#WomeninSciFi (20) Bloodchild & Parable of the Sower – Octavia E. Butler

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Als waschechter Murakami-Fan erkennt man in Herrn Aufziehvogel vom Blog „Am Meer ist es wärmer“ natürlich sofort einen fellow Murakaminista 😉

Sein Blog ist eine echte Schatztruhe, bis zum Rand gefüllt mit viel, aber nicht ausschließlich japanischer Kultur, Buchrezensionen, Filmbesprechungen abseits vom Mainstream und ich kann nur jeden ermuntern, es sich auf einer virtuellen Liege am Strand des Herrn Aufziehvogels bequem zu machen.

Er stellt uns heute zwei Romane einer Autorin vor, auf die ich ganz besonders gespannt bin: Octavia Butler mit der wir endlich auch eine Vertreterin der afroamerikanischen Science Fiction Kultur vorstellen:

Als Sabine mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Beitrag für ihre Women in SciFi Reihe zu schreiben hatte ich bedenkenlos zugesagt. Bevor ich denke, antworte ich meistens schon und die erste Freude über den Beitrag wurde getrübt, als ich nicht wusste, über welche Dame ich überhaupt schreiben sollte. Die Verdutztheit wich schnell der Freude, denn ich betrat hier absolutes Neuland. Ich kann nicht das allgemeine Klischee bestätigen, Science-Fiction sei eine reine Männerdomäne. Der erste Weg führt meistens, vielleicht aber auch immer, zu Ursula K. Le Guin (1929-2018). Ihr bekanntestes Werk dürften zwar die Erdsee-Bücher sein und gehören dem Fantasy-Genre an, aber ein Großteil ihres Werkes umfasste die wundervolle Welt der Science-Fiction Geschichten. Ursula K. Le Guin war für meinen Beitrag keine Option, denn ich selbst wollte über eine Autorin schreiben, die ich selbst noch gar nicht kannte.

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Foto: Nikolas Coukouman

Nach einigen tollen Vorschlägen fiel meine Wahl jedoch überraschend auf Octavia E. Butler (1947-2006). In Fachkreisen geschätzt und verehrt war Octavia Butler für mich völlig unbekannt, doch ihr schriftstellerisches Werk umso reizvoller. Denn hier bekommt der Leser es nicht nur mit einer echten Woman in SciFi zu tun, zusätzlich repräsentierte Octavia Butler auch die afroamerikanische Kultur da sie eine farbige Schriftstellerin war. Und hier wird es interessant: Octavia Butler und Ursula K. Le Guin unterscheiden sich thematisch gar nicht mal so dramatisch voneinander. Das besondere an Octavias Geschichten sind jedoch die Einflüsse der afroamerikanischen Kultur. Diese Einflüsse waren der Autorin immer wichtig und sie verleihen ihren Geschichten einen einzigartigen Twist. Neben renommierten Science-Fiction Awards wie dem Hugo oder Nebula Award erhielt Octavia Butler sogar die MacArthur Fellowship, eine Premiere für schriftstellerische Leistung in der Gattung Science-Fiction.

Die Bibliographie von Octavia Butler ist reichhaltig, aber besonders auch aufgrund ihres frühen Todes von 58 Jahren noch recht überschaubar. Die meisten Werke von ihr sind Mehrteiler, oftmals aber auch inhaltlich voneinander unabhängig.

Über „Bloodchild“ und „Parable of the Sower“

Meine erste Station war „Bloodchild“. Eine Kurzgeschichte von gerade mal etwas über 30 Seiten, jedoch mit erheblicher Wirkkraft. Bloodchild entstand 1984 und heimste Nebula, Hugo und Locus Award ein. Die Geschichte kommt relativ schnell auf den Punkt und wird aus der Sicht des Jungen Gan erzählt. Um die geheimnisvolle Art der Geschichte zu bewahren hält sich die Autorin mit detaillierten Hintergründen zurück. Vor einer langen Zeit verließ eine Gruppe von Menschen die Erde um neues Glück auf einem anderen Planeten zu finden. Viele Generationen später leben die Nachfahren dieser „Aussteiger“ auf dem Heimatplaneten der Tlic, einer außerirdischen Rasse, die selbst um ihren Fortbestand kämpft. Es existiert ein Geben und Nehmen zwischen beiden Rassen. Die Tlic gewähren den Menschen eine erstaunlich lange Lebenszeit, ausgewählte Menschen hingegen tragen die Eier der Tlic aus, ein Unterfangen, nicht ganz ungefährlich und Stoff für zahllose Alpträume derer, die Zeuge einer Geburt werden. Gan, unser Erzähler, soll die Eier von T’Gatoi austragen, einer mächtigen und einflussreichen Tlic. Als gute Freundin der Familie und besonders Gans Mutter, versprach diese ihrer außerirdischen Freundin, ihren Sohn später einmal bereitzustellen (eine alternativlose Entscheidung, da er sonst die Eier einer fremden Tlic austragen müsste). Als der besagte Tag näher rückt und Gan Zeuge einer solchen „Geburt“ wird, kommt er allmählich ins Grübeln…..

Octavia Butler bestätigte mehrmals, dass die Geschichte keine Allegorie auf die Sklaverei ist. Stattdessen, so die Autorin im Nachwort, sei es gar eine romantische Geschichte. Gemeint ist hier das Verhältnis zwischen Gan und T’Gatoi, welches vielleicht beim ersten lesen der Geschichte nicht wirklich deutlich wird. Die beiden verbindet mehr als Freundschaft und Verpflichtungen. Es ist eine besondere Beziehung und besonders im letzten Teil der Geschichte zaubert Octavia Butler hinreißende Dialoge zwischen den beiden Protagonisten aufs Papier. Wer außerdem danach noch wissen möchte, wie so ein Tlic aussehen könnte, der sollte mal die Bildersuche bei Google aufsuchen!

Meine zweite Station in Octavia Butlers Werk war „Parable of the Sower“ (dt. „Die Parabel vom Sämann“) aus dem Jahr 1993. Bei den „Parable“ Büchern handelt es sich um einen Zweiteiler. Beide Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Fortsetzung aus dem Jahr 1998 „Parable of the Talents“ ist bisher nicht in deutscher Sprache erschienen. Ein geplantes drittes Buch war geplant, wurde aber selbst zu Lebzeiten von Octavia aufgrund mehrerer gescheiterter Versuche nicht mehr realisiert.

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Foto: Heyne Verlag

„Parable oft he Sower“ ist eine Dystopie, die in den 2020ern spielt und aus der Sicht einer jungen Frau namens Lauren Oya Olamina erzählt wird, die von ihrem Vater, einem Baptisten, religiös erzogen wurde aber nie seine Sichtweise auf die Religion teilte. Relativ schonungslos führt uns Lauren in ihre Kindheit in einem völlig desolatem Los Angeles ein. Ihr Vater und andere Erwachsene berichten wehmütig von Zeiten, in denen die Welt noch nicht im Chaos versunken war. Leid, Tod und Chaos herrscht auf den Straßen und selbst an normale Spaziergänge ist nicht mehr zu denken. Jeder Weg wird zu einem Abenteuer. Lauren gründet einige Zeit  und Schicksalsschläge später anschließend ihre eigene Kommune -Earthseed- und durchstreift mit ihrer Gefolgschaft den amerikanischen Norden. Schon bald kommt Lauren zu der Erkenntnis, dass die Zukunft der Menschheit nicht auf der Erde liegt.

Genau wie Bloodchild greift Parable of the Sower ähnliche Thematiken auf. Es geht um Aussteiger, die die Zukunft ihrer Rasse auf einem anderen Planeten sehen (könnte genauso gut auch die Vorgeschichte zu Bloodchild darstellen). Die Trümmerhaufen verlassen um noch einmal neu anfangen zu können. Auch geht es ums Zusammenleben, der Bewältigung schwieriger Zeiten, Emotionen sowie Rassenhass und Feminismus. All das sind Zutaten, die schnell zur eigenen Bürde werden können doch Octavia Butler meistert diese Hürden makellos. Im Internet verfolgte ich einige Debatten über den Roman und wie beispielsweise Leser, die nicht viel über das Werk wussten (nämlich gar nichts im Vorfeld) und für einen Roman hielten, der nur in der Ära Trump entstanden sein konnte. Diese Meinung revidierten einige Leser schnell als sie recherchierten und erfuhren, dass die Autorin bereits 2006 verstarb. Doch genau solche Aussagen der Leser unterstreichen noch einmal die Aktualität nicht nur von Parable of the Sower, sondern diese Aussagen kann man auch auf das gesamte Werk von Octavia Butler anwenden.

„Parable of the Sower“ erscien auf deutsch unter dem Titel „Die Parabel vom Sämann“ im Heyne Verlag.

Die Kurzgeschichte „Bloodchild“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Blutsbrut“ oder auch „Blutbande“ und ist derzeit (soweit ich sehe) nur antiquarisch erhältlich.

 

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Ein Kommentar zu “#WomeninSciFi (20) Bloodchild & Parable of the Sower – Octavia E. Butler

  1. Octavia E. Butler war auch mal eine meiner Lieblingsautorinnen. Besonders ihre dystopische Xenogenesis-Trilogie, die in Deutschland in den 1990er Jahren unter den Titeln „Dämmerung“, „Rituale“ und „Imago“ erschien, gefiel mir gut. Auch „Parable of the Sower“ war aus meiner damaligen Sicht ein gutes Buch. 15 Jahre nachdem ich diese Bücher gelesen habe, fällt es mir allerdings schwer, dies inhaltlich fundiert zu begründen. Aber sie war eben auch eine Mahnerin, die darauf hinwies, dass die Zivilsation dem Untergang geweiht ist, wenn sie weiterhin so wirtschaftet wie bisher und ihre ökologischen Lebensgrundlagen vernichtet.

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