In Plüschgewittern – Wolfgang Herrndorf

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Es gibt Bücher, die eignen sich ganz besonders zum Zugfahren finde ich – und Herrndorfs „In Plüschgewittern“ gehört dazu. Es reicht nicht unbedingt für die gesamte Strecke Dortmund – München, insbesondere nicht, wenn man auch noch eine Stunde Verspätung hat, aber man kann so perfekt darin versinken. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, ein paar Stunden am Stück ungestört zu lesen und in eine ganz andere Welt abzutauchen.

„Wenn man von hier nach Marzahn läuft, kann man wahrscheinlich sogar eine kontinuierliche Zeitreise unternehmen, durch alle Moden und Haltungen der letzten dreißig Jahre. Die 90er in Friedrichshain, die 80er in Lichtenberg, die 70er in Marzahn. Und wenn man dann über Marzahn hinausläuft, was man nie tun sollte, landet man irgendwann wieder im Faschismus.“

Mit den Herrndorf Romanen muss man ja ohnehin vorsichtig umgehen. Neben „Tschick“, „Arbeit und Struktur“ und den „Plüschgewittern“, da bleibt mir nicht mehr viel und dann bin ich komplett durch, daher gibts jetzt nur noch einen Herrndorf pro Jahr, denn das Gesamtwerk ist nicht groß und es kann ja leider nichts mehr nachkommen 😦

Im Roman selbst passiert eigentlich nicht viel und ich mag auch nicht zu viel verraten. Der namen- und ziellose Protagonist weiß nach der Trennung von seiner Freundin Erika nicht so recht wohin mit sich und seinem Leben, daher macht er sich auf nach Berlin. Es ist nicht die atemberaubende Handlung die den Roman so besonders macht, es ist die Sprache. Auf fast jeder Seite sind Sätze die man anstreichen und herausschreiben möchte, weil sie so treffend sind. Weil sie das Gefühl so genau beschreiben, nicht dazu zu gehören, sein Mojo verloren zu haben, einfach leer zu sein.

„Ich fühlte mich wie mit Beton ausgespritzt..“

SchreiRot

Er nistet sich erst einmal bei seinem Freund Desmond ein, einem sagenhaft klugen schwulen Freund, der seinen Lebensunerhalt damit finanziert, für andere Leute Doktorarbeiten zu schreiben. Gemeinsam gehen sie auf Parties, trinken jede Menge und durch ihn lernt unser Romanheld auch Ines kennen, eine Frau, in die er sich ein bisschen verliebt, aber einer wie er hat einfach kein Talent für Glück. Vielleicht machen Rilke-Gedichte doch glücklicher, als Coen-Filme über die lässigen Dauer-Scheiterer? Ich weiß es nicht.

„Ich war randvoll von Dingen, die ich sagen wollte, aber ich war unfähig, sie so zu sagen, dass sie einer verstanden hätte“.

Vor ein paar Tagen sind mir im offenen Bücherschrank Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ in die Hände gefallen und vielleicht war es die Assoziation des Titels die mich zu den „Plüschgewittern“ hat greifen lassen für meine Zugreise. Am Plüschgewitter-Protagonisten ist so gar nichts stählernes. Eine eher weiche, verlorene Seele, der zuviel denkt und seine Mitmenschen permanent recht erbarmungslos seziert und doch steckt dahinter nur Angst und Wut vor der Einsamkeit und der eigenen Sterblichkeit. Die Passagen im Buch die sich mit Krebs und Krankheit beschäftigen setzen einem ganz schön zu, wenn man Herrndorfs Schicksal kennt.

„Die Natur ist das Letzte, wenn man mich fragt. Das Allerletzte.“
„Stattdessen werde ich das Gefühl nicht los, dass der Anblick dieser Missbildungen und Metastasen meinen Körper irgendwie auf dumme Gedanken bringt.“

Herrndorf kann schreiben, kann Empfindungen auf den Punkt bringen, wie nur wenige andere. Das Buch geht nah und an die Nieren und man möchte ihm was abgeben vom Glück dem tragischen Helden. Gelungen fand ich auch den Perspektivenwechsel im letzten Kapitel, geschrieben aus der Sicht des Bruders. Und bei aller Tragik der Geschichte, da ist auch eine Menge Humor drin:

„Ein bisschen komme ich mir schon vor wie der Spiegel Redakteur, dem sie zur Strafe fürs Praktikantinnen-Flachlegen, nochmal die jährliche, schonungslose Ost-West-Bilanz aufs Auge gedrückt haben: 10 Jahre danach“

„Wenn man unbedingt geisteskrank sein will, muss es immer dieser Blödsinn sein? Ich meine, ich weiß natürlich auch, dass man sich das nicht aussuchen kann, ob man jetzt Paranoia kriegt oder Tourette-Syndrom oder irgendetwas Anständiges. Aber Magersucht. Bei Magersucht fallen mir immer nur so Luxusfamilien mit Reitpferden ein, und ich kann das irgendwie nicht ernst nehmen. Davon mal ganz abgesehen sieht es scheiße aus.“

„Diese jungen Menschen tragen zwar dasselbe wie die Kinder vor Supermärkten in Marzahn, mit dem Unterschied allerdings, »dass die hier Achttausendmarkjobs machen und Kommunikationsbrillen aufhaben“.

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3 Kommentare zu “In Plüschgewittern – Wolfgang Herrndorf

  1. Pingback: Sonntagsleserin Februar 2015 | buchpost

  2. Du hast Recht, mit den Büchern von Herrndorf sollte man eigentlich sparsam umgehen, da sie sonst schnell alle gelesen sind und dann bleibt nichts mehr, als sie nochmal zu lesen. Kann man aber durchaus auch machen =) Ich habe mir keine Regel auferlegt, weil ich nach „Sand“ alles von ihm lesen wollte und nun bleibt mir eigentlich nur noch „Diesseits des Van Allen Gürtels“.
    Von dem Debüt „In Plüschgewittern“ war ich nicht soo begeistert, ich finde man merkt, dass es ein Erstlingswerk ist. Mir ist von der Figur und der Handlung nicht viel geblieben und daher finde ich es im Vergleich zu seinen anderen Romanen schwächer… Klar, man findet schon diese beeindruckende Herrndorf-Sprache und seinen herrlichen Humor in einigen Sätzen, aber sie gehen in der etwas ideenlosen Handlung unter, fand ich.
    Diesen Roman würde ich jedenfalls nicht so schnell wieder lesen wollen. Die anderen von ihm unbedingt!

  3. Vor kurzem habe ich das Buch gelesen und ich fand es super. Bei vielen Sätzen musste ich schmunzeln. Herrndorf lässt seinen Protagonisten bissig seine Mitmenschen analysieren und ich konnte ihm oftmals nur zustimmen. Ein schönes Debüt, wie ich finde. „Tschick“ und „Bilder deiner großen Liebe“ habe ich auch gelesen und ich finde, dass dieser Autor sehr vielseitig ist. Jeder Roman ist etwas ganz anderes und neues.

    Liebe Grüße,
    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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