Meine Woche

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Gesehen: „The Haunting of Hill House“ (2018) von Mike Flanagan. Spannende, vielschichtige Adaption nach Shirley Jacksons gleichnamigem Roman. Sehr empfehlenswert. Theo ist natürlich ganz besonders klasse 😉

Poltergeist“ (1982) von Tobe Hooper. Mit diesem Horrorklassiker bin ich nicht 100% warm geworden, den hatte ich mir deutlich gruseliger vorgestellt.

The Cloverfield Paradox“ (2018) von Julius Onah. Der deutlichst schwächste Film aus dem Paradox Universum. Der Anfang war ok, dann wurde er immer dämlicher.

Gehört: „Naked Words/Sacred Mouth“ – Tides of Man, „Sky Flying By“ – (Re)Routed, Solopiano I und MMXV – Jonas Hain, Triple 666 – end.user, „Fragments of Scattered Whispers“ – Endless Melancholy

Gelesen: diesen Artikel über Kavanaugh und Emphatieverweigerung, why merging with computers could be a good thing, über diese Expedition zum Kilauea Vulkan, the monoculture of thought in Silicon Valley, dieses Interview mit Haruki Murakami und Darwin was a slacker and why you should be one too

Getan: mal einen ganzen Tag am Feiertag gefaulenzt und die Ausstellung „200 Frauen“ in der Alten Bayrischen Staatsbank besucht

Geplant: ein paar spannende Gespräche mit Software Entwicklern an der Uni Dortmund führen

Gegessen: diese Winter Minestrone

Getrunken: rheinhessischen Riesling

Gesorgt: nach dem Bruder jetzt ein Papa-Drama. Ich hätte dann jetzt mal gerne eine Pause – danke! 😦

Gefreut: dass ich meinen Papa aus der Notaufnahme wieder mit heim nehmen konnte, über unser Klassentreffen nach 100 Jahren

Geklickt:  auf diese Werbung mit Charlize Theron, auf diesen Vortrag von Michael Seemann zu digitalem Kapitalismus

Gewünscht: diese Deko, diese Pralinen, dieses Neon-Schild

Gekauft: Handcreme und Seife bei Aesop, diesen tollen Bildband und ein Geburtstagsgeschenk für den Opa

Gestaunt: über diesen fleischfressenden Schwamm in der Tiefsee

Gefunden: nix

Gedacht: Edit your mind regularly

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Meine Woche

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Foto: Eduardo Kobra

Gesehen: „L’Avenir“ (2016) von Mia Hansen-Løve mit Isabelle Huppert. Wunderschöner Film um eine Philosophie-Lehrerin die mit ihrer plötzlichen totalen Freiheit zurecht kommen muss.

Welt am Draht“ (1973) von Rainer-Werner Fassbinder mit Klaus Löwitsch und Barbara Valentin. Abgefahrene Sci-Fi mit viel Ästhetik und einem Thema das an die Matrix erinnert und als „The 13th Floor“ noch einmal verfilmt wurde. Lang aber sehenswert.

The Good Time Girls“ (2017) Kurzfilm von Courtney Hoffman. Sehr heftiger feministischer Western mit der grandiosen Laura Dern. Vorsicht blutig.

Don’t breathe“ (2016) von Fede Alvarez. Horrorfilm um einen Einbruch der richtig schief geht. Super intens, heftig und ich habe in der Tat fast den ganzen Film lang nicht geatmet. Unbedingt anschauen, wenn ihr euch traut.

Gehört: „The Unspoiled“ – Esben and the Witch, „She makes president“ – Sophie Hunger, „We’re not done“ – Mogwai, „Kiss Me“ – Sixpence non the Richer, „Up against Me“ – LP, „Tier“ – Tristan Brusch, „Oh my love“ – Louise Gold, „Schüsse in die Luft“ – Kraftklub

Gelesen: diese neue Kurzgeschichte von Haruki Murakami, diesen Artikel über Buckminster Fuller, diesen Artikel über die tollen Bibliotheken in Kanada, hier noch mal eine verständliche Erklärung zu Blockchain, when female artists stop being seen as muses und Sylvia Plath on female rage

Getan: den HNO Arzt aufgesucht, einen Confluence Workshop besucht und sehr lecker im Nana gegessen

Geplant: Birgit in Augsburg besuchen :), Don Quijote in der Glyptothek und Purcell im Müllerschen Volksbad

Gegessen: Kritharaki Taco Bowl

Getrunken: viel Tee

Gelacht: über dieses Foto

Geärgert: über die Nazi Vollidioten

Gefreut: großer Respekt für Dunja Hayalis Arbeit in Chemnitz

Geklickt: auf diesen TED Talk von Burcin Mutlu-Pakdil zu bislang unbekannten Galaxie-Formen und auf diese Literatur-Hotels

Gewünscht: diesen umgebauten Bus, dieses Outfit, diesen Korb, diese Schale von Setsuko Nagasawa

Gekauft: nix

Gestaunt: über diese Luftaufnahmen von Tempeln in Myanmar, wie Spinnen es schaffen 100 von km zu fliegen und über diesen riesigen Kalmar

Gefunden: ein vermisstes Buch im Keller

Gefragt: soll ich einen Kurs machen „Hieroglyphen lesen für Anfänger“ im Ägyptischen Museum? Lust hätte ich schon …

Gedacht: „But if thought corrupts language, language can also corrupt thought.“
(George Orwell)

Die Ermordung des Commendatore II – Haruki Murakami

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Dieses Jahr hätte er den Nobelpreis bestimmt bekommen, für den er schon so lange gehandelt wird, aber fällt ja nun aus. Über den ersten Teil, in dem unser 37 Jahre alter, gerade frisch getrennter Maler das Haus von Tomohiko Amado bezieht und dessen geheimnisvolles Bild findet, habe ich hier schon geschrieben.

Auf den zweiten Teil musste der geneigte Leser knapp vier Monate warten, das hat mich schon etwas genervt, habe die Teilung des Buches nicht ganz verstanden, denn 1Q84 hat man uns ja auch in einem Band vor den Latz geknallt.

Der Dumont-Verlag hat das aber durch das phantastische Design des Buches wirklich wett gemacht. Diesen beiden Bänden ein dunkles Erscheinungsbild zu geben, hat mir gut gefallen.

Man war schnell wieder drin in der Geschichte, die sich sich anfangs noch recht linear und realitätsnah weiterzuentwickeln schien. Und dann peng! er zieht das Tempo an und auf einmal wird es surreal, aufregend und unglaublich intensiv.

Metaphern wandeln sich, Verlorene tauchen wieder auf, Gesichter verschwinden. Alles wie fast immer bei Murakami, der sich gekonnt selbst zitiert. Die einzige Sache, die mich in diesem Band genervt hat, seine seltsame Busen-Fixierung, insbesondere wenn es sich um ein gerade mal 12- oder 13jähriges Mädchen handelt.

Abgesehen davon war das Lesegenuss pur, auch oder gerade durch die bekannten Motive und die so wohltuende Atmosphäre. Murakamis Romane will man nicht nur lesen, man will sich drin einrichten und darin leben.

Murakami ist Wabi Sabi.

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Big in Japan

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass wir in Japan waren und wahrscheinlich war es der kürzlich beendete neue Roman von Murakami, der wieder heftiges Japan-Fernweh auslöste, es musste also dringend etwas gegen die Sehnsucht unternommen werden. Einfach nur japanisch essen gehen war auf keinen Fall genug, ich plante daher eine intensive Japan-Literaturwoche, um mir ein bisschen von der Stimmung des Landes nach Hause zu holen.

Das Glück ist eine Festung

Fuminoris Roman beschäftigt sich mit einer ganzen Bandbreite dunkler Themen von Mord über Krieg, Terrorismus und Identitätsdiebstahl. Auch sein zweiter auf deutsch erschienener Roman ist das, was man einen Krimi-Noir nennen würde. Dunkel und urban schleicht er sich ganz langsam in die Nervengänge und wenn man etwa in der Mitte des Buches angelangt ist, kann man es partout nicht mehr aus der Hand legen.

Als Kind wird Fumihiro Kuki von seinem Vater erzählt, dass dieser ihn allein zu dem Zweck gezeugt hat, um ihn als Krebsgeschwür in die Welt zu entlassen. Die Welt hat es nicht besser verdient und sein Vater wünscht sich, dass Fumihiro soviel Zerstörung und Unheil anrichtet, wie er nur kann. Das möchte er der Welt als Erbschaft hinterlassen.

Fumihiro rebelliert gegen diesen Plan. Als sein Vater ein kleines Mädchen, Kaori, adoptiert,  verliebt sich Fuminori in sie. Von Anfang an ist klar, das sein Vater das Mädchen nicht aus reiner Gutherzigkeit adoptiert hat. Fuminori versucht alles, um Kaori vor seinem zutiefst bösartigen Vater zu beschützen…

Die Sprache ist wunderschön und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die zwar düster, aber dennoch voller Schönheit ist. Man fiebert mit Fumihiro und fühlt mit ihm, dem einzigen, der in seiner kranken, verkorksten Familie versucht, das Richtige zu tun, was nicht einfach ist, wenn man in einer derartig verkorksten Umwelt aufwächst.

Krieg wird in der Geschichte sehr richtig als moderne Form des Bösen dargestellt, das als effiziente Maschine von Kapitalisten, Arbeitern und Soldaten am Laufen gehalten wird durch die unerschöpfliche Energie der ständig neu entstehende Kriegsherde. Krieg als Laboratorium der Unmenschlichkeit im ungezügelten Kapitalismus. Das ist das eigentliche Thema des Buches, das damit unweigerlich Bilder aus den beiden Weltkriegen, dem Vietnam Krieg, dem Krieg in Syrien etc., aufbeschwört.

„Merk dir, was hier passiert. Sie sagen, es sei ein ethnischer Konflikt. Aber sie lügen. Man hetzt die Menschen absichtlich gegeneinander auf, und mein Sohn hat eine Konzession für den Wiederaufbau nach dem Krieg.“

Fumihiros Bemühungen, Kaori zu schützen, bringt einiges in Bewegung und bietet und einen schonungslosen Blick in die verdrehten Köpfe von Kriegstreibern, Machthabern und Terroristen, denen völlig egal ist, womit sie Geld verdienen, hauptsache die Kohle stimmt.

Momentan scheinen die spannendsten und intelligentesten Krimis aus Japan zu kommen und Fuminori Nakamura ist ganz vorne dabei. Schon sein erster Roman „The Thief„, den ich mir während unseres Japan-Urlaubs kaufte, war richtig gut.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich schon auf seinen nächsten Roman. Eine weitere schöne Rezension könnt ihr hier bei letusreadsomebooks lesen.

 

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In der Serie „Lost“ gab es einen Protagonisten, der stets das einzige von ihm noch nicht gelesene Exemplar eines Charles Dickens Romans mit sich herumschleppt, weil er glaubte, solange er den noch nicht gelesen hat, kann ihm nix passieren. Vielleicht hatte ich unbewußt einen ähnlichen Beweggrund, warum ich den (vermeintlich wie sich herausstellte) letzten noch ungelesenen Murakami Band „Nach dem Beben“ noch immer jungfräulich im Regal stehen hatte. Bis ich irgendwann merkte, dass „Nach dem Beben“ und „Untergrundkrieg“ natürlich zwei gänzlich verschiedene Bände sind, die ich aus welchem Grund auch immer mental für eines gehalten hatte.

„Untergrundkrieg“ besitze ich derzeit noch nicht einmal, ich konnte also meine Japan-Woche erfreulicherweise um einen Murakami ergänzen, ohne wie Desmond aus Lost das letzte noch ungelesene Buch des Lieblingsautors zu opfern.

„Nach dem Beben“ sind Kurzgeschichten, die Murakami als Reaktion auf das verheerende Erdbeben in Kobe im Jahr 1995 schrieb. Er schuf sechs unglaubliche Geschichten, deren Hauptcharaktere zwar nicht selbst vom Erdbeben betroffen waren, deren Leben aber dennoch von Grund auf erschüttert und verändert werden. Ein Erdbeben, das nicht nur das Land sondern auch das Gewissen eines ganzen Landes erschütterte.

In typischer Murakami Manier ist es wieder nicht unbedingt der Plot der einzelnen Geschichten, der zentral oder sonderlich wichtig ist, sondern die Atmosphäre, die er wieder untrüglich zu schaffen weiß. In jeder einzelnen Geschichte schafft er eine eigene kleine Welt, seltsam, surreal und komplett faszinierend.

Meine liebste Geschichte war Thailand, auch wenn sie die am wenigsten surreale war. Eine kleine leise entspannende Perle von einer Story, ich wollte sofort und auf der Stelle in einem Freibad alleine früh morgens ein paar Runden drehen.

Mein liebstes Zitat stammt aus der Geschichte „Frosch rettet Tokio“:

„Manche behaupten zwar, Verständnis sei nichts als die Summe unserer Missverständnisse…“

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„Der Bergmann“ ist ein gewagter experimenteller Roman und der, wie ich las, anscheinend das am wenigsten bekannte Buch des großen „Meji„-Autoren Natsume Soseki, der es im Jahr 1908 schrieb. Es ist ein absurder Roman über die unbestimmbare Natur der menschlichen Persönlichkeit, eine Art Vorahnung auf Bücher von Autoren wie Woolf, Beckett oder Joyce.

Der Roman wird als Lieblingsbuch von Haruki Murakami angepriesen und bislang bin ich gerne jeglicher Musik oder Buchempfehlung von Murakami gefolgt und habe das nie bereut (abgesehen von ein paar Jazz-Stücken, mit denen ich nichts anfangen konnte). Dieser Roman war allerdings eine Herausforderung für mich, da er fast gänzlich ohne wirkliche Story fungiert und ausschließlich im Hirn des Protagonisten spielt.

Stream-of-conciousness ist immer schwierig und bei Jocye habe ich da auch immer riesige Schwierigkeiten, komischerweise so gar nicht bei Virigina Woolf. Muss mich irgendwann noch mal damit beschäftigen, woran das liegen könnte. Natsume Sosekis „Der Bergmann“ ist allerdings wieder einer, an dem ich mir ordentlich die Zähne ausgebissen habe.

Die ersten 50 Seiten gingen durchaus gut, wäre das ganze eine Kurzgeschichte die nach 50-60 Seiten endet, ich hätte glaube ich Lobeshymnen abgelassen, aber irgendwann merkte ich beim Lesen, dass ich mehr und mehr zum störrischen Maulesel wurde, der einfach nicht mehr weiter wollte. Kein gutes Zureden, kein „es ist doch Murakamis Lieblingsbuch“ wollten helfen, selbst meine Versuche, mich mit Majus aus dem Asialaden zu bestechen, waren erfolgreich, etwa in der Mitte des Buches ging es nicht mehr weiter und ich sitze sozusagen noch immer im Bergwerk fest.

„Ich bin in letzter Zeit zur festen Überzeugung gekommen, dass es etwas wie Charakter einfach nicht gibt. Oft prahlen Schriftsteller zwar damit, sie würden diesen oder jenen Charakter beschreiben und gestalten. Und dann die Leser, die so tun, als würden sie alles verstehen, indem sie von diesem und jenem da reden. Erstere scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, Lügen zu fabrizieren, und letztere sich daran zu ergötzen, diese Lügen zu lesen. Also mal ehrlich, etwas in sich klar Definiertes wie ein Charakter existiert schlichtweg nicht. Das, was da wirklich ist, das kann kein Schriftsteller niederschreiben, und wenn doch, kann man sich drauf verlassen, dass daraus kein Roman wird. Der reale Mensch ist seltsam undefinierbar.“

Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, ich werde es sicherlich noch einmal versuchen, ich glaube das Buch ist wie Matcha Tee, man muss sich da langsam rantasten, es immer mal wieder versuchen. Hat irgendeiner von euch bessere Erfahrungen gemacht und kann mir Tipps geben wie ich das „Bergwerk“ knacken kann?

Ich danke auf jeden Fall dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Während meiner Japan-Woche habe ich im offenen Bücherschrank noch ein obskures Buch aus den 1970er Jahren gefunden. „Bei den Weisen Japans“ von Paul Arnold eine Reise ins mystische Japan und den dortigen Geheimlehren und -sekten. Ich habe bislang nur hineingeblättert, es wirkt etwas esoterisch, erinnert mich aber aus irgendeinem Grund an den „Commendatore“ von Haruki Murakami…


Ich hoffe ich konnte euch etwas Lust auf Japan machen – bei Interesse kann ich euch meinen Reisebericht empfehlen, dann könnt ihr zumindest schon mal virtuell verreisen, die richtige Reiselektüre hättet ihr auf jeden Fall schon mal 🙂

Die Ermordung des Commendatore I – Haruki Murakami

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Ein neuer Murakami erscheint und weltweit verfallen die Jünger in erwartungsfreudige Aufregung, können kaum noch essen oder schlafen, bis der Roman direkt nach Erscheinen verschlungen und verdaut ist.

Bei keinem anderen Autor hat das Lesen seiner Romane etwas derart kulthaftes. Dabei sind die Zutaten in seinen Romanen ziemlich vorhersehbar, man könnte sie eigentlich auf einer Checklist abhaken:

Protagonist – männlicher Mittdreißiger – check
Eine Frau die verschwindet oder sich trennt – check
Einfache Mahlzeiten, Musikstücke in Dauerschleife – check
etc. etc.

Manche erklären es mit dem Sound, dem Murakami-Flow, in den man beim Lesen gerät und das kann ich für mich absolut bestätigen. Ich bin ernsthaft davon überzeugt, Murakami könnte als blutdrucksenkendes Beruhigungsmittel verschrieben werden. Seine Protagonisten, selbst wenn sie gelegentlich ziemlich abgefahrene Dinge erleben, können eine Freiheit leben, die den meisten Menschen komplett unerreichbar erscheint.

Nichts scheint uns heutzutage so sehr zu fehlen, wie Zeit. Wir haben alles im Überfluß, unser Hirn kämpft ständig mit Überforderung, muss ständig aus zuviel Angebot auswählen und möchte doch am liebsten einfach seine Ruhe. Murakami zeigt uns in jedem Roman aufs Neue, wie einfach es sein, kann der FOMO-Blase zu entkommen. Einfach ein einfaches Leben leben. Verzicht auf Luxus, auf unnütze Dinge und sobald die eigenen Wünsche geringer sind als das zur Verfügung stehende Einkommen, hat man es geschafft.

Wir holen uns Marie Kondos Entrümpelungsratgeber und minimalisieren unser Leben als gäbe es kein Morgen, doch irgendwas fehlt noch zur endgültigen Freiheit der Murakamischen Protagonisten und das ist nicht der Brunnen, in dem man einfach mal für ein paar Tage verschwindet oder die Parallelwelt mit zwei Monden. Die für mich und wahrscheinlich die meisten seiner Fans vollkommen unerreichbare Freiheit liegt darin, wie selbstbestimmt sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Ob Maler, Mathematiklehrer, Bibliothekar oder gar komplett arbeitslos, irgendwie schaffen seine Mittdreißiger es immer, Berufe zu haben die ihnen erlauben, 1-2 Tage oder Abende in der Woche zu arbeiten, nie gestresst zu sein, keine Überstunden zu machen und auch wenn sie alle wenig konsumieren, sie schaffen es auch noch sich damit ein Dach überm Kopf zu finanzieren, was nicht das Einfachste ist, wenn ich mich an die Mieten in Tokyo erinnere, wo selbst Schuhschachteln horrende teuer waren.

Wie schaffen die das? Ich will das auch! Selbst wenn ich alle Kosten, die ich beeinflussen kann, so gering wie möglich halte, eine Wohnung zu finanzieren mit 1-2 Tagen Arbeit die Woche schafft man glaube ich nur im Murakami-Universum. Das ist also wahrscheinlich das Phantastischste überhaupt in seinen Romanen und gar nicht die Schafsmänner, kleinen Leute oder Mehrfach-Monde.

„Sie haben ein gutes Verständnis von der Welt, scheinen aber dennoch ein Typ zu sein, der mehr Zeit braucht als gewöhnliche Menschen“

Dieses leise ruhige Leben ohne Stress, Deadlines und vollen Terminkalendern wird es für mich wohl auch weiterhin nur in den Romanen von Haruki Murakami geben. Immerhin da. Ich würde ja schon zumindest eine Weile mit dem Maler auf dem Berg tauschen, mich durch eine Opern-Plattensammlung hören und ohne Internetanschluß auf der Terrasse sitzen und Weißwein trinken. Hach.

Ich bin überzeugt davon, in Murakamis Welt gibt es das bedingungslose Grundeinkommen schon. Das beziehen seine Protagonisten, davon zahlen sie die Miete und den Rest da brauchen sie ja wenig, so wird es sein. Wird Zeit, dass das kommt, dann haben wir endlich die Chance, alle Hauptdarsteller in unserem eigenen Murakami-Roman zu werden.

Die Ermordung des Commendatore hat mich, wie eigenlich jeder seiner Romane, komplett in seinen Bann gezogen. Der Puls ging runter in dem Moment, als der frisch getrennte Porträt-Maler auf seinen Road Trip geht, der ihn nach ein paar Wochen in das Haus des Vaters eines Freundes bringt, wo er die nächsten Monate damit verbringt, ein auf dem Dachboden gefundenes Bild des Vaters und Hauseigentümers, dem berühmten Maler Tomohiko Amada zu betrachten.

Nach einer Weile passieren natürlich wieder unheimliche Dinge, er lernt seinen Nachbarn Menshiki kennen, der von ihm porträtiert werden möchte und im Garten entdecken sie eine sehr seltsame unterirdische Kammer mit einem Glockenstab darin. Murakamis neuer Roman ist wunderbar gruselig, macht immer wieder einen Seiltanz zwischen Halluzination und Realität. Kann man dem Protagonisten eigentlich vertrauen?

Wer jemals in Japan war, ahnt wie seltsam anders die Figuren in Murakamis Büchern sind, in ihrer krassen Individualität, ihrer Abkehr vom üblichen sich-zu-Tode-arbeiten, jeglichem Konsumrausch und der großen Rolle, die westliche Literatur, Musik und Kultur bei ihnen spielen.

Schockiert hat mich, dass Herr Murakami seinen Dewars Whisky in den Kühlschrank stellt, bitte probieren Sie das nicht zu Hause aus. Whisky ist kein Erfrischungsgetränk.

Legen Sie Mozarts „Don Giovanni“ auf, schenken sie sich ein Glas nicht-gekühlten, schottischen Whisky ein, wer sich rebellisch fühlt, kann auch einen japanischen Hibiki oder Yamazaki wählen (sehr lecker!) und wer während der Lektüre irgendwann hungrig wird, bereite sich eine einfache Mahlzeit zu…

Ich kann Teil 2 des Commendatore kaum erwarten und bastel solange an einer Playlist, die ich dann beim Lesen hören kann.

 

Ich danke dem Dumont Verlag für das Rezensionsexmplar und habe die #MurakamiLesen Aktion auf Twitter im Übrigen sehr gemocht – bitte gerne mehr davon 🙂

 

Meine Woche

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Gesehen: „The Hunger Games“ (2012) von Gary Ross. “ The Hunger Games – Catching Fire“ (2013) „The Mockingjay Pt I (2014) + II (2015) von Francis Lawrence mit Jennifer Lawrence. Gute Unterhaltung und die letzte Rolle von Philip Seymour Hoffman 😦

Babylon Berlin“ (2017) von Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten. Deutsche Krimi-Serie die in der Weimarer Republik spielt. Düster und durchaus sehenswert.

Gehört: „Hinterland“ von Winterlight, „Zu Asche, Zu Staub“ – Severija, „Curse Words“ – Wolvves NYC, „Origin Pattern“ – Pixelife, „I’m alive“ – Beth Ditto, „Delirious“ – Susanne Sundfor,

Gelesen: diesen Nachruf auf Ursula LeGuin von Margaret Atwood, dieses Interview mit Björk, we only learn if we repeat, Sarah Waters on 20 years of Tipping the Velvet, über die Wasser-Krise im Iran, Google X and the science of radical innovation, diesen Artikel über Patchwork Arbeit

Getan: sehr schwierige Gespräche geführt aber auch die Kanada-Tour finalisiert und mit lieben Freundinnen zum Essen getroffen

Geplant: eine Buchpräsentation im Ägyptischen Museum und die Hochschule für Musik besuchen

Gegessen: Gefüllte Tortilla und eine vorzügliche Seezunge

Getrunken: diesen Weißwein

Gelacht: Meine Reaktion wenn jemand ein Buch ausleiht und nicht zurückgibt

Geärgert: über Menschen die beim ersten Mal „Why“ stehen bleiben

Gefreut: mein Murakami ist endlich da

Geklickt: auf Alan Watts „Choice„, auf diese wunderschönen preisgekrönten Fotos und auf den Podcast „Hurry Slowly“ von Jocelyn K Glei

Gewünscht: dieses Geschirr, diesen Hometrainer, diesen Schreibtisch

Gefunden: nix

Gekauft: diesen Fenstersauger, diese Vase, diesen Teelichthalter

Gestaunt: über diesen Text: This year, we talk about the future we want.

Gedacht: If you cannot slam the door against your emotions you will never chase them out once they got in (Michel de Montaigne)

Day 6 – It’s a mystery

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So heute mal auf deutsch. Ich liebe Regeln brechen, selbst die die ich selbst gebastelt hab.

Die „Wilde Schafsjagd“ ist ein Trip der ganz besonderen Art. Ein Mix aus Detektivgeschichte, Mystery/Phantasieroman mit einem Schuss Philosophie, japanischem Dosenbier, einfachem Essen, Ohren und Katzen.

Es fängt alles reichlich harmlos an. Der typische Mittzwanziger Murakami Protagonist – dieses Mal ein Angestellter in einer Werbeagentur – hatte eine Liebesaffäre in seiner Jugend mit einer Frau die acht Jahre später stirbt. Am gleichen Tag an dem er von ihrem Tod erfährt, verlässt ihn seine Frau. Das kümmert ihn nicht großartig und er fängt eine Affäre mit einer Frau an die Ohren-Modell ist.

Der Protagonist bekommt eine Postkarte von einem Freund und ohne sich großartig Gedanken darum zu machen nutzt das Bild auf der Postkarte Werbeimage für eine Versicherungsfirma. Was er nicht ahnt ist, dass das harmlos scheinende Foto eines Schafes mit einem Stern auf dem Rücken die Aufmerksamkeit eines Mannes im Dunkeln weckt der ihm ein heftiges Ultimatum stellt: entweder er findet genau dieses Schaf oder er muss mit schrecklichen Konsequenzen rechnen.

Damit beginnt für unseren armen Protagonisten ein Abenteuer, dass seine bisherige Welt komplett auf den Kopf stellt. Es führt ihn aus dem urbanen Tokio in die abgelegene verschneite Bergwelt Nord-Japans wo er nicht nur mit dem ominösen mysteriösen Schaf konfrontiert wird, aber auch mit seinen eigenen innewohnenden Dämonen.

Er verlässt mit seiner Freundin die Stadt um das Schaf zu finden, sie kommen zu einem seltsamen Hotel wo sie einen Mann treffen, dessen Bewusstsein auf seltsame Weise mit dem magischen Schaf verschmolzen ist. Er lässt sie einen Schäfer suchen, der sie zu dem Ort bringen kann, auf das Foto vom Schaf entstanden ist.

Sie finden ihn auch tatsächlich und er fährt sie zu einem Anwesen in den Bergen das dem Foto gleicht. Das Haus ist leer, war aber kürzlich noch bewohnt. Sie finden alte Bücher, eine Gefriertruhe mit Essen, Bierkisten und eine Schallplattensammlung. Die Freundin verlässt den Protagonisten ohne Ankündigung und er bleibt alleine in dem Anwesen, hört sich durch die Plattensammlung, trink und futtert die Vorräte auf und wartet drauf das irgendwas passiert.

Würden wir uns das nicht alle irgendwie wünschen? Das uns einfach irgendein Schicksal dazu zwingt ein paar Tage nichts weiter zu tun als zu lesen, Musik zu hören, zu essen und zu trinken? Außerhalb von Murakami-Romanen heißt das Wellness und es ist ja meine feste Überzeugung, dass diese immer wiederkehrenden Situationen ein ganz tiefes Bedürfnis bei den Lesern erfüllen. Diese Freiheit einfach nur zu sein, nichts Großartiges zu erleben – was würde ich dafür geben für eine Weile mal der Protagonist in einer von Murakamis Büchern zu sein.

Nach den paar Tagen Wellness allerdings bekommt er Besuch vom Schafsmann (der sich selbst so bezeichnet) und dann wird es noch ein bisschen abgedrehter falls das möglich ist 😉

Die „Wilde Schafsjagd“ gehört mit zum abgefahrensten und besten was Murakami geschrieben hat. Wie Raymond Chandler und Acid oder Murakami eben auf Dosenbier. Jeder Satz sitzt und es sind insbesondere die kleinen Dinge in der Geschichte die diesen Roman ganz besonders unvergesslich machen. Wie er die Stimmung, die Atmosphäre einzufangen weiß. Jeder Raum, jede Stille, jede Begegnung hat perfekt nuancierte Charakteristika, die fabelhaften Bilder und erstaunlichen Landschaftsbeschreibungen sind voller wunderschöner Metaphern.

Aber eigentlich liest man das, fühlt sich pudelwohl in dieser verrückten Welt, dann wacht man auf und fragt sich – was zur Hölle war das denn? Und vielleicht wundert man sich noch, warum man ein paar Tage lang leicht zusammenzuckt wenn man Fotos von Schafen sieht.

Aber die Murakami Fans sind das ja gewohnt 😉

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.