#WomeninSciFi (50) The Dispossessed – Ursula LeGuin

logo-scifi3

Das #WomeninSciFi Jahr neigt sich dem Ende zu und ich möchte es abschließen, wie es begann – mit der wunderbaren Ursula LeGuin. Vielen vielen Dank an die vielen Beteiligten, diese Reihe hätte nicht bestehen können ohne Euch! Dies soll nicht das endgültige Ende der Reihe sein, aber ich werde sie im nächsten Jahr nicht mehr im wöchentlichen Rhythmus weiterführen. Aber auch künftig werde ich die Finger nicht von großartiger, weiblicher SciFi lassen können und werde sicherlich auch bei euch mal wieder anklopfen, sollte ich auf euren Blogs etwas erspähen, was ich gerne in der Reihe hätte.

Ich hoffe sehr, dass es irgendwann genauso selbstverständlich sein wird, Autorinnen in den Science Fiction Abteilungen der Buchhandlungen zu finden.

Doch bevor ich gleich ganz sentimental werde, lasst uns aufbrechen in ferne Galaxien, in denen ein brillanter Physiker versucht, die Mauern des Hasses einzureißen, die seinen Planeten vom Rest des Universums isoliert haben. Von solchen Menschen können wir auch 2019 gar nicht genug haben.

IMG_4512

Science Fiction vor 30 oder 40 Jahren beschäftigte sich fast immer mit dem Szenario, ob die Zukunft auf der Erde kommunistisch, sozialistisch, faschistisch, kapitalistisch oder totalitär strukturiert sein würde. Man ging immer davon aus, dass es die Erde und die Menschheit gibt, die Fragestellung drehte sich zumeist um das vorherrschende politische System.

Heute stellt sich die Systemfrage fast gar nicht mehr. Selbst SciFi Autoren können sich eine Welt ohne Kapitalismus nicht vorstellen, aber durchaus, dass es unsere Erde nicht mehr gibt. Heute haben wir es sehr häufig mit Endzeitszenarien zu tun, in denen der Kapitalismus die Welt ans Messer geliefert hat.

In Ursula LeGuins Roman „The Dispossessed“ präsentiert sie eine durchaus plausible anarchistische Utopie. Utopien haben es immer schwer, die meisten sind sehr kurz gedacht, sind unrealistisch oder auch einfach nur dämlich. Diese Utopie hier ist anders. LeGuin hat sie tief durchdacht und durchaus einkalkuliert, das Menschen häufig einfach selbstsüchtig und dumm agieren. Beim Lesen kann man sich durchaus vorstellen, dass ihre anarchistische Gesellschaft tatsächlich funktionieren könnte. Nicht immer und es gibt auch durchaus Probleme, aber es scheint genügend Flexibilität und Realitätssinn darin zu geben, um sich auf verändernde Bedingungen einzustellen.

In Le Guins Roman wurde der kleine Planet Anarres von einer Gruppe von Dissidenten seines Zwillingsplaneten Urras besiedelt, einem Planeten, der dem unseren sehr gleicht. Urras hat eine reiche und luxuriöse Biosphäre und die urrastische Kultur ist reich, es gibt jede Menge Einkaufsmöglichkeiten, Klassensysteme, große Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft sowie Gewalt und Sexismus.

Anarres ist im Vergleich dazu eine harsche Welt. Seine Biosphäre hat sich nicht weit über das Devon hinaus entwickelt und es braucht unglaubliche Disziplin der Siedler und jede Menge Mut, um diese harsche Umgebung Heimat zu nennen. Die Annaresti sind Anarchisten. Ihre Gesellschaft kennt keinen Besitz, keine Hierarchie, nur wenig Gewalt, komplette Gleichheit und keinerlei Einkaufsmöglichkeiten. LeGuin schafft es glaube ich deshalb so gut, diese Gesellschaft nachvollziehbar zu machen, weil sie eben kein utopisches Paradies ist. Die Psychologie der Annaresti ist durchaus glaubwürdig. Sie zeigen ganz normale Eigenschaften wie Eifersucht, Rivalität, Egoismus  und Ängste. Es gibt durchaus das Bedürfnis nach Besitz, aber dieses Bedürfnis wird nicht weiter gefördert oder kultiviert. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die harten Bedingungen auf dem Planeten helfen, die Bedürfnisse nach Gleichheit und Freiheit zu befriedigen.

Le Guin ist eine großartige Erzählerin, die weder überzeichnet, noch ins Predigen verfällt. Ich glaube tatsächlich, das Geheimnis, warum die Annaresti Kultur funktionieren könnte, liegt in der Knappheit, gerade weil sie keine Fülle haben, weil ihre Welt so fordernd ist und es gar nicht so einfach ist, Überschuss zu produzieren. Knappheit kann ein großer Segen sein.

Die Anarchisten in LeGuins Geschichte kommen im Übrigen eher aus der Star Trek Philosophie. Es sind keine reinen „Zurück-zur-Natur-Hippies“, sondern sehr fortschrittliche, realistische und technologieaffine Menschen. Das gefiel mir sehr an der Geschichte, denn ich glaube, die Menschen brauchen Technologie, sie ist es, was uns als Menschen unter Anderem ausmacht.

LeGuin zeigt uns, dass uns nicht das, von dem wir es glauben, uns glücklich macht. Überschuss wird wahrscheinlich immer missbraucht werden. Autonomie, soziale Eingebundenheit und sinnvolle Arbeit sind der Ursprung von Zufriedenheit und Glück und davon haben die Anarresti tatsächlich mal Überfluss. Man kann wohl tatsächlich nicht alles haben. Ein einfaches Leben führt schnell zu Überfluss, der wiederum für die Menschen überaus schwierig zu managen ist.

„The Dispossessed“ ist ein großartiger Roman, der einem noch lange nachgeht, jede Menge Fragen aufwirft und den ich liebend gerne einmal im Bookclub diskutieren würde.

Jetzt müssen wir nur noch einen Weg finden uns künst,lich zu beschränken, ohne dass unser inneres Kleinkind sofort die Krise bekommt und der Raubbau an der Erde könnte vielleicht noch gestoppt werden. Wie wir das allerdings hinbekommen sollen ohne Ursula LeGuin, die Queen of Science Fiction, die dieses Jahr leider verstorben ist, kann ich mir so gar nicht vorstellen.

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Freie Geister“ im Fischer Tor Verlag.

Werbeanzeigen