Shakespeare & Co – Hagseed

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„The Tempest / Der Sturm“ ist eines meiner Lieblingsstücke von Shakespeare. Ich habe es zweimal in London im Theater gesehen und mag auch die Verfilmungen von Peter Greenaway „Prospero’s Books“ mit der phantastischen Musik von Michael Nyman sowie Julie Teymors Verfilmung „The Tempest“ mit Helen Mirren als Prospera.

Ich habe mich besonders gefreut, dass meine Lieblingsautorin im Rahmen des Shakespeare Projektes Hand an den Sturm gelegt hat.

Felix ist Direktor des Makeshiwig Theater Festivals und ein großer Visionär, dessen ausgefallene Interpretationen von Shakespeares Stücken die Kritiker gleichermässen entzückt und verwirrt. Als er gerade dabei ist, mit „The Tempest“ sein bislang größtes Werk umzusetzen,wird er hinterrücks und heimtückisch von seinem Geschäftspartner verraten und aus seiner Position entlassen. Nach dem Tod seiner kleinen Tochter die schrecklichste Sache die ihm hat passieren können.

Er zieht sich völlig von der Außenwelt zurück, verletzt, gedemütigt und einsam. Nach 12 Jahren kommt er aus seinem selbstgewählten Exil und nimmt eine Stelle als Theaterlehrer in einem nahegelegenen Gefängnis, Fletcher County Correctional Institute, an.  Dort ergibt sich nach einer Weile nicht nur die Gelegenheit, endlich „The Tempest“ aufzuführen, sondern auch umfassend Rache zu nehmen an denen, die ihn vor Jahren so hinterhältig verraten haben.
“Suddenly revenge is so close he can actually taste it. It tastes like steak, rare.” 

Hag-Seed ist überaus klug konstruiert und eine gelungene Nacherzählung. Felix als Prospero, der mit einem Haufen verurteilter Verbrecher eine ganz eigene phantasievolle und ungewohnte Version des Stückes präsentiert. Meines Erachtens schafft es Atwood, das Stück auch Menschen nahezubringen, die es nie auf der Bühne gesehen haben.
„But The Tempest is a play about a man producing a play – one that’s come out of his own head, his ‚fancies‘ – so maybe the fault for which he needs to be pardoned is the play itself.“

Felix‘ schon an Besessenheit grenzender Wunsch „The Tempest“ aufzuführen, hat aber nicht nur mit Rache zu tun. Seine Intentionen wurzeln in tiefer Trauer um seine verstorbene Tochter Miranda, der er mit der gleichnamigen Rolle im Stück ein Denkmal setzen möchte.

This Tempest would be brilliant: the best thing he’d ever done. He had been – he realizes now – unhealthily obsessed with it. It was like the Taj Mahal, an ornate mausoleum raised in honor of a beloved shade, or a priceless jeweled casket containing ashes. But more than that, because inside the charmed bubble he was creating, his Miranda would live again.

Das Gefängnis als Insel, wo Felix alias Prospero seinen Coup plant, wo er sich nach der jahrelangen Demütigung über seine Feind erhebt, Gerechtigkeit erwirkt und seine Strafen verteilt, wo diese fällig sind.

Shakespeare ist einer, wenn nicht der größte Geschichtenerzähler der Welt. Seine Geschichten sind nicht nur brilliant, sondern absolut zeitlos. Seine Charaktere sind authentisch, egal ob sie im 16. oder im 21. Jahrhundert leben und man kann sich sehr gut mit ihnen identifizieren.

Mit dieser Basis hat Margaret Atwoods scharfsichtig  die Themen des „Tempest“ auf das Leben von Felix übertragen, der mehr und mehr zu Prospero wird. Als er die bittere Pille der Rache zu schmecken beginnt, zeigen sich feine Risse in seinem Verstand und fast wird er von seiner besessenen Verzweiflung bezwungen, doch er schafft den Weg zurück.

Großartig geschrieben, große Liebe: Shakespeare + Atwood, was für eine wunderbare Kombination, da würde ich gerne mehr lesen, aber ich freue mich auch auf die noch kommenden in der Reihe. Hier noch einmal alle im Überblick:

  • Jeannette Winterson – The Gap of Time (A Winter’s Tale)
  • Ian McEwan – Nutshell (Hamlet)
  • Howard Jacobsen – Shylock is my name (The Merchant of Venice)
  • Anne Tyler – Vinegar Girl (The Taming of the Shrew)
  • Jo Nesbo – Macbeth
  • Tracy Chevalier – New Boy (Othello)
  • Edward St. Aubyn – Dunbar (King Lear)
  • Gillian Flynn – Hamlet

Eine tolle Rezension zu „Hagseed“ findet ihr auch bei schiefgelesen.

Margaret Atwood hat sich im Übrigen auch mit dem Thema Gefängnis-Reformen beschäftigt, dieses Video fand ich ganz spannend:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Hexensaat“ im Knaus Verlag.

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5 Kommentare zu “Shakespeare & Co – Hagseed

    • Kein Ding – bei einigen Autoren neige ich zum fangirling 😉 Aber ich kann mit Widerworten gut leben und mir gefiel Marions Kritik durchaus.
      Ich hätte eigentlich gedacht, man könne das Buch auch gut lesen ohne die Vorlage zu kennen, aber da „The Tempest“ mein Lieblingsstück ist, kann ich das vielleicht auch nicht wirklich gut beurteilen.
      Bin auf Deine Besprechung gespannt. Liebe Grüße

      • Mir gefiels ja auch… & ich denke auch man kanns ohne Vorlage lesen, da die Vorlage ja auch im Roman rekapituliert wird. Man bräuchte den Anhang kaum… Aber manches wurde doch recht rasch runtergehastet, die Nebencharaktäre wenig entfaltet…

  1. Ich kannte The Tempest nur sehr oberflächlich, kann aber bestätigen, dass Hagseed auch als stand-alone ausgezeichnet funktioniert. Ich hab’s schon an anderer Stelle mehrfach gesagt und kann nur wiederholen: Shakespeare war vor allem ein genialer Entertainer, und ich glaube, das Hogarth Project tut gut daran, sich an dieser Vorgabe zu orientieren, was Margaret Atwood meiner Meinung nach auch gelungen ist: Ich habe gelacht und geweint – und war begeistert. Mission complete.

  2. Pingback: Sturm im Sturm: Kurzbesprechung zu Margaret Atwoods Hag-Seed (Hexensaat) – Sören Heim – Lyrik und Prosa

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