Meine Woche

1709

Gesehen: „Camp X-Ray“ von Peter Sattler. Kristen Stewart spielt eine Soldatin, die sich in einen Guantanamo Gefangenen verliebt. Hmmm, nicht schlecht, aber hat mich nicht vom Hocker gehauen.

Ansonsten Season 3 von Orange is the New Black gebinge-watched 😉 Wow – this show is killing me …

Gehört: „My dreams dictate my reality“ – Soko, Here she comes again – Röyskopp, I get nervous – Lower Dens, Audio Gold – Nathan Fake, Holding – Grouper, Heartbeats – The Knife

Gelesen: Diese Interviews mit Elena Ferrante, Hilary Mantel und Lydia Davis, diesen Artikel über Bibliotherapie und diesen Artikel über Wolfgang Herrndorf

Getan: Siri Hustvedt im Haus der Kunst gelauscht, Hochzeitstag mit Sushi satt gefeiert, einen Workshop durchgeführt, mich heftig gestritten aber am Ende doch noch einen Kompromiss gefunden, in der Sonne Bier getrunken, mich mental ziemlich viel im Knast aufgehalten 😉

Gegessen: Gefüllte Champions und gaaaaaaaaaaaaaanz viel Sushi

Getrunken: Aperol Sprizz und Radler

Gefreut: über die wunderschönen Pfingstrosen

Geärgert: Luft in den Bremsen – grrr

Gelacht: I’m great at multitasking – I fuck up everything at once

Geplant: mein nächstes Tattoo müsste jetzt mal in Angriff genommen werden und mein Französisch bis zum Urlaub aufpolieren

Gewünscht: diese Bettwäsche, diese Jacke und diesen Stuhl

Gekauft: ein Kopfkissen das sich mit Wasser befüllen lässt

Gefunden: viele vermisste Artikel, Notizen etc beim Aufräumen meiner Leseecke

Geklickt: Auf diesen Vortrag von Thomas Sattelberger zum Thema „Zukunft menschlicher gestalten“,  diesen Artikel zur Lage der französischen Intelligentia und diesen TED Talk von Shawn Achor

Gewundert: mit wie wenig Schlaf ich scheinbar auskomme

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In Plüschgewittern – Wolfgang Herrndorf

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Es gibt Bücher, die eignen sich ganz besonders zum Zugfahren finde ich – und Herrndorfs „In Plüschgewittern“ gehört dazu. Es reicht nicht unbedingt für die gesamte Strecke Dortmund – München, insbesondere nicht, wenn man auch noch eine Stunde Verspätung hat, aber man kann so perfekt darin versinken. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, ein paar Stunden am Stück ungestört zu lesen und in eine ganz andere Welt abzutauchen.

„Wenn man von hier nach Marzahn läuft, kann man wahrscheinlich sogar eine kontinuierliche Zeitreise unternehmen, durch alle Moden und Haltungen der letzten dreißig Jahre. Die 90er in Friedrichshain, die 80er in Lichtenberg, die 70er in Marzahn. Und wenn man dann über Marzahn hinausläuft, was man nie tun sollte, landet man irgendwann wieder im Faschismus.“

Mit den Herrndorf Romanen muss man ja ohnehin vorsichtig umgehen. Neben „Tschick“, „Arbeit und Struktur“ und den „Plüschgewittern“, da bleibt mir nicht mehr viel und dann bin ich komplett durch, daher gibts jetzt nur noch einen Herrndorf pro Jahr, denn das Gesamtwerk ist nicht groß und es kann ja leider nichts mehr nachkommen 😦

Im Roman selbst passiert eigentlich nicht viel und ich mag auch nicht zu viel verraten. Der namen- und ziellose Protagonist weiß nach der Trennung von seiner Freundin Erika nicht so recht wohin mit sich und seinem Leben, daher macht er sich auf nach Berlin. Es ist nicht die atemberaubende Handlung die den Roman so besonders macht, es ist die Sprache. Auf fast jeder Seite sind Sätze die man anstreichen und herausschreiben möchte, weil sie so treffend sind. Weil sie das Gefühl so genau beschreiben, nicht dazu zu gehören, sein Mojo verloren zu haben, einfach leer zu sein.

„Ich fühlte mich wie mit Beton ausgespritzt..“

SchreiRot

Er nistet sich erst einmal bei seinem Freund Desmond ein, einem sagenhaft klugen schwulen Freund, der seinen Lebensunterhalt damit finanziert, für andere Leute Doktorarbeiten zu schreiben. Gemeinsam gehen sie auf Parties, trinken jede Menge und durch ihn lernt unser Romanheld auch Ines kennen, eine Frau, in die er sich ein bisschen verliebt, aber einer wie er hat einfach kein Talent für Glück. Vielleicht machen Rilke-Gedichte doch glücklicher, als Coen-Filme über die lässigen Dauer-Scheiterer? Ich weiß es nicht.

„Ich war randvoll von Dingen, die ich sagen wollte, aber ich war unfähig, sie so zu sagen, dass sie einer verstanden hätte“.

Vor ein paar Tagen sind mir im offenen Bücherschrank Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ in die Hände gefallen und vielleicht war es die Assoziation des Titels die mich zu den „Plüschgewittern“ hat greifen lassen für meine Zugreise. Am Plüschgewitter-Protagonisten ist so gar nichts stählernes. Eine eher weiche, verlorene Seele, der zuviel denkt und seine Mitmenschen permanent recht erbarmungslos seziert und doch steckt dahinter nur Angst und Wut vor der Einsamkeit und der eigenen Sterblichkeit. Die Passagen im Buch die sich mit Krebs und Krankheit beschäftigen setzen einem ganz schön zu, wenn man Herrndorfs Schicksal kennt.

„Die Natur ist das Letzte, wenn man mich fragt. Das Allerletzte.“
„Stattdessen werde ich das Gefühl nicht los, dass der Anblick dieser Missbildungen und Metastasen meinen Körper irgendwie auf dumme Gedanken bringt.“

Herrndorf kann schreiben, kann Empfindungen auf den Punkt bringen, wie nur wenige andere. Das Buch geht nah und an die Nieren und man möchte ihm was abgeben vom Glück dem tragischen Helden. Gelungen fand ich auch den Perspektivenwechsel im letzten Kapitel, geschrieben aus der Sicht des Bruders. Und bei aller Tragik der Geschichte, da ist auch eine Menge Humor drin:

„Ein bisschen komme ich mir schon vor wie der Spiegel Redakteur, dem sie zur Strafe fürs Praktikantinnen-Flachlegen, nochmal die jährliche, schonungslose Ost-West-Bilanz aufs Auge gedrückt haben: 10 Jahre danach“

„Wenn man unbedingt geisteskrank sein will, muss es immer dieser Blödsinn sein? Ich meine, ich weiß natürlich auch, dass man sich das nicht aussuchen kann, ob man jetzt Paranoia kriegt oder Tourette-Syndrom oder irgendetwas Anständiges. Aber Magersucht. Bei Magersucht fallen mir immer nur so Luxusfamilien mit Reitpferden ein, und ich kann das irgendwie nicht ernst nehmen. Davon mal ganz abgesehen sieht es scheiße aus.“

„Diese jungen Menschen tragen zwar dasselbe wie die Kinder vor Supermärkten in Marzahn, mit dem Unterschied allerdings, »dass die hier Achttausendmarkjobs machen und Kommunikationsbrillen aufhaben“.

Das Buch erschien im Rowohlt Verlag.

Meine Woche

1282

Gesehen: „Big Bang Theory“ Staffel 7 ist endlich da, und „Philomena“ ein sehr berührender, trauriger Film – sehr sehenswert.

Gehört: The Raveonettes „Kill“ , Boys Noize „Alarm“ und Trentemoller „Come Undone“

Gelesen: ausgiebig die ZEIT beim Frühstück und besonders gern den Artikel über Wolfgang Herrndorf’s nachgelassenes Romanfragment

Getan: zwei Bookclubs in einer Woche besucht – könnte ich mich dran gewöhnen

Gegessen: vietnamesische Pho

Getrunken: Singapore Sling

Gefreut: das die Überraschungsparty so gut geklappt hat und wir einen tollen Abend hatten

Geärgert: über einen Platten, der aber zum Glück schnell wieder geflickt war

Gelacht: über den Typ der nach tagelangem Anstehen sein neues iPhone erstmal einem Crash-Test unterzieht

Geplant: eine Great-Gatsby-Silvesterparty

Gewünscht: dieses coole Bücherregal

Gekauft: Bücher, Musik und ein paar Pflanzen bei Ikea

Gefunden: 20,- € aber nicht behalten.

Geklickt: bei Lumas – ich könnte mich hier totkaufen

(diese Auflistung bei philuko gesehen für toll befunden und übernommen – hoffe, das ist ok).

Arbeit und Struktur – Wolfgang Herrndorf

Arbeit

Das Buch ist eine Schatztruhe an tollen Sätzen, interessanten Einblicken und nur wenige Bücher haben bei mir mehr Unterstreichungen oder wie in diesem Fall Haftmarker. Er schafft es ironisch, ehrlich manchmal sogar witzig über die Krankheit zu schreiben, die ihn gezwungen hat seine Prokrastination zu überwinden und den Turbo einzulegen und der es geschafft hat neben dem Blog, zwei Bücher fertig zu schreiben und soweit ich weiß ein weiteres noch zu einem guten Teil. „Tschick“ fand ich sehr gut,  Sand habe ich noch nicht gelesen habe mich bislang nicht dran getraut.

Herrndorf’s Narzissmus war für mich beim Lesen allerdings manchmal schwer zu ertragen, aber ich fand es sehr rührend wie sehr er auf der einen Seite ausgeteilt hat und auf der anderen Seite doch ständig besorgt war, seine Freunde nicht zu verletzen oder ihnen zuviel zuzumuten. Überhaupt sein Freundeskreis. Wahnsinn. Wer einen solchen Freundeskreis hat, kann eigentlich kein so schlechter Kerl sein, oder ? Interessanterweise haben wir ein paar Gemeinsamkeiten. Einige Bücher, beide ziemliche Romantiker denen stets bewusst ist das dieser Moment jetzt gerade, der so schön ist, nie wieder kommt, sind knallharte Atheisten, kommen aus einem ähnlichen Milieu. Ob das gereicht hätte, um miteinander ein Bier zu trinken, ich weiß es nicht 😉

Herrndorf hatte garantiert einen irre hohen IQ (wie mir scheint sein gesamter Freundeskreis – alles ziemlich brainy people), vielleicht aber auch einen leichten Hang zum Autismus ?

Lieblingszitate ? OK – ich fürchte jetzt kommt echt gut 1/3 des Buches:

Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet.

Ein jahrelanger mühsamer Irrlauf nach Bildung, ein wildes Rumlesen …

Immer die gleichen drei Dinge, die mir den Stecker ziehen: die Freundlichkeit der Welt, die Schönheit der Natur, kleine Kinder.

Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen. Größte Horrorvorstellung meiner letzten Jahre: Ich stehe in ihrem Reihenhaus, umgeben von Erinnerungen und einem riesigen Hausstand, den ich weder entsorgen noch bewahren kann.

Der trotzige, hellwache, angewiderte Blick, die Erkenntnis, dass diese Welt eine Zumutung ist, und der ablesbare Wille, ihr beizeiten noch mit der Axt den Schädel zu spalten.

Stundenlang in dieser Nacht ordne ich mein Weltbild.

Und Pietät mein Arsch. Wenn mit Lebenden einmal so pietätvoll umgegangen würde wie mit Toten oder Sterbenden oder wenigstens ein vergleichbares Gewese drum gemacht würde.

Bin mit meiner Argumentation noch nicht ganz am Stammtisch angekommen, aber die Unterkante wird schon sichtbar.

Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.

Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.