Meine Woche

IMG_3384

Gesehen: „The Discreet Charm of the Bourgeoisie“ (1972) von Luis Bunel. Etwas anstrengender aber interessanter Klassiker. Die Möbel und Muster überall waren der Knaller.

Death Bed – The Bed that Eats“ (1977) von George Barry. Völlig durchgeknallter psychedelischer Arthouse Horror um ein Menschen verspeisendes Bett. So abgedreht, dass der irgendwie schon wieder gut ist.

Gehört: „Dull Gret“ – Esben and the Witch,“Fever Dreams“ – Emma Ruth Rundle, „, „The Complete Landings“ – Richard Skelton, „Fragility“ and „Hiding„- An autumn for crippled children, „Heaven can wait“ – Khara, „Dancing and Blood“ – Low, „Far“ – The Soft Moon, „The White Rose“ – Imperial Black Unit

Gelesen: wieso es keinen Rechtsruck gibt, warum der Rechtspopulismus nicht auf der Straße entstand, über diesen Buchladen in Schottland den man in seinem Urlaub betreiben kann, ein Bildungskanon aus weiblicher Sicht, was in Städten passiert wenn wir dauerhaft 50 Grad C hätten,  A manifesto for renewing Liberalism, die Nachrufe auf bewundernswerte Frauen die die NYT nicht publizierte, wie Social Media die Gestaltung von Buchcovern beeinflußt,

Getan: 2 Tage Management-Offsite in Dortmund mit erstaunlich guten Ergebnissen, die Bingereader-Gattin für ihren Studienabschluß bejubelt und die Schwiegermama über die Wiesn begleitet

Geplant: viel lesen, lernen, schreiben

Gegessen: Gefüllte Tacos

Getrunken: Wiesn Bier

Gelacht: über diese Robbe

Geärgert: über das Verhalten von Supreme Justice Court Brett Kavanagh

Gefreut: über den sonnigen Herbst

Geklickt: auf diese Abschlußrede von Madeleine Albright  und auf den TED Talk „How we could teach our bodies to heal faster“ von Kaitlyn Sadtler

Gewünscht: diesen Oktopus Drachen, ein Wochenende im Aman Tokyo, diese Regale

Gekauft: Philosophie Bücher auf dem Isar Flohmarkt

Gestaunt: über den riesigen gerade entdeckten Dinosaurier Ledumahadi mafube

Gefunden: nix

Gedacht: „How well you take criticism depends less on the message and more on your relationship with the messenger. It’s surprisingly easy to hear a hard truth when it comes from someone who believes in your potential and cares about your success.” (Adam Grant)

Advertisements

WomeninSciFi (37) Station Eleven – Emily St. John Mandel

„Survival is insufficient“

IMG_3594

Dystopien gibt es gerade momentan wie Sand am Meer. Einige gut, einige weniger gut und dann ist da „Station Eleven“. Mich hat das Buch komplett überwältigt. Ich habe es so gerne gelesen, wollte gar nicht mehr verschwinden aus dieser stillen dunklen Welt. „Station Eleven“ ist eine elegante, intelligente Geschichte, die sich langsam aufbaut, die verschiedene Stimmen aus unterschiedlichen Zeitebenen miteinander verwebt, die uns Fragmente unterschiedlicher Leben sehen lässt und es gibt unzählige kleine Momente in der Geschichte, die es zu einem für mich unvergesslichen Buch werden lassen.

Am Abend, als die Welt wie wir sie kennen endet, hat ein Schauspieler auf der Bühne einen Herzinfarkt und stirbt, während er King Lear spielt. Noch in der Nacht beginnt die Georgia Flu 99% der Weltbevölkerung zu töten.

logo-scifi3

Es würde nicht wundern, wenn sein Tod damit völlig untergeht und sich niemand mehr an ihn erinnern würde, aber auch zwanzig Jahre nach der Katastrophe gibt es noch Erinnerungen an ihn und die Menschen, deren Leben er berührt hat, in diesem einsamen Ödnis.

“I stood looking over my damaged home and tried to forget the sweetness of life on Earth.”

Inmitten dieser Dunkelheit gibt es Menschen, für die Überleben nicht alles ist. Die Schönheit bewahren: The Travelling Symphony. Eine Gruppe Schauspieler und Musiker die sich gefunden haben, die in Zelten schlafen, von Ort zu Ort ziehen und Shakespeare Stücke und klassische Musik aufführen.

FullSizeRender

Kirsten ist das kleine Mädchen, die auf der Bühne war, als Arthur starb. Sie ist eine der Schauspielerinnen der Travelling Symphony. Sie trägt ein Tattoo aus einer Star Trek Voyager Folge, von der ihr ihr Musikerkollege August erzählt: „Because survival is insufficient“. Das ist meines Erachtens das schönste und wichtigste Thema des Buches. Die Signifikanz von Kunst und Kultur, das Bewahren einer kulturellen Identität als eine der wichtigsten Aufgaben derer, die überlebt haben.

Sei es durch die von Clark gesammelten Gegenstände im „Museum of Civilization“, die Zeitung die ein junger Mann herausgibt, der auch eine Bibliothek gegründet hat und natürlich durch die Travelling Symphony mit ihren Shakespeare Stücken und der klassischen Musik. Ein ziemlich zerfledderter Comic spielt eine große Rolle, wie auch die Erinnerungen an Star Trek.

Was bleibt, wenn alles endet ? Womit verbinden wir unseren Begriff von Zivilisation? Was macht uns zu Menschen und was verbindet uns ?
Kirsten and August walked mostly in silence. A deer crossed the road ahead and paused to look at them before it vanished into the trees. The beauty of this world where almost everyone was gone. If hell is other people, what is a world with almost no people in it?

„Station Eleven“ zeigt die Apokalypse jetzt aber auch nicht als weichgespültes Hipster-Event, einzig und allein mit dem Erhalt unseres kulturellen Erbes beschäftigt. Die Welt ist ein dunkler, gefährlicher Ort geworden, an dem an jeder Ecke der Tod lauern kann. Eine Welt ohne Medikamente, Technologie und auch ohne jeden juristischen Kodex, der es Leuten wie dem Propheten in der Geschichte leicht macht, seine düsteren Visionen auszuleben.

sephlawlesssnowprimary

Foto: Seph Lawless

St. Mandel hat ein bewegendes, hoffnungsfrohes Buch geschrieben über die menschliche Widerstandsfähigkeit, den Willen, nicht nur überleben zu wollen, sondern stur auf das Recht auf Schönheit zu beharren.  Ein Buch das leuchtet, einen aber auch ein wenig mit gebrochenem Herzen zurücklässt.

“A fragment for my friend–
If your soul left this earth I would follow and find you
Silent, my starship suspended in night”

Ach ja und ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Nathan Burton den kompletten Comic „Station Eleven“ aus dem Buch zeichnen würde, den würde ich nämlich sehr gerne lesen.

Foto: Nathanburtondesign.com

Zwei sehr schöne Beprechungen zu „Station Eleven“ findet ihr auch bei deep read und buchpost und ein spannendes Interview mit der Autorin hier:

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Das Licht der letzten Tage“ im Piper Verlag erschienen.

Befreit – Tara Westover

IMG_3200

Überraschungs-Buchpost ist immer klasse, aber bei diesem Buch habe ich regelrechte Freudentänze aufgeführt, als ich das Packerl vom Kiepenheuer & Witsch Verlag öffnete, denn es stand schon eine Weile ganz weit oben auf meiner Leseliste und hat durchaus prominente Fürsprecher, wie zum Beispiel Barack Obama. An dieser Stelle schon mal herzlichen Dank für das Rezensionsexmplar.

„Befreit“ ist auf der einen Seite eine durch und durch hoffnungsvolle Geschichte und auf der anderen Seite fast schon ein Horrortrip. Tara Westover, soviel merkt man schon von der ersten Seite an, ist eine kluge Frau und eine wirklich gute Schriftstellerin, die in einer wunderbar poetischen Sprache spröde bezaubernde Bilder zu schaffen weiß.

Nichts in ihrer Kindheit ließ jemals darauf schließen, dass aus ihr jemals eine mit Doktortitel ausgestattete Absolventin der Cambridge Universität wird. Tara ist die jüngste von sieben Kindern einer fundamentalistischen Mormonenfamilie im ländlichen Idaho, die sich jeden Tag mit Vorratshaltung etc. auf den Weltuntergang vorbereitet und die überzeugt ist, die Regierung ist von Illuminaten unterwandert, die die Bevölkerung einer Gehirnwäsche unterzieht und sie seien permanent vom FBI verfolgt.

Die Kinder arbeiten von Kindesbeinen an auf dem väterlichen Schrottplatz. Der Vater bildet das Gesetz in der Familie und das stützt sich zum einen auf seine glühenden religiösen Überzeugungen und wird zum anderen durch seine nicht diagnostizierte psychische Erkrankung beeinflusst. Die Arbeit auf dem Schrottplatz ist gefährlich und heftige Verletzungen sind fast an der Tagesordnung. Das väterliche Misstrauen gegen den Staat bezieht aber auch jegliche medizinische Versorgung mit ein, so dass auch schwerste Verbrennungen, tiefe Fleischwunden etc. ausschließlich mit selbst hergestellter Medizin von der Mutter behandelt werden.

Taras Vater ist nicht nur gegen die Regierung oder die moderne Medizin, seine Ablehnung umfaßt auch Schulen, Krankenhäuser, Impfungen natürlich, aber auch Sicherheitsgurte im Auto, Fernsehen oder Bücher. Sein Wort ist Gesetz, denn er ist überzeugt davon, Gott spricht durch ihn und es ist herzzereissend zu sehen, wie eine ganze Familie unter den religiösen Wahnvorstellungen eines psychisch kranken Menschen zu leiden hat. Die heimische Schulbildung, die die Kinder angeblich zu Hause von der Mutter bekommen, sind sporadische kurze Lektionen in Pflanzenkunde, etwas Mathematik und viel Bibelstudium, aber meistens werden die Kinder einfach auf dem Schrottplatz gebraucht.

Tara geht nie zur Schule, bringt sich selbst ein bisschen was mit den wenigen Büchern bei, die es zu Hause gibt, teilweise unterstützt von einem älteren Bruder, der ebenfalls ein Studium begonnen hat. Ihre formale Bildung beginnt mit 17, als sie auf die Brigham Young Universität geht, eine Hochschule für Mormonen. Dort erlebt sie schockiert, wie wenig sie überhaupt weiß. Sie hat noch nie vom Holocaust oder der Bürgerbewegung gehört, Europa war für sie bislang ein Land und kein Kontinent. Trotz aller Schwierigkeiten beißt sie sich durch und erkämpft sich sogar ein Stipendium für Cambridge. Ihren Eltern gefällt diese Entwicklung natürlich ganz und gar nicht.

„Mir selbst redete ich ein, ich gehörte aus anderen Gründen nicht nach Cambridge, Gründen, die mit Klasse und Status zu tun hatten: weil ich eben arm war, arm aufgewachsen war. Weil ich im Wind auf dem Kapellendach stehen konnte, ohne zu schwanken. Das war die Person, die nicht nach Cambridge gehörte: die Dachdeckerin, nicht die Hure.“

Das war für mich der einzig frustrierende Part des Buches, ihr dabei zuzuschauen, wie sie wieder und wieder zu ihrer Familie zurückkehrt. Wie sie sich von ihrem sadistischen Bruder Shawn quälen lässt, sich ihr Geld fürs Studium auf dem heimischen Schrottplatz verdient und immer wieder verzweifelt versucht, die Anerkennung ihrer Familie zu gewinnen.

Das sie ihren Weg so durchgezogen hat, wie sehr sie auch teilweise zerrissen war zwischen ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit und Bildung auf der einen Seite und ihrem Pflichtbewusstsein, ihrer Loyalität der Familie gegenüber, und ihrem von klein auf indoktriniertem Glauben ist mehr als ein Wunder für mich. Sie erkämpft sich über Jahre ihre eigene Identität als Wissenschaftlerin, Schriftstellerin und als unabhängige Frau.

Ich konnte mich sehr mit Tara identifizieren in ihrem Wunsch, alles in Bewegung zu setzen, um vom Bildungskuchen soviel abzubekommen wie nur möglich. Autodidakten leiden häufig darunter nicht wirklich zu wissen, ob sie gut genug sind. Framing und fehlender Stallgeruch führen dazu, dass man sich ausgeschlossen fühlt und Selbstzweifel entwickelt. Tara Westover hat in meinen Augen schier übermenschliches geleiset und ich habe große Achtung vor dem, was sie erreicht hat.

Für diesen Erfolg muss sie aber durchaus teuer bezahlen. Ein großer Teil ihrer Familie (ihre Eltern und ein Teil ihrer Geschwister) haben sie verstoßen und insbesondere nach Erscheinen ihres Buches verbreiten sie Gerüchte über Taras mentale Instabilität. Ich habe mir einige Interviews mit ihr angesehen und angehört und auf mich wirkt sie sehr sachlich, analytisch, vielleicht sogar ein wenig stoisch und auch überhaupt nicht nachtragend.

Eine überwältigende Geschichte die einem noch lange nachgeht. Mich hat sie sehr an „Hillbilly Elegy“ erinnert.

Eine weitere großartige Rezension des Buches hat Brigitte von „Feiner Reiner Buchstoff“ geschrieben, ihr findet sie hier.

Hier ein Interview mit der Autorin:

Meine Woche

IMG_3496

Foto: https://www.instagram.com/dottie1310/

Gesehen: „I Origins“ (2014) von Mike Cahill mit Brit Marling. Sci-Fi Mystery um Wissenschaft gegen Glauben und die Evolution des Auges. Toller Soundtrack.

Gerald’s Game“ (2017) von Mike Flanagan. Stephen King Verfilmung und der für mich bislang schlechteste Film des Jahres. Er hat aber eine Menge gute Kritiken bekommen, also wahrscheinlich liegt es an mir but holy crap 😉

Gehört: „The Gypsie Faery Queen“ – Marianne Faithfull ft Nick Cave, „Suspiria“ – Tom Yorke, „Nothing gonna hurt you baby“ – Cigarettes after Sex,  Dead Can Dance, „Brittleroots“ – Med Gen, „Voices“ – Neon, „The Body and the Earth“ – thisquietarmy

Gelesen: A willigness to be bad, Drawing is the best way to learn, Skim reading is the new normal, The radical friendship of Lorraine Hansberry and James Baldwin, What does immersing yourself in a book do to your brain, Scientists growing Neanderthal brains to put into robots

Getan: einen gelungenen Workshop durchgeführt, Besuch von Freunden gehabt, den Bookclub besucht und erneut gegen die AFD protestiert

Geplant: ein größeres Meeting in Dortmund und die Uni-Ehrung der Bingereader-Gattin in Nürnberg

Gegessen: Aloo Gobi in „The Indian AFFaiiRR

Getrunken: einen Mai Tai im Hotel Anna

Gelacht: Being famous on Social Media is like being rich in Monopoly

Geärgert: über die Causa Maaßen

Gefreut: über den Anruf meiner Freundin in Singapur

Geklickt: auf diesen bezaubernden TED Talk von Catherine Mohr „How I became part sea urchin“ unbedingt gucken, der macht irgendwie glücklich

Gewünscht: diese „Science-Kunst“ von Rogan Brown, diese Notizbücher, dieses Schild

Gekauft: einen grauen Kapuzenmantel für den Herbst

Gestaunt: über die Ah-Shi-Sle-Pah Wilderness Study Area in New Mexico

Gefunden: wieder ein paar tolle Bücher im offenen Bücherschrank

Gedacht: It isn’t so much that geniuses make it look easy, it’s that they make it look so fast (Sarah Manguso)

#WomeninSciFi (36) He, She and It – Marge Piercy

logo-scifi3

Die Erde in nicht allzu ferner Zukunft ist ein Ort, der durch Krieg und Umweltzerstörung weitestgehend zerstört ist. Die Welt wird von riesigen Konzernen geführt, deren ausgewählte Mitarbeiter sich einer strengen Ordnung unterwerfen müssen, die nicht nur für die Art zu arbeiten, sondern auch für die Kleidung gilt, die sie tragen müssen und die Art, wie sie ihr Leben zu führen haben. Die meisten Menschen leben jedoch in riesigen, gefährlichen, ärmlichen Slums, die „The Glop“ genannt werden. Nur einige wenige Städte bleiben erhalten und frei, die in der Lage sind, benötigte Technologie an die Konzerne zu verkaufen.

Die Menschen haben Zugang zu einem riesigen Computernetzwerk, in das sie sich hinein projizieren können um zu recherchieren, Spiele zu spielen, um zu kommunizieren, einzukaufen etc. Die Nutzer dieses Netzwerks können jedoch jederzeit Cyberattacken erleiden und sogar getötet werden, daher sind Verteidigungssysteme mächtig gefragt.

Das Buch hat zwei parallel verlaufende Erzählstränge. Der erste folgt Shira, einer frisch geschiedene Frau, die für eine der mächtigen Konzerne arbeitet und das Sorgerecht für ihren Sohn verloren hat. Sie geht zurück in ihre Heimatstadt Tikva, eine freie jüdische Stadt, wo sie mit ihrer lesbischen Mutter, einer Freiheitskämpferin, und ihrer Großmutter, einer Genetikerin, zusammenlebt. Dort verliebt sie sich in einen heimlich erschaffenen Cyborg, der die freie Stadt verteidigen soll.

IMG_3490

Die zweite Geschichte, die von ihrer Großmutter erzählt wird, handelt von der Tochter eines Rabbis im jüdischen Ghetto in Prag im 17. Jahrhundert. Aus Angst um das Leben der Ghetto-Bewohner erschafft der Rabbi einen Golem, um sie zu verteidigen. Seine freiheitsliebende und intellektuelle Tochter verliebt sich in diesen Golem.

„He, She and It“ ist ein spannender Mix aus jüdischer feministischer Fiktion, Dystopie und Cyperpunk mit einem Schuss Roboter-Romantik und Soziologie. Das Buch ist wunderbar geschrieben, großartige, vielschichtige Charaktere, mit denen man mitfiebert und deren Schicksal einem am Herzen liegt.

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was es heißt eine „wirkliche Person“ zu ein und welche Rechte künstlich erschaffenes Leben hat. Das Ende fand ich ein bisschen unspektakulär, aber ein wirklich gutes Buch, das ich insbesondere Cyperpunk Fans ans Herz lege, die Wert auf literarisch anspruchsvolle Texte legen.

Marge Piercy schrieb das Buch 1991. Ihre Dystopie mit Umweltzerstörungen, riesigen, sich immer weiter ausbreitenden Städten, Mega-Konzernen, die die Welt regieren und dem futuristischen Internet ähnelt unserer Welt in einigen Teilen mehr, als mir lieb ist.

Hier ein kurzes Interview mit der Autorin, in dem es zum Teil um ihre Bücher, aber auch um ihre illegal durchgeführte Abtreibung geht:

Lukrez und die große Wende

The Swerve - How the World Became Modern.jpg

Foto: Wikipedia

Der griechische Philosoph Epikur (341 – 270 BCE) gründete eine philosophische Schule, die hunderte von Jahren in der hellenistischen und römischen Welt gedeihte und viele Anhänger hatte. Von Epikur sind uns leider nur ganz wenige Fragmente seiner Schriften erhalten geblieben. Das wohl am besten erhaltene Schriftstück ist das vom römischen Dichter Lukrez verfasste Gedicht „Über die Natur der Dinge“. „The Swerve“ ist Stephen Greenblatts Interpretation, wie das Gedicht von einem humanistischen Beamten namens Poggio Bracciolini aus dem Vatikan im 15. Jahrhundert wieder entdeckt und gerettet wurde und welchen Einfluss dieses Ereignis auf den Verlauf der Geschichte nehmen sollte.

Bracciolini war ein Bücher- bzw Manuskriptjäger. Er und auch andere Humanisten seiner Generation suchten in ganz Europa in Klösterbibliotheken nach antiken Manuskripten und versuchten, diese vor dem Vergessen zu bewahren. Poggio entdeckte Lukrez‘ Gedicht vermutlich in einem deutschen Kloster im Jahr 1417. Poggio ist ein ungewöhnlicher Charakter seiner Zeit: er ist neugierig, in einer  Zeit in der das absolut nicht als Tugend gesehen wurde und er ist fasziniert von den Ideen und Schriften der heidnischen Antike, ein nicht ungefährliches Hobby für ihn, das ihn oft gefährlich nah in die Ecke der Ketzerei bringt.

Das Gedicht hatte immensen Einfluss auf die Denker der Renaissance. Sein Einfluss kam nicht nur von der großen Schönheit der Sprache, sondern auch von der subversiven Natur, die Epikurs Philosophie zu Grunde liegt. Epikur war ein Materialist. Er glaubte, dass alles in der Natur aus fundamentalen kleinen Partikeln besteht, die er Atome nannte. Diese Atome existieren in unbegrenzter Leere, aber nach Epikurs Ansicht in bestimmten Formen und Größen. Sie sind unsterblich und wurden nicht von irgendwem erschaffen und sie werden auch nie enden. Epikur glaubte, dass Atome sich ständig bewegen und miteinander kollidieren und dabei sämtliche existierende Formen des Universums bilden, inklusive des Menschen, die nach Epikurs Auslegung ebenfalls nicht einzigartig geschaffen werden. Darüberhinaus sind die Anhänger von Epikur überzeugt, dass es einen freien Willen gibt.

Ausgehend vom Materialismus glaubte Epikur auch nicht an irgendeine Form von Leben nach dem Tod oder Auferstehung. Wenn wir sterben, setzen wir unsere Atome frei und diese formen dann neue Dinge. Er lehnte Religion grundsätzlich als Irrglauben und Täuschung ab, die den Menschen davon abhalten, glücklich zu sein. Damit der Mensch nach Glück streben kann und glücklich sein kann, muss er sich von diesen Illusionen lösen.

Epikurs Materialismus war – nicht sehr überraschend – absolute Ketzerei für die Christen und aus diesem Grund wurde Epikur stets heftig von ihnen attackiert. Eine der nachhaltigsten und am Weitesten verbreite Anschuldigung gegen ihn war der Vorwurf seines grenzenlosen Hedonismus. Dieser Vorwurf lässt sich aber recht leicht widerlegen. Epikur glaubte nämlich, dass der Mensch maßvoll leben sollte und durch Reflektion und Kontemplation ein gelassenes Leben führen kann, das frei von Ängsten und körperlichen Schmerzen ist. Für Epikur ist diese Kombination aus Gelassenheit und Freiheit von Angst und Schmerz der Weg zum Glück.

Als Poggio das Manuskript „Von der Natur der Dinge“ in die europäische Gesellschaft des 15. Jahrhunderts entlässt, war es kein Wunder, dass die christlichen Autoritäten versuchten, es zu unterdrücken wo sie nur konnten. Was das Gedicht rettete und seine Zerstörung verhinderte, war seine absolut wunderbare Sprache. Selbst christliche Gelehrte konnten sich dieser Wirkung nicht völlig entziehen und es wurde – oft heimlich – immer wieder untereinander ausgetauscht und abgeschrieben. Auch der Atomismus/Materialismus Epikurs begann seinen Einfluss zu entfalten, den man am Stärksten in den Werken von Malern wie Raphael oder Leonardo da Vinci sieht oder in den Schriften von Machiavelli, Giordano Bruno und einigen anderen.

Greenblatt hat mich mit diesem Buch sehr beeindruckt. Er hat ein intellektuelles, aber sehr eingängiges Buch geschrieben, das sich intensiv mit Epikurs Philosophie, Lukrez‘ Poesie und Poggio Braccolinis wunderbarem Triumph beschäftigt. „The Swerve“ erhielt den Pulitzer Preis 2012 und wer das Buch liest, versteht sehr schnell warum. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher dieses Jahr. Lukrez’ Gedicht “Von der Natur der Dinge” ist überraschend modern und war zu seiner Zeit unglaublich radikal. Greenblatt schafft es wunderbar, die Geschichte des „Buchjägers“ Poggio Bracciolini mit dem Fall Roms und dem Finden von raren antiken griechischen und römischen Dokumenten die in Klöstern verborgen sind zu verbinden.

Lukretius

Wie gut es für die Nachwelt ist, dass die meisten Texte im Laufe der Jahrhunderte nicht aus einer intellektuellen Stimulanz heraus wieder und wieder von Mönchen kopiert wurden, sondern aus einem mechanischen Akt des Gehorsams heraus, das wurde mir erst durch Greenblatts Buch bewusst. Ein intellektuell stimulierter Mönch wäre deutlich mehr in Versuchung gewesen, mit dem Text zu interargieren und ihn gegebenenfalls zu ändern oder zu ergänzen, wodurch wir den Mönchen im Nachhinein für ihr stumpfes Abschreiben dankbar sein können.

“The Swerve” ist nicht nur eine romantische Geschichte über besessene Buchjäger, es ist so so viel mehr. Das Buch erzählt von Leidenschaft und Opferbereitschaft, aber auch von Fanatismus und philosphischer Entschlossenheit. Die Glaubenskriege, die heute toben sind nichts Neues, sondern im Grunde nur eine Weiterführung der Kämpfe von Angst gegen Rationalität und Glaube gegen Logik. Ketzer, die an Atome und nicht an die Seele und ein Leben nach dem Tod glaubten, wurden lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, oft nach qualvoller Folter und Verstümmelungen, alles im Namen der Religion. Ideen haben schon immer eine unglaubliche Kraft besessen, waren gefährlich und konnten einem im Handumdrehen das Leben kosten. Intoleranz ist leider nichts neues und sehr weit sind wir in unserer Entwicklung da leider noch nicht gekommen. Überraschend fand ich auch, dass Thomas Jefferson sich selbst als Epikureer gesehen hat und Amerika auf sein „Streben nach Glück“ auf den philosophischen Gedanken von Demokrit und Epikur basiert. Auf diese Grundwerte sollten sich nicht nur die Amerikaner wieder einmal zurückbesinnen, denn mit Angst alleine werden wir unsere Zivilisation nicht weiterentwickeln.

Image result for lukrez büchergilde

Die Lektüre von Lukrez‘ Gedicht kann ich nur jedem ans Herz legen. Wer Latein spricht, den beneide ich, doch auch deutsche Übersetzung war von unglaublicher Klarheit und Schönheit und es ist eines der Bücher, das man immer wieder aus dem Regal nimmt um darin zu blättern und sich festzulesen. Die Büchergilde hat mit der Ausgabe in der Übersetzung von Klaus Binder ein absolutes Schmuckstück geschaffen.

The Swerve“ ist auf deutsch unter dem Titel „Die Wende: Wie die Renaissance begann“ im Siedler Verlag erschienen.

Über der Natur der Dinge“ ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen.

Meine Woche

beckett1.jpg

Gesehen: „The Handmaid’s Tale“ (2017) Grandiose Serien-Verfilmung von Margaret Atwoods gleichnamigem Buch mit Elizabeth Moss, Samira Wiley und Joseph Fiennes. Düster, beeindruckende Bilder, jeder Emmy ist hier wirklich verdient.

Solaris“ (2002) von Steven Soderbergh mit George Clooney und Viola Davis. Verfilmung von Stanislaw Lems gleichnamigem Roman. Wenn er auch nicht ganz an die russische Verfilmung aus dem Jahr 1972 rankommt, unbedingt sehenswert.

Gehört: „If you really love nothing“ – Interpol, „Lucid Intrusion“ – Ajna, „Violence“ – Skaen, „Islands“ – Frida Sundemo, „Die Unendlichkeit“ – Tocotronic, First Sleep – Cliff Martinez, „Unconquered“ – thisquietarmy

Gelesen: über den Rausschmiss von Barbara Laugwitz, das Geschäft mit Fake News, How to start a Book club, the paradox of Karl Popper, diesen Artikel über Katherine Johnson aus Hidden Figures

Getan: mit Michael Ondaatje Geburtstag gefeiert, ein spannendes literarisches Dinner im Walter & Benjamin und Dublin unsicher gemacht

Geplant: ein richtig gutes Bootcamp durchführen

Gegessen: unglaublich gutes koreanisches BBQ im Arisu in Dublin

Getrunken: Guinness und Jameson Black Barrel

Gelacht: über irish jokes

Geärgert: das die Literary Pub Tour ausgebucht war

Gefreut: über die tolle Zeit in Dublin

Geklickt: Everything we know about addiction is wrong und auf dieses Interview mit Aldous Huxley

Gewünscht: eigentlich alles aus dem Shop der Science Gallery

Gekauft: Bücher und Whisky

Gestaunt: über die Bibliothek im Trinity College – so wunderschön und über Ally Sherlock wir haben sie zufällig gestern auf der Straße singen hören (ohne zu wissen wer sie ist) mein Video ist nix daher schaut euch mal das an – unglaublich

Gefunden: nix

Gedacht: Youth is a wonderful thing. What a crime to waste it on children (George Bernard Shaw))