Olga lesen! Olga sehen!

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Dieses Buch stand schon lange bevor Olga Tokarczuk den Literatur-Nobelpreis gewann auf meiner Wunschliste.

In einem abgelegenen polnischen Dorf lebt Janina Duszejko recht einsam am Waldesrand. Sie nutzt die langen Winternächte, um Astrologie zu studieren, komplizierte Horoskope zu berechnen und mit einem jungen Freund die Gedichte von William Blake zu übersetzen.

Die meisten halten sie für eine miesepetrige Einsiedlerin, die Tiere lieber mag als Menschen, aber niemand sollte die Stärke und den Mut etwas älterer Damen unterschätzen. Als ihr unsymphatischer Nachbar (und Wilderer) „Big Foot“ tot gefunden wird und mehr und mehr Leichen, die alle mit der Jagd zu tun hatten, unter mehr als mysteriösen Umständen auftauchen, nimmt Dusjezko die Ermittlungen in die Hand.

Sie glaubt, die Tiere seien es, die sich an den Menschen rächen, doch ihre Versuche, die örtliche Polizei von ihrer These zu überzeugen, scheitern kläglich. Sie ist außerdem davon überzeugt, dass die Morde astrologisch angekündigt wurden, aber auch diese Idee findet selbst unter ihren Freunden, der Second-Hand-Shop Besitzerin „Good News“ oder Dizzy, mit dem sie Gedichte übersetzt, kein Gehör.

Janina Dusjezko hasst ihren Vornamen und liebt es, den Menschen in ihrer Umgebung eigene Namen zu verpassen, die deutlich besser zu ihnen passen, als ihre Rufnamen. 

The naming of Big Foot occured in a similar way. It was quite straightforward – it suggested itself to me when I saw his footprints in the snow…Unfortunately, I couldn’t choose a suitable name for myself. I regard that the one that’s written on my identity card as scandalously wrong for me and unfair – Janina. I think my real name is Emily, or Joanna. Sometimes I think it’s something like Irmtrude too. Or Bellona. Or Medea.“

Sie hasst Jäger und leidet mit den Tieren in ihrer Umgebung mit. Immer wieder kümmert sie sich um verwundete Tiere, die bei ihr auftauchen. Sie ist außerdem eine genaue Beobachterin, sie erkennt die Zusammenhänge, die gegenseitigen Abhängigkeiten von Beziehungen und steht sehr im Einklang mit der Natur.

Drive your plow over the bones of the dead ist eine Zeile aus William Blakes „Proverbs of Hell“, so wie auch die Zitate am Anfang jedes Kapitels Zitate aus seinen Gedichten sind.

Die Geschichte ist so voller Anspielungen, reich an Wortspielen, wundervoll atmosphärisch und hat ein großartiges dunkles Ende. Ein zutiefst zufriedenstellender Thriller mit märchenhaften Elementen und ein großartiges Stück Literatur, das große Lust auf mehr Olga macht.

Es war zudem unglaublich passend, dass Agnieszka Hollands Verfilmung des Romans unter dem Titel „Spoor“ gerade dieser Tage in der Arte Mediathek zu sehen ist.

Buch und Film haben mich gleichermaßen begeistert und ich kann beide uneingeschränkt empfehlen. Oh und die Gedichte von William Blake möchte ich jetzt auch lesen.

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Der Gesang der Fledermäuse“ im Kampa Verlag.

Was habt ihr oder möchtet ihr von Olga Togarczuk lesen?

Meine Woche

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Gesehen: „Spoor“ (2017) von Agnieszka Holland. Verfilmung von Olga Tokarczuks Roman „Der Gesang der Fledermäuse“. Wunderschöne Bilder, großartiger Film – zartere Gemüter sollten vielleicht gelegentlich die Augen schließen.

It comes at night“ (2017) von Trey Edward Shults. Irgendeine übernatürliche (?) Bedrohung treibt in der Welt sein Unwesen und Angst läßt Menschen sehr schnell degenerieren. Sehr spannend.

What did Jack do“ (2017) von David Lynch. Abgefahren, skurill und wunderbar durchgeknallt.

Gehört: Spoor – Antoni Komasa-Lazarkiewicz, Deep Listening – Pauline Oliveros, Occam Ocean I – Éliane Radigue, The Flame of Love – David Lynch,  Tongues of Wild Boar – Hilary Woods, The Outside – New Risen Throne

Gelesen: A woman’s greatest enemy is a lack of time to herself, Pictures of the world on fire won’t shock us much longer, The haunting beauty of snowflakes, Über Leben in Auschwitz, The Basecamp guide to internal communication, Der Mann, der Saša Stanišić vor der Abschiebung bewahrte und Macht mich Bildung zum besseren Menschen? Virginia Woolf on why we read

Getan: endlich wieder einmal Boxen gewesen

Geplant: das Wochenende in Südtirol genießen

Gegessen: Penne mit Süßkartoffeln und Grünkohl

Getrunken: Cocktails im Negroni mit lieben Freunden

Gefreut: über ein besonders gutes Feedback zum Workshop

Geweint: My Mother’s Eyes

Geklickt: Ten Meter Tower, Radiohead Public Library

Gestaunt: über Robot Priests und Samsungs Artificial Neon Humans

Geärgert: Leave Star Trek alone you piece of shit,

Gelacht: wenn auf einmal die Batterie alle ist und Girl at a Bar

Gewünscht: dieses Haus, diesen Fahrradhelm, dieses Notizbuch

Gefunden: dieses Spiel

Gekauft: eine Mitgliedschaft in der Boxschule

Gedacht: On the other side of fear is freedom

Robert Burns Night

Burns by Iain McIntosh

Foto: Ian McIntosh

Yes Ladies and Gentlemen, tonight is the Night. It’s Burns Night and I wonder why I haven’t relived the tradition of Burns Night for so long. When I lived in Scotland there was no way to not celebrate Burns Night and maybe my months of „Celebrating Alcohol by not drinking it“ made me think about it again.

Traditionally the Burns Night is celebrated on January 25th not just in Scotland but wherever there was a high population of Scottish Migrants. You meet for supper and have Haggis with Neeps and Tatties (Kartoffeln und Steckrüben) and wash that down with generous amounts of Whisky.

Burns is probably best known outside of Scotland for his song „Auld Lang Syne„.

My favourite Burns Night happened in Dundee actually, one of the most unattractive areas of Scotland also called the armpit of Scotland. Working for United Distillers in Perth served me with a constant supply of alcohol which might have helped expanding my circle of friends. Dundee has a university and I had met some Spanish guys there who I was giving English lessons to. Their accent was terrible, they could hardly be understood for the life of it. Beard, Bird, Birth – it all sounded the same. So once a week I would take the bus from Perth to Dundee and we worked on their pronunciation and they were pretty unsuccessfully trying to install some Economics into my brain. We usually ended the tuition with wonderful Spanish food and complicated European art movies.

On this Burns Night my backpack was full with little Whisky Bottles, that my boss allowed me to take. They were „old stock“ meaning the labels were damaged or something and could not be used any more. I remember it was a year of heavy snow for Scotland, I stumbled through the snowy armpit and was welcomed by my Spaniards with the Traditional Haggis Supper. I love Haggis. When you forget what it is made of it’s totally fine. I had prepared a Burns Poem for each of them and we were in the middle of the merry Haggis&Whisky Supper when suddenly the electricity went out.

Not for the first time nobody had remembered to get coins for the coin operated meter so we had plenty of candles. It was such a romantic night somehow. Snowing outside, inside we were sitting in the kitchen in candlelight drinking gallons of Whisky reciting Burns poems in terrible Scots and had a great time.

A Red, Red Rose

Unfortunately no great time the next morning. Of course I had missed the last bus, had cuddled up on the Sofa in the kitchen with a blanket. No electricity also meant no heating and I had frozen stiff during the night. And then the walk of shame to work the next day but hey it was worth it and Scottish Employers especially in the Alcohol business are pretty understanding towards young girls being late and hangover for work. I mean it was Burns Night after all 😉

I still haven’t arranged a Burns Night with friends here in Munich, but will have to do with a wee dram and some poetry on my own tonight. I hope you have Poems, Haggis, candles, (no) heating, hopefully some snow and definitely gallons of Whisky.
And next year definitly a Burns Night Party! Slàinte mhath 🙂

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#Women in SciFi (53) Unser Leben in den Wäldern – Marie Darrieussecq

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Ich lese und schaue sehr gerne Dystopien und kürzlich fiel mir auf, dass mich eher Plots interessieren, in denen die Gesellschaft zerbricht oder sich die Welt von einem Schreckensscenario erholen muss, als solche, in denen sich eine totalitäre Gesellschaft ausbildet (z.B. The Handmaid’s Tale). Vielleicht sind mir letztere etwas zu nah an der Wirklichkeit. Marie Darrieussecq hat auf ein paar Seiten eine komplexe, intelligente Geschichte geschaffen, die mich in Teilen an Ishiguros „Never let me go“ erinnerte.

Dieses kleine Büchlein wurde mir vom Verlag unaufgefordert zugeschickt und ich hätte nie gedacht, dass es mich so derart packen würde. Die Protagonistin der Geschichte ist eine Psychotherapeutin mit stark schwächelnder Gesundheit. Sie erzählt in Form eines Tagebuchs, wie es dazu kam, dass sie sich in den Wäldern versteckt, es ist im Grunde ein langer Monolog mit kurzen aktuellen Einschüben:

„Gut. Womit fang ich an. Ich glaube, die elementaren Vorsichtsmaßnahmen , an die wir uns halten, muss ich nicht erläutern, die liegen auf der Hand: das Verwischen unserer Datenspuren, unserer Identitäten usw. Das Organisieren unseres Verschwindens. Wenn jemand verschwindet, und zwar, ohne dass die es entschieden haben, das stört sie am meisten. Wir sind alle verschwunden. Wobei sie schon wissen, wir sind da, in einer Art verkehrten Welt.“

Die Geschichte spielt im frühen 22. Jarhundert. Die Erzählerin erklärt den kulturellen Kontext für die, die eventuell einmal ihre Aufzeichnungen finden sollten. Die meisten Menschen haben sich freiwillig Implantate setzen lassen, mit denen sie jederzeit überwacht werden können. Es gibt Terrorangriffe unbekannter Herkunft und es herrscht insgesamt eine bedrückende Atmosphäre. Die Wohnungen sind in der Regel sehr klein und haben teilweise nicht einmal mehr Fenster. Da die meisten Jobs von Robotern und AI übernommen werden, leben die meisten Menschen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Einer der wenigen einfachen Jobs die übrig sind, ist das emotionale Training und assoziertes Denken von AI für 2$ die Stunde. Psychische und physische Gesundheit wird groß geschrieben, allerdings sind die Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen deutlich kränker.

Die Erzählerin ist Teil DER GENERATION, einer kleinen experimentellen Kohorte an Mittelklasse-Menschen (die jetzt erwachsen und um die 40 Jahre alt sind), für die ein Zwilling geklont wurde, die sogenannten Hälften, deren einzige Aufgabe es ist, als Körperersatzteillager für die Mitglieder DER GENERATION zu fungieren.

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Die Hälften leben sediert in einer krankenhausähnlichen Einrichtung und sind dort in einen künstlichen Schlaf versetzte. Die ärmeren Leute aus den einfacheren Schichten haben nur sogenannte „Krüge“, in denen sie künstlich erzeugte Ersatz-Herzen, Lungen etc. aufgewahren.

Ich will nicht zuviel verraten, aber die Protagonistin wird Teil einer Widerstandsbewegung, die sich mit ihren befreiten Hälften in die Wälder zurückzieht und die gängigen Praktiken in der Gesellschaft in Frage stellt. Die Hälften, die ihr Leben lang sediert vor sich hinvegetiert haben, sind kaum alleine lebensfähig und müssen selbst die fundamentalsten Dinge wie gehen, sprechen etc. beigebracht bekommen.

Ein kurzer, spannender, intensiver Roman der einen noch lange beschäftigt und den man am Ende direkt noch einmal von vorne lesen möchte.

Marie Darrieussecq hat seit 1996 16 Bücher veröffentlicht. Sie arbeitete bis 2017 auch als Psychoanalytikerin und lebt mit ihrer Familie in Paris.

Unser Leben in den Wäldern wird momentan unter der Regie von Magali Magistry verfilmt und ich bin schon sehr gespannt darauf.

Ich danke dem Secession-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Woche

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Gesehen: „Charlie’s Angel“ (2019) von Elizabeth Banks mit Kristen Stewart, Naomi Scott, Ella Balinska und Patrick Stewart. Großer Kino-Spaß, kann ich empfehlen.

Underwater“ (2020) von William Eubank mit Kristen Stewart. Ja das war unsere KStew Kinowoche. Hier spannender Unterwasser-Monster-Spaß, der mir besser gefallen hat als die durchwachsenen Kritiken befürchten liessen.

The color of Pomegranates“ (1969) von Sergei Parajanov. Poetische Bilder um einen armenischen Poeten aus dem 18. Jahrhundert. Sehr abgefahren, aber interessant.

Gehört: Steve’s song – Amy Wadge, O virtue sapientiae – Hildegard von Bingen, Cruxifixus – Antonio Lotti, Underwater Soundtrack – Marco Beltrami

Gelesen: dieses Interview mit der Holocaust Überlebenden Regina Steinitz, why the e-book revolution never came, everything is both better and worse than ever before, the myth of the artistic genius

Getan: eine wichtige Entscheidung getroffen

Geplant: einen Spaziergang im Schnee, ins Kino gehen und Yoga machen

Gegessen: dieses leckere vegane englische Frühstück

Getrunken: diesen Rotwein

Gefreut: über diesen wunderbaren Weihnachtsgewinn von Diogenes

Geweint: oh Australia

Geklickt: auf A Female Rage Reading List

Gestaunt: Scientists use stem cells from frogs to build first living robots

Geärgert: über die nahezu ausschließlich männlich weißen Oscar-Nominierungen

Gelacht: If High Street Shopping was like Online Shopping, Germans find a bitter excuse to be flaky

Gewünscht: dieses Fahrrad, dieses Bad-Regal, diese Ladentheke

Gefunden: nix

Gekauft: einen Wäschekorb

Gedacht: You may not always have a comfortable life and you will not always be able to solve all of the world’s problems all at once. But don’t ever underestimate the impact you can have, because history has shown us that courage can be contagious, and hope can take on a life of its own // Michelle Obama

Mein Lesejahr 2019

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Erst wollte ich nicht, dann dachte ich es sei eh zu spät, aber da die Erfinderin dieser wunderbaren Blogparade, die Frauenleserin,  auch erst vor ein paar Tagen ihren Beitrag veröffentlichte, spring ich einfach mit auf den Zug und teile mit Euch mein Lesejahr:

Diese Fragen galt es zu beantworten:

  1. Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

    Ich habe unglaubliche 108 Bücher bei Goodreads geloggt, wobei da auch ein paar Comics dabei waren. Trotzdem eine stattliche Zahl, die mich selbst überrascht hat. Davon waren 56 Bücher von Autorinnen. Also ganz knapp mehr als die Hälfte.
    Rezensiert habe ich alle – glaube ich zumindest.

  2. Welches Buch einer Autorin ist Dein Lesehighlight in 2019? (Warum?)

    Hier würde ich die für mich gerade entdeckte Christa Wolf nennen, von der ich im Urlaub auf Naxos „Kassandra“ und „Medea“ gelesen habe und die mich sehr begeistert hat.

    Eine weitere Überraschung war Jenny Erpenbeck, deren Roman „Gehen, Ging, Gegangen“ zu einem absoluten Highlight zählt.

    Final möchte ich noch die Interviewbände aus dem Kampa Verlag nennen, die mich jedes Mal wieder sehr begeistern. Dieses Jahr las ich die Interviews mit Siri Hustvedt und Margaret Atwood und konnte beide gar nicht aus der Hand legen. Ich liebe diese Reihe.

  3. Welche Autorin hast Du in 2019 für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

    Wie oben erwähnt war das Christa Wolf für mich. Möchte jetzt unbedingt nach und nach alles von ihr lesen. Was sie für mich so besonders macht kann ich gar nicht sagen. Sie schreibt einfach irre gut, ihre Biografie macht mich neugierig, ihre Bücher sind klug, sie beobachtet genau und sie empfindet Wärme für ihre Protagonist*innen.

  4. Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich besonders beeindruckt (und warum?)

    Ich habe 2019 unglaublich viel von und über Virginia Woolf und Vita Sackville-West gelesen und von daher würde ich diese beiden Autorinnen nennen.

  5. Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2020 unbedingt lesen?

    Da gibt es so einige Autorinnen. George Eliots „Middlemarch“ ist wohl eher ein größeres Projekt für die Weihnachtstage am Ende des Jahres.

    Ich lese gerade die aktuelle Nobelpreisträgerin und möchte dieses Jahr unbedingt endlich etwas von Herta Müller lesen. Als ich mir die Liste der Literatur-Nobelpreisträgerinnen mal ansah, bin ich echt erschrocken. In all den Jahren haben gerade einmal 14 Frauen den Preis verliehen bekommen. Schwach, wenn man bedenkt der Preis wird seit 1901 vergeben und es gab glaube ich nur 6x kriegsbedingt nicht vergeben.

    Könnte also durchaus sein, dass ich eine kleine Reihe starte #Nobelpreisträgerinnen lesen, eine weitere neue Reihe die ich definitiv für 2020 plane sind die #FemmesdesLettres.

    #WomeninSciFi und #WomeninScience gehen aber auf jeden Fall auch weiter.

    Wie war dein Lesejahr 2019? Man kann noch bis zum 23.01. an der Blogparade  der Frauenleserin teilnehmen.

Gothic! – Part 2

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Weiter geht es im zweiten Teil der Gothic Parade mit Elizabeth Gaskell, die man sonst eher als Vertreterin des Realismus kennt, wie z.B. in ihren bekannten Romanen „North and South“ oder „Wives and Daughters“. Erfreulicherweise hatte sie aber auch eine ausgeprägt düstere Seite, der sie in den hier vorliegenden „Gothic Tales“ freien Lauf gelassen hat.

Diese neun schaurigen Geschichten vermischen Realistisches mit Übernatürlichem zu einer wohlig gruseligen Mischung. In „Disappearances“ ließ sich Gaskell von lokalen Geschichten und Zeitungsberichten über geheimnisvolle Fälle von verschwundenen Menschen inspirieren, in denen sie auf ihre ganz eigene Weise Tratsch und Fakten miteinander vermischt.

„The Old Nurse’s Story“ ist eine Geistergeschichte um ein mysteriöses kleines Mädchen, das durch die eisigen Moore Northumberlands streift und in „The Poor Clare“ haben wir es mit einer durch und durch bösen Doppelgängerin zu tun.

„Leave me!“ said she, suddenly, and again taking up the cross. „I defy the demon I have called up. Leave me to wrestle with it!“

Ich habe das Buch gar nicht weglegen können, diese wunderbar atmosphärischen Geschichten sind ein großer Lesespaß für alle Gothic Freunde und stehen in krassem Gegensatz zu ihrer sonst sehr realistisch bodenständigen Literatur.

Ich mag die Einführungen in den Penguin Classics Ausgaben grundsätzlich sehr gerne, diese hier, von Laura Kranzler, war ganz besonders interessant und informativ. Sie zeigt die dunkle Unterseite weiblicher Identität, in häuslicher Umgebung und im Gegensatz zu männlicher Autorität. Ich würde mir wünschen, solche Einführungen wären auch in deutschen Ausgaben häufiger zu finden, für mich sind sie definitiv eine wichtige Kaufentscheidung.

 „The sins of the fathers shall be visited upon the children.“

Auf Deutsch sind Erzählungen von Elizabeth Gaskell im Manesse Verlag erschienen, die zumindest einige der „Gothic Tales“ enthalten. Sie sind aber leider nur antiquarisch zu bekommen.

„Lois the Witch“ schließlich ist eine Novelle, die auf den Hexenprozessen in Salem basiert, was perfekt zu meinem nächsten Buch passte.

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Der amerikanische Klassiker schlechthin. Nathaniel Hawthorne rechnet hier scharf mit den Puritanern ab, er selbst ändert schuldbewußt seinen Nachnamen von Hathorne in Hawthorne, um sich damit von seinem Vorfahr John Hathorne zu distanzieren, einem der Richter in den Salem-Prozessen und der einzige, der sich nie öffentlich entschuldigte, Reue zeigte oder sich in irgendeiner Form von seinem Tun im Rahmen der „Hexen“-Prozesse und Verbrennungen distanzierte.

Es braucht ein bisschen, bis man in den Roman hineinfindet, die Sprache und der Stil sind etwas schwierig. Wenn man aber drin ist, dann ist das eine wirklich spannende Geschichte, auch wenn der Plot sich fast ein wenig nach Soap Opera anhört.

Der Roman ist eines der einflussreichsten Werke über die Puritaner und eines der ersten, der eine Frau wirklich in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Die Geschichte beginnt etwas langatmig in halb-biografischer Manier damit, wie der Autor als Inspektor im Zollhaus in Salem/Massachusetts an die wahre Geschichte der Hester Prynne gekommen ist.

Der eigentliche Roman beginnt damit, dass Hester Prynne durch die Gefängnistür tritt, auf dem Weg zum Pranger, wo sie öffentlich vorgeführt werden soll. Sie trägt das titelgebende „A“ auf der Brust, mit dem man sie als „Adulteress“, also als Ehebrecherin markiert. Im Arm hält sie die kleine Pearl, ihre in Sünde geborene Tochter. Hester weigert sich, den Namen ihres Partners preis zu geben, selbst als ihr wesentlich älterer Ehemann nach Jahren der Abwesenheit in Salem ankommt. Er nennt sich jetzt Roger Chillingworth (grandioser Name), der als Arzt unfreiwillig ein paar Jahre bei den Indianern verbrachte. Er setzt es sich zum Ziel, den Namen seines Rivalen herauszubekommen, um sich an ihm gebührend zu rächen.

Die dritte Figur ist Arthur Dimmesdale, ein  bekannter und beliebter Prediger der Gemeinde, der keine Gelegenheit verpasst, Hester zu verteidigen und der an einer mysteriösen Krankheit zu leiden scheint, die ihn langsam aber sicher dahinsiechen lässt.

„The Scarlet Letter“ spielt im Jahr 1642 und enthält eine Reihe historischer Persönlichkeiten und Bezüge zu realen Ereignissen, mit denen Hawthorne versuchte, die Geschichte realistischer erscheinen zu lassen. Obwohl der Roman nur etwas über zweihundert Seiten lang ist, beschreibt er eine Zeitspanne von etwa sieben Jahren, in der die stoische und ziemlich isolierte Hester stolz ihre Scham erträgt und sich nach und nach wieder in die Gemeinde zurückarbeitet. Da wir es hier mit einer puritanischen Gemeinde zu tun haben, drückt sich das darin aus, dass die Gemeindemitglieder Hester nun etwas weniger böse angucken als vorher. Wirklich integriert wird sie nie wieder.

Hawthorne schafft es sehr gut, ein lebendiges Bild des alten puritanischen Salem auferstehen zu lassen. Mit Hester schuf er eine großartige stolze proto-feministische Protagonistin, die sich wenig darum schert, was andere von ihr halten.

Mein größtes Problem mit der Geschichte ist, wie Hawthorne darin insistiert, dass Dimmesdale gleichermaßen leidet wie Hester. Zum einen an seiner immer stärker auf ihm lastenden Schuld und zum anderen unter Chillingworths Racheplänen. Das halte ich für Unsinn. Als würde er genau so viel leiden, wie eine Frau, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, die ein Kind alleine großziehen muss und die stets und ständig die strafenden, überheblichen Blicke in der Gemeinde ertragen muss.

Es scheint, das einzig Pearl, die so oft als „demon offspring“ bezeichnet wird, in der Lage ist, die Scheinheiligkeit ihres Vaters zu durchschauen:

„What a strange, sad man is he!“ said the child, as if speaking partly to herself. „In the dark nighttime he calls us to him, and holds thy hand and mine, as when we stood with him on the scaffold yonder! And in the deep forest, where only the old trees can hear, and the strip of sky see it, he talks with thee, sitting on a heap of moss! And he kisses my forehead, too, so that the little brook would hardly wash it off! But, here, in the sunny day, and among all the people, he knows us not; nor must we know him! A strange, sad man is he, with his hand always over his heart!“

Hawthorne hat zeitlose Themen wie Schuld, Scheinheiligkeit und fundamentalistisches Denken in eine spannende Geschichte verpackt, mit einer Protagonistin, die man nicht so schnell vergisst. Ganz zurecht ein großer Klassiker.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Der scharlachrote Buchstabe“ im DTV Verlag.

Ich möchte mir auch unbedingt die Verfilmung aus dem Jahr 1995 mit Demi Moore anschauen:

Mein letztes Buch aus dieser kleinen Gothic-Reihe stammt ebenfalls von einem großen Vertreter der deutschen romantischen Klassik:

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Friedrich von Schillers einziger Roman (oder doch eher Novelle?) „Der Geisterseher“ ist ein experimentelles, unvollständiges Werk. Die titelgebende als auch die anderen Erzählungen in diesem Band haben alle einen recht dramatischen Plot und häufig opernhafte Settings.

Der Geisterseher handelt von einem reichen, jungen Prinzen und seinem loyalen Gefährten, die sich in Venedig aufhalten. Dort treffen sie auf einen mysteriösen maskierten Armenier, der ihnen eine seltsame Prophezeiung macht. Als diese tatsächlich eintrifft, entwickelt die rätselhafte Figur einen starken finsteren Einfluss auf den jungen Prinz. Der Armenier bringt diesen mit immer dunkler werdenden Formen der Magie in Berührung und es wird zunehmend unklarer, was wirklich passiert und was sich nur in der Vorstellung des Prinzen abspielt. Oder ist alles am Ende nur ein großer Betrug?

Es gibt viele Gründe, warum Freunde der düsteren Lektüre zu diesem kleinen Juwel greifen sollten, nicht zuletzt, weil dieser Roman der Ursprung für das Genre der Schauerliteratur in Deutschland war. Für einen unvollendeten Roman war dieser sehr einflussreich. Es gab nicht nur unzählige Schriftsteller, die die Geschichte beendeten, er ist auch einer der ersten Romane, die in Venedig spielten und der im Genre des Schauerromans eine eigene Unterkategorie gründete – und zwar die des Geheimbundromans. Seien es die Geheimbünde auf der einen oder Venedig als geheimnisvolle Location auf der anderen Seite, „Der Geisterseher“ hatte großen Einfluß auf Autoren wie E. T. A. Hoffmann, Daphne du Maurier oder auch Thomas Mann.

Damit beende ich jetzt erst einmal diese Gothic Reihe, es wird aber sicherlich nicht lange dauern, bis ich wieder Lust auf dunkel-düsteres Schauern bekomme.

Hier geht es zum Teil 1 der Reihe.

Habt ihr noch Empfehlungen für mich?