Women in Science (23) Sonja Kowalewski

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Sonja Kowalewski wurde als Sofya Vasileyevna Kovalevskaya 1850 in Rußland geboren. Wie üblich bei russischen Namen, wurde ihr Name in vielen Varianten übersetzt, ich belasse es der Einfachheit halber hier bei der in Deutschland gängigen Variante Sonia Kowalewski.

Sie war eine Pionierin auf dem Gebiet der Mathematik und die erste Frau, die einen Doktor in Mathematik machte, sowie die erste Professorin für Mathematik in Nordeuropa.

Ihr Interesse für Mathematik wurde durch mathematische Unterlagen geweckt, die sie in ihrem Kinderzimmer enteckte. Da die Tapete in ihrem Zimmer nicht ausreichte, wurde der Rest der Wand mit Unterlagen einer mathematischen Vorlesung von Michail Ostrogradski zu Differential- und Integralrechnung tapeziert. Die Unterlagen gehörten ursprünglich ihrem Vater.

Mit diesen Berechnungen beschäftigte sich die kleine Sonja intensiv und ihr Interesse an der Mathematik wurde besonders von einem Onkel gefördert, der sich als Nichtmathematiker selbst in die Höhen der Mathematik eingearbeitet hatte.

Der Unterricht, den sie zu Hause erhielt, wurde ihr schnell langweilig und als ihr Interesse an Algebra und Geometrie stärker wurde, verbot ihr Vater ihr zunächst den Unterricht. Sie verfolgte ihre Interessen daher heimlich weiter.

Mit 15 begann sie, sich selbst Physik sowie die trigonometrischen Formeln, auf die sie beim Studium der Optik stieß, beizubringen. Sie korrespondierte mit dem Verfasser des Physik-Lehrbuchs und dieser setzte sich dafür ein, dass sie Unterricht in höherer Mathematik bekam.

Diesen bekam sie bei einem Professor in Sankt Petersburg, wo sie auch auf Dostojewski traf, für den sie von Jugend an schwärmte. Dieser interessierte sich allerdings mehr für ihre Schwester Anna.

Da Frauen zu dieser Zeit in Russland weder studieren, noch als Gasthörerinnen an Vorlesungen teilnehmen durften, gingen sie häufig zum Studium in den Westen (Marie Curie zum Beispiel nach Paris).

Es war gar nicht einfach für Frauen in Russland auszureisen, denn sie besaßen zu dieser Zeit keinen eigenen Reisepass. Eine Auslandsreise war ihnen daher nur in Begleitung des Vaters oder Ehemanns möglich. Ihr Vater war gegen ihr Auslandsstudium, sie aber setzte sich gegen seinen Willen durch und ging 1868 mit dem Studenten Wladimir Kowalewski eine Scheinehe ein. Im darauffolgenden Jahr reisten beide nach Wien, wo Sonja die Genehmigung eines Physikprofessors erhielt, an seinen Vorlesungen teilzunehmen.

Das Leben in Wien war teuer und  es gefiel ihr dort auch nicht sonderlich, so dass sie beschloss, nach Heidelberg zu gehen, wo sie im Sommer 1869 ihr Studium der Mathematik (bei Paul du Bois-Reymond und Leo Koenigsberger), Physik (bei Helmholtz) und Chemie (bei Bunsen) aufnahm.

Im Winter 1870 wechselte Sonja auf Anraten von Professor Koenigsberger nach Berlin, zu Karl Weierstraß, dem bedeutendsten Mathematiker seiner Zeit. Nach vier Jahren begann sie, an ihrer Dissertation zu arbeiten, teilweise arbeitete sie 16 Stunden am Stück. Dazwischen war sie hin- und wieder in Paris bei ihrem Mann und ihrer Schwester, die beide auf Seiten der Aufständischen aktiv in der Pariser Kommune waren. Nach der Niederschlagung der Kommune konnte ihre Schwester fliehen, ihr Mann wurde dabei verletzt. Kowalewski pflegte ihn und andere Verletzte in dieser Zeit im Hospital, nahm jedoch nicht am Aufstand selbst teil.

Obwohl ihr Lehrer Weierstraß selbst gegen das Studium von Frauen war, unterstützte er sie bei der Promotion, die sie 1874 an der Universität in Abwesenheit und ohne mündliche Prüfungen absolvieren konnte. Sie machte ihren Abschluss mit summa cum laude.

Nach ihrer Promotion ging sie mit ihrem Mann nach Russland zurück, wo sie jedoch keine Möglichkeit hatte zu unterrichten, außer in den untersten Klasse an einer Mädchenschule. Aus diesem Grund beschloss sie, der Mathematik den Rücken zu kehren und ihre Scheinehe zu einer richtigen zu machen. Im Jahr 1878 brachte sie eine kleine Tochter zur Welt.

Doch schon nach kurzer Zeit gerieten sie in finanzielle Bedrängnis und sie mussten vor Gläubigern nach Moskau fliehen. Dort begann sie, sich wieder mit der Mathematik zu beschäftigen. Nachdem ihr Mann durch irrsinnige Spekulationen finanziell immer weiter abrutschte, trennte sie sich von ihm und ging zurück nach Berlin, später nach Paris, wo sie in die Mathematische Gesellschaft gewählt wurde. Ihre Tochter schickte sie zurück nach Rußland, wo sie von einer Freundin aufgezogen wurde.

1883 erhielt sie eine Stelle als Privatdozentin an der Universität Stockholm. Eine Position, die ihr als getrennt lebende Frau lange verwehrt war, die ihr aber durch den Selbstmord ihres Gatten und ihrer somit neuen Rolle als ehrbare Witwe nun offen stand.

Ihre Ankunft in Stockholm war ein großes Ereignis, so ungewöhnlich war die Vorstellung einer weiblichen Professorin. August Strindberg bekleckerte sich auch nicht gerade mit Ruhm als er folgende Zeilen in einem Artikel veröffentlichte:

„…eine Frau als Mathematikprofessor eine schädliche und unangenehme Erscheinung sei, ja, daß man sie sogar ein Scheusal nennen könnte. Die Einladung dieser Frau nach Schweden, das an und für sich männliche Professoren genug habe, die sie an Kenntnissen bei weitem überträfen, sei nur durch die Höflichkeit der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegenüber zu erklären.“

1887 lernte Kowalewski Alfred Nobel kennen, der ihr den Hof machte, den sie aber abblitzen ließ. Es gibt Gerüchte, dass seine gekränkte Eitelkeit der Grund dafür seien, dass es bis heute keinen Nobelpreis für Mathematik gäbe.

Im Juni 1889 wurde ihr in Stockholm eine Professur auf Lebenszeit übertragen und sie wurde in Frankreich zum Officier de l’Instruction publique ernannt, was allerdings keine nennenswerten Vorteile mit sich brachte. In Russland wurde sie nun immerhin zum „korrespondierenden Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften“ gewählt.

Leider hatte Kowalewski nicht mehr viel von ihrer Stellung auf Lebenszeit, da sie 1891 an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Sie wurde nur 41 Jahre alt. Die Nachricht ihres frühen Todes erschütterte die Mathematiker in ganz Europa.

Seit 1992 wird von der Russischen Akademie der Wissenschaften für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Mathematik der Kowalewskaja-Preis verliehen. Erste Preisträgerin war Olga Ladyschenskaja.

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