Von Männern, die keine Frauen haben – Haruki Murakami

Murakami

Was ist das nur mit mir und Haruki Murakami ? Ich habe einige Lieblingsautoren, von denen ich vieles lese, Neuerscheinungen sofort in Augenschein nehme, mit denen ich für gerne mal ein Bier trinken gehen würde – aber mit Murakami ist das alles ganz anders.

Seine Bücher brauche ich, die haben mich so ganz sachte, langsam, einfach komplett süchtig gemacht. Seine Protagonisten fühlen sich an wie meine dunkle Seite des Mondes.

„Von Männer, die keine Frauen haben“ beinhaltet 7 Kurzgeschichten. Bei dem Titel hatte ich anfangs eine andere Vorstellung von dem, was mich erwartet, denn Japan hat ja bekanntlich eine hohe Anzahl an jungen Single-Männern, die ewig im Kinderzimmer wohnen bleiben, häufig auch keinen Job haben und irgendwie aus dem Leben gefallen sind. Die Männer in Murakami’s Buch sind anders.

Sie sind schon eher der typische Murakami-Typ. Durchaus unterschiedliche Charaktere und unterschiedliche Lebensstile, aber alle doch irgendwie selbstgenügsam, leise, auf eine nicht zu unnahbare Art stoisch und freundlich. Was sie eint ist das aus der Bahn fliegen. Es erwischt sie alle irgendwann und fast immer ist es eine Frau, die ihr ruhiges Fahrwasser ins Strudeln bringt.

Die meisten Geschichten sind sehr in der realen Welt angesiedelt, ganz selten nur bekommt die Realität wie in „Kinos Bar“ haarfeine Risse. Es geht um das Verlieren, das Verlassenwerden und das nicht festhalten können. Vom Lieben und Betrügen.
In jedem der Protagonisten meint man, ein Stück vom Autor zu sehen.

In „Drive my Car“ geht um einen Schauspieler, der alkoholbedingt seinen Führerschein verloren hat, sich daher eine Fahrerin nimmt und ihr erzählt, dass er sich nach dem Tod seiner Frau mit deren Liebhaber angefreundet hat.
„Will man einen anderen Menschen wirklich verstehen, kann man nur möglichst ehrlich und tief in sich selbst hineinschauen. Das ist meine Ansicht.“

„Yesterday“ kannte ich schon. Die Geschichte war vor ein paar Monaten im New Yorker veröffentlicht worden. Sie handelt von einem Studenten, der sich an seinen seltsamen Freund Kitaru erinnert der besessen vom Kansai Dialekt war, obwohl er in Tokyo geboren war. Kitaru bittet den Studenten, sich mit seiner Freundin Erika zu treffen und kurz darauf verschwinden beide aus dem Leben des Studenten.
„Es war ein weiteres meiner Probleme, dass ich immer über Gründe nachgrübelte, auch wenn alles längst entschieden war.“
„Wie Bäume harte Winter überstehen müssen, um groß und kräftig zu werden. Wenn das Klima immer mild und heiter ist, entwickeln sie keine Jahresringe.“

In „Das eigenständige Organ“ treffen wir den erfolgreichen Schönheitschirurgen Dr. Tokai. Sein Leben ist geregelt wie ein Uhrwerk, dank seines zuverlässigen Sekretärs. Stets hat er 4-5 Freundinnen nebeneinander, ist zu jeder gleich liebenswürdig und charmant, er hat sein Leben im Griff bis er sich urplötzlich verliebt und das geht nicht gut aus für ihn.
„Keine Operation vermochte es, intellektuelle Fähigkeiten zu verbessern“
„Die Kinder waren, solange sie klein waren, recht niedlich, aber kaum kamen sie auf die Mittel- oder Oberschule, hassten sie ausnahmslos alle Erwachsenen, bereiteten aus Rache und Verachtung die peinlichsten Probleme und strapazierten erbarmungslos die Nerven und Verdauungsorgane ihrer Eltern.“

„Scheherazade“ ist die Frau die sich vollumfassend um einen Mann kümmert, der sich in einem Haus versteckt halten muss. Sie kauft für ihn ein, kümmert sich in jeder Hinsicht um sein leibliches Wohlund nach jedem vollzogenen Akt erzählt sie ihm eine Geschichte. Er hat keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren, sollte sie eines Tages einfach nicht mehr auftauchen.
„Es ist ja eigentlich nicht so, dass ich tatsächlich allein auf einer einsamen Insel wäre. Ich bin selbst eine einsame Insel. Er hatte sich längst daran gewöhnt, allein zu sein. Er drehte nicht leicht durch, obwohl er allein war. Was Habara in Unruhe versetzte, war, dass er, wenn es zu so etwas käme, sich nicht mehr im Bett mit Scheherazade würde unterhalten können.“
„Dabei wußte er, dass die Wirklichkeit bisweilen wirklichkeitsfern ist.“

In meiner Lieblingsgeschichte „Kinos Bar“ wirft es den Sportartikel-Vertreter Kino aus der Bahn, als er seine Frau beim Fremdgehen erwischt. Er schmeisst seinen Job, lässt sich scheiden und eröffnet eine kleine Bar. Diese Geschichte ist 150% Murakami. Die Jazz-Musik, die traurige Frau, die in seine Bar kommt, mit ihm Sex hat, aber in einer gewalttätigen Beziehung mit einem anderen ist. Die Katze, die ihm Gesellschaft leistet und ein seltsamer Gast, der ein Auge hat auf Kino und seine Bar. Und dann kommen die Schlangen und Kino muss eine Weile fort.
Die Atmosphäre ist großartig. Ich habe die Geschichte jetzt schon ein paar mal gelesen und immer wieder bekomme ich am Ende Heimweh nach Kinos Bar und möchte zurück.
„In seiner Bar, in die keine Gäste kamen, hörte Kino seit Langem einmal wieder so viel Musik, wie er wollte, und las die Bücher, die er immer hatte lesen wollen. Wie ein ausgedörrter Boden den Regen nahm Kino das Alleinsein, die Stille und die Einsamkeit ganz natürlich in sich auf.“

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Und mit diesem einen Satz beschreibt er exakt was ich fühle, wenn ich Murakami lese. Ich habe durch das Lesen die Möglichkeit zumindest eine Zeit lang so zu sein, kann mir Alleinsein, Stille und Einsamkeit über die Lektüre zuführen. Murakami sollte es in einer Welt, in der man immer erreichbar ist, immer on – auf Rezept geben. Er lässt uns auf Zeit aussteigen aus dem Krach, der Hektik, dem Trubel und eintauchen in die einsame Stille der Murakami’schen Welt.

Die beiden letzten Geschichten „Samsa in Love“ und die titelgebende „Von Männern, die keine Frauen haben“ waren für den Moment nicht so meines. Sie sind bizarrer als die anderen und ich werde sie auf jeden Fall noch einmal lesen.
„Samsa in Love“ ist großartig geschrieben, aber mein ausgedörrter Boden brauchte momentan eher die ersten 5 Geschichten – die letzten beiden werden aber sicher zu einer anderen Zeit das richtige für mich sein.

Ein grandioser Kurzgeschichten-Band, auch für Leute, die Kurzgeschichten vielleicht sonst nicht so gern lesen.

„Im Grunde bedeutet eine Frau zu verlieren genau dies. Frauen schenken uns besondere Momente, in denen sie für uns mitten in der Wirklichkeit die Wirklichkeit außer Kraft setzen.“

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3 Kommentare zu “Von Männern, die keine Frauen haben – Haruki Murakami

  1. Wunderbar geschrieben. Murakami ist einer von den Autoren, dessen Bücher ich mit tiefer, seufzender Dankbarkeit schliesse. Nur Kurzgeschichten mag ich im allgemeinen nicht. Meine Lieblinge sind Kafka am Strand, Gefährliche Geliebte und aktuell die Pilgerjahre. Und ich bin immer wieder dem Dumont Verlag sehr dankbar für die schönen Einbände. Schon deshalb entscheide ich mich bei Murakami immer gerne fürs gedruckte Buch.

  2. Danke für deine differenzierte Sicht auf die neuen Kurzgeschichten. Ich bin wie du seit Jahren eine von Murakami sehr faszinierte Leserin. Allerdings enttäuschte mich der letzte Roman „Pilgerjahre“. Als ich dann die Erzählungen mit dem gleichen Verlagsdesign und dem Plastikeinband in der Hand hielt, konnte ich das erste Mal einem Bücherkauf (von Murakami) wiederstehen. Dein Beitrag ermuntert mich allerdings, den Geschichten doch eine Chance zu geben…

  3. Hmm – ich mochte auch die Pilgerjahre gerne, wenngleich ich den Roman nicht für eines seiner stärkeren Werke halte. Aber ich freue mich, dass Du den Kurzgeschichten doch eine Chance geben willst.

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