Kill Your Friends – John Niven

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Kick ass or kiss ass könnte vielleicht die Unter-Überschrift dieses nicht zu Unrecht in der einer Hardcore Reihe erschienenen Romans lauten. Als bekennender Musikjunkie war ich schnell davon zu überzeugen, diesen Krimi zu lesen, auch wenn das ein Genre ist, mit dem ich mich in den letzten Jahren eher weniger beschäfigt habe. So much to read, so little time.

Steven Stelfox ist A&R (Artists & Repertoire) Manager bei einer großen Plattenfirma in London Mitte der 90er Jahre.Für Musik interessiert sich eigentlich überhaupt niemand mehr, aber alle sind stets und ständig auf der Suche nach dem nächsten großen Hit. Alle sind permanent auf Droge, haben unentwegt Sex und finden nirgendwo mehr Stabilität. Als Steven’s Erfolg nachlässt und seine bislang bewährte Taktik, nach oben kriechen und nach unten treten, nicht mehr so ziehen will, sieht er seine Karriere bedroht und greift zu radikalen Mitteln.

Ich bin kein Weichei glaube ich, aber die Sprache ist heftig und definitv gewöhnungsbedürftig. „Kill your Friends“ ist eine bitterböse Satire auf die Musik- und Plattenindustrie, aber Satire hin oder her, ich hatte gelegentlich etwas damit zu kämpfen, seitenweise über Typen zu lesen, die wütend mit Schaum vorm Mund durch die Gegend koksen, jeden Hintern ficken, den sie finden können und es war einfach weit und breit kein Mensch in Sicht, der auch nur ansatzweise symphatisch war.

„Wenn es Dein Geschäft ist, auch noch die allerletzte Scheiße an die großbritische Öffentlichkeit zu verkaufen, ist eines, was du sehr schnell lernst, dass es nach unten hin keine Grenzen gibt“

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„Seid auf der Hut vor den Kleinen, denke ich bei mir. Seid immerzu auf der Hut vor den Kleinen. Sie machen euch jederzeit fertig. Denn sie vergessen niemals. All da Leid, das sie in der Schule ertragen mussten. Immer und immer wieder, den ganzen Rest ihres erbärmlichen, kleinen Lebens. Irgendjemand muss dafür bezahlen“

„Scheißamis. Sie klettern vom Stepmaster, springen kurz bei Tofu-World rein, um sich ihr Frühstück zu holen, und sitzen pünktlich um acht Uhr morgens hinter ihren Schreibtischen. Es ist zum Kotzen.“

Trotzdem hat mir der Roman gefallen, denn ich glaube, er zeichnet insgesamt ein stimmiges Bild der Musikindustrie zu dieser Zeit. 1997 war London einfach nur wild. Das war New Labour, Britpop und Triphop und die Firmen schwammen nur so in der Kohle. Ich war gerade aus dem leicht puritanischen Schottland angekommen und ziemlich geflasht. Ich glaube, die Musikindustrie war einfach die um einiges gesteigerte Potenzierung der Alkoholbranche, in der ich damals als Newbie mein Unwesen trieb. Ich erinnere mich noch gut an Mittagessen für 300-400,- Pfund und die Taxiheimfahrten an mindestens 2 Abenden der Woche auf Firmenkosten oder die permanente Nutzung des Chauffeurdienstes für irgendwelche privaten Ausflüge und meterlange Kokslinien auf den Klos. All das hat dieser Roman wirklich gut eingefangen.

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Es ist ein witziges Buch, wenn auch immer wieder hart an der Grenze zum Geschmacklosen entlangschlitternd und gelegentlich hatten Niven und ich auch eine sehr unterschiedliche Auffassung von Humor. Auf dem Buchrücken heißt es „Das American Psycho der Musikindustrie“ – das könnte stimmen, allerdings habe ich „American Psycho“ noch nicht gelesen. Irgendwo im Netz habe ich eine sehr passende Beschreibung gefunden: „John Niven is what would happen if Nick Hornby got into a terrible car crash and punctured the lobe where politeness lives“. Das trifft es.

Definitiv kein Buch für jeden, aber wenn die Weltliteratur mal Pause hat schon spannend für Musikfreaks und/oder Leute, die das London der 90er kennen oder besser verstehen wollen.

Legt Euch einen Britpop Sampler rein (oder Catatonia wie ich), Dosenbier dazu, aufs Koks kann verzichtet werden, Herz zwischen die Zähne, Augen zu und rasant hinein ins beinharte London.

I f*** miss London 😉

bollock

Catatonia – Londinium:

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