Wenn der Wind singt/Pinball 1973 – Haruki Murakami

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Das ist voll und ganz Murakami und zwar von der ersten Seite. Das ist bei seinem Erstling kein langsames Rantasten, kein Entdecken von ersten Murakami-Anzeichen, für mich war er von Anfang an gleich da, so wie man ihn kennt. Vielleicht etwas weniger surreal, als in vielen anderen Büchern, aber sein letztes Buch „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ war ja auch relativ geradlinig.

Wer hier jetzt eine maximal objektive Kritik auf die sehnsüchtig erwartete Übersetzung seines Debüts erwartet, der sollte schnell weiterziehen, für den gibt es hier nichts zu sehen. Ich gestehe es vollkommen schamlos ein – ich bin ein Fan. Ein Fan der jedes seiner Bücher verschlingt, sie sicherlich nicht komplett kritiklos durch die Bank weg alle gleich gut findet, ich habe meine Lieblinge, aber wirklich nicht-mögen, das kam einfach noch nicht vor.

Auf „Wenn der Wind singt/Pinball 1973“ habe ich lange gewartet. Seine Weigerung, das Buch außerhalb Japans veröffentlichen zu lassen, hat natürlich auch noch mal zusätzlich Sehnsüchte bei mir ausgelöst und jetzt endlich ist es da. Ich habe es schon vor ein paar Wochen gelesen, war ständig auf der Suche nach einem Flipperautomaten als passendes Hintergrundmotiv für das Foto, musste aber feststellen, die Flipperzeiten sind wohl rum. Bin in den letzten 4 Wochen ja ziemlich rumgekommen, aber keinen Flipperautomaten gefunden. Nicht in Köln, nicht in Berlin, nicht in Hamburg und auch nicht in Dresden. Und zu Hause in München auch nicht. Also mußte Ferienhund „Bonnie“ als Model herhalten 😉 Sie schläft im Übrigen nachts besonders gut ein, wenn man ihr Murakami vorliest.

„Ja, ganz klasse, und wenn wir kein Geld haben, weinen wir vor Freude.“

„Das rieche ich. Wie Reiche andere Reiche riechen, können Arme andere Arme riechen.“

Im Vorwort erzählt Murakami wie er zum Schreiben gekommen ist. Während eines Baseballspiels im Jingu Stadium im Jahr 1978 während eines besonders guten Schlages (Schlag oder Wurf, jesses Baseball ist eindeutig NICHT meine Disziplin) hat er urplötzlich die Eingebung: Ich glaube, ich könnte einen Roman schreiben. Und so nebensächlich diese Begebenheit erscheint, ich finde sie total bezeichnend für Murakami. Seine knapp 30-jährigen Protagonisten driften auch einfach so durchs Leben, haben irgendwann plötzlich mehr oder weniger seltsame Begegnungen oder Erlebnisse, die sie in die in unweigerlich folgende mehr oder weniger surreale Abenteuer stürzen.

„Wenn der Wind singt“, ist die Geschichte eines namenlosen Studenten, der die Semesterferien in seinem Heimatort verbringt. Er trifft sich regelmässig mit seinem besten Freund „Ratte“, einem Mädchen das nur vier Finger hat und einem Barkeeper. „Pinball 1973″ geht drei Jahre später weiter. Der Student lebt nun in Tokio, „Ratte“ wartet zu Hause in der Bar immer noch aufs Leben. Es wird so ausgiebig und wunderbar geflippert, wie wohl niemals wieder in der Literatur und ich habe solche Lust drauf bekommen.

Ich war mal richtig gut im Flippern. Erinnere mich noch bestens an den Star Trek Flipper in Hamburg-Dehnheide und meine nächtlichen Flipper-Marathons. Wirklich traurig, das ich es über Wochen nicht geschafft habe einen Automaten zu finden. Die können doch nicht ernsthaft ausgestorben sein. Falls irgendjemand von Euch weiß, wo ich meine Flipperlust mal wieder ausleben könnte, Tipps bitte umgehend an mich 😉

„Wir schlugen in einer dunklen Ecke der Bar die Zeit mit Flippern tot. Die Zeit war mit tonnenweise Kleingeld erkauft, kein gutes Geschäft. Aber Ratte nahm wie immer alles sehr ernst, weshalb es beinahe ein Wunder war, dass ich von den sechs Spielen an diesem Abend zwei gewann.“

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Foto: venturebeat.com

„Wenn der Wind singt/Pinball 1973“ sind wie Murakami sagt, wichtig für ihn. Sie haben eine wichtige Rolle für seinen Erfolg gespielt und „kommen ihm vor wie Freunde von früher“. So wird es wahrscheinlich auch den meisten Lesern gehen. Die beiden kurzen Romane kommen einem unheimlich vertraut vor und wir lernen „die Ratte“ kennen und Js Bar, die in Murakamis „Wilde Schafsjagd“ vorkommt, der Roman, der ihn 1982 erstmals einem breiten Publikum zugänglich machte. Der Roman, den Murakami oft als den eigentlichen Beginn seiner Karriere bezeichnet.

„Alle Ströme seines Bewußtseins, die sich nicht in Einklang bringen ließen, liefen plötzlich in verschiedene Richtungen auseinander. Ratte hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis sie sich wieder zu einem vereinigten. Im Augenblick waren es nur dunkle Flüsse, die auf die endlose Weit des Meeres zuströmten. Vielleicht würden sie nie wieder zusammenkommen. Sich vorzustellen, dass das nach fünfundzwanzig Jahren alles gewesen war. Da konnte man sich doch nur fragen, was das sollte. Ratte wußte es nicht. Eine gute Frage, aber keine Antwort. Auf gute Fragen gab es nie Antworten.“

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Im Guardian habe ich diesen sehr treffenden Vergleich gefunden: Murakamis books are like … „Raymond Chandler were writing scripts for David Lynch to direct with Yasujirō Ozu: super-elliptical pop-noir for the twentysomething well-to-do“

Neueinsteigern in Murakamis Welt würde ich diese beiden kurzen Romane erst einmal nicht empfehlen, da gibt es bessere, um ihn kennen- und liebezulernen. Für Fans aber ein wunderbares kleines Goldnugget, das einem nicht fehlen darf.

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