The Three-Body Problem – Cixin Liu

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Foto: audible

Ich war gerade am grübeln, wie ich meine Leidenschaft für Bücher mit der Lust am Laufen und Radln besser verknüpfe, da gab es eine Anfrage, ob ich Interesse an einer Hörbuch-Kooperation habe. „The Three-Body Problem“ war also mein Versuchskaninchen, da ich Hörbücher bislang immer mit „innerhalb-von-5-Minuten-wirkenden-Schlafmitteln“ in Verbindung gebracht habe.

Einschlafen war aber bei der aktuellen Versuchskonstellation keine Option, weder vom Inhalt her, noch war ein Sofa in der Nähe. Ich habe mich auf dem Weg zur Arbeit und zurück, beim Mittagspausen-Spaziergang und wochenends an der Isar lang von Cixin Liu begleiten lassen und was soll ich sagen – das hat richtig gut funktioniert! Das Hörbuch dauerte insgesamt 14 Stunden und 37 Minuten und als ich zum Ende hin so angefixt war, hat mich eine fette Erkältung zwar aufs Sofa und ins Bett gezwungen, aber ich hab deutlich länger als 5 Minuten durchgehalten. Hörbücher müssen also nicht zwangsläufig sofort zum Einschlafen führen, nach einer Weile tun sie es bei mir aber schon. Daher für mich eher Walk & Talk, aber man kann auch sehr problemlos zurückspulen, wenn es dann doch mal passiert.

Der Sprecher Bruno Roubicek hat mir gut gefallen, auch wenn ich insbesondere am Anfang der Geschichte ziemliche Schwierigkeiten hatte, mir die Namen der Charaktere zu merken und sie auseinanderzuhalten. Das wäre mir beim Lesen eventuell etwas einfacher gefallen, als beim bloßen Zuhören, ansonsten hat mir mein Audiobook-Abenteuer ausgesprochen gut gefallen. Ich glaube, audible sieht mich durchaus wieder, denn ich war positiv überrascht, dass viele Hörbücher in deutsch und englisch erhältlich sind und das die Auswahl ganz gut zu sein scheint.

„The Three-Body Problem“ beschäftigt sich vorwiegend mit folgenden Themen und wenn diese auch nur annähernd interessant für euch sind, dann könnte dieser Sci-Fi Thriller absolut was für euch sein:

  • die Kulturrevolution in China
  • die Geschichte der Wissenschaft, insbesondere der Physik
  • die Frage, ob wir Kontakt zu anderen Zivilisationen wirklich wollen würden und welchen Einfluss das auf unsere Zivilisation hätte
  • Ist Wissenschaft eigentlich tatsächlich objektiv und nachweisbar oder sind wir limitiert durch unseren Verstand, der so wirklich mit maximal vier Dimensionen umgehen kann?

Mir gefällt Sci-Fi eigentlich am besten, wenn das „Worldbuilding“ gut funktioniert und meine Ansichten und Paradigmen ordentlich durchgeschüttelt werden. Ich will neues lernen über unsere Welt, andere Welten, über mich und die Protagonisten in der Geschichte. Als ewiger Optimist bin ich sehr davon überzeugt, dass das goldene Zeitalter noch vor uns liegt.

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Foto: LinkedIn

Lin nutzt das „Three-Body-Problem“ der klassischen Mechanik um ein paar furchterregende Fragen mit Blick auf die menschliche Natur zu stellen und was den Kern unserer Zivilisation so ausmacht.

Die Geschichte beginnt mit der Kulturrevolution im Jahr 1967, wo die Astrophysikerin, Ye Wenjie, Zeugin der öffentlichen Exekution ihres geliebten Vaters wird, der von ein paar jungen Frauen der Roten Garde zu Tode gequält wird. Das ist der erste Schritt auf ihrem Weg zur absoluten Missachtung der menschlichen Rasse und führt später dazu, dass sie eine Entscheidung trifft, die das Schicksal der gesamten Menschheit aufs Spiel setzt.

Vierzig Jahre später kommt der Nanomaterial-Forscher Wang Miao mit einem Virtual Reality Computerspiel in Kontakt, das erstaunlich großen Einfluss auf die reale Welt um ihn herum zu haben scheint. Dann gibt es da noch die Trisolaner, eine Rasse die in einem Universum mit drei Sonnen leben, auf einem Planeten dessen Gravität, Hitze und Umlaufbahn sich in konstantem irregulärem Fluss befinden. Kurz vor dem Aussterben sind die Trisolaner zu ziemlich allem bereit, um sich vor der Vernichtung zu retten …

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Foto: Jaywong

Das ungewöhnliche an diesem Sci-Fi Roman ist, dass die Außerirdischen bis kurz vor Schluß gar keinen Auftritt haben, der Roman beschäftigt sich weitaus mehr mit dem nominellen „Three-Body-Problem“, mit Wissenschaftsgeschichte, innovativen wissenschaftlichen Theorien und ab und an auch ziemlich abgefahren-skurillen Theorien. Gelegentlich hatte ich ein „Three-Brains-needed“ Problem, so ein Grundlagen-Crashkurs in Physik kann nicht schaden. Cixin Lius Erklärungen der Theorien fand ich ziemlich gut, aber ab und an war ich doch etwas „lost in space“ und habe insbesondere zum Ende des Buches hin versucht, im Internet Physik-Nachhilfe zu finden, um noch mitzukommen. Tipps wie „solange du die Formel drauf hast, wie sich Himmelskörper in einem Vakuum bewegen geht alles klar“, haben nur marginal geholfen 😉

Die Idee, die Zivilisation der Trisolaner per VR-Video Game vorzustellen, fand ich ziemlich cool und hat mich an Star Treks Holodeck erinnert. Jedes Mal wenn das Spiel neu gestartet wird, findet sich der Spieler in einem fortgeschrittenerem Stadium des wissenschaftlichen Fortschritts der Erde wieder. Wo man anfangs noch chinesischen Kaisern begegnet, spielt man irgendwann an Einsteins Seite.

Wenn ich bislang wenig über die Charaktere gesprochen habe, dann hat das durchaus seinen Grund, denn diese sind der größte Schwachpunkt der Geschichte. So spannend und informativ der Roman ist, die Protagonisten sind eher 1-2D und Entwicklung findet auch eher weniger statt. Über die Persönlichkeiten der Protagonisten könnte ich einfach nicht viel sagen, denn die sind eher reaktiv unterwegs, ihre Weltanschauungen, Vorlieben, Ängste etc. bleiben eher im Dunkeln. Dafür gibt es Punktabzug, dem Lese- oder vielmehr in diesem Fall Hörgenuss hat das keinen Abbruch getan.

Spannend finde ich noch, dass das Buch im heftig zensierten China trotz deutlicher Kritik an der chinesischen Vergangenheit so erfolgreich ist. Würde mich interessieren, wie das im Land diskutiert wurde, dazu kenne ich mich leider viel zu wenig mit China aus.

Das Buch ist in China und den USA ein riesiger Bestseller, der erste Band einer Trilogie von dem bislang nur der erste ins Deutsche übersetzt wurde. Eine Filmadaption ist gerade abgeschlossen, keine Hollywood Produktion, sondern eine chinesische Eigenproduktion und erste Bilder vom Set kann man hier sehen (nach etwa 20 Sek chinesischer Werbung am Anfang):

Cixin Liu hat 2015 den in der Sci-Fi Welt sehr renommierten Hugo Award gewonnen. Das Barack Obama ihn auf seiner Sommer-Leseliste hatte, hat dem Roman sicherlich gut getan und ihm den Weg in den Mainstream gebahnt. Ein außergewöhnlicher Sci-Fi Thriller, der mir sehr gut gefallen hat. Ich freue mich auf die zwei weiteren Bände und kann den Roman jedem empfehlen, der Spaß an „hard Sci-Fi“ hat, der mal nicht einem typisch westlichen Plot folgt, der gelegentlich zur Überhitzung der Synapsen führen kann und auf jeden Fall Lust auf mehr Sci-Fi aus allen möglichen Ecken der Welt macht.

Hier noch ein Erklärungsversuch, notfalls glühende Synapsen mit chinesischem Dosenbier kühlen 😉

https://www.wired.com/2016/06/way-solve-three-body-problem/

Eine weitere positive Rezension findet ihr bei letusreadsomebooks.
Brasch & Buch konnte sich eher weniger damit anfreunden.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Die Drei Sonnen“ im Heyne Verlag.

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The Power – Naomi Alderman

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Da hatte Margaret Atwood tatsächlich recht. Dieser Roman hat mich aus den Socken gehauen. „The Power“ ist die außergewöhnliche Geschichte, wie sich das Kräfteverhältnis in der Welt verändern würde, wenn Frauen plötzlich diejenigen wären, die die „Power“ hätten und es ist gleichzeitig ein provokant-feministischer Blick auf unsere gegenwärtige Welt.

Die Geschichte beginnt in etwa 2000 Jahren, in der unsere Gegenwart als die „Cataclysm Era“ bezeichnet wird, denn sie endete mit einem weltweiten katastrophalen Krieg, aus der neue Zivilisationen hervorgingen. Zu Beginn des Buches leben sie in einer Gesellschaft, die der unseren ähnlich ist. Der einzige große Unterschied ist, dass nach der Katastrophe alle Frauen mit einem Skein geboren werden. Einem internen Organ, das Energiestöße freisetzen kann, die so heftig sein können, das man jemanden damit verletzen, kontrollieren, töten aber auch heilen kann – genannt „the Power“.

Frauen wurden durch diese Entwicklung immer mächtiger und alle Gesellschaften, die ab dem Zeitpunkt historisch erwähnt werden, sind Matriarchate. Wir erfahren all das über die Zukunft, über den Email-Austausch zwischen dem Autor des „historischen Textes“und der Redakteurin jeweils am Anfang und Ende des Romans. Der Roman selbst beschäftigt sich mit dem, was der Autor (ein Mann) als Auslöser für die Katastrophe annimmt. Der Roman den wir lesen spielt also zu unserer Zeit in unserer patriarchalischen Welt und beginnt mit dem Moment, in dem die ersten Frauen mit einem Skein und somit der Power geboren werden und wie zeigt, wie schnell sich das Kräfteverhältnis in der Welt von den Männern zu den Frauen hin verschoben hat.

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Alderman beschäftigt sich mit der Idee, das Power immer eine korrumpierende Sache ist, die Menschen dazu bringt schlimme Dinge zu tun, einfach nur weil sie können, unabhängig, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Auch wenn man sich vielleicht erhoffen würde, Frauen würden mit einer solchen Power besser umgehen, hat Aldermanwahrscheinlich recht. Wer Power hat, der nutzt sie wohl meistens auch, obwohl es auch immer Ausnahmen gibt.

Frauen sind Männern nicht moralisch überlegen und zu schrecklichen Dingen ganz genauso befähigt. All die schrecklichen Dinge, die Frauen in diesem Roman Männern antun, passieren jeden Tag auf unseren Straßen. Männer, die Angst haben alleine durch dunkle Straßen zu gehen, die es vermeiden, Frauen in die Augen zu sehen aus Angst, sie zu provizieren, Frauen, die die Arbeit von Männern als die ihre ausgeben oder Guerilla-Frauen, die die Geschlechtsteile von Männern verstümmeln oder Männer vergewaltigen und es filmen – all das sind „normale“ Geschehnisse für Frauen, die irre provakant wirken, wenn die Rollen dabei vertauscht sind.

“This is the trouble with history. You can’t see what’s not there. You can look at an empty space and see that something’s missing, but there’s no way to know what it was.”

“It doesn’t matter that she shouldn’t, that she never would. What matters is that she could, if she wanted. The power to hurt is a kind of wealth.”

Wer jetzt Sorge hat, dass es sich hierbei um ein durch und durch dunkel-verstörendes Buch handelt, den kann ich beruhigen. Es gibt eine Menge Humor im Buch, insbesondere im Email-Austausch zwischen dem Autor und der Redakteurin.

“The truth has always been a more complex commodity than the market can easily package and sell.”

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Naomi Alderman ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die ich bislang so kennenlernen durfte. Sie ist unglaublich intelligent, witzig und charismatisch. Ich hatte das Glück, sie ein Wochenende lang auf dem Reading Weekend in Tilton House zu erleben und ich war mega beeindruckt von ihr. Sie studierte Philosophie, Politik und Ökonomie in Oxford und ihr Vater ist ein bekannter jüdischer Historiker. Naomis Debutroman „Ungehorsam“ ist eine Geschichte über die lesbische Tochter eines Rabbis und wird aktuell mit Rachel McAdams und Rachel Weisz verfilmt.

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Foto: Rolexmentorprotege.com

2012 war sie ein Jahr lang Protege von Margaret Atwood im Rahmen des Rolex-Mentor-Programmes, in dem erfahrene Meister ihres Faches mit jungen Talenten für ein Jahr one-on-one Austausch zusammengebracht werden. Der Roman „The Power“ ist unter anderem Resultat dieses fruchtbaren Austausches.

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In Tilton House las sie aus ihrem Roman „The Liars Gospel“, in der es um die Geschichte der Belagerung von Jerusalem geht, erzählt aus vier unterschiedlichen Perspektiven (Maria der Mutter von Jesus, Judas Ischariot, Kaiphas und Barabbas).

Neben all dem fand sie auch noch die Zeit, an der Running-App von „Zombie Run“ mitzuarbeiten. She’s got the Power 😉

Auf deutsch ist es unter „Die Gabe“ im Heyne Verlag erschienen.

 

Short but Sweet

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Dieser Blog ist ja auch der schonungslose Einblick in die Tiefen der Bingereaderschen Leseseele. Kein Buch bleibt unerwähnt, aber da ich nicht immer Lust auf ausführliche Rezensionen habe und mir dann vermutlich auch nicht genug Zeit zum Lesen bliebe, hier mal ein Rundumschlag des bislang Unbesprochenen der letzten Wochen:

The Humanoids – Jack Williamson

Auf einem nicht benannten Planeten leitet der Physiker Forester ein geheimes Regierungsprojekt, bei dem es um die Konstruktion einer „rhodomagnetischen“ Bombe geht. Kurz darauf erscheinen „Humanoiden“ auf dem Planeten, die sich allerdings aus seiner Sicht innerhalb kürzester Zeit eher als Fluch denn als Segen herausstellen. Die Humanoiden haben die Direktive den Menschen zu dienen und zu gehorchen, nehmen ihnen jegliche Tätigkeit ab und versuchen, sie vor sämtlichen Gefahren zu schützen. Da aber schon Sport zu den als gefährlich angesehen Dingen gehöret, langweilen die Menschen sich schnell und wissen mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen.

Um die Menschen ruhig zu halten, verpassen die Humanoiden ihnen eine gehirnwäsche-artige Pille, die rundherum glücklich macht und „Euphoride“ heißt. Auch Foresters Projekt wird abgesetzt, da es als zu gefährlich gilt für ihn.

Der Roman beschäftigt sich mit dem Zwiespalt zwischen Sicherheit und Freiheit. Das schien sich grundsätzlich auszuschließen und es muss immer zwangsläufig zu einem Kompromiss kommen. Wird der Mensch es jemals schaffen, eine gesunde Balance zwischen beidem zu erreichen?

Geschrieben wurde das Buch schon 1949 und ich fand es unglaublich aktuell. Es ist ziemlich pseudo-wissenschaftlich mit all den rhodo-magnetischen Energiespektren, ich fand aber den Quantentheoretischen Ansatz zum Beamen nicht uninteressant. Klare Empfehlung für alle, die sich auch gerade mit Artifical Intelligence, Robotern etc beschäftigen und gute Unterhaltung suchen.

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Logicomix: Eine epische Suche nach Wahrheit – Apostolos Doxiadis

Eine phantastische Graphic Novel, die sich mit den wackeligen Grundfesten der Mathematik beschäftigt und der Odyssee des Philosophen und Mathematikers Bertrand Russell, der auf der Suche nach der absoluten mathematischen Wahrheit war. Seine Suche bringt ihn mit Mathematikern wie Gottlob Frege, Kurt Gödel und anderen zusammen und er findet in Ludwig Wittgenstein einen leidenschaftlichen Schüler, der sich später von ihm distanziert. Eine Suche, die viele Denker auch durchaus an den Rand oder mitten in den Wahnsinn hinein getrieben hat.

Es ist auch Russells persönliche Lebensgeschichte, seine Haltung als Pazifist im Krieg und seine endlose Suche nach der absoluten Wahrheit, die nicht nur sein privates Glück, sondern auch seine Karriere zu zerstören droht. Logicomix beleuchtet den immerwährenden Konflikt zwischen idealer Rationalität und der gar nicht perfekten und fehlerhaften Realität.

“The oldest story around: Instinct, Emotion, and Habit get the better of human beings.”

Wer nur eine Graphic Novel dieses Jahr lesen will oder überhaupt mal ausprobieren dem lege ich diese ans Herz.

“It’s been said before: ‚The sleep of reason produces monsters.”

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„Normal“ – Warren Ellis

In dieser dünnen Dystopie geht es um Menschen, die professionell in den Abgrund schauen und denen dann das passiert, wovor Nietzsche schon warnte: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ So jemand ist Adam Dearden, von Beruf „Zukunftsstratege“ eine Sparte, die zivilen Ursprung hat und sich mit Themen wie Geoengineering oder auch Smarte Städte beschäftigt und grundsätzlich Wege zu finden sucht, wie der drohende Untergang zu vermeiden ist. Die zweite Gruppe Futuristen die es gibt sind die „Strategischen Prognostiker“, die ebenfalls versuchen, dem Untergang zu entgehen, sich aber auf militärische Dinge konzentrieren wie Kriegsführung mit Dronen, geopolitische Aufstände etc.

„People who have tried to look into the future in order to try to save the world and have been driven insane by it. The worst kind of insanity, Adam Dearden. We’ve all been sent mad by grief.“

Die erste Gruppe wird von Nonprofit-Organisationen bezahlt, die zweite von Firmen und globalen Sicherheitsgruppen. Beide Gruppen mögen sich nicht sonderlich, teilen aber ein gemeinsames Schicksal. Wer gut ist in seinem Job und sich Tag und Nacht mit den dunklen Seiten der Zukunft beschäftigt, landet irgendwann unweigerlich mit dem Syndrom „Abyss Gaze“ in „Normal“, einer Psychiatrischen Klink gemeinsam gesponsert von den Non Profits und den Konzernen, um die Futuristen wieder fit zu machen.

„The future arrived a couple of weeks ago and nobody noticed. Because that’s how the future always arrives. You don’t realize it’s here until you bump into it.“

Die Klinik „Normal Head“ liegt in der Wildnis Oregons innerhalb eines experimentellen Waldes. Auch Adam Dearden wird mit einer heftigen Form von „Abyss Gaze“ eingeliefert, die ersehnte Abschottung und Ruhe dauert jedoch nur einen Tag. Dann verschwindet ein Patient aus einem verschlossenen Zimmer und alles, was von ihm überbleibt ist ein riesiger Haufen lebender Insekten. Dearden versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und kommt dabei einer Verschwörung auf den Grund, die die Grundfeste erschüttert wie wir über die Zukunft denken.

Düster und atmosphärisch, für paranoide Philip K Dick („Dickheads“) und „Was wäre wenn-Fans“ – unbedingt lesen.

„The thing about the future is that it keeps happening with you.“

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„Schnell, Dein Leben“ – Sylvie Schenk

Ein kurzer, wahnsinnig dichter Roman, der mir sonst durch die Lappen gegangen wäre, wenn ich ihn nicht wunderbarerweise vom Hanser-Verlag zugeschickt bekommen hätte. Das Leben in diesem Roman rauscht so schnell vorbei wie das eigene.

Louise wächst in den den französischen Alpen auf. Sie studiert in den 50er Jahren in Lyon, geht in Jazzkneipen, trifft spannende Leute, hat ersten Sex mit dem melancholischen Henri, der unter der Ermordung seiner Eltern im zweiten Weltkrieg leidet. Sie trennt sich von ihm und verliebt sich in den Deutschen Johann. Sie heiraten, leben gemeinsam in Deutschland und kommen immer wieder mit der Schuld der Deutschen und konkret auch mit Johanns Eltern in Kontakt.

Ein Buch, das sich mit Verantwortung beschäftigt und der Schwierigkeit, mit der eigenen Familie über Schuld zu sprechen. Der Stil ist gewöhnungsbedürftig, denn es wurde ausschließlich im Imperativ geschrieben. Eine wahnsinnig gute Sätze gibt es im Buch, ich teile hier nur einen, schließlich ist es ein dünnes Büchlein:

„Die Herkunft deiner Mutter war ein Tabu. Auch du hast deine Mutter totgeschwiegen. Aber manchmal, wenn du heute beobachtest, wie selbstverliebte Menschen von ihren verkrachten Existenzen in Fernsehsendungen berichten oder im Internet ihre kleinsten seelischen Regungen ausbreiten, empfindest du viel Mitgefühl und Zuneigung für diese Eltern, die nicht so viel Aufhebens um sich selbst gemacht haben, ihre Kindheitstrauma nicht breitgeschlagen haben, dem eigenen Kummer das Recht streitig gemacht haben, das Leben anderer zu verdunkeln, weil es nichts ändert zu klagen, weil man nur damit auffällt und andere belästigt.“

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„My Name is Lucy Barton“ – Elizabeth Strout

Unsere November-Lektüre im Bookclub hat wieder einmal für heiße Diskussionen gesorgt. Ein dünnes Büchlein, dem man soviel explosiven Diskussionsstoff gar nicht zugetraut hätte. Kalt gelassen hat es niemanden. Es ist – um es gleich vorneweg zu nehmen – sehr gut geschrieben, das Wesentliche des Buches besteht in dem, was zwischen den Zeilen steht, was nicht erzählt und angesprochen wird.

Lucy Barton liegt im Krankenhaus wo sie mit Komplikationen nach einer einigermaßen einfachen Operation zu kämpfen hat. Ihre Mutter, zu der sie seit Jahren kaum Kontakt hat, besucht sie im Krankenhaus. Sie kommunizieren Klatsch und Tratsch über die gemeinsamen Bekannten aus der Heimat in Illionois miteinander, ohne wirklich unter die Oberfläche zu gehen. Dort, wo unerfüllte Sehnsüchte, Spannungen und Verletzungen liegen.

Lucy konnte ihrer „white trash“ Familie entkommen, lebt in New York und versucht Schriftstellerin zu werden. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und doch kann sie ihren Kindheitstraumata nicht wirklich entkommen.

“Then I understood I would never marry him. It’s funny how one thing can make you realize something like that. One can be ready to give up the children one always wanted, one can be ready to withstand remarks about one’s past, or one’s clothes, but then–a tiny remark and the soul deflates and says: Oh.”

Mir war Lucy etwas zu passiv, hat zu wenige Ansprüche an ihre Mutter gestellt, aber vielleicht kommen da persönliche Befindlichkeiten meinerseits mit rein. Ein Roman, den ich grundsätzlich gerne gelesen habe, auch wenn ich „Olive Kittridge“ für ihr weitaus stärkeres Buch halte.

“But I think I know so well the pain we children clutch to our chests, how it lasts our whole lifetime, with longings so large you can’t even weep. We hold it tight, we do, with each seizure of the beating heart: This is mine, this is mine, this is mine.”

Hier noch eine schöne Besprechung von letteratura.

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„Die Juristische Unschärfe der Ehe“ – Olga Grjasnowa

Eine interessante Geschichte mit spannenden, wenn auch nicht unbedingt sympatischen Charakteren, temporeich erzählt mit den kurzen Kapiteln. Bin ziemlich durchgebraust durch den Roman. Es geht um Leyla und Altay, die eine Scheinehe führen, um ihre Familien nicht mit ihrer Homosexualität zu konfrontieren. Sie leben ein cooles, bohemian Leben in einer Berliner Altbauwohnung und beide schleppen hin und wieder Partner für eine Nacht ab, lassen sich aber auf nichts ernstes ein. Sie leben ihre Zerrissenheit miteinander aus und stärken sich gegenseitig.

Das ändert sich, als die beiden Jonoun treffen, eine Frau, die mehr als eine flüchtige Beziehung für Leyla ist und Altay fühlt sich von ihr bedroht. Hat Angst um seine bequeme und glückliche Ehe mit Leyla, die ihm sicher zu sein scheint. Er ist nach einer unglücklichen Liebe vollkommen unfähig sich neu zu verlieben.

Gut gefallen haben mir die Beschreibungen der Städte in Russland und im Kaukasus, den Einblick in das Leben einer Ballerina am Bolschoi-Theater und auch der Einblick in den homosexuellen Alltag in Russland.

Zum Ende hin hat Frau Grjasnowa mich allerdings verloren. Das wirkte abrupt, als hätte sie keine Lust mehr gehabt. Ja und vermutlich mochte ich auch nicht den Beigeschmack, den das Ende für mich hatte und der Wasser auf die Mühlen der „Homosexualität ist eine Wahl“-Freaks ist. Aber vielleicht bin ich da auch zu empfindlich.

„Dort wirst du doch auch nur unter bestimmten Umständen akzeptiert. Was wärst du bloß für ein Schwuler, wenn du dich nicht gut anziehen, dich für Innendesign, Avantgardemusik, Kochen und Lifestyle interessieren würdest?“

„Der Westen braucht den Diskurs über Homosexualität um sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern.“

Kennt ihr eines der vorgestellten Bücher? Wie war eure Leseerfahrung ? Ähnlich ganz anders oder konnte ich vielleicht den einen oder anderen auf eines der Bücher neugierig machen? Ich hoffe doch.

So long und jetzt muss ich erst noch mal meinen Darth Vader anwerfen, ich liebe es wenn er tanzt …

  • Jack Williamson – „The Humanoids“ auf deutsch unter „Wing 4“ bei Heyne erschienen
  • Apostolos Doxiadis – „Logicomix“ erschienen im Atrium Verlag
  • Warren Ellis – „Normal“ erschienen bei Farrar/Straus & Giroux Verlag
  • Sylvie Schenk – „Schnell Dein Leben“ erschienen im Hanser Verlag
  • Elizabeth Strout – „My name is Lucy Barton/Die Unvollkommenheit der Liebe“ erschienen im Luchterhand Verlag
  • Olga Grjasnowa – „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erschienen im dtv Verlag

City of Thieves – David Benioff

 

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Als ich David Benioffs Foto auf dem Buchrücken sah, hielt ich ihn für einen freundlichen, gutaussehenden Surfer-Boy, der, wie es schien, die Geschichte seiner Großeltern aufgeschrieben und einen Überraschungserfolg damit gelandet hatte. So hatte ich das beim Lesen zumindest in meinem Kopf konstruiert und Benioff hat das, zum einen durch die Namensgleichheit seines Protagonisten, als auch durch das Schreiben in der ersten Person auch deutlich unterstützt.

„City of Thieves“, die April-Lektüre unseres Buchclubs ist ein spannender, unterhaltsamer, gut geschriebener Roman über die Belagerung Leningrads während des Zweiten Weltkriegs. Erzählt wird die Geschichte von Lev, einem jüdischen Jungen, der allein in Leningrad zurückgeblieben ist, um die Stadt zu verteidigen und Kolya, einem jungen Soldaten der Roten Armee. Beide landen aus unterschiedlichen Gründen in der gleichen Gefängniszelle und warten dort eine Nacht lang auf den sicheren Tod. Am nächsten Morgen werden sie aber nicht exekutiert, sondern statt dessen ins Haus eines hohen Militärs gebracht und bekommen dort eine ziemliche unlösbare Aufgabe. Sie müssen für den Hochzeitskuchen seiner Tochter 12 Eier besorgen und das im eingeschlossenen Leningrad, wo es nicht einmal mehr Ratten gibt und die Menschen aus alten Büchern „Library-Candy“ basteln, um nicht komplett zu verhungern. Machen Sie das Wunder wirklich und treiben die Eier auf, erhalten sie ihre Lebensmittelrationskarten und ihre Freiheit zurück….

Der Roman zeigt in eindringlichen Bildern wozu Menschen im Krieg fähig sind, wenn sie ums Überleben kämpfen. Lev und Kolya erleben auf ihrer seltsamen, gefährlichen und irgendwie fast schon komischen Suche nach den Eiern unglaubliche Horror-Szenarien. Sie werden mit Tod, Hunger, Kanibalismus, Folter und anderen Schrecken konfrontiert. Die beiden so unerschiedlichen Charaktere, der ernste zurückgezogene Lev und der draufgängerische humorvolle Kolya, der sich aus jeder Situation herausreden kann, entwickeln eine tiefe Freunschaft im Verlauf der Geschichte.

“I’ve always envied people who sleep easily. Their brains must be cleaner, the floorboards of the skull well swept, all the little monsters closed up in a steamer trunk at the foot of the bed.”

“Talent must be a fanatical mistress. She’s beautiful; when you’re with her, people watch you, they notice. But she bangs on your door at odd hours, and she disappears for long stretches, and she has no patience for the rest of your existence; your wife, your children, your friends. She is the most thrilling evening of your week, but some day she will leave you for good. One night, after she’s been gone for years, you will see her on the arm of a younger man, and she will pretend not to recognize you.“

Das Buch liest sich von der ersten Seite an wie ein Road movie. Es ist sehr unterhaltsam geschrieben, ein großes Abenteuer, aber auch ein Lehrstück über die Belagerung Leningrads. Ein Buch, das geradezu nach Verfilmung schreit. Von meiner ursprünglichen Einschätzung David Benioffs als lässiger Surf-Dude, der mit der Erzählung der Geschichte seiner Großeltern einen Überraschungserfolg gelandet hat, lag ich allerdings Lichtjahre daneben.

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Benioff ist mehr ein Midas, der alles in Gold verwandelt, was er anfasst. Er ist nicht nur ein Autor, dessen erstes Buch gleich verfilmt wurde (den grandiosen Film „The 25th Hour müßt ihr euch unbedingt einmal ansehen, das Buch selbst kenne ich nicht), er ist Drehbuchautor unter anderem für „Game of Thrones“ und bekam schon für seinen ersten Drehbuch-Entwurf „Troy“ 2,5 Mio $. Wow. Nicht das stereotype Bild des leidenden Künstlers, der seinen Schmerz genial verarbeitet, sondern eher ein sehr smarter fleißiger Businessman, der genau weiß wie man einen Treffer landet. Erfolgreich, groß, gutaussehend, natürlich glücklich mit einer Schauspielerin verheiratet, 3 Kinder… und man spürt förmlich, dass er jeden Morgen um 6 aufsteht, 10km joggen geht, fürchterlich gesunde Smoothies trinkt und nur Paleo-Kost in den gestählten Körper wirft 😉

Vielleicht ein wenig zu sehr der perfekte Über-Schwiegersohn, ich finde ja tätowierte Surfer spannender, aber ich bin ja nun auch wahrlich keine Schwiegersohn-Expertin. Der Mann kann schreiben, was will man von einem Schriftsteller mehr. Für melancholische Besäufnisse gibt es andere Kandidaten.

Etwas langweilig-unaufgeregt war aber auch unsere Bookclub Diskussion. War nämlich keine. Alle mochten das Buch, gab keine Kontroversen, durchgängig eigentlich sehr gute 3,5 – 4 von 5 Sternen. Der Schokoladen-Kuchen hingegen hat für ziemliche Aufregung gesorgt, doch noch ein zweites Stück oder lieber nicht und wieviele Eier sind da wohl drin? Egal, lecker war er und die Verfilmung des Romans würde ich mir auch gerne anschauen.

PS: To my dear book club friends, in case you wonder why I suggested the book 😉
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Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Die Stadt der Diebe“ im Heyne Verlag.

Stolz und Vorurteil und Zombies – Seth Grahame-Smith & Jane Austen

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Was für ein wundervoll abgefahrenes Erlebnis. Als ich „Stolz und Vorurteil und Zombies“ aus einem norddeutschen Ramschtisch in einem Supermarkt (!!!) rettete, hätte ich mir nie träumen lassen, wie gut Zombies sich in Austens Welt einbetten lassen. Manchmal so gut, dass ich mir gelegentlich überlegt habe, ob Jane Austen dieses Buch nicht tatsächlich selbst geschrieben hat, am Ende Muffensausen bekommen hat und die Zombies nachträglich wieder rausgeschrieben hat 😉

“The business of Mr. Bennett’s life was to keep his daughters alive. The business of Mrs. Bennett’s was to get them married.”

Eine mysteriöse Plage befällt England und damit auch das ruhige kleine Dorf Meryton. Hordenweise Untoter erheben sich aus ihren Gräbern und plötzlich sind Etiquette und Anstand, Einladungen zum Tee und mögliche Heiratskandidaten die geringsten Probleme, mit denen sich die Protagonisten dieses Romans herumschlagen müssen.

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Elizabeth Bennet und ihre Schwestern sind in der ganzen Nachbarschaft berühmt-berüchtigt für ihr hervorragendes Training in einem Shaolin-Kloster und ihre dort erworbenen hervorragenden Zombie Kampfkünste. Wenn die 5 Schwestern sich Kill-Bill-artig zum Todesstern zusammenfinden, fliegen sofort Gliedmaße durch die Gegend, Blut fließt literweise und zuckende abgeschlagene Zombie-Köpfe zieren das vornehme Parkett.

“Elizabeth lifted her skirt, disregarding modesty, and delivered a swift kick to the creature’s head.”

Miss Bennet, I am quite aware of your superior talent for cutting down the Lord’s forsaken flock. I merely mean to spare your gown.‘
Thank you,‘ said Elizabeth, composing herself, ‚but I should rather my gown be soiled than my honor.”

Viele Horror-Geschichten (und auch Filme) sind in der Regel nicht gerade von grandioser Qualität und oft einfach nur beschissen geschrieben. Daher ist es eine ziemlich clevere Idee, den erstklassigen Austen-Text zu nehmen, diesen zum Großteil unangetastet zu lassen und ihn mit einer guten Prise frisch auferstandener blutdürstiger Zombies zu versehen. Wäre ich Englisch-Lehrerin, ich würde das Buch in der Schule lesen und wenn sie etwas angefixt sind, gleich noch ein paar Austens und Brontes hinter her schieben.

Das Buch ist richtig blutig und nix für Zartbesaitete, hat aber auch eine Menge Humor. Meine liebste Passage war die, in der Elizabeth so wütend ist auf Mr Darcy nach seinem Antrag, dass sie ihn erstmal ordentlich verdrischt und er leicht lädiert am Kaminsims landet.

“Of all the weapons she had commanded, Elizabeth knew the least of love; and of all the weapons in the world, love was the most dangerous.”

Bislang hatte ich Mr. Darcy immer für ein ziemliches Weichei gehalten, in dieser Variante der Geschichte kommt er für mich deutlich besser weg.

“Elizabeth: „Your balls, Mr. Darcy?“
Darcy: „They belong to you, Miss Bennett.”

“Elizabeth, having rather expected to affront him, was amazed at his gallantry; and Darcy had never been so bewitched by any woman as he was by her. He really believed, that were it not for the inferiority of her connections, he should be in some danger of falling in love, and were it not for his considerable skill in the deadly arts, that he should be in danger of being bested by hers–for never had he seen a lady more gifted in the ways of vanquishing the undead.”

Es war übrigens reiner Zufall, dass ich „Stolz und Vorurteil und Zombies“ jetzt gelesen habe. Das Buch hatte sich in meinem SUB einfach gerade nach oben gearbeitet, trotzdem ein witziger Zufall, dass während meiner Lektüre die Verfilmung des Buches Premiere hatte. Den werde ich mir auf jeden Fall anschauen.

 

The Martian – Andrew Weir

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So, letzte Rezension des Jahres meine Lieben: Andrew Weir ist ein Software Engineer, der in seiner Freizeit auf seinem Blog eine Geschichte erfand von einem Astronauten, der bei der ersten Mars-Mission der Nasa versehentlich auf dem Planeten vergessen wird. Mehr und mehr Fans der Geschichte fanden sich auf seinem Blog, rezensierten, verbesserten, machten Vorschläge und halfen Weir bei der Entstehung. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, als Weir irgendwann feststellte, dass sich seine „kleine Geschichte“ in eine literarisch/cinematografischen Super Nova verwandelt hatte. Nur ohne die Selbstvernichtung am Ende, hoffe ich doch.

Marc Watney, der gestrandete Astronaut, mit unzulänglichen Ressourcen ausgestattet, muss um sein Leben experimentieren und einem naturwissenschaftichen MacGyver gleich schnellstmöglich rausfinden, wie er in dieser unwirtlichen Umgebung überleben kann, bis mögliche Rettung nahen kann. Mark ist der siebzehnte Mensch, der den Mars betritt und der Plan war eigentlich, dass er mit seinen fünf Kollegen eine erste einmonatige Mars-Mission durchführt, um anschließend als Helden auf die Erde zurückzukehren. Am sechsten Tag muss die Mission sturmbedingt abgebrochen werden und Mark bleibt zurück, da man ihn nach einem Unfall für tot hält. Die Vorräte in der Station reichen maximal für ein paar Monate und das nächste Raumschiff kommt in etwa vier Jahren.

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Foto: Nasa

”So that is the situation. I’m stranded on Mars. I have no way to communicate with Hermes or Earth. Everyone thinks I’m dead. I’m in a Hab designed to last thirty-one days. If the oxygenator breaks down, I’ll suffocate. If the water reclaimer breaks down, I’ll die of thirst. If the Hab breaches, I’ll just kind of explode. If none of those things happen, I’ll eventually run out of food and starve to death. So yea. I’m fucked.”

„I have to science the shit out of it“

“Actually, I was the very lowest ranked member of the crew. I would only be “in command” if I were the only remaining person.”
What do you know? I’m in command” 

“Yes, of course duct tape works in a near-vacuum. Duct tape works anywhere. Duct tape is magic and should be worshiped.” 

Das ist hardcore faktenbasierte Science-Fiction, die Andrew Weir hier präsentiert, und wer auf Roland Emmerich ähnliche Begegnungen mit Außerirdischen oder schicke Raumschiffe hofft, der dürfte das Buch gegebenenfalls schnell in die Ecke werfen. Ich hatte keine wirkliche Idee was mich erwartet, höchstens vielleicht die Hoffung, dass mein „Space-the-Final-Fronteer-Geek“ in mir auch literarisch mal wieder Futter bekommt. Und das ist auf jeden Fall gelungen. Hatte ich anfangs vielleicht noch kurz Hoffnung, mir für den Fall, das ich mal auf dem Mars strande, entsprechendes Überlebenswissen anzueignen, musste ich schnell einsehen, dass ich dazu in allen möglichen Fächern deutlich besser hätte aufpassen müssen. Mark Watney ist Ingenieur und Botanist, eine ungewöhnliche aber in diesem Fall perfekte Mischung. Ich mochte Mark vom ersten Moment an, ich hab mit ihm mit gelitten, gehungert und wollte so sehr, dass er überlebt, ich hab mich beim Lesen fast nicht auf die Toilette getraut, damit nur nichts passiert, während ich weg bin 😉

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Foto: Nasa

“Mars keeps trying to kill me.
Well… Mars didn’t electrocute Pathfinder. So I’ll amend that:
Mars and my stupidity keep trying to kill me.”

Vor allen Dingen mochte ich seinen Humor und seinen Sarkasmus. Wäre mir das passiert, ich hätte mir vor lauter Angst in die Büx gemacht und das nicht nur einmal. Er flachst sich durch die aussichtslosesten Situationen, macht Wortspiele und ist überhaupt jemand, der sich selbst nicht fürchterlich ernst nimmt. Vielleicht liegt darin aber auch meine einzige Kritik an dem Buch. Ich hätte gerne auch etwas mehr darüber gelesen, wie Mark mit der Einsamkeit umgeht, wie er sich vielleicht auch mal bei komischen Geräuschen fürchtet, obwohl natürlich klar ist, dass da niemand sein kann, ebenso, was es psychologisch mit ihm macht, ganz alleine jeden Tag um sein Leben kämpfen zu müssen.

“I told NASA what I did. Our (paraphrased) conversation was:
Me: “I took it apart, found the problem, and fixed it.”
NASA: “Dick.”

Das ist großartige Science-Fiction die zeigt, wie wichtig, spannend und ganz und gar nicht dröge theoretisch Naturwissenschaft sein kann, wenn man Antworten auf Fragen sucht wie zB Wie stelle ich Sauerstoff her ? Wie erzeuge ich Wasser? Wie zur Hölle baue ich Kartoffeln auf dem Mars an etc. Dieses Buch sollte zur Standardlektüre in der Schule werden. Gemeinsam lesen, die Experimente durchführen, die Schüler eigene Ideen ausprobieren lassen – so stelle ich mir aufregenden Unterricht in Mathe, Englisch, Physik, Bio, Chemie – warum nicht auch im Werken vor. Da könnte man einen Mars-Rover bauen…

Ich ärgere mich immer noch, dass ich „The Martian“ im Kino verpasst habe, der wäre sicherlich was für die große Leinwand gewesen. Hier der Trailer, ich will den jetzt endlich unbedingt sehen *grmpf*

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Marsianer“ im Heyne Verlag.

Kill Your Friends – John Niven

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Kick ass or kiss ass könnte vielleicht die Unter-Überschrift dieses nicht zu Unrecht in der einer Hardcore Reihe erschienenen Romans lauten. Als bekennender Musikjunkie war ich schnell davon zu überzeugen, diesen Krimi zu lesen, auch wenn das ein Genre ist, mit dem ich mich in den letzten Jahren eher weniger beschäfigt habe. So much to read, so little time.

Steven Stelfox ist A&R (Artists & Repertoire) Manager bei einer großen Plattenfirma in London Mitte der 90er Jahre.Für Musik interessiert sich eigentlich überhaupt niemand mehr, aber alle sind stets und ständig auf der Suche nach dem nächsten großen Hit. Alle sind permanent auf Droge, haben unentwegt Sex und finden nirgendwo mehr Stabilität. Als Steven’s Erfolg nachlässt und seine bislang bewährte Taktik, nach oben kriechen und nach unten treten, nicht mehr so ziehen will, sieht er seine Karriere bedroht und greift zu radikalen Mitteln.

Ich bin kein Weichei glaube ich, aber die Sprache ist heftig und definitv gewöhnungsbedürftig. „Kill your Friends“ ist eine bitterböse Satire auf die Musik- und Plattenindustrie, aber Satire hin oder her, ich hatte gelegentlich etwas damit zu kämpfen, seitenweise über Typen zu lesen, die wütend mit Schaum vorm Mund durch die Gegend koksen, jeden Hintern ficken, den sie finden können und es war einfach weit und breit kein Mensch in Sicht, der auch nur ansatzweise symphatisch war.

„Wenn es Dein Geschäft ist, auch noch die allerletzte Scheiße an die großbritische Öffentlichkeit zu verkaufen, ist eines, was du sehr schnell lernst, dass es nach unten hin keine Grenzen gibt“

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„Seid auf der Hut vor den Kleinen, denke ich bei mir. Seid immerzu auf der Hut vor den Kleinen. Sie machen euch jederzeit fertig. Denn sie vergessen niemals. All da Leid, das sie in der Schule ertragen mussten. Immer und immer wieder, den ganzen Rest ihres erbärmlichen, kleinen Lebens. Irgendjemand muss dafür bezahlen“

„Scheißamis. Sie klettern vom Stepmaster, springen kurz bei Tofu-World rein, um sich ihr Frühstück zu holen, und sitzen pünktlich um acht Uhr morgens hinter ihren Schreibtischen. Es ist zum Kotzen.“

Trotzdem hat mir der Roman gefallen, denn ich glaube, er zeichnet insgesamt ein stimmiges Bild der Musikindustrie zu dieser Zeit. 1997 war London einfach nur wild. Das war New Labour, Britpop und Triphop und die Firmen schwammen nur so in der Kohle. Ich war gerade aus dem leicht puritanischen Schottland angekommen und ziemlich geflasht. Ich glaube, die Musikindustrie war einfach die um einiges gesteigerte Potenzierung der Alkoholbranche, in der ich damals als Newbie mein Unwesen trieb. Ich erinnere mich noch gut an Mittagessen für 300-400,- Pfund und die Taxiheimfahrten an mindestens 2 Abenden der Woche auf Firmenkosten oder die permanente Nutzung des Chauffeurdienstes für irgendwelche privaten Ausflüge und meterlange Kokslinien auf den Klos. All das hat dieser Roman wirklich gut eingefangen.

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Es ist ein witziges Buch, wenn auch immer wieder hart an der Grenze zum Geschmacklosen entlangschlitternd und gelegentlich hatten Niven und ich auch eine sehr unterschiedliche Auffassung von Humor. Auf dem Buchrücken heißt es „Das American Psycho der Musikindustrie“ – das könnte stimmen, allerdings habe ich „American Psycho“ noch nicht gelesen. Irgendwo im Netz habe ich eine sehr passende Beschreibung gefunden: „John Niven is what would happen if Nick Hornby got into a terrible car crash and punctured the lobe where politeness lives“. Das trifft es.

Definitiv kein Buch für jeden, aber wenn die Weltliteratur mal Pause hat schon spannend für Musikfreaks und/oder Leute, die das London der 90er kennen oder besser verstehen wollen.

Legt Euch einen Britpop Sampler rein (oder Catatonia wie ich), Dosenbier dazu, aufs Koks kann verzichtet werden, Herz zwischen die Zähne, Augen zu und rasant hinein ins beinharte London.

I f*** miss London 😉

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Das Buch erschien auf deutsch unter dem gleichen Titel im Heyne Verlag.