#WomeninSciFi (51) Die Stadt, nicht lange danach – Pat Murphy

Ich freue mich sehr, über diese Rezension, denn auch wenn die Reihe „offiziell“ zu Ende gegangen ist, werde ich immer mal wieder einen Artikel dazu schalten, denn SciFi Autorinnen können auch weiterhin jeden Scheinwerfer brauchen.

Ganz großes Danke an Eszter vom wunderbaren Blog „Esthers Bücher“  die uns eine sehr spannende Dystopie aus den 1970er Jahren vorstellt. Alle anschnallen, wir reisen in nach San Francisco und da geht es nicht gerade gemütlich zu:

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Eine Seuche hat fast alle Einwohner von San Francisco getötet, nur wenige sind übrig geblieben. Auch sonst scheint das Land wie ausgestorben, wenn hundert Leute irgendwo zusammenkommen, ist das schon eine bedrückende Menge. Die Stadt wird jetzt von Künstlern bewohnt, die überall in den Straßen ihre Werke platzieren. Konflikte gibt es hier allerhöchtens dann, wenn zwei Künstler sich die gleiche Fläche ausgesucht haben, aber auch diese Auseinandersetzungen werden schnell beigelegt. Kunst spielt hier für alle eine große Rolle, die Überlebenden haben nämlich erkannt, dass sie ihnen und der Stadt Gutes tut.

„Wenn man etwas Schönes erschafft, dann verändert das einen. Du gibst etwas von dir her, und lässt es in diesem Werk. Man ist einfach nicht mehr dieselbe Person, wenn man fertig ist.”

Die Seuche ist erst vor sechzehn Jahren ausgebrochen, aber die nächste Generation, die in dieser neuen Welt heranwächst, weiß kaum noch etwas über das Leben vorher. Leere Wohnungen und Häuser dienen als Fundorte kurioser Gegenstände, Totenschädel finden in den Kunstwerken eine neue Bestimmung.

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Es haben alle nicht alle die alte Welt vergessen und sie losgelassen. General Miles, der von den Künstlern nur „Vierstern” genannte Soldat hegt große Pläne. Er möchte den organisierten Staat, sein Amerika wiederherstellen, wenn es sein muss, dann mit Gewalt. Er sammelt seine Truppen in Sacramento und erobert mit ihnen immer mehr Städte. Sein nächstes Ziel ist San Francisco.

Das namenlose Mädchen ist auf einer Farm, weit weg von anderen aufgewachsen. Außer ihrer Mutter kennt sie nicht viele Menschen. Als ihre Mutter stirbt, zieht sie auf ihrem Pferd los in die große Stadt, um die Einwohner vor Vierstern zu warnen. Die Künstler müssen für den Krieg rüsten oder sich dem General und seinem Ordnungswahn unterordnen.

Par Murphy schrieb diesen Roman 1989 – eine Jahreszahl, die das Ende einer Ära einleutete. Der Kalte Krieg hat seine Spuren an diesem Roman eindeutig hinterlassen. Die USA und der Ostblock standen sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten argwöhnisch gegenüber, immer wieder stand die Menschheit kurz vor dem Ausbruch eines neuen, womöglich alles Leben vernichtenden Krieges. So verwundert es nicht, dass sich die Autorin in ihrem Buch auf die Suche nach einer Lösung, nach einer friedlichen Lösung dieses Konflikts begab.

Und dieser Wunsch nach Frieden erklärt, warum eine postapokalyptische Geschichte wie diese nicht niederdrückend, sondern ausgesprochen positiv wirkt. Die leeren Straßen, die Millionen von Toten, die verlassenen Bürogebäude, die verwaisten Kinder erzählen zwar eine traurige Geschichte, wie die Künstler der Stadt jedoch damit umgehen, bringt den Leser aber immer wieder zum Schmunzeln. In eine Welt, die äußerlich doch so sehr an The Walking Dead erinnert, nehmen Kunst, Farben und ein wenig Magie die Überhand. In unserer heutigen, von Konflikten zerrüttelten Welt sollten mehr Leute dieses Buch lesen.

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#WomeninSciFi (49) Everything belongs to the future – Laurie Penny

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Vor kurzem entdeckte ich Sabines Blog „Ant1heldin“ – ein großartiger Blog über Frauenfiguren und außergewöhnliche Protagonistinnen in der Literatur und auf der Leinwand. Das liegt ganz auf meiner Wellenlänge und daher war mir schnell klar, hier werde ich sicherlich nicht vergeblich anklopfen, wenn ich frage, ob Sabine Lust hat bei meiner #WomeninSciFi Reihe mitzumachen. Es war in der Tat nicht schwer, sie zu überreden und ich freue mich sehr über den heutigen Beitrag. Bitte hier entlang in eine dystopische Zukunft, die sich um den Traum der immerwährenden Jugend dreht:

Als mich Sabine von Binge Reader fragte, ob ich bei ihrer Blog-Aktion #WomeninSciFi mitmachen wollte, habe ich natürlich zugestimmt. Bei der Aktion stehen weibliche Sci-Fi-Autoren und ihre Werke im Mittelpunkt. Denn ihr Beitrag zu dieser Genreliteratur wird leider oft unterschätzt und zudem unterstellt, Frauen würden, wenn überhaupt, dann nur „soft Sci Fi“ mit dem Fokus auf Liebesplots schreiben. Dass das Unsinn ist, beweist schon die berühmte Margaret Atwood, daher finde ich es sehr wichtig, die Beteiligung von Frauen hier hervorzuheben.

Everything belongs to the future – darum geht‘s

Meine eigene Science-Fiction-Erfahrung beschränkt sich vor allem auf dystopische Romane und Filme, siehe Blade RunnerGattacaHunger Games und The Handmaid’s Tale. Daher hat mich Laurie Pennys Plotidee bei Everything belongs to the future gleich angemacht. Es geht in diesem Kurzroman um eine Gesellschaftsdystopie gegen Ende des 21. Jahrhunderts, in der nur die Reichen Zugang zu einer lebensverlängernden Droge haben. 100 Jahre Jugend sind keine Seltenheit mehr. Dabei zeichnen die verschiedenen Erzählstimmen das typische Bild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die Reichen leben in Saus und Braus, während die Armen in den Slums von Oxford, dem Schauplatz des Romans, mehr schlecht als recht überleben. Dystopisch wird’s zusätzlich mit der Erwähnung von Überschwemmungen, die den armen Teil von Oxford regelmäßig unter Wasser setzen. Die Erderwärmung hat in diesem Szenario längst dramatische Folgen nach sich gezogen. Der Plot dreht sich, einfach ausgedrückt, um eine Gruppe punkiger Aktivisten, die gegen das Vorrecht der Reichen auf lebensverlängernde Mittel kämpfen und die kleinen blauen Wunderpillen stehlen, um sie Robin-Hood-mäßig umsonst an die Armen zu verteilen. Die Erfinderin der Droge, Daisy, schlägt sich heimlich auf die Seite der Aktivisten. Gemeinsam planen sie eine Unterwanderung des Establishments.

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Der Reiz an dieser Dystopie – und ihr Versagen

Das Motiv des „Jungbrunnens“ ist in der Sci-Fi natürlich nichts Neues. Einige Kinofilme haben das Thema schon behandelt, z.B. Elysium, wo die reiche Oberschicht auf einer Raumstation lebt und alle Mittel hat, Krankheit und Alterung am menschlichen Körper zu verhindern. Das macht aber nichts, denn der Reiz an Dystopien liegt ja darin, Szenarien zu entwerfen, die gar nicht so unwahrscheinlich und daher umso beunruhigender sind. Von diesen Szenarien gibt es natürlich nicht unendlich viele, wenn man als Autor*in auf aktuelle Diskurse und deren zukünftige Implikationen verweisen möchte. Das wäre bei Everything belongs to the future das Gedankenspiel eines ins Extreme gesteigerten Jugendwahns. Diese spannende Grundprämisse hätte Laurie Penny daher mit ein bisschen mehr Geduld in eine überzeugende Story gießen können. Das hat sie leider versäumt.

Der kurze Text (114 Seiten) ist überfrachtet mit schwergewichtigen Ideen, die dann nicht ausgeführt werden. Wirklich an allen Ecken und Enden fehlt es an Erklärungen. Entwicklungen werden nur angerissen, Figuren bleiben flach, ihre Handlungen wirken unmotiviert. Warum Laurie Penny nicht einfach einen Roman in vollständiger Länge geschrieben hat, ist mir unverständlich. In ihrem Text gibt es so viele spannende Ansätze, die einen langen Text mühelos gefüllt hätten, z.B. die ganze Geschichte rund um die Entwicklung der Droge und ihre Auswirkung auf die dargestellte Gesellschaft. Bei der Kürze des Textes bleibt ein überzeugendes Worldbuilding jedoch auf der Strecke.

Fehlendes Worldbuilding

Wo ist die Science in dieser Fiction?

Das fängt schon mit der Idee an, die dieser Dystopie zu Grunde liegt, der lebensverlängernden Droge („the fix“ genannt): Ihre genaue Wirkung wird zum Beispiel nicht erklärt. Sie verzögert das Altern ab dem Tag der Einnahme extrem. Darüber hinaus: Wenig. Verhindert sie auch alle Krankheiten? Vermutlich, es wird aber nicht erläutert. An einer Stelle erklärt Protagonistin Daisy, die Droge bestehe aus einem Pilz, der irgendwie in den Körper eingreift. Ein bisschen mehr Details und Recherche wären hier angemessen gewesen. Ohne weitere Informationen, die dieses plot device glaubwürdiger machen, wirkt die grundlegende Prämisse der ganzen Erzählung ein bisschen wie ein billiger Jahrmarkttrick. Von den vampirhaften (entschuldigt!) Beschreibungen der „fixer“ ganz zu schweigen: „there was an uncanny smoothness to the skin, a ghastly glisten that made them doll-like.“ (S. 19) Wer wird hier auch an Twilight erinnert? *hust*

Ebenso bleibt es unklar, ob es einen Schwarzmarkt mit der Droge gibt und warum die Aktivistengruppe im Roman die Droge so völlig ungestört kostenlos verteilen kann.

Für die Glaubwürdigkeit dieses Sci-Fi-Romans sprechen einige Details zum technologischen Fortschritt (zum Beispiel Minichips, die Spion Alex unter dem Fingernagel verstecken kann). Erstaunlich altmodisch wird hingegen der Zustand der Gesellschaft dargestellt. Transfeindlichkeit, Sexismus und Rassismus bzw. Islamfeindlichkeit sind immer noch genauso große Themen wie heute in der Realität. Das könnte glaubwürdig sein, wenn man diese fehlende Entwicklung denn erklären würde. Stattdessen sind die 80 Jahre, die zwischen unserer Zeit und dem Handlungszeitpunkt des Romans bestehen, nur eine einzige große Leerstelle.

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Toll angelegte (Frauen-) Figuren, leider ohne Tiefgang

Wirklich schade ist allerdings, dass Everything belongs to the future uns keine Chance lässt, eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Penny bemüht sich, Figuren sprechen zu lassen, über die sie vermutlich selbst gerne lesen würde: Es sind fast nur Figuren abseits von heteronormativen Geschlechts- und Sexualitätszuschreibungen wie die bisexuelle Daisy oder der trans Mann Fidget. Darüber hinaus gibt es mehrere unabhängige Frauenfiguren, wie eben Daisy oder auch die Aktivistin Nina.

Der gute Wille, interessante Figuren zu schaffen, reicht aber leider nicht aus, wenn es bei oberflächlichen Charakterisierungen bleibt. Alle Beschreibungen vom Innenleben der Figuren wirken gehetzt, wie hastig zusammengeflickt. Daisy, die ewig wütende greise Frau im Körper eines Teenagers, muss noch schnell eine rührselige Liebesgeschichte aus der Vergangenheit verpasst bekommen. Diese Erinnerungssequenz ist aber völlig unmotiviert in den Plot gepresst und verfehlt so ihre Wirkung. Ich hätte stattdessen so gern mehr über Daisys Werdegang erfahren. Oder warum sie sich dazu entschieden hat, die Droge schon im Alter von 14 Jahren einzunehmen, was dazu führt, dass sie für immer im unfertigen Körper einer Pubertierenden feststeckt. Die Erzählstimme erklärt etwas nebulös: „Daisy had not had fun of any kind since she could remember, but particularly not horizontal fun involving other humans. Keeping her appearence static at awkward mid-puberty helped with that.“ (S. 24). Was diese Andeutung genau bedeutet, bleibt unklar (ist Daisy asexuell und legt gar keinen Wert auf körperliche Intimität? Und ist deshalb froh über einen unterentwickelten Körper? Wer weiß.). Das ist nur ein Beispiel für vergeudetes Erzählpotential in Everything belongs to the future.

Wie viel Laurie Penny bekommt man bei Everything belongs to the future?

Laurie Pennys erster Roman ist alles andere als leichte Unterhaltung, wie schon angedeutet. Neben zwei komplexen Erzählsträngen gibt es noch einen theoretischen Überbau in diesem Text. Zwischen den Erzählteilen aus Daisys oder Alex‘ Sicht erscheinen fiktive Briefe, die eine anonyme Schreiberin aus dem Gefängnis an die Protagonistin Daisy richtet. Darin stellt sie philosophische Überlegungen in Bezug auf das Recht der Reichen auf ewige Jugend an. Dabei rutscht sie gerne mal ins Schwadronieren ab: „The truth is that life extension itself is not sinful. The only sin is to treat time as privilege. … We discovered the fountain of youth, and then we put it behind high walls and poisoned its promise.“ (S. 36). Als Leserin fühle ich mich da doch ein bisschen für dumm verkauft. Ach nee, den Reichen noch mehr Macht zu geben hat nicht zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beigetragen? Wer hätte das gedacht? Die Regel „show, don’t tell“ gibt’s wahrlich nicht umsonst. Zeig‘ die Auswirkungen der Droge doch in der Erzählung und an den Figuren, liebe Laurie, und nicht in einem erklärenden Text.

Aber, das muss ich anmerken: Die anonymen Briefe im Roman enthalten auch einige sehr gute gendertheoretische Überlegungen, wie man sie aus Laurie Pennys Sachbüchern kennt. Die beste Stelle ist diese: „The aging woman is a special object of horror in this gerontocracy.“ (S. 86). In der Dystopie von Everything belongs to the future ist die Droge im allgemeinen Verständnis für Frauen ein größerer Segen als für Männer. Frauen haben mehr zu verlieren, weil sie, mehr als Männer, auf ihr Aussehen reduziert werden. Daher stellt die anonyme Schreiberin, die es einfach nur „wagt“, zu altern, eine Rebellin dar. Allein ihre „Hässlichkeit“ ist ein Akt des Widerstands. Lasst uns beten, dass das Altern in unserer Gesellschaft niemals zu einem rebellischen Akt wird.

Diese Ausgabe habe ich gelesen: Laurie Penny, Everything belongs to the future, Tor Books: New York 2016.

#WomeninSciFi (48) Clover – CLAMP

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Meine Lieben, heute gibt es eine ganz wunderbare Premiere bei Women in SciFi. Ich freue mich, mit Stefanie von miss-booleana.de  nicht nur eine weitere Wiederholungstäterin für die Reihe begrüßen zu dürfen, sondern auch noch die erste extra für die Reihe angefertigte Fanart feiern zu dürfen. Auf ihrem Artblog verfolge ich schon seit Längerem ihre großartigen Illustrationen und Webcomics und freue mich, dass sie die Arbeit auf sich genommen hat und für diesen Beitrag eine wirklich gelungene Illustration anzufertigen. Als seien das nicht schon genug Premieren, Women in SciFi bringt hier heute auch die erste Manga-Besprechung in der Reihe.

CLAMP ist eine seit vielen Jahren vierköpfige Gruppe aus Mangazeichnerinnen, die sich im Laufe ihrer inzwischen langen Karriere an allen möglichen Genres versucht haben. Sie vereinen meist eine bittersüße Geschichte mit fantastischen Elementen und einem dichten World Building. Worin sie wirklich meisterhaft sind: moralische Zwickmühlen, unausgesprochene Worte und sie brillieren darin selbst den Nebencharakteren ihrer Manga (Manga = Comics im japanischen Stil) eine komplexe Handlung zu geben. Vielleicht beherrschen sie das so gut, weil sie komplexe Emotionen verstehen und v.A. treffend und nahezu minimalistisch abbilden können. Da braucht es manchmal wenig, um viel zu erzählen. Clover stellt CLAMPs Ausflug in das Fantasy und Science-Fiction-Genre mit einem Touch Steampunk dar.

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Der Manga handelt von dem Ex-Soldaten Kazuhiko, der als Söldner angeheuert wird um etwas zu transportieren. Dieses Etwas entpuppt sich als das Mädchen Suu, das durch ihre zarte und ätherische Erscheinung den schroffen Kazuhiko etwas vor den Kopf stößt. Die Kleine und der Auftrag sind rätselhaft. Scheinbar lebte sie seit jeher alleine in einem wortwörtlichen goldenen Käfig wie ein seltener Vogel – in einem verglasten Gebäudekomplex. Wohin er Suu „transportieren“, also begleiten soll, weiß nur Suu. Beide werden mehrmals angegriffen, mal von Leuten, die hinter Suu her sind, mal von Leuten, die mit Kazuhiko noch eine Rechnung offen haben. Bei diesen Übergriffen und Suu’s Gegenwehr wird dem Söldner schnell klar, dass sie kein normales Mädchen ist, sondern ein Kleeblatt. So werden Menschen bezeichnet, die übermenschliche Fähigkeiten besitzen, die typischerweise von Teleportation (offensichtlich nicht Suu’s Ding) bis hin zu Telepathie oder Telekinese reichen (sehr wohl Suu’s Ding). Anhand des Grades ihrer Fähigkeiten, werden sie in drei Kategorien eingeteilt – ein „einblättriges Kleeblatt“ hat beispielsweise sehr begrenzte Fähigkeiten. Ein „dreiblättriges“ gilt als gefährlich und wird vom Staat unter ständige Überwachung gestellt und darf sich nicht in der Öffentlichkeit frei bewegen. Suu aber ist etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte: sie ist ein Vierblättriges.

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Dass Suu eine Laune der Natur ist, macht die Reise der Beiden umso gefährlicher und führt sie und den Leser durch eine Welt, die schön, klinisch, technologisiert und ein bisschen tot wirkt. Meterhohe Hologramme einer schönen singenden Frau, die wie sich später herausstellen wird sowohl Kazuhiko als auch Suu kennen, prägen das Stadtbild ebenso wie Sendemasten, tote Industrieanlagen, Retro-Telefone und andererseits Laser-Waffen. Zeppeline bewegen sich stumm durch die Luft, Steampunk wo das Auge hinschaut. Den zarten Unterton der ungewöhnlichen Reise zweier ungleicher Menschen, die doch etwas in dem anderen berühren, wird von CLAMP mit stark stilisierten und reduzierten Schwarz-Weiß-Panels unterstrichen. Wer viel Manga liest, ist gefüllte Seiten gewöhnt. Clover aber bricht mit diesen Mustern und präsentiert nicht selten nur ein Panel oder einen Charaktermoment auf einer ganzen Seite. Der Manga vereint Zartheit und Steampunk auf außergewöhnliche Weise und wirkt stellenweise mehr wie ein Kunstbuch als ein Manga, nicht zuletzt auch dank der poetisch anmutenden Lieder und Dialoge, die die Seiten zieren.

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Man kann sich darüber streiten, ob Clover Fantasy oder Science-Fiction ist, denn viel Science gibt es in dieser Fiction nicht. Der Leser wird mit einer Welt konfrontiert, die einen großen technischen Fortschritt zu verzeichnen, aber ihren Zenit auch überschritten hat. Hologramme und Laser existieren, aber die Welt steht trotz der schönen Bilder am Ende. Es gab Kriege. Die Städte wirken leer, anonym, noir. Es gibt keine Tiere mehr. Die meisten haben entweder mechanische Prothesen oder sind gar künstlich. Nicht selten sieht man Vögel auf mechanischen Schwingen in den Himmel steigen. Gerade vor dieser Kulisse wirken Suu und die Nebencharaktere des Manga besonders verletzlich. Natürlich lernen wir nicht nur Suu als eines der Kleeblätter kennen, der Kinder, die der Staat gezielt sucht und beobachtet oder sogar  wegsperrt. Anhand der zarten Gefüge und Beziehungen zwischen den Kleeblättern und den normalen Menschen erkennt man schnell CLAMPs wahre Stärke. Zarte Schattierungen in Emotionen und Liebe ohne Labels oder Schubladen. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die des Soldaten Gingetsu, ein Freund von Kazuhiko, und seines „Schützlings“ Lan. Oder auch die Verbindung zwischen Suu und der Frau, die das Hologramm wiedergibt. Deren Geschichten entfaltet sich erst später vor den Augen des Lesers, denn Clover wird nicht synchron erzählt in den bisher vier erschienen Bänden. Aber bevor ich zuviel verrate, würde ich gern sagen: lest selbst 🙂 Überzeugt euch von dem wunderbaren Steampunk-Manga und von der melancholischen Atmosphäre von Suus Reise. Aber das ist gar nicht einfach. Clover erschien in Deutschland Anfang der 2000er und ist aktuell vergriffen. Was es noch bittersüßer macht.

If you find a four-leaf clover,
It will bring happiness;

But don’t tell Anyone
Where its white flower blooms

Or how many leaflets from its stem extend.
The four-leaved clover.

I only want your happiness, knowing
I can never be yours to share it.

Das folgende Video ist eine kurze Animation, die als Extra auf den DVDs zu anderen Werken von CLAMP erschien und gibt die Stimmung des Manga wunderbar wieder.

#WomeninSciFi (46) Amanda – Carol Hill

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Woohoo, endlich ist auch Petra vom wunderbaren Sachbuch Blog „Elementares Lesen“ dabei, die Gewinnerin des Buchblogger Awards 2018. Da mein Herz immer auch sehr für diverse  Sachbuch-Themen schlägt, ist Petras Blog brandgefährlich für mich. Mit fast 100%iger Trefferquote landen die von ihr vorgestellten Bücher auf meinem Wunschzettel oder auch direkt im Regal. Sie nimmt uns mit Amanda auf eine spannende Mars Mission mit, bei der erstaunlich viel getanzt wird.

Amanda Jaworski ist blond, blauäugig und attraktiv. Sie ist Feministin, leidenschaftliche Physikerin und die beste Astronautin der Erde. Ihre Mission: der erste Flug zum Mars, im Wettlauf gegen die Russen. Ihr größtes Vergnügen: auf den Korridoren des NASA-Geländes Rollschuh laufen, in einem sexy Outfit, das ihren Ausbilder zur Weißglut treibt. Amanda ist immun gegen Kritik und macht stur ihr Ding. Das ist das Setting des 1984 in den USA erschienenen Romans „The Eleven Million Mile High Dancer“ von Carol Hill. Die deutsche Ausgabe erschien 1987 im Diogenes Verlag mit dem Titel „Amanda“.

Die Vorbereitungen für Amandas Flug zum Mars laufen auf Hochtouren. Da häufen sich seltsame Vorfälle: In der texanischen Wüste verschwindet ein Indianerstamm. Astronauten kehren verändert von ihren Missionen zurück. Kernreaktoren explodieren. Das Wetter spielt verrückt. Fische sterben, und eine Rote Flut bedroht das Land. Natürlich versucht die Regierung alles zu vertuschen.

Währenddessen kämpft die Astronautin Amanda mit übersinnlichen Wahrnehmungen und unheimlichen Begegnungen. Ihren Vorgesetzten verschweigt sie alles, um ihren Start nicht zu gefährden. Sie ist eine selbstbewusste Heldin, die viele Widersprüche in sich vereint. Neben ihrem analytischen Verstand hat Amanda eine ausgeprägte spirituelle Seite. Sie vertraut ihrer Intuition, und die Liebe geht ihr über alles. Sie schwankt zwischen Donald Hotchkiss, dem zuverlässigen, viel zu besitzergreifenden Freund und ihrem Liebhaber Bronco McCloud, bei dem sie dahinschmelzen kann. Ihre tiefsten Gefühle gelten dem Kater Schrodinger, der ständig in einen komatösen Schlaf fällt, so tief, dass alle außer Amanda ihn für tot halten. (Die Anlehnung an Erwin Schrödingers Gedankenexperiment mit einer Katze ist beabsichtigt, wie die Autorin in ihrem Nachwort erklärt.)

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Erzählt wird dieser originelle Roman aus den Perspektiven verschiedener Charaktere, die mit eigenwilligen Stimmen in ihre Gedankenwelten hineinziehen. Auch die Physik spielt eine wichtige Rolle. Carol Hill wartet mit vielen Phänomenen auf, von der Relativitätstheorie bis zur Quantenmechanik. Wenn ihre Heldin Amanda Schulkindern die Faszination des Universums nahe bringt, dann verwendet sie gern das Bild einer wunderschönen, elf Millionen Meilen großen Tänzerin, um die Relativität von Raum und Zeit zu verdeutlichen. Dieser Tänzerin wird Amanda in einer fernen Galaxis leibhaftig begegnen!

Eines Tages trifft Amanda einen Außerirdischen in ihrer Küche, den sie wegen seines Aussehens den Klecks nennt. Er informiert sie über die wahre Geschichte der Erde, das Große Kosmische Gehirn und Künstliche Wesen, die alle biologischen Existenzen vernichten wollen. Auf der anderen Seite des Universums sind sie nämlich verdammt sauer, dass die Menschheit, in die so viel Arbeit investiert wurde, andere Arten in großem Stil ausrottet und den Planeten ruiniert!

Als ihr Kater Schrodinger in die vierte Dimension entführt wird, ist Amanda drauf und dran, die Mars-Mission, deren Start für den nächsten Tag geplant ist, sausen zu lassen. Sie will lieber Schrodinger befreien. Doch zum Glück lässt sich beides miteinander verbinden. Die abenteuerliche Reise nach Epsilon Eridani beginnt. Wird es ihr gelingen, ihren Kater – und die Menschheit – zu retten?

Dieser Roman ist vor mehr als 30 Jahren erschienen, doch vieles klingt vertraut: starke Frauen, die Männern suspekt sind; das Misstrauen des Westens gegen die Russen, die scheinbar alles manipulieren; ein US-Präsident, der Lügen für das beste Mittel zum Regieren hält; die zögerliche Reaktion von Politikern auf Umweltzerstörung und den Klimawandel. Hier treffen Quantenphysik, Feminismus, Politik und ein Hauch Esoterik aufeinander, intelligent erzählt und unglaublich komisch! Wer einen Sinn für abgedrehte Geschichten hat, wird diesen Roman lieben!

#WomeninSciFi (43) Wandernde Himmel – Hao Jingfang

Ich freue mich schon jetzt auf unseren nächsten Besuch im hohen Norden, so dass ich endlich einen Abstecher in die Buchhandlung „Almut Schmidt – Der Leuchturm im Büchermeer“ von „Leseschatz„-Blogger Hauke Harder machen kann.

Vielen lieben Dank an Hauke, dass er uns mit der Hugo-Award Gewinnerin Hao Jingfang  auf den nächsten Trip in die Zukunft mitnimmt.

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„Wandernde Himmel“ erzählt von zwei Welten und ist durch die Fremdartigkeit eine überspitzte Gegenwart. Ein ruhiger Science-Fiction-Roman, der sich des Genres und der Zukunft bedient, um die jetzige Zeit mit den technologischen Entwicklungen, den politischen Ränkespielen und dem Kapitalismus aus chinesischer Sicht zu kritisieren.

Der Roman zeigt eine Gesellschaft, die durch den abgenutzten Slogan „Die da Oben und die da Unten“ nicht nur als bildliches Konzept vorgestellt wird. 2096 haben die Menschen eine Kolonie auf dem Mars gegründet, um weiteren Lebensraum zu erschließen. Anfänglich gab es zwischen der Erde und dem Mars eine Handelsbeziehung. Doch dann tauchten auf der Strecke zwischen Mars und Erde Kriegsschiffe auf. Es begann der marsianische Unabhängigkeitskrieg. Die Marsianer wollten unabhängig sein und verdammten den Raubtierkapitalismus der Erde. Die Erden-Bewohner hielten dahingegen den Staat des roten Planeten für eine Diktatur.

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Hundert Jahre hat diese Fehde gedauert und es beginnt nun zaghaft eine Verständigung zwischen den Menschen auf den beiden Planeten. Die Handlung fängt mit dem Flug des althergebrachten Raumschiffs Maerde an. Ein Schiff, das mit seiner kleinen Besatzung die Route Mars und Erde aufrechterhält und dessen Name sich aus den Namen der beiden Planten zusammensetzt. Die Maerde ist auf dem Heimflug zum Mars und hat Besucher einer Marsmesse, Erdenmenschen, die den Mars erstmalig aufsuchen, und eine Schülergruppe als Passagiere. Diese Gruppe von Jugendlichen, die sich Merkur nennt, wurde zur Verständigung zwischen den Völkern auf die Erde als eine Art Schüleraustausch gesendet. Unter ihnen ist Luoying, die nun als fast Erwachsene auf ihren Heimatplaneten zurückkehrt. Sie ist eine begabte Tänzerin und die Zeit auf der Erde setzte ihr durch die dortige Schwerkraft sehr zu. Sie beginnt, ihre Rolle in diesem Austausch rückblickend in Frage zu stellen. Während des Heimflugs unterhalten sich die Teilnehmer über die damaligen Testaufgaben. Luoying erinnert sich an ihre sehr mauen Testergebnisse und wundert sich, dass sie dennoch für diesen Austausch ausgewählt wurde. Hat ihr Großvater, der oberste politische Machtinhaber des Planeten, etwas mit ihrer Auswahl zu tun? Nun nach fünf Jahren kehrt sie heim und fährt zu ihrem Bruder Rudy. Sie beginnt, die Rolle ihres Großvaters immer mehr in Frage zu stellen. Durch eine Verletzung ist ihre Karriere als Tänzerin beendet. Was soll sie nun machen? Welchen Beruf kann und will sie ausüben? Sie beginnt durch diesen neuen Lebensabschnitt, immer mehr die Systeme miteinander zu vergleichen. Auf der Erde erlebte sie den täglichen Kampf ums Überleben und hier auf dem Mars wird alles reglementiert. Kunst wird gefördert, steht dann zum Wohle aller zur Verfügung. Auch ist die Architektur auf dem Mars sehr gläsern. Aber ist alles wirklich so durchsichtig? Ihre Eltern sind vor langer Zeit verstorben, d.h. umgekommen. War die Mutter von Luoying auch dem System gegenüber kritisch eingestellt? Sie möchte endlich Klarheiten haben, über ihren Lebensweg, die Macht, die ihr Großvater ausübt und den Tod ihrer Eltern. Sie muss sich entscheiden, ob sie das Leben auf dem Mars weiterhin gut heißen kann. Sie als Weltenwanderin hat eine andere Art des Lebens kennenlernen können, das nicht ganz so starr ist. Hat aber die Sehnsucht nach Freiheit tödliche Konsequenzen?

Eine alternde Welt, die sich eine neue aufgebaut hat, welche nun von alternden Machtinhabern kontrolliert wird. Auf dem Mars wird soziale und wirtschaftliche Sicherheit versprochen. Auf der Erde herrscht der Kapitalismus. Doch beide Systeme haben ihre Kehrseiten. Das Leben sucht meist den unvorhersehbaren Weg und wünscht sich individuelle Freiheit. Dies ist nach den Werken von Cixin Liu der nächste chinesische Science-Fiction-Clou. Die Autorin, Hao Jingfang, gewann als erste Chinesin 2016 den Hugo Award.

#WomeninSciFi (41) Das Buch von der Stadt der Frauen – Christine de Pizan

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Ich freue mich sehr, dass diese Reihe jetzt auch mit der Rezension einer waschechten wunderbaren Kunsthistorikerin aufwarten kann. Meine Freundin Moni entführt uns mit ihrer Besprechung aber nicht in die – dem Genre mehr entsprechenden Zeithorizont Zukunft sondern ins späte Mittelalter. Lehnen Sie sich zurück, machen Sie es sich bequem, wenn es jetzt in die vermutliche früheste Ära der Science Fiction Literatur geht:

Wie passt nun eine mittelalterliche Handschrift aus Frankreich in Sabines Reihe „Women in SciFi“?

Wenn die Utopie als Teilbereich von Science Fiction gilt, dann kann und muss man diese Schrift von Christine de Pizan dazu zählen. In einer Utopie verhält sich die Vorstellung dessen, was sein sollte, negativ zu dem, was ist.

 

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Christine de Pizan entwirft eine wünschenswerte zukünftige Gesellschaftsform, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter geprägt ist. Sie schreibt: „Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.“

Wir gehen zurück ins Jahr 1405. ‚Das Buch von der Stadt der Frauen‘ erscheint in Paris. Geschrieben hat es Christine de Pizan. Sie wurde 1365 in Venedig geboren und wuchs in Paris auf. Mehr zu ihrer außergewöhnlichen Biographie findet sich im FrauenMediaTurm.

Da wir uns in der Zeit vor dem Buchdruck befinden, handelt es sich um eine Handschrift. Text und Bild wurden von Hand angefertigt. Insgesamt haben sich 25 Exemplare dieses Buches – allesamt französischsprachig – erhalten.

Die Handschrift mit der Signatur BNF ms. Fr. 607, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird, entstand zu Christine des Pizans Lebzeiten und hat die Maße 345 mm x 255 mm. Das Material ist Pergament; der Einband ist aus gelbem, weichem Ziegenleder gefertigt. Dieses Exemplar ist die Grundlage für die Übersetzungen ins moderne Französisch, ins Englische, Niederländische, Italienische und Deutsche.

 

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v

 

Der Text ist regelmäßig in zwei Kolumnen geschrieben; jede zählt zwischen 40 und 42 Zeilen. Auf insgesamt 79 folia ist ausschließlich der Text der Cité des Dames geschrieben (das ist bei Handschriften nicht immer so, Platz war knapp, Pergament wertvoll). Es gibt drei Abbildungen: fol. 2, fol.31v und fol. 67v sind jeweils mit Miniaturen ausgestattet.

Die Dreizahl ist kennzeichnend für den Aufbau des Buches, das ein allegorisch-didaktischer Traktat ist. Die drei unterschiedlich langen Kapitel der Schrift entsprechen den drei Bauabschnitten, in denen die Stadt der Frauen gebaut wird. Zuerst werden die Fundamente ausgehoben, dann die Häuser und Paläste gebaut, vollendet durch die Dächer, Stadttore und die Schlüsselübergabe. Ausgehende von der These, dass Männer und Frauen in intellektueller und moralischer Hinsicht vollkommen gleichwertig sind und deshalb auch so behandelt werden müssen, konstruiert Christine de Pizan eine Stadt, in der die tugendhaften Frauen sich auf ewig aufhalten können und dort Schutz vor den misogynen Angriffen ihrer Zeitgenossen finden. Bärbel Zühlke, die über das Buch von der Stadt der Frauen geforscht hat, schreibt dazu: „Der Prozess des Erbauens einer Stadt wird mit der intellektuell-physischen Tätigkeit des Schreibens eines Buches identifiziert.“ (in: Bärbel Zühlke: Christine de Pizan in Text und Bild. Zur Selbstdarstellung einer frühhumanistischen Intellektuellen, Stuttgart/Weimar 1994 (Ergebnisse der Frauenforschung; 36) S. 100).

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v, Detail

 

Wird heute noch darüber gesprochen?

Leider viel zu wenig. In den jüngsten Spiegel-Artikel über Frauen, die „man heute kennen muss“, hat Christine de Pizan es leider nicht geschafft.

Auch die deutschsprachige Ausgabe des ‚Buches von der Stadt der Frauen‘ ist momentan nur antiquarisch zu haben.

Das Thema an sich ist erfreulicherweise für die koreanische Künstlerin Lee Bul aktuell: „Mich interessiert, wie sich Menschen in der Vergangenheit ihre utopische Zukunft vorstellten.“

Eine umfassende Werkschau, kuratiert von Stephanie Rosenthal, über utopische Sehnsüchte.

Lee Bul: Crash – 29. September 2018 bis 13. Januar 2019 – Gropius Bau in Berlin.

WomeninSciFi (39) Speak – Louisa Hall

 

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Verrückt eigentlich, dass die „Gefahr“, die von den „Maschinen“ ausgeht, viel weniger darin liegt, dass diese sich irgendwann wie in Terminator z.B. gegen uns erheben, sondern vielmehr, dass wir einfach partout die Finger nicht mehr von ihnen lassen können. Sie sind nicht so sehr eine Gefahr unserer motorischen Fähigkeiten, da Roboter uns alles mögliche abnehmen, sondern sie haben sich tief in unser Nervensystem eingegraben. Wir wollen nicht mehr ohne. Wir haben uns so daran gewöhnt permanent „online“ zu sein, stets und ständig unsere Meinungen und Ansichten zu äußern, Bilder zu posten, Informationen abzurufen, uns zu messen und zu optimieren.

“And what if they took over? What if they relieved us of power? We tend to assume that sentient machines would be inevitably demonic. But what if they were responsible leaders? Could they do much worse than we’ve done? They would immediately institute a system of laws. The constitution would be algorithmic. They would govern the world according to functions and the axioms their programmers gave them.”

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Louise Hall hat in ihrem intelligenten fesselnden Roman tief in unser Innerstes gesehen und sich mit unseren Süchten und Sehnsüchten auseinandergesetzt. Wir befinden uns im Jahr 2040, die Menschheit ist in Rehab und versucht, einem ernsten Fall von weltweiter Roboter-Abhängigkeit Herr zu werden. Der Roman beginnt damit, dass die Babybots, die puppengleichen Roboter,  die für diese Sucht-Seuche verantwortlich waren, den Kindern abgenommen wurden. Die Babybots werden in riesigen Warenlagern abgeladen, die Algorithmen zucken noch ein wenig, bis die Batterien alle sind und sie in Vergessenheit geraten.

Fünf unterschiedliche Stimmen werden von Hall elegant miteinander verwoben und beschäftigen sich mit der philosophischen Frage was ist Erinnerung? Was macht eine Person tatsächlich aus?  Wo verlaufen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ?

“Our primary function is speech: questions, and responses selected from memory according to a formula. We speak, but there is little evidence of real comprehension.”

Die Charaktere sind über Raum und Zeit miteinander verbunden, da gibt es Ausschnitte aus dem Tagebuch eines englischen Mädchens aus dem 16. Jahrhundert, die auf dem Weg nach Amerika ist. Briefe von Alan Turing an die Mutter seiner ersten großen Liebe, die Briefe eines Artificial-Intelligence-Programmierers namens Carl Dettman und seiner Frau, Auszüge einer Biografie eines Mannes namens Stephen Chinn der im Gefängnis sitzt und Auszüge der Unterhaltungen eines jungen Mädchens mit ihrem Babybot.

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Eine dystopische Atmosphäre durchzieht den Roman, die Menschheit kämpft mit sich immer weiter ausbreitenden Wüsten, steigendem Meeresspiegel und nicht näher erklärten Reisebeschränkungen. Der Roman beschäftigt sich intensiv mit Artificial Intelligence, einem Thema, um das man aktuell kaum herumkommt. Alan Turing vertrat die Ansicht, dass man einen Computer intelligent nennen könne, wenn ein Fragesteller nicht unterscheiden könne, ob die Antworten von einem Menschen oder einer Maschine gegeben werden. Die Protagonisten der Geschichte versuchen AI zu nutzen, um Erinnerungen zu bewahren an geliebte Menschen (oder Tiere), die sie verloren haben. Lange wurde in der Philosophie über den Unterschied von Mensch und Tier diskutiert, eine ähnliche Diskussion die wir führen werden, wenn es um den Unterschied zwischen Mensch und Maschine geht. Wenn Erinnerungen Teil des Bewusstseins ausmachen, sind Menschen mit Gedächtnisverlust dann einer Maschine gleicher als ein Computer mit nahezu unbegrenztem Erinnerungsvermögen.

“Speak” ist eine bewegende Geschichte mit spannenden Protagonisten und Fragestellungen, die mich noch lange beschäftigt haben und beschäftigen werden. Besonders zu empfehlen für Fans von David Mitchells „Cloud Atlas“ oder Margaret Atwoods „Madaddams“ Trilogie.

So verwachsen ich selbst auch hin- und wieder mit meinen technologischen Gadgets bin, kommt so ein süßes Hündchen um die Ecke und will spielen, dann haben die Maschinen zum Glück auch weiterhin keine Chance.

„Are you there?“

„Can you here me?“

Hier noch ein interessantes Interview mit der Autorin auf NPR.