Day 6 – It’s a mystery

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So heute mal auf deutsch. Ich liebe Regeln brechen, selbst die die ich selbst gebastelt hab.

Die „Wilde Schafsjagd“ ist ein Trip der ganz besonderen Art. Ein Mix aus Detektivgeschichte, Mystery/Phantasieroman mit einem Schuss Philosophie, japanischem Dosenbier, einfachem Essen, Ohren und Katzen.

Es fängt alles reichlich harmlos an. Der typische Mittzwanziger Murakami Protagonist – dieses Mal ein Angestellter in einer Werbeagentur – hatte eine Liebesaffäre in seiner Jugend mit einer Frau die acht Jahre später stirbt. Am gleichen Tag an dem er von ihrem Tod erfährt, verlässt ihn seine Frau. Das kümmert ihn nicht großartig und er fängt eine Affäre mit einer Frau an die Ohren-Modell ist.

Der Protagonist bekommt eine Postkarte von einem Freund und ohne sich großartig Gedanken darum zu machen nutzt das Bild auf der Postkarte Werbeimage für eine Versicherungsfirma. Was er nicht ahnt ist, dass das harmlos scheinende Foto eines Schafes mit einem Stern auf dem Rücken die Aufmerksamkeit eines Mannes im Dunkeln weckt der ihm ein heftiges Ultimatum stellt: entweder er findet genau dieses Schaf oder er muss mit schrecklichen Konsequenzen rechnen.

Damit beginnt für unseren armen Protagonisten ein Abenteuer, dass seine bisherige Welt komplett auf den Kopf stellt. Es führt ihn aus dem urbanen Tokio in die abgelegene verschneite Bergwelt Nord-Japans wo er nicht nur mit dem ominösen mysteriösen Schaf konfrontiert wird, aber auch mit seinen eigenen innewohnenden Dämonen.

Er verlässt mit seiner Freundin die Stadt um das Schaf zu finden, sie kommen zu einem seltsamen Hotel wo sie einen Mann treffen, dessen Bewusstsein auf seltsame Weise mit dem magischen Schaf verschmolzen ist. Er lässt sie einen Schäfer suchen, der sie zu dem Ort bringen kann, auf das Foto vom Schaf entstanden ist.

Sie finden ihn auch tatsächlich und er fährt sie zu einem Anwesen in den Bergen das dem Foto gleicht. Das Haus ist leer, war aber kürzlich noch bewohnt. Sie finden alte Bücher, eine Gefriertruhe mit Essen, Bierkisten und eine Schallplattensammlung. Die Freundin verlässt den Protagonisten ohne Ankündigung und er bleibt alleine in dem Anwesen, hört sich durch die Plattensammlung, trink und futtert die Vorräte auf und wartet drauf das irgendwas passiert.

Würden wir uns das nicht alle irgendwie wünschen? Das uns einfach irgendein Schicksal dazu zwingt ein paar Tage nichts weiter zu tun als zu lesen, Musik zu hören, zu essen und zu trinken? Außerhalb von Murakami-Romanen heißt das Wellness und es ist ja meine feste Überzeugung, dass diese immer wiederkehrenden Situationen ein ganz tiefes Bedürfnis bei den Lesern erfüllen. Diese Freiheit einfach nur zu sein, nichts Großartiges zu erleben – was würde ich dafür geben für eine Weile mal der Protagonist in einer von Murakamis Büchern zu sein.

Nach den paar Tagen Wellness allerdings bekommt er Besuch vom Schafsmann (der sich selbst so bezeichnet) und dann wird es noch ein bisschen abgedrehter falls das möglich ist 😉

Die „Wilde Schafsjagd“ gehört mit zum abgefahrensten und besten was Murakami geschrieben hat. Wie Raymond Chandler und Acid oder Murakami eben auf Dosenbier. Jeder Satz sitzt und es sind insbesondere die kleinen Dinge in der Geschichte die diesen Roman ganz besonders unvergesslich machen. Wie er die Stimmung, die Atmosphäre einzufangen weiß. Jeder Raum, jede Stille, jede Begegnung hat perfekt nuancierte Charakteristika, die fabelhaften Bilder und erstaunlichen Landschaftsbeschreibungen sind voller wunderschöner Metaphern.

Aber eigentlich liest man das, fühlt sich pudelwohl in dieser verrückten Welt, dann wacht man auf und fragt sich – was zur Hölle war das denn? Und vielleicht wundert man sich noch, warum man ein paar Tage lang leicht zusammenzuckt wenn man Fotos von Schafen sieht.

Aber die Murakami Fans sind das ja gewohnt 😉

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

 

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The Thief – Fuminori Nakamura

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„Was the young man’s fate really controlled entirely but the nobleman? Or was being controlled by the nobleman the young man’s fate?“

Während unseres Urlaubs in Japan hatte ich zeitweise Panik, nicht genug Bücher dabei zu haben und obwohl Japan ein absolutes Buch-Mekka ist, musste ich nach einem Laden, der auch englischsprache Bücher führt, ganz schön Ausschau halten. Als ich dann einen fand, war der gigantisch und ich hätte mich ohne Probleme tagelang darin verirren können.

Murakami und Yoshimoto hatte ich natürlich reichlich dabei, es musste also etwas anderes frisches japanisches her und da stolperte ich über Fuminori Nakamura, dessen Bücher mir in zahllosen japanischen Läden aufgefallen waren und den ich dort auch in englischer Ausgabe fand. Letztlich hatte ich doch genug zu lesen dabei, Nakamura flog also ungelesen mit mir zurück und da gleich nach meiner Rückkehr unsere jährliche Bücherwahl im Bookclub anstand, schlug ich Nakamura vor und er wurde auch prompt gewählt, allerdings musste ich jetzt fast ein Jahr warten, bis er endlich dran war.

Aber gleich vorneweg – das Warten hat sich gelohnt: Nakamura beschert uns mit dem Tokioer Taschendieb Nishimura einen Anti-Helden par excellence und beschäftigt sich darüberhinaus auf interessante Weise mit den Themen Schicksal und Manipulation.

In diesem Noir-Thriller hat die Unterwelt wenig von dem düsteren Glamour, der sonst häufig in der Anti-Helden Welt zu finden ist. Hier werden sowohl die Kriminellen als auch deren Opfer vom Schicksal ordentlich in die Mangel genommen. Nakamura zeichnet ein emphatisches Porträt eines einsamen Mannes, dessen Lebenswille erzwungenermaßen im letzten Moment wieder rausgekitzelt wird.

Der Dieb ist ein Künstler seines Faches und dabei ein heimlicher Robin Hood. Er stiehlt nur von den Reichen, ohne Gewalt anwenden zu müssen und schickt die gestohlenen Brieftaschen per Post zurück, nachdem er das Geld heraus genommen hat. Für den besonderen Kitzel nimmt er manchmal auch nur einen Teil des Geldes raus und steckt die Brieftasche zurück, ohne dass das Opfer merkt bestohlen worden zu sein.

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Nishimura hat seine Prinzipien und eines davon ist seine Unabhängigkeit. So wenige persönliche Bindungen wie möglich. Seine verheiratete Liebhaberin hat ihn gerade verlassen, als er auf eine junge Mutter mit ihrem Sohn trifft. Er überrascht die beiden beim Ladendiebstahl und hilft ihnen, den Detektiv loszuwerden. Der kleine Sohn ist einigermassen talentiert und zöglichlich nimmt er den Jungen unter seine Fittiche. Wenn er ihn nicht dazu bringen kann aufzuhören mit dem Stehlen, dann will er ihn zumindest vernünftig ausbilden.

„If you can’t stop the light from shining in your eyes, it’s best to head back down in the opposite direction“

Als Nishimura mit den Yakuza, der japanischen Mafia, in Kontakt kommt (meine Interpretation, die Organisation wird nicht explizit genannt) gerät er in eine Spirale der Gewalt und der Düsterkeit.

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Man erfährt meist nur Bruchstücke und der unzuverlässige Erzähler der Geschichte bleibt durch die Geschichte hindurch distanziert. Die Sprache ist kühl und einfach, die Geschichte düster, streckenweise liest es sich wie ein Filmscript und ich hoffe auch sehr auf eine Verfilmung.

Eine verstörender Einblick in eine einsame, sich teilweise selbstverleugnende Persönlichkeit. Das Buch wollte mich gar nicht mehr loslassen. Dies wird nicht mein letzter Nakumara bleiben. Ich freue mich, dass bereits 4-5 weitere Bücher von ihm übersetzt wurden.

Im deutschen ist das Buch unter dem Titel „Der Dieb“ im Diogenes Verlag erschienen.

Japan by the Book – Teil 2

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Welcome back. Nach Bergen, Natur und Hinterland wurde es Zeit, sich wieder den urbanen Ecken Japans zu nähern. Natur ist schön und gut, allzulange halte ich es jedoch ohne Stadt und Menschen nicht aus. Unser nächstes Ziel war Kyoto, die ehemalige Hauptstadt. Eine Stadt die überall als die hübschere kleine Schwester Tokyos gehandelt wird und auf die wir sehr gespannt waren. Begrüßt wurden wir allerdings mit strömendem Regen und unfreiwilligen Abenteuern mit Taxi-Fahrern, der kompliziertesten Spezies der wir in Japan begegnet sind 😉

Alle Taxifahrer die wir gesehen haben, waren ausnahmslos alte Männer, weiß behandschuht in blitzsauberen Taxis, die mit weißen Häkeldeckchen verziert waren. Ein Schild weist meist auf „foreign friendly english speaking Taxi“ hin, davon haben wir nur leider nichts gemerkt. Keiner der Taxifahrer sprach auch nur ein Wort Englisch. Der erste Fahrer in Kyoto (wie erwähnt sehr sehr alt) dem wir unsere Ziel-Adresse (extra in japanisch) hinhielten, schüttelte den Kopf, griff zu einer riesigen Lupe, um dann endlos in einem Stadtplan nach der Adresse zu suchen, während er pausenlos auf japanisch auf uns einplauderte um uns dann nach etwa 10 min resigniert aus dem Taxi zu schicken.

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Nächster Versuch. Wieder zurück in die Taxischlange und die Hoffnung, der nächste würde die Adresse lokalisieren können. Es war nicht einmal sehr weit weg vom Bahnhof Kyoto, nur die Sturzbäche, die runtergingen, ließen uns weiterhin auf ein Taxi hoffen. Der nächste wieder alt und weiß behandschuht, schüttelt den Kopf, plaudert japanisch mit uns, aber dann fährt er doch irgendwann los – juhu – bis zur nächsten Polizeistation, wo wir schon befürchteten, verhaftet zu werden für Irreführung von Taxifahrern oder Verweigerung der japanischen Sprache, aber nein, er liess sich nur den Weg erklären und zack ging es endlich ins angemietete AirBnB.

Ein Wort noch zur unglaublichen Ehrlichkeit der Japaner. Es scheint nahezu keine Kriminalität zu geben (abgesehen ggf. von der Yakuza (japanische Mafia) von der wir im Alltag allerdings nichts mitbekommen haben. Der Taxifahrer schaltete auf halber Strecke den Meter aus, damit wir nicht für seine Orientierungslosigkeit zahlen müssen, uns wurden T-Shirts kilometerweit nachgefahren, die wir in einem der Ryokans haben liegen lassen. Nicht eine Sekunde kommt einem die Idee, in den überfüllten U-Bahnen könnte einem jemand den Geldbeutel stehlen – ein wirklich unglaublich sicheres und ehrliches Land.

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Literarisch habe ich mich in Kyoto von Banana Yoshimoto begleiten lassen. „Amrita“ ist die Geschichte einer jungen Japanerin, die trotz diverser Schicksalsschläge nicht aufgibt, weiterhin sehr offen ist und ein großes Herz hat. Sakumi, die Protagonistin hat bei Beginn des Buches nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Schwester, eine Schauspielerin, verloren, sie selbst erleidet Hirnverletzungen bei einem Unfall. Das alles ist aber weniger tief und dramatisch, als man vielleicht befürchtet. Sakumi lebt mit und in ihrer ungewöhnlichen Familie zu der ihre Mutter, ihr kleiner Bruder und eine Freundin der Mutter gehören und mit ihnen begibt sie sich auf eine Reise durch Trauer und Leiden, verlorenen und weidergefundenen Erinnerungen, verbotene Liebe und erlebt auf einer einsamen kleinen Insel im Pazifik eine intensive Zeit.

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Nach ein paar spannenden Tagen in Kyoto brachte uns der Shinkansen nach Kobe. Eine wunderschöne kleine Hafenstadt und zugleich der Geburtsort von Haruki Murakami. Wir haben uns dort so wohl gefühlt, dass wir unsere Pläne umwarfen und dort unser Basislager aufschlugen, um von dort Ausflüge zu machen, aber nicht mehr alle 2-3 Tage die Unterkunft zu wechseln.

Mir ist erst in Japan klar geworden, wie außergewöhnlich Murakami und auch Yoshimoto sind, wie sehr ihre Protagonisten und vermutlich auch sie selber als Individuen unterwegs sind, in einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Konformität legt.
Man sieht das bespielsweise daran, dass es in den Städten überall dort voll ist, wo es Geschäfte gibt, oder Restaurants oder an designierten Sehenswürdigkeiten, ist etwas nicht als Sehenswürdigkeit deklariert, dann ist da auch niemand. Niemand und ich meine niemand. Wir haben in Tokyo in der „Golden Week“ das Rathaus anschauen wollen, in der Ecke ist einiges an wirklich beeindruckender Architektur zu sehen, zwei Straßen weiter ist man von den Menschenmassen erdrückt worden, aber Rathaus und die anderen Gebäude gelten nicht wirklich als „Sehenswürdigkeit“ und zack waren wir komplett alleine da, das fühlte sich richtig seltsam an 😉

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Von William Gibsons „Idoru“ habe ich mich in der letzten Woche begleiten lassen. Sein „Blade Runner“ ist ja fast schon synonym mit dem Cyper-Tokyo der Zukunft. Aber auch „Idoru“ spielt im Tokyo der Zukunft nach dem katastrophalen Riesen-Erdbeben. Nano-Technologie führt dazu, dass die Gebäude sich selbst errichten, ein melancholischer Protagonist fegt durch das neonfarbene japanische Wunderland auf der Suche nach Arbeit. Colin Laney ist ein Datenfischer, einer der Muster in den Daten erkennt, die Individuen in der Datenwelt hinterlassen. „Idoru“ beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, inwieweit Prominente natürliche Ressourcen sind, die man anzapfen kann und darf, ein Gemeingut sozusagen.

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Die Menschen in der Geschichte sind alle auf der Suche nach etwas das „echt“ ist, mit dem sie sich wirklich verbunden fühlen können und gleichzeitig ist es die Geschichte von Rez, einem Rock Star, der sein Management und seine Fans mit der Nachricht schockt, eine softwarebasierte Lebensform namens Rei Toei – ein Idoru – heiraten zu wollen.

Film-Fans werden insbesondere in Tokyo immer wieder auf Orte stoßen, die man aus Filmen kennt. Sei es der Moment, wenn man auf die Autobahntrasse fährt, die man aus Tarkovskys „Solaris“ kennt:

oder ob man sich in der Lost in Translation Hotel-Bar einen Cocktail oder zwei gönnt:

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Godzilla begegnet man natürlich auch auf Schritt und Tritt:

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Unser leztes großes Abenteuer in Japan war der Besuch des Universal Pictures Themepark. Ich war mehr als skeptisch und hätte mir nie träumen lassen, wieviel Spaß ich dort haben würde. Spätestens als wir auf einmal in Hogsmeade standen, war ich wieder 9 und konnte vor Aufregung kaum gerade aus laufen. Zum Glück hatten wir uns Speed Tickets gegönnt, denn selbst Harry Potter zuliebe hätte ich mich wohl nicht 160 Minuten irgendwo angestellt. Aber der 3D-Ride war unglaublich und das abgefahrenste, beste und aufregenste was ich jemals gefahren bin.

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Sayonara Japan es war wunderschön. Es war einer der außergewöhnlichsten und aufregendsten, aber auch teuersten Urlaube meines Lebens und ich bin froh, dass ich durch die Literatur wenigstens im Geiste auch weiterhin ab und an eine Stipvisite machen kann.

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Banana Yoshimoto – „Amrita“ ist im Diogenes Verlag erschienen
William Gibson „Idoru“ ist auf deutsch unter dem gleichen Titel bei Heyne erschienen

Wenn der Wind singt/Pinball 1973 – Haruki Murakami

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Das ist voll und ganz Murakami und zwar von der ersten Seite. Das ist bei seinem Erstling kein langsames Rantasten, kein Entdecken von ersten Murakami-Anzeichen, für mich war er von Anfang an gleich da, so wie man ihn kennt. Vielleicht etwas weniger surreal, als in vielen anderen Büchern, aber sein letztes Buch „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ war ja auch relativ geradlinig.

Wer hier jetzt eine maximal objektive Kritik auf die sehnsüchtig erwartete Übersetzung seines Debüts erwartet, der sollte schnell weiterziehen, für den gibt es hier nichts zu sehen. Ich gestehe es vollkommen schamlos ein – ich bin ein Fan. Ein Fan der jedes seiner Bücher verschlingt, sie sicherlich nicht komplett kritiklos durch die Bank weg alle gleich gut findet, ich habe meine Lieblinge, aber wirklich nicht-mögen, das kam einfach noch nicht vor.

Auf „Wenn der Wind singt/Pinball 1973″ habe ich lange gewartet. Seine Weigerung, das Buch außerhalb Japans veröffentlichen zu lassen, hat natürlich auch noch mal zusätzlich Sehnsüchte bei mir ausgelöst und jetzt endlich ist es da. Ich habe es schon vor ein paar Wochen gelesen, war ständig auf der Suche nach einem Flipperautomaten als passendes Hintergrundmotiv für das Foto, musste aber feststellen, die Flipperzeiten sind wohl rum. Bin in den letzten 4 Wochen ja ziemlich rumgekommen, aber keinen Flipperautomaten gefunden. Nicht in Köln, nicht in Berlin, nicht in Hamburg und auch nicht in Dresden. Und zu Hause in München auch nicht. Also mußte Ferienhund „Bonnie“ als Model herhalten 😉 Sie schläft im Übrigen nachts besonders gut ein, wenn man ihr Murakami vorliest.

„Ja, ganz klasse, und wenn wir kein Geld haben, weinen wir vor Freude.“

„Das rieche ich. Wie Reiche andere Reiche riechen, können Arme andere Arme riechen.“

Im Vorwort erzählt Murakami wie er zum Schreiben gekommen ist. Während eines Baseballspiels im Jingu Stadium im Jahr 1978 während eines besonders guten Schlages (Schlag oder Wurf, jesses Baseball ist eindeutig NICHT meine Disziplin) hat er urplötzlich die Eingebung: Ich glaube, ich könnte einen Roman schreiben. Und so nebensächlich diese Begebenheit erscheint, ich finde sie total bezeichnend für Murakami. Seine knapp 30-jährigen Protagonisten driften auch einfach so durchs Leben, haben irgendwann plötzlich mehr oder weniger seltsame Begegnungen oder Erlebnisse, die sie in die in unweigerlich folgende mehr oder weniger surreale Abenteuer stürzen.

„Wenn der Wind singt“, ist die Geschichte eines namenlosen Studenten, der die Semesterferien in seinem Heimatort verbringt. Er trifft sich regelmässig mit seinem besten Freund „Ratte“, einem Mädchen das nur vier Finger hat und einem Barkeeper. „Pinball 1973″ geht drei Jahre später weiter. Der Student lebt nun in Tokio, „Ratte“ wartet zu Hause in der Bar immer noch aufs Leben. Es wird so ausgiebig und wunderbar geflippert, wie wohl niemals wieder in der Literatur und ich habe solche Lust drauf bekommen.

Ich war mal richtig gut im Flippern. Erinnere mich noch bestens an den Star Trek Flipper in Hamburg-Dehnheide und meine nächtlichen Flipper-Marathons. Wirklich traurig, das ich es über Wochen nicht geschafft habe einen Automaten zu finden. Die können doch nicht ernsthaft ausgestorben sein. Falls irgendjemand von Euch weiß, wo ich meine Flipperlust mal wieder ausleben könnte, Tipps bitte umgehend an mich 😉

„Wir schlugen in einer dunklen Ecke der Bar die Zeit mit Flippern tot. Die Zeit war mit tonnenweise Kleingeld erkauft, kein gutes Geschäft. Aber Ratte nahm wie immer alles sehr ernst, weshalb es beinahe ein Wunder war, dass ich von den sechs Spielen an diesem Abend zwei gewann.“

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Foto: venturebeat.com

„Wenn der Wind singt/Pinball 1973“ sind wie Murakami sagt, wichtig für ihn. Sie haben eine wichtige Rolle für seinen Erfolg gespielt und „kommen ihm vor wie Freunde von früher“. So wird es wahrscheinlich auch den meisten Lesern gehen. Die beiden kurzen Romane kommen einem unheimlich vertraut vor und wir lernen „die Ratte“ kennen und Js Bar, die in Murakamis „Wilde Schafsjagd“ vorkommt, der Roman, der ihn 1982 erstmals einem breiten Publikum zugänglich machte. Der Roman, den Murakami oft als den eigentlichen Beginn seiner Karriere bezeichnet.

„Alle Ströme seines Bewußtseins, die sich nicht in Einklang bringen ließen, liefen plötzlich in verschiedene Richtungen auseinander. Ratte hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis sie sich wieder zu einem vereinigten. Im Augenblick waren es nur dunkle Flüsse, die auf die endlose Weit des Meeres zuströmten. Vielleicht würden sie nie wieder zusammenkommen. Sich vorzustellen, dass das nach fünfundzwanzig Jahren alles gewesen war. Da konnte man sich doch nur fragen, was das sollte. Ratte wußte es nicht. Eine gute Frage, aber keine Antwort. Auf gute Fragen gab es nie Antworten.“

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Im Guardian habe ich diesen sehr treffenden Vergleich gefunden: Murakamis books are like … „Raymond Chandler were writing scripts for David Lynch to direct with Yasujirō Ozu: super-elliptical pop-noir for the twentysomething well-to-do“

Neueinsteigern in Murakamis Welt würde ich diese beiden kurzen Romane erst einmal nicht empfehlen, da gibt es bessere, um ihn kennen- und liebezulernen. Für Fans aber ein wunderbares kleines Goldnugget, das einem nicht fehlen darf.

Sich lieben – Jean-Philippe Toussaint

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Vor ein paar Monaten bin ich im Feuilleton über Toussaint gestolpert, hatte noch nie von ihm gehört, aber sein neu erschienener Roman „Nackt“ hat mich neugierig gemacht und der Begriff Roman-Tetralogie klang spannend. Ja und dann fällt mir der erste Band „Sich lieben“ auch noch im offenen Bücherschrank in die Hände. Wenn das kein Zeichen ist 😉

Interessanterweise kurz nach „Takeshis Haut“ wieder ein Roman, der in Tokio spielt, das war aber eher der zufälligen Reihenfolge meines SUBs zu verdanken, als irgendeiner bestimmten Planung und wieder schwankte der Boden und mit ihm die inneren Welten der Protagonisten.

Sich lieben“ erinnert am Anfang sehr an den Film „Lost in Translation“. Die Modeschöpferin Marie befindet sich mit dem Ich-Erzähler in einem Hotel in Tokio. Es wird nicht ganz klar, welche Verwicklungen zur Trennung führen, aber diese scheint unausweichlich zu sein.  Die beiden haben ein letztes Mal Sex, der jedoch von einem eingehenden Fax jäh gestört wird.

„Es braucht Zeit, um den Menschen nicht mehr zu lieben, den man nicht mehr liebt.“

„Aber wie oft haben wir uns nicht schon zum letzten Mal geliebt?“ Ich weiß es nicht, häufig. Häufig…

„An jenem Tag, da Marie mir vorschlug, sie nach Japan zu begleiten, begriff ich, daß sie bereit war, auf dieser großen Tour unsere letzten Liebesreserven zu verheizen.

„… denn so wie die Nähe uns zerriß, so hätte uns die Ferne wieder nähergebracht.“

Touissant erzählt lakonisch und reduziert von dieser Trennung. Immer weiter schält er das Eigentliche aus der äußeren Handlung heraus, entledigt sich lässig aller unwichtigen Nebensächlichkeiten und dringt zum Kern vor. Eine Reise zum Mandelkern der Angst vor dem Verlassen und dem Verlassenwerden.

Die beiden lieben sich noch, aber stets mehr, je weniger sie tatsächlich zusammen sind. Nähe ist Gift für ihre Beziehung. Je mehr man von den beiden erfährt, desto weniger versteht man sie, desto unklarer werden ihre Beweggründe.

Der erste Teil liest sich fast quälend. Quälend im Sinne von, ich habe das alles irgendwie körperlich als quälend empfunden. Ihre Übermüdung, da sie seit fast 48 Stunden auf den Beinen sind und doch gönnen sie sich keinen Schlaf. Irren durch Tokio, gehen ins Hotelzimmer, schlafen miteinander, werden vom Fax unterbrochen, trennen sich. Er bricht in den Wellnessbereich ein, schwimmt eine Runde, geht in Hose, Tshirt und Hotelschlappen in die Lobby und trifft dort Marie im Abendkleid, ebenfalls in Hotelschlappen die das Coitus-Interrupti-Fax an der Rezeption holt. Sie gehen spazieren in der eiskalten Nacht. Es schneit, sie verirren sich, die Schlappen weichen durch und die Erde bebt wieder, sie küssen sich, lieben sich fast auf offener Straße, kurz darauf streiten sie sich wieder.

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Foto: Matt Allison

Irgendwann geht er wirklich. Reist ab zu einem Freund nach Kyoto und erst da konnte ich wieder durchatmen. Die Luft scheint freier zu sein ohne Marie und auch, wenn er grippekrank im Bett liegt und von Kyoto und seinem Freund nicht viel mitbekommt, so spürt man doch, wie gut und wichtig diese Distanz ist.

„Ich versuchte, der Gewalt der Gefühle, die mich zu Marie trugen, zu widerstehen, aber natürlich war es bereits zu spät, ihr Charme war erneut in Aktion getreten, und ich fühlte, daß ich mich wieder einmal in die Spirale hineinziehen lassen würde, diese Spirale wenn nicht der inneren Zerrissenheit und der Dramen, so doch der Leidenschaft.“

Solche Beziehungen sind wie Kerzen, die an beiden Enden brennen. Sie brennen irre hell, aber nicht dauerhaft und meist brennt einer zuerst aus und kann nicht mehr. Doch die Illusion, die Macht der Liebe könnte die immer wiederkehrenden Schmerzen und die Unerträglichkeit eines solchen Zusammensein überwinden, hält sich lange und wieder und wieder gibt man der Liebe eine Chance.

Nach „Sie lieben“ kommen die Bände „Fliehen“, „Die Wahrheit über Marie“ und „Nackt“  – Toussaint zieht einen in den Bann und man will mehr, tiefer eindringen in das Marie-Universum, die Neonlichter Tokios und bei dem Paar sein, dem die Trennung nicht so recht gelingen will. Mehr verstehen oder auch nicht, ich bin auf die kommenden Bände sehr gespannt.

Takeshis Haut – Lucy Fricke

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Eigentlich war ja der Plan, dieses Jahr nach Japan zu reisen, doch dann hat die Vernunft gesiegt und es wird noch ein weiteres Jahr eisern gespart, damit wir dann nächstes Jahr gleich ein paar Wochen lang im Land herumreisen können. So lange wollte ich jetzt aber doch nicht warten auf „Takeshis Haut“, denn ich war sehr gespannt darauf.

Obwohl ich mich für Japan interessiere, mit Herrn Murakami einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller aus dem Land kommt, weiß ich nicht wirklich viel darüber. Kirschblüten, Kimonos, Herr Murakami, Frau Yoshimoto, leckeres Essen und die Bilder aus Tokio die man so kennt.

Daher große Vorfreude bei mir auf Lucy Frickes Buch, ein Weihnachtsgeschenk über das ich mich sehr gefeut habe, denn die Geschichte klingt ziemlich ungewöhnlich. Eine Geräuschemacherin namens Frida verschlägt es für die Vertonung von Filmaufnahmen nach Japan. Sie reist ohne große Erwartungen hin, sieht es hauptsächlich einfach als Arbeitsauftrag und merkt plötzlich, das Japan ganz anders klingt. Auf ihren Aufnahmen meint Frida ein Geräusch zu hören, das nicht dort hingehört, das sie ängstigt und es irgendwie bedrohlich durch ihren Körper zu rollen scheint. So recht will und kann ihr keiner glauben.

Ihr Auftraggeber in Deutschland vermittelt ihr mit Takeshi einen Begleiter, der ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen soll in Japan. Die beiden teilen bald nicht nur jede Menge Dosenbier miteinander, sondern auch das Bett. Er zeigt und erzählt ihr viel über seine Heimat, über sich selbst eher weniger.

„Er war so wenig Mann und sie so sehr Frau“

Die Geschichte spielt im Frühling 2011 und während Fridas Aufenthalt kommt es zur Katastrophe von Fukushima und ihr Leben gerät endgültig aus den Fugen. Wie ein Seismograph spürt der Roman die verschiedenen Erschütterungen auf. Die inneren und die äußeren. Sie bleibt trotz der Katastrophe, obwohl es bebt und schwankt und Frida droht den Boden unter den Füßen zu verlieren, ihre Stabilität, die sie auch so attraktiv für Takeshi macht.

„Wir akzeptieren das Unvermeidliche, in der Hoffnung, dass es nie passiert.“

Zurück in Deutschland erlebt sie die Deutschen, die nahezu in Panik sind, obwohl das Unglück soweit weg ist. Ganz im Gegensatz zu den Japanern, die versuchen schnellstmöglich in ihren gewohnten Alltag zurückzukommen. Freunde weichen aus Angst vor Strahlung vor ihr zurück, am Flughafen wird sie mit Geigerzähler empfangen.

Ob es ihr gelingen wird, in ihr altes Leben mit ihrem langjährigen Freund zurückzukehren, werde ich nicht verraten. Erst einmal kehrt sie zurück in ihr Haus, in dem es ebenfalls bebt durch die Bauarbeiten in der Nähe und durch das ein riesiger Riss geht.

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Fricke selbst trat nur wenige Wochen nach der Fukushima Katastrophe ein Stipendium am Goethe-Institut in Kyoto an. „Takeshis Haut“ ist ein Roman mit einer ganz und gar außergewöhnlichen Atmosphäre. Man muss in der richtigen Stimmung sein, um den Roman geniessen zu können. Die Sprache kann man aber jederzeit genießen. Lucy ist schon teilweise ein depressives Miststück, Takeshi manchmal ein bisserl sehr Film noir tragisch. Macht aber nix.

Ein bewegender Roman – hätte ich vorher nicht schon riesige Lust gehabt, nach Japan zu fahren, jetzt habe ich noch viel mehr. Ob es dort bebt oder nicht.

„Takeshis Haut“ ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Mister Aufziehvogel – Haruki Murakami

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Der Titel des Buches „Mister Aufziehvogel“ bezieht sich auf einen merkwürdigen Vogel, den nie jemand tatsächlich zu Gesicht bekommt und dessen Ruf irgendwie ein Überbringer schlechter Nachrichten zu sein scheint. Die Geschichte ist nicht einfach wiederzugeben. Man wird von Anfang an in eine Art hypnotischen Strudel hineingezogen, in dem sich das Suchen nach verschwundenen Katzen, Menschen, Gegenständen im Zentrum befindet.

Toru Okada, ein Mann in Tokio Anfang 30, hat keinen Job, keinerlei Ambitionen und eine Ehe, die langsam aber sicher zerbröselt. Als ihre Katze verschwindet, sucht er auf Anraten seiner Frau Hilfe bei dem merkwürdigen Geschwisterpaar Malta und Kreta Kano, die ihm ab da weder im echten Leben, noch im Traum,  von der Seite weichen.

Seine Frau verlässt ihn plötzlich und ohne jegliche Erklärung, er hängt viel mit einer pupertierenden Schulabbrecherin ab, die sich unaufhörlich mit dem Tod beschäftigt und die für eine Perückenfabrik arbeitet.

„Neugier kann manchmal den Mumm aus seinem Versteck hervorlocken, ihm vielleicht sogar einen richtigen Schubs geben. Aber Neugier verfliegt in der Regel bald. Mumm braucht Durchhaltevermögen.“

Toru versucht seine Frau zu finden, versucht all die verschiedenen Sachen zu verstehen, die ihm in letzter Zeit so passiert sind und um besser nachdenken zu können, begibt er sich auf den Boden eines Brunnens in der Nachbarschaft. Dort unten in der absoluten Einsamkeit macht er bizarre Erfahrungen, die wirklich sind oder auch nicht. Er wird irgendwann von Kreta Kano gerettet und im Laufe der Geschichte verbringt Toru mehr und mehr Zeit im Hotel oder in einem mysteriösen Hotelzimmer, das vermutlich nur in seiner Phantasie existiert. Es wird immer schwieriger zu unterscheiden, was wirklich ist und was nicht.

„Die Zeit entzieht in der Regel den meisten Dingen ihr Gift und macht sie harmlos“

Murakami versteht es meisterhaft Flashbacks, Träume, Zeitungsartikel, Internet Chats, Briefe und Berichte in seine Geschichte einzubauen. Bei keinem anderen seiner Bücher die ich bisher gelesen habe (eine ganze Reihe!) habe ich mich so sehr an Kafka erinnert gefühlt.

Sehr viele meiner ähnlich Murakami-besessenen Freunde haben mir immer wieder prophezeit, das Mister Aufziehvogel auch mein Lieblings-Murakami werden wird. Ist er nicht geworden. Ich finde den Roman phantastisch, werde ihn sicherlich auch irgendwann noch einmal lesen, aber sei es aus unbewusster Rebellion oder aus welchen Gründen auch immer, aber mein Lieblings-Murakami ist nach wie vor „Kafka am Strand“ wenngleich ich unmöglich wirkliche eine nachhaltige Platzierung vornehmen könnte, die Positionen würden je nach Tagesform ständig wechseln, da bin ich mir sicher.

Die Frauen in seinen Büchern sind immer die stärkeren, geheimnisvolleren die regelmässig verschwinden und auf deren Suche der meist recht antriebslose Protagonist gehen muss.

Murakami lesen und ganz besonders auch den Aufziehvogel ist, als würde man sich auf eine Achterbahnfahrt durch die Träume eines anderen Menschen bewegen. Das mag man oder eben auch nicht. Einige dieser Bilder lassen mich gar nicht mehr los. Einige sind wiederkehrende Motive seiner Bücher und ich bekomme die verwinkelten labyrinthartigen Hotelflure nicht mehr aus dem Kopf, den trockenen Brunnen, den Vogel in der merkwürdigen Gasse, die keinen Durchgang hat, der Rossini pfeifende Kellner, das Teenager-Mädchen beim ewigen Sonnenbad in den verwunschen anmutenden Gärten und leider vergesse ich auch das Hautabziehen am lebendigen Leib nicht mehr.

„Je beschränkter der geistige Horizont eines Mannes ist, desto mehr Macht kann er in einem Land gewinnen.“

Hier ist noch eine weitere sehr schöne Rezension des Buches.

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Foto: Designtaxi