Vita Sackville-West

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Die Autorin, Dichterin und Garten-Designerin Vita Sackville-West wurde am Bekannstesten durch ihre Affäre und langjährige Freundschaft mit Virginia Woolf, die ihr wiederum mit dem Roman „Orlando“ ein einmaliges literarisches Denkmal setzte. Die Geschichte von Vitas Ehe mit Harold Nicolson ist eine Mischung aus Faszination und Fassungslosigkeit. In „Porträt einer Ehe“ kombiniert Vitas Sohn Nigel die Memoiren seiner Mutter, die er nach ihrem Tod in ihrem Arbeitszimmer fand, mit seinen eigenen Erinnerungen und dem, was er in zahllosen Briefen über die Ehe seiner Eltern erfuhr. Trotz Vitas zahlreicher Beziehungen und Affären mit verschiedenen Frauen und Haralds gelegentlichen kurzen Affären mit Männern, blieben die beiden bis zu ihrem Tode ein sich liebendes Ehepaar. Zwei Menschen, die häufig missverstanden wurden, aber stets zu faszinieren wußten.

Neben Virginia Woolf und Harold Nicolsen gab es noch eine weitere große Liebe in Vitas Leben: die zu ihrem Geburtsort Knole, einem riesigen Landhaus in Kent aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit über 360 Räumen. Vita hätte Knole von ihrem Vater geerbt, wäre sie ein Mann gewesen, so allerdings ging es an ihren Onkel. Ein Verlust, den sie nie ganz überwinden sollte.

Knole,_Sevenoaks_in_Kent_-_March_2009Knole Country House Foto: Wikipedia

Im Jahr 1918, als Vita 26 Jahre alt war, hatte sie eine Beziehung mit Violet Trefusis, die ihr in einem Brief schrieb:

Give me great glaring vices, and great glaring virtue… be wicked, be brave, be drunk, be reckless, be dissolute, be despotic, be an anarchist, be a suffragette, be anything you like, but for pity’s sake be it to the top of your bent. Live fully, live passionately, live disastrously. Let’s live, you and I, as none have ever lived before.

Vita hatte mit 20 einen symphatischen jungen Mann namens Harald Nicolson geheiratet. Er war Diplomat und Kritiker. Sie wusste schon bei der Heirat, dass sie eigentlich auf Frauen steht, aber sie glaubte, das die beiden Seiten ihrer Persönlichkeit gut nebeneinander her existieren könnten. Was auch ganz gut klappte, bis sie Violet traf. Als Violets Familie von der Affäre der beiden Frauen erfuhr, wurden einige Augenbrauen hochgezogen und Violet solange unter Druck gesetzt, bis sie sich fügte und den unglücklichen Denys Trefusis heiratete. Von da an wurde alles ziemlich kompliziert.

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In einem Brief schreibt Violet an Vita:

He is abhorrent to me with his tears and his servility. I told him I looked upon him merely as my jailor, and that my one ambition was to get away from him.

Worauf Vita im gleichen Jahr über Violets Ehemann schreibt:

I now hate him more than I have ever hated anyone in this life, or am likely to; and there is no injury I would not do to him with the utmost pleasure.

Vita und Violet verlassen ihre Ehemänner und hauen gemeinsam nach Paris ab, wo Vita sich unglaublich frei fühlte und überwiegend in Männerklamotten durch die Gegend läuft:

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I dressed as a boy. It was easy… It must have been successful because no one looked at me curiously or suspiciously – never once, out of the many times I did it. My height, of course, was my great advantage. I looked like a rather untidy young man, a sort of undergraduate of about nineteen. It was marvelous fun, all the more so because there was always the risk of being found out.

Harold Nicolson versuchte, seine Frau zur Rückkehr zu bewegen:
When you fall into Violet’s hands, you become like a jellyfish addicted to cocaine.

In der britischen Oberschicht schienen offene Ehen mehr oder weniger an der Tagesordnung gewesen zu sein. Es wurde lediglich erwartet, dass die jeweiligen Ehepartner ihre Affären diskret behandelten und die Ehe nicht in Gefahr brachten.

Vita und Harold haben diese übliche Offenheit aber wahrscheinlich noch ein bisschen extremer betrieben als die meisten. Als die hitzige Violet-Affäre nach etwa drei Jahren im Sand verlief, erreichten Vita und Harold sowas wie ein zivilisiertes Gleichgewicht. Beide hatten weiterhin gleichgeschlechtliche Affären, aber nie wieder in einer solchen Heftigkeit, dass der Fortbestand ihrer Ehe in Gefahr geriet.

So carefree were they that quite often Harold’s friend and Vita’s would join the same weekend party, and the four of them would refer to the situation quite openly.

Virginia Woolfs Affäre mit Vita findet einige Jahre nach Violet statt. Virginias Unvermögen, Sex zu genießen, war der Grund dafür, dass ihre körperliche Beziehung nicht sehr lange dauerte, Virginias Liebe zu Vita sollte allerdings bis an ihr Lebensende halten. Vita scheint sich sehr positiv auf Virginias Schreiben ausgewirkt zu haben, denn sie schrieb einige ihre besten Bücher während dieser Zeit. Auch Virginia war verheiratet, doch weder ihr Mann Leonard, noch Harold hatten ein Problem mit der Beziehung der beiden. Vitas Sohn Nigel nannte Virginia Woolfs Roman „Orlando“, den sie Vita gewidmet hatte, den längsten und bezaubernsten Liebesbrief in der Literatur.

Überhaupt war fast jeder im Dunstkreis von Vita und Harold (und natürlich auch die beiden selbst) wahre Buchproduktionsmaschinen:

Vita schrieb 17 Romane, 12 Gedichtbände, Tagebücher und natürlich jede Menge Briefe, Artikel etc.

Virginia Woolf schrieb 9 Romane, unzählige Essays, Kurzgeschichten, Tagebücher, Briefe und Artikel.

Violet schrieb 7 Romane und eine Autobiografie.

Harold brachte es gar auf 40 Bücher überwiegend zum Thema Geschichte und Biografien, daneben noch Tagebücher und Briefe.

Wenn man noch die ganzen Bücher dazu zählt, die über die jeweiligen Protagonisten geschrieben hat, würde man locker eine ganze Bibliothek mit ihren Werken füllen können.

Wer sich für das Leben einer der aufregendsten Frauen des 20. Jahrhunderts interessiert, dem kann ich sowohl Nigel Nicolsons „Porträt einer Ehe“ als auch Matthew Dennisons „Behind the Mask“ nur ans Herz legen.

Im Literaturhaus in München gibt es seit dem 8. November eine Ausstellung zu „Orlando„, eine von Tilda Swinton kuratierte Fotosammlung, auf die ich mich schon sehr freue und die ich zum Anlass genommen habe, mal wieder „Orlando“ zu lesen. Hier wird es also in nächster Zeit noch mehr von Virginia & Vita zu lesen geben.

Bei Interesse verweise ich noch auf den Briefwechsel zwischen Virginia Woolf (Link zu ihrer Biografie hier) und Vita Sackville-West, den ich hier besprochen habe.

2015 – The Year in Books

Ja nee hat super geklappt mit meiner Wahl der 10 Lieblingsbücher. Ich kann mich partout nicht entscheiden und schicke jetzt immer zwei ins Rennen. Die Kombi ist eventuell nicht immer einleuchtend, gibt aber schönen Einblick in meine abstrusen Synapsen-Schaltungen.

Es sind die Bücher, die mich am intensivsten beschäftigt haben in diesem Jahr, nicht automatisch die, die mir am besten gefallen haben. Habe nicht viele Bücher gelesen, die mir gar nichts gesagt haben oder die ich schlichtweg schlecht fand.

Vielleicht könnt ihr mir ja helfen mit der Entscheidung. Unter allen die in den Kommentaren hier oder bei Facebook abstimmen verlose ich eines der zur Wahl stehenden Bücher hier (nach Wunsch). Am 10.1. guck ich dann mal, ob es Entscheidungen und einen Gewinner gibt.

Hier kommen die Teilnehmer:

https://bingereader.org/2015/01/31/the-goldfinch-donna-tartt/

oder

https://bingereader.org/2015/06/07/die-kunst-des-feldspiels-chad-harbach/

https://bingereader.org/2015/02/16/fahrenheit-451-ray-bradbury/

oder

https://bingereader.org/2015/04/22/the-bone-clocks-david-mitchell/

https://bingereader.org/2015/12/14/geliebtes-wesen-briefe-von-vita-sackville-west-an-virginia-woolf-louise-desalvo-mitchell-a-leaska/

oder

https://bingereader.org/2015/03/16/anais-nin-die-tagebucher-1927-1929-und-1931-1934/

https://bingereader.org/2015/12/03/the-master-and-margarita-mikhail-bulgakov/

oder

https://bingereader.org/2015/11/07/the-strange-library-die-unheimliche-bibliothek-haruki-murakami/

https://bingereader.org/2015/03/27/9-stories-j-d-salinger/

oder

https://bingereader.org/2015/03/21/meistererzahlungen-stefan-zweig/

https://bingereader.org/2015/03/23/the-paying-guests-sarah-waters/

oder

https://bingereader.org/2015/11/03/auf-den-koerper-geschrieben-jeannette-winterson/

https://bingereader.org/2015/07/05/cannery-row-john-steinbeck/

oder

https://bingereader.org/2015/09/09/der-susan-effekt-peter-hoeg/

https://bingereader.org/2015/11/20/die-frau-die-nein-sagt-francoise-gilot/

oder

https://bingereader.org/2015/04/14/bossypants-tina-fey/

Was wirklich Spaß macht ist, sich die jeweiligen „Konkurrenten“ bei einem Treffen vorzustellen. JD Salinger und Herr Zweig beim gediegenen Whisky im Club-Sessel oder Tina Fey die der vornehmen Madame Gilot versehentlich ein Glas Rotwein über die Hose kippt…

Geliebtes Wesen…Briefe von Vita Sackville-West an Virginia Woolf

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Die Briefe anderer zu lesen hat immer etwas voyeuristisches. Häufig lässt die Spannung allerdings nach einer Weile nach, wenn der Kitzel des Verbotenen nachlässt und gelegentlich langweilt man sich nach einer Weile sogar wenn der Kontext fehlt oder man die Personen nicht einordnen kann, über die geschrieben wird.

Nicht bei diesen beiden. Nicht eine Sekunde lang habe ich mich gelangweilt, ich war gerührt, gespannt, verzweifelt und habe diese tiefe Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft bewundert, die diese beiden erstaunlichen Frauen füreinander empfunden haben.

„I am reduced to a thing that wants Virginia.
I composed a beautiful letter to you in the sleepless nightmare hours of the night, and it has all gone: I just miss you, in a quite simple desperate human way. You, with all your undumb letters, would never write so elementary a phrase as that; perhaps you wouldn’t even feel it. And yet I believe you’ll be sensible of a little gap. But you’d clothe it in so exquisite a phrase that it should lose a little of its reality. Whereas with me it is quite stark: I miss you even more than I could have believed; and I was prepared to miss you a good deal. So this letter is really just a squeal of pain. It is incredible how essential to me you have become. I suppose you are accustomed to people saying these things. Damn you, spoilt creature; I shan’t make you love me any more by giving myself away like this — But oh my dear, I can’t be clever and stand-offish with you: I love you too much for that. Too truly. You have no idea how stand-offish I can be with people I don’t love. I have brought it to a fine art. But you have broken down my defenses. And I don’t really resent it.“

Nachdem Vita Sackville-West und Virginia Woolf sich 1922 trafen, begannen sie kurz darauf eine leidenschaftliche Beziehung, die bis zu Woolf’s Selbstmord im Jahr 1941 andauern sollte.

Vita, verheiratet mit dem englischen Diplomaten Harold Nicholson, war zehn Jahre jünger als die ebenfalls verheiratete Virginia Woolf. Ihre Korrespondenz beleuchtet sämtliche Aspekte ihres Lebens, das sie überwiegend getrennt voneinander verbrachten. Es sind innige Liebesbriefe, die aber auch ernsthafte Kritik am literarischen Werk der jeweils anderen beinhalten, Gedanken um ganz alltägliche Dramen, innere Zwiespälte, Auseinandersetzungen, die häufig durch Eifersucht ausgelöst waren, das Ringen um Anerkennung und immer wieder das gemeinsame Glück, wenn sie Zeit und Nähe miteinander verbringen konnten.

Die starke extrovertierte Vita, die ihre Energie kaum im Zaum halten kann, und die zarte, kränkliche, brilliante Virginia hätten nicht gegensätzlicher sein können. Vitas überschäumende Lebenslust reicht nicht nur für einen Ehemann, zwei Kinder und Virginia, immer wieder hat sie Affären mit anderen Frauen, denen sie ebenfalls viel zu geben hat. Keine diese Affären reicht je an die Bedeutung ihrer Beziehung mit Virginia heran, aber sie stillen ihren Appetit, sie holt sich bei anderen, was Virginia ihr nicht geben kann. „Vitas Bedürfnis nach Zuneigung lag stets im Kampf mit ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Virginias Zerbrechlichkeit weckt ihr Gefühl nach Stärke.“

Auch für diese Frauen schreibt sie leidenschaftliche Gedichte und pflegt diese Freundschaften und Korrespondenzen und man fragt sich wirklich, wo sie die Energie hernimmt. Und neben all diesen emotionalen Höchstleistungen schafft sie es noch, mit ihrem Mann die halbe Welt zu bereisen und einige Bücher und Gedichtbände zu veröffentlichen.

Vita, der Lebenssaft, steht ganz für das Fleischliche, das Hier und Jetzt. Die ätherische Virginia verkörpert die stets Unerreichbare, die ganz Intellekt ist und doch so romantisch sein kann.

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Diese romantischen Seiten haben mich sehr überrascht an Virginia. Ich hatte sie mir kühler vorgestellt, viel distanzierter und gänzlich über solch gemeinen Dingen wie Eifersucht stehend.

In diesem Band, der über 500 Briefe enthält aus ihrer knapp 20 jährigen Korrespondenz, bringen DeSalvo und Leaska Konturen und Kontext und lassen uns sehr nah an die beiden heran. Ich hätte gerne mehr Briefe von Virginia gelesen, um diese besondere Beziehung, die soviel mehr als eine einfache Affäre war, noch besser zu verstehen.

Parallel zu den Briefen habe ich das Stück  „Vita & Virginia“  von Eileen Atkins gelesen (Danke an dieser Stelle an Barbara aus Berlin, die die grandiose Idee hatte mir das Stück als auch die Korrespondenz zu leihen), dem dieser Briefwechsel zu Grunde liegt und das in seiner Kürze noch einmal mehr die Intensität vermittelt und die immense intellektuelle Stimulation, die zwischen den beiden herrschte.

“Is it better to be extremely ambitious, or rather modest? Probably the latter is safer; but I hate safety, and would rather fail gloriously than dingily succeed.”

Je mehr ich mich dem Ende des Buches näherte, desto mehr fühlte es sich an „Titanic“ zu schauen, man hofft dieses eine Mal möge es anders enden, möge Virginia sich gegen den Selbstmord entscheiden. Vita war überzeugt davon, dass sie Virginia hätte retten können, wenn sie bei ihr gewesen wäre.

„Ich glaube immer noch, ich hätte sie retten können, wenn ich nur dort gewesen wäre und gewußt hätte, in welche Geistesverfassung sie geriet“.

Vielleicht hatte sie Recht …

Auf jeden Fall möchte ich jetzt unbedingt „Orlando“ lesen und diese BBC-Verfilmung „Portrait of a Marriage“ ist sicherlich auch sehenswert: