Ortes als Fischer und ist ständig dabei, die Grenzen seines Vaters auszutesten.

Auch wenn mir der erste Band ein ganzes Stück besser gefallen hat, kann ich beide Bücher absolut empfehlen. Sie geben einen guten Einblick in die irische Nachkriegsgeschichte und erzählen die spannende Biografie eines zeitgenössischen irischen Autoren.

“People say you’re born innocent, but it’s not true. You inherit all kinds of things that you can do nothing about. You inherit your identity, your history, like a birthmark that you can’t wash off. … We are born with our heads turned back, but my mother says we have to face into the future now. You have to earn your own innocence, she says. You have to grow up and become innocent.”

Entgegen jeglichen Klischees hat es das ganze Wochenende nicht einen Tropfen Regen gegeben. Wir würden einen Wochenendtripp nach Dublin jedem Buchliebhaber empfehlen!

Kennt ihr Dublin? Was sind eure liebsten Ecken dort? Was sollte ich mir bei einem nächsten Besuch unbedingt noch ansehen?