Hirngymnastik Krieg

Those people who think they know everything are a great annoyance to those of us who do // Isaac Asimov

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Diese Hirngymnastik hat sich mit der Frage beschäftigt: Ist Krieg ein fest verankerter Teil unserer DNA? Oder ist Gewalt eine Verirrung und wir sind von Natur aus Pazifisten?

Natürlich ist diese Frage nicht neu. Gewalt ist in der Regel auch nur eine Taktik, um bestimmte Ziele zu erreichen: Nahrung, Partner, Territorium, Überleben.

Früher war die vorherrschende Weisheit, dass Gewalt unter Menschen mit der Entwicklung dauerhafter Siedlungen und der Landwirtschaft zusammenfiel. Die Landwirtschaft führte zu konzentrierten Gebieten, in denen Wohlstand geschaffen wurde, was die Entwicklung sozialer Hierarchien beschleunigte, was wiederum Raubzüge durch Jäger- und Sammlerbanden auslöste. In dieser strukturellen Interpretation der Geschichte waren die Dörfer, die Landwirtschaft und der konzentrierte Wohlstand die Hauptantriebskräfte der Kriegsführung, nicht die menschliche Lust oder die Natur.

Neunzig Prozent der Musketen, die nach der Schlacht von Gettysburg eingesammelt wurden, waren geladen, oft mit zwei oder mehr Kugeln, da die Männer jede Ausrede nutzten, um ihre Waffen nicht abzufeuern und dabei vorgaben, nachzuladen, anstatt sich in die Schlacht zu stürzen.

An Weihnachten 1914 feierten Deutsche und Briten gemeinsam, sangen sich aus ihren Schützengräben heraus Weihnachtslieder zu und trafen sich dann, um Geschenke auszutauschen, Fußball zu spielen und zu feiern. Bis zu dem Punkt, an dem die Generäle den Befehl verstärken mussten, sich nicht mit dem Feind zu verbrüdern.

Von Troja bis Waterloo und von Korea bis Vietnam haben nur wenige Armeen ohne die Hilfe von Rauschmitteln gekämpft und ich wusste zum Beispiel nicht, dass beispielsweise die deutsche Wehrmacht Methamphetamin-Pillen an Soldaten verteilte (alias Crystal Meth, eine Droge, die extreme Aggressionen hervorrufen kann), eine Droge, die auch im Vietnam Krieg eine große Rolle spielte.

Ich neige nach der Lektüre dieser Bücher eher zu dem Schluss, dass der Mensch nicht von Natur aus kriegerisch ist und dass Menschen gerade in riskanten, dramatischen Situationen über sich hinauswachsen, emphatisch und hilfsbereit sind.

Ich denke Menschen sind zu großer Gewalt fähig, aber sie haben auch Normen der Zusammenarbeit und Kooperation entwickelt. Wir sind ein Bündel von biologischen Impulsen, teils Rousseau und teils Hobbes, teils Bonobo und teils Schimpanse.

Hier eine detaillierte Besprechung der Bücher, die ich für diese Hirngymnastik gelesen habe:

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Die Söhne des Mars – Eine Geschichte des Krieges von der Steinzeit bis zur Antike ist keine herkömmliche Beschreibung der Kriegsgeschichte. Der Althistoriker will vielmehr aufzeigen, welche Umständen und Dynamiken vorherrschten, die den Krieg von einer eher selten auftretenden Absonderlichkeit in den Anfängen der Menschheitsgeschichte zu einem alltäglichen Thema werden ließen.

Er vertritt die These, dass der Mensch nicht von Natur aus ein Krieger ist, sondern vielmehr erst durch die kulturelle Evolution dazu gemacht wurde.  Seiner Ansicht nach geschah dieser Paradigmenwechsel durch das Schwert.

Im Gegensatz zu allen früheren Waffen, die der Mensch erfand, ob Steinäxte, Speere oder Pfeil und Bogen ist das Schwert die erste reine Kriegswaffe. Sie setzt eine hoch entwickelte Technologie voraus, sowie eine arbeitsteilige Gesellschaftsform. Stellenweise hat mir Eich ein bisschen zu viel über die Techniken und Feinheiten der Bronzegießerei verloren, aber das ist eine der wenigen Kritikpunkte, die ich an dem Buch habe. Schwerte waren von Anfang an Machtinstrumente und ich fand es überaus spannend zu lesen, wie Eich die wirtschaftlichen, technischen und sozialen Entwicklungen verknüpft, um ein sehr anschauliches Bild der Geschichte des Krieges zu zeichnen.

„Abgesehen von der Effizienzsteigerung militärischer Gewalt ging mit dieser erneuten Runde der Eskalation und Erschöpfung kein geschichtlicher Lernprozess im Sinne von Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“ einher. So ist es seitdem geblieben. Dieser negativen historischen Erfahrung steht gegenüber, dass die Triebkraft der Gewalt erst relativ spät in der Geschichte der menschlichen Spezies einsetzt“

Für Eich sind die zahlreichen Massaker der Steinzeit Belege für eine der Situation geschuldeten Aggressivität und deutet nicht auf eine inhärente Eigenschaft des Menschen hin.

Er schlägt sich in dem uralten Streit zwischen Hobbes (Homo homini lupus – Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen) und Rousseau (der den Menschen im Naturzustand den Einklang mit der Natur suchen sieht und der erst durch die Zivilisation das Böse lernte) eher auf die Seite Rousseaus.

Diese Debatte geht auf die größeren Fragen ein: Warum kämpfen wir? Und wie verringern wir die Gewalt unter den Menschen? Die Antworten, die vielleicht noch in noch nicht ausgegrabenen archäologischen Ausgrabungen vergraben sind, können darüber entscheiden, wie wahrscheinlich Frieden in unserer Zukunft ist.

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In „Wired for War“ – The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century“ erforscht P. W. Singer die größte Revolution im militärischen Bereich seit der Atombombe: den Beginn der robotergestützten Kriegsführung. Wir stehen an der Schwelle zu einem massiven Wandel in der Militärtechnologie, der die Stoffe von „I Robot“ und „Terminator“ Wirklichkeit werden zu lassen droht.

Er vermischt historische Beweise mit Interviews und zeigt, wie die Technologie nicht nur die Art und Weise verändert, wie Kriege geführt werden, sondern auch die Politik, die Wirtschaft, die Gesetze und die Ethik, die den Krieg selbst umgeben.

Leider sind nach Singers Ansicht nicht nur Roboter die, die „wired for war“ sind, sondern auch die Menschen. Wie Singer zu Recht sagt sind die ursprünglichen Sünden unserer Spezies ihre Unfähigkeit, in Frieden zu leben. Der schlimmste Alptraum eines demokratisch gewählten Politikers ist allerdings ein Krieg, der viele menschliche Opfer fordern kann. Das ist nämlich auch der sicherste Weg zu einer vernichtenden Niederlage bei der nächsten Wahl. Es ist daher keine Überraschung, dass das Militär weltweit der größte Geldgeber für Roboterforschung und -entwicklung ist, wobei das US-Militär bis zu 80 Prozent der gesamten KI-Forschung in den USA finanziert. Tote Roboter hinterlassen eben keine trauernden Familien.

„Every vehicle is a robot waiting to happen“

Roboter sind ideal für Rollen, die von menschlichen Soldaten als die „Drei Ds“ („Dull, Dirty or Dangerous“) bezeichnet werden. Der menschliche Pilot wird nach 10 Stunden in der Luft vor Müdigkeit, Hunger oder einem Druck in der Niere ohnmächtig? Kein Problem, ersetzen wir ihn durch einen Roboter.

Die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency)  arbeitet nach eigenen Aussagen an einer Drohne, die bis zu fünf Jahre lang in der Luft bleiben kann.  Technologie hat einfach nicht die gleichen Einschränkungen wie der menschliche Körper. Ein aktueller Jagdbomber kann so schnell und hart manövrieren, dass sein Pilot sofort ohnmächtig würde. Die Lösung? Roboterpiloten, die Kampfflugzeuge ohne menschlichen Einsatz „bemannen“. Das hilft auch, die Entscheidungsschleifen dramatisch zu reduzieren. Selbst der beste menschliche Kampfpilot braucht mindestens 0,3 Sekunden, um auf einen einfachen Reiz zu reagieren, und sogar doppelt so lange, um aus einer Reihe von Möglichkeiten die richtige Handlung auszuwählen. Wie viel Zeit braucht ein Roboterpilot für die gleiche Aufgabe? Weniger als eine millionstel Sekunde.

Der Mensch wird zum schwächsten Glied in jedem Verteidigungssystem. Die Zukunft wird nicht wie in Star Wars-Filmen sein, in denen Y-Wings und TIE-Kampfflugzeuge von Menschen mit minimaler Roboterunterstützung (R2D2, BB8 usw.) geflogen werden. Stattdessen wird es Roboterpiloten geben, weil Menschen gegen sie keine Chance hätten.

„Those vested in the current system, or whose talents and training might become outdated by new technologies, will fight any change that threatens to make them obsolete or out of work, or in any way harms their prestige“

Unbemannte Systeme können die schrecklichen menschlichen Kosten des Krieges mindern. „Cubicle Warriors“, die ihre Drohnen in Afghanistan oder im Irak steuern, während sie in klimatisierten Büros irgendwo in Nevada sitzen, werden wahrscheinlich nie selbst zum Kriegsopfer werden. Die geringen drohenden Verluste von Menschenleben können für Politiker sehr verführerisch sein und es ihnen künftig viel leichter machen, sich für einen Krieg zu entscheiden. In der Zukunft könnte das Dilemma, Menschenleben zu opfern, vollständig durch eine kaltherzige Wirtschaftlichkeitsberechnung über die Kosten der erforderlichen Investitionen in Roboter ersetzt werden.

„The forecast of the writers may prove to be more accurate than the forecast of the scientists“

Das Kapitel über die „Singularität“ hat mich etwas gestört, weil es einen deutlichen Mangel an Verständnis für den aktuellen Stand der Technik zeigt. Computer werden im Moment nicht schneller. Die Prozessorgeschwindigkeiten haben sich in den letzten Jahren bei etwa 3,0 GHz eingependelt, weil jede Beschleunigung und entsprechende Wärmeableitung zu einem unlösbaren Problem wird. Sogar die Geschwindigkeit von Supercomputern erreicht aus den gleichen Gründen eine Obergrenze.

Der spannenste Teil in „Wired for War“ war für mich der Teil, in dem Singer aufzeigt, wie Science-Fiction die Entwicklung der Militärtechnologie beeinflusst hat. Er vertritt den Standpunkt, dass Science-Fiction die Wissenschaftler dazu inspiriert hat, diese Dinge Wirklichkeit werden zu lassen.

Im Großen und Ganzen ist das Buch informativ, durchdacht und zugänglich und er bestärkt den Leser darin, sich kritisch über den Einsatz von Technologie und die  damit verbundenen ethischen Implikationen Gedanken zu machen.

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The wise warrior avoids the battle.

Die Kunst des Krieges ist ein altes chinesisches Militärtraktat aus der Frühlings- und Herbstzeit (etwa 771 bis 476 v. Chr.). Das Werk, das dem altchinesischen Militärstrategen Sun Tzu („Meister Sonne“, auch Sunzi geschrieben) zugeschrieben wird, besteht aus 13 Kapiteln. Jedes widmet sich einem bestimmten Aspekt der Kriegsführung und der Frage, wie sich das auf die Militärstrategie und -taktik auswirkt. Fast 1.500 Jahre lang war es der Leittext einer Anthologie, die 1080 von Kaiser Shenzong als die „Sieben Militärklassiker“ formalisiert werden sollte. Die Kunst des Krieges ist nach wie vor der einflussreichste Strategietext in der ostasiatischen Kriegsführung. Sie hat einen tiefgreifenden Einfluss sowohl auf das militärische Denken im Osten als auch im Westen, auf Geschäftstaktiken, Rechtsstrategien und darüber hinaus.

The supreme art of war is to subdue the enemy without fighting.

Die Kunst des Krieges ist nicht nur offensichtliche Lektüre für Menschen in militärischen Berufen, sondern sondern wird auch vielfach in der Wirtschaft, insbesondere für das Management empfohlen und sicherlich können viele der Lektionen des Buches auf fast jeden Bereich angewendet werden, in der es um Interaktion mit anderen geht, die einen Sieger hervorbringt. Dabei geht es nicht nur um Kriege und Wettkämpfe im klassischen Sinne, sondern zum Beispiel um Alltagssituationen, in denen Verhandlungsgeschick notwendig ist.

All warfare is based on deception.

Jede Kriegsführung basiert auf Täuschung. Ohne Täuschung hätte zum Beispiel der Zweite Weltkrieg nicht gewonnen werden können, denn während die echten Invasionstruppen an den Stränden der Normandie eintrafen, fielen dieNazi-Streitkräfte an anderer Stelle auf falsche Botschaften, eine fake Militär-Siedlung und sogar unechte Panzer rein, die aus der Luft wie echte aussahen.

So in war, the way is to avoid what is strong, and strike at what is weak.

Es gibt keinen Fall, in dem eine Nation von einem verlängerten Krieg profitiert hätte. Im Krieg geht es also darum, das Starke zu meiden und das Schwache anzugreifen.

Es gibt fünf gefährliche Fehler, die einem General unterlaufen können:
(1) Rücksichtslosigkeit, die zur Zerstörung führt;
(2) Feigheit, die zur Gefangennahme führt;
(3) ein übereiltes Temperament, das durch Beleidigungen provoziert werden kann;
(4) eine übertriebene Ehrempfindung, die empfindlich auf Scham reagiert;
(5) übertriebene Fürsorglichkeit für seine Männer

Zuletzt noch ein belletristisches Werk zu dieser Hirngymnastik:

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Sarat Chestnut, geboren in Louisiana, ist erst sechs Jahre alt, als im Jahr 2074 der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg ausbricht. Aber selbst sie weiß, dass Öl verboten ist, dass Louisiana halb unter Wasser liegt, dass unbemannte Drohnen den Himmel füllen.

Als ihr Vater getötet wird und ihre Familie in Camp Patience für Vertriebene eingewiesen wird, beginnt sie – geprägt durch den besonderen Ort und die verrückten Zeiten in denen sie aufwächst durch den Einfluss eines mysteriösen Funktionärs zu einem tödlichen Kriegsinstrument zu werden.

Ihr Neffe, Benjamin Chestnut, der während des Krieges geboren wurde und zur „Miracolous Generation gehört“ erzählt ihre Geschichte. Heute ist er ein alter Mann, der sich mit dem dunklen Geheimnis seiner Vergangenheit, mit der Rolle seiner Familie in dem Konflikt und insbesondere mit der seiner Tante konfrontiert sieht, einer Frau, die ihm das Leben rettete und gleichzeitig unzählige andere zerstörte.

Die Protagonistin, Sarat, ist eine interessante und tragische Figur, aber es war manchmal wirklich schwer, Sympathie für sie zu empfinden. Einige ihrer Handlungen waren vorhersehbar, um nicht zu sagen fast karikaturhaft.

Hier gibt es keine hellen Töne, es ist eine Geschichte Amerikas, in der seine Vorherrschaft in der Welt mit einem großen Teil seines Landes untergegangen ist, in der ökologische Veränderungen die Wüsten in verwüstete Gebiete verwandelt haben, in der die Politik auf den Kopf gestellt wurde – überall sonst dank des Endes der Öl-Energie-Krise, und in der Seuchen und Kriege den Boden Amerikas verwüstet haben.

Es ist schwer zu sagen, was genau Omar El Akkad mit seinem Buch falsch gemacht hat, denn oberflächlich betrachtet scheint es sich um einen gut konstruierten Roman zu handeln. El Akkad verknüpft die Geschichte von Sarat mit der imaginären Vision eines zweiten amerikanischen Bürgerkriegs. Die Welt, die sich in diesem Roman aufbaut, ist immens, und Nachrichtenartikel sind wie historische Versatzstücke über die gesamte Erzählung verstreut. Aber wenn man genauer hinsieht, gibt es jede Menge klaffender Löcher.

Was ist mit dem gegenwärtigen sozialen Klima in Amerika, mit dem institutionalisierten Rassismus und der Polizeibrutalität? Wie kann El Akkad für seine Erzählung so stark auf den ersten amerikanischen Bürgerkrieg zurückgreifen und die Frage der Sklaverei und des Rassismus völlig ignorieren? Wie kann der Süden weiterhin fossile Brennstoffe nutzen, wenn der Rest des Landes dies nicht mehr tut? Wie kam es zur Annexion einer großen Region der USA durch Mexiko? Wie um alles in der Welt haben sich alle Länder des Nahen Ostens im Laufe von etwa fünfzig Jahren (?!?!) zu einer Republik zusammengeschlossen?

Dies sind nur einige der Fragen, die „American War“ für mich unbeantwortet gelassen hat. Vielleicht sind sie nicht der Punkt, aber es hat mich genervt, dass der Roman nicht einmal versucht, dem Leser einigermaßen zufriedenstellende Antworten geben zu können.

Mein zweites Problem bei diesem Buch ist, dass es langweilig und wirklich ermüdend ist. Ich konnte partout keine Verbindung zu Sarat oder irgendeine andere Figur aufbauen. Ich hatte mich sehr auf diese Dystopie gefreut, klang die Ausgangssituation doch überaus spannend. Ich hätte wahrscheinlich einige der Plotlöcher durchaus verzeihen können, wenn ich wenigstens etwas Sympatie für die Figuren hätte aufbringen können. So war ich aber einfach nur froh, als ich das Buch nach etwa 2/3 abgebrochen habe.

Hat einer von Euch den Roman gelesen und eine andere Erfahrung gemacht? Es kann auch durchaus an mir gelegen haben.

Die Thematik war viel spannender als ich dachte, aber ich bin auch froh, mich mal wieder mit anderen Themen beschäftigen zu können. Allerdings, falls jemand auf der Suche nach einem Kriegsgeneral ist, stehe ich gern zur Verfügung, denn aufgrund dieser Hirngymnastik bin ich jetzt mit Kriegstaktiken bestens vertraut. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften.

Hier noch mal im Überblick die Bücher aus dieser Hirngymnastik:

Armin Eich – Die Söhne des Mars erschienen im Beck Verlag
P. W. Singer – Wired for War erschienen im Penguin Verlag
Sun Tzu – The Art of War  als „Die Kunst des Krieges“ im Knaur Verlag erschienen
Omar El Akkad – American War erschien auf deutsch unter dem gleichen Titel im Fischer Verlag.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert – Yuval Noah Harari

“In a world deluged by irrelevant information, clarity is power.”

In „Sapiens: A Brief History of Humankind“ führt uns Harari durch die Geschichte der Menschheit und nimmt uns in „Homo Deus“ mit in die Zukunft, in die wir als Spezies unterwegs sind. In den „21 Lessons for the 21st Century“ beschäftigt er sich mit den größten Herausforderungen, vor denen wir heutzutage stehen und was wir in der näheren Zukunft erwarten sollten. Es wird euch wahrscheinlich nicht überraschen, das ist überwiegend nicht gerade lustig, aber Harari verbreitet keinesfalls reine Weltuntergangsstimmung, sondern zeigt Wege auf, uns aus der Erstarrung zu lösen und erste Schritte zu machen, um mögliche Lösungen zu finden.

Wir können nicht wirklich vorhersagen, welche Änderungen Artifial Intelligence, Machine Learning und andere Technologien bringen werden und wie sie sich auf unser Leben auswirken werden, was wird sich hoffentlich dadurch verbessern wird, aber auch, auf welche Risiken wir vorbereitet sein sollten. Unsere Welt ist so derart anders, als die Welt von vor 500 Jahren zum Beispiel, wir können also davon ausgehen, dass die Welt schon in 100 Jahren eine wiederum komplett andere sein wird. Schon jetzt haben wir das Gefühl, dass sich permanent alles verändert und wir mit den Änderungen gar nicht mehr Schritt halten können. Ich denke, das Tempo wird sich eher erhöhen und wir müssen als Spezies lernen, uns auf diese Dauerveränderungen besser einzustellen.

Wie müssen wir unsere Kinder erziehen, was müssen sie in der Schule lernen, um für eine so volatile Zukunft das beste Rüstzeug zu haben? Wie können wir selbst lernen, wer wir eigentlich sind, bevor Algorithmen uns besser kennen, als wir selbst und uns nach Beliebigkeit manipulieren?

“Humans think in stories rather than in facts, numbers, or equations, and the simpler the story, the better.”

Harari beschäftigt sich mit diesen Fragen als auch mit den Themen Politik, Terrorismus, Bildung, Klimawandel, Religion etc. Wie schon in seinen vorherigen Büchern verteilt er kräftig Hirnfutter in Form von Fakten, regt zum Nachdenken an und bietet erste Lösungsideen, auf denen man weiter herum denken kann.  Dieses Buch ist philosophischer als die beiden vorherigen und bringt den Leser dazu, intensiv über uns als Menschheit, unsere Geschichte und Geschichten, unsere Vergangenheit und unsere Zukunft nachzudenken.

Wenn wir als Spezies nicht einfach nur überleben, sondern auch eine lebenswerte Zukunft für alle (inklusive der Tier- und Pflanzenwelt) schaffen wollen,  muss es uns gelingen, uns von überholten Legenden und Geschichten zu lösen wie Nationalismus, Religionen oder unsere Besessenheit, mit dem Markt als einzig regulierendem Element. Wir müssen lernen zu akzeptieren, dass unsere eigene Sicht auf die Welt nicht automatisch die Sicht eines anderen sein muss und das deren Leiden weniger ernst zu nehmen ist, als unser eigenes. Wenn wir es als Menschheit schaffen wollen im Angesicht von Klimawandel, Demokratie-Erodierung und sich immer tiefer spaltenden Bevölkerungen, dann wird uns das nur gelingen, wenn wir als Weltbürger zusammen kommen.

Ich hoffe nicht, dass die Erhaltung der Erde als einen für unsere Spezies bewohnbaren Planeten als weiteres Kapitel unter der „Tragedy of the Commons“ laufen wird.

Morality doesn’t mean ‘following divine commands’. It means ‘reducing suffering’. Hence in order to act morally, you don’t need to believe in any myth or story. You just need to develop a deep appreciation of suffering.” 

Ich hoffe, wir schaffen es Vorurteile und jegliches völkisches Stammesgehabe hinter uns zu lassen. Das war hilfreich für unsere Jäger & Sammler Vorfahren, wird uns aber bei den Problemstellungen, die wir als Menschheit heute vor uns haben, eher hinderlich sein.

“Questions you cannot answer are usually far better for you than answers you cannot question.”

Für mich ist Harari ein Licht in der Dunkelheit und ich finde seine Bücher enorm wichtig. Es ist vielleicht nicht sein bestes Buch, aber da war so viel in dem Buch, dass mich zum Nachdenken gebracht that. Auch wenn vieles natürlich spekulativ ist und er bewusst teilweise überzeichnet, es geht darum, den Leser zu provozieren und zum Nachfragen und Denken zu bringen und das kann meines Erachtens fast keiner so gut wie Harari.

Ich danke dem CH. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier ist ein sehr spannendes Interview mit dem Autor:

#WomeninSciFi (29) Vom Ende An – Megan Hunter

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WAS WIR ANFANG NENNEN, IST OFT DAS ENDE,
UND EIN ENDE MACHEN HEISST EINEN ANFANG MACHEN
AM ENDE BRECHEN WIR AUF.“
(T. S. ELIOT, VIER QUARTETTE)

Das hier ein Dystopie-Fan zu Hause ist, dürfte man wahrscheinlich bereits bemerkt haben, vielleicht aber auch das ich da nicht einfach zu kriegen bin, denn Atmosphäre, Sprache, dahinter liegende Philosophie müssen stimmen, damit ich auch wirklich drauf anspringe.

Megan Hunters Debut hat zuerst durch das wunderschöne Cover neugierig gemacht. Aber nicht nur. Das sie mit einem Gedichtband auf der Shortlist des Bridport Prizes stand, merkt man dem Roman an, erinnern die kurzen Sätze allein vom Druckbild her eher an Gedichte als an einen Roman.

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Während die steigenden Meeresspiegel ganz London zu überfluten drohen und damit eine Bedrohung katastrophalen Ausmasses auslösen, treffen wir auf eine namenlose junge Frau die kurz davor ist ein Kind zu gebären.

„Mein üblicher Zynismus ist von Angst vertrieben worden, der Angst vor Schmerzen, vor Kontrollverlust, vor allem, was blutig ist und sich dehnt.

Der Augenblick der Geburt steht mir bevor wie früher meine Entjungferung, wie der Tod. Das Unvermeidliche, im Innern verborgen und irgendwo draußen auf der Lauer.“

Zeitgleich fast mit ihrer Fruchtblase reißen auch die Dämme und nur Tage nach der Geburt ihres kleinen Jungen Z ist die kleine Familie gezwungen ihre Wohnung zu verlassen und sich in Sicherheit zu geben. Sie wandern von Ort zu Ort, auf der Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Die Mutter ist hin- und her gerissen zwischen Angst und Staunen ob der ersten Berührungen und Entdeckungen ihres kleinen Sohnes in diese beunruhigende Welt hinein. Glücklich und neugierig, trotz aller Unsicherheiten.

Es ist die Geschichte einer jungen Mutter die nicht nur mit ihrer neuen Rolle zurecht kommen muss, sondern sich auch in einer zunehmend fremden Welt wider findet. Megan Hunter hat ein überaus poetisches seltsam schönes Buch geschrieben, das ein mögliches Zukunftszenario beschreibt – realistisch und bedrohlich und doch voller Liebe und Hoffnung.

„Vom Ende an“ erinnert gelegentlich an Cormac McCarthy’s „The Road“ wobei das ja nahezu jedem dystopischen Roman mittlerweile nachgesagt wird. Es ist ähnlich distanziert, hat für mich aber deutlich mehr Poesie und Hoffnung. Es ist aus der Sicht der Mutter geschrieben, der Vater bleibt eine Randfigur und wir erleben nur den Anfang dieser bedrohlichen Katastrophe.

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Die Charaktere bleiben durchweg namenlos, einzig durch ein Initial erkennbar, dadurch fällt es dem Leser schwerer eine Bindung zu den Protagonisten aufzubauen. Dadurch aber wird die Katastrophe selbst umso realistischer. Jeder von uns könnte R oder S oder Z sein, das macht die Geschichte so greifbar, lässt die Bedrohung und den Horror ganz langsam einsickern und vorstellbar werden.

„Ich bewege meine Hand über die Wege der fleckigen Wand, geäderte Wasserpfade als Aufzeichnung all der Tage, die wir nicht erlebt haben.“

Vielleicht hätte ich mir die Protagonisten etwas dreidimensionaler gewünscht, aber es lebt auch ganz klar von seiner spartanen spröden Schönheit. „Vom Ende an“ ist ein besonderer, einzigartiger Roman, den ich sehr gerne gelesen habe. Vielleicht sollte man den Roman wie Gedichte mehrfach lesen, um ihn Schicht für Schicht freizulegen und ihm immer mehr seiner Geheimnisse zu entlocken.

Es wundert mich nicht, dass Benedict Cumberbatch sich hier die Filmrechte gesichert hat, ich bin schon sehr auf die Verfilmung gespannt und caste zwischenzeitlich schon mal die Hauptdarstellerin 😉

Ich danke dem C. H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hirngymnastik Stoizismus

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“The aim of life is self-development. To realize one’s nature perfectly—that is what each of us is here for.”
Oscar Wilde

Die Hirngymnastik beschäftigt sich dieses Mal mit dem Stoizismus, einer Schule der Philosophie, die von Zenon von Kition etwa 301 vuZ gegründet wurde. Der Name Stoa geht auf eine Säulenhalle (Stoa) auf dem Marktplatz in Athen zurück, auf der Zenon seine Lehrtätigkeit aufnahm. Die frühen Stoiker wurden durch frühere philosophische Schulen und Denker beeinflusst, insbesondere durch Socrates, die Kyniker aber auch die Anhänger Platons und die Sophisten.

Die Stoiker waren vielleicht die eigentlichen Erfinder der Selbsthilfe-Bewegung. Neben der theoretischen Wissensvertiefung ging es ganz stark immer wieder um die Frage: „Wie lebe ich ein ethisch-moralisches gutes Leben?“. Es ist eine Gedankenschule, die immer auch das Gemeinwohl im Sinn hat, aber deutlich stärker auf das Individuum und dessen Weiterentwicklung ausgerichtet ist.

Der Stoizismus erreichte in seiner zweiten Periode (auch unter dem Begriff mittlere Stoa bekannt) das römische Reich. Cicero war einer der ersten, der sich mit dieser Philosophierichtung beschäftigte, ohne selbst ein Stoiker zu sein. In der dritten und letzten Phase verbreitete sich der Stoizismus weit im Römischen Reich und einige der bekanntesten und wichtigsten Schriftstücke des Stoizismus stammen aus dieser Zeit. Wichtige Stoiker waren Marcus Aurelius, Seneca, Epictetus sowie Gaius Rufus.

Als das Christentum die offizielle Religion des römischen Reiches wurde, begann der Stoizismus an Bedeutung zu verlieren, gemeinsam mit einigen anderen Gedankenschulen. Ihre Grundideen überlebten aber und beeinflussten viele historische Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Boethius, Thomas von Aquin, Erasmus, Montaigne, Descartes oder Spinoza. Auch die modernen Existentialisten wurden durch den Stoizismus beeinflusst. Es ist eine Philosophie, die aktuell eine Art Wiedergeburt erlebt und von modernen Methoden in der Logotherapie, der kognitiven Verhaltenstherapie beeinflusst wird und Überschneidungen mit dem Zen Buddhismus und dem Humanismus aufweist.

Für die Stoiker war die praktische Ethik der wichtigste Teil ihrer Philosophie: wie kann man sein Leben auf die bestmögliche Art leben? Gleichzeitig waren sie sich bewusst darüber wie schwer es ist, realistische und praktikable ethische Grundsätze für sich zu entwickeln, ohne zu verstehen wie die Welt funktioniert und die eigenen Grenzen und die Grenzen des menschlichen Verstandes zu akzeptieren.

Der Stoizismus beschäftigte sich daher mit drei Studienfeldern. Der Ethik, der Physik und der Logik. Unter Physik verstanden die Stoiker aber eher das, was wir heutzutage Naturwissenschaft und Metaphysik nennen würden. Natürlich sind viele der ursprünglichen stoischen Lehren durch die moderne Naturwissenschaft überholt worden. Das hätten die Stoiker der Antike allerdings auch erwartet, denn sie waren sich stets der Grenzen ihres Wissens bewusst und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber stets aufgeschlossen.

Eine der wichtigen Grundideen des Stoizismus leitet sich aus dem Studium der Metaphysik und Naturwissenschaften ab – das Verständnis, dass wir der Natur entsprechend leben sollten. Ein „gutes Leben“ (eudaimonia) beinhaltet das Kultivieren seiner eigenen moralischen Werte um ein guter Mensch zu werden. Die vier Kardinalstugenden der Stoiker sind: Weisheit (sophia), Mut (andreia), Gerechtigkeit (dikaiosyne) und Gelassenheit (sophroysne).

Einem bedeutenden Vertreter des Stoizismus widmet sich das folgende Buch:

James Romm: „Seneca und der Tyrann“ – Die Kunst des Mordens ans Neros Hof

Es ist jetzt nicht so, als habe ich noch nie etwas mit Römischer Geschichte am Hut gehabt und natürlich habe ich von den dekadenten und intriganten Römern gehört, wie heftig es dort allerdings zuging, war mir irgendwie doch nicht klar. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber gelegentlich kam mir Trump schon fast wie ein Waisenknabe vor im Gegensatz zu Caligula, Nero und Co. Im alten Rom wurde nicht nur tagtäglich gelogen und betrogen, da wurde auch gemordet als gäbe es kein Morden. Vater, Mutter, Kind, jeder gegen jeden – da konnte auch der Stoizismus eines Seneca nicht mehr viel ausrichten und auch er war diesbezüglich kein Kind von Traurigkeit, wie uns James Romm Buch zeigt.

Man kann Seneca als Mann der Widersprüche bezeichnen, aber das wäre schon reichlich freundlich. Er wollte einfach immer alles gleichzeitig sein und leben: Die asketischen Werte der Stoiker, ohne aber auf das luxuriöse Leben eines römischen Multimillionärs zu verzichten. In seinen Essays schreibt er wieder und wieder über die heroische Freiheit, die der Selbstmord mit sich bringt, während er selbst als Politiker an Neros Hof und dessen persönlichem Philosoph Ermordungen dulden musste, die fast schon an der Tagesordnung waren, inklusive der Ermordung von Neros Mutter, einer einstigen Gönnerin Senecas.

„Von all den fesselnden, aber zugleich wenig schlüssigen Indizien für Senecas Seelenzustand ist dies sicherlich das fesselndste und zugleich auch das uneindeutigste. Wir entnehmen es einer Erzählung, die ein Mann mehrere Jahrzehnte nach dem Geschehen hörte und aufschrieb, ohne seiner Sache selbst sicher zu sein. Tacitus war freilich nicht bereit, diese Fußnote der Geschichte zu verwerfen, ebenso wenig, wie viele moderne Historiker dies tun wollen. Immerhin beschwört sie die fast unheimliche Vorstellung herauf, Seneca könnte sich trotz seines Zurückschreckens vor einer aktiven Teilnahme Hoffnungen gemacht haben, am Ende als neuer Princeps dazustehen – als erster gekrönter Philosoph der westlichen Welt.“

Ein antiker Historiker gibt Seneca gar die Schuld, aus Habgier heraus die Rebellion von Boudicca, der Krieger-Königin im antiken England, verschuldet zu haben, die mit 80.000 getöteten römischen Soldaten und mindestens ebenso vielen britischen Kriegern endete. Seneca watete quasi in Blut und konnte sich am Ende dann doch nicht zu Tode bluten. In seinem verzweifelten zweiten Selbstmordversuch versuchte er dann, den großen Socrates zu imitieren und einen Schierlingsbecher zu trinken, aber auch das brachte noch immer nicht das gewünschte Ergebnis, am Ende musste er sich zu Tode baden. Immer noch eine der abgefahrensten Todesursachen von denen ich bislang so hörte.

Frauen hatten nicht viel zu sagen. Weder in philosophischen Kreisen noch am römischen Hof. Sie waren dynastische Geburtsmaschinen, die nach man nach Belieben heiraten, betrügen, sich von ihnen scheiden lassen oder im schlimmsten Fall ermorden konnte. Nero machte nicht einmal vor seiner eigenen Mutter Agrippina halt, eine Frau die strategisch an Neros Machtübernahme mitwirkte und sicherlich auch kein Wässerchen trüben konnte.

Eine besondere Rolle spielte eine Konkubine und ehemalige Sklavin namens Epicharis:

„Das weit und breit einzige Exempel moralischer Festigkeit lieferte die Freigelassene Epicharis, die sich weigerte, Namen von Mitverschörern zu nennen. Die junge Frau, die Lukans Haushalt angehörte und das Komplott mit Feuereifer unterstützt hatte, befand sich noch in Haft, nachdem sie ihren Versuch, in Misenum Proculus für die Verschwörung zu gewinnen, abgestritten hatte. Nero befahl nun, die Frau zu foltern – mit rotglühenden Eisenplatten und auf der Streckbank. Er glaubte, den Widerstand einer Frau auf diese Weise brechen zu können. Epicharis ertrug indes die Qualen für viele Stunden stillschweigend. Ihr Körper war danach so übel zugerichet, dass sie am nächsten Tag auf einem Sessel in die Folterkammer getragen werden musste. Dennoch brachte sie es, in dem verriegelten Raum sich selbst überlassen, fertig, ihr Busenband zu lösen, es zu einer Schlinge zu knoten und sich an einer der Stützen, die den Baldachin des Sessels trugen, zu erhängen.“

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Romm schreibt wunderbar anschaulich und lebendig. Man taucht völlig ab in die römische Welt und leidet mit der armen Octavia, dem Britannicus oder den anderen unschuldigen Leuten, die sich häufig nichts weiter haben zu Schulden kommen lassen, als irgendwie doof – sprich gefährlich – in der Erblinie zu sitzen und daher aus dem Weg geräumt zu werden. Es ist üblich, im alten Rom die Leute zum Selbstmord aufzufordern. Das hat den Vorteil, dass es keinen Mörder gibt und der sich selbst Tötende die Hälfte seines Vermögens behalten kann und seine Familie in Sicherheit weiß.

„Unglaublich ist, was ich ertrug, als ich mich selbst nicht ertragen konnte“, schreibt er in für ihn typischer Zuspitzung. Dann ließ er seine Gedanken auf ihren gewohnten Wegen wandeln, hin zur Suche nach einem tugendhaften Leben, einem gewissenhaften Leben, Unpässlichkeiten verderben, so sinniert Seneca, den Leib auf dieselbe Weise, wie Laster und Dummheit die Seele verderben. Der Leidende weiß vielleicht nicht einmal, dass er leidet, so wie ein Mensch im Tiefschlaf nicht weiß, dass er schläft. Nur die Philosophie kann die Seele eines Menschen aus einem solchen Koma wecken. Die Philosophie, Lucilius, ist das, was du mit deinem ganzen Sein und Wesen betreiben musst. Lass alles sein außer der Philosophie, so wie du alle deine Angelegenheiten schleifen lassen würdest, wenn dich eine schwere Krankheit befiele“

Seneca selbst bleibt schwer zu fassen, Romm interpretiert dessen Gedanken und Emotionen aus Mangel an echten Quellen und vieles bleibt einfach unklar. Er ist eine interessante, vielschichtige Persönlichkeit der sich seiner Schwächen bewusst zu sein scheint. Es ist tragisch, wie Seneca am Ende dem apokalyptischen Leben am Hof nicht entkommen kann und er qualvoll auf sein tragisches Ende wartet. Ein großartiges Buch, das wich nur schwer aus der Hand legen konnte. Unbedingte Empfehlung.

Ich danke dem Beck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Im Rahmen dieser Hirngymnastik habe ich mich noch mit folgenden Werken großer Stoiker beschäftigt:

Meditations“ von Marcus Aurelius

Dieses ursprünglich auf griechisch verfasste Werk war nie für eine Veröffentlichung geplant. Die Tagebucheinträge des einzigen römischen Kaisers, der gleichzeitig auch Philosoph war, Marcus Aurelis (121-180 vuZ), vereinen eine Reihe spannender mentaler Denkübungen, Einsichten und Reflektionen. Marcus Aurelius arbeitet an sich, reflektiert, meditiert, denkt und versucht, sich und das Universum um sich herum zu verstehen. Die Einträge zeugen von seinen Zweifeln, seinen Ängsten aber auch seinen leidenschaftlichen und glücklichen Momenten. Er beschäftigt sich mit Ethik und Werten, menschlicher Rationalität, göttlicher Vorsehung und seinen eigenen Emotionen.

“The happiness of your life depends upon the quality of your thoughts.” 

“Dwell on the beauty of life. Watch the stars, and see yourself running with them.” 

“Waste no more time arguing about what a good man should be. Be one.”

“When you arise in the morning think of what a privilege it is to be alive, to think, to enjoy, to love …” 

Marcus Aurelius Tagebucheinträge haben sich zu einem der größten Werke der Philosophie entwickelt, die bis heute von Lesern, Denkern, Politikern gelesen, hinterfragt, bewundert und konsultiert werden. Ein Buch, das man wunderbar neben dem Bett liegen haben kann, morgens einfach aufschlagen einen kurzen Abschnitt lesen und man hat den ganzen Tag etwas, worüber man nachdenken kann. Perfekt.

“Das Buch vom geglückten Leben“ – Epiktet

Dieses Büchlein des Epictetus ist quasi ein stoisches Handbuch für ein moralisch-ethisches Leben. Zusammengestellt von einem seiner Schüler ist es ein zeitloses kleines Juwel mit Aphorismen und Gedanken, die einen guten Einblick in die Gedankenwelt der Stoiker bieten.

„Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung binden.“

„Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“

 

“Von der Gelassenheit” – Seneca

Hier kommt Seneca selber noch einmal mit bedeutenden wirkungsvollen Einsichten in die Lebenskunst. Er schreibt über die Wichtigkeit von Vernunft und Moral und bietet profundes Wissen, Lehrsätze und eloquente, klarsichtige und zeitlose Weisheit an.

„Vor allem meide man Depressive und solche, die über alles und jedes jammern, denen jeder Anlaß für Klagen recht kommt. Mag solch ein Mensch einem auch treu und wohlgesinnt sein, er ist trotzdem ein Feind unserer Ruhe und Gelassenheit, ein Begleiter ohne seelisches Gleichgewicht, der ständig über alles seufzt und jammert.“

„Alle Grausamkeit entspringt der Schwäche.“

„Ich habe angefangen, mir selbst ein Freund zu sein. – Damit ist schon viel gewonnen, denn man kann dann niemals mehr einsam sein. Wisse auch, daß ein solcher Mensch allen ein rechter Freund sein wird.“

Auch wenn er selbst vielleicht selbst nicht in der Lage war, seinen eigenen Richtlinien immer zu folgen, es zu versuchen und jeden Tag ein bisschen besser zu werden, ist auf jeden Fall ein Anfang auf dem Weg zu einem glücklichen Leben.

Desorientale – Négar Djavadi

Desorientale

Wir lernen die Protagonistin Kimia, eine moderne junge iranische Frau kennen, während sie in einer Kinderwunschklinik im Wartezimmer sitzt und auf ihre Befruchtung wartet. Während des Wartens denkt sie an ihre Vergangenheit und erzählt dem Leser von ihrer Familie, dem Sadr Clan, ihrer Herkunft und über ihre weitläufige Verwandtschaft: ihre Großmutter, die noch in einem  Harem geboren wurde, ihre zahlreichen Onkel, die einfach in der Reihenfolge ihrer Geburt Onkel Nr. Eins, Zwei, Sechs genannt wurden, ihr Vater der Journalist, Aktivist und Dissident war und sowohl den Schah als auch Khomeini ablehnte. Sie erzählt von ihrer gleichfalls als Aktivistin tätigen modernen Mutter und von blauen Augen, die dem Familien-Gen Pool vor Ewigkeiten beigefügt wurden und die eine besondere Rolle spielen.

Djavadi fängt die Kultur des Irans ein, ihre Sprache ist clever, amüsiert und unbeschwert. Sie läßt uns hinter die Kulissen schauen und zum ersten Mal hatte ich zumindest ansatzweise das Gefühl zu verstehen, dass der Konflikt zwischen Konservatismus und der Liberalismus auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgehen, die Einmischung der USA und Englands weil sie gierig waren auf die Ölvorkommen im Iran und wie es zu der religiösen Revolution um Khomeini kommen konnte. Es ist schwer sich vorzustellen, wie modern und weitgehend ohne Religion zumindest die Intellektuellen in Teheran lebten.

„Der Iraner mag weder die Einsamkeit noch die Stille – wobei jedes andere Geräusch als die menschliche Stimme, selbst der Lärm eines Verkehrsstaus, als Stille empfunden wird. Wäre Robinson Crusoe ein Iraner gewesen, er hätte sich gleich nach seiner Ankunft auf der Insel zum Sterben hingelegt und die Sache wäre erledigt gewesen.
Diese Neigung ständig zu schwatzen, bei der Begegnung mit anderen Sätze wie Lassos in die Luft zu werfen, Geschichten zu erzählen, die sich wie Matroschkas öffnen und immer neue Geschichten hervorbringen, ist wahrscheinlich eine Art, sich einem Schicksal anzupassen, in dem es nur Invasionen und Totalitarismus gegeben hat.“

Das Buch ist auch die Geschichte von Kimias Coming-out, die schon als junges Mädchen im Iran noch feststellt, dass sie eher Frauen liebt und wie sie im Laufe der Zeit mit sich selbst ins Reine kommt und ihren Frieden mit sich schließen kann.

Desoriental ist ein wunderschönes Buch mit einer selbstsicheren Erzählerin, mitreißenden Charakteren, toller Musik und einem überraschenden Ende.

Ein Buch, das man am besten mit dieser Playlist liest:

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

What works

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Wie hartnäckig sich auch heute noch – teilweise unbewußte – geschlechtsspezifische Vorurteile halten, kann auch den optimistischsten Menschen zur Verzweiflung bringen. Den Vorwurf des Sexismus weisen die meisten vehement von sich, aber die Stereotype sind omnipresent, in Kindergarten und Schule heute stärker als noch vor einigen Jahren. Die Erkenntnis, dass wir die Gleichstellung der Geschlechter und diversifizierte Belegschaften in Unternehmen brauchen, ist mittlerweile einigermaßen weitverbreitet. Bei der Umsetzung sieht es allerdings noch recht trüb aus.

Fast jedes größere Unternehmen bietet mittlerweile Diversitäts-Trainings an, der Markt an Trainingsanbietern floriert, doch den Nachweis für ihren Erfolg müssen diese Trainings noch erbringen. Die Verhaltenswissenschaft bietet da neue Lösungen an, die Iris Bohnet in ihrem Buch unter die Lupe nimmt. Anstatt das Verhalten der Menschen  durch kostspielige, langwierige und nicht nachgewiesen erfolgreiche Trainings ändern zu wollen, schlägt Bohnet vor die Organisationen selbst umzugestalten, in dem man versucht, mit smarten Lösungen große Wirkung zu erzielen.

Sie analysiert Verhalten und Prozesse um explizit zu machen, wie sich diese auf die Gleichstellung auswirken und schlägt entsprechende systemische Interventionen vor. Dieser verhaltens- und designbasierte Vorgang wird auch als „Nudging“ bezeichnet und erfreut sich zunehmend größerer Beliebtheit, wenn gleich auch das „Nudging“ nicht unumstritten und mit Vorsicht zu genießen ist.

Bohnet geht mit den Diversitätstrainings hart ins Gericht. Allein in den USA geben Unternehmen dafür jährlich 7 Millarden Dollar aus, ohne dass die Wirksamkeit tatsächlich belegt wär., Bohnet argumentiert viel mehr, es könne sogar sein, dass es nicht nur nichts bringt, es könne sogar durchaus nach hinten losgehen aufgrund „moralischer Lizensierung“: die Tendenz von Menschen, nach solchen Trainings unmoralischer zu handeln, da sie gefühlt durch das Training eine Art „Freibrief“ erhalten haben.
Stattdessen sollten Unternehmen ihre Prozesse überdenken und das Geld in deren Überarbeitung stecken, statt in nutzlose Trainings.

„Verhalten zu verändern ist Arbeit, und die große Mehrheit von uns ist nicht bereit, sie zu leisten.“

Sie zeigt das an einem Beispiel der fünf wichtigsten Orchester in den USA. Noch in den 1970 Jahren lag der Frauenanteil unter den Musikern bei gerade einmal 5 Prozent. Heute sind es immerhin über 35 Prozent. Diese Entwicklung ist kein Zufall und auch nicht das Ergebnis von erfolgreich absolvierten Diversitätstrainings, sondern das Ergebnis von „blindem Vorspielen“ hinter einen Vorhang oder einem Wandschirm. Das Boston Symphony Orchester führte das blinde Vorspielen als erstes ein und die anderen folgten dem Beispiel. Theoretisch sollte ein Dirigent allein auf die Töne hören und nicht auf Geschlecht oder Hautfarbe der Person achten, die das Instrument spielt. In der Praxis hingegen haben beispielsweise die Wiener Philharmoniker erst 1997 das erste weibliche Orchestermitglied aufgenommen. Die Dirigenten und Auswahlkomitees waren ganz zufrieden mit den durchweg männlichen und durchweg weißen Orchestermitgliedern und sich ihrer Voreingenommenheit wahrscheinlich nicht einmal bewußt.

Das ist das wirklich Ernüchternde: Egal, wie groß der gute Wille ist, wir benehmen uns oft voreingenommen, auch wenn wir das gar nicht wollen. Bohnet bezieht sich in ihrem Buch unter anderem auf Daniel Kahneman’s Forschungen, die er 2011 in dem Buch „Thinking Fast and Slow“ veröffentlichte und wo er belegt, wie sehr unser Verhalten, ob in der Arbeit oder sonstwo im Leben, deutlich stärker durch unbewußte Reflexe kontrolliert wird, als durch rationales Denken.

Bohnet macht auch darauf aufmerksam, wie wichtig es auf der einen Seite ist, eine „kritische Masse“ zu haben, auf der anderen Seite aber auch darauf zu achten, dass niemand als reine „Quoten-Besetzung“ wahrgenommen wird. Solche Selbstwahrnehmung führt häufig dazu, dass die Leute sich ganz besonders assimilieren wollen, ihre eigenen Perspektiven oft in den Hintergrund schieben und statt den Weg freizumachen für andere, sie größerer Gleichberechtigung sogar eher im Weg stehen.

Sie zeigt, dass es sich für Frauen noch immer eher auszahlt nett rüberzukommen, als kompetent. Firmen sind sich zunehmend dieses Dilemmas bewusst, vor dem Frauen in Gehaltsverhandlungen stehen. Sie wollen weibliche Angestellte nicht verlieren, die, nachdem sie einen Job und ein Vergütungspaket angenommen haben, enttäuscht feststellen, dass sie das schlechtere Geschäft gemacht haben. Wie die Oscar-Gewinnerin Jenniver Lawrence 2015 verbittert schrieb, nachdem sie in einer durch ein Internetleak veröffentlichten E-Mail erfahren hatte, wie viel weniger sie für einen Film bekommen hatte, als ihre Kollegen: „Ich würde lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass der Wunsch gemocht zu werden, meine Entscheidung beeinflusste, den Vertrag ohne einen echten Kampf abzuschließen. Ich habe gefürchtet, als „schwierig“ oder „verwöhnt“ angesehen zu werden. Damals dachte ich, das sei eine gute Idee, bis ich die Gehaltsliste im Internet sah und feststellte, dass alle Männer, mit denen ich arbeitete, sich defnitiv nicht darum scherten, ob sie als „schwierig“ oder „verwöhnt“ angesehen wurden.“

Das zeigt, wie schwierig solche Prozessanpassungen sein können, dennoch findet Bohnet auch funktionierende Beispiele, wie solche Gruppenprozesse zu größerer Gleichberechtigung von unterschiedlichern Ansichten und Perspektiven führen können. Eines der Kapitel beschäftigt sich damit, wie wichtig es für Unternehmen ist, Personaldaten zu sammeln und zu analysieren, um Muster und Trends zu verstehen und Prognosen zu machen. Man wird keine Änderungen herbeiführen können, wenn nicht einmal bekannt ist wieviele Frauen im Unternehmen in senioren Führungspositionen arbeiten oder wieviele Mitglieder einer Minderheit im letzten Jahr eingestellt wurden.

Besonders nützlich war das Kapitel für mich, in dem es um einfache Veränderungen im Recruitingprozess ging und die simple Einführung von Checklists. Stehen die Fragen vorher fest? Sind die Interviewer vorbereitet und besteht eine entsprechende Rating- Matrix nach Beendigung des Interviews etc.? Ich komme selbst aus dem Personalbereich und habe Hunderte von Interviews geführt und war trotzdem geschockt, wie schnell man auf „Groupthink“ und unbewußte Vorurteile hineinzufallen droht.

„What works“ ist das Ergebnis ihres zehnjährigen Projekts, dem man anmerkt, wie fasziniert sie von dem Thema war, wieviel Wissen und Herzblut darinsteckt. Sie hat es nicht nötig, den Leser mit akademischem Jargon oder komplizierten Diagrammen beeindrucken zu wollen, wobei ihr Buch durchaus akribisch recherchiert und mit Fußnoten versehen ist. Sie zeigt unkomplizierte Methoden auf die Unternehmen helfen können, Diversität und ein integratives Umfeld zu schaffen, der eigentliche Test für das Buch kommt aber dann, wenn es darum geht, die zu erreichen, die nicht (wie ich zum Beispiel) ohnehin schon mehr als offen für das Thema sind.

“What works” ist ein Buch, in dem Firmen jede Menge Denkanstösse finden können – sie müßten sie nur auch wirklich umsetzen wollen.

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hirngymnastik Psychologie

Es wird Zeit für die nächste Hirngymnastik! Mit der Psychologie habe ich mich jetzt eine ganze Weile beschäftigt, denn da kam immer wieder Neues und Spannendes dazu und die Liste an zu rezensierenden Büchern für diese Ausgabe wuchs und wuchs. Jetzt mache ich einfach mal Halt, auch wenn ich noch ewig weiter spannende Bücher aus dem Bereich Psychologie/Hirnforschung finden und lesen könnte.

Begonnen habe ich mit einem Fast-Lehrbuch, das mir eine Freundin aus meinem Bookclub ausgeliehen hatte, die es während ihres Psychologie-Studiums in den USA nutzte und es mir als Standard-Einstiegswerk ans Herz legte. Hierbei handelt es sich um „Psychology – An Introduction“ von Charles G. Morris und Albert A. Maisto.

Psychologie entstand als eigenständige Disziplin 1879 als Wilhelm Wundt, ein deutscher Arzt in Leipzig, das erste Labor einrichtete, das sich ausschließlich mit psychologischen Studien, Experimenten und Forschung beschäftigen sollte. Wundt war auch der erste, der sich selbst als Psychologe bezeichnete. Die frühen Väter der Psychologie (ja alles Männer), sind beispielsweise Hermann Ebbinghaus, ein Pionier in der Erforschung des Gedächtnisses, William James, der amerikanische Gründer des Pragmatismus und Ivan Pavlov, der sich mit klassischer Konditionierung beschäftigte.

Kurz nach der Entwicklung der experimentellen Psychologie entstanden unterschiedlichste Zweige der angewandten Psychologie. Stanley Hall und John Dewey brachten die wissenschaftliche Pädagogik zwischen 1880 und 1890 von Deutschland in die USA und Hugo Münsterberg begann, über die Anwendung der Psychologie in der Industrie, Gesetzgebung und anderen Feldern zu forschen.

Die erste psychologische Klinik wurde ebenfalls in den 1890er Jahren von Ligthner Witmer eröffnet. Währenddessen entwickelte Sigmund Freud in Wien einen ganz eigenen Zugang zur Erforschung des menschlichen Geistes, den er Psychoanalyse nannte und der überaus einflussreich war.

Die Kritik auf Wundts Empirismus führte zur Entwicklung des Behaviorismus, der insbesondere durch B. F. Skinner berühmt wurde. Der Behaviorismus legte Wert auf die Studie von offensichtlichen Verhaltensweisen, da diese quantifiziert werden konnten und einfach messbar waren.

Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden die Kognitionswissenschaften ganz groß, eine interdisziplinäre Wissenschaft zur Erforschung bewusster und potentiell bewusster Vorgänge.

„Psychology – An Introduction“ unterteilt sich in folgende Kapitel:

  • The Science of Psychology
  • The Biological Basis of Behavior
  • Sensation and Perception
  • States of Consciousness
  • Learning
  • Memory
  • Cognition and Language
  • Intelligence and Mental Abilities
  • Motivation and Emotion
  • Life Span Development
  • Personality
  • Stress and Health Psychology
  • Psychological Disorders
  • Therapies
  • Social Psychology

Das Buch gibt einen soliden Überblick, ist gut lesbar und stellenweise richtig spannend. Bin fast ein bisschen traurig, dass ich es zurückgeben muss, eventuell werde ich es mir doch kaufen, auch wenn es mit über 50,- € für eine gebrauchte Ausgabe nicht gerade günstig ist.

Nachdem der Einstieg gemacht war, beschäftigte ich mich mit „Welcome to your Brain“ von Sandra Aamodt, deren TED Talk mich damals zum Kauf ihres Buches animierte.

 

 

Der respektlose Führer durch die Welt unseres Gehirns von Samuel Wang und Sandra Aamodt gibt einen guten Überblick über unser Gehirn und seine Funktionen. Es geht nicht sonderlich in die Tiefe, ist aber gut geschrieben, leicht lesbar und somit ein empfehlenswerter Einstieg in die Neurowissenschaften.

Den Autoren sind hartgewonne Fakten und sorgfältig durchgeführte Studien wichtig und wollen den Leser dazu animieren, weniger auf Emotion und verbreitete Mythen über das Gehirn zu hören, als kritischer nachzufragen und zu recherchieren. Sie räumen im Buch mit einigen der Mythen auf, beispielsweise mit den sagenumwobenen 10% des Hirns, die wir angeblich nur nutzen, das Mozart hören Babys klüger macht oder das Impfstoffe Autismus auslösen.

Daneben geben sie praktische Tipps wie man z. B. mit Videospielen sein Gehirn schulen kann oder wie man das Hirn am besten überlistet, wenn man abnehmen will.

 

 

 

 

Für Film-Freaks vielleicht besonders interessant ist die Liste an Filmen, die neurologische Krankheitsbilder besonders gut beschrieben haben, (zB Memento, A Beautiful Mind und Awakenings) oder auch eher ungenau wie z. B. Total Recall und 50 First Dates.

Von den Beschreibungen psychologischer Störungen in Filmen geht es jetzt weiter mit folgendem Buch, das ebenfalls aus der Bibliothek meiner Bookclub-Freundin stammt.

„The Abnormal Personality through Literature“ von Alan und Sue Stone.

 

 

Ich fand das Konzept spannend, Auszüge aus Büchern der Weltliteratur zu nehmen und diese mit der korrespondierenden psychischen Erkrankung/Persönlichkeitsstörung zu matchen. Nicht alle Auszüge waren gleichermassen spannend und man merkt dem Buch den Zahn der Zeit an, denn „Homosexualität“ findet sich unter dem Kapitel „Perversions“.

Aufgeteilt ist es in folgende Kapitel:

  1. The Three Major Types of Abnormality (Texte von Anton Chekhov, Jean Stafford, Nicolai Gogol)
  2. The Struggle with Impulse (Texte von Victor Hugo, Thomas Mann und James T Farrell)
  3. Psychosis: The Break with Reality (Texte von Balzac, Shakespeare, Gogol, Fitzgerald, Sartre, Flaubert, Alphonse Daudet, Luise Rinser, Dostojewski, Maxim Gorky und Theodore Dreiser)
  4. Psychotic Synotoms (Texte von Edgar Allan Poe, Chekhov, Rilke, Eduardo Mallea, Conrad Aiken, Steinbeck)
  5. The Neuroses: Anxiety and Its Manifestations (Texte von Rudolf Besier, Nabokov, Graham Greene, Collette, Somerset Maugham)
  6. Neurotic Symptoms (Texte von Updike, Rilke, Melville, Hawthorne, Emily Dickinson, Thomas Mann, George Eliot, Luigi Pirandello, James Joyce, Marcel Proust, Chekhov, John Cheever)
  7. Character Disorders (Texte von Ivan Gonchorov, Willa Cather, Nikolai Leskov, Edmund Wilson, Pio Baroja, Thomas Mann, Chekhov)
  8. The Problem of Identity: An Approach to the Study of Social Adaptation (Texte von Richard Hughes, Sherwood Anderson, Alberto Moravio, August Strindberg, M. Saltykov-Schedrin, Leo Tolstoi)
  9. Perversions: The Deviations of Sexual Thought and Behavior (Texte von D. H. Lawrence, Thomas Mann, James Joyce, Lawrence Durell, Dostojewski, Bernard Malamud, Jean-Jacques Rousseau, Dorothy Parker, Andre Malraux, Nelson Algren)
  10. The Psychotherapeutic Process (Texte von Chekhov, Ivan Goncharov, T. C. Worsley)
  11. The Abnormal Personality in Childhood (Texte von William Carlos Williams, Katherine Ann Porter, Elizabeth Bowen, Isaac Babel)
  12. Psychiatry and the Law (Text von Shiga Naoya)

Die meisten Texte waren passend, haben einen guten ersten Einblick ins jeweilige Krankheitsbild gegeben und ich habe ein paar interessante Autoren besser oder überhaupt erst kennengelernt.

Den Abschluss meiner Psychologie-Gymnastik bilden zwei Bücher des von mir sehr geschätzten Psychologen und Philosophen Erich Fromm.

 

„Authentisch leben“ ist eine Sammlung verschiedener Essays, die Rainer Funk für diesen Band zusammengefasst und mit einem Vorwort versehen hat. Es geht darum, was unter Authentizität zu verstehen ist, wie häufig wir Worte gebrauchen, deren Sinn über die Zeit verändert wurde und deren Ursprung uns häufig nicht mehr klar ist. Fromm räumt da auf, er definiert, schafft Klarheit und belegt dann, dass es nur möglich ist wirklich authentisch zu leben, wenn man sowohl mit sich als auch mit seiner Umwelt in echten Beziehungen steht, nicht nur oberflächlich vor sich hin lebt.

Er weist auf die Hürden hin, die auf dem Weg zu einer solchen Authentizität liegen, die zu falscher Freiheit führen können. Er warnt vor überzogenem Invidiualismus und irrationalen Autoritäten. Ich bin beim Lesen gar nicht mehr aus dem Unterstreichen herausgekommen. Fromm ist jemand, der es immer wieder schafft, meine unklaren Gedanken zu sortieren und präzise in wunderbare Sätze zu packen:

„In eben diesem Sinne ist Freiheit … die Offenbarung der menschlichen Würde oder – anders gesagt – das Wesen des Menschen selbst, also das, was er ist und was er trotz aller durch seine Endlichkeit bedingten Schranken, Hindernisse und Grenzen zu sein vermag.“

„Selbsterkenntnis besagte von jeher, seine Grenzen zu überschreiten und zur Reife zu gelangen – bedeutete also, der zu werden, der wir potentiell sind.

„… es gibt nichts, dessen wir uns mehr schämen, als nicht wir selbst zu sein, und es gibt nichts, was uns stolzer und glücklicher macht, als das zu denken, zu fühlen und zu sagen, was wirklich unser Eigentum ist.“

„Die Furcht vor der Freiheit“ erschien 1941 unter dem Eindruck des herrschenden Faschismus und ist meines Erachtens dennoch aktuell wie eh und je. Er nähert sich dem Thema Freiheit aus verschiedenen Perspektiven und seine Einsichten beziehen sich auf historische Ereignisse, religiöse Dogmen, soziologische und anthropologische Beziehungen und psychologische Phänomene im Versuch zu verstehen, was der Preis ist, den wir für unsere Suche nach Freiheit und Individualität zahlen.

Denken wurde schon seit dem Anbeginn der Zeit als Sünde betrachtet, als Adam und Eva aus dem Paradies flogen, als sie sich für das Wissen und die Fähigkeit zum Denken entschieden und auch heute noch ist Bildung viel zu häufig gleichgesetzt mit dem Instandhalten der Kapitalismusmaschine und legt wenig Betonung auf Individualität und kritisches Denken.

Fromm warnt davor, unser ganzes Leben darauf zu konzentrieren, dem hinterherzulaufen, um zu bekommen was wir wollen, ohne wirklich zu wissen, wer wir eigentlich sind. Also nicht nach oben buckeln und nach unten treten, sich von falschen Autoritäten befreien und sein eigenes Denken stets hinterfragen.

„Das Recht der Gedankenfreiheit bedeutet jedoch nur dann etwas, wenn wir auch fähig sind, eigene Gedanken zu haben.“

Spaß hat mir auch der Crash Kurs „Psychologie“ der Brüder John & Hank Green gefallen:

Danke an alle, die bis hierher durchgehalten haben. Ich hoffe die Hirngymnastik Psychologie hat Euch Spaß gemacht, die nächte Hirngymnastik wird sich mit dem Thema „Meeresbiologie“ beschäftigen, ich hoffe ihr freut euch drauf.

Hier die Übersicht der Büche mit Link zur deutschen Ausgabe (wenn erhältlich):

Sandra Aamodt – Welcome to your brain
Alan & Sue Stone – The Abnormal Personality through Literature
Erich Fromm – Authentisch Leben
Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

1 Kilo Kultur – Florence Braunstein & Jean-Francois Pépin

1 Kilo Kultur

 

Dieser Wälzer macht nicht nur immens klug, wenn man ihn durchgeackert hat, sondern man spart sich auch das Fitness-Studio, denn die 1300 Seiten bringen sogar mehr als die angekündigten 1 Kilo auf die Waage und das Halten, Stemmen, Umblättern sorgt definitiv für knackige Oberarme.

Ein kurzer Überblick mit dem Wichtigsten aus der Kulturgeschichte wird immer Lücken haben, das ist klar, mir hat das Buch Spaß gemacht, auch wenn es sich eher als Nachschlagewerk eignet, als zum Durchlesen von der ersten bis zur letzten Seite. Dazu wären dann vielleicht doch Bilder oder Tabellen notwendig gewesen, um das Lesen etwas aufzulockern.

Der Fokus des Bandes liegt klar auf der westlichen Welt, andere Ecken der Welt werden eher gestreift, das darf einen nicht stören, hätte aber den Band ansonsten wahrscheinlich auch gesprengt, wenn die gesamte Welt gleichermaßen erfasst worden wäre.

Die Kulturgeschichte ist in 11 Kapitel aufgeteilt, nach Epochen, Ländern, Wissenschaft und den Künsten:

1 – Vor und Frühgeschichte
2 – Die frühen Hochkulturen des Nahen und Mittleren Ostens
3 – Die klassische Antike in Europa
4 – Das Mittelalter
5 – Die Renaissance in Europa
6 – Die Welt im 17. Jahrhundert
7 – Die Welt im 18. Jahrhundert
8 – Die Welt im langen 19. Jahrhundert
9 – Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
10 – Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
11 – Der Start ins 21. Jahrhundert

Die Sprache ist recht locker und verständlich und für mich ist das Buch ein gutes Mittel, sich Kontext zu verschaffen zu Ereignissen in der Weltgeschichte, um sich Appetit zu holen, um sich mit bestimmten Themen dann außerhalb dieses Bandes weiterzubeschäftigen.

Einiges hätte ich mir sicherlich ausführlicher gewünscht, manches hätte für mich knapper sein dürfen, aber das ist letztlich auch immer Geschmackssache. Was mir neben dem ausführlichen Personenregister fehlt, ist ein Sachregister und mir hätten gelegentliche Karten, Abbildungen, Tabellen gut gefallen, kann aber nachvollziehen, dass diese aufgrund der bereits benötigten Seitenzahl hinten runterfielen.

Florence Braunstein hat 25 Jahre lang Studium-generale-Kurse an großen Pariser Universitäten gegeben, Mitautor Jean-Francois Pépin lehrt als Professor für Geschichte, Ökonomie und Soziologie an verschiedenen Pariser Universitäten.

Kein Buch zum Durchlesen, aber eines das man immer wieder aus dem Regal holt oder wie ich – auch aus Sorge um die Stabilität der Regale gar nicht erst hineinstellt, sondern es griffbereit immer neben sich stehen hat, weil ich gemerkt habe, wie viel Spaß es mir macht, alles was ich lese im Kultur-Wälzer nochmal in den entsprechenden Kontext zu setzen.

Schwere Lektüre die Spaß macht und das Allgemeinwissen auf Vordermann bringt. Auch wenn es mal nix direkt zum Nachschlagen gibt: einfach irgendwo aufklappen und festlesen, man kann ganz wunderbar mit dem Band prokrastinieren.

Ich danke dem CH Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hirngymnastik: Geschichte

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„Sapiens – A Brief History of Humankind“ – Yuval Noah Harari

 

Typischerweise wird die Geschichte der Menschheit mit den Humanoiden des Paläolithikums begonnen, zeichnet ihre Entwicklung zum modernen Menschen nach und beginnt dann üblicherweise die Anfänge der Zivilisation von der Landwirtschaft bis zur Gegenwart nachzuzeichnen. Soweit folgt auch Yuval Noah Harrari diesem Weg in seinem Buch „Sapiens“, dennoch hat er einige überraschende Wendungen auf Lager. Was dieses Buch zu einem unglaublich spannenden Geschichtswälzer macht ist das er einige unserer vorgefassten Meinungen und Vorstellungen ins Wanken bringt, und den einen oder anderen vielleicht auch mal ärgert, aber niemals aufhört unglaublich faszinierend zu sein.

Harari legt seinen Fokus auf die drei großen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte: die kognitive, die landwirtschaftliche und die der Wissenschaft. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein eher unbedeutendes Lebewesen ohne großartige Signifikanz“ es schaffen konnte zur dominanten Lebensform auf unserem Planeten zu werden und inwieweit dessen Fähigkeit sich die Natur weitestgehend zum Untertan zu machen ein Segen oder vielleicht eher ein Fluch für den Planeten und die Menschheit selber sein wird.

Würden wir die Zeit seit Entstehung von Leben auf unserem Planeten als Uhr darstellen, wäre der heute Mensch gerade einmal zwei Minuten vor Mitternacht aufgetaucht, also gerade noch rechtzeitig um die Sektkorken knallen zu hören. Wie lange wir als Art erhalten bleiben, bleibt abzuwarten, viele unserer „Vorgängermodelle“ haben uns da einiges an Zeitspanne voraus.

In 20 wirklich brillianten Kapiteln fordert Harari den Leser dazu auf sich nicht nur mit der Frage zu beschäftigen wie wir wurden was wir sind, sondern was hätte passieren können, wenn die Dinge etwas anders abgelaufen wären. Er beschäftigt sich ausgiebig mit dem Thema Zufall und gelegentlich ist er ganz schön zynisch, aber mich hat das nicht weiter gestört, denn ich empfand den Grundton des Buches als durchaus optimistisch.

Harari hat einige meiner bisherigen Vorstellungen von den Anfängen unserer Spezies ordentlich durchgerüttelt, aber ich mag das, wenn man mich zum Nach- oder Umdenken bringt. Er beleuchtet die Anfänge der kognitiven Revolution und der immanenten Wichtigkeit von hypothetischen Geschichten die nötig sind um eine Gesellschaft zusammen zu schweissen. Geschichten an die jeder glaubt sind die Grundlage für unsere Fähigkeit zur Kooperation. Und sei es nur unser weltumspannender Glaube an so etwas fiktives wie Geld.

“How do you cause people to believe in an imagined order such as Christianity, democracy or capitalism? First, you never admit that the order is imagined.”

Die Mythen die wir erzeugen, können per se nie komplett logisch konsistent sein. Religion bietet den Menschen Trost von der Absurdität des Lebens und der Unmöglichkeit dem Tod zu entkommen. Die Wissenschaft dagegen macht genau das Gegenteil. Sie versucht, wie zum Beispiel im ausführlich besprochenen Gilgamesch Projekt Wege zu finden, den Tod und andere Unannehmlichkeiten zu überwinden statt sie zu akzeptieren.

“Culture tends to argue that it forbids only that which is unnatural. But from a biological perspective, nothing is unnatural. Whatever is possible is by definition also natural. A truly unnatural behaviour, one that goes against the laws of nature, simply cannot exist, so it would need no prohibition.”

Unser Wissen über die Welt kann und wird niemals universell sicher und konsistent sein und wir müssen lernen neben der immer größer werdenden Komplexität auch mit dem Fakt zu leben, das es keine eine reine Wahrheit gibt. Die Realität die wir sehen, ist immer nur unsere jeweilige, wie wir sie erleben und die ist unsicher, nicht fix und wird sich ändern.

“Consistency is the playground of dull minds.”

Wir müssen als Menschheit unbedingt verstehen lernen, dass Dinge an die wir glauben festlegen werden wer wir als Menschheit in Zukunft werden. Die Mythen denen wir beschließen zu folgen bestimmen was aus uns wird.

„Sapiens“ und auch der Nachfolger „Homo Deus“ sind zwei Bücher von denen ich mir wünschte, ich hätte sie geschrieben. Das ist allerdings ein Mythos den mir niemanden glauben würde, leider nicht einmal ich selber.

Ich hatte das Glück mich eine Woche auf Kreta in der Sonne und in der Hängematte liegend ausgiebig mit diesen beiden Büchern beschäftigen zu können. Verlassen haben wir Strand und Hängematte nur auf dem Rückweg um vor dem Abflug noch ausgiebig in den Ruinen von Knossos herumzustöbern. Ich bin aber sehr sicher, auch auf dem Sofa oder im Lesesessel sind diese beiden Bücher mit das Beste das ihr Eurem Hirn antun könnt 🙂

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„Homo Deus“ – Yuval Noah Harari

„Homo Deus“ ist ein Buch das stellenweise zutiefst schockiert, in dem Harari uns sehr effektiv dazu bringen will uns mit unserer heutigen Gesellschaft auseinander zu setzen. Es ist vordergründig ein Buch über die Zukunft der Menscheit, tatsächlich ist es aber auch ein Mittel um die aktuellen Trends in Wissenschaft, Technologie und der Entwicklung der Menschheit zu beleuchten. Es ist deutlich philosophischer und fordert den Leser dazu auf, sich zu überlegen ob wir wirklich wollen, dass es so weitergeht wie es momentan läuft.

Er macht immer wieder deutlich, dass seine Ausführungen zur Zukunft nur Hypothesen sind und andere Szenarien durchaus möglich sind, dass es trotzdem notwendig ist, sich heute mit diesen Möglichkeiten zu beschäftigen und versuchen die Zukunft aktiv in eine andere Richtung zu beeinflussen.

Neben dem Klimawandel kritisiert er auch insbesondere die Art und Weise wie wir mit Tieren umgehen. Wir sehen uns selbst als die Krone der Schöpfung, doch gerade der Bereich der selbstlernenden Computer, der künstlichen Intelligenz könnte uns in die gleiche Position bringen, in die wir alle anderen Lebewesen auf dem Planeten gebracht haben. Wir müssen anfangen andere Lebewesen deutlich besser zu behandeln, Massentierhaltung ist eine Schande für die Menschheit und unter keinen Umständen zu rechtfertigen.

“Centuries ago human knowledge increased slowly, so politics and economics changed at a leisurely pace too. Today our knowledge is increasing at breakneck speed, and theoretically we should understand the world better and better. But the very opposite is happening. Our new-found knowledge leads to faster economic, social and political changes; in an attempt to understand what is happening, we accelerate the accumulation of knowledge, which leads only to faster and greater upheavals. Consequently we are less and less able to make sense of the present or forecast the future. In 1016 it was relatively easy to predict how Europe would look in 1050. Sure, dynasties might fall, unknown raiders might invade, and natural disasters might strike; yet it was clear that in 1050 Europe would still be ruled by kings and priests, that it would be an agricultural society, that most of its inhabitants would be peasants, and that it would continue to suffer greatly from famines, plagues and wars. In contrast, in 2016 we have no idea how Europe will look in 2050. We cannot say what kind of political system it will have, how its job market will be structured, or even what kind of bodies its inhabitants will possess.”

Ich mochte dieses Buch auch deshalb, weil er Technologie kritisch hinterfragt ohne sie zu verdammen. Es geht ihm um eine vernünftigere Zukunft und nicht um eine rückschrittliche Abkehr und ein zurück auf die Bäume.

Zum Einstieg empfehle ich Hararis TED Talk:

„Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ – Ernst Peter Fischer

„Das Schönste was wir erleben können ist das Geheimnisvolle“ schrieb Albert Einstein „Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

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Die meisten von uns haben wissenschaftliche Methoden zusammen mit dem Periodensystem und dem sezierten Kuhauge weitestgehend mit dem Schulabschluß hinter uns gelassen. Wir brauchen aber (auch) gute wissenschaftliche Literatur, die uns hilft dem postfaktische Zeitalter in dem wir uns anscheinend befinden Widerstand zu leisten. Zum Glück gibt es da einige gute Autoren und schreibende Wissenschaftler und Ernst-Peter Fischer ist meiner Ansicht nach einer von ihnen, die die Gabe haben Fakten in guterzählte Geschichten zu verpacken, die der Wissenschaft das Staunen, das Entdecken und das Wissenwollen zurückgeben. Autoren die die Welt und die Wissenschaft nicht nur verständlich machen, sondern aufregend und interessant erscheinen lassen.

Fischer stellt uns in seinem Buch ein Ensemble an großen Wissenschaftlern und Universalgelehrten vor, die sich mit schwarzen Löchern, mit Quarks und Quasaren, mit Küken, Mais, Genen und vielem mehr beschäftigen und deren Geschichten es durchaus mit Sci-Fi-Thrillern oder Krimis aufnehmen können.

Anthologien sind in der Regel unterhaltend, spannend und so zugänglich, das man sie problemlos lesen kann ohne zu fürchten einer Gehirnschmelze zu erliegen. Doch ein wenig naturwissenschaftliches Grundwissen ist nicht verkehrt, um aus Fischers Buch möglichst viel mitzunehmen. Das Ergebnis ist eine Führung durch die Gedanken und Ideen einiger der größten Wissenschaftler. Jedem Kapitel ist ein Zitat vorangestellt und jedes Porträt drei, vier Seiten lang. Fischer begleitet den Leser bei seiner Reise durch die Erkenntnisse aus Astronomie und Physik, Mathematik und Informatik, Naturforschung und Biologie, Chemie und Medizin sowie Molekularbiologie und Genetik, er ist dabei ein freundlicher Reiseleiter der auf Interessantes hinweist und das Interesse des Lesers auf unerwartete und überraschende Erkenntnisse stupst.

Ich kann alle drei Bücher aus der Geschichts-Hirngymnastik vollumfänglich empfehlen und kann sie mir wunderbar unter einigen Weihnachtsbäumen als perfektes Geschenk vorstellen.

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Konnte ich Euch Lust auf die Geschichte der Menschheit, die Geschichte unserer Zukunft und der Wissenschaft machen? Ich würde mich riesig freuen.

  • „Sapiens – A brief history of humankind / Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ist auf deutsch im Pantheon Verlag erschienen.
  • „Homo Deus“ ist auf deutsch im Beck Verlag erschienen.
  • „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ ist im Penguin Verlag erschienen.

Hirngymnastik Part I – Philosophie

“The search for something permanent is one of the deepest of the instincts leading men to philosophy.” 

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Bei allem, was mit Wissen und Lernen zu tun hat, bin ich ein echter Serientäter. Immer wieder packt mich ein Thema und dann beschäftige ich mich ein paar Wochen lang damit von allen Seiten. Ich lese darüber, höre mir Vorträge im Internet oder im Radio an und fülle seitenweise Notizbücher mit meinen Erkenntnissen. Philosophie war etwas, das mich als Kind schon interessierte und ich weiß nicht, wie oft ich mich mit Lehrern angelegt habe, die mir nicht erklären konnten, warum ich Religion aber keine Philosophie in der Schule lernen sollte.

Als ich in Kobe in dem einzigen kleinen Secondhand-Buchladen mit englischen Büchern Bertrand Russells „History of Western Philosophy“ entdeckte, hat mich das erwartungsgemäß auf direkten intensiven Philosophie-Kurs gebracht. Nach ein paar Wochen wurde das Fieber jetzt durch „Genetik“ abgelöst, aber dazu in einem späteren separaten Post mehr. Jetzt erst einmal zu Russells Buch.

Er beschäftigt sich in  “History of Western Philosophy” nicht nur mit Philosophie-Geschichte, sondern auch wie die Hauptströmungen der Philosophie in ihrer jeweiligen Zeit und Kultur verankert waren. Das hilft sehr bei der Einordnung  und beim Verständnis. Die für mich größte Erkenntnis war, das keine der Philosophie-Schulen in sich komplett logisch konsistent ist. Das Buch teilt sich in drei Teile: Antike Philosophie, Katholische Philosophie und Moderne Philosophie. Geschrieben hat er das Buch während des zweiten Weltkrieges und ab und an merkt man das auch, besonders in den Teilen, wo er sich mit Nietzsche beschäftigt. Der mittlere Teil zu „katholischer Philosophie“ hat mich erwartungsgemäß am wenigsten berührt, darüber gelesen zu haben ist aber sicherlich nicht das Schlechteste.

“Two things are to be remembered: that a man whose opinions and theories are worth studying may be presumed to have had some intelligence, but that no man is likely to have arrived at complete and final truth on any subject whatever. When an intelligent man expresses a view which seems to us obviously absurd, we should not attempt to prove that it is somehow true, but we should try to understand how it ever came to seem true. This exercise of historical and psychological imagination at once enlarges the scope of our thinking, and helps us to realize how foolish many of our own cherished prejudices will seem to an age which has a different temper of mind.” 

Das Schöne ist, dass man für das Buch weder ein großes Grundwissen an Philosophie noch an Geschichte mitbringen mus, um es zu verstehen und sich wunderbar darin zu verlieren. Russell ist ein unglaublich klarer, exzellenter Schriftsteller, was man bei Philosophen ja nun nicht immer unbedingt voraussetzen kann. Grandios wie er abstrakte Ideen eindringlich und klar rüberbringt, man merkt, dass er verstanden werden möchte. Es gibt so viele Autoren, bei denen man immer den Eindruck hat, sie wollen partout Eindruck schinden, bei den Lesern die Spreu vom Weizen trennen, was in meinen Augen häufig etwas mit mangelndem Selbstbewußtsein zu tun hat. Russell hat das nicht nötig und ich liebe seinen trockenen Humor.  Mir ist schon klar, dass Anhänger von Marx, Nietzsche oder Hegel höchstwahrscheinlich anders sehen. Denen verpasst er schon immer wieder mal eine im Vorbeigehen. Er geht auch Plato ziemlich an und ihn als „any contempary advocate of totalitarianism“ zu sehen, fand ich schon etwas hart, hat Plato doch meiner Ansicht nach im Grunde komplett allein die Grundlagen der politischen Philosophie geschaffen.

Ich glaube, ob man Russells Philosophie-Geschichte mag, hängt auch ein wenig davon ab, wie sehr einem Russells Theorien selbst gefallen, denn seine Ideen, seine Ansichten und Meinungen scheinen immer wieder durch an einigen Stellen. Ich mag Russell und daher hat mich das weniger gestört, es gibt aber sicherlich Leute, die ihn dafür kritisieren. Wobei ich finde, er schiebt seine Meinung nicht still und heimlich ein, sondern es ist eigentlich immer kristallklar wann und wo er das tut.

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Wo ich mich Russell wieder sehr verbunden gefühlt habe, war in seiner Ansicht, das die Aufklärung und Bildung der Menschen in Naturwissenschaft, Geistesweissenschaft, rationalem und kritischem Denken ein wichtiger Schritt ist, um künftige Kriege und Gräueltaten zu vermeiden. Auch wenn wir über 70 Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches noch immer umringt sind von Kriegen, Terror und Schrecken, bleibe ich bei dieser Überzeugung.

“Almost everything that distinguishes the modern world from earlier centuries is attibutable to science, which achieved its most spectacular triumphs in the seventeenth century.” 

“Mathematics, rightly viewed, possesses not only truth, but supreme beauty—a beauty cold and austere, like that of sculpture, without appeal to any part of our weaker nature, without the gorgeous trappings of painting or music, yet sublimely pure, and capable of a stern perfection such as only the greatest art can show.” 

Ich wünschte, es gäbe noch viel mehr Bertrand Russells in der Welt. Das Buch zu lesen fühlt sich teilweise an, als würde man mit ihm eine wahnsinnig intelligente, spannende Unterhaltung führen. Russell war ganz bestimmt einer dieser Menschen, in deren Gegenwart man sich etwas intelligenter und größer fühlte. Eine Eigenschaft, die ich wie keine andere bewundere.

“A stupid man’s report of what a clever man says can never be accurate, because he unconsciously translates what he hears into something he can understand.” 

Ein sehr interessantes Interview mit Bertrand Russell findet ihr hier:

Passend zum Thema Philosophie habe ich mir das Buch „Aufklärung – Das europäische Projekt“ geschnappt das schon lange ungelesen und daher vorwurfsvoll aus dem Regal geschaut hat.

Vor 300 Jahren begann der Versuch, den Geist von religiösen Denk-Dogmen zu befreien und jeglichem Fundamentalismus die Freiheit des Verstandes entgegenzusetzen. Das Streben nach Wissen, nach Bildung und Erkenntis ist leider (noch?) keine Geschichte mit Happy End. Der Terror ist ein Kampf gegen aufklärerische Freiheitsgedanken und selten habe ich mich um die Freiheit so sehr gesorgt, wie im Moment. Der Ruf nach mehr Kontrolle, mehr Härte und weniger Liberalität wird immer lauter. Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, für Freiheit und Aufklärung zu kämpfen.

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Manfred Geier bringt dem Leser klar und gut lesbar eine Einführung in die Epoche der Aufklärung nahe. In sieben Kapiteln zeigt er die Entwicklungen in Form von Lebensbildern bedeutender europäischer Denker und einer Denkerin auf. Von den Engländern John Locke und Earl Shaftesbury geht es über die Franzosen Voltaire, Dideor und Rousseau zu Geier Moses Mendelsohn und Kant. Mit Olympe de Gouge stellt er eine – mir bis dahin unbekannte Persönlichkeit vor – die für ihren Freiheitskampf unter der Guilletoine endete. Den Abschluss bildet der Humanist und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt.

Mir hat besonders der Teil zu Immanuel Kant gefallen, hat er mich doch Karl Popper entdecken lassen und auch Hannah Arendts Ansichten werden zu aktuellen weltgeschichtlichen Ereignissen in Kontext gesetzt.

Ein gelungener Einsteig in die europäische Aufklärung, die definitiv Lust auf mehr macht. Ein wunderbares Buch, das heute aktueller ist denn je.

„1961 hielt Popper im Bayrischen Rundfunk eine Rede zum Thema „Der Sinn der Geschichte“. Wieder erinnerte er einleitend an Kant, der die „Selbstbefreiung durch das Wissen“ zur Leitidee der Aufklärung erklärt hatte. Auch mit diesem „sapere aude!“ war keine geschichtliche Notwendigkeit verbunden. Kants Appel an den Mut, selbst zu denken, beschrieb keine Tatsache. Er war ein Hinweis auf das Denken mündiger Menschen, die sich selbst ein Ziel setzen und ihrem Leben einen vernünftigen Sinn geben können.“

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„Vor allem Kants erweiterte Denkungsart wurde als Prototyp des kritischen Denkens reflektiert, jene Fähigkeit des Menschen nämlich, sich in den Standpunkt anderer Menschen versetzen und die Welt auch aus deren Perspektive betrachten zu können.“

„Die reflektierende Urteilskraft. Die Urteilskraft ist das Vermögen, das Besondere im Verhältnis zum Allgemeinen denken zu können. Dann gilt es, selbst ein Gesetz oder eine Regel zu finden, um sich so das Besondere verständlich zu machen. Die Urteilskraft wird nicht zum Bestimmten, sondern zum Reflektieren angeregt. Es ist die Fähigkeit Besonderheiten zu beurteilen, ohne sie unter jene allgemeinen Regeln zu subsumieren, die gerlehrt und gelernt werden können, bis sie sich zu Gewohnheiten entwickeln, welche von anderen Gewohnheiten und Regeln ersetzt werden können.“

Falls ich Euch jetzt auch Lust auf mehr gemacht habe, hier zwei Philosophie-Kurse im Netz, die ein erster Aperitiv sind und einen guten Einstieg bilden, mehr geht immer. Das Internet ist voll von kostenlosen Kursen von Universitäten wie Harvard, Yale, Stanford etc und ich wünschte mir, jeder Tag hätte 72 Stunden, damit ich das alles absaugen kann 😉

Tamar Gendler: Philosophy and the Science of Human Nature

http://oyc.yale.edu/philosophy/phil-181#overview

Und wer sich bei diesem Gespräch nicht ein wenig in Karl Poppers Hirn verliebt dem ist nicht zu helfen:

Philosophie ist cool und macht wirklich Spaß, ich finde es immer wieder schade, wie viele Leute keine Lust darauf haben, es unzugänglich und verstaubt finden. Das muss echt nicht sein. Die Philosphie guckt dem Leben unter den Rock, habe ich mal irgendwo gelesen und das brauchen wir.

Wer Lust auf mehr Hirngymnastik hat, dem kann hier demnächst geholfen werden, wenn ich Euch von meinen Genetik-Abenteuern berichte 🙂

  • Bertrand Russell „History of Western Philosophy“ ist auf deutsch unter dem Titel „Philosophie des Abendlandes“ im Europa Verlag erschienen
  • Manfred Geier „Aufklärung das europäische Projekt“ ist im Rowohlt Verlag erschienen
  • Wolfgang Röd – „Der Weg der Philosophie“ ist im Beck Verlag erschienen