Einsame Schwestern – Ekaterine Togonidze

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Dieses Jahr freuen wir uns auf Georgien als das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Schon auf der Leipziger Buchmesse dieses Jahr durfte ich kurz die Autorin Ekaterine Togonidze kennenlernen, deren Roman „Einsame Schwestern“ im Septime Verlag erscheint.

Ekaterine Togonidze studierte Journalismus an der Tbilisi Universität und arbeitet danach als Nachrichtensprecherin und Moderatorin für das georgische Fernsehen. Ihr Roman „Einsame Schwestern“ war als bester Roman für den Saba Literaturpreis nominiert. Es ist die Geschichte der siamesischen Zwillinge Lina und Daina, die unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen.

Ihr Vater Rostom erfährt erst nach ihrem tragischen Tod von ihrer Existenz und lernt dann mehr über sie, als er sich Seite für Seite durch ihre schmerzhafzen Tagebuch-Eintragungen liest.

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Foto: Septime Verlag

Auch wenn sie von der Hüfte abwärts zusammengewachsen sind, so sind die beiden doch ganz unterschiedliche Individuen mit klar definierten und separaten Persönlichkeiten. Die eher lässige, glückliche Lina, die als romantisch-optimistische Seele Gedichte in ihr Tagebuch schreibt und die in den kleinsten Details Glück und Zufriedenheit findet.

Diana hingegen ist rauer und realistischer, sie nimmt ihre Situation nicht einfach so hin und ist oft wütend. Wie alle Geschwister streiten sie sich häufig und sind auch oft neidisch aufeinander, doch im Gegensatz zu anderen können sie sich niemals zurückziehen, haben nichts nur für sich allein und können ihre aufgestauten Gefühle nur in ihrem Tagebuch loswerden.

Bis sie Teenager sind leben sie isoliert, versteckt von der Außenwelt und werden von ihrer Großmutter versorgt. Das fällt der alten Frau zunehmend schwer und oft kann sie im ärmlichen post-sowjetischen Georgien, das wenig Sympatie für Behinderte hat, nicht einmal das Nötigste für die Mädchen auftreiben. Als die Großmutter stirbt sind sie vollkommen schutzlos und werden Opfer von unterschiedlichsten Misshandlungen. Sie werden sexuell und psychologisch missbraucht und man zwingt sie, als Monstrositäten in einem Zirkus zu arbeiten.

„Der Direktor hat uns heute so viel Geld gegeben wie noch nie. Wie viel müssen wir zur Seite legen? Wohin sollen wir dann gehen? Finden wir eine andere Arbeit? Alles muss geplant werden. Ich könnte wie Großmutter Lesen und Schreiben unterrichten… Oder sind wir nur zum Spaß der anderen da? Mein Gott, warum sind wir so, wie wir sind? Gibt es noch mehr Menschen wie uns?“

Eine düstere melancholische Geschichte, die dennoch durch eine ganz besondere Atmosphäre besticht. Ein erschütterndes Buch, das einem noch lange nachgeht und eine junge Autorin, von der ich sehr gerne noch mehr lesen möchte.

Ich danke dem Septime Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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#WomeninSciFi (8) James Tiptree Jr – Ein Interview mit Jürgen Schütz, Septime Verlag

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Constanze von Zeichen und Zeiten macht es hier heute mal anders:. Keine Buch-Rezension wie üblich an dieser Stelle, sondern ein spannendes Interview mit Jürgen Schütz, dem Chef des wunderbaren Septime Verlags in dem die beiden uns eine weitere Grand Dame der SciFi Literatur vorstellen. James Tiptree Jr

Als ich über diese Reihe hier nachdachte, war Constanze eine der ersten die mir einfiel, die ich unbedingt dabei haben wollte. Vor der Buchmesse in Leipzig letztes Jahr kannte ich weder sie noch ihren phantastischen Blog, habe mich aber so gefreut, dort nicht nur regelmässig literarisch anspruchsvolle Gegenwartsliteratur zu finden, sondern immer wieder auch gute Science Fiction Romane. Eine Frau ganz nach meinem Herzen und mit einem ganz besonderen Talent immer ein richtig gutes Foto zum jeweiligen Buch zu finden. Freue mich schon auf ein Wiedersehen in Leipzig in Kürze, jetzt überlasse ich aber mal den beiden das Wort:

James Tiptree Jr., einst ausgezeichnet mit dem Hugo-Award, zählt zu den Stars der Science-Fiction-Szene. Doch noch immer wissen nicht alle Fans der Szene, dass sich hinter dem Namen eine Frau verbirgt: Alice B. Sheldon. Mit Jürgen Schütz, dem Chef des Septime Verlages, in dem die Werke von James Tiptree Jr. erscheinen, sprach Constanze Matthes.

  Wie sind Sie damals auf die Bücher von James Tiptree Jr. gestoßen? 

Ende der 90er-/Anfang der 2000er-Jahre, den Septime Verlag gab es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht, entdeckte ich für mich auch die Science Fiction der 50er-, 60er- und 70er-Jahre als anspruchsvolle Literatur. Bis dahin las ich fast ausschließlich die Klassiker des 20. Jahrhunderts, wie Max Frisch, Franz Kafka, F. Scott Fitzgerald, Vladimir Nabokov, Julio Cortázar, Friedrich Dürrenmatt und andere. Aber zurück zur Science Fiction: Wegen Philip K. Dick meldete ich mich in einigen Science- Fiction-Foren an, um mich dort mit Gleichgesinnten auszutauschen, und las in weiterer Folge dann Autoren, die ich bis dahin nur vom Hörensagen kannte, wie Frederik Pohl, Isaak Asimov, Ursula K. Le Guin, Arthur C. Clark, die Strugatzki-Brüder, Stanislav Lem und ähnliche. Eines dieser Forenmitglieder war, damals noch unter einem Nickname, Margo Jane Warnken, die spätere Übersetzerin der James Tiptree Jr.-Biografie, die eines Tages eben diesen vergessenen Autor (!) in die Runde warf. Dieses Forum-Mitglied schätzte ich sehr und besorgte mir sofort in Antiquariaten die alten Übersetzungen, meist zerlesene Taschenbücher um die ein bis zwei Euro, und war von Beginn an begeistert. Als dann 2009 die ersten Septime-Bücher erschienen, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mich dieses Autors/dieser Autorin annehmen würde, die Rechte waren frei, und ich überlegte nicht lange. 2010 ging es los, und wir starteten mit dem Septime Verlag die weltweit erste Werkausgabe.

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Foto: Ulrike Rauch

Würden Sie in diesem Zusammenhang von einer (Wieder)-Entdeckung sprechen? 

 Ja, es ist definitiv eine Wiederentdeckung. Als damals im Forum James Tiptree Jr. thematisiert wurde, konnte man schnell erkennen, dass die Fangemeinde nicht sehr groß war, lediglich die Urgesteine des Forums konnten sich noch an sie erinnern. Mit einem Lesezirkel kam das Ganze ziemlich langsam in die Gänge.

Was ist das Spezielle an ihren Werken? Was macht sie heute noch so für Leser interessant? Welche Themen spricht sie in ihren Werken an?

Der jährlich vergebene Hugo-Award ist der Oscar des Genres Science Fiction, und das seit mehr als 50 Jahren. Diesen Preis erhielt Ende der 60er-Jahre der neue Autor, mit erfrischendem und frechem Ton, schon mit der ersten Erzählung, und es folgten weitere in den nächsten Jahren. Somit kann man sagen, dass James Tiptree Jr. in der Science Fiction unumstritten zu den Stars gehört. Aber auch für Leserinnen und Leser, die sich bislang nicht mit diesem Genre befasst haben, eröffnen sich hier Stories, Novellen und Romane, die unter dem Deckmantel des Fantastischen sozialkritische Themen abhandeln: pazifistische Themen, feministische Themen, Umweltthemen und zwischenmenschliche Themen, ja noch mehr – sie brachte den Sex in die Science Fiction. Wenn man James Tiptree Jr. heute liest, ist es einerseits ein Blick in die Vergangenheit der USA, und andererseits kann man es fast nicht glauben, dass diese Erzählungen bereits über 40 Jahre auf dem Buckel haben – sie sind nach wie vor am Puls der Zeit.

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Foto: Septime Verlag

Welchen Stellenwert hat die Autorin in Ihrem Verlag? Und bekommt sie bereits die Aufmerksamkeit, die sie verdienen sollte? 

Eine Werkausgabe hat, denke ich, für jeden Verlag einen hohen Stellenwert. James Tiptree Jr. ist bei Septime allgegenwärtig. Es vergeht nicht eine Woche, ohne dass ihr Name fällt. James Tiptree Jr. hat einen zwei Jahre alten Verlag ins Fernsehen gebracht (3Sat und ARD). Solche Momente bleiben in jedem Fall unvergesslich. Die Aufmerksamkeit der Rezipienten ist selbstverständlich über den Erwartungen, wenn man bedenkt, dass man hier eine Science-Fiction-Autorin beim „normalen“ Mainstream-Publikum positionieren konnte. Wirtschaftlich sind die Verkaufszahlen allerdings trotzdem noch zu niedrig, in Anbetracht der Kosten der hier über 4.000 neu übersetzten Buchseiten und einer 800-seitige Biografie, die als deutsche Erstausgabe erschien.

Warum hat Alice B. Sheldon ein männliches Synonym genutzt? Ist es landläufig bekannt, dass sich hinter dem Namen eine Autorin „versteckt“?  

Das ist eine sehr gute Frage. Es wird gerne behauptet, sie benutzte das Pseudonym, um im, von Männern dominierte Genre, in dem sie schrieb, überhaupt ihre Erzählungen bei Magazinen unterzubringen. Es ist wichtig zu wissen, dass in der damaligen Zeit Science-Fiction-Erzählungen nicht in separaten Büchern erschienen, sondern in einschlägigen Magazinen und Fanzines. Wenn man dort erfolgreich war, folgten einzelne Bücher. Es stimmt zum Teil. Mit ihrem weiblichen Namen hätte sie es sicher schwer gehabt. Und wir wissen heute nicht, ob sie unter ihrem bürgerlichen Namen, Alice B. Sheldon, jemals einen Hugo-Award bekommen hätte. Beim Lesen der Biografie, die die US-amerikanische Journalistin Julie Phillips verfasste (Septime 2013), die dafür ebenfalls den Hugo-Award erhielt, stellen wir aber fest, dass Alice B. Sheldon entweder im falschen Körper zur Welt kam, und wenn nicht das, dann 50 Jahre zu früh. Zu jener Zeit, Alice‘ Teenagerzeit, waren feministische Bewegungen nicht mal in den Kinderschuhen. Sie konnte durch dieses männliche Pseudonym eine starke Seite ihrer Persönlichkeit ausleben. Dies wird uns spätestens klar im Briefwechsel mit der kürzlich verstorbenen Ursula K. Le Guin, den sie ebenfalls unter diesem Pseudonym führte – als Mann. Dieser Briefwechsel wurde von Julie Phillips editiert und ist im Essay-Band Wie man die Unendlichkeit in den Griff bekommt (Septime 2016) abgedruckt. Der Briefwechsel erstreckt sich bis zur Aufdeckung ihrer wahren Identität, und die Worte die sie hierzu schreibt, bestätigen uns den großen Verlust, den diese Frau erlitt, als ihr dieses für sie kostbare Gut, ein Mann zu sein, von der Öffentlichkeit genommen wurde. Es wird oft behauptet, dies sei der Grund für diesen Selbstmord, das stimmt allerdings nicht. Alice B. Sheldon war depressiv und krank und erschoss 1987 zuerst ihren ebenfalls kranken Ehemann und dann sich selbst.

Durch die unzähligen Medienberichte in den letzten sieben Jahren wird die Tatsache, dass sich hinter diesem männlichen Namen eine Frau verbirgt, zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit. Aber es wäre sicher noch immer eine 64.000-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“.

Von welchen Autorinnen oder Autoren hat sie sich inspirieren lassen? 

Alice B. Sheldon war sehr belesen. Schon in ihrer Kindheit hatte sie Kontakt mit besagten Fanzines und las Science-Fiction-Geschichten. In ihren Briefen erwähnt sie Autoren wie Thomas Wolfe und Norman Mailer, hat natürlich die Romane ihrer Kolleginnen und Kollegen gelesen. In ihren Werken zitiert sie aber auch Autoren wie Rudyard Kipling, William Butler Yeats, Samuel T. Coleridge oder John Keats. Wichtig ist auch, dass sie in ihren Geschichten Filme zitiert oder Songtexte, wie zum Beispiel der Beatles oder der Rolling Stones. Als sie schon bekannt wurde, hatte sie auch Briefwechsel mit den damals populären Autoren des Genres, wie der erwähnten Ursula K. Le Guin, Joanna Russ, Harlan Ellison oder dem berühmten Philip K. Dick, den sie ebenfalls verehrte und der umgekehrt von ihr angetan war. Dies soll zeigen, welche große Bandbreite von Literatur Alice B. Sheldon las, welche einzelnen Werke sie hier nun tatsächlich inspirierten, ist für mich schwer zu sagen. James Triptree Jr. wurde meines Erachtens von ihrem eigenen Leben, den Schlagzeilen und dem Zeitgeist ihrer Epoche inspiriert.

Haben Sie von ihr ein Lieblingswerk, das Sie besonders empfehlen können?   

Die Werkausgabe umfasst sieben Erzählbände, zwei Romane und einen Essay-Band. Zum Einstieg ist sicher Band 1 Doktor Ain und Band 2 Liebe ist der Plan sehr gut geeignet, wir finden hier witzige Erzählungen wie „Geburt eines Handlungsreisenden“ oder düstere Erzählungen wie „Das eingeschaltete Mädchen“ und „Liebe ist der Plan, der Plan ist der Tod“ – alle preisprämiert – und erhalten einen wunderschönen Querschnitt über die große Welt von James Tiptree Jr. Mir selbst liegt der siebte Band Yanqui Doodle sehr am Herzen, in dem ich immer wieder gern lese, da diese Geschichten, düstere, die sie knapp vor ihrem tragischen Selbstmord schrieb, stellenweise wie Abschiedsbriefe zu lesen sind. Aber auch der Roman Helligkeit fällt vom Himmel, der in diesem Jahr die Werkausgabe abschließt, ist für Leserinnen und Leser, die es vielleicht mit 500 Seiten etwas länger haben wollen, ein echter Pageturner zum Einsteigen.

 

 

 

Düstere Schönheit

 


Veronique Olmi – Meeresrand

Dieses Buch war ein Zufallskauf der Büchergilde und ich wollte eigentlich nur mal kurz reinblättern und schon mit dem ersten Satz „Wir fuhren mit dem Bus, dem letzten Bus am Abend, damit uns niemand sah“ hing ich in der Geschichte fest und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, bis ich irgendwann wie aus einem düsteren Traum ziemlich verstört die letzte Seite umblätterte und mich erst einmal auf dem Balkon kurz durchpusten lassen musste.

Das hier ist harter Tobak, aber so unglaublich gut geschrieben, auch wenn man beim Lesen manchmal fast Beklemmungen verspürt. Eine alleinerziehende Mutter und ihre zwei Söhne, die eine Reise ans Meer unternehmen vom letzten bisschen Geld, das überhaupt noch vorhanden ist, damit die beiden wenigstens einmal das Meer gesehen haben. Von Anfang an spürt man, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist. Die Mutter entgleitet, fällt schon seit einer Weile immer mehr aus der „Normalität“ heraus. Vage Andeutungen auf ihre Vorgeschichte, bevor die kleine Familie zu ihrem Ausflug aufbricht.

Die Autorin packt den Leser mitten in das Hirn und das Gemüt der Protagonistin, die ihre beiden Söhne über alles liebt, gleichzeitig aber immer mehr aus der Realität rutscht. Das gesamte Buch ist der innere Monolg einer depressiven, von Ängsten gepeinigten Mutter und diese kurze Novelle ist, trotz aller Klaustrophobie die man spürt, von einer düsteren poetischen Schönheit.

Die Mutter empfindet ihre gesamte Umwelt als schwierig, feindlich und nicht händelbar und die Autorin versteht es meisterhaft und überzeugend, den Leser diese Atmosphäre spüren zu lassen. Die Geschichte besticht durch unzählige Details und hervorragend herausgearbeitete Beschreibungen. Man spürt die Liebe der Mutter zu ihren zwei kleinen Jungen Stan und Kevin, die alles versucht haben, ihrer Mutter zu helfen.

„Hatte ich die letzte Nacht verbracht wie alle anderen? War es das, was die anderen jeden Abend erwartete, eine Belohnung, weil sie gut durch den Tag gekommen waren? Auf mich wartete nie eine Belohnung, mein Schlaf ist wie ein scharfes Messer, das die Seile durchtrennt, an die ich mich tagsüber klammere. Nachts werde ich losgemacht, abgeschnitten.“

Ein Buch, das einem wirklich weh tut beim Lesen und man möchte in das Buch hineinkriechen und dieser unglücklichen verlorenen Familie helfen. Das Buch ist absolut großartig, aber nicht für jeden. Ich halte nix von Trigger-Warnungen, aber ich weiß nicht, ob ich das Buch Menschen mit Depressionen empfehlen würden.

Zuletzt noch ein Wort über das Buch selber. Da hat die Büchergilde mal wieder ein wunderschönes kleines Büchlein hinbekommen. Das Cover ist wunderschön, elegant und einfach – ein echtes Schmuckstück.

 

Jürgen Bauer – Ein guter Mensch

„Ein guter Mensch“ ist ein heftiger, fesselnder Roman über eine mögliche Zukunft, in der uns in Europa das Wasser nahezu ausgegangen ist und die Menschheit kurz vor dem Ende steht. Und mitten in diesem Untergangsszenario treffen wir auf Marko, der versucht nicht aufzugeben und das Richtige zu tun.

„Ein kleines Leben. Ein einfaches Leben. Meinen Hass könnt ihr haben. Meine Verzweiflung wolltet ihr ja nicht.“

Die sozialen Strukturen brechen weg, die Kriminalität steigt und die Politik scheint vollkommen überfordert. Ein düsteres Zukunftszenario, in dem sich Jürgen Bauer überwiegend mit der philosophischen Frage beschäftigt, was einen guten Menschen ausmacht.

„Wie nennt man einen Fatalisten der immer Recht hat?“ fragt Aleksander. Und als keiner antwortet: „Na Realist.“

Ganz langsam verursacht das Buch ein schwüles Grauen, das ganz langsam in die Blutbahn gerät, wie ein heimtückisches Gift. Der krasse Horror in einer Welt gelandet zu sein, in dem jeder Schluck Wasser zur existentiellen Notwendigkeit wird, erscheint einem plötzlich so real wie das Licht, das beim Lesen des Buches durchs Fenster fällt.

Es hat mich ziemlich mitgenommen, wie nahezu unsichtbar die Trennlinie verläuft zwischen einer fiktiven und einer tatsächlich möglicherweise eintretenden Dystopie ist.

Das Buch läßt einen noch eine ganze Weile danach jedes Glas Wasser voller Dankbarkeit trinken, insbesondere, wenn solche Artikel einem zeigen, wie nah ein solches Zukunftszenario sein könnte:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/suedafrika-und-die-duerre-katastrophe-kapstadt-droht-das-wasser-abzustellen-a-1185541.html

Großes Lob auch an Jürgen Schütz vom Septime Verlag für das wunderschöne Cover, ein echter Hingucker. Überhaupt ein kleiner Verlag, den ich auf dem Radar behalten sollte.

Albert Sanchez Pinol – Im Rausch der Stille

Was ich eigentlich sehr gerne mag und in letzter Zeit viel zu selten getan habe, ist mich von einem Buch zum Nächsten treiben zu lassen. Immer habe ich schon eine ganze Reihe Bücher neben dem Bett liegen, die schnellstens gelesen werden „müssen“ und da verkneife ich mir viel zu oft, mich einfach das sorglose Weitertreiben zum nächsten.

Bei der Lektüre der „Area X“ Trilogie hat mich die Atmosphäre allerdings so sehr an ein anderes Buch erinnert, das ich vor einigen Jahren gelesen habe, dass ich sämtliche Lesezwänge über Bord geworfen habe und mich erneut dem „Rausch der Stille“  hingegeben habe.

Ich habe eine ziemliche Schwäche für Bücher mit wohlig-gruseliger melancholischer Atmosphäre. Dieses Buch ist bizarr, unheimlich und hat durchaus was von Lovecraft finde ich. Eine großartige Erkundung der Angst vor Unbekanntem, ein philosophischer Blick in die dunklen Ecken der Sehnsüchte und Triebe und das Ganze mit einem Schuß Abenteuerstory.

Ich habe das Buch glaube ich 2005 oder so gelesen und habe auch vor der erneuten Lektüre häufiger daran gedacht, was vielleicht am deutlichsten zeigt wie nachhaltig dieser Roman nachwirkt. Ich glaube man genießt die Geschichte am meisten, je weniger man vorab weiß, daher will ich nicht allzu viel verraten:

Der namenlose Protagonist landet auf einer winzigen Insel wo er einen Wetterbeobachter ablösen soll und seine Stelle für ein Jahr übernehmen. Nur findet sich keine Spur von ihm und das Schiff fährt ohne ihn zurück, der namenlose Protagonist bleibt. Der vorherige Wetterbeobachter bleibt nicht nur verschwunden, seine Behausung ist in kompletter Unordnung und verwahrlost. Er findet statt dessen im angrenzten Leuchtturm, dem einzigen anderen Gebäude auf der Insel einen Mann namens Gruner, seines Zeichens Leuchtturmwärter, der sich jedoch weigert auch nur eine einzige Frage zu beantworten.

Unser Protagonist lässt sich nicht beirren, bringt seine Behausung in Ordnung, packt aus und wird noch in der ersten Nacht angegriffen von seltsamen Wesen die absolut nicht menschlich zu sein scheinen….

„Die haben vielleicht mehr Verstand als Sie!“ sagte ich und tippte mit dem Finger an meinen Kopf. „Ja, vielleicht sind wir die einzigen Tiere auf dieser Insel! Wir beide und unsere Flinten und Gewehre und Munitionen und Explosionen? Töten ist sehr leicht, aber es ist sehr schwer, sich auf den Feind einzulassen!“

Ich habe übrigens darüber nachgedacht, ob ich aufgrund meiner gelegentlichen Vorliebe für Horrorfilme bereits so abgestumpft bin, dass auch beim zweiten Lesen das Schrecklichste für mich nach wie vor der Moment ist, wo unser Protagonist sich gezwungen sieht seine mitgebrachten Bücher abzufackeln, um sich vor den Eindringlingen zu schützen. An der Stelle muß ich jedes Mal fast ein bißchen weinen …

Eine skurille Mischung aus Abenteuer und Liebesroman mit einem Hauch von „Tentacle Sex“? 😉

Das Buch ist übrigens 2017 unter dem Titel „Cold Skin“ von dem französischen Regisseur Xavier Gens verfilmt worden. Hier der Trailer:

Den Abschluß der Mini-Reihe „Düstere Schönheit“ bildet Laura van den Bergs „Find Me“

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Das war eine ziemlich surreale außergewöhnliche Dystopie. Ein aggressiver Virus bricht in den USA aus, der bei den Infizierten in kürzester Zeit zu komplettem Gedächtnisverlust, silbernem Ausschlag auf der Haut, rapidem Verlust jeglicher motorischer und kognitiver Funktionen und nach etwa 10 Tagen schließlich zum Tod führt.

Joy scheint als eine der Wenigen immun gegen den Virus zu sein und sie nimmt in einem Krankenhaus in Kansas an einer medizinischen Studie teil, die das Ziel hat ein Gegengift zu entwickeln. Sie wartet an diesem Ort gemeinsam mit anderen Patienten isoliert von der Außenwelt auf das Ende der Epidemie.

Joy wurde als Baby von ihrer Mutter im Stich gelassen und sie wächst in einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kinderheime und Pflegefamilien auf. In einem dieser Familien trifft sie auf Marcus, einen Jungen den sie liebt, der immer eine Maske trägt um sein vernarbtes Gesicht zu verstecken. Der Roman ist keine typische Dystopie mehr eine Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Identität die für Joy vor und während der Epdemie gleichbedeutend wichtig sind.
“Is there any greater mystery than the separateness of each person?”
Auch nachdem sie das Krankenhaus irgendwann verlässt um sich auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter zu machen, hat sie stets das Gefühl das ein Teil von ihr immer eingesperrt sein wird.
„Find Me“ ist ein Roman den man in kleinen Portionen genießen sollte. Eine Geschichte voller Geheimnisse und Dunkelheit. Das Buch fühlte sich für mich fast wie zwei unterschiedliche Romane an. Eine dunkle Dystopie die in dem bizarren abgeschiedenen Krankenhaus spielt und die Geschichte eines Road Trips durch ein seltsames zerbrochenes Land.

“Hope is a seductive thing,“ he says. „Hope can make people lose all sense.”

Hier die Bücher noch mal im Überblick:

Veronique Olmi – Meeresrand, Büchergilde Gutenberg
Jürgen Bauer – Ein guter Mensch, Septime Verlag
Albert Sanchez Pinol – Im Rausch der Stille, Fischer Verlag
Laura van den Berg – Find Me – bislang nicht auf deutsch erschienen

Day 8 – On my Christmas Wishlist

Here is my wishlist for Christmas – what’s on yours?

 

The Gene – Siddhartha Mukherjee auf deutsch unter „Das Gen“ im Fischer Verlag erschienen.

Ein guter Mensch – Jürgen Bauer im Septime Verlag erschienen.

Kindred – Octavia Buter auf deutsch unter dem Titel „Kindred – Verbunden“ im W-orten & meer Verlag erschienen.