Japan by the Book – Teil 2

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Welcome back. Nach Bergen, Natur und Hinterland wurde es Zeit, sich wieder den urbanen Ecken Japans zu nähern. Natur ist schön und gut, allzulange halte ich es jedoch ohne Stadt und Menschen nicht aus. Unser nächstes Ziel war Kyoto, die ehemalige Hauptstadt. Eine Stadt die überall als die hübschere kleine Schwester Tokyos gehandelt wird und auf die wir sehr gespannt waren. Begrüßt wurden wir allerdings mit strömendem Regen und unfreiwilligen Abenteuern mit Taxi-Fahrern, der kompliziertesten Spezies der wir in Japan begegnet sind 😉

Alle Taxifahrer die wir gesehen haben, waren ausnahmslos alte Männer, weiß behandschuht in blitzsauberen Taxis, die mit weißen Häkeldeckchen verziert waren. Ein Schild weist meist auf „foreign friendly english speaking Taxi“ hin, davon haben wir nur leider nichts gemerkt. Keiner der Taxifahrer sprach auch nur ein Wort Englisch. Der erste Fahrer in Kyoto (wie erwähnt sehr sehr alt) dem wir unsere Ziel-Adresse (extra in japanisch) hinhielten, schüttelte den Kopf, griff zu einer riesigen Lupe, um dann endlos in einem Stadtplan nach der Adresse zu suchen, während er pausenlos auf japanisch auf uns einplauderte um uns dann nach etwa 10 min resigniert aus dem Taxi zu schicken.

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Nächster Versuch. Wieder zurück in die Taxischlange und die Hoffnung, der nächste würde die Adresse lokalisieren können. Es war nicht einmal sehr weit weg vom Bahnhof Kyoto, nur die Sturzbäche, die runtergingen, ließen uns weiterhin auf ein Taxi hoffen. Der nächste wieder alt und weiß behandschuht, schüttelt den Kopf, plaudert japanisch mit uns, aber dann fährt er doch irgendwann los – juhu – bis zur nächsten Polizeistation, wo wir schon befürchteten, verhaftet zu werden für Irreführung von Taxifahrern oder Verweigerung der japanischen Sprache, aber nein, er liess sich nur den Weg erklären und zack ging es endlich ins angemietete AirBnB.

Ein Wort noch zur unglaublichen Ehrlichkeit der Japaner. Es scheint nahezu keine Kriminalität zu geben (abgesehen ggf. von der Yakuza (japanische Mafia) von der wir im Alltag allerdings nichts mitbekommen haben. Der Taxifahrer schaltete auf halber Strecke den Meter aus, damit wir nicht für seine Orientierungslosigkeit zahlen müssen, uns wurden T-Shirts kilometerweit nachgefahren, die wir in einem der Ryokans haben liegen lassen. Nicht eine Sekunde kommt einem die Idee, in den überfüllten U-Bahnen könnte einem jemand den Geldbeutel stehlen – ein wirklich unglaublich sicheres und ehrliches Land.

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Literarisch habe ich mich in Kyoto von Banana Yoshimoto begleiten lassen. „Amrita“ ist die Geschichte einer jungen Japanerin, die trotz diverser Schicksalsschläge nicht aufgibt, weiterhin sehr offen ist und ein großes Herz hat. Sakumi, die Protagonistin hat bei Beginn des Buches nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Schwester, eine Schauspielerin, verloren, sie selbst erleidet Hirnverletzungen bei einem Unfall. Das alles ist aber weniger tief und dramatisch, als man vielleicht befürchtet. Sakumi lebt mit und in ihrer ungewöhnlichen Familie zu der ihre Mutter, ihr kleiner Bruder und eine Freundin der Mutter gehören und mit ihnen begibt sie sich auf eine Reise durch Trauer und Leiden, verlorenen und weidergefundenen Erinnerungen, verbotene Liebe und erlebt auf einer einsamen kleinen Insel im Pazifik eine intensive Zeit.

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Nach ein paar spannenden Tagen in Kyoto brachte uns der Shinkansen nach Kobe. Eine wunderschöne kleine Hafenstadt und zugleich der Geburtsort von Haruki Murakami. Wir haben uns dort so wohl gefühlt, dass wir unsere Pläne umwarfen und dort unser Basislager aufschlugen, um von dort Ausflüge zu machen, aber nicht mehr alle 2-3 Tage die Unterkunft zu wechseln.

Mir ist erst in Japan klar geworden, wie außergewöhnlich Murakami und auch Yoshimoto sind, wie sehr ihre Protagonisten und vermutlich auch sie selber als Individuen unterwegs sind, in einer Gesellschaft, die so viel Wert auf Konformität legt.
Man sieht das bespielsweise daran, dass es in den Städten überall dort voll ist, wo es Geschäfte gibt, oder Restaurants oder an designierten Sehenswürdigkeiten, ist etwas nicht als Sehenswürdigkeit deklariert, dann ist da auch niemand. Niemand und ich meine niemand. Wir haben in Tokyo in der „Golden Week“ das Rathaus anschauen wollen, in der Ecke ist einiges an wirklich beeindruckender Architektur zu sehen, zwei Straßen weiter ist man von den Menschenmassen erdrückt worden, aber Rathaus und die anderen Gebäude gelten nicht wirklich als „Sehenswürdigkeit“ und zack waren wir komplett alleine da, das fühlte sich richtig seltsam an 😉

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Von William Gibsons „Idoru“ habe ich mich in der letzten Woche begleiten lassen. Sein „Blade Runner“ ist ja fast schon synonym mit dem Cyper-Tokyo der Zukunft. Aber auch „Idoru“ spielt im Tokyo der Zukunft nach dem katastrophalen Riesen-Erdbeben. Nano-Technologie führt dazu, dass die Gebäude sich selbst errichten, ein melancholischer Protagonist fegt durch das neonfarbene japanische Wunderland auf der Suche nach Arbeit. Colin Laney ist ein Datenfischer, einer der Muster in den Daten erkennt, die Individuen in der Datenwelt hinterlassen. „Idoru“ beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, inwieweit Prominente natürliche Ressourcen sind, die man anzapfen kann und darf, ein Gemeingut sozusagen.

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Die Menschen in der Geschichte sind alle auf der Suche nach etwas das „echt“ ist, mit dem sie sich wirklich verbunden fühlen können und gleichzeitig ist es die Geschichte von Rez, einem Rock Star, der sein Management und seine Fans mit der Nachricht schockt, eine softwarebasierte Lebensform namens Rei Toei – ein Idoru – heiraten zu wollen.

Film-Fans werden insbesondere in Tokyo immer wieder auf Orte stoßen, die man aus Filmen kennt. Sei es der Moment, wenn man auf die Autobahntrasse fährt, die man aus Tarkovskys „Solaris“ kennt:

oder ob man sich in der Lost in Translation Hotel-Bar einen Cocktail oder zwei gönnt:

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Godzilla begegnet man natürlich auch auf Schritt und Tritt:

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Unser leztes großes Abenteuer in Japan war der Besuch des Universal Pictures Themepark. Ich war mehr als skeptisch und hätte mir nie träumen lassen, wieviel Spaß ich dort haben würde. Spätestens als wir auf einmal in Hogsmeade standen, war ich wieder 9 und konnte vor Aufregung kaum gerade aus laufen. Zum Glück hatten wir uns Speed Tickets gegönnt, denn selbst Harry Potter zuliebe hätte ich mich wohl nicht 160 Minuten irgendwo angestellt. Aber der 3D-Ride war unglaublich und das abgefahrenste, beste und aufregenste was ich jemals gefahren bin.

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Sayonara Japan es war wunderschön. Es war einer der außergewöhnlichsten und aufregendsten, aber auch teuersten Urlaube meines Lebens und ich bin froh, dass ich durch die Literatur wenigstens im Geiste auch weiterhin ab und an eine Stipvisite machen kann.

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Banana Yoshimoto – „Amrita“ ist im Diogenes Verlag erschienen
William Gibson „Idoru“ ist auf deutsch unter dem gleichen Titel bei Heyne erschienen

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7 Kommentare zu “Japan by the Book – Teil 2

  1. Dein Bericht über Japan ist wirklich wunderschön und sehr interessant. Ich habe das Land vor vielen Jahren besucht und es kommt mir vor als würde ich einige Erlebnisse noch einmal erleben. Der „Blitz“ schnelle Zug in den die Menschen gestossen wurden, damit es schneller ging ist mir schon vor 40 Jahren unter die Haut gegangen. Haruki Murakami ist auch wirkllich ein guter Tipp. 🙂

  2. Das liest sich großartig …wenn mir jetzt ein paar Sushi aus dem Bildschirm purzeln würde, das tät mich nicht wundern – mir war gerade, als hätte ich hier Japan live 🙂 Das Godzillafoto ist klasse 🙂

  3. Illusionen möchte ich nicht zerstören, aber es gibt Kriminalität. Unterschwellig und sie wird m.E. nicht verfolgt. An einem Abend in Roppongi wurden uns unverhohlen auf der Straße Drogen angeboten, mehrfach wurde ich von betrunkenen Sarariman (Salaryman) sowohl abends in der U-Bahn als auch beim Streifzug durch Shinjuku in der Nähe eben jener Lost in Translation Bar belästigt. Einfach unschön.
    Unabhängig davon liest sich der zweite Teil Deines Reiseberichts wohltuend und ich bin froh, dass Du eine schöne Zeit in Japan hattest.
    Den Ausblick vom Rathaus in Shinjuku hätte ich im übrigen auch empfohlen.

    Liebe Grüße
    Midori

  4. Super spannend zu lesen für jemanden wie mich, der noch nie in Japan war und sich das auch nicht unbedingt trauen würde! Das klingt wirklich wie auf einem anderen Planeten 🙂

  5. Godzilla – super!!! Die Leute haben ja einen – wenn auch manchmal für uns etwas merkwürdigen – Humor. Yakuza darf man wohl nicht unterschätzen, ansonsten ja, Japan ist ein irre sicheres Reiseland. Ich war zwar noch nie da, aber alle Freunde berichten, dass sie sicher durch ein Umland reisen, in dem die englische Sprache irgendwann wegrieselt und man eben auf die Leute vor Ort angewiesen ist. Ich selbst würde wahrscheinlich nur in die großen Städte reisen, weil ich große Städte liebe und die in Japan wirklich riesig sind. Danke für den tollen Bericht!

  6. Wieder ein sehr schöner Bericht 😀 Die Buchtipps werden sofort notiert. Und dass ich die Szene aus Solaris gesehen und darin japanische Schriftzeichen erkannt habe, ist gerade erst ein paar Wochen her und fühlt sich noch sehr frisch an 🙂

    Über Japan und das Dilemma mit Taxifahrern habe ich mal gelesen und erzählt bekommen, dass es daran liegt, dass die Straßen in Japan historisch gewachsen sind. Das heißt hier Straßenzüge und einzelne Blöcke und Hausnummern rausgenommen, da eine neue Straße durchgezogen, usw. Dadurch lässt man sich wohl am besten immer den Weg aufmalen und hat oftmals auf Visitenkarten kleine Wegepläne. Dass sich aber Navis nicht durchgesetzt haben, wundert mich doch …

  7. Pingback: 2016 – Das Jahr in Büchern | Binge Reading & More

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