Befreit – Tara Westover

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Überraschungs-Buchpost ist immer klasse, aber bei diesem Buch habe ich regelrechte Freudentänze aufgeführt, als ich das Packerl vom Kiepenheuer & Witsch Verlag öffnete, denn es stand schon eine Weile ganz weit oben auf meiner Leseliste und hat durchaus prominente Fürsprecher, wie zum Beispiel Barack Obama. An dieser Stelle schon mal herzlichen Dank für das Rezensionsexmplar.

„Befreit“ ist auf der einen Seite eine durch und durch hoffnungsvolle Geschichte und auf der anderen Seite fast schon ein Horrortrip. Tara Westover, soviel merkt man schon von der ersten Seite an, ist eine kluge Frau und eine wirklich gute Schriftstellerin, die in einer wunderbar poetischen Sprache spröde bezaubernde Bilder zu schaffen weiß.

Nichts in ihrer Kindheit ließ jemals darauf schließen, dass aus ihr jemals eine mit Doktortitel ausgestattete Absolventin der Cambridge Universität wird. Tara ist die jüngste von sieben Kindern einer fundamentalistischen Mormonenfamilie im ländlichen Idaho, die sich jeden Tag mit Vorratshaltung etc. auf den Weltuntergang vorbereitet und die überzeugt ist, die Regierung ist von Illuminaten unterwandert, die die Bevölkerung einer Gehirnwäsche unterzieht und sie seien permanent vom FBI verfolgt.

Die Kinder arbeiten von Kindesbeinen an auf dem väterlichen Schrottplatz. Der Vater bildet das Gesetz in der Familie und das stützt sich zum einen auf seine glühenden religiösen Überzeugungen und wird zum anderen durch seine nicht diagnostizierte psychische Erkrankung beeinflusst. Die Arbeit auf dem Schrottplatz ist gefährlich und heftige Verletzungen sind fast an der Tagesordnung. Das väterliche Misstrauen gegen den Staat bezieht aber auch jegliche medizinische Versorgung mit ein, so dass auch schwerste Verbrennungen, tiefe Fleischwunden etc. ausschließlich mit selbst hergestellter Medizin von der Mutter behandelt werden.

Taras Vater ist nicht nur gegen die Regierung oder die moderne Medizin, seine Ablehnung umfaßt auch Schulen, Krankenhäuser, Impfungen natürlich, aber auch Sicherheitsgurte im Auto, Fernsehen oder Bücher. Sein Wort ist Gesetz, denn er ist überzeugt davon, Gott spricht durch ihn und es ist herzzereissend zu sehen, wie eine ganze Familie unter den religiösen Wahnvorstellungen eines psychisch kranken Menschen zu leiden hat. Die heimische Schulbildung, die die Kinder angeblich zu Hause von der Mutter bekommen, sind sporadische kurze Lektionen in Pflanzenkunde, etwas Mathematik und viel Bibelstudium, aber meistens werden die Kinder einfach auf dem Schrottplatz gebraucht.

Tara geht nie zur Schule, bringt sich selbst ein bisschen was mit den wenigen Büchern bei, die es zu Hause gibt, teilweise unterstützt von einem älteren Bruder, der ebenfalls ein Studium begonnen hat. Ihre formale Bildung beginnt mit 17, als sie auf die Brigham Young Universität geht, eine Hochschule für Mormonen. Dort erlebt sie schockiert, wie wenig sie überhaupt weiß. Sie hat noch nie vom Holocaust oder der Bürgerbewegung gehört, Europa war für sie bislang ein Land und kein Kontinent. Trotz aller Schwierigkeiten beißt sie sich durch und erkämpft sich sogar ein Stipendium für Cambridge. Ihren Eltern gefällt diese Entwicklung natürlich ganz und gar nicht.

„Mir selbst redete ich ein, ich gehörte aus anderen Gründen nicht nach Cambridge, Gründen, die mit Klasse und Status zu tun hatten: weil ich eben arm war, arm aufgewachsen war. Weil ich im Wind auf dem Kapellendach stehen konnte, ohne zu schwanken. Das war die Person, die nicht nach Cambridge gehörte: die Dachdeckerin, nicht die Hure.“

Das war für mich der einzig frustrierende Part des Buches, ihr dabei zuzuschauen, wie sie wieder und wieder zu ihrer Familie zurückkehrt. Wie sie sich von ihrem sadistischen Bruder Shawn quälen lässt, sich ihr Geld fürs Studium auf dem heimischen Schrottplatz verdient und immer wieder verzweifelt versucht, die Anerkennung ihrer Familie zu gewinnen.

Das sie ihren Weg so durchgezogen hat, wie sehr sie auch teilweise zerrissen war zwischen ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit und Bildung auf der einen Seite und ihrem Pflichtbewusstsein, ihrer Loyalität der Familie gegenüber, und ihrem von klein auf indoktriniertem Glauben ist mehr als ein Wunder für mich. Sie erkämpft sich über Jahre ihre eigene Identität als Wissenschaftlerin, Schriftstellerin und als unabhängige Frau.

Ich konnte mich sehr mit Tara identifizieren in ihrem Wunsch, alles in Bewegung zu setzen, um vom Bildungskuchen soviel abzubekommen wie nur möglich. Autodidakten leiden häufig darunter nicht wirklich zu wissen, ob sie gut genug sind. Framing und fehlender Stallgeruch führen dazu, dass man sich ausgeschlossen fühlt und Selbstzweifel entwickelt. Tara Westover hat in meinen Augen schier übermenschliches geleiset und ich habe große Achtung vor dem, was sie erreicht hat.

Für diesen Erfolg muss sie aber durchaus teuer bezahlen. Ein großer Teil ihrer Familie (ihre Eltern und ein Teil ihrer Geschwister) haben sie verstoßen und insbesondere nach Erscheinen ihres Buches verbreiten sie Gerüchte über Taras mentale Instabilität. Ich habe mir einige Interviews mit ihr angesehen und angehört und auf mich wirkt sie sehr sachlich, analytisch, vielleicht sogar ein wenig stoisch und auch überhaupt nicht nachtragend.

Eine überwältigende Geschichte die einem noch lange nachgeht. Mich hat sie sehr an „Hillbilly Elegy“ erinnert.

Eine weitere großartige Rezension des Buches hat Brigitte von „Feiner Reiner Buchstoff“ geschrieben, ihr findet sie hier.

Hier ein Interview mit der Autorin:

Meine scheisskranke Familie – Dan Marshall

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Kein Buch für zarte Gemüter. Habe selten ein Buch erlebt, in dem so derart viel geflucht, geschimpft, gesoffen, schwanzgelutscht und Mormonen-Bashing betrieben wird, wie in diesem. Ich bin da ja eher hart im nehmen, aber ich hab auch gelegentlich geschluckt bei der Wortwahl und dennoch, ich halte Marshalls Biografie für ein überaus lesenwertes Buch.

Als Dan den Anruf bekommt, dass sein Vater Bob an ALS erkrankt ist, läuft es gerade so richtig gut für ihn. Er ist ganz erfolgreich in seinem ersten Job direkt nach dem College, führt eine glückliche Beziehung mit seiner Freundin und geniesst in Kalifornien das gute Leben und die Freiheit vom Elternhaus. Und dann kommt der Anruf und von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es war. Daddy is krank. Please come home.

Die Art Anruf, die wohl jeder von uns zutiefst fürchtet. Dan will die Signifikanz der Diagnose anfangs nicht wahrhaben, doch nach kurzem Zögern fährt er doch heim. Seine gutsituierte Familie lebt in einer fetten Villa in Salt Lake City, als eine der wenigen Nicht-Mormonen. Seine Mutter ist eine erfahrene Chemotherapie Veteranin, die seit 1992 mit einer Krebserkrankung kämpft und eigentlich der sterbende Elternteil in der Familie war. Jetzt gehören 100% seiner Eltern zum Team Totgeweiht.

Bob war bislang der ruhende Pol der Familie. Der Besitzer einer Reihe kleinerer Zeitungen, der sich gleichzeitig um seine 4 Kinder und seine kranke Frau kümmerte und in seiner Freizeit Marathons lief, ist gerade einmal 53, als die Krankheit ihn erwischt und die ihn nach und nach völlig lähmt und am Ende erstickt.

Debi, die Mutter, bittet ihre Kinder, nach Hause zu kommen und die Pflege des Vaters zu übernehmen. Sie selbst ist wieder einmal inmitten einer Chemotherapie, die ihr mächtig zusetzt. Sie ist schwach, die Medikamente verursachen bei ihr ein verwirrtes Chemo-Hirn und sie kann daher nicht wirklich viel helfen bei der Pflege.  Auch von Dans Schwestern ist wenig Hilfe zu erwarten. Tiffany, die älteste Tochter ist zu beschäftigt mit ihrem Studium, ihrem Job und ihrem Freund „Big cock Brian“ und die beiden jüngeren Schwestern sind noch im Teenageralter und alles andere als eine Stütze.

Die 17-jährige Michelle hat ein Alkoholproblem und eine heimliche Affäre mit ihrem fast 20 Jahre älteren Fußballtrainer, aber die  die 14-jährige Chelsea hat Asperger, denkt an nichts anderes als Tanzen und leidet mit am meisten unter der Krankheit ihres Vaters, die sie, so gut sie kann, zu ignorieren versucht.

Daher fällt Bobs Pflege in die Hände von Dan und seinen Bruder Greg, der gerade in Illionois ein Studium begonnen hatte und die Freiheit genossen hatte, seine Homosexualität frei ausleben zu können, etwas, das im stockkonservativen Utah ziemlich undenkbar ist. Sie bauen das Schlafzimmer in ein Krankenzimmer um und kümmern sich so gut sie können um ihren Vater. Sie lernen Beatmungsgeräte zu nutzen, wischen ihm den Po ab, baden und füttern ihn. Sie programmieren seinen Stephen Hawking mäßigen Kommunikator, gerne auch mit Sprüchen wie „Boy I could use a Blowjob“ – trotzdem es ist Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf.

Das Team Totgeweiht gibt alles im Kampf gegen die Krankheit der Eltern. Die Geschwister sind nicht unbedingt Vorzeigekinder, wie sie im Buche stehen, aber die Liebe zu ihren Eltern, insbesondere zum sterbenden Vater, sickert regelrecht durch die Seiten durch. Sie kümmern sich liebevoll und reißen dabei die dreckigsten, derbsten Witze die man sich nur vorstellen kann.

Bob Marshall hat sein Schicksal und die liebevollen, aber oft chaotischen und zotigen Pflegebemühungen recht stoisch akzeptiert.  Ich heule nicht so schnell bei Büchern, war auch bis kurz vor Schluss überzeugt, das mir das hier nicht passiert, aber fuck hat es mich dann doch mitgenommen.

„Mom, jeder von uns macht irgendwas Besonderes mit Dad, bevor er in vierundreißig Tagen stirbt, nur du nicht. warum?“ fragte ich.
„Das mache ich doch“ sagte sie. 
„Neben ihm Joghurt zu essen und fast abzukratzen ist jetzt nicht so besonders.“
„Nur damit du’s weißt, er bekommt jeden Tag einen Blowjob von mir, bis er stirbt“ sagte sie so stolz, als würde sie für wohltätige Zwecke spenden oder Obdachlosen Essen geben.
„Jeden Tag einen Blowjob? Das sind eine Menge Blowjobs.“ sagte ich. „Aber die hast du ja schon seit der Highschool drauf.“
„Ach sei still du kleiner Kackefresser. Eines Tages hast du keine Mutter mehr, die du so beschissen behandelt kannst“ sagte sie. „Und nur fürs Protokoll, ich kann das richtig gut. Er liebt es.“

Neben Bob ist für mich ganz eindeutig Debi die Heldin der Geschichte, die Mutter, die kampferprobte Chemo-Amazone, die schon vor ihrer Erkrankung fluchen konnte wie ein Matrose und die alle zusammenhält.

Zartbesaitete Seelen oder Mormonen sollten die Finger lassen von dem Buch, allen anderen kann ich es wirklich ans Herz legen.

ALS ist ein Arschloch von Krankheit, das Buch hat das auf drastische und unsentimentale Weise klargemacht. Seit der Ice Bucket Challenge ist es ziemlich still geworden, daher möchte ich das Buch hier daher gerne versteigern und den Erlös der http://www.alsa.org spenden. Falls es jemanden gibt, der es gerne hätte, bitte per Kommentar Bescheid. Startgebot sind 10,- € Ich werde am Ende 50,- € drauflegen. Ich hoffe, es kommt was zusammen.

Das Buch ist im Atrium Verlag erschienen.