Arbeit und Struktur – Wolfgang Herrndorf

Arbeit

Das war kein einfaches Buch für mich. Meine Stiefmutter ist vor 15 Jahren an einem Glioblastom gestorben und daher ging mir das alles noch mal entschieden tiefer, als es ohne diese Erfahrung womöglich der Fall gewesen wäre.

Das Buch ist eine Schatztruhe an tollen Sätzen, interessanten Einblicken und nur wenige Bücher haben bei mir mehr Unterstreichungen oder wie in diesem Fall Haftmarker. Er schafft es ironisch, ehrlich manchmal sogar witzig über die Krankheit zu schreiben, die ihn gezwungen hat seine Prokrastination zu überwinden und den Turbo einzulegen und der es geschafft hat neben dem Blog, zwei Bücher fertig zu schreiben und soweit ich weiß ein weiteres noch zu einem guten Teil. „Tschick“ fand ich sehr gut, auch wenn ich den Wahnsinnsrummel darum nicht ganz verstanden habe. Sand habe ich nicht gelesen und bin auch nicht sicher, ob ich das noch machen möchte.

Herrndorf’s Narzissmus war für mich beim Lesen allerdings manchmal schwer zu ertragen, aber ich fand es sehr rührend wie sehr er auf der einen Seite ausgeteilt hat und auf der anderen Seite doch ständig besorgt war, seine Freunde nicht zu verletzen oder ihnen zuviel zuzumuten. Überhaupt sein Freundeskreis. Wahnsinn. Wer einen solchen Freundeskreis hat, kann eigentlich kein so schlechter Kerl sein, oder ? Interessanterweise haben wir ein paar Gemeinsamkeiten. Einige Bücher, beide ziemliche Romantiker denen stets bewusst ist das dieser Moment jetzt gerade, der so schön ist, nie wieder kommt, sind knallharte Atheisten, kommen aus einem ähnlichen Milieu. Ob das gereicht hätte, um miteinander ein Bier zu trinken, ich weiß es nicht 😉

Herrndorf hatte garantiert einen irre hohen IQ (wie mir scheint sein gesamter Freundeskreis – alles ziemlich brainy people), vielleicht aber auch einen leichten Hang zum Autismus ?  Manchmal nerven mich die Über-IQs, wenn sie einem ihre Überlegenheit ständig wie einen kalten Fisch in die Fresse hauen müssen. Unter diesen Generalverdacht stelle ich manche Autoren aufgrund ihrer Bücher manchmal und dann fühl ich mich angegriffen. Joyce ist so einer, Salinger manchmal und bei Herrndorf hatte ich das Gefühl auch ab und an. Und dann schmoll ich und denk ah leckt mich doch. Aber vielleicht ist es ja auch gar nicht so und ich tue ihnen verdammt unrecht.

Lieblingszitate ? OK – ich fürchte jetzt kommt echt gut 1/3 des Buches:

Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet.

Ein jahrelanger mühsamer Irrlauf nach Bildung, ein wildes Rumlesen …

Immer die gleichen drei Dinge, die mir den Stecker ziehen: die Freundlichkeit der Welt, die Schönheit der Natur, kleine Kinder.

Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen. Größte Horrorvorstellung meiner letzten Jahre: Ich stehe in ihrem Reihenhaus, umgeben von Erinnerungen und einem riesigen Hausstand, den ich weder entsorgen noch bewahren kann.

Der trotzige, hellwache, angewiderte Blick, die Erkenntnis, dass diese Welt eine Zumutung ist, und der ablesbare Wille, ihr beizeiten noch mit der Axt den Schädel zu spalten.

Stundenlang in dieser Nacht ordne ich mein Weltbild.

Und Pietät mein Arsch. Wenn mit Lebenden einmal so pietätvoll umgegangen würde wie mit Toten oder Sterbenden oder wenigstens ein vergleichbares Gewese drum gemacht würde.

Bin mit meiner Argumentation noch nicht ganz am Stammtisch angekommen, aber die Unterkante wird schon sichtbar.

Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.

Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s