George Orwells London

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Einmal im Jahr muss ich nach London, sonst bekomme ich schlimmes Heimweh. Auch wenn ich durchaus in alle möglichen Ecken der Stadt gekommen bin und länger im Westen Londons wohnte, das Eastend und der Osten Londons sind nach wie vor eher Terra incognita für mich. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass wir uns am Ende für ein Hotel im Eastend entschieden haben, weil es mir die endlich die Gelegenheit gab, mal mehr im Eastend zu sehen als nur die Streetart rund um Brick Lane (auch wenn die immer wieder nur allein für sich schon eine Reise wert ist).

Was passt besser, als sich George Orwells „Down and out in Paris and London“ als Reiselektüre einzupacken? Orwell wurde 1903 als Eric Arthur Blair in Motihari, British India, geboren, wo sein Vater für die Opium-Abteilung des indischen Civil Service arbeitete. Seine Mutter wuchs in Burma auf und zog mit dem kleinen Eric und seinen beiden Schwestern 1904 nach Oxfordshire, wo sie bis 1912 ohne den Vater lebten, der weiterhin in Asien blieb und in all den Jahren nur für einen kurzen Besuch bei der Familie nach England kam.

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Seiner Mutter war wichtig, dass Eric eine vornehme public school besucht, die Familie konnte sich die Gebühren jedoch nicht leisten, er bekam aber 1916 ein Stipendium in Eton. Er war dort nicht sonderlich glücklich, seine akademischen Leistungen nicht überragend, er schrieb in jeder freien Minute und war Mitherausgeber eines College Magazins. 1921 verließ er Eton ohne Abschluss und beschloss, bei der Indian Police in Burma zu arbeiten.

1927 zog er nach London, wo ihm eine Freundin der Familie half, eine Wohnung in der Portobello Road zu finden. Sie mochte seine schriftstellerische Arbeit und ermutigte ihn, weniger poetisch zu schreiben, sondern sich mit der Realität um ihn herum zu beschäftigen. Seinem Vorbild Jack London folgend begann er, die ärmeren Ecken Londons zu erkunden. Er lebte teilweise auf der Straße, schlief in Obdachlosenasyls, ob aus tatsächlicher finanzieller Notwendigkeit oder zu Recherchezwecken war mir bei der Lektüre von „Down and Out“ nicht immer ganz klar. Er wollte das Buch nicht unter seinem Namen herausbringen (was insbesondere seine Mutter sehr glücklich machte) und wählte das Pseudonym George Orwell, inspiriert wurde er beim Nachnamen wohl vom Fluss Orwell in Suffolk.

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Er beschreibt das Obdachlosenasyl in der Commercial Street, der Straße, in der unser Hotel war und Orwells Beschreibungen hätten ehrlich gesagt auch Zeitungsberichte aus dem Jahr 2018 sein können.

Viele Stadtteile Londons sind nahezu frei von Obdachlosen, doch schon wenn man die Stufen der Aldgate East Tubestation heraufsteigt, sitzen die ersten im Eingang und auf den wenigen Schritten von dort zu unserem Hotel waren jede Menge Frauen und Männer, die auf Matratzen vor Geschäften und Hotels auf dem Boden liegen.

Die umstrittene PSPO (Public Space Protection Order), die 2014 von der zu der Zeit Home Secretary Therese May eingeführt wurde, gibt den Councils die Möglichkeit, Menschen aus den Stadtteilen zu verbannen und sie mit Geld- oder Gefängnis zu bestrafen, wenn sie betteln oder auf öffentlichen Plätzen „gammeln“. Eine „Criminal Behavior Order“ (CBO) zu brechen kann Geldbußen von bis zu 1000 GBP und Gefängnisstrafen von bis zu 5 Jahren nach sich ziehen.

Die Councils nutzen teilweise nicht nur die PSPO, um sich Obdachloser zu entledigen, sondern auch Verbote wie Alkohol trinken oder Fluchen in der Öffentlichkeit. Statt sich um die Wurzeln der Problematik zu kümmern, werden ohnehin schon schwache soziale Gruppen tiefer in die Kriminalität und Hoffnungslosigkeit gestoßen.

Wer durch East London läuft fühlt sich teilweise wie in einem dystopischen Roman. Schicke neue Hochhäuser, hippe Restaurants und gleichzeitig Scharen von Menschen, die auf offener Straße Crackpfeifen auspacken, versuchen in Coffeeshops vom erbettelten Geld ein warmes Getränk zu bekommen und die von den Security Guards umgehend wieder auf die Straße gesetzt werden.

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Ganz schwarz weiß ist das alles aber natürlich nicht. Es gibt professionelle Bettler, die gar nicht obdachlos sind, die in Gangs umherziehen und das Betteln als lukrative Einnahmequelle sehen. Oder auch Obdachlose, die vollkommen zugedröhnt sind und aggressiv die Leute beschimpfen und bedrohen, wenn man nichts oder nicht genug gibt. Aber klar, einfach Obdachlosigkeit bestrafen und verbieten und peng löst sie sich in Luft auf – Problem gelöst…

Ein Bekannter berichtete schon vor einer Weile von solch dystopischen Zuständen in San Francisco und im Silicon Valley, wo Heerscharen von Süchtigen auf der Straße leben und aufgrund der absurden Miet- und Lebensmittelpreise keine Chance haben, in ein „normales“ Leben zurückzukehren.

Das ist definitiv jetzt auch in London angekommen und erfahrungsgemäß dauert es nicht lange, bis das dann in dieser Heftigkeit auch bei uns ankommt. München ist sicherlich noch weit entfernt von solchen Zuständen, auch wenn es hier natürlich auch genug Armut und Obdachlosigkeit gibt.

Die Schere geht immer weiter auseinander und ich fürchte, das wird noch heftiger. In London sind abgeschlossene Parks und Wohnanlagen, die nur per Sicherheitscode erreichbar sind, an der Tagesordnung, das gibt es hier noch eher selten, aber ich denke die Getthoisierung in Städten wird weiter zunehmen.

George Orwells Abneigung gegen den Imperialismus führte nicht nur zu einer persönlichen Abneigung gegen das Leben der Bourgeoisie, sondern führte bei ihm zu einer kompletten politischen Umorientierung. Direkt nach seinem Aufenthalt in Burma bezeichnete er sich für ein paar Jahre als Anarchist. In den 1930er Jahren bezeichnete er sich dann als Sozialist, er war in seinem Denken jedoch zu freiheitsliebend, um sich einen Kommunisten zu nennen, was in dieser Zeit weit verbreitet war.

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Er kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten und wurde heftig verwundet. Ein Schuss in Arm und Kehle führten dazu, dass er ein paar Jahre lang nicht sprechen konnte. Seine Frau und er wurden in Spanien des Verrats angeklagt, glücklicherweise wurde die Anklage fallen gelassen und er konnte mit ihr das Land verlassen.

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In England arbeitete er in einem Buchladen, als Journalist und Literaturkritiker und ab 1941 bei der BBC als Producer. Er war zeitlebens häufig krank und 1938 wurde bei ihm Tuberkulose diagnostiziert, weswegen er im zweiten Weltkrieg nicht eingezogen wurde sondern im Rahmen seiner Tätigkeit bei der BBC als Propagandachef für die Britische Regierung agierte.

Seine Bücher „Animal Farm“ und insbesondere „1984“ wurden seine größten Erfolge. Letzeres schrieb er auf der schottischen Insel Jura wo er von 1946 bis zu seinem Tod im Jahr 1950 lebte.

Obwohl er seinen Job und die BBC zeitlebens hasste, wurde 2017 vor dem Eingang der BBC eine George Orwell Statue aufgestellt:

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Keine Ahnung, was er dazu gesagt hätte, wenn er diesen Moment miterlebt hätte. Ich bin mir allerdings sicher, er hätte den Obdachlosen in Essays und Zeitungsartikeln auch 2018 eine Stimme gegeben und die unsägliche PSOP in Grund und Boden verdammt.

Down and Out in Paris in London erscheint auf deutsch unter dem Titel „Erledigt in Paris und London“ im Diogenes Verlag.

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12 Kommentare zu “George Orwells London

  1. Wow, super Artikel, der mal eine andere Seite Londons zeigt, an die wohl niemand denken möchte – vor allem nicht zur Zeit der Royal Wedding. Das Buch liegt auch noch auf meinem Stapel und ist soeben ein ganzes Stück nach oben gerutscht.

    Hab ein wundervolles Sonnenwochenende, liebe Grüße!

  2. ja, ein wundervoller Bericht, sehr informativ und sehr lebendig. Ich war – ehrlich gesagt – noch nie in London. Ich würde gern reisen, auch unbedingt mal nach New York. Aber so wie Metropolen mich anziehen, habe ich auch ein wenig Angst vor dieser Größe, dem Lärm und den vielen Menschen und empfinde Unbehagen. Aber vielleicht gibt es dafür ja Abhilfe. Viele Grüße

  3. Toll geschrieben. Informativ, auf den Punkt und interessant. Danke dafür. Und wenn ihr so in London herumlest, dann ist ja vielleicht noch für eine weitere Leserin Platz im Gepäck? Mein letzter London- Aufenthalt ist schon so lange her, der zählt fast gar nicht mehr. Muss sich dringend ändern. Einen schönen Sonntag. Anna

  4. Ich kenne das East End hauptsächlich aus Jack-the-Ripper-Geschichten und der Serie Call the Midwife und möchte es mir auch unbedingt mal ansehen. Dass das East End auch heute noch für Armut steht, war mir nicht bewusst. Danke für den tollen Artikel!

  5. Als ich vor vielen Jahren am Bahnhof in Oberhausen landete, dachte ich, nun bin ich in der Bronx. Die Ghettos sind also nichts Neues, nur wird es allenthalben jetzt noch schlimmer überall!

  6. Auch wenn ich schon auf Twitter geschwärmt habe, möchte ich direkt hier noch einmal meinen Dank aussprechen für diesen vielseitigen, interessanten und gut geschriebenen Artikel, der mir „mein“ London noch einmal auf andere Weise nahe gebracht hat. Zwar wandel ich seit Jahren nicht/ kaum die klassischen Touri-Straßen entlang, doch beim Lesen deines Textes wurde mir bewusst, dass ich bisher selten Obdachlose in London sah. Natürlich sieht man bei den Tube Stations hin und wieder welche, aber für eine Metropole empfand ich es immer als erstaunlich wenig – in Münster oder auch in Edinburgh erschien mir die Obdachlosigkeit bisher immer bedeutend höher…

    Und über Orwell habe ich dank dir auch noch Neues erfahren. 😉

    Viele Grüße
    Kathrin

  7. Pingback: Pferdefüße moderner Literatur & 5. Blogschau – Sören Heim – Lyrik und Prosa

  8. Toller Beitrag! Ich hab 2 Jahre in Shadwell/Whitechapel gelebt & finde vor allem die Geschichte und Entwicklung dieser Gegend sehr faszinierend.“Mein London“ ist, auch wie ich in den Süden gezogen bin (Sydenham), und wird auch immer der Osten bleiben… „Down and out in Paris and London“ ist schon länger auf meiner Leseliste – hoffe ich komm endlich mal dazu!

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