#WomeninSciFi (8) James Tiptree Jr – Ein Interview mit Jürgen Schütz, Septime Verlag

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Constanze von Zeichen und Zeiten macht es hier heute mal anders:. Keine Buch-Rezension wie üblich an dieser Stelle, sondern ein spannendes Interview mit Jürgen Schütz, dem Chef des wunderbaren Septime Verlags in dem die beiden uns eine weitere Grand Dame der SciFi Literatur vorstellen. James Tiptree Jr

Als ich über diese Reihe hier nachdachte, war Constanze eine der ersten die mir einfiel, die ich unbedingt dabei haben wollte. Vor der Buchmesse in Leipzig letztes Jahr kannte ich weder sie noch ihren phantastischen Blog, habe mich aber so gefreut, dort nicht nur regelmässig literarisch anspruchsvolle Gegenwartsliteratur zu finden, sondern immer wieder auch gute Science Fiction Romane. Eine Frau ganz nach meinem Herzen und mit einem ganz besonderen Talent immer ein richtig gutes Foto zum jeweiligen Buch zu finden. Freue mich schon auf ein Wiedersehen in Leipzig in Kürze, jetzt überlasse ich aber mal den beiden das Wort:

James Tiptree Jr., einst ausgezeichnet mit dem Hugo-Award, zählt zu den Stars der Science-Fiction-Szene. Doch noch immer wissen nicht alle Fans der Szene, dass sich hinter dem Namen eine Frau verbirgt: Alice B. Sheldon. Mit Jürgen Schütz, dem Chef des Septime Verlages, in dem die Werke von James Tiptree Jr. erscheinen, sprach Constanze Matthes.

  Wie sind Sie damals auf die Bücher von James Tiptree Jr. gestoßen? 

Ende der 90er-/Anfang der 2000er-Jahre, den Septime Verlag gab es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht, entdeckte ich für mich auch die Science Fiction der 50er-, 60er- und 70er-Jahre als anspruchsvolle Literatur. Bis dahin las ich fast ausschließlich die Klassiker des 20. Jahrhunderts, wie Max Frisch, Franz Kafka, F. Scott Fitzgerald, Vladimir Nabokov, Julio Cortázar, Friedrich Dürrenmatt und andere. Aber zurück zur Science Fiction: Wegen Philip K. Dick meldete ich mich in einigen Science- Fiction-Foren an, um mich dort mit Gleichgesinnten auszutauschen, und las in weiterer Folge dann Autoren, die ich bis dahin nur vom Hörensagen kannte, wie Frederik Pohl, Isaak Asimov, Ursula K. Le Guin, Arthur C. Clark, die Strugatzki-Brüder, Stanislav Lem und ähnliche. Eines dieser Forenmitglieder war, damals noch unter einem Nickname, Margo Jane Warnken, die spätere Übersetzerin der James Tiptree Jr.-Biografie, die eines Tages eben diesen vergessenen Autor (!) in die Runde warf. Dieses Forum-Mitglied schätzte ich sehr und besorgte mir sofort in Antiquariaten die alten Übersetzungen, meist zerlesene Taschenbücher um die ein bis zwei Euro, und war von Beginn an begeistert. Als dann 2009 die ersten Septime-Bücher erschienen, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mich dieses Autors/dieser Autorin annehmen würde, die Rechte waren frei, und ich überlegte nicht lange. 2010 ging es los, und wir starteten mit dem Septime Verlag die weltweit erste Werkausgabe.

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Foto: Ulrike Rauch

Würden Sie in diesem Zusammenhang von einer (Wieder)-Entdeckung sprechen? 

 Ja, es ist definitiv eine Wiederentdeckung. Als damals im Forum James Tiptree Jr. thematisiert wurde, konnte man schnell erkennen, dass die Fangemeinde nicht sehr groß war, lediglich die Urgesteine des Forums konnten sich noch an sie erinnern. Mit einem Lesezirkel kam das Ganze ziemlich langsam in die Gänge.

Was ist das Spezielle an ihren Werken? Was macht sie heute noch so für Leser interessant? Welche Themen spricht sie in ihren Werken an?

Der jährlich vergebene Hugo-Award ist der Oscar des Genres Science Fiction, und das seit mehr als 50 Jahren. Diesen Preis erhielt Ende der 60er-Jahre der neue Autor, mit erfrischendem und frechem Ton, schon mit der ersten Erzählung, und es folgten weitere in den nächsten Jahren. Somit kann man sagen, dass James Tiptree Jr. in der Science Fiction unumstritten zu den Stars gehört. Aber auch für Leserinnen und Leser, die sich bislang nicht mit diesem Genre befasst haben, eröffnen sich hier Stories, Novellen und Romane, die unter dem Deckmantel des Fantastischen sozialkritische Themen abhandeln: pazifistische Themen, feministische Themen, Umweltthemen und zwischenmenschliche Themen, ja noch mehr – sie brachte den Sex in die Science Fiction. Wenn man James Tiptree Jr. heute liest, ist es einerseits ein Blick in die Vergangenheit der USA, und andererseits kann man es fast nicht glauben, dass diese Erzählungen bereits über 40 Jahre auf dem Buckel haben – sie sind nach wie vor am Puls der Zeit.

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Foto: Septime Verlag

Welchen Stellenwert hat die Autorin in Ihrem Verlag? Und bekommt sie bereits die Aufmerksamkeit, die sie verdienen sollte? 

Eine Werkausgabe hat, denke ich, für jeden Verlag einen hohen Stellenwert. James Tiptree Jr. ist bei Septime allgegenwärtig. Es vergeht nicht eine Woche, ohne dass ihr Name fällt. James Tiptree Jr. hat einen zwei Jahre alten Verlag ins Fernsehen gebracht (3Sat und ARD). Solche Momente bleiben in jedem Fall unvergesslich. Die Aufmerksamkeit der Rezipienten ist selbstverständlich über den Erwartungen, wenn man bedenkt, dass man hier eine Science-Fiction-Autorin beim „normalen“ Mainstream-Publikum positionieren konnte. Wirtschaftlich sind die Verkaufszahlen allerdings trotzdem noch zu niedrig, in Anbetracht der Kosten der hier über 4.000 neu übersetzten Buchseiten und einer 800-seitige Biografie, die als deutsche Erstausgabe erschien.

Warum hat Alice B. Sheldon ein männliches Synonym genutzt? Ist es landläufig bekannt, dass sich hinter dem Namen eine Autorin „versteckt“?  

Das ist eine sehr gute Frage. Es wird gerne behauptet, sie benutzte das Pseudonym, um im, von Männern dominierte Genre, in dem sie schrieb, überhaupt ihre Erzählungen bei Magazinen unterzubringen. Es ist wichtig zu wissen, dass in der damaligen Zeit Science-Fiction-Erzählungen nicht in separaten Büchern erschienen, sondern in einschlägigen Magazinen und Fanzines. Wenn man dort erfolgreich war, folgten einzelne Bücher. Es stimmt zum Teil. Mit ihrem weiblichen Namen hätte sie es sicher schwer gehabt. Und wir wissen heute nicht, ob sie unter ihrem bürgerlichen Namen, Alice B. Sheldon, jemals einen Hugo-Award bekommen hätte. Beim Lesen der Biografie, die die US-amerikanische Journalistin Julie Phillips verfasste (Septime 2013), die dafür ebenfalls den Hugo-Award erhielt, stellen wir aber fest, dass Alice B. Sheldon entweder im falschen Körper zur Welt kam, und wenn nicht das, dann 50 Jahre zu früh. Zu jener Zeit, Alice‘ Teenagerzeit, waren feministische Bewegungen nicht mal in den Kinderschuhen. Sie konnte durch dieses männliche Pseudonym eine starke Seite ihrer Persönlichkeit ausleben. Dies wird uns spätestens klar im Briefwechsel mit der kürzlich verstorbenen Ursula K. Le Guin, den sie ebenfalls unter diesem Pseudonym führte – als Mann. Dieser Briefwechsel wurde von Julie Phillips editiert und ist im Essay-Band Wie man die Unendlichkeit in den Griff bekommt (Septime 2016) abgedruckt. Der Briefwechsel erstreckt sich bis zur Aufdeckung ihrer wahren Identität, und die Worte die sie hierzu schreibt, bestätigen uns den großen Verlust, den diese Frau erlitt, als ihr dieses für sie kostbare Gut, ein Mann zu sein, von der Öffentlichkeit genommen wurde. Es wird oft behauptet, dies sei der Grund für diesen Selbstmord, das stimmt allerdings nicht. Alice B. Sheldon war depressiv und krank und erschoss 1987 zuerst ihren ebenfalls kranken Ehemann und dann sich selbst.

Durch die unzähligen Medienberichte in den letzten sieben Jahren wird die Tatsache, dass sich hinter diesem männlichen Namen eine Frau verbirgt, zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit. Aber es wäre sicher noch immer eine 64.000-Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“.

Von welchen Autorinnen oder Autoren hat sie sich inspirieren lassen? 

Alice B. Sheldon war sehr belesen. Schon in ihrer Kindheit hatte sie Kontakt mit besagten Fanzines und las Science-Fiction-Geschichten. In ihren Briefen erwähnt sie Autoren wie Thomas Wolfe und Norman Mailer, hat natürlich die Romane ihrer Kolleginnen und Kollegen gelesen. In ihren Werken zitiert sie aber auch Autoren wie Rudyard Kipling, William Butler Yeats, Samuel T. Coleridge oder John Keats. Wichtig ist auch, dass sie in ihren Geschichten Filme zitiert oder Songtexte, wie zum Beispiel der Beatles oder der Rolling Stones. Als sie schon bekannt wurde, hatte sie auch Briefwechsel mit den damals populären Autoren des Genres, wie der erwähnten Ursula K. Le Guin, Joanna Russ, Harlan Ellison oder dem berühmten Philip K. Dick, den sie ebenfalls verehrte und der umgekehrt von ihr angetan war. Dies soll zeigen, welche große Bandbreite von Literatur Alice B. Sheldon las, welche einzelnen Werke sie hier nun tatsächlich inspirierten, ist für mich schwer zu sagen. James Triptree Jr. wurde meines Erachtens von ihrem eigenen Leben, den Schlagzeilen und dem Zeitgeist ihrer Epoche inspiriert.

Haben Sie von ihr ein Lieblingswerk, das Sie besonders empfehlen können?   

Die Werkausgabe umfasst sieben Erzählbände, zwei Romane und einen Essay-Band. Zum Einstieg ist sicher Band 1 Doktor Ain und Band 2 Liebe ist der Plan sehr gut geeignet, wir finden hier witzige Erzählungen wie „Geburt eines Handlungsreisenden“ oder düstere Erzählungen wie „Das eingeschaltete Mädchen“ und „Liebe ist der Plan, der Plan ist der Tod“ – alle preisprämiert – und erhalten einen wunderschönen Querschnitt über die große Welt von James Tiptree Jr. Mir selbst liegt der siebte Band Yanqui Doodle sehr am Herzen, in dem ich immer wieder gern lese, da diese Geschichten, düstere, die sie knapp vor ihrem tragischen Selbstmord schrieb, stellenweise wie Abschiedsbriefe zu lesen sind. Aber auch der Roman Helligkeit fällt vom Himmel, der in diesem Jahr die Werkausgabe abschließt, ist für Leserinnen und Leser, die es vielleicht mit 500 Seiten etwas länger haben wollen, ein echter Pageturner zum Einsteigen.

 

 

 

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