#WomeninScience (11) Lisa Randall

Meine Hoffnung, Lisa Randall würde es mir mit „Knocking on Heavens Door“ in irgendeiner Weise einfach machen, flog schon nach den ersten paar Kapiteln fröhlich aus dem Fenster. Die Harvard-Dozentin ist mittlerweile ein ziemlicher Star unter den theoretischen Physikern, insbesondere für ihre Forschung im Bereich Hochenergie Physik. Sie hat einen unglaublichen Enthusiasmus für ihr Feld und man möchte ihr einfach folgen und sich mit ihr an Themen wie dem Large Hadron Collider, der Suche nach dem Higgs Boson, bis hin zur  Theorie um das Geheimnis fehlender Antimaterie abzuarbeiten. Ihre Begeisterung kombiniert mit einem sehr angenehmen Schreibstil helfen enorm, wenn man sich auf das schwierige Terrain der Teilchenphysik begeben will.

“Despite my resistance to hyperbole, the LHC belongs to a world that can only be described with superlatives. It is not merely large: the LHC is the biggest machine ever built. It is not merely cold: the 1.9 kelvin (1.9 degrees Celsius above absolute zero) temperature necessary for the LHC’s supercomputing magnets to operate is the coldest extended region that we know of in the universe—even colder than outer space. The magnetic field is not merely big: the superconducting dipole magnets generating a magnetic field more than 100,000 times stronger than the Earth’s are the strongest magnets in industrial production ever made.“

And the extremes don’t end there. The vacuum inside the proton-containing tubes, a 10 trillionth of an atmosphere, is the most complete vacuum over the largest region ever produced. The energy of the collisions are the highest ever generated on Earth, allowing us to study the interactions that occurred in the early universe the furthest back in time.”

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Mir gefiel das Kapitel, in dem sich sich ausgiebig mit der Skalierung beschäftigt – vom Universum zu den kleineren Atomen, zu den noch kleineren Protonen bis hin zu den Quarks. Ich fand es spannend, ich habe mich tapfer durchgekämpft, aber ehrlich gesagt hat Ms Randall mein Hirn mit einem derart hohen Datenstrom beschossen, dass die Teilchenphysik teilweise doch zur Antimaterie wurde und mein Hirn irgendwann einem schwarzen Loch glich.

Ich habe eine Menge gelernt, dass Neutrinos sich nicht den physikalischen Gesetzen unterwerfen und sich zumindest für kurze Zeit schneller als das Licht bewegen können, dass auf künftige Zeitreisen hoffende noch immer keinen Grund zum Jubeln haben und auch das Wissenschaftler jede Theorie – und sei es die eigene – immer wieder versuchen zu widerlegen, alles zu hinterfragen, bis eine Theorie nicht länger nur Theorie ist.

Hier noch ein interessanter Vortrag von Lisa Randall zu „Dark Matter“:

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#WomeninScience (10) Elisabeth Oberzaucher

War es schon nicht immer einfach Mitstreiter*innen für meine Reihe #WomeninSciFi zu finden, gegen #WomeninScience war es ein Zuckerschlecken. Die Idee bekommt viel Zuspruch, aber nur wenige haben etwas von oder über Wissenschaftlerinnen gelesen oder planen es und es hagelt Körbe 😉 vielleicht aber auch ein Zeichen, wie nötig so eine Reihe ist um die Frauen in den Natur- und Geisteswissenschaften mal ordentlich unter den Scheinwerfer zu halten.

Um so mehr freue ich mich über Petras Beitrag heute vom wunderbaren Blog „Elementares Lesen„, sie ist schon eine Veteranin und ich hoffe innigst es wird nicht ihr letzter Beitrag für #WomeninScience sein. Jetzt aber Bühne frei für Elisabeth Oberzaucher und ein kleiner Appell noch – wer Lust hat bei der Reihe dabei zu sein meldet euch bitte gerne (zahlreich :)) – ich freue mich sehr auf eure Beiträge.

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Die Verhaltensbiologin Dr. Elisabeth Oberzaucher lehrt und forscht an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt und Kriterien für die Partnerwahl. 2015 erhielt sie zusammen mit Karl Grammer den Ig-Nobelpreis für Mathematik – eine satirische Auszeichnung für ihre Studie zur Fortpflanzungsfähigkeit des marokkanischen Königs Moulay Ismael. Der hatte im 17. Jahrhundert angeblich 888 Kinder gezeugt. Vielleicht kennt Ihr die österreichische Forscherin auch als Mitglied des preisgekrönten Wissenschaftkabaretts Science Busters. Ein weiteres Thema, mit dem sich Elisabeth Oberzaucher als Wissenschaftliche Leiterin des Forschungsinstituts „Urban Human“ beschäftigt, ist das Thema Stadtentwicklung. Davon handelt auch ihr Buch Homo urbanus.

Elisabeth Oberzaucher © Sabine Oberzaucher

Foto: Sabine Oberzaucher

Elisabeth Oberzaucher untersucht das Leben von Menschen in der Stadt aus evolutionsbiologischer Perspektive. Unsere Vorfahren streiften durch die Savannen Ostafrikas, offenen Graslandschaften, die einen guten Überblick und Schutz vor Feinden boten. Dieses Erbe bewirkt eine Vorliebe für bestimmte Landschaftstypen und geschützte Bereiche. Sind wir modernen Menschen überhaupt für die Stadt geschaffen, mit Menschenmassen, räumlicher Enge und Lärm? Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Der Kampf ums Überleben in der Savanne zwang unsere Vorfahren zur Zusammenarbeit, zum Leben in immer größeren Gemeinschaften. Diese soziale Komplexität steigerte ihre Intelligenz und führte zur Entwicklung der Sprache, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen und Beziehungen zu pflegen. Optimal war eine Gruppengröße bis zu 150 Personen. Mehr war kaum zu bewältigen – und das gilt auch für den modernen Menschen. In der Großstadt begegnen wir Tausenden Individuen. Mit den vielen Eindrücken, die auf uns niederprasseln, kommen wir nur zurecht, indem wir vieles einfach ausblenden, unseren Tunnelblick einsetzen und zum Beispiel Blickkontakt vermeiden – so wird die soziale Komplexität reduziert.

Oberzaucher Homo Urbanus

Im Laufe der Evolution haben wir gelernt, unser Verhalten an das Territorium anzupassen, in dem wir uns gerade aufhalten, und die jeweiligen Regeln zu respektieren. Der Wunsch, das eigene Territorium, zum Beispiel durch persönliche Gegenstände, zu markieren, schlummert noch immer in uns, ob im Café oder am Arbeitsplatz. Wichtig im Kontakt mit der Umwelt sind das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu den Mitmenschen, geeignete Rückzugsorte und – besonders wichtig – eine funktionierende Nachbarschaft. Dies muss auch bei der Planung von Neubauten berücksichtigt werden.

Vor allem lebendige Elemente wie Pflanzen und fließendes Wasser können die Lebensqualität in den Städten verbessern. Sie dämpfen den Lärm, filtern die Luft, reduzieren den Stress und tun uns einfach gut. Naturbereiche dürfen daher in Städten nicht fehlen. Die Autorin erklärt plausibel, woher unsere Neigung zu Grünem und Wasser stammt und wie man ihr in der Stadt Rechnung tragen kann.

Unser evolutionäres Erbe als Bewohner der Savanne ist auch heute noch spürbar, wie Elisabeth Oberzaucher mit faszinierenden Beispielen belegt. In ihrem lesenswerten Sachbuch zeigt die Wissenschaftlerin, wie unsere Städte menschengerecht gestaltet werden können, auch für die Zukunft, denn die Zahl der Stadtbewohner wächst. Homo urbanus ist ein dichter, konzentrierter Text, eignet sich also nicht zum nebenbei Lesen. Wesentliche Aussagen werden jedoch in verschiedenen Kontexten wiederholt. Die Lektüre lohnt sich, denn sie bietet spannende Einblicke in die Wurzeln unseres Verhaltens und die Überlebensstrategien des Homo sapiens in der Stadt!

#WomeninScience (9) Monica Kristensen

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Foto: forfatterforeningen

Ich freue mich sehr, dass es erneut eine Wiederholungstäterin gibt 😉 Esther von Esthers Bücher war schon bei #Women in SciFi dabei und stellt uns heute das Buch einer Glaziologin (!) vor, mit der wir eine Reise an den Südpol unternehmen:

Monica Kristensen: Amundsens letzte Reise

Die 1950 geborene norwegische Glaziologin und Meteorologin Monica Kristensen schreibt seit 2007 sehr erfolgreiche Kriminalromane, Bücher hat sie aber auch vor dieser Zeit geschrieben, nämlich Expeditionsberichte und Sachbücher. An der Universität Tromsø hat sie Physik studiert und sie wurde 1983 in Cambridge promoviert. Zu dieser Zeit nahm sie bereits an Expeditionen in die Arktis und Antarktis teil. Bei ihren Expeditionen trat sie wortwörtlich in die Fußstapfen Roald Amundsens, so zum Beispiel 1986/87 als sie dem Weg Amundsens zum Südpol gefolgt ist. Die mit Schlittenhunden unternommene Expedition musste zwar abgebrochen werden, einige Jahre später erreichte sie aber doch den Südpol. Eine andere Expedition hat sich vorgenommen, Amundsens Zelt am Südpol zu finden, hierbei sind mehrere Teilnehmer in Gletscherspalten gefallen, einer von ihnen verlor dabei sein Leben.

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Monica Kristensen weiß also aus eigener Erfahrung, wie es ist, in der eisigen Kälte der Polarregionen unterwegs zu sein und dabei Kameraden zu verlieren. Und auf die Rettung zu warten. In ihrem Anfang 2019 erschienen Buch Amundsens letzte Reise folgt er wieder einmal den Spuren Amundsens, und versucht eine Erklärung dafür zu finden, wie der erfahrenste Polarforscher der Zeit ohne Spur verschwinden konnte.

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Er war der berühmteste Entdecker Norwegens, der als erster am Südpol war, als erster die Nordwestpassage und als erster die Nordostpassage durchfuhr. Und der als erster mit einem Luftschiff über dem Nordpol war. Roald Amundsen verschwand am 18. Juni 1928, und bis heute wissen wir nicht, was damals mit ihm passiert ist, warum er nach so vielen an Wunder grenzenden überlebten Expeditionen diesmal mit seinem Leben für seine Kühnheit bezahlen musste.

Zu dieser Zeit lag seine letzte Expedition (mit dem Luftschiff Norge) bereits zwei Jahre zurück. Der Konflikt mit dem italienischen Kapitän der Norge, Umberto Nobile, war jedoch noch nicht abgeklungen. Amundsen hielt Nobile für ungeeignet, Polarexpeditionen zu leiten, und er hielt sich mit seiner Meinung auch öffentlich nicht zurück. Nobile ergriff nun die Möglichkeit, mit dem Schwesterschiff der Norge, der Italia, nun in eigener Regie den Nordpol zu erreichen, was ihm auch gelang. Auf dem Rückflug vom Nordpol stürzte die Italia jedoch ab, die Mannschaft galt als verschollen.

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Obwohl kein Norweger als Mitglied der italienischen Expedition unterwegs war, leiteten die Norweger sofort eine Suchaktion ein, zu dem sie natürlich auch gleich den höchsten Experten der Polarregion einluden:

„Er war von höchster Stelle gebeten worden, in den Norden zu fahren, um einen Mann zu retten, von dem alle wussten, dass er sein Feind war – eine äußerst edle Aufgabe.“

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Als wäre die Situation so noch nicht pikant genug, kommt es bald auch zu weiteren interessanten Wendungen. Die italienische Regierung zögert nämlich, sich an der Rettungsaktion zu beteiligen (sie sind überzeugt, dass die Mannschaft der Italia tot ist), und die bescheidenen Mittel der norwegischen Regierung erlauben es nicht, die Aktion in dem Ausmaß durchzuführen, der es ermöglichen würde, Amundsen mit einem Flugboot daran beteiligen zu lassen. Die deutlich kleinere Aktion wird in die Hände des erfahrenen Piloten, Hjalmar Riiser-Larsen gegeben, Amundsen muss von der Seitenlinie zusehen, wie er übergangen wird.

Letztendlich, nach etlichen Schwierigkeiten, kommt er doch an ein Flugboot, und macht sich auf den Weg, Nobile zu finden und zu retten. Was an diesem Punkt genau passiert, ist bis heute unklar. Er fliegt mit dem französischen Flugzeug, der Latham 47 Richtung Bäreninsel, es gibt noch diverse Funksprüche von der Latham, Amundsen und die Mannschaft des Flugzeugs werden aber nie wiedergesehen. Es wurden Spuren des Flugzeugs gefunden, die darauf hindeuten, dass die Mannschaft in Schwierigkeiten geraten ist und versucht hat, sich zu retten, aber weder Flugzeug, noch Mannschaft wurden je gefunden.

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Monica Kristensen erzählt in diesem Sachbuch sehr detailliert die Umstände, die zum Verschwinden Amundsens geführt haben, und erzählt auch die packende Geschichte der Italia-Expedition. Es ist ein spannendes Buch, das am Ende auch noch mit einer interessanten und glaubwürdigen Theorie aufwartet, die ein neues Licht auf Amundsens Schicksal wirft. Dass Monica Kristensen auch Kriminalromane schreibt, lässt sich am Schreibstil merken – was hier auf jeden Fall positiv gemeint ist. Sie bleibt sachlich und spart nicht mit technischen Details, sorgt aber auch dafür, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Eine klare Leseempfehlung!

Amundsens siste reise/Amundsens letzte Reise erschien im btb Verlag.

#Women in Science (8) Mary Beard

„The aim of Classics is not only to discover or uncover the ancient world. Its aim is also to define and debate our relationship to that world“

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Ich mag die „Very Short Introduction“-Serie sehr gerne, diese Ausgabe habe ich mir explizit wegen der Co-Autorin Mary Beard geholt, eine der führenden Historikerinnen, die einen wunderbar trockenen Humor besitzt. In dieser Ausgabe war jetzt nicht unbedingt viel Platz für ihren Humor, aber mir hat die Herangehensweise hier sehr gefallen. Die Beschreibung eines griechischen Tempels, den sie aus ganz unterschiedlichen Richtungen beleuchtet um nicht nur dessen Geschichte herauszuarbeiten, sondern die Entwicklung der Altertumswissenschaften selbst mit Ausflügen in die Mythologie, antike Religionen, Reisen in der Antike, Erdkunde, Philosophie und die Literatur.

Mary Beard ist Professorin of Classics an der Universität Cambrige, Fellow am Newnham College und der Royal Academy of Arts und Professorin für antike Literatur. Sie ist Redakteurin für die Classics beim Times Literary Supplement und betreibt nebenher noch recht regelmäßig einen Blog namens „A Don’s Life“. Durch ihre regelmäßigen Auftritte in den Medien und ihre gelegentlich etwas kontroversen Aussagen ist sie mittlerweile die wohl bekannteste britische Altertumswissenschaftlerin.

Ihr ist wichtig, dass antike Quellen als Dokumente der Meinungen und Überzegungen ihrer jeweiligen Autoren zu werten sind und nicht als zuverlässige Quellen für die Ereignisse die sie beschreiben. Ein Gedanke, dem ich mich tatsächlich gut anschließen kann.

Diese „Very Short Introduction“ ist eine eloquente und fesselnde Reise in die Welt der Antike. Aber anstatt zum x-ten Mal den Peleponnesischen Krieg zwischen den Griechen und den Persern hoch- und runterzubeten, oder Athen als Geburtsstätte der Demokratie oder ähnliche Meilensteine der Antike zu beleuchten, fokussiert sie sich auf ein ganz bestimmtes Objekt. Auf die Ruinen eines antiken griechischen Tempels: den Tempel des Apollo in Bassae in Arkadia.

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Der Tempel agiert als Landkarte die Beard und Henderson die Möglichkeit gibt die Altertumsforschung aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die Leser werden zu Touristen und Beard und Henderson sind die informativen Tour Guides.

“When we look, for example, at the Parthenon for the first time, we look at it already knowing that generations of architects chose precisely that style of building for the museums, town-halls, and banks of most of our major cities.” 

Die Fragen, die die Altertumsforschung stellt zielen nicht einfach nur darauf ab, Licht in das Dunkel der Antike zu bringen, es geht auch darum unsere Beziehung zu dieser antiken Welt zu definieren.

So ein kurzes Büchlein kann natürlich nicht alles abdecken und das versucht es auch gar nicht unbedingt. Es ist sehr gut geschrieben und macht Lust sich wieder einmal intensiver mit griechischer und römischer Geschichte auseinander zu setzen. Die Altertumsforschung ist ein Fachgebiet, dass so tief wie die Menschheitsgeschichte ist und was Altertumsforschung tatsächlich bedeutet muss stets und ständig neu austariert und erkundet werden.

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Foto: Wikipedia

Et in Arcadia Ego“ – Auch ich war in Arkadien. Noch nicht, aber nach der Lektüre dieses Buches möchte ich wahnsinnig gerne einmal die Ruinen in Griechenland ansehen, idealerweise mit der Hörbuch-Ausgabe. Dann steige ich mit Mary Beard in eine Zeitmaschine und sehe mir den Tempel an so wie er ursprünglich einmal war mit bunt bemalten Säulen und voller Leben.

Auf deutsch erschien das Büchlein unter dem Titel „Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft“ im J. B. Metzler Verlag.

Hat einer von Euch den Tempel bzw seine Ruinen schon einmal besichtigt? Oder die Fresken im Britischen Museum in London?

#Women in Science (7) Brené Brown

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Brené Brown ist Professorin an der Universität Houston, wo sie den Lehrstuhl für Social Work inne hat. Ich bin nicht sicher, ob es ein entsprechendes Equivalent in Deutschland gibt. Sie widmet sich seit zwei Jahrzehnten in ihren Studien den Themen Scham, Empathie, Mut und Verletzlichkeit. Ihr TED Talk „The Power of Vulnerability“ ist einer der fünf meistgeschauten TED Talks (35 Millionen views), auch ich habe Ms Brown durch diesen Talk kennengelernt.

Auch in ihrem neuesten Buch beschäftigt sich Brown wieder mit ihrem Hauptthema, der Verletzlichkeit. Der volle Titel ist Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone.

Ich habe Brené Browns Buch „Braving the Wilderness“ schon vor einer Weile als Hörbuch gehört und mir ist es selten so schwer gefallen in Worte zu fassen, worum es eigentlich genau geht und was mir daran jetzt eigentlich gefallen hat.

Brown beschäftigt sich mit dem Zugehörigkeitsgefühl, was es genau für den Einzelnen bedeutet, dazuzugehören und warum unsere Verbindungen zu anderen so angespannt und schwierig sein können, wenn wir insgesamt als Gesellschaften immer polarisierter und antagonistischer werden. In dem Buch geht es zum Einen darum, sich selbst treu zu bleiben mit den entsprechenden Konsequenzen, und zum anderen versucht es, einem dabei zu helfen, sich genau das zu trauen.

Today we are edging closer and closer to a world where political and ideological discourse has become an exercise in dehumanization. And social media are the primary platforms for our dehumanizing behavior. On Twitter and Facebook we can rapidly push the people with whom we disagree into the dangerous territory of moral exclusion, with little to no accountability, and often in complete anonymity.“

In der Regel haben wir diese zwei Möglichkeiten: das zu machen, was man von uns erwartet, was man machen muss um dazuzugehören, selbst wenn das unter Umständen nicht unseren Werten, unserer Persönlichkeit und unserer Weltanschauung entspricht. Oder uns in die „Wilderness“ zu begeben. Also sich dafür zu entscheiden, seinen Werten zu folgen.

Was ich im Buch etwas vermisste waren die Details. Brown erwähnt ihre Forschung recht häufig, die Interviews, die sie mit unterschiedlichen Leuten führte und ihre daraus resultierenden Ergebnisse. Sie erwähnt häufiger, dass sie bestimmte Konzepte zu Rate gezogen hat, benennt diese aber nicht spezifisch. Sie erwähnt nicht, wen sie genau interviewt hat, wie die demografische Repräsentation ausgesehen hat. Mir fehlte eine nachvollziehbare Erklärung ihrer Methodologie, ich hatte immer das Gefühl, einfach glauben zu müssen, was sie schreibt und vieles hörte sich ja auch vernünftig an, ich hätte einfach nur mehr Fakten sehen wollen.

Außer ein paar Interviews mit bekannten Leuten, wie zum Beispiel Viola Davis, blieb völlig unklar, mit wem sie gesprochen hat, was genau sie gefragt hat etc. Also ich muss nicht seitenweise Studien voller Prozentzahlen, Tabellen und Fußnoten haben, aber ein bisschen mehr hätte schon drin sein dürfen.

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Und klar, man könnte denken, ist halt Pech, wenn man das Hörbuch nimmt statt des Buches, ich habe aber reingeschaut und auch in der gedruckten Version findet sich da nichts.

Das alles klingt jetzt nach totalem Verriss – das soll es aber gar nicht sein. Mich hat so einiges durchaus angesprochen und ich fand vieles sehr nachvollziehbar. Insbesondere die Kapitel, in denen sie darüber schreibt, wie schwierig, anstrengend und teilweise auch beängstigend es sein kann, sich seinen eigenen Pfad durchs Leben zu schlagen. Wie die Entscheidung, für sich und seine Werte einzustehen, immer wieder gleichzeitig so bereichernd aber eben auch schwierig ist.

„Stop walking through the world looking for confirmation that you don’t belong. You will always find it because you’ve made that your mission. Stop scouring people’s faces for evidence that you’re not enough. You will always find it because you’ve made that your goal. True belonging and self-worth are not goods; we don’t negotiate their value with the world. The truth about who we are lives in our hearts. Our call to courage is to protect our wild heart against constant evaluation, especially our own. No one belongs here more than you.“

Was das Buch auch richtig gut aufzeigt ist, wie schnell wir dabei sind (insbesondere natürlich on social media) Leute in Boxen zu packen. Schwarz/Weiß, Gut/Schlecht, die, die drin sind und die, die draußen sind etc. – ohne anzuerkennen, wie differenziert und nuanciert die meisten von uns doch sind. Brown erinnert daran, wie kollektive Momente der Freude oder auch der Trauer (Konzerte, Fußballspiele, 9/11, Beerdigungen etc.) uns zusammenbringen, wenn auch nur für kurze Zeit, über die unterschiedlichsten ansonsten bestehenden Barrieren hinweg.

Es geht ihr nicht darum, dass wir uns jetzt einfach alle lieb haben sollen und an den Händen halten, es geht ihr viel mehr darum, öfter mal inne zuhalten und geduldiger zu sein, wirklich verstehen zu wollen, nachzufragen. Anzuerkennen, dass wir Fehler machen und gemacht haben, dass fast alle von uns privilegiert sind und ja, das kann unbequem sein und das muss man einfach mal aushalten.

„…shouldn’t the rallying cry just be All Lives Matter? No. Because the humanity wasn’t stripped from all the lives the way it was stripped from the lives of black citizens. In order for slavery to work, in order for us to buy, sell, beat, and trade people like animals, Americans had to completely dehumanize slaves. And whether we directly participated in that or were simply a member of a culture that at one time normalized that behavior, it shaped us.“

Ein interessantes Buch mit kleinen Schwächen, das aber auf jeden Fall eine Menge Stoff zum Nachdenken bietet – ich könnte mir vorstellen, dass man das gut in einem Bookclub lesen und sich dann die Köpfe heiß diskutieren kann.

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Entdecke deine innere Stärke: Wahre Heimat in dir selbst und Verbundenheit mit anderen finden“ im Kallash Verlag erschienen.

#Women in Science (5) Sabine Hossenfelder

Es wird feierlich bei den #WomeninScience, denn der heutige Beitrag kommt von der Gewinnerin des Buchblog-Awards 2018, den sie völlig zu Recht für ihren immens spannenden Blog „Elementares Lesen“ bekam. Petra führt uns zudem mit der heutigen Physikerin endlich auch einmal in die Gegenwart und wir werfen mit der Autorin einen kritischen Blick auf die heutige Physik. Ich habe das Buch bereits hier liegen und bin schon sehr gespannt darauf:

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Sabine Hossenfelder ist theoretische Physikerin. Sie studierte Mathematik und Physik an der Goethe-Universität Frankfurt und wurde dort 2003 mit Auszeichnung über „Schwarze Löcher in Extra-Dimensionen“ promoviert. Nach Forschungsaufenthalten in den USA, am Perimeter Institute im kanadischen Waterloo und am NORDITA-Institut für Theoretische Physik in Stockholm arbeitet die 42-Jährige heute am Frankfurt Institute for Advanced Studies über Quantengravitation und Physik jenseits des Standardmodells der Elementarteilchen. Sie veröffentlicht Artikel in diversen Wissenschaftsmagazinen und betreibt das Blog Backreaction.

In ihrem Buch Das hässliche Universum, das 2018 zunächst in englischer Sprache unter dem Titel „Lost in Maths“ erschien, kritisiert Sabine Hossenfelder die Irrwege der gegenwärtigen Physik. Seit Jahrzehnten gibt es in der Grundlagenforschung keine nennenswerten Fortschritte, denn die Wissenschaftler lassen sich von falschen Idealen leiten. Eine Theorie muss schön, natürlich und einfach sein, um Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinde zu finden. Der Weg zu neuen Erkenntnissen wird dadurch versperrt. Die Physik ist in der Sprache der Mathematik formuliert, und so ist der Originaltitel des Buches „Lost in Maths“ zu verstehen als eine Verlorenheit in der Mathematik, in möglichst eleganten Formeln. In der Geschichte der Wissenschaften war die Orientierung an ästhetischen Prinzipien oft hilfreich. In der modernen Physik hat sie keinen Platz mehr und führt zum Scheitern einer ganzen Generation, stellt die Autorin fest. Was hat das subjektive Schönheitsempfinden mit objektiver Wissenschaft zu tun? Wo bleiben die Ergebnisse zum Beweis all der schönen Theorien?

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Foto: © S. Hossenfelder; CC BY-SA 4.0

Hossenfelder besuchte Teilchenphysiker, Stringtheoretiker und Kosmologen, die sie mit dieser verfahrenen Situation konfrontierte. Sie sprach unter anderem mit Gian Giudice vom Schweizer Kernforschungszentrum CERN, der die emotionale Kraft schöner Theorien betont, und Frank Wilczek, Nobelpreisträger von 2004, der von der Schönheit des Universums überzeugt ist; mit Steven Weinberg, Nobelpreisträger von 1979, der versucht, sie von der Existenz des Multiversums zu überzeugen; mit Astrophysikerin Katherine Mack, die von der bisher erfolglosen Suche nach Axionen erzählt – jenen unsichtbaren Teilchen, aus denen Dunkle Materie vermeintlich besteht, und mit dem Stringtheoretiker Joseph Polchinski, dem die hässliche Wahrheit, die sich aus seinen Berechnungen über Schwarze Löcher ergab, Kopfzerbrechen bereitet. Diese Gespräche vermitteln einen Überblick über den aktuellen Stand der Grundlagenphysik. Sie zeigen aber auch die Ratlosigkeit mancher Wissenschaftler über den mangelnden Erfolg ihrer teuren Experimente.

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Am heutigen Zustand kritisiert Sabine Hossenfelder, dass alle der Meute folgen und sich auf die angesagten Forschungsrichtungen konzentrieren. Physiker, die gegen den Strom schwimmen, erhalten keine Gelder für ihre Projekte und werden angefeindet. Hossenfelder verschweigt auch nicht ihre eigene, oft prekäre berufliche Situation von einem befristeten Job zum nächsten. Trotz ihrer Kritik am Wissenschaftsbetrieb hat sie die Hoffnung auf Veränderungen nicht aufgegeben und macht Vorschläge für eine ausgewogene, von objektiven Kriterien geleitete Forschung.

Das hässliche Universum, 2018 im Verlag S. Fischer erschienen, ist eine faszinierende Reise in die moderne Physik und ihre Grenzen. Mir hat die trockene, selbstironische Art der Autorin sehr gut gefallen und über manche Hürden beim physikalischen Verständnis hinweg geholfen. Wer mehr erfahren möchte, sollte auch Sabine Hossenfelders Blog Backreaction lesen, in dem die streitbare Physikerin sich mit aktuellen Entwicklungen der Forschung auseinandersetzt – eine Plattform für lebhafte Debatten

#Women in Science (4) Mileva Marić

Beim Blog „Lesevergnügen“ ist der Name Progamm. In Jacqueline habe ich was Bücherverrücktheit angeht eine Zwillingsschwester im Geiste gefunden. Kürzlich erschien auf ihrem Blog eine Gastrezension von Odette die ein Buch über die brilliante Mileva Marić vorstellt, die so zu Unrecht im Schatten ihres ehemaligen Ehemannes Albert Einstein steht.

Ich freue mich, in der Reihe #Women in Science die erste Mathematikerin vorzustellen:

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Foto: Wikipedia

Mileva Marić war Frau Einstein, die erste Frau von Albert Einstein. Sie wurde am 19. Dezember 1875 in Vojvodina in Serbien geboren, zu einer Zeit der raschen Entwicklung von Wissenschaft und Forschung. So war ihre Generation eine der ersten Generationen, die es jungen Frauen erlaubte, eine wissenschaftliche Bildung zu genießen. Marić entstammt einer wohlhabenden serbischen Familie, in der Bildung eine zentrale Rolle spielte. Ihr Vater investierte früh in ihre Ausbildung, weil er ihre Begabung erkannte, aber auch dachte, dass sie mit ihrer Behinderung, einer schiefen Hüfte, wohl eher einen guten Job, als einen Ehemann findet. Er schickte sie erst auf eine höhere Mädchenschule, anschließend auf die Realschule und ins Gymnasium. Um 1900 studierten bereits vereinzelt Frauen an Universitäten, auch Mileva Marić erhielt die Chance und immatrikulierte sich als einzige Frau in den Studiengang Mathematik und Physik an dem Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. In diesem Studiengang lernte sie Albert Einstein kennen.

Mit dem Kennenlernen von Einstein beginnt die Erzählung des Buches von Marie Benedict. Über das Leben von Mileva Marić ist wenig bekannt, deshalb hat sich die Autorin an die wenigen Fakten gehalten und eine Geschichte herum erschaffen. Marie Benedict kombiniert reale Fakten mit fiktiven Zusammenhängen, denn in der Wissenschaft ist das Verhältnis Albert Einsteins zu seiner ersten Frau nicht eindeutig nachvollziehbar. Fakt ist, dass sich beide ziemlich schnell ineinander verliebten und sich anfangs noch streng nach der damalig herrschenden Etikette richteten. Marić wohnte mit anderen weiblichen Kommilitoninnen in der Pension Engelbrecht. Hier war Männerbesuch nur zu bestimmten Zeiten erlaubt. Albert kam oft zum Musizieren in die Pension und wurde von seiner späteren Frau bei der Erarbeitung von Hausarbeiten unterstützt. Oft schwänzt er Vorlesungen und Mileva schrieb für Einstein mit. Während eines heimlichen Ausfluges wurde Mileva Maric schwanger. Besonders die Familie von Albert Einstein tolerierte die Beziehung der Beiden nicht. Obwohl nun eigentlich eine rasche Hochzeit folgen musste, zögerte Albert Einstein diese bis deutlich nach der Geburt der Tochter heraus.

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Ab der Hochzeit beginnt der Leidensweg, den die Autorin in dem Buch schildert. Mileva Maric wird von Albert Einstein missverstanden, er zwingt sie zu Dingen, wie der Adoption der Tochter. Auch wissenschaftlich erkennt er ihr Mitwirken an seinen Arbeiten nicht an. In seinen Publikationen wird sie nie als Mitautorin genannt. Einstein wird immer selbstsüchtiger, vielleicht ist er schon dem Wahn verfallen, dass er der alleinige Urheber aller Theorien ist. Hörig und gesellschaftlich abhängig von ihm, begehrt Mileva nicht auf. Als Leserin resümiert man, sie hat sich an den Mann verkauft, ist auf seinen Charme hereingefallen und hat so ihre erwartungsvolle Karriere geopfert. Für Albert und ihre gemeinsamen Kinder, führt sie das Leben einer gewöhnlichen Hausfrau. Trotz der Worte von Albert vor Freunden, sie sei die Mathematikerin, er der Physiker in der Familie, behandelt er sie nicht mehr wie seine Partnerin in der Forschung.

Das es auch andere Konstellationen gab, zeigt die Ehe der Curies. Marie Curie wurde immer von ihrem Ehemann unterstützt und das sogar vor dem Nobelpreiskomitee. Im Buch lässt die Autorin Marie Benedict, Mileva Marić ein Gespräch mit Marie Curie über die Wissenschaft führen. Das Buch endet mit der Scheidung der Beiden. Was der Autorin in der Annahme der Unterschlagung der Autorenrechte von Mileva Marić Recht gibt ist, dass Mileva Marić, als Einstein den Nobelpreis bekommt, von ihm das Preisgeld erhält.

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Der Roman Frau Einstein ist spekulativ, es gibt Biographien von Mileva Marić und Albert Einstein, die Teile bestätigen und auch wieder nicht. Etwas eigenartig finde ich, dass Mileva Marić die Relativitätstheorie plötzlich und in Gänze, in nur einem Augenblick auf einem Bahnhof, entwickelt haben soll. In diesem Moment als ihr der Einfall zu dieser bahnbrechenden Theorie kommt, fährt sie wieder zurück zu ihrem Mann, kurz nachdem sie die gemeinsame Tochter Lieserl, welche Einstein nie gesehen hat, beerdigte. Das Buch ist sehr gut lesbar geschrieben. Es wandelt sich von einem Liebesroman zu einem patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Ehedrama, das traurig und wütend zu gleich macht. Die Autorin Marie Benedict setzt in dem letzten Kapitel „Anmerkung der Autorin“ ein klares Statement und man kann sich mit dem Thema und dem Leben von Mileva Marić gut auseinandersetzen. Das Buch wird aus Sicht der Ich-Erzählerin erzählt und ist trotz tragischem Frauenschicksal ein wahres Lesevergnügen.

An Ende stellt sich die Frage: Wäre Einstein ein genialer Wissenschaftler ohne seine erste Frau geworden? Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.

Frau Einstein“ von Marie Benedict erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.