Meine Woche

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Gesehen: „The Beguiled“ (2017) von Sophia Coppola mit Kirsten Dunst und Nicole Kidman. Wunderbare Bilder, toller Soundtrack – sehenswert. Der Film brachte Coppola den Director Award in Cannes ein.

Mommy“ (2014) von Xavier Dolan. Sehr guter Film um die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einer Witwe, ihrem gewalttätigen Sohn und einer hilfsbereiten Nachbarin. Noch ein Cannes Gewinner.

Top Gun“ (1986) von Tony Scott mit Tom Cruise und Kelly McGillis. Da werden Jungenderinnerungen wach. Ein Klassiker.

Tremors“ (1990) von Ron Underwood mit Kevin Bacon. Der deutsche Titel ist viel besser. „Im Land der Raketenwürmer“ – wunderbare Unterhaltung.

Gehört: „Roygbiv“ – Boards of Canada, „And then there was light“ – Monk by the Sea, „V“ – Iona Fortune, „Take my breath away“ – Berlin, „Dark Ambient“ – Cyro Chamber

Gelesen: den berührenden Artikel von Mara Giese, im Panoptikum des Datenkapitalismus, dieses Interview mit Orphan Black Regisseurin Helen Shaver, wo Zeit eigentlich herkommt und „The Rise of the Thought Leader

Getan: den Rahm Contest leider nicht gewonnen, aber ganz wunderbare Menschen kennengelernt, tolles Feedback bekommen, viel gelernt. Den CSD in Berlin besucht, Ocelot unsicher gemacht und viele Interviews geführt

Geplant: nächste Woche zum Doc um was abklären zu lassen

Gegessen: Döner

Getrunken: Prosecco

Gelacht: Cannibals don’t eat Clowns, they taste funny

Geärgert: hab meine Chucks in Berlin totgelaufen

Gefreut: auf das Frühstück mit lieben Freunden heute, dass sich so ein schönes AirBnB Zimmer mit toller Gastgeberin hatte

Gewünscht: diese Woche nix

Geklickt: auf Christopher Nolans „Time Puzzle

Gekauft: Geburstagsgeschenke und Ersatz-Schuhe

Gefunden: Verloren: meine Leute auf dem CSD beim Wolkenbruch

Gewundert: wie angenehm networken sein kann (trotzdem anstrengend)

Ellbogen – Fatma Aydemir

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Ellbogen ist ein heftiges Buch, es haut direkt in die Magengrube und wenn man es zuklappt, nachdem man atemlos durchgerauscht ist, dann ist man erst mal fertig. Ich war es zumindest. Es ist ein anstrengendes Buch mit einer kratzigen Protagonistin, die es ihren Lesern nicht einfach macht, sie zu mögen, vielleicht auch, weil sie sich selbst nicht einmal mag.

Klar hat man schon tausendfach gelesen von den verlorenen Generationen, die nie als „richtig deutsch“ angesehen werden, auch wenn sie hier geboren sind, im Gegenzug jedoch für ihre Bekannten und Verwandten im Heimatland der Eltern wiederum einfach nicht als echte Türken etc. gesehen werden. Egal wie viele Artikel ich dazu in der Zeitung gelesen habe, die ganze Problematik wurde mir deutlich bewusster durch den Roman.

Heftig wie viele Hazals da draußen sind, verloren zwischen den Kulturen und ohne große Chance, es in Deutschland zu etwas zu bringen, wirklich dazu zu gehören und teilhaben zu können am gesellschaftlichen Miteinander.

Tagsüber steckt Hazal in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme ohne große Aussicht, damit wirklich Chance auf einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Bewerbungen schreibt sie am Fließband, aber außer dem Aushilfsjob in der Bäckerei ihres Onkels ist nichts in Aussicht. In ihrem Zuhause geht es eher lieblos zu, viel zu sagen haben sich weder die Eltern noch ihr Bruder, das wichtigste ist ein braves Mädchen zu sein und zu gehorchen, alles andere ist egal.

„Es geht nur darum, den anderen überzeugende Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen. So funktioniert Familie. Immer sachlich bleiben.“

„Er würde mich ständig damit erpressen, es meinen Eltern zu erzählen. Aber würde er es ihnen denn wirklich erzählen? Schwer zu sagen. Über die Wahrscheinlichkeit habe ich mir nicht so richtig Gedanken gemacht. Die dürfen das nicht wissen und Ende. Der Scheiß läuft doch automatisch im Kopf.“

„Ich meine, das erste, was ich nach dem Sprechen gelernt habe, war das Lügen. „Du darfst deinem Vater nicht immer alles erzählen“, hat mir Mama gesagt, an dem Tag, an dem sie mir das einzige Mal einen Heliumluftballon gekauft hat.“

Das funktioniert anscheinend tatsächlich so. Das habe ich oft bei Freunden aus muslimischen Familien erlebt, diese Parallel-Wirklichkeiten, die sie sich oft gezwungen sehen, aufzubauen. In dem den älteren in der Familie Version A vorgelebt wird, den Geschwistern oder Cousins die etwas liberaler sind Version B und für Freunde etc. gibt es oft noch eine dritte Variante. Das muss so anstregend sein und die dürfen sich auf keinen Fall überschneiden die verschiedenen Parallelen sonst könnte alles auseinander fliegen.

Den Wendepunkt nimmt die Geschichte als Hazal mit ihren Freundinnen aufgebretzelt und gut angeschickert an der Tür vom Berghain abgewiesen werden und der Kumpel, der nicht wie erhofft seinen Einfluss spielen lässt, damit sie reinkommen, sondern der sie als Schlampen bezeichnet und nach Hause beordert. Das sind die berühmten Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen.

Der Abend, auf den sie so hingefiebert hatten, wo sie den 18. Geburtstag Hazals feiern wollten, die soviel auf sich nimmt, um so etwas eigentlich normales wie Tanzen gehen und bei Freundinnen übernachten hinzubekommen. Denn sowas kommt in der elterlichen Welt der Deutsch-Türkin nicht vor. Sie lügt, besorgt Geld für Eintritt und Getränke, nimmt so viel auf sich, um sich diesen ersehnten Abend zu ermöglichen und dann kommen sie nicht rein.

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Diese eine Abweisung zuviel führt aus heiterem Himmel aus einer zufälligen Begegnung an der S-Bahn zu einer Gewaltorgie, die mit dem Tod eines Studenten und mit Hazals Flucht nach Istanbul vor Polizei und den Folgen ihrer Tat endet.

„Jungfrauen benutzen keine Tampons, das weiß jeder, und bei Tante Semra liegen sie von Zeit zu Zeit einfach so auf dem Esstisch, nicht in einer Schachtel, sondern offen, einzeln, Stück für Stück, wie auf einem Präsentierteller, wie weiße Patronen, die nur darauf warten, abgeschossen zu werden.“

„Aber gegen Oma kann sie nichts sagen. Denn mit dem Häuptling fickt man nicht. Und vor allem nicht, wenn man vorhat, selbst irgendwann Häuptling zu werden“

Am ersten Buchmesse-Abend in Leipzig hatte ich die Gelegenheit, in kleiner Runde mit der Autorin über ihr Buch zu sprechen und Fatma Aydemir schilderte dort, wie ihr der Gedanke zum Buch gekommen sei, als sie über sinnlose, urplötzlich auftretende Gewaltorgien von Jugendlichen gelesen hat und sich mit der Frage beschäftigte, wie es dazu kommen kann und wie sich das Ganze entwickelt, wenn es sich bei den Tätern um Mädchen handelt.

Hazal ist nicht immer rational zu verstehen, aber man fühlt einfach mit ihr. Man spürt ihre Aggression, ihre Verletzlichkeit, ihren Humor und ihre Intelligenz. Das Ende des Buches wird von der Wirklichkeit eingeholt mit dem Putschversuch in der Türkei 2016 und erscheint fast schon hellsichtig.

Das Buch ist heftig, trotzdem habe ich stellenweise laut gelacht. Die Kritiken in der Presse waren gemischt, in der Bloggerwelt wurde es rege und überwiegend positiv besprochen. Weitere Rezensionen findet ihr hier und hier.

Mich hat „Ellbogen“ an „Tigermilch“ von Stefanie de Velasco erinnert, beides Coming-of-Age Romane, die ich sehr gerne gelesen habe.

 

Die Toten – Christian Kracht

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We are all so afraid, we are all so alone, we all
so need from the outside the assurance
of our own worthiness to exist. But these things
pass away; inevitably the pass away as the
shadows pass across sundials. It is sad, but it is so.
(Ford Maddox Ford)

Dank des Druckfrisch-Interviews mit dem Autor weiß ich, dass der Roman wie ein dreiaktikges No-Theaterstück aufgebaut ist. Es fängt geisterhaft schleichend an, in der Mitte ist Action und am Ende sind möglichst viele tot. Das hätte mir sehr gefallen, intellektuell genug zu sein, den Bezug zum japanischen No-Theater allein durch die Lektüre zu erkennen, aber so schlau bin ich leider nicht. Das wäre an mir vorbei gegangen, vermutlich hätte ich die Lektüre dennoch genossen.

Der Roman beginnt aus meiner Sicht gar nicht so geisterhaft schleichend, sondern recht fulminant mit der Selbstentleibung eines japanischen Offiziers, der ihm bewußt oder unbewußt bei seiner Tat gefilmt wird.  Nach diesem Einstieg geht es erst einmal in die Schweiz, wo wir den Filmregisseur Emil Nägeli kennenlernen, der mit den Geistern seiner Vergangenheit kämpft.

Anfang der 30er Jahre  reist er nach Japan, um dort einen Schauerfilm zu drehen. Man denkt an den Selbstmord am Anfang, erwartet irgendwie eine Art „Snuff“-Film, aber so wirklich wird auf den Film nicht eingegangen. Vielmehr gibt es das Ziel, eine „zulluloide Achse“ zu bauen zwischen Deutschland und Japan, um dem dekadenten Hollywood etwas entgegenzusetzen.

Vor der Kulisse eines wunderbar geheimnisvoll-düsteren Japans, dem pulsierenden Berlin der Weimarer Republik, einem Luxusdampfer und einer Prise Los Angeles tauchen eine ganze Reihe historischer Persönlichkeiten auf: Fritz Lang, Kracauer, neben einem zwielichten Heinz Rühmann, auch Hitler Kumpan Putzi Hanfstaengl und Charlie Chaplin . Japan hat sich lange dem Tonfilm widersetzt und Chaplin hatte eine große Anhängerschaft dort. Im Roman – wie auch in der Realität – wird auf Chaplin und den japanischen Thronfolger ein Attentat verübt.

„Ida antwortete ungeniert, daß es ein Vergessen allen Daseins gebe, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns sei, als hätten wir alles gefunden – sie sah ihm dabei direkt in die Augen, und Amakasu, dessen Fuß unter dem Tischchen langsam höher wanderte, war sich sicher, exakt diesen Ausstausch schon einmal erlebt zu haben, er vermochte sich aber nicht mehr zu erinnern, wo und wann. 

Ein kurzes Buch mit vielen spannenden Gedanken, das mir aufgrund seiner dunklen Melancholie, seiner Atmosphäre und der  Sprache Krachts sehr gut gefallen hat. Etwas enttäuscht war ich dennoch, vermutlich weil ich erwartet oder gehofft hatte, das Filme einer größere Rolle spielen. Die Handlungsfäden verlaufen häufiger im Nirgendwo und es war nicht einfach, den Überblick zu behalten wohin die Reise jetzt eigentlich geht.

„Er spürte eine allumfassende Erschlaffung, eine Phlegmatisierung des Körpers, eine stetig anwachsende, sprachlose Melancholie angesichts jener Zumutung der Vergänglichkeit“

Ida von Üxküll war für mich die heimliche Heldin des Romans, der für meinen Geschmack gerne noch etwas mehr Raum hätte eingeräumt werden dürfen. Ein Roman, der sich oft wie ein Drehbuch liest, viele wiederkehrende Motive (jede Menge Leuten kauen an den Fingern) vielleicht hätte ich noch mehr aus dem Roman herausgezogen, wenn ich mich besser auskennen würde in der (Film)Geschichte der Weimarer Republik und der japanischen Kultur, aber wie gesagt die wundervolle Weltschmerz-Atmosphäre und die poetische Sprache Krachts haben da einiges wett gemacht für mich.

Ich kenne von ihm bislang nur „1979“ möchte aber unbedingt noch Faserland lesen. Habt ihr noch andere Empfehlungen oder ist Kracht gar nicht Euer Ding ?

Überaus symphatisch finde ich ihn nicht, wobei das Interview mit Denis Scheck ging ja (bis auf den Kaiser-Wilhelm-Bart – jesses). Da habe ich ihn vor ein paar Jahren in einem Interview mit Harald Schmidt glaube ich noch deutlich arroganter erlebt. Aber Schriftsteller müssen ja auch nicht unbedingt symphatisch sein, sie sollen hauptsächlich gute Bücher schreiben, die ich lesen möchte.

Hier besagtes Interview mit Herrn Scheck:

Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Purity – Jonathan Franzen

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„So many Jonathans. A Plague of literary Jonathans. If you read only the New York Times Book Review, you’d think it was the most common male name in America. Synonymous with talent, greatness. Ambition, vitality.”

Jonathan Franzens neuester Trümmer ist nicht nur Ausgleichstraining für einseitig belastete Maßkrug-Athleten, es ist eine wilde Mischung aus jugendlichen kalifornischen Idealisten, Ostdeutschen, Journalisten, dem Internet und der DDR,  Eltern, Kindern und dem ewigen Geschlechterkampf.

Die Hauptgeschichte dreht sich um Purity Tyler, genannt Pip, die auf der Suche nach ihrem Vater ist. Ihre Mutter lässt sich durch nichts erweichen, ihr auch nur die geringste Kleinigkeit zu ihrem Vater zu erzählen. Hauptsächlich möchte sie ihn in der Hoffnung finden, er möge sich vielleicht an der Abzahlung ihrer haushohen Studienschulden beteiligen. An ihm als Person und Teil ihrer Herkunft zeigt sie nur marginales Interesse.

Ihre Mutter ist ziemlich seltsam, lebt abgeschieden und ärmlich in einer Hütte auf dem Land und hypochondert sich durch ihren Lebensabend. In der Geschichte gibt es drei große Handlungsstränge, die im Laufe des Buches zusammentreffen. Die Beziehung von Pip und ihrer Mutter, die Suche nach ihrem Vater und ein ostdeutscher Hacker im Julian Assange Format. Die Geschichte springt zeitlich vor und zurück und von Kalifornien, Südamerika, über Ost-Berlin vor der Wiedervereinigung nach Denver und zurück.

Es ist eine interessante, intelligente Geschichte mit Gehalt und alle Charaktere sind eigentlich durch die Bank weg ziemlich neurotisch (aber das ist irgendwie immer so bei Franzen). Die komplexen Hintergrundgeschichten werden ausführlich beschrieben. Die Komplexität minimiert den Lesefluß aber keineswegs. Franzen lesen ist wie eine richtig gute, ordentliche Mahlzeit zu sich nehmen. Nicht leicht und einfach wie bei Murakami, das sind schon ordentliche Portionen hier, mit Sauce und viel Fleisch 😉

Franzen versteht es einfach, zu erzählen. Immer wieder habe ich innegehalten beim Lesen, nachgedacht, mir einige Sätze wieder und wieder durch den Kopf gehen lassen und mich insbesondere an seinen Dialogen erfreut. Ich fand insbesondere die Passagen in Ost-Berlin vor dem Mauerfall brilliant und die Beschreibung des Internet-Gurus Andreas Wolf einfach nur großartig.

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Pip lebt in einem besetzen Haus mit allerlei weltverbesserischen Leuten, unter anderem auch ein paar Deutschen, die ihr einen Kontakt zu Andreas Wolfs Enhüllungsorganisation „Sunlight Project“ herstellen.  Sie überreden sie, sich für ein Praktikum in Bolivien zu melden, wo die Organisation ihren Sitz hat und damit nicht nur ihrem dead-end-Job zu entkommen, sondern ggf. auch mit Unterstützung dieser Hacker-Organisation etwas über die Identität ihres Vaters zu erfahren.

“The world was overpopulated with talkers and underpopulated by listeners, and many of her sources gave her the impression that she was the first person who’d ever truly listened to them.”

Andreas Wolf fasziniert sie und sie lässt sich von ihm in die Redaktion des Denver Independent einschleusen. Hier arbeitet Tom, ein Journalist, den Andreas Wolf während des Mauerfalls kennenlernt und dem er damals ein riesiges belastendes Geheimnis anvertraut hat. Wolf hat Sorge, Tom könne dies journalistisch verwerten wollen und hofft, dies mit Pips Hilfe verhindern zu können.

“The mark of a legitimate revolution – the scientific, for example – was that it didn’t brag about its revolutionariness but simply occurred.”

Die große Enhüllungsorganisation ist eigentlich nur eine Atrappe, um Andreas Wolfs dunkles Geheimnis für immer zu schützen. In den Feuilletons war häufig zu lesen, Franzen vertrete in diesem Roman die These, dass Internet sei die wiederauferstandene DDR. Die These finde ich etwas abwegig und ich fand es etwas unglücklich, dass der Whistleblower der eigentliche Bösewicht der Geschichte ist, aber abgesehen davon ist es ein großartiger Roman.

“What happened in the virtual world, where beauty existed for the purpose of being hated and besmirched, was more compelling than what happened in the real world, where beauty seemed to have no purpose at all.”

„Freiheit“ hat mir noch etwas besser gefallen, vielleicht hatte das aber auch mit den Umständen zu tun, unter denen ich das Buch vor ein paar Jahren gelesen habe. Auf dem Firmen-Teamevent den Fuß gebrochen im Moshpit bei Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ und mit Spaltgips bis zum Oberschenkel verfrüht abgereist. Endlich oben in der Wohnung im 4. Stock ohne Aufzug angekommen, sah ich mich schon die nächsten Wochen wie Rapunzel im Turm sitzen und mich langweilen. Steht nicht mitten im Wohnzimmer eine riesige Kiste vom Rowohlt Verlag! Welche eine Freude – Bücherkiste gewonnen, voll mit den wundervollsten Neuerscheinungen, unter anderem Franzens „Freiheit“. Das war wirklich Glück im Unglück.

Abschließend zu Purity – es war nicht perfekt meiner Meinung nach, ein klein wenig zu lang vielleicht, insbesondere das Ende hat sich ein wenig gezogen, aber ein toll erzählter, intelligenter, humorvoller und cleverer Roman, der nicht nur die Hirnzellen trainiert, sondern bei über 1000g auch durchaus die Armmuskulatur.

Ich freue mich auf jedenfall auf seine Lesung im Literaturhaus im Oktober. Eine weitere tolle Rezension findet ihr hier:

Hier ein Interview von Franzen: https://www.youtube.com/watch?v=nGIrNN0k7iU

Tigermilch – Stefanie de Velasco

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Ich habe ohnehin eine Schwäche für Coming-of-age Romane und wenn dann auch noch zwei starke weibliche Protagonistinnen im Mittelpunkt stehen, dann bin ich hoffnungslos verloren. Mir hat die Energie und die Dynamik der Geschichte sehr gut gefallen. Nini ist die etwas melancholischere der beiden, deren Realitätsferne abgefangen wird von der beleseneren tougheren Jameelah, die schon einiges erlebt hat in ihrem jungen Leben.

„Wir müssen üben, für später, für das echte Leben, irgendwann mal müssen wir ja wissen, wie alles geht. Wir müssen wissen, wie alles geht, damit uns keiner was kann.“

Respekt, Bewunderung und Vertrauen sind einige der Qualitäten, die wir in unseren Freunden suchen, die Nini und Jamelah sich gegenseitig geben. Familie ist für sie ein Netzwerk an Menschen, die füreinander da sind. Leicht haben sie es nicht unbedingt. Ninis Vater ist schon lange weg, ihre Mutter liegt ständig katatonisch auf dem Sofa und Jameelah und ihrer Mutter droht die Abschiebung. Das wird uns ohne jegliches Selbstmitleid klar gemacht.

„Mama liegt eigentlich immer auf dem Sofa. Meistens hat sie die Augen zu, aber wenn ich nach Hause komme, dann schlägt sie sie auch manchmal auf und fragt, wo warst du. Wenn sie die Augen aufschlägt, sieht sie immer furchtbar müde aus, so als wäre sie von weit her gereist und dabei nur zufällig auf dem Sofa gelandet, hier bei uns im Wohnzimmer. Eine Antwort will sie, glaube ich, gar nicht haben. Ich hingegen wüßte schon gern, wo sie war, wo sie hinter ihren geschlossenen Augen immer hinreist, all die Stunden, die sie allein auf dem Sofa liegt. Mamas Sofa ist eine Insel, auf der sie lebt. Und obwohl diese Insel mitten in unserem Wohnzimmer steht, versperrt dicker Nebel die Sicht. An Mamas Insel kann man nicht anlegen.“

Gemeinsam durchschippern sie das Limbo zwischen Kindheit und Erwachsensein.  In der Nachbarschaft herrscht ein rauher Umgangston, Kulturen prallen aufeinander und gelegentlich prostituieren sich die beiden mehr zum Üben, als für das Geld. Stefanie de Velasco erspart einem nichts, doch ist Ninis und Jameelas schonungslose Offenheit ohne jede Sentimentalität oft einfach sehr rührend und es gibt unglaublich viele Momente voller unerwarteter Schönheit in diesem wilden, rauen Multi-Kulti Berlin, das einen manchmal eher an die Bronx oder das Tenderloin-Viertel in San Francisco erinnert.  Tigermilchtage und Tigermilchnächte.

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„In der rechten Hand hält er eine Flasche Wein, aus seiner Jackentasche schaut ein zerfleddertes Buch hervor, und das ist nur eine von den hunderttausend Millionen Sachen, die Jameelah so an ihm liebt. Ich kann das überhaupt nicht verstehen, jemand, der so viel liest, keine Ahnung, war daran so toll sein soll, finde ich irgendwie nicht normal.“

„Immer diese Taschentücher, denke ich, wie kleine Stofftiere, nur für Mütter, nur für Sorgen, traurig geknetete Tierchen aus Tränen, jedes mit seiner eigenen Geschichte.“

Niemals wieder im Leben können Fremde im Laufe eines Nachmittags zu besten Freunden werden, die dir genau die Unterstützung bieten, die Du gerade brauchst.

Ich hätte ehrlich gesagt auch gut ohne den Ehrenmord im Buch leben können, den die beiden als Augenzeugen miterleben. Ich wäre ihnen einfach auch so durch Berlin gefolgt und hätte ihnen beim Abenteuer Erwachsen werden zugeschaut.

„Ach, irgendwann, sagt Jameelah, jetzt, jetzt sind die da glücklich, aber irgendwann, irgendwann trennen die sich. Solche Leute glauben, dass das Leben wie Knetgummi ist, dass man alles draus machen kann, aber irgendwann, da wird das Leben sie auseinanderreißen, und dieser Morgen hier im Gemüsegarten, der wird eine Erinnerung sein, die so wehtut, dass sie sich wünschen werden, sie niemals erlebt zu haben. Irgendwann werden sie über das, was sie am glücklichsten gemacht hat, am meisten weinen. Diese Idioten, glauben immerzu an das Gute.“

Tigermilch ist roh, authentisch und tut streckenweise richtig weh. Die beiden Mädchen sind verletzlich und man schließt sie einfach ins Herz, mit ihrer Neugierde auf Sex und die erste Liebe, mit ihrem Glauben an die Freundschaft und die Loyalität. Wenn sie auf Disney Strandtüchern liegen, Tigermilch trinken, diesen wilden Mix aus Milch, Mariacron und Fruchtsaft, der getrunken wird aus einem ausgeleerten Schoko-Müllermilchbecher und die Fragen für Jameelahs Einbürgerungstest üben.

Erwachsen werden ist aufregend und schön, tut aber manchmal auch verdammt weh. Unbedingte Leseempfehlung. Ein wirklich tolles Buch, das wunderbar zu diesem Sommer gepasst hat. Hier gibt es übrigens noch eine weitere ganz tolle Rezension zu Tigermilch. Wirklich tolles Debüt und ich bin gespannt auf das nächste Buch von Stefanie de Velasco.

Sprechgesangkapellen sind so gar nicht meins, aber dieser Song der passt einfach zum Buch:

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Marlene – Alfred Polgar

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Meine persönliche Erfahrung ist: In Berlin scheint IMMER die Sonne. Deshalb kann ich es sehr gut verstehen, dass Marlene da wohlweisslich einen Koffer hat stehen lassen. Berlin ist immer eine Reise wert und nochmal schöner ist die Reise, wenn man die richtige Begleitung hat. Frau Wonnie konnte/wollte nicht mit zum Björk-Konzert, also habe ich Marlene überredet, mich zu begleiten und sie war eine ganz vorzügliche Kumpanin.

Dieses kleine Büchlein ist eine Hommage des großen und in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts überaus bekannten Kritikers und Kolumnisten Alfred Polgar. Er musste, wie soviele andere, vor den Nazis später ins Exil fliehen und war einer der vielen Menschen, die von Marlene Dietrich im Exil finanziell unterstützt wurden. Sozusagen als Wiedergutmachung bzw. um weniger das Gefühl zu haben, Almosen zu bekommen, sondern als Honorar für eine Auftragsarbeit, so schreibt er zwischen 1937 und 1938 ein Portrait der Dietrich, das jetzt, 80 Jahr nach seiner Entstehung zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Es ist keine seiner sonstigen kritischen Auseinandersetzugen mit einem Werk oder einer Person, dies ist eine Hommage. Nicht nur wegen der Unterstützung die er erhielt, Polgar war ihr Fan von der ersten Stunde an. Sein Text beschäftigt sich mit ihrer Karriere zwischen 1927 und 1937 und man muss schon eine ordentliche Portion „fangirling“ seinerseits ertragen. Das hat für mich dem Genuß der Lektüre keinen Abbruch getan, ich bin auch ein Marlene-Fan, allerdings einer, der bislang nicht wirklich viel über sie weiß.

“Es war die zweite von links, die, im kritischen Augenblick, den Revolver hob und die Kanaille niederschoss. Sie schoss von einer Treppe herab, die im Hintergrund sich wendelte, sie blieb dort stehen, als die Tat getan war, und sah auf das Opfer mit einem Blick, in dem Uninteressiertheit, kindliche Neugier, Müdigkeit und Gefühl schicksalhaften Unvermögens zu verstehen (wie es aus dem Tier-Auge trauert) sich mengten.”

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Der Text bringt für Marlene-Kenner wahrscheinlich keinerlei neue Erkenntnisse und Polgar selbst hat wahrscheinlich in Dietrichs Leben keine größere Rolle gespielt, sie in seinem definitiv, nicht nur weil er auf ihre Hilfe im Exil angewiesen war. Die fesche Lola hat dem ehrwürdigen Kritiker ganz schön den Kopf verdreht 😉

„Nun gilt ja gewiss, dass die bescheidene Lebensform für den, der zu ihr nicht genötigt ist, einen anderen Akzent hat als für den, der sich in sie fügen muss; den kleinen Verhältnissen fehlt das Bittere, wenn die großen nur beurlaubt sind und jederzeit einrückend gemacht werden können.“

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Mir hat das Buch Lust darauf gemacht, mehr über den das Lebens der Dietrich zu erfahren und mich mehr mit dem Star-Kritiker der Zwanziger Jahre, Alfred Polgar, zu beschäftigen. Herr Polgar hat Marlene Dietrich in einem sehr überirdischen Licht gezeichnet, but hey who knows – vielleicht war sie ja auch ein Alien (wie Elvis ;)) und gar nicht menschlich, ich denke, ich werde meine nächste Berlin-Reise mit einer weiteren Dietrich-Biografie im Koffer antreten und dieser Frage gewissenhaft nachgehen.

Egal welche Starallüren sie ansonsten gehabt haben mag, von ihrem Engagement gegen den Nationalsozialismus und für die Exilanten können wir uns auch heute noch eine fette Scheibe abschneiden.

Hier übrigens die wunderbare umfangreiche Rezension bei Sätze und Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Ganz lieben Dank noch einmal an Birgit für das Buch.

Diese spannende Dokumentation ist unbedingt sehenswert:

Meine Lieblinge (5)

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Bingereader hat als halber Pirat in jeder Stadt einen Lieblingsbuchladen, das gilt natürlich auch für Berlin. Ocelot war allerdings schon ein Liebling, bevor ich endlich tatsächlich „drinnen war“. Wir hatten schon eine ganz hübsche, virtuelle Online-Fernbeziehung. Fühlte sich also wirklich wie ein erstes echtes Date an, als ich letzten Montag dann mit zwei Freundinnen durch die heißen Berliner Straßen hin gewandert bin.

Was soll ich sagen ? In echt war es dann alles noch viel schöner. Ocelot ist ein ganz besonderer Buchladen. Warm und freundlich ist nicht nur die Inneneinrichtung und die Atmosphäre des Ladens, sondern auch die Menschen die dort arbeiten. Wer sich selbst nicht trauen kann, den Laden je wieder zu verlassen, dem wird auf Wunsch eine Eieruhr gestellt, als akustische Erinnerung.

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Auch wenn häufig der dunkel-schummrige bis in die letzte Ecke vollgestopfte kleine Laden der Inbegriff des Buchladens zu sein scheint, ich liebe Ocelots genau gegenteilige Ästhetik, die Weitläufigkeit des Ladens, die eher minimalistische Einrichtung, die persönlichen Buchempfehlungen, die sorgfältig ausgesuchte Literatur. Ich kann nur froh sein, dass ich so weit weg wohne, hier könnte ich mich wunderbar arm kaufen.

Besonders gefallen hat mir die große Auswahl an englischen Büchern und Magazinen, die Abteilung, in der in viele anderen Buchläden meist nur lustlos die aktuellen Bestseller platziert werden und fertig. Ruckzuck hatte ich beide Arme voller Bücher und Zeitschriften. Mit leckerem Kaffee ausgestattet ging es an die schwierige Aufgabe der Selektion.

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Ocelot wurde Anfang Juni 2012 in Berlin-Mitte  gegründet und hat sich auf die Fahnen geschrieben, „das Leseerlebnis zu revolutionieren“ durch das besonders ausgewählte Sortiment, das phantastische Café und der Schnittstelle von Online- und lokalem Buchladen. Die drohende Insolvenz im Herbst letzten Jahres konnte glücklicherweise abgewendet werden.

Ocelot, Du hast mein Bücherherz geklaut, bin froh und traurig, dass Du soweit weg bist und wenn die Sehnsucht zu groß wird, dann besuch ich dich halt online. Beim nächsten Besuch komm ich aber besser auf die Eieruhr zurück.

Hier gehts dann zum Onlineshop liebe Freunde, da muss man gar nicht unnötig an irgendwelche fernen Gewässer fahren, hier kann man auch fein bestellen 😉