How to be both – Ali Smith

Ali Smith

Unsere Juli-Lektüre im Bookclub schlug ein wie eine Bombe. Ganz unerwartet, ob des nicht ganz einfachen Textes, waren sich fast alle einig, es mit großartiger Literatur zu tun zu haben.

Ali Smith sprengt in „How to be both“ alle möglichen Grenzen und tritt der standardisierten binären Weltsicht kräftig in den Hintern. Wie bei einem Fresko trägt Smith Schicht für Schicht Erzählstückchen auf und springt wild zwischen Zeiten, Formen, Wahrheiten und Geschlechtern hin und her. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Einmal die Geschichte eines italienischen Renaissance Malers aus der Zeit um 1460, auf der anderen Seite ein junges Mädchen im Cambridge der heutigen Zeit. Zwei Geschichten um Liebe und Verluste, Ungerechtigkeiten und Geheimnisse.

Jede Ausgabe startet zufällig entweder mit dem Renaissance Teil oder mit dem Teenager George in Cambridge. Eventuell ist der Einstieg ins Buch etwas leichter wenn man mit Georges Geschichte beginnt, dieser Teil ist stringenter und weniger experimentell geschrieben, wohingegen die Geschichte von Francesco del Cossa im „stream-of-conciousness“ geschrieben ist, auf den man sich einlassen, vom Sog hineinziehen lasen muss, die wunderbare Sprache genießend.

„How to be both“ ist gleichzeitig melancholisch und verspielt, sprengt jegliche Genre-Grenzen, vermischt Wahrnehmungen und Realität, Zukunft und Vergangenheit. Es ist die Geschichte von George, die eines sehr cleveren, verletzlichen Mädchens, die um ihre plötzlich verstorbene Mutter trauert. Die beiden hatten ein sehr inniges Verhältnis und der überraschende Tod ihrer charismatischen Mutter Carol nimmt sie sehr mit.

Um ihrer Mutter weiterhin nahe zu sein, beschäftigt sie sich mehr und mehr mit den beiden Obsessionen ihrer Mutter. Zum einen glaubte diese, überwacht zu werden (hier mochte ich das englische Wortspiel to be monitored or to be minotaured sehr) zum anderen hat sie sich mit dem eher unbekannten italienischen Renaissance Maler Francesco del Cossa beschäftigt.

George entwickelt, während sie diesen Interessen ihrer Mutter folgt, durchaus ihre eigenen Obsessionen. Zum Beispiel das tägliche Ansehen eines Internet-Pornos oder auch ihre Freundschaft/Schwärmerei für ihre Schulfreundin Helen. Sie ist aber gleichzeitig auch diejenige, die sowohl ihrem kleinen Bruder als auch ihrem Vater als Stütze dient, die den Verlust von Carol noch viel weniger verarbeiten können.

 

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Der Renaissance Teil wird vom schalkhaften Geist des Malers erzählt, der an den Freskos im Palazzo Schifanoia in Ferrara arbeitete, bis er sich dort aufgrund der mickrigen Bezahlung mit dem Fürsten überwirft. Del Cossa ist sich nicht sicher, ob er nicht eventuell im Fegefeuer gelandet ist, als er eine junge Frau mit ihrer Mutter beobachtet, die in einem Museum ein Gemälde betrachten, auf dem nacheinander verschiedene Porträts erscheinen.

But art and love are a matter of mouths open in cinnabar, of blackness and redness turned to velvet by assiduous grinding, of understanding the colours that benefit from being rubbed softly one into the other : beyond which there’s originality itself, which is what practice is really about in the end and already I had a name for originality, undeniable, and to this name I had a responsibility beyond the answering of the needs of any friend

Dieser Teil ist sehr poetisch und hat mich stark an Virginia Woolfs „Orlando“ erinnert. Die Stimme Francescos  ist nicht immer einfach auszumachen, Smith mischt die wenigen Fakten mit viel Spekulation zu einem spannenden Porträt des Malers. Francesco kommt als Mädchen auf die Welt, lebt als Mann und ist eine sehr talentierte autodidaktische Malerin.

Bilder: Wikipedia

“I’m good at the real and the true and the beautiful,”

Witzig fand ich den Teil als Francesco von seinem besten Freund ins Bordell verschleppt wird, wo er die Damen porträtiert , die daraufhin anfangen, verstärkt nach ihm zu fragen und seine Kumpels dadurch glauben macht, es handele sich beim zarten Francesco anscheinend um einen ziemlichen Hengst. Es entspinnt sich auch eine zarte tragische Liebesgeschichte zwischen Francesco und einer der Prostituierten.

Das Buch wurde von uns heiß diskutiert, unsere gemeinsame Erklärung am Ende war, dass wir vermuten, George und ihre Freundin Helen haben die Geschichte von Francesco del Cossa im Rahmen eines Schulprojektes geschrieben. Ob das stimmt – who cares ?

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Ein Buch, das auf wunderbare Weise die Grenzen zwischen Geschlechtern, Sexualität, Zeit und Perspektiven verwischt, voller Melancholie und Poetik, das Lust auf Kunst und einen Besuch in Ferrara macht. Man lernt auch so manches über Kunst, zum Beispiel was es mit dem „Trompe-l’oeil“ auf sich hat:

“I like very much a foot,” she says, “or a hand, coming over the edge and over the frame into the world beyond the picture, cause a picture is a real thing in the world and this shift is a marker of this reality: and I like a figure to shift into that realm between the picture and the world just like I like a body really to be present under painted clothes where something, a breast, a chest, an elbow, a knee, presses up from beneath and brings life to a fabric.”

Eine weitere Besprechung des Buches findet ihr bei schiefgelesen.

Wer hat es schon gelesen und mit welchem Teil fing euer Buch an ?

 

 

 

 

Kurzgeschichten für lange Nächte


Ich bin kein großer Kurzgeschichten-Fan, ich glaube das ist – wie bei Gedichten auch – so ein „aquired taste“ wie Rotwein, Whisky, Blauschimmel-Käse. Kurzgeschichten haben es nicht leicht bei mir, drohen immer mal wieder in die Ecke zu fliegen, wenn ich in die Geschichten nicht reinkomme (wie kürzlich beispielsweise bei George Saunders), daher wiegen die hier aufgelisteten für mich um so mehr, denn die haben mich in der Regel von der ersten Zeile nicht mehr losgelassen.

Eine liebe Freundin hat mir vor kurzem einen Kurzgeschichten Band zugeschickt: Victoria Hislops Sammlung mit Kurgeschichten von Frauen und zu meinem Entzücken fand ich dort meine Lieblingsgeschichte „The Lottery“ wieder, was mich auf den Gedanken brachte, meine Bibliothek zu durchforsten, um meine persönliche Sammlung aus den für mich besten Kurzgeschichten der Welt hier zu präsentieren.

Einige kann man im Internet finden, da habe ich den link ensprechend angehängt und bin jetzt sehr gespannt, ob Euch meine Sammlung gefällt, welche ihr davon kennt und vielleicht auch mögt oder eben auch nicht. Fehlt euch etwas? Freue mich sehr auf Eure Kommentare und etwaigen Ergänzungen. So long äh short 😉

Isaac Asimov – The Martian Way
Margaret Atwood – Torching the Dusties
Margaret Atwood – Death by Landscape
Paul Auster – Augie Wren’s Christmas Story
James Baldwin – The Outing
Karen Blixen – The Monkey
Wolfgang Borchert – Nachts schlafen die Ratten doch
Jorge Luis Borges – Die Bibliothek von Babel
Octavia Butler – The Morning, and the evening and the night
TC Boyle – Dogology
Ray Bradbury – The Veldt
Ray Bradbury – A sound of Thunder
Ray Bradbury – The Million-Year Picnic
Albert Camus – The Artist at Work
Truman Capote – Handcarved Coffins
Truman Capote – Miriam
Raymond Carver – Neighbors
Angela Carter – The Bloody Chamber
Ted Chiang – Story of Your Life
Roald Dahl – Lamb to the Slaughter
Philip K Dick – The Golden Man
Philip K Dick – The Minority Report
Charles Dickens – The Signal-Man
Charles Dickens – A Christmas Carol
Denis Diderot – Gründe meinem alten Nachtrock nachzutrauern
Joan Didion – On Self-Respect
Emma Donoghue – Words for Things
Fjodor Dostojewski – Weihnachtsbaum und Hochzeit
Fjordor Dostojewski – Weiße Nächte
Arthur Conan Doyle – The Adventure of the Blue Carbuncle
Agatha Christie – The Witness for the Prosecution
Jennifer Egan – Safari
Harlan Ellison – I have no mouth and I must scream
Sheridan Le Fanu – Green Tea
William Faulkner – A Rose for Emily
F Scott Fitzgerald – The Curious Case of Benjamin Button
Gillian Flynn – The Grownup
EM Forster – The Machine Stops
Neil Gaiman – Der Fluch der Spindel
Neil Gaiman – Snow, Glass, Apples
Ursula LeGuin – Coming of Age in Karhide
Ursula LeGuin – The ones who walk away from Omelas
Graham Greene – The Third Man
Ernest Hemingway – The Snows of Kilimanjaro
O. Henry – The Robe of Peacej
Patricia Highsmith – The stuff of Madness
Aldous Huxley – Young Archimedes
Washington Irving – The Legend of Sleepy Hollow
Mary Gaitskill – The Other Place
Charlotte Perkins Gilman – The Yellow Wallpaper
Maria Dahvana Headley – See the Unseeable, Know the Unknowable
Judith Hermann – Kaltblau
Siri Hustvedt – Mr. Morning
Henry James – The Turn of the Screw
Shirley Jackson – The Lottery
Franz Kafka – Die Verwandlung
Franz Kafka – In der Strafkolonie
Stephen King – Rita Hayworth and Shawshank Redemption
Stephen King – Children of the Corn
Stephen King – The Road Virus heads north
Heinrich Kleist – Die Marquise von O
Lautréamont – Die Gesänge des Maldoror
Stanislaw Lem – Test
HP Lovecraft – Cool Air
HP Lovecraft – The Dunwich Horror
Guy de Maupassant – Der Horla
Herman Melville – Bartleby, the Scrivener
Laurie Moore – How to become a writer
Daphne Du Maurier – Don’t look back
Daphne Du Maurier – The Birds
Haruki Murakami – Kinos Bar
Haruki Murakami – Yesterday
Haruki Murakami – The Elephant Vanishes
Vladimir Nabokov – Terra Incognita
Joyce Carol Oates – Where are you going, where have you been?
Dorothy Parker – Sentiment, A Telephone Call
Sylvia Plath – Johnny Panic and the Bible of Dreams
Edgar Allan Poe – The Tell-Tale Heart
Edgar Allan Poe – The Pit and the Pendulum
Annie Proulx – Brokeback Mountain
Karen Russell – Vampires in the Lemon Grove
Karen Russell – Reeling for the Empire
JD Salinger – For Esme
JD Salinger –  A Perfect Day for a Banana-Fish
Oliver Sacks – Altered States
Jean-Paul Sartre – The Room
Jean-Paul Sartre – The Wall
Arthur Schnitzler – Traumnovelle
Ali Smith – Free Love
Robert Louis Stevenson – The Body Snatcher
Bram Stoker – Dracula’s Guest
Donna Tartt – The Ambush
James Tiptree Jr – And I awoke and found me here on the Cold Hill’s side
Mark Twain – Cannibalism in cars
Jules Verne – Der ewige Adam
Kurt Vonnegut – Harrison Bergeron
HG Wells – Empire of the Ants
Jeanette Winterson – Days like this
Virginia Woolf – A mark on the wall
Richard Yates – Saying Goodbye to Sally
Banana Yoshimoto – Lizard
Stefan Zweig – Die Schachnovelle
Stefan Zweig – Brief einer Unbekannten

Meine Woche

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Gesehen: Lincoln – wirklich tolle Leistung von Daniel Day-Lewis, sehenswerter Film, aber sehr lang.
From Dusk till Dawn – bin wahrscheinlich der einzige Mensch der ihn bis dato nicht gesehen hat, aber dafür den Soundtrack besitzt – sehr cooler Film und ne quietsch junge Juliette noch ohne Licks und der kleene Quentin – süß 😉
Vaya con Dios – deutsches Road Movie mit hübschen Landschaftsaufnahmen und wunderschöner Musik

Gehört: Tu solus von Josquin des Prez, Johann Sebastian Bach – Matthäus Passion 57 und zur Vorbereitung aufs Konzert Karin Park „Hurricane“ und „Look what you’ve done“ und Tito & Tarantula’s „After Dark

Gelesen: dieses Interview mit Paul Auster aus dem Jahr 1985, diesen Artikel über Artifical Intelligence und diesen Artikel über Fantasy Fiction

Getan: Geburtstag gefeiert, jemandem zur anstehenden Weltreise Löcher in den Bauch gefragt, Streetart Radl-Tour durch München gemacht und mir spontan Handschuhe geliehen

Gegessen: Blumenkohlsteaks mit Salsa Verda – hmmmmm und leckere Pho

Getrunken: Golden Daquiri und Margarita – zum Glück KEINE polnische Rakete

Gefreut:  über das Ticket für den Siri Hustvedt Vortrag im Haus der Kunst und die Flasche Weisswange Old Tom Gin von Verrückt nach München und einen Photobox Gutschein von der wunderbaren Amy 🙂

Geärgert: hmm ärger ich mich zu wenig ? Mir fällt nix ein

Gelacht: über komplizierte Beziehungsstati

Geplant: Dortmund besuchen nächste Woche

Gewünscht: „The Girl in the Spider Web“ wenn es im August herauskommt, dieses Shirt und dieses Geschirr

Gekauft: Bücher für das Geburtstagskind

Gefunden: ein tolles Büchercafe

Geklickt: auf diesen Artikel von Ali Smith on the double edge of Muriel Spark und auf diese Live Recording von Haruki Murakami

Gewundert: wieviel ich ganz vergessen hatte und woran ich alles erinnert wurde beim Durchstöbern meiner Kiste aus den 90ern 😉