City of Thieves – David Benioff

 

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Als ich David Benioffs Foto auf dem Buchrücken sah, hielt ich ihn für einen freundlichen, gutaussehenden Surfer-Boy, der, wie es schien, die Geschichte seiner Großeltern aufgeschrieben und einen Überraschungserfolg damit gelandet hatte. So hatte ich das beim Lesen zumindest in meinem Kopf konstruiert und Benioff hat das, zum einen durch die Namensgleichheit seines Protagonisten, als auch durch das Schreiben in der ersten Person auch deutlich unterstützt.

„City of Thieves“, die April-Lektüre unseres Buchclubs ist ein spannender, unterhaltsamer, gut geschriebener Roman über die Belagerung Leningrads während des Zweiten Weltkriegs. Erzählt wird die Geschichte von Lev, einem jüdischen Jungen, der allein in Leningrad zurückgeblieben ist, um die Stadt zu verteidigen und Kolya, einem jungen Soldaten der Roten Armee. Beide landen aus unterschiedlichen Gründen in der gleichen Gefängniszelle und warten dort eine Nacht lang auf den sicheren Tod. Am nächsten Morgen werden sie aber nicht exekutiert, sondern statt dessen ins Haus eines hohen Militärs gebracht und bekommen dort eine ziemliche unlösbare Aufgabe. Sie müssen für den Hochzeitskuchen seiner Tochter 12 Eier besorgen und das im eingeschlossenen Leningrad, wo es nicht einmal mehr Ratten gibt und die Menschen aus alten Büchern „Library-Candy“ basteln, um nicht komplett zu verhungern. Machen Sie das Wunder wirklich und treiben die Eier auf, erhalten sie ihre Lebensmittelrationskarten und ihre Freiheit zurück….

Der Roman zeigt in eindringlichen Bildern wozu Menschen im Krieg fähig sind, wenn sie ums Überleben kämpfen. Lev und Kolya erleben auf ihrer seltsamen, gefährlichen und irgendwie fast schon komischen Suche nach den Eiern unglaubliche Horror-Szenarien. Sie werden mit Tod, Hunger, Kanibalismus, Folter und anderen Schrecken konfrontiert. Die beiden so unerschiedlichen Charaktere, der ernste zurückgezogene Lev und der draufgängerische humorvolle Kolya, der sich aus jeder Situation herausreden kann, entwickeln eine tiefe Freunschaft im Verlauf der Geschichte.

“I’ve always envied people who sleep easily. Their brains must be cleaner, the floorboards of the skull well swept, all the little monsters closed up in a steamer trunk at the foot of the bed.”

“Talent must be a fanatical mistress. She’s beautiful; when you’re with her, people watch you, they notice. But she bangs on your door at odd hours, and she disappears for long stretches, and she has no patience for the rest of your existence; your wife, your children, your friends. She is the most thrilling evening of your week, but some day she will leave you for good. One night, after she’s been gone for years, you will see her on the arm of a younger man, and she will pretend not to recognize you.“

Das Buch liest sich von der ersten Seite an wie ein Road movie. Es ist sehr unterhaltsam geschrieben, ein großes Abenteuer, aber auch ein Lehrstück über die Belagerung Leningrads. Ein Buch, das geradezu nach Verfilmung schreit. Von meiner ursprünglichen Einschätzung David Benioffs als lässiger Surf-Dude, der mit der Erzählung der Geschichte seiner Großeltern einen Überraschungserfolg gelandet hat, lag ich allerdings Lichtjahre daneben.

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Benioff ist mehr ein Midas, der alles in Gold verwandelt, was er anfasst. Er ist nicht nur ein Autor, dessen erstes Buch gleich verfilmt wurde (den grandiosen Film „The 25th Hour müßt ihr euch unbedingt einmal ansehen, das Buch selbst kenne ich nicht), er ist Drehbuchautor unter anderem für „Game of Thrones“ und bekam schon für seinen ersten Drehbuch-Entwurf „Troy“ 2,5 Mio $. Wow. Nicht das stereotype Bild des leidenden Künstlers, der seinen Schmerz genial verarbeitet, sondern eher ein sehr smarter fleißiger Businessman, der genau weiß wie man einen Treffer landet. Erfolgreich, groß, gutaussehend, natürlich glücklich mit einer Schauspielerin verheiratet, 3 Kinder… und man spürt förmlich, dass er jeden Morgen um 6 aufsteht, 10km joggen geht, fürchterlich gesunde Smoothies trinkt und nur Paleo-Kost in den gestählten Körper wirft 😉

Vielleicht ein wenig zu sehr der perfekte Über-Schwiegersohn, ich finde ja tätowierte Surfer spannender, aber ich bin ja nun auch wahrlich keine Schwiegersohn-Expertin. Der Mann kann schreiben, was will man von einem Schriftsteller mehr. Für melancholische Besäufnisse gibt es andere Kandidaten.

Etwas langweilig-unaufgeregt war aber auch unsere Bookclub Diskussion. War nämlich keine. Alle mochten das Buch, gab keine Kontroversen, durchgängig eigentlich sehr gute 3,5 – 4 von 5 Sternen. Der Schokoladen-Kuchen hingegen hat für ziemliche Aufregung gesorgt, doch noch ein zweites Stück oder lieber nicht und wieviele Eier sind da wohl drin? Egal, lecker war er und die Verfilmung des Romans würde ich mir auch gerne anschauen.

PS: To my dear book club friends, in case you wonder why I suggested the book 😉
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Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Die Stadt der Diebe“ im Heyne Verlag.

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14 Kommentare zu “City of Thieves – David Benioff

  1. Hab ich mal vor einigen Jahren in der deutschen Übersetzung gelesen, sehr unterhaltsamer Roman mit geschichtlichem Bezug, gibt’s nix dran auszusetzen.
    Liebe Grüße,
    Gerhard

  2. Eine wirklich toll geschriebene Rezension, die Lust auf mehr macht! Das Buch muss ich mir eindeutig mal genauer anschauen. Wie bestimmt ihr denn in eurem Buchclub welche Lektüre als nächstes dran ist?

    • Danke 🙂 Wir sammeln einmal im Jahr Vorschläge, jeder kann 3-4 Bücher vorschlagen, dann wird abgestimmt. Die 12 Bücher mit den meisten Stimmen lesen wir dann. Einma im Monat treffen wir uns, abwechselnd zu Hause und diskutieren das jeweilige Buch. Ach ja Wein und Futter darf auch nicht fehlen 😉

      • Ja, Wein und Futter ist in diesem Zusammenhang auch unerlässlich 😉 Hach, ich hätte auch gern so eine Lesegruppe… Das klingt wirklich wunderbar. Schaffst du denn auch alle 12 Titel zu lesen?

      • Meist schaffe ich so 10 von den 12. Wir versuchen zB Bücher die uns nicht ganz so zusagen dahin zu legen, wo wir zB im Urlaub sind oder so. Aber ja, so etwa 10 von 12 im Jahr davon schon und meistens ist man gerade bei den Büchern besonders positiv überrascht, die man selbst sonst nie gelesen hätte … 🙂

      • Ja mir geht es ähnlich. Ich vertraue meinem Buchhändler da blind und werde eigentlich immer belohnt… Ich finde das bereichert auch unglaublich…

  3. Oooh, eines meiner All-time-Favorites (wenn ich auch gestehen muss, dass ich es nur in der deutschen Übersetzung kenne) ❤ Schade, dass David Benioff seit "Game of Thrones" nicht mehr dazu kommt, Romane zu schreiben 😦 Er sieht übrigens längst nicht mehr wie ein Surfer Boy, sondern eher wie ein Lord aus … hattest du eigentlich Geburtstag, oder wo kommt der leckere Kuchen her?

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