#WomeninSciFi (35) The Heart goes last – Margaret Atwood

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Die Sci-Fi Women haben einen freien Sonntag gefordert, was will man machen – da fügt man sich natürlich. Deshalb ab jetzt #WomeninSciFi immer samstags. Heute hat die Grand Dame der speculative Fiction das Zepter in der Hand:

Gute Dystopien oder Atwoods bevorzugter Begriff „spekulative Fiktion“ sagen viel mehr über unsere aktuellen Probleme und den Zustand unserer Gesellschaft aus, als über eine mögliche Zukunft. Dieses Genre beherrscht Atwood einfach. Dieser Roman ist nicht ganz so stark wie die „Oryx und Crake“ Reihe, aber ein etwas schwächerer Atwood ist immer noch besser als vieles andere.

Wenn man auf der Straße lebt, weil die Wirtschaft komplett zusammengebrochen ist und so gut wie nichts mehr funktioniert oder die Gesellschaft zusammenhält, man sich vor marodierenden Banden schützen muss, bekommen auch extreme Angebote eine gewisse Attraktivität.

Charmaine und Stan, beide etwa Mitte Dreißig, sind nach dem Absturz aus ihrem Mittelklasse-Leben gezwungen im Auto zu leben, sie leben von Essensresten die sie finden, jeder Tag ein neuer Überlebensakt.

Das seltsame Angebot übermittelt sich ihnen in Form eines TV Spots in dem Interessenten für das Positron Projekt in Consilience (Wortspiel aus „Con“ für convict = Straftäter und „resilience“ = Anpassungsfähigkeit) gesucht werden. Der Deal: sie leben künftig einen Monat als glückliche Mittelstandsfamilie mit hübschem Haus, Motorroller und Arbeitsplatz – und einen Monat im Knast.

Atwood

Du bekommst alles auf dem Tablett serviert, aber während du im Knast bist, ziehen am Wechseltag deine „Alternates“ in dein Haus, sitzen auf deinem Sofa und essen von deinen Tellerchen. Musik- und Fernsehprogramm sind auf beruhigende Doris Day und Frank Sinatra Schmonzetten beschränkt, aber Beggers can’t be choosers und der eine Monat Knast lässt sich auch irgendwie überstehen und vielleicht hält es ja auch die Liebe frisch, wenn man sich immer nur alle zwei Monate sieht.

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Charmaine und Stan lassen sich auf den Deal ein und insbesondere Charmaine fällt es anfangs sehr leicht, die Werbetrommel-Ansagen der Positron Leitung zu glauben. Sie gleitet in ihr Stepford Wife Leben und ist eigentlich rundum glücklich, obwohl die ihr zugeteilte Aufgabe in der Euthanesie von unangepassten Außenseitern liegt. Der etwas skeptischere Stan arbeitet auf einer Hühnerfarm. Langsam aber sicher leben sich die beiden auseinander.

Als Charmaine dann eine Affaire mit ihrem „Alternate“ beginnt, wird alles richtig kompliziert und unabhängig voneinander merken Stan und Charmaine, was wirklich hinter den Gefängnismauern vor sich geht.

Das letzte Drittel des Buches wird dann recht bizarr mit seinen lebensechten Gummipuppen, den Heerscharen an Marilyn Monroe und Elvis Doubles und reichlich Sex. Kein Buch für moralisch schnell Erschütterte, aber eine spekulative Tour-de-Force, die sich mit Kapitalismus, Biotech, Neurowissenschaften und Identität beschäftigt.

„Would Doris Day’s life have been different, he muses, if she’d called herself Doris Night? Would she have worn black lace, dyed her hair red, sung torch songs?”

Auch wenn sie gelegentlich über das Ziel hinausschießt, man merkt Atwood an, wieviel Spaß sie beim Schreiben dieser seltsamen 50er Jahre Gesellschaftskonstellation hatte. Das Buch steckt voller spannender Ideen und Spekulationen, es ist teils Satire, teils Science Fiction und stellenweise unglaublich witzig.

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Seine Freiheit aufgeben für noch so edle Zwecke ist und bleibt eine schlechte Idee, egal wie heroisch das Set-up auch ursprünglich vielleicht ist, am Ende fliegen einem soziale Experimente wie diese einfach unweigerlich um die Ohren.

Ich habe das Gefühl, Atwood hat mit jedem Buch mehr Spaß am Schreiben. Von altersmilde oder ruhiger werden keine Spur. You go Girl, ich warte schon sehnsüchtig auf ihr nächstes Buch.

Hier ein tolles Interview zu „The Heart Goes Last“

 

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Das Herz kommt zuletzt“ im Berlin Verlag erschienen.

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#WomeninSciFi: The Left Hand of Darkness by Ursula LeGuin (1)

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Vermutlich bin ich nicht die erste, die eine Weile lang dachte, es handle sich bei dem Blog Vorspeisenplatte.de um einen Kochblog. Er wurde mir wiederholt als „Lieblingsblog“ genannt, wenn ich mich entsprechend erkundigte. Tatsächlich handelt es sich vermutlich um einen der ersten Tagebuchblogs.

So mancher Blog-Empfehlung folge ich schon lange nicht mehr, der Kaltmamsell bin ich jedoch treu geblieben, denn sie versorgt mich regelmäßig mit spannenden Artikeln, Links und Twitterlieblingen. Ihr beeindruckendes Sportprogramm ist eine Art Master Yoda für meinen inneren Schweinehund.

Zudem habe ich gelernt, dass „mein“ Buchclub nicht der einzige in München ist. Gut zu wissen…

Ich freue mich sehr, dass sie die #WomeninSciFi Reihe heute mit Ursula LeGuins „The Left Hand of Darkness“, der Grande Dame der Science Fiction Literatur, eröffnet:

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Eine unersättliche Leserin war ich von Kindesbeinen an, doch an Science Fiction geriet ich nicht von selbst. Zwar ließ ich mir als Erwachsene gezielt die Klassiker des Genres reichen, mochte vor allem die alternativen Gesellschaftsentwürfe. Doch erst in den letzten Jahren trafen sich eine wachsende Abneigung gegen alles „based on a true story“ (Erinnerungen sind schließlich auch Konstruktionen und Fiktionen – doch diese Literatur trägt angebliche Wahrhaftigkeit vor sich her) und genauso wachsende Freude an sehr Ausgedachtem bis hin zu speculative fiction.

Es war dann ein Essay von Laurie Penny, der mir zu einer konkreten Leseliste verhalft: „Fear of a Feminist Future“. Darin listet Penny Science-Fiction-Autorinnen auf, die Alternativen zu einer patriarchalen Gesellschaft entwarfen. Und so geriet ich an die Ikone Ursula K. Le Guin. Der Roman der US-amerikanischen Autorin The Left Hand of Darkness von 1969 stand in einer schönen Neuauflage von 1980 im Regal des Science-Fiction-Experten an meiner Seite.

Sie enthält Le Guins „Introduction“ von 1976 – für mich ein Teil des Werks. Darin legt sie klug dar, warum Erfundenes einen tieferen Blick auf die Wirklichkeit ermöglichen kann – und genau das tut sie mit ihrem Roman The Left Hand of Darkness. Der erste Satz des Romans lautet dann auch: „I’ll make my report as if I told a story, for I was taught as a child on my homeworld that Truth is a matter of the imagination.“

Wir werden von Anfang an in eine völlig fremde Welt geworfen; das erste Kapitel heißt „A Parade in Erhenrang“, und vor dem ersten oben zitierten Satz der Handlung steht die vierzeilige Archivkennzeichnung des folgenden Berichts. Die Ortsnamen sind fremd, die Zeitangaben haben nichts mit unseren zu tun, die geografischen Gegebenheiten und Gesellschaftsstrukturen sind unerwartet. Manches davon wird erklärt, denn, so stellt sich heraus, wir lesen den Bericht eines Besuchers oder einer Besucherin namens Genly Ai auf dieser Welt, dem Planeten Gethen, selbst von ganz woanders kommend – allerdings aus einer Welt, die uns Leserinnen genauso fremd ist.

Diese große Fremdheit zeichnet den gesamten Roman aus, viele Wörter und Konzepte bleiben bis zum Schluss unerklärt. Zwischenkapitel („hearth tales“) wechseln komplett die Perspektive und geben Gethens Mythologie wieder, ohne offensichtlichen Zusammenhang. Das Lesen erfordert Offenheit und Aufgeben von Erwartungen – genau das braucht Le Guin für den alternativen Gesellschaftsentwurf, den sie hier vorlegt.

Denn es stellt sich heraus, dass der größte Unterschied zu unserer gewohnten Erdenwelt des 20. Jahrhunderts nicht das Klima, die Technik oder die politischen Prozesse sind, sondern der Umstand, dass die Bewohner Gethens nicht einem von zwei Geschlechtern angehören. Zwar wird unsere Leseerwartung zunächst in die Irre geführt, weil alle das Personalpronomen „he“ tragen. Doch es stellt sich heraus, dass das nur eine Hilfskonstruktion des Berichtenden Genly Ai ist. Die Erzählfigur wurde als Botschafter des Ekumen geschickt, eines losen Zusammenschlusses von Planeten, und soll die Staaten des Planeten Gethen dazu bringen, dem Ekumen beizutreten. Dazu muss die Erzählfigur aber damit zurecht kommen, dass die Bewohner von Gethen im Normalzustand kein fixes Geschlecht haben; sie sind nur einmal im Mondzyklus fruchtbar, und erst wenn es an die Fortpflanzung geht, vereinbart ein Paar, wer welchen Part übernimmt.

Das ist allerdings nicht das einzige Detail auf Gethen, das die Erzählfigur überfordert: Sie wird unbemerkt zum Spielball politischer Ränke, und das mehrfach auf verschiedene Weise, gerät in Gefangenschaft, wird dort durch Medikation unbeabsichtigt fast umgebracht. Ich bezeichne sie hier absichtlich als „Erzählfigur“: Le Guin schaffte es sehr lange unklar zu lassen, welchem menschlichen Geschlecht diese Ezählstimme eigentlich zugehört, unter anderem durch die Erzählung in Ich-Form. Und als dieses Detail klar wird, ist es schon lange unwichtig.

Gleichzeitig ist The Left Hand of Darkness die Geschichte einer großen Freundschaft und einer großen Liebe (ohne Geschlechtlichkeit auf Gethen deckungsgleich), der zwischen Genly Ai und Estraven. Estraven ist zu Anfang der Handlung eine wichtige politische Figur auf Gethen – und gibt alles auf, um der Erzählfigur beizustehen. Es braucht den Großteil der Geschichte, bis Genly Ai das überhaupt bemerkt, denn Verhaltenscodes und Kommunikation sind auf Gethen so völlig anders – werden auch uns Leserinnen nicht erklärt.

Ich kenne keine Utopie, die so vielschichtig ist wie The Left Hand of Darkness. Le Guin erfindet nicht nur zwei Universen und lässt aus ihrem Zusammentreffen Erkenntnis erwachsen, sie erfindet auch eine neue Sprache, neue Gefühle, neue Kommunikationstechnik, stellt eine Vielzahl von gewohnten Konzepten in Biologie und Gesellschaft in Frage. Ihre sprachlichen Mittel dafür sind dicht und schnörkellos, sie wechselt kapitelweise die Klangfarbe, je nach dem ob die Berichtsfigur spricht, ob Estraven sein/ihr Tagebuch schreibt oder ob der heimische Mythos wiedergegeben wird. Und so erleben wir die Gesellschaft ohne Geschlechterzuschreibung subtil durchgespielt mehr als Hintergrund denn als propagandistischen Vordergrund.

The Left Hand of Darkness gilt als einer der ersten feministischen Science-Ficition-Romane. Er gehört zu Le Guins Hainish Cycle, in dem noch zwei weitere ihrer Romane und einige Kurzgeschichten spielen. Ihr umfassendes Werk aus Romanen und Kurzgeschichten in Fantasy und Science Ficiton, aus Gedichten und Essays beeinflusste Generationen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Weiterführende Lektüre:

Ligaya Mishan, „First Contact: A Talk with Ursula K. Le Guin“ – Ein Interview von 2009 über The Left Hand of Darkness. „In the spirit of the novel, our questions are a collaboration between a male and a female; we leave it up to our readers to determine who wrote which“. Darin die schöne Aussage Le Guins: „What is the metaphorical significance? I don’t know. The theme was just there. A given. Writing a story, I generally take what’s given and run with it. Then the critics can tell me what it Means.“

Maria Popova, „Ursula K. Le Guin on Being a Man“ – erklärt die konsequente Verwendung von „he“ für alle Personen des Romans.

Justine Jordan, „Winter reads: The Left Hand of Darkness by Ursula K Le Guin“ – über die lange Sequenz des Romans, die die dreimonatige Reise der Protagonisten durch eisige Landschaft beschreibt.

Sarah LeFanu, „The king is pregnant“ – über die Rolle von Angst und Vertrauen in dem Roman.

„The Left Hand of Darkness“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Die linke Hand der Dunkelheit“ im Heyne Verlag.

Liebe Kaltmamsell, vielen Dank für diese gelungene Eröffnung der „Women in SciFi“-Reihe. Weiter geht es hier im nächsten Beitrag in Kürze mit einer Spaceopera. Thursdaynext vom Blog „Feiner reiner Buchstoff“ stellt uns Becky Chambers „The long way to a small, angry planet“ vor.

Stories Of Your Life – Ted Chiang

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Ted Chiang ist technischer Redakteur in der Software Industry und publiziert immer mal wieder Kurzgeschichten, die so unglaublich gut sind und fast immer umgehend die fettesten Sci-Fi Awards absahnen. Er stand schon eine ganze Weile auf meinem Wunschzettel, ich saß zeternd im Kino bei „Arrival“ und habe mich ausgeschimpft, es nicht vor Filmbeginn geschafft zu haben, seinen Kurzgeschichtenband zu lesen, um dann umgehend wieder ewig nicht dazu zu kommen. Es ist manchmal ein Kreuz mit mir und all dem, was ich lesen will und der wenigen Zeit die einem dafür bleibt.

Da kam mir das gemeinsame #StoriesofChiang Leseprojekt von Miss Boolena genau recht. Zu Viert haben wir (Miss Booleana, Kathrin und Voidpointer) gelesen und unsere Eindrücke auf Twitter geteilt. Das hat riesigen Spaß gemacht – ABER alle anderen waren sowohl im Zwischenfazit schreiben, auf Twitter und überhaupt deutlich aktiver als ich. Asche auf mein Haupt.

 

 

 

 

 

 

Ich habe die Geschichten vielleicht zu schnell verschlungen, habe danach aber auch einfach noch Zeit gebraucht, das Gelesene zu verdauen und für Zwischenfazits auf dem Blog hat es bei mir gar nicht gelangt. Hier aber jetzt mein finaler Eindruck zu Chiangs Geschichten und ich empfohle euch auf jeden Fall, bei den anderen Ladies vorbeizuschauen, die haben da richtig toll resümiert und Lust gemacht aufs Buch.

Ich habe selten (Sci-Fi)Kurzgeschichten gelesen, die gleichzeitig so spannend und auf so hohem Niveau geschrieben sind. Jede dieser Geschichten wäre eine verdammt gute Black Mirror Episode. Sie sind allesamt kleine Juwelen mit rasiermesserscharfer Intelligenz, die einen so sehr zum Nachdenken bringen, dass man glaubt seine Hirnwindungen heiß laufen zu spüren. Mir gefiel, dass Chiang am Ende jeder Geschichte kurz erläutert, was ihn jeweils dazu inspiriert hat.

Tower of Babylon: 5/5
Was für ein Auftakt. Die alttestamentarische  Geschichte von der Erbauung des Turmes zu Babylon sehr kreativ weitergesponnen, es geht hier nicht nur um die Erbauung, sondern auch die Reise bis zum höchsten Punkt, der weit über den Himmel, die Sonne und die Sterne hinausgeht. Kein Wunder, dass es hier Awards gehagelt hat. Richtig gut.

Understand: 5/5
Eine meiner liebsten Geschichten, bei der ich mich ertappt habe, dass ich vielleicht ähnlich wie der Protagonist handeln würde. Spannender Einblick in das Bewußtsein eines Menschen, der übermenschliche Intelligenz entwickelt. Interessant auch, wie sich Vokabular und Sprache mit der Intelligenz des Protagonisten weiterentwickeln.

Division By Zero: 4/5
Eine Geschichte über psychische Erkrankungen, Mathematik und Selbstmord. Was passiert, wenn alles, wofür du jemals gearbeitet hast und an dass du fundamental geglaubt hast, sich auf einmal als falsch herausstellt?

Story of Your Life: 6/5
Ernsthaft. Eine der besten Geschichten die ich jemals gelesen habe und dann auch noch eine Linguistin. Yeah! Lesen und dann nochmal „Arrival“ schauen.

Seventy-Two Letters: 2/5
Das Konzept war ganz interessant, aber die Story selbst fand ich nicht ganz so stark wie die anderen. Eine Interpretation des Golem-Mythos plus Steampunk spielt in viktorianischen Zeiten, die Geschichte habe ich nicht zu Ende gelesen. Zwei mal begonnen, aber irgendwie sind wir nicht miteinander warm geworden.

The Evolution of Human Science: 3/5
Das war eine extrem kurze Geschichte einer wissenschaftlichen Entdeckung. Hätte mir länger glaube ich besser gefallen. Mehr ein Schnipsel, als eine Kurzgeschichte.

Hell is the Absence of God: 4/5
Das war eine ziemlich abgefahrene Story in der Gott ein ziemlich durchgeknallter Scheißkerl ist, der sich null um die Menschen kümmert, trotzdem erwartet, bedingungslos geliebt zu werden. Für Atheisten vielleicht angenehmer zu lesen?

Liking What You See: A Documentary: 5/5
Was wäre, wenn ein Mensch einen sehen und identifizieren kann, einen aber nicht als schön oder häßlich empfindet, sondern jeden gleich neutral? Da waren ein paar hervorragend spannende Argumente auf beiden Seiten der Diskussion, in der es um die Nutzung der entsprechenden Technologie ging.

Hier findet ihr die wunderbaren Berichte meiner Kolleginnen:

20.08. Ankündigung von Kathrin

21.08. Ankündigung Miss Booleana

28.08. Erstes Zwischenfazit Miss Booleana

03.09. Erstes Zwischenfazit Kathrin

06.09. Zweites Zwischenfazit Miss Booleana

17.09. Zweites Zwischenfazit Kathrin

22.09. Gesamtfazit von Miss Booleana

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ im Golkonda Verlag erschienen.

The Power – Naomi Alderman

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Da hatte Margaret Atwood tatsächlich recht. Dieser Roman hat mich aus den Socken gehauen. „The Power“ ist die außergewöhnliche Geschichte, wie sich das Kräfteverhältnis in der Welt verändern würde, wenn Frauen plötzlich diejenigen wären, die die „Power“ hätten und es ist gleichzeitig ein provokant-feministischer Blick auf unsere gegenwärtige Welt.

Die Geschichte beginnt in etwa 2000 Jahren, in der unsere Gegenwart als die „Cataclysm Era“ bezeichnet wird, denn sie endete mit einem weltweiten katastrophalen Krieg, aus der neue Zivilisationen hervorgingen. Zu Beginn des Buches leben sie in einer Gesellschaft, die der unseren ähnlich ist. Der einzige große Unterschied ist, dass nach der Katastrophe alle Frauen mit einem Skein geboren werden. Einem internen Organ, das Energiestöße freisetzen kann, die so heftig sein können, das man jemanden damit verletzen, kontrollieren, töten aber auch heilen kann – genannt „the Power“.

Frauen wurden durch diese Entwicklung immer mächtiger und alle Gesellschaften, die ab dem Zeitpunkt historisch erwähnt werden, sind Matriarchate. Wir erfahren all das über die Zukunft, über den Email-Austausch zwischen dem Autor des „historischen Textes“und der Redakteurin jeweils am Anfang und Ende des Romans. Der Roman selbst beschäftigt sich mit dem, was der Autor (ein Mann) als Auslöser für die Katastrophe annimmt. Der Roman den wir lesen spielt also zu unserer Zeit in unserer patriarchalischen Welt und beginnt mit dem Moment, in dem die ersten Frauen mit einem Skein und somit der Power geboren werden und wie zeigt, wie schnell sich das Kräfteverhältnis in der Welt von den Männern zu den Frauen hin verschoben hat.

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Alderman beschäftigt sich mit der Idee, das Power immer eine korrumpierende Sache ist, die Menschen dazu bringt schlimme Dinge zu tun, einfach nur weil sie können, unabhängig, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Auch wenn man sich vielleicht erhoffen würde, Frauen würden mit einer solchen Power besser umgehen, hat Aldermanwahrscheinlich recht. Wer Power hat, der nutzt sie wohl meistens auch, obwohl es auch immer Ausnahmen gibt.

Frauen sind Männern nicht moralisch überlegen und zu schrecklichen Dingen ganz genauso befähigt. All die schrecklichen Dinge, die Frauen in diesem Roman Männern antun, passieren jeden Tag auf unseren Straßen. Männer, die Angst haben alleine durch dunkle Straßen zu gehen, die es vermeiden, Frauen in die Augen zu sehen aus Angst, sie zu provizieren, Frauen, die die Arbeit von Männern als die ihre ausgeben oder Guerilla-Frauen, die die Geschlechtsteile von Männern verstümmeln oder Männer vergewaltigen und es filmen – all das sind „normale“ Geschehnisse für Frauen, die irre provakant wirken, wenn die Rollen dabei vertauscht sind.

“This is the trouble with history. You can’t see what’s not there. You can look at an empty space and see that something’s missing, but there’s no way to know what it was.”

“It doesn’t matter that she shouldn’t, that she never would. What matters is that she could, if she wanted. The power to hurt is a kind of wealth.”

Wer jetzt Sorge hat, dass es sich hierbei um ein durch und durch dunkel-verstörendes Buch handelt, den kann ich beruhigen. Es gibt eine Menge Humor im Buch, insbesondere im Email-Austausch zwischen dem Autor und der Redakteurin.

“The truth has always been a more complex commodity than the market can easily package and sell.”

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Naomi Alderman ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die ich bislang so kennenlernen durfte. Sie ist unglaublich intelligent, witzig und charismatisch. Ich hatte das Glück, sie ein Wochenende lang auf dem Reading Weekend in Tilton House zu erleben und ich war mega beeindruckt von ihr. Sie studierte Philosophie, Politik und Ökonomie in Oxford und ihr Vater ist ein bekannter jüdischer Historiker. Naomis Debutroman „Ungehorsam“ ist eine Geschichte über die lesbische Tochter eines Rabbis und wird aktuell mit Rachel McAdams und Rachel Weisz verfilmt.

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Foto: Rolexmentorprotege.com

2012 war sie ein Jahr lang Protege von Margaret Atwood im Rahmen des Rolex-Mentor-Programmes, in dem erfahrene Meister ihres Faches mit jungen Talenten für ein Jahr one-on-one Austausch zusammengebracht werden. Der Roman „The Power“ ist unter anderem Resultat dieses fruchtbaren Austausches.

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In Tilton House las sie aus ihrem Roman „The Liars Gospel“, in der es um die Geschichte der Belagerung von Jerusalem geht, erzählt aus vier unterschiedlichen Perspektiven (Maria der Mutter von Jesus, Judas Ischariot, Kaiphas und Barabbas).

Neben all dem fand sie auch noch die Zeit, an der Running-App von „Zombie Run“ mitzuarbeiten. She’s got the Power 😉

Auf deutsch ist es unter „Die Gabe“ im Heyne Verlag erschienen.

 

The Heart Goes Last – Margaret Atwood

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Gute Dystopien oder Atwoods bevorzugter Begriff „spekulative Fiktion“ sagen viel mehr über unsere aktuellen Probleme und den Zustand unserer Gesellschaft aus, als über eine mögliche Zukunft. Dieses Genre beherrscht Atwood einfach. Dieser Roman ist nicht ganz so stark wie die „Oryx und Crake“ Reihe, aber ein etwas schwächerer Atwood ist immer noch besser als vieles andere.

Wenn man auf der Straße lebt, weil die Wirtschaft komplett zusammengebrochen ist und so gut wie nichts mehr funktioniert oder die Gesellschaft zusammenhält, man sich vor marodierenden Banden schützen muss, bekommen auch extreme Angebote eine gewisse Attraktivität.

Charmaine und Stan, beide etwa Mitte Dreißig, sind nach dem Absturz aus ihrem Mittelklasse-Leben gezwungen im Auto zu leben, sie leben von Essensresten die sie finden, jeder Tag ein neuer Überlebensakt.

Das seltsame Angebot übermittelt sich ihnen in Form eines TV Spots in dem Interessente für das Positron Projekt in Consilience (Wortspiel aus „Con“ für convict = Straftäter und „resilience“ = Anpassungsfähigkeit) gesucht werden. Der Deal: sie leben künftig einen Monat als glückliche Mittelstandsfamilie mit hübschem Haus, Motoroller und Arbeitsplatz – und einen Monat im Knast.

Atwood

Du bekommst alles auf dem Tablett serviert, aber während du im Knast bist, ziehen am Wechseltag deine „Alternates“ in dein Haus, sitzen auf deinem Sofa und essen von deinen Tellerchen. Musik- und Fernsehprogramm sind auf beruhigende Doris Day und Frank Sinatra Schmonzetten beschränkt, aber Beggers can’t be choosers und der eine Monat Knast lässt sich auch irgendwie überstehen und vielleicht hält es ja auch die Liebe frisch, wenn man sich immer nur alle zwei Monate sieht.

Charmaine und Stan lassen sich auf den Deal ein und insbesondere Charmaine fällt es anfangs sehr leicht, die Werbetrommel-Ansagen der Positron Leitung zu glauben. Sie gleitet in ihr Stepford Wife Leben und ist eigentlich rundum glücklich, obwohl die ihr zugeteilte Aufgabe in der Euthanesie von unangepassten Außenseitern liegt. Der etwas skeptischere Stan arbeitet auf einer Hühnerfarm. Langsam aber sicher leben sich die beiden auseinander.

Als Charmaine dann eine Affaire mit ihrem „Alternate“ beginnt, wird alles richtig kompliziert und unabhängig voneinander merken Stan und Charmaine, was wirklich hinter den Gefängnismauern vor sich geht.

Das letzte Drittel des Buches wird dann recht bizarr mit seinen lebensechten Gummipuppen, den Heerscharen an Marilyn Monroe und Elvis Doubles und reichlich Sex. Kein Buch für moralisch schnell Erschütterte, aber eine spekulative Tour-de-Force, die sich mit Kapitalismus, Biotech, Neurowissenschaften und Identität beschäftigt.

„Would Doris Day’s life have been different, he muses, if she’d called herself Doris Night? Would she have worn black lace, dyed her hair red, sung torch songs?”

Auch wenn sie gelegentlich über das Ziel hinausschießt, man merkt Atwood an, wieviel Spaß sie beim Schreiben dieser seltsamen 50er Jahre Gesellschaftskonstellation hatte. Das Buch steckt voller spannender Ideen und Spekulationen, es ist teils Satire, teils Science Fiction und stellenweise unglaublich witzig.

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Seine Freiheit aufgeben für noch so edle Zwecke ist und bleibt eine schlechte Idee, egal wie heroisch das Set-up auch ursprünglich vielleicht ist, am Ende fliegen einem soziale Experimente wie diese einfach unweigerlich um die Ohren.

Ich habe das Gefühl, Atwood hat mit jedem Buch mehr Spaß am Schreiben. Von altersmilde oder ruhiger werden keine Spur. You go Girl, ich warte schon sehnsüchtig auf ihr nächstes Buch.

Hier ein tolles Interview zu „The Heart Goes Last“

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Das Herz kommt zuletzt“ im Berlin Verlag erschienen.

The Bone Clocks – David Mitchell

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Third time lucky – war meine große Hoffnung, als nach der Abstimmung in meinem Bookclub klar wurde, das wir zum dritten mal ein David Mitchell Buch lesen würden. „Cloud Atlas“ und „The Thousand Autumns of Jacob de Zoet“ waren beide einfach nicht meins, daher mein mehr als skeptisches Herangehen an den neuesten Mitchell’chen Riesenwälzer.

Mitchell’s sechster Roman, der auch auf der Longlist des Booker Prizes stand, ist ein sehr ambitioniertes Werk, das aus sechs Teilen besteht, jedes beschäftigt sich mit einem anderen Kapitel in Holly Sykes Leben. Holly ist eine 15-jährige Ausreißerin, die im Laufe ihres Lebens eine erfolgreiche Schriftstellerin wird. Das Buch beginnt im Jahr 1984 (!) und endet etwa 60 Jahre später, wo wir Holly als alte Frau an Irland’s Westküste wiedertreffen, wo sie nach der globalen Öko-Apokalypse und den daraus entstehenden sozialen und ökonomischen Folgen versucht, zu überleben.

Dazwischen gibt es einen unglaublichen Mix unterschiedlichster Stile und Genre, Liebesgeschichten, Zeitreisen, unsterbliche Wesen, die einen jahrehundertelangen Kampf untereinander austragen und dazwischen immer wieder Holly Sykes. Holly Sykes ist aber keine typische jugendliche Ausreißerin, sondern ein empfindsames Kind, das von Stimmen kontaktiert wird, nächtliche Besuche bekommt von Leuten, die sie „Radio People“ nennt. Sie ist eine Art Blitzableiter oder vielleicht eher ein Transmitter für übernatürliche Phänomene. Holly hat während ihres Ausreissens Visionen, seltsame Zufälle und sie hat seltsame Begegnungen mit mystischen Zeitreisenden, nicht alle davon sind ihr wohlgesonnen.

Ihr merkwürdiges Wochenende ist allerdings nur der Auftakt. Ihr kleiner Bruder verschwindet und immer wieder in ihrem Leben wird sie in seltsame Situationen verwickelt, ein ungelöstetes Geheimnis scheint sie und die Menschen, die sie liebt, wieder und wieder wie ein Echo zu umgeben.

Von Cambridge in den 1990 Jahren, wo wir auf Hugo, einen charismatischen jungen Mann treffen, der Holly in einem Skiressort verführt, geht es in 2004 in den Irak, wo Hollys Ehemann als Kriegsjournalist tätig ist. Wir gehen mit einem Schriftsteller im mittleren Alter auf Lesereisen, wo er auf Holly trifft, die mittlerweile als Autorin bekannt geworden ist. Vom australischen Busch im Neunzehnten Jahrhundert nach Manhattan in der nahen Zukunft, alle und alles führt zu Holly auf wundervolle und mysteriöse Weise.

Hat „Third Time lucky“ funktioniert ? Hell yes! Nach dem ersten Absatz wußte ich, Holly Sykes ist cool, der folge ich überall hin und es hat sich gelohnt. Was für ein Abenteuer. Ein filigraner, dennoch packender Roman, der mir gelegentlich das Gefühl vermittelte, gleich rückwärts zu denken und bei dem zuverlässig und beständig neue Überraschungen auf einen warteten.

“Love’s pure free joy when it works, but when it goes bad you pay for the good hours at loan-shark prices.”

“While the wealthy are no more likely to be born stupid than the poor, a wealthy upbringing compounds stupidity while a hardscrabble childhood dilutes it, if only for Darwinian reasons. This is why the elite need a prophylactic barrier of shitty state schools, to prevent the clever kids from the working-class post codes ousting them from the Enclave of Privilege.”

“A writer flirts with schizophrenia, nurtures synesthesia, and embraces obsessive-compulsive disorder. Your art feeds on you, your soul, and, yes, to a degree, your sanity. Writing novels worth reading will bugger up your mind, jeopardize your relationships, and distend your life. You have been warned.”

“Men marry women hoping they’ll never change. Women marry men hoping they will.”

“Her only friends on the estate were books, and books can talk but do not listen.”

Das bedrückende letzte Kapitel widme ich im Übrigen dem Anwärter auf den diesjährigen Darwin Adward, der kürzlich mit mir im Bus saß und den wundervollen Satz von sich gab „Jeder der für die Umwelt ist, ist gegen mich“ – ähhh ja.

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David Mitchell lässt im Übrigen immer wieder Protagonisten aus anderen Romanen wiederauftauchen und in einem Interview erläuterte er, dass er plane, einen „Über-Roman“ zu schreiben, in dem sich sämtliche Universen aus seinen Romanen treffen. Klingt spannend.

Hier ein Video in dem Mitchell auf dem BEA Librarian Breakfast über seinen Roman „The Bone Clocks“ spricht. Kleiner Spoiler-Alarm:

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Die Knochenuhren“ im Rowohlt Verlag erschienen.