#WomeninSciFi (6) Die steinernen Götter – Jeanette Winterson

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Über Birgits Teilnahme (vom Blog Sätze und Schätze) bei dieser Reihe habe ich mich ganz besonders gefreut, ahnte ich doch spätestens seit der letzten Buchmesse in Leipzig, wie weit SciFi und Birgits übliche Lesewelten voneinander entfernt sind. Sie musste mit mir einen kurzen Abstecher in die Halle 1 der Comic Convention in Leipzig überstehen, sie wiederum legt mir immer wieder (durchaus erfolgreich) Klassiker, Autoren und Autorinnen aus der Weimarer Republik, Vergessenes und Übersehenes ans Herz.

Ich liebe unsere Treffen, bei denen ich mich hinterher ein ganzes Stück gebildeter fühle, denn Birgit schafft es, mir beim Bier ganz nebenbei das Äquivalent von ein zwei Semestern Literaturstudium zu verpassen, ohne dass es wehtut, nein ganz im Gegenteil, es macht riesigen Spaß. Leider muss ich dieses Jahr wohl ohne meinen Buchmesse-Buddy in Leipzig auskommen, aber vielleicht finde ich ja ein schönes Batgirl Shirt für sie zum Trost 😉

Vielen Dank liebe Birgit, dass für die Women in SciFi Reihe Jeanette Wintersons „Die steinernen Götter“ vorstellst, eine Autorin die ich sehr bewundere – also anschnallen bitte Ladies and Gentlemen jetzt düsen wir in weit entfernte Galaxien:

„Diese Dinger, sind das Bücher?“, fragte Pink und pflückte einen morschen Band aus dem Regal. „Wie süß. So was seh ich zum ersten Mal.“

Jeanette Winterson, „Die steinernen Götter“, 2007.

Eine der gruseligsten Zukunftsvorstellungen für mich ist: Eine Welt ohne gedruckte Bücher. In der alles, was nicht nur unseren Geist, sondern auch die Sinne anregen könnte, digital serviert wird. In der Lesen als Kulturtechnik vom Aussterben bedroht ist – vielleicht sind wir davon, mag man Umfragen glauben, sowieso nur noch einen Schritt entfernt.

Und in der Zukunft, die die britische Autorin Jeanette Winterson in ihrem Roman „Die steinernen Götter“ zeichnet, ist es bereits soweit – doch es scheint nicht nur das Lesen verloren gegangen zu sein, sondern auch jedwede Fähigkeit der Menschen zur Empathie. Wobei beides meiner Meinung nach zusammenhängt: Wer viel liest und sich in Romanfiguren einfühlen kann, der ist oftmals auch empathischer im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Lesen: Ja! Science Fiction? Bisher eher weniger. Daher möchte ich mich zunächst nochmals sehr bei Sabine bedanken für diese tolle Idee, den „Women in SciFi“ einen eigenen Platz einzuräumen. Geht es mir doch so wie vielleicht vielen anderen Leserinnen auch: Ich hatte keine Ahnung.

Keine Ahnung davon, wie viele Schriftstellerinnen sich bereits in diesem Genre bewegt  hatten, keine Ahnung davon, wie breit gefächert die Auswahl an Romanen von Frauen in diesem Bereich ist. Das mag damit zusammenhängen, dass ich in der knapp bemessenen Lesezeit bisher eher den Blick in die Vergangenheit warf – ich lese viele Bücher aus Zeit der Weimarer Republik – und damit wenig Zeit für die Zukunft blieb. Und es mag sicher auch mit einem der gängigen Vorurteile gegenüber diesem Genre liegen, dass ich bislang eher einen Bogen um SciFi-Literatur schlug: Zu viel Technik, zu viel Krieg der Sterne, zu viel Testosteron, literarisch eher einfach gestrickt.

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Vorurteile, wie gesagt – und je mehr Beiträge ich zu dieser Reihe lese, desto geringer werden die Vorbehalte. Auch wenn „mein“ Buch, das ich dafür gelesen habe, mich nicht restlich überzeugen konnte – das aber lag weniger am Gerne, sondern mehr am Konzept des Romans. Von Jeanette Winterson kannte ich bislang nur „Der Leuchtturmwärter“: Eine poetische, herbe, schroff-schöne Geschichte über das Geschichtenerzählen und über die Liebe, die mir in guter Erinnerung blieb. Schon lange wollte ich von der britischen Schriftstellerin wieder etwas lesen.„Die steinernen Götter“, 2007 in Großbritannien erschienen, 2011 in Übersetzung von Monika Schmalz dann im Berlin Verlag, kam da gerade als Beitrag zur „Women in SciFi“ recht.

Auch in diesem Roman bleibt Jeanette Winterson ihrem Erzählstil treu: Sie experimentiert mit verschiedenen Erzählebenen, knüpft lose Fäden zwischen den Geschichten, schiebt Wort- und Sprachspiele ein. Das Buch beginnt zunächst wie ein starkes Stück feministischer Literatur – geschildert wird unsere Zivilisation, nur wenige Jahrzehnte entfernt, die dem Optimierungs- und Jugendwahn verfallen ist. Frauen lassen sich „genfixieren“, das heißt, auf ein möglichst niedriges Lebensalter „einfrieren“. Weil das den „Herren der Schöpfung“ bald langweilig wird, greift Pädophilie ganz offen um sich. Schöne neue Welt.

„Die Zukunft der Frau ist ungewiss. Wir pflanzen uns nicht mehr per Gebärmutter fort, und wenn wir nicht einmal mehr für Sex interessant sind … Männer dagegen wird es immer geben. Frauen stehen nun mal nicht auf kleine Jungs. Frauen haben einen anderen Ansatz. Umgeben von Muskelprotzen, suchen sie nach dem „hässlichen inneren Mann“. Schläger und Gangster, Vergewaltiger und Frauenprügler sind wieder groß im Kommen. Sie lächeln wie Surferjungs, aber in Wirklichkeit sind es Haie.
So sieht die Zukunft aus. Z steht für Zukunft.“

Kritisch beobachtet wird dies von Billie, die den „guten“ alten Zeiten (die an unsere Gegenwart erinnern) nachtrauert und sich in einen „Ropo sapiens“ verliebt. Sie und der intelligente Roboter, der gelernt hat, Gefühle zu entwickeln, nutzen eine Weltraummission zum „Blauen Planeten“, um ihrem Heimatgestirn „Orbus“ zu entkommen: Billie, weil sie mit ihren Ansichten nicht nur unter Generalverdacht steht, sondern zuletzt sogar für eine Terroristin gehalten wird, der Ropo Spike, weil er verschrottet werden soll.

Zudem ist „Orbus“ längst schon nicht mehr lebenswert: Überbevölkert und ausgeweidet, von der Klimakatastrophe nur Sekunden entfernt. Auf dem „Blauen Planeten“ scheint ein Neuanfang für die Menschheit möglich zu sein – jedenfalls für die privilegierte Menschheit, die der Konzern „Mehr-Zukunft“, der längst schon anstelle gewählter Politiker die Geschicke leitet, für die eine Ansiedlung dort vorgesehen hat. Die Weltraummission soll den neuen Planeten zunächst erkunden und vor allem in Erfahrung bringen, wie man mit der großen Gefahr dort, urzeitlichen Dinosauriern, umgehen kann. Der waghalsige Raumschiff-Kapitän Handsome meint, durch einen gesteuerten Asteroideneinschlag die Plage beseitigen zu können. Ein Schuss, der nach hinten losgeht: Durch den Einschlag wird das Neuland in die Eiszeit zurückkatapultiert, Billie und Spike finden in der Einöde ihr Ende.

Übrig bleiben am Ende nur die Reiseaufzeichnungen von James Cook, eine der favorisierten Lektüren von Handsome. Sie sind der rote Faden zum nächsten Kapitel, das 1774 auf der damals neu entdeckten Osterinsel spielt. Ein englischer Schiffsjunge, der aus Versehen auf der Insel zurückgelassen wird, gerät in die Streitigkeiten der Insulaner, die auf dem unwirtlichen Eiland um die spärlichen Ressourcen kämpfen und um ihre Götzen, jene berühmten Steinfiguren, die dem Roman auch seinen Titel verliehen haben. Auch die Liebe des Erzählers zu einem Eingeborenen endet tragisch:

„Ein weißer Vogel breitet die Flügel aus.“

Zurück in die Zukunft: Eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg. Die Ich-Erzählerin findet in der U-Bahn ein Manuskript mit dem Titel „Die steinernen Götter.“ Ihre spontane Reaktion beim Querlesen:

„Eine Liebesgeschichte ist das – vielleicht über Aliens. Ich hasse Science Fiction.“

Mehr und mehr wird deutlich: Die Erzählerin dieses Kapitels, die, die das Manuskript findet, ist Billie:

„Ich bin ein verlorenes Manuskript.“

Sie erzählt von ihrer Kindheit, einem ruinierten Planeten, vom Krieg zerstört, Armut, die Mütter dazu bringt, ihre Kinder wegzugeben, Kinder, die sich verloren fühlen, die von ihren wenigen Erinnerungen zehren. Und dieses Kapitel erklärt schließlich auch, wieso aus Billie wurde, was sie in der Zukunft sein wird: Eine Rebellin, die sich der schönen neuen Welt von Mehr-Zukunft entzieht, sich auf die Seite der Outsider schlägt, die schließlich einen Roboter wartet, der sich in sie verlieben wird …

Man ahnt vielleicht bereits an diesen verschiedenen Volten und Rollen vorwärts wie rückwärts, wie komplex das Buch ist und wie sehr Jeanette Winterson mit verschiedenen Zeitebenen spielt. Was ist Zukunft, was Vergangenheit? Die Struktur macht den Roman spannend – man muss sich das Geschehen und Billies Persönlichkeit beinahe wie ein Puzzle zusammensetzen, darf den roten Faden nicht verlieren. Winterson bringt dabei auch differenzierte Sprachstile unter: Mal irrwitzig komisch und satirisch überspitzt, mal poetisch-leise, mal schroff und herb.

In der Stärke des Romans ist jedoch – so paradox das klingen mag – auch seine Schwäche angelegt. So sehr ich komplexe Erzählstrukturen zwar als Herausforderung mag, in „Die steinernen Götter“ fügt sich das nicht zu einem runden Ganzen. Klar ist: Ob Weltall oder Osterinsel, der Mensch an sich ist das Übel, wie der gestrandete Schiffsjunge bemerkt:

„Ich möchte behaupten, dass der Mensch, wo immer man ihn findet, ob zivilisiert oder wild, sich keinem Bestreben lange widmen kann, ausgenommen jenem, sich selbst zu zerstören.“

Und Billie, eine starke Frauenfigur und Science-Fiction-Heldin, schlagfertig und witzig, konkretisiert dies:

„Frauen nehmen immer alles persönlich“, sagte Handsome. „Das ist der Grund, warum ihr keine Weltherrscher werden könnt.“

„Und Männer nie“, sagte ich, „weshalb wir am Ende keine Welt mehr zum Herrschen haben.“

Trotz solcher pointierter Aussagen wirkt der Roman merkwürdig unentschlossen, schwankend zwischen feministischer Satire, Dystopie und romantischer Liebesgeschichte. Mir blieb am Ende ein Rätsel, worauf Jeanette Winterson hinaus wollte: Zu beweisen, dass Liebe alle Grenzen, auch die zwischen Mensch und Maschine, zwischen Raum und Zeit, überschreitet? Wenn ja, dann ist das Experiment gescheitert – am Ende ist immer einer tot. Oder wollte sie die „Botschaft“ unterbringen, dass Krieg, Ausbeutung der Natur, Kapitalismus und Konsumgier das Ende der Welt und unser aller Untergang sein wird? Auch hier kann man so oder so die einzelnen Passagen deuten. Schließlich sagt Billie auch:

„Die Geschichte ist nicht der Abschiedsbrief eines Selbstmörders – sie ist das Zeugnis unseres Überlebens.“

Vielleicht wollte Jeanette Winterson aber einfach auch nur mit dem Genre spielen. Wenn ja, dann ist ihr das nur bedingt gelungen – doch eine Vielzahl witziger, pointierter Szenen und einige poetische Momente wiegen die Schwächen dieses etwas zerfaserten Buches beinahe auf.

 

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#WomeninSciFi (5) Die MadAddam Reihe – Margaret Atwood

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Ich glaube niemand versteht mein Margaret Atwood Fangirling so gut, wie die smarte Ms Autumn vom Blog „1001 Bücher – das Experiment„. Würde nicht wagen einzuschätzen, wer hier das größere Fangirl ist. Aber es geht auch um Ms Atwood, da kann man schon mal zum literarisch kreischenden Teenie werden 😉

Überhaupt haben Ms Autum und ich ziemlich viele literarische Überschneidungen und ich bin nicht sicher, ob ich ihr schon mal verraten habe, dass ihr Blog der erste Literaturblog überhaupt war, den ich gelesen habe und dann gefolgt bin. Sie ist also quasi irgendwie Schuld an all dem hier.

Ich freue mich, dass sie uns heute eine sehr spannende dystopische Reihe von Margaret Atwood vorstellt – ich stehe in der Zwischenzeit mit Pompoms an der Seite und cheerleade ein wenig:

Als die Binge Readerin mich bat, über Frauen und Science Fiction zu schreiben, setzte ich mich an das Ufer eines Flusses und fing an, darüber nachzudenken, was mit diesen Worten gemeint sein konnte*. – Das ist natürlich geklaut, aber ähnlich wie Virginia Woolf habe ich so meine Probleme, einen Beitrag zur neuen Reihe zu leisten: Frauen und Science Fiction. Da fallen mir Namen wie Ursula K. LeGuin und Doris Lessing ein, aber dann fängt es schon an zu stottern. Sicher, ich sehe recht viel Science Fiction, aber lesen? Kaum.

Deshalb muss ich auf eine Untergruppe der Science Fiction zurückgreifen, um meinen Beitrag leisten zu können. Diese Untergruppe nennt sich Cli-Fi, Climate Fiction, und die Autorin, die ich hier vorstellen möchte, ist Margaret Atwood mit ihrer MadAddam-Reihe. Margaret Atwood, vielen bekannt durch The Handmaids Tale oder auch Alias Grace, hat einige Dystopien geschrieben. Sie verwendet allerdings in ihren Werken nur Entwickungen, die schon begonnen haben, die schon angelegt sind und somit, wenn nicht wahrscheinlich, doch zumindest möglich sind.

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Foto: margaretatwood.ca

Nun legt Margaret Atwood im ersten Teil der Trilogie, Oryx und Crake, eine Welt in der nahen Zukunft an, in der die Menschheit von Klimakatastrophen und Epidemien bedroht ist. Die Menschheit hat sich in diejenigen, die sicher in abgeschlossenen Komplexen leben, und diejenigen außerhalb aufgeteilt. Draußen herrscht das Gesetz der Straße, drinnen wird die Wissenschaft vorangetrieben. Intelligente Schweine, gen-manipulierte Schafe und so manch anderes Tier sollen dem Menschen in ganz neuen Dimensionen dienen.

 Crake und Jimmy, der die Geschichte erzählt, lebten in einem dieser Komplexe, und Crake, hochintelligent und ein Genie in Genetik, entwickelte neue Medikamente, die die Menschheit gegen Seuchen immunisieren sollten. Doch das ist nicht alles, was er entwickelte, er verfolgte einen eigenen Plan. Es hat sich jedoch eine Katastrophe ereignet, und Jimmy erzählt von seinem nun folgenden Überlebenskampf und von den Menschen, die Crake kreiert hat…

„Alles, was es braucht“, sagte Crake, „ist die Beseitigung einer einzigen Generation. Einer Generation von allem. Käfer, Bäume, Mikroben, Wissenschaftler, Leute mit Französischkenntnissen, was auch immer. Wenn man das zeitliche Bindeglied zwischen einer Generation und der nächsten unterbricht, heißt es für immer: Spiel aus.“ (S.229/230)

 Der zweite Teil der Trilogie befasst sich ebenfalls mit der Zeit vor der großen Katastrophe, erzählt diese jedoch aus der Sicht von Toby und Ren, zwei jungen Frauen, die außerhalb der Komplexe aufwachsen und alle Härten der Straße erleben. Sie entrollen ihre Lebensgeschichten, wie sie aufwuchsen, wie die Katastrophe geschah und wie es nun, im Jahr 25 nach der Katastrophe, ist. Sie waren Teil einer Gruppe namens „Die Gottesgärtner“, die mit der Welt und nicht gegen sie, leben möchte. Sie sind Veganer und machen alles selbst, Nahrung, Kleidung, alles. Was es in einer Welt, in der der wilde Westen herrscht, nicht leichter macht, vor allem nicht für junge Frauen.

 Doch dann geschieht die Flut, und die wenigen Überlebenden sind auf sich allein gestellt. Ein purer Überlebenskampf entbrennt, von den gen-manipulierten Tieren und Menschen einmal ganz abgesehen…

 Der dritte Teil ist Die Geschichte von Zeb. Hier erfährt man in Rückblicken, was es mit den MadAddamiten auf sich hat, aber auch die Geschichte der „Jetzt-“Zeit wird weitererzählt. Einige der übriggebliebenen Menschen, darunter Toby, Ren und Zeb, haben sich zusammengeschlossen und kämpfen gemeinsam ums Überleben. Auch kümmern sie sich um die Craker, die Rasse, die Crake erschuf, und in den Erzählungen, die diesen das Wissen der Welt vermitteln sollen, wird nach und nach offensichtlich, wie verkommen die Menschheit war und warum die Flut über sie hinweggespült wurde.

 Sie dankten dem Allmächtigen, dass er die Welt mit CO2-Ausstößen und Giftstoffen gesegnet hatte, richteten den Blick gen Himmel, als wenn das Benzin von oben käme, und sahen dabei höllisch gottgefällig aus. […] Hochwürden hatte sich eine Theologie zurechtgezimmert, um möglichst effektiv die Kohle einzustreichen. Natürlich hatte er das Ganze auf der Bibel gegründet. Matthäus 16,18: ‚Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde.‘ […] Es ist keine höhere Mathematik, hat Hochwürden immer gesagt, dahinterzukommen, dass Petrus das lateinische Wort für Stein ist und dass ich die wirkliche und wahre Bedeutung von ‚Peter‘ auf ‚Petroleum‘ bezieht oder dass Öl aus dem Stein kommt.’“ (146/147)

 Atwoods brillante Beispiele für die Wege, die die Menschen einschlugen, sind nur einige der Facetten, die dieses Werk so lesenswert machen. Sie nimmt sich Zeit, diese Welt zu entwickeln, und jede dieser Entwicklungen ist schon angelegt, was die Lektüre so intensiv und realistisch macht. Sie macht Angst, aber vor allen Dingen weist sie darauf hin, was sein könnte, und bringt vielleicht den ein oder anderen Menschen dazu, noch einmal umzudenken, nachzudenken über sein (Konsum-)Verhalten und seinen Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen.

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ja ich habe sie getroffen und bin beim Buch signieren fast ohnmächtig geworden (Bingereader)

 Es ist, wie gesagt, kein Science Fiction im klassischen Sinn, wir bleiben auf dieser Welt und Raumschiffe und dergleichen gibt es auch keine. Aber neue Species und in gewissem Sinne eine neue Welt gibt es hier auch. Und genauso wie bei der klassischen Science Fiction zeigt sie eine mögliche Zukunft auf, nur ist diese nicht erstrebenswert. Oder vielleicht doch?!

 Neben der ungemeinen Phantasie und Weitsicht kann ich natürlich nicht müde werden, die großartige Sprache Atwoods hervorzuheben. Hier geht sie sogar noch einen Schritt weiter und kreiert teilweise eine neue Sprache, um die sich verändernde Welt angemessen beschreiben zu können. Wer diese Trilogie liest, wird die Welt nachher ein wenig anders sehen. Das ist es, was Margaret Atwood mit ihren Lesern macht.

 *Angelehnt an Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein

Margaret Atwood: Oryx und Crake. Deutsch von Barbara Lüdemann. Berlin Taschenbuch Verlag, 2003. 381 Seiten.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut. Deutsch von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 478

Margaret Atwood: Die Geschichte von Zeb. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 2013. 477 Seiten.

The Handmaid’s Tale – Margaret Atwood

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„Don’t let the bastards grind you down“

Kaum zu glauben, dass ich ausgerechnet DEN berühmtesten Roman von Margaret Atwood bisher noch nicht gelesen habe. Sie ist eine meine Lieblingsautorinnen und ich liebe Dystopien, es ist mir also komplett unverständlich, wieso ich so derart lange gebraucht habe, um das Buch endlich zu lesen.

Dafür habe ich mir dann aber auch die wunderbare Ausgabe der Folio Society gegönnt, die ich so derart schön finde, das sie immer einen Ehrenplatz in der heimischen Bibliothek haben wird.

Als Atwood den Roman 1986 veröffentlichte, hatten die Yuppies das Feld erobert und Ronald Reagan mit seiner „Prouder, Stronger, Better“ Rede den Neoliberalismus hoffähig gemacht. Die Bewegung der christlichen Fundamentalisten steckte zwar noch in den Kinderschuhen, doch die Angst vor AIDS sorgte für raschen Zulauf. Und dann war da noch Tschernobyl. Auch nicht gerade eine glückliches Jahrzehnt.

Nicht verwunderlich, das Atwood in einer solchen Atmosphäre auf die Idee kommt, dass ein solcher Mix aus Konservatismus, Fundamentalismus, Gewalt und Disaster katastrophale Auswirkungen haben könnte. Was mich bei Atwood immer wieder fasziniert ist, wie treffsicher sie in ihren Romanen Vorhersagen trifft, die sehr dicht an der Realität sind.

Sie ist die Königin der „speculative fiction“.

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Schon faszinierend und traurig zu sehen, das einige Elemente der Geschichte tatsächlich passiert sind. Allem voran natürlich die Rolle der Frau und die Rechte der Frauen in Ecken der Welt, in denen der religiöse Fundamentalismus ungebremst wütet.

“Better never means better for everyone… It always means worse, for some.”

Ich mußte den Absatz zweimal lesen, in dem die beginnenden Angriffe auf die US Regierung anfangs islamischen Fundamentalisten zugeschrieben wurde. Hat sie das wirklich 1986 geschrieben? Da ist sie ja schon fast unheimlich ihrer Fähigkeit zu prophezeien. Das Massaker der US Regierung im Buch läßt an 9/11 denken und die daraus resultierenden Restriktionen im Namen der Sicherheit, der blinde Patriotismus der aufblüht, die fanatische Flucht in Religion mit dem ewigen unumstösslichen Irrglauben, die eigene sei die einzig richtige Religion und Tod den Ungläubigen.

Der Roman ist eine feministische Dystopie, ein Alptraum, der mit zum Besten gehört was ich seit Langem gelesen habe. Atwood schafft es eine überzeugendes, erschreckendes Porträt einer Gesellschaft zu zeichnen, die jeglichen Freiheitsdrang im Keim erstickt. Ich konnte das Buch überhaupt nicht aus der Hand legen, es war so unglaublich spannend.

Emphatische Leser werden Offred’s Erlebnisse nur schwer ertragen können, das Buch ist nachhaltig verstörend. Es gibt unglaublich viele Interpretationsmöglichkeiten des Textes, so viele Motive, ich bin sicher auf Wunsch lässt sich tonnenweise Sekundarliteratur auftun.

Die Atmosphäre im Buch wird genial aufgefangen durch die Illustrationen im Buch, die von den Zwillingsschwestern Anna und Elena Balbusso angefertigt wurden. Die Bilder sind unglaublich ausdrucksstark und ich würde mir einige davon jederzeit aufhängen.

“We were the people who were not in the papers. We lived in the blank white spaces at the edges of print. It gave us more freedom. We lived in the gaps between the stories.”

„The Handmaids Tale“ zeichnet das Bild einer erschreckenden und sehr realen Zukunft. Man braucht ein wenig, bis man genauer versteht, was genau los ist in der Welt der „Handmaid’s“, doch die tiefsitzende Angst und das Gefühl von Gefahr bringt Atwood in ihrer knappen Sprache deutlich rüber. Dadurch das aber nicht alles sofort klar ist, dringt man tief ein in diese Welt. Man will einfach verstehen was los ist, den Sinn dahinter verstehen und wie es zu diesen schrecklichen Entwicklungen hat kommen können.

Die Handmaids besitzen keinen freien Willen, keinerlei Individualismus mehr. Sie werden von einem tyrannischen Regime wie Gebärmaschinen behandelt. Können sie nicht mehr gebären, oder wagen sie es aufzumucken, werden sie aufs heftigste bestraft, oft mit dem Tod. Es gibt weder Hoffnung noch Aussicht auf Glück, nur unaufhörliche Unterwerfung.

Atwood zeichnet ein wahnsinnig düsteres Bild, sie zeigt eindrucksvoll wie das Leben aussehen könnte, wenn plötzlich religiöse Fundamentalisten die menschenverachtenden Ansichten des Alten Testaments als Gesetz ansehen und die Befolgung erbittert  einfordern.  Frauen wird das Recht genommen zu lesen und zu schreiben, ihnen wird jegliche Unabhängigkeit genommen und am schlimmsten ist, nach einiger Zeit wissen die Frauen nicht einmal mehr, das es jemals anders war.
“A rat in a maze is free to go anywhere, as long as it stays inside the maze.”

Die Protagonistin kann sich zwar noch an ihre Vergangenheit erinnern, das es auch andere glücklichere Zeiten gab, aber sie darf sich nicht erinnern und schon gar nicht über ihre Erinnerungen sprechen. Für die kommenden Generationen an Handmaids werde es leichter sein, sagt man ihnen, die haben keine Erinnerungen mehr, wie es einmal war.

1986 mag das einfach ein dystopischer Science Fiction Roman gewesen sein, heute ist das in vielen Taliban beherrschten Gegenden für Frauen Alltag.

“But who can remember pain, once it’s over? All that remains of it is a shadow, not in the mind even, in the flesh. Pain marks you, but too deep to see. Out of sight, out of mind.”

Doch Offred (Tochter von Fred) gewinnt im Laufe des Romans zunehmend an Stärke und erarbeitet sich einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine mögliche alternative Zukunft für sich. Der Roman schafft es, in kleinen wundervollen Momenten Glück aufkommen zu lassen. Das der Mensch auch unter schlimmsten Gegebenheiten in der Lage ist, Glück zu erkennen und zu geniessen.

Heftig war für mich aber immer wieder der Satz „and we didn’t even know we were happy then.“, der immer mal wieder kommt, wenn sie an ihre Vergangenheit denkt. Atwood zeigt meisterhaft auf wie schnell und unkontrollierbar alles, was wir als selbstverständlich ansehen, ins Rutschen geraten kann. Wie schnell unsere Ängste die Überhand gewinnen können und wir kuschen aus Angst vor Repressalien.

 

“Yes, Ma’am, I said again, forgetting. They used to have dolls, for little girls, that would talk if you pulled a string at the back; I thought I was sounding like that, voice of a monotone, voice of a doll. She probably longed to slap my face. They can hit us, there’s Scriptural precedent. But not with any implement. Only with their hands.” 

Man kann es sich einfach machen und einfach der Illusion folgen, das Frauen in unserer westlichen Zivilisation meilenweit entfernt sind von solchen Zuständen und machen können, was sie nur wollen. Aber auch hier und heute ist es noch viel zu oft die Norm, das Vergewaltigungsopfer sich anhören müssen, sie seien ja mit Schuld. Man geht auch nicht so gekleidet, oder alleine oder im Dunkeln etc. und lässt die Täter mit lachhaft niedrigen Strafen davonkommen, damit man ihre Karrieren nicht zerstört.

Ich bin dankbar, dass ich Frau Atwood habe, die mich immer mal wieder wachrüttelt. Das wir zusehen müssen, das nirgendwo auf der Welt Frauen auch nur ansatzweise in einer „Handmaid’s“ Welt leben müssen und das wir uns nicht vormachen nach dem Motto, wir haben doch alles schon erreicht, den Feminismus brauchts nicht mehr.

„For the record, feminism, by definition, is the belief that men and women should have equal rights and opportunities. It is the theory of the political, economic, and social equality of the sexes. (Emma Watson)

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Der Report der Magd“ im Berlin Verlag erschienen.

The Heart Goes Last – Margaret Atwood

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Gute Dystopien oder Atwoods bevorzugter Begriff „spekulative Fiktion“ sagen viel mehr über unsere aktuellen Probleme und den Zustand unserer Gesellschaft aus, als über eine mögliche Zukunft. Dieses Genre beherrscht Atwood einfach. Dieser Roman ist nicht ganz so stark wie die „Oryx und Crake“ Reihe, aber ein etwas schwächerer Atwood ist immer noch besser als vieles andere.

Wenn man auf der Straße lebt, weil die Wirtschaft komplett zusammengebrochen ist und so gut wie nichts mehr funktioniert oder die Gesellschaft zusammenhält, man sich vor marodierenden Banden schützen muss, bekommen auch extreme Angebote eine gewisse Attraktivität.

Charmaine und Stan, beide etwa Mitte Dreißig, sind nach dem Absturz aus ihrem Mittelklasse-Leben gezwungen im Auto zu leben, sie leben von Essensresten die sie finden, jeder Tag ein neuer Überlebensakt.

Das seltsame Angebot übermittelt sich ihnen in Form eines TV Spots in dem Interessente für das Positron Projekt in Consilience (Wortspiel aus „Con“ für convict = Straftäter und „resilience“ = Anpassungsfähigkeit) gesucht werden. Der Deal: sie leben künftig einen Monat als glückliche Mittelstandsfamilie mit hübschem Haus, Motoroller und Arbeitsplatz – und einen Monat im Knast.

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Du bekommst alles auf dem Tablett serviert, aber während du im Knast bist, ziehen am Wechseltag deine „Alternates“ in dein Haus, sitzen auf deinem Sofa und essen von deinen Tellerchen. Musik- und Fernsehprogramm sind auf beruhigende Doris Day und Frank Sinatra Schmonzetten beschränkt, aber Beggers can’t be choosers und der eine Monat Knast lässt sich auch irgendwie überstehen und vielleicht hält es ja auch die Liebe frisch, wenn man sich immer nur alle zwei Monate sieht.

Charmaine und Stan lassen sich auf den Deal ein und insbesondere Charmaine fällt es anfangs sehr leicht, die Werbetrommel-Ansagen der Positron Leitung zu glauben. Sie gleitet in ihr Stepford Wife Leben und ist eigentlich rundum glücklich, obwohl die ihr zugeteilte Aufgabe in der Euthanesie von unangepassten Außenseitern liegt. Der etwas skeptischere Stan arbeitet auf einer Hühnerfarm. Langsam aber sicher leben sich die beiden auseinander.

Als Charmaine dann eine Affaire mit ihrem „Alternate“ beginnt, wird alles richtig kompliziert und unabhängig voneinander merken Stan und Charmaine, was wirklich hinter den Gefängnismauern vor sich geht.

Das letzte Drittel des Buches wird dann recht bizarr mit seinen lebensechten Gummipuppen, den Heerscharen an Marilyn Monroe und Elvis Doubles und reichlich Sex. Kein Buch für moralisch schnell Erschütterte, aber eine spekulative Tour-de-Force, die sich mit Kapitalismus, Biotech, Neurowissenschaften und Identität beschäftigt.

„Would Doris Day’s life have been different, he muses, if she’d called herself Doris Night? Would she have worn black lace, dyed her hair red, sung torch songs?”

Auch wenn sie gelegentlich über das Ziel hinausschießt, man merkt Atwood an, wieviel Spaß sie beim Schreiben dieser seltsamen 50er Jahre Gesellschaftskonstellation hatte. Das Buch steckt voller spannender Ideen und Spekulationen, es ist teils Satire, teils Science Fiction und stellenweise unglaublich witzig.

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Seine Freiheit aufgeben für noch so edle Zwecke ist und bleibt eine schlechte Idee, egal wie heroisch das Set-up auch ursprünglich vielleicht ist, am Ende fliegen einem soziale Experimente wie diese einfach unweigerlich um die Ohren.

Ich habe das Gefühl, Atwood hat mit jedem Buch mehr Spaß am Schreiben. Von altersmilde oder ruhiger werden keine Spur. You go Girl, ich warte schon sehnsüchtig auf ihr nächstes Buch.

Hier ein tolles Interview zu „The Heart Goes Last“

Auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Das Herz kommt zuletzt“ im Berlin Verlag erschienen.

Waiting for Sunrise – William Boyd

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Vielleicht hatte ich mir einfach ein bißchen zuviel versprochen. Der Klappentext klang einfach klasse. Ganz viele Zutaten die ich mag: Wien kurz vor dem ersten Weltkrieg, Psychoanalyse, ein symphatischer Protagonist, Lysander Rief, mit einem delikaten Problem, eine exzentrische Frau die den jungen Schauspieler in die Fänge des Geheimdienstes geraten läßt. Alles gut und doch fühlte ich mich seltsam distanziert von der Handlung.

Die Zutaten wollten einfach nicht so recht zusammenpassen. Eine Handvoll Parallelismus, eine Prise Spionage kaum erliegt Lysander dem Charme der exzentrischen Hettie schon ist er kurz darauf nach atemberaubender Flucht in England und wenig später als Soldat im Schützengraben. Wem jetzt noch nicht schwindelig ist, dem stellen wir den schwulen Onkel vor der sich in Afrika im Krieg in einen schwarzen Jüngling verliebt hat und diesen mit zu sich nach Hause nimmt. Und nicht zu vergessen Lysanders jung gebliebene Frau Mama die ein Verhältnis hat – oder auch nicht.

Mir war schwindelig und ich hab gelegentlich den Faden verloren. Irgendwie habe ich darauf gewartet, dass es mit dem Parallelismus noch eine tiefere Bewandnis hat, aber da kam nix mehr. Alles mal kurz angeschnitten, zusammengewürfelt und umgerührt.

Mr. Boyd das können Sie besser ! „Restless“ ist meines Erachtens ein viel ausgereifteres Werk und schlägt dieses hier um Längen.

Dieses Zitat im Buch hat mich allerdings grenzenlos begeistert:

„Any fool can „obey“ an order, Hamo said darkly. The clever thing is to interpret it“

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Eine große Zeit“ im Berlin Verlag.