Große gemischte Tüte

Zu warm für lange Rezensionen. Hier in Kürze 5 Empfehlungen für schwüle Sommernächte:

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Süd-Afrika 1901. Sarah van der Watt und ihr sechsjähriger Sohn Fred werden während des Burenkrieges aus ihrem Haus in ein Internierungslager verschleppt, wo die höflichen britischen Angreifer ihnen versichern, sie seien in Sicherheit dort.

2014. Der sechzehnjährige Willem ist ein Außenseiter. In der Hoffnung, dass er endlich der Sohn wird, den sich seine Mutter und ihr Freund wünschen, zwingen sie ihn, ins New Dawn Safari Training Camp zu gehen, wo man stolz darauf ist, aus Jungs Männern zu machen. Sie versprechen ihm, er werde dort in Sicherheit sein.

“Above all this the stars shine. Willem pauses for a moment and feels the world turn as he struggles to pick out the Southern Cross among the interstellar static, He’s never seen a sky so big or so bright. It’s dizzying and he spins slowly to take it all in…” 

You will be safe hier ist ein eindringlicher Roman, der zwei südafrikanische Geschichten miteinander verbindet. Ein Roman um das Vermächtnis von Gewalt und unseren Willen zu überleben. Ein Buch das unter die Haut geht.

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Machines Like Me spielt in einer alternativen Vergangenheit in den 1980er Jahren in London. Charlie treibt antriebslos durch sein Leben, verdient ein paar Kröten mit Online-Börsenhandel und ist in seine Nachbarin Miranda verliebt, die ein schreckliches Geheimnis hütet. Als Charlie Geld erbt, kauft er sich einen Adam, einen der ersten künstlichen Menschen. Mit Mirandas Hilfe co-designt er Adams Persönlichkeit.

“The future kept arriving. Our bright new toys began to rust before we could get them home, and life went on much as before.” 

Dieser nahezu perfekte Mensch ist schön, stark, klug und es entspinnt sich sehr bald ein subversive Dreiecksbeziehung. Die drei werden mit einem tiefgehenden moralischen Dilemma konfrontiert – McEwans beliebter Modus Operandi.

McEwan hat wieder einen unglaublich intelligenten, unterhaltsamen und anregenden Roman geschrieben, der sich mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigt: Was macht uns zu Menschen? Unsere äußerlichen Handlungen oder unser innerstes Sein? Kann eine Maschine das menschliche Herz verstehen? Wieviel Rechte hat ein künstliches Leben?

“We create a machine with intelligence and self-awareness and push it out into our imperfect world. Devised along generally rational lines, well disposed to others, such a mind soon finds itself in a hurricane of contradictions. We’ve lived with them and the list wearies us. Millions dying of diseases we know how to cure. Millions living in poverty when there’s enough to go around. We degrade the biosphere when we know it’s our only home. We threaten each other with nuclear weapons when we know where it could lead. We love living things but we permit a mass extinction of species. And all the rest – genocide, torture, enslavement, domestic murder, child abuse, school shootings, rape and scores of daily outrages.” 

Ein provokanter, spannender Roman, der uns davor warnt, Geister zu rufen, die wir dann nicht loswerden bzw. nicht mehr kontrollieren können…

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Als Cora Seabornes brillianter, aber auch dominanter Ehemann stirbt, beginnt ein neues Leben für sie. Sie lässt ihre unglückliche Ehe hinter sich und hat endlich Gelegenheit, ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und Neugier den Raum zu geben, den sie braucht.

Zusammen mit ihrer Freundin und ihrem wahrscheinlich autistischen Sohn Francis verlässt sie London für einen Besuch an der Küste Essex, wo sie – ihrem Vorbild Mary Anning gleich – einem wissenschaftlichen Geheimnis auf der Spur ist.

Sie trifft bei ihren Nachforschungen auf den Pfarrer William Ransom, der ebenfalls mit dem Geheimnis um die „Essex Serpent“ beschäftigt ist. Cora ist eine begeisterte Naturforscherin mit wenig Sinn für Übersinnliches oder Religion und so sehr William und sie sich als Freunde schätzen, immer wieder geraten sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen aneinander.

The Essex Serpent ist eine großartige Gothic Novel im besten Sinne. Die Geschichte mag im späten 19. Jahrhundert spielen, die Themen finden sich aber ganz genau so im 21. Jahrhundert wieder. Glaube und Aberglaube treffen auf Wissenschaften und Fakten und auch die unterschiedlichen Formen der Liebe sowie moralische Limitierungen sowohl in der Liebe als auch in der Medizin.

“We both speak of illuminating the world, but we have different sources of light” 

Besonders gefiel mir, wie differenziert Perry mit den verschiedenen Formen der Liebe umgeht. Den schmalen Grat erfasst, wo Freundschaften sich verwandeln in andere Formen von Beziehungen, nicht immer klar benennbar, sondern changierend und abwechslungsreich.

“The windows in her room were open and light was fading on the wall. She said, ‘There may be blood,’ and he said, ‘Better that way – better’; and it was Cora’s mouth he kissed, and Cora’s hand she placed where she wanted it most. Each was only second best: they wore each other like hand-me-down coats.”

Großes Lesevergnügen.

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Loyalty Island in Washington State wird vom Meer beherrscht. Jeden Herbst fahren die Schiffe der Loyalty Islander hoch zur Bering See, um den Winter über Königskrabben zu fangen. Das ist die Industrie, die die Stadt und seine Geschäfte am Leben erhält, auch wenn stets der drohende Tod auf See über ihnen hängt. Für Cal, dessen Vater Kapitän eines der Boote ist, haben das Meer und Alaska etwas ähnlich mystisches wie die Piratengeschichten, die sein Vater ihm als Kind erzählte – aber er sieht auch, wie sehr das Meer verantwortlich dafür ist, dass die Ehe seiner Eltern alles andere als glücklich verläuft. Sowohl wenn sein Vater auf See ist, als auch, wenn er für ein paar Monate wieder zu Hause ist.

„Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten. Das Rumpeln von Außenbordern, von Windböen und Eismaschinen, das Heulen hydraulischer Winschen. Es war graues Dämmerlicht, das morgens und abends kam und ging – wie Ebbe und Flut.

Es war eine Aura der Einsamkeit.“

Die Familie Gaunt ist die mächtigste und einflußreichste auf der Insel. Ihnen gehört seit Generationen die Fangflotte auf Loyalty Island und sie sind der größte Arbeitgeber der Insel. Als John Gaunt plötzlich stirbt und sein entfremdeter Sohn Richard alles erbt, gerät das Leben auf der Insel außer Balance. Richard scheint wild entschlossen alles an die Japaner zu verkaufen und somit den Bewohnern der Insel ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage zu entziehen. Als Cal entdeckt, dass sein Vater möglicherweise drastische Schritte unternommen hat, um ihre gewohnte Lebensweise zu bewahren, steht er vor einer schwierigen Wahl…

Ein wunderbarer Roman über Väter und Söhne, das Ende der Kindheit,  Verantwortung, Loyalität und über die Frage, was Menschen zu unmoralischem Handeln treib. Ein Buch, das definitiv seinen eigenen Soundtrack verdient:

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Gordon Comstock verachtet den Materialismus und die Oberflächligkeit der Mittelklasse, ihre Anbetung des Geldes und ihr Streben nach langweiliger muffiger Seriosiät. Er will ganz nach seinen Idealen leben und kündigt seine gut bezahlte Stelle als Werbetexter und gibt sich ganz seinem Leben in Armut und anderen edelmütigen Aktivitäten hin.

So ein Leben in Armut ist allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken und seine permanente Geldfixiertheit (bzw. der Mangel an Geld) geht einem irgendwann auf den Keks. Es vergeht kein Absatz, in dem das Wort Geld nicht vorkommt. Ich hätte eventuell mehr Respekt für Gordon aufgebracht, wenn er in seiner edelmütigen Lebensweise in Armut nicht permanent auch seine Mitmenschen, insbesondere seine Verlobte und seine Schwester, mit ins Unglück gezerrt hätte.

“The mistake you make, don’t you see,is in thinking one can live in a corrupt society without being corrupt oneself. After all, what do you achieve by refusing to make money? You’re trying to behave as though one could stand right outside our economic system. But one can’t. One’s got to change the system, or one changes nothing. One can’t put things right in a hole-and-corner way, if you take my meaning.”

So edel seine Beweggründe sind, sich und seine Kunst (er ist Schriftsteller) nicht zu verkaufen, so wenig juckt es ihn, wie er die Menschen behandelt, die ihm nahestehen.
Ich bereue es keinesfalls, das Buch gelesen zu haben, es ist durchaus gut und hat viele gute Passagen, aber die Art, wie er mit Frauen umgeht und sein egozentrisches Verhalten haben ihn für mich zu einem der unsympathischsten Protagonisten gemacht, die ich seit langem in Büchern getroffen habe.

Down and out in Paris and London hat mir deutlich besser gefallen.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Damian Barr – „You will be safe here“ erschienen bei Bloomsbury
  • Ian McEwan – „Machines like me“ auf deutsch unter dem Titel „Maschinen wie ich“ bei Diogenes erschienen
  • Sarah Perry – „The Essex Serpent“ auf deutsch unter dem Titel „Die Schlange von Essex“ bei Eichborn erschienen
  •  George Orwell „Keep the Aspidistra flying“ auf deutsch unter dem Titel „Die Wonnen der Aspidistra“ im Diogenes Verlag erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich.
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Meine Woche

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Gesehen: „The Mirror“ (1975) von Andrei Tarkovsky. Wunderschöner versponnener typischer Tarkovsky. Ich liebe seine Filme.

If“ (1968) von Lindsay Anderson. Satire über eine typische englische Boarding-School. Richtig gut.

Gehört: „The Glowing Man“ – The Swans, „The Mother Road“ – Chelsea Wolfe, Epitaph – God is an Astronaut

Gelesen: Pride Week in Hellabrunn, diesen und diesen Bericht über Megan Rapinoe, this is how you come out in 2019, dieses Interview mit Woopi Goldberg, in Cairo the garbage collector knows everything

Getan: ein Video gedreht, eine Ian McEwan Lesung besucht, sowie eine Kuratoriumssitzung, mit dem Zug in den hohen Norden gefahren und im Geltinger Noor spazieren gegangen

Geplant: die Trauerfeier morgen gut hinter uns bringen

Gegessen: Räucherforelle in der Brauer Aalkate

Getrunken: Flensburger

Gefreut: wir sind Tanten geworden und freuen uns über die Geburt von Kolja David 🙂

Geklickt: auf die Polaroids von Andrei Tarkovsky und auf diesen Artikel über Serena Williams

Gestaunt: über die Fans die „Equal Pay“ riefen nach dem Sieg des US Teams

Gewünscht: diesen Barschrank, dieses Häuschen, diesen Pool

Gefunden: nix

Gekauft: ein Weltraum Stickerheft

Gedacht: Things are only impossible until they are not (Jean-Luc Picard)

Meine Woche

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Gesehen: „Funny Games“ (1997) von Michael Haneke mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe. Selten so einen krassen Film gesehen, großartig aber einer der einem definitiv nachgeht.

The Lost City of Z“ (2016) von James Gray mit Charlie Hunman, Robert Pattison und Sienna Miller. Wahre Geschichte die auf dem Leben des britischen Forschungsreisenden Percy Fawcett basiert. Hat mir gut gefallen.

Gehört: „Drift Stations“ – Glasbird, „On our Hands“ – Birds of Passage, „Plus Tot“ – Alexandra Strélinski, „Lark“ – Au Revoir Simone, „Evening Star“ – Frances Shelley, „Alaska“ – Amanda Bloom

Gelesen: How white fragility prevents white americans to confront racism, Exploring SciFi beyond Cyberpunk and Neon Noir, Appreciation is the most sustainable motivator at work, dieses Interview mit Laurie Penny und dieses mit Ellen deGeneres, Moral ist etwas unehrenhaftes in der Politik, Wenn Klimaforscher die Welt regieren würden und immer diese feministischen Spaßverderberinnen

Getan: Weihnachtsdinner mit lieben Freunden

Geplant: ein Weihnachtsdinner, einen Geburtstag und den Bookclub besuchen

Gegessen: diverse Weihnachtsmenüs

Getrunken: einen Blutorangen Mule

Gefreut: dass ich so viele tolle Menschen in meinem Leben habe und über tolle Rituals Düfte die wir geschenkt bekommen haben

Geärgert: über nix spezielles

Geklickt:  auf die Rede des Jahres von Cem Özdemir zur AFD, 15 books to read by black female american writers und auf diese Parabel zum Brokkoli Baum

Gelacht: Types of Headaches

Gewünscht: dieses Badezimmer, diese Lederjacke, diesen Kleiderschrank

Gestaunt: über dieses besondere Forschungsinstitut für AVATAR X

Gefunden: nix

Gedacht: „Everyone nodded, nobody agreed.“ Ian McEwan

Meine Woche

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Gesehen: „The Children Act“ (2017) von Richard Eyre mit der wunderbaren Emma Thompson. Gelungene Verfilmung des Romans von Ian McEwan.

The Nest of the Cuckoo Bird“ (1965) von Bert Williams. Charmantes grandios schlechtes Horror B-Movie. Kultfilm der lange als verschollen galt. Kann man kostenfrei auf der Seite byNWR sehen.

Gehört: „Ah, mio sor, schernito sen“ – Georg Friedrich Händel, „In Dharma“ – 42DE, „Plague Fort“ – Le temps du loup, „Thursday“ – Dronarivm, diesen Mix von Ryogo Yamamori, „Your best american girl“ – Mitski, „Under the same sky“ – The last ambient hero, „Meeting again“ – Max Richter, „The Nest of the cuckoo birds“ – Peggy Williams

Gelesen: Schon Mädchen glauben, dass sexuelle Belästigung normal ist, Lisa Brennan-Jobs Tochter vergibt ihrem Vater, Neil Gaiman: warum wir Bibliotheken brauchen, diesen Artikel über Jennifer Doudna und Crispr-Cas9, dieses Gespräch mit Emma Thompson und Ian McEwan, die Astronomin Jocelyn Bell spendet ihr Preisgeld in Millionenhöhe

Getan: Don Quijote in der Glyptothek gesehen, den geplanten Ausflug nach Kitzbühl aufgrund von Stau in Tegernsee beendet, gegen den Auftritt von Beatrix Storch in München protestiert und mit lieben Freunden zu Abend gegessen

Geplant: Michael Ondaatje im Literaturhaus sehen und nach Dublin fliegen

Gegessen: Ziegenkäse Tartes mit roter Beete

Getrunken: Tegernseer

Gelacht: It’s true that dogs are loyal friends, but cats don’t tell the police where you hide your drugs

Geärgert: über den ewigen Stau am Samstag

Gefreut: über den trotzdem schönen Ausflug nach Tegernsee

Geklickt: auf diese Coca-Cola Werbung, Elizabeth Gilbert on the difference between hobby, job, career and vocation, auf diesen TED Talk von Christoph Niemann und „Why Art thrives at Burning Man“ von Nora Atkinson

Gewünscht: diese Robot-Uhr, diese IKEA Lesezimmer, dieses Haus

Gekauft: mal wieder einen Spiegel

Gestaunt: über dieses Haus das um einen Baum herum gebaut wurde

Gefunden: nix

Gedacht: Die AFD nervt mehr als Wespen

Bookclub Votings are in for 2018/19

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Foto: Grazvydas

Nervenaufreibende Diskussionen, Debatten und Entscheidungsfindungen haben sich ausgezahlt. Die Ergebnisse sind da und ich präsentiere euch hier die Bücher die wir im nächsten Bookclub-Jahr lesen werden und auf deren Rezensionen hier ihr euch freuen dürft:

Naomi Alderman – The Power
Chloe Benjamin – The Immortalists
Anthony Doerr – All the light we cannot see
Louise Erdrich – Future home of the living God
Andrew Sean Greer – Less
Anthony Marra – The Tsar of Love and Techno
Ian McEwan – The Children Act
David Mitchell – Slade House
Celeste Ng – Everything I never told you
ML Rio – If we were Villains
Mary Shelley – Frankenstein

Da sind dieses Mal gleich vier Bücher dabei die ich bereits gelesen habe, das gabs noch nie.

Was sagt ihr zu unserer Liste? Sind welche dabei die euch besonders interessieren – welche hättet ihr als Bookclub-Lektüre vorgeschlagen?

Shakespeare & Co

 

Shakespeare

Die Hogarth Press wurde 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründet mit der Vision, das beste zu drucken, was die moderne Literatur zu bieten hatte. 2012 wurde Hogarth in London und New York neu gegründet, um diese Tradition weiterleben zu lassen. Im Oktober 2015 begann der Verlag ein Shakespeare Projekt, das der Neuerzählung von Shakespeares Stücken gewidmet ist. Einige der renommiertesten Autoren der Gegenwart konnten für das Projekt gewonnen werden und haben sich jeweils einem Werk Shakespeares angenommen.

Den Anfang machte Jeannette Winterson, die sich in „The Gap of Time“ der Neuerzählung von Shakespeares „Winter Tale/Das Wintermärchen“ widmet und das gleichzeitig und eher zufällig die Oktober-Lektüre in unserem Bookclub war.

Bereits erschienen sind zudem Anne Tyler „Vinegar Girl“, basierend auf „The Taming of the Shrewd/Der Widerspenstigen Zähmung“, Howard Jacobsen „Shylock is my name“, basierend auf „The Merchant of Venice/Der Kaufmann von Venedig“, Margaret Atwood „Hagseed“, basierend auf „The Tempest/Der Sturm“ und Tracey Chevaliers „New Boy“, basierend auf „Othello“.

Geplant sind desweiteren Edward St. Aubyn mit einer Neuinterpretation von King Lear, Jo Nesbø versucht sich an Macbeth und Gillian Flynn an Macbeth.

Ian McEwans Buch „Nutshell“, die Neuinterpretation Hamlets, ist also außerhalb dieser Reihe entstanden und hat, wie es scheint, nichts mit dieser zu tun. Ich habe die deutsche Diogenes-Ausgabe kürzlich in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, gerade als ich mit Jeannette Wintersons „The Gap of Time“ begonnen hatte und sah das als Fingerzeig für den Bookclub, gleich beide Bücher zu lesen (für Extrapunkte, die ich dann bei Gelegenheit in einen Extra-Nachtisch umwandle oder so).

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„The Winter’s Tale“ ist eines von Shakespeares späten Stücken, in denen er etwas sanfter wurde und auch nicht mehr all seine weiblichen Protagonisten abmetztelt. Es ist die Geschichte eines Königs, dessen rasende Eifersucht zur Verbannung seiner kleinen Tochter führt und in den Tod seiner wunderschönen Frau. Die Tochter wird von einem Schäfer an der Küste Böhmens gefunden und nach einer Reihe außergewöhnlicher Umstände finden sich Vater, Tochter und gar die Mutter am Ende wieder.

In Jeanette Wintersons Version spielt der größte Teil der Geschichte im London im Jahr 2008 nach der Finanzkrise und von dort geht es in die amerikanische Stadt „New Bohemia“. Ihre Geschichte dreht sich um die zwei Jugendfreunde Leo und Xeno, die sich während ihrer Internatzeit mehr als nahe standen.

16 Jahre später ist Leo ist ein irre reicher, arroganter und ziemlich paranoider Hedge Fund Manager, der mit der wunderschönen Sängerin MiMi verheiratet ist und mit der er einen Sohn hat namens Milo. MiMi ist schwanger mit ihrem zweiten Kind.
Xeno ist ein schwuler, introvertierter Designer von Videospielen.

In seinem Wahn wird Leo immer besessener von der Idee, seine hochschwangere Frau MiMi habe eine Affäre mit Xeno und er sei der Vater des Kindes. Leo versucht Xeno zu töten, vergewaltigt seine Frau und gibt nach der dadurch ausgelösten Geburt das Kind einem Angestellten den Auftrag, es Xeno zu überliefern.

Natürlich geht das schief. Der Bote wird umgebracht, nachdem er das Baby in einer Babyklappe gelassen hat, da er den Angriff kommen sieht. Ein Mann namens Shep und sein Sohn Clo finden das Baby und nehmen es mitsamt der Tasche, die Geld und Juwelen enthält, mit, um es großzuziehen.

“And the world goes on regardless of joy or despair or one woman’s fortune or one man’s loss. And we can’t know the lives of others. And we can’t know our own lives beyond the details we can manage. And the things that change us forever happen without us knowing they would happen. And the moment that looks like the rest is the one where hearts are broken or healed. And time that runs so steady and sure runs wild outside the clocks. It takes so little time to change a lifetime and it takes a lifetime to understand the change.”

Nach unglaublichen Umwegen trifft das Findelkind Perdita 16 Jahre später Xeno und dessen Sohn Zel und – na klar – verliebt sich in Zel. Sie wird schlussendlich mit ihrem reumütigen und einsamen biologischen Vater wiedervereint als auch mit ihrer Mutter.

Fast alle Wunden werden geheilt und nahezu alles wieder gut gemacht. Ein überraschend befriedigendes Happy End, das man bei Shakespeare nicht oft erlebt.

Ich liebe Wintersons Art zu schreiben, ihren Witz, ihre Klugheit, die Mühelosigkeit, mit der sie die komplexen Emotionen der Charaktere und die Geschichte erzählt hat.

Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Geld, dem besonderen Schicksal von adoptierten Kindern und der Zeit, die sich immer wieder in elliptischen Kreisen dreht.

“I guess I’m afraid of not being like other people. No, that’s not true. I’m not afraid of not being like other people. I’m afraid I won’t find anybody who doesn’t mind me not being like other people. I’m not ambitious for money or power. I want to find some real way to live.” 

Hier ist ein Interview mit der Autorin in dem sie über „The Gap of Time“ spricht:

Jeanette Winterson wurde selbst adoptiert und hat daher ganz bewußt „The Winter Tale“ gewählt, dass sich wie ein roter Faden durch viele ihre Bücher zieht. In ihrem Nachruf auf die Autorin Ruth Rendell schreibt sie „… she (Ruth Rendell) did worry that I would shipwreck. I was reckless, wild, outspoken, lost, at odds with my past – I hated being adopted. I wanted to belong but not at the price of conformity. Ruth understood my contradictions…“ 

Vielleicht noch ganz interessant zu erfahren, dass wenige Bücher so einhellig gelobt und geliebt wurden im Bookclub. Zu große Harmonie und Übereinstimmung kann sonst gelegentlich zu etwas langweiligen Diskussionen führen, nicht bei diesem Buch, da war dank Shakespeare und auch dank Winterson so viel Stoff zum diskutieren.

Marion von Schiefgelesen hat hier eine wunderbare Rezension zu „The Gap of Time“ geschrieben, ebenso die Bücherphilosophin – ihre Rezension findet ihr hier.

Es hat sich auch mit dem Cast im Buch ganz vorzüglich „Who would you marry / Who would you shag / who would you throw off a cliff“ spielen. Über die Frage wer im Bookclub mit wem im Buch und so hüllen wir jetzt den Mantel des Schweigens und widmen uns dem nächsten Shakespeare 2.0 Kandidaten Ian McEwan:

 

Ian McEwan traut sich was. Seine Geschichte wird aus der Perspektive eines unglaublich gebildeten Fötus erzählt, der ein ganz unglaubliches Wissen über Wein, Geschichte und dem Zeitgeschehen angesammelt hat, überwiegend durch die Podcasts, die seine Mutter aufgrund von Schlaflosigkeit hört.

Dieser neunmalkluge Fötus ging mir anfangs auf den Nerv, ich brauchte etwas, bis ich mich auf die Geschichte eingelassen habe, aber dann war ich nur noch begeistert. „Nusschale“ ist eine zutiefst durchtriebene Version von „Hamlet“, wo die Treuelosigkeit zwischen „Trudy“ und ihrem Schwager „Claude“ nicht vom jugendlichen Hamlet beobachtet wird, sondern vom ungeborenen und unbenannten Fötus.

McEwans Spiel mit der Sprache gleicht einem Drahtseiltänzer, der routiniert ohne Netz und doppelten Boden die gewagtesten Sprünge vollzieht. Ich habe gefühlt das halbe Buch unterstrichen und möchte es unbedingt noch einmal im Original lesen, die Übersetzung scheint mir aber überaus gelungen zu sein.

„Mein Selbstmitleid, im einsamen Höhenflug, sieht mich irgendwo im dreizehnten Stock des barbarischen Hochhauses enden … Allein der Gedanke da zu wohnen.
Ganz genau. Eine Kindheit mit Computerspielen statt Büchern, mit Zucker, Fett und körperlicher Züchtigung. Schlagetal, o ja. Keine Gutenachtgeschichten, um meine Hirnplastizität zu fördern. Die neugierfreie Gedankenwelt der modernen englischen Unterschicht. Dann doch lieber Madenzucht in Utah? Ich Armer, ich elender Dreijähriger mit Igelschnitt, Wampe und Tarnhose, verloren in einer Wolke aus Fernsehlärm und Passivrauch. Die tätowierten, geschwollenen Knöchel der Adoptivmutter staksen vorbei, gefolgt vom stinkenden Köter ihres labilen Lovers.“

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Ich bleibe bei meiner Beschreibung hier jetzt absichtlich kurz, was den Plot angeht. Fast jeder hat wahrscheinlich „Hamlet“ in der Schule gelesen, daher nur kurz die Grobübersicht, das muss erst mal reichen. Ob also die zarte Truy und ihr tölpelhafter Lover ihren Plan durchgezogen bekommen, müsst ihr schon selbst rausfinden, es lohnt sich.

Dies also meine Kurzbesprechung von Ian McEwans „Nusschale“ in a nutshell…

Jeanette Winterson „Der weite Raum der Zeit“ ist im Knaus Verlag erschienen.

Ian McEwan „Nussschale“ erschien im Diogenes Verlag.

Gerade gesehen, dass mein Satz mit der Verlinkung zu Marions Shakespeare Projekt auf schiefgelesen verschwunden ist, hier also jetzt der link, dort gibt es auch jede Menge Hogarth Shakespeare zu entdecken.

 

 

Meine Woche

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Gesehen: „Paterson“ (2016) von Jim Jarmusch mit Adam Driver. Wunderschöner poetischer Film um einen dichtenden Busfahrer. Unbedingt anschauen. Der Soundtrack war auch phantastisch.

Synecdoche, New York“ (2008) von Charlie Kaufman mit Philip Seymour Hoffman. Ich mochte „Being John Malkovich“ so gerne, finde Hoffman klasse, also dachte das muss gut werden, aber dann bin ich irgendwie nicht reingekommen in den Film. Schade.

Frantic“ (1999) von Roman Polanski. Thriller mit Harrison Ford der in Paris spielt, den man also wunderbar an einem Paris-Wochenende schauen kann. Unterhaltsam.

Gehört: „Exhumed“ – Zola Jesus, Woolverine – Mogwai, „Little Heart“ – Hundreds, „Shadow of the Sun“ – Moonduo, „Christine“ – Christine & The Queens, „For Marlon“ – SoKo, „First Love never dies“ – SoKo, „Comme les Enfants“ – Coeur de Pirate, „Arrival – Soundtrack“

Gelesen: über einen Speedometer for AI, über Ian McEwans verzauberten Garten, diesen Artikel über Solarpunk, Hilary Mantels Artikel über Lady Di, dieses Interview mit Jim Jarmusch, diesen Artikel über „Paterson and the myth of the solitary artist“

Getan: ewig auf Trinkwasserhygiene-Fachleute gewartet, IKEA gestürmt und ein wunderbares Paris-Wochenende erlebt mit einem Seine Riverside Walk mit „Paris Walks„, phantastisch gegessen und getrunken und viel vorgelesen

Geplant: Literature Festival in Berlin

Gegessen: ein phantastisches Mittagessen im „Le Camondo

Getrunken: Sancerre

Gelacht: über die Twitter-Lieblinge von Madame Vorspeisenplatte

Geärgert: dass der TGV eine halbe Stunde früher als geplant abfuhr und ich davon 30min vorher informiert wurde, Hinfahrt daher verpasst und es wurde alles etwas chaotisch und zwei Stunden später

Gefreut: über das wunderbare Wochenende

Gewünscht: diesen Print, diese Lampe, diese Kommode

Geklickt: auf diesen Blade Runner Short Film der zeigt was 2036 passiert ist, und auf das Video von Etta Candy die über Wonder Woman nachdenkt

Gekauft: diese Lampe, diese Gläser, Tee bei Marriage, Schokolade von Patrick Roger

Gefunden: einen Berg Schulbücher in der Papiermülltonne in Paris

Gewundert: das französische Schulkinder alle 6 Wochen zwei Wochen Ferien haben plus Sommerferien und dass ich glaube ich fast die einzige Bloggerin bin, die vergessen hat sich für den Bloggeraward anzumelden