Große gemischte Tüte

Zu warm für lange Rezensionen. Hier in Kürze 5 Empfehlungen für schwüle Sommernächte:

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Süd-Afrika 1901. Sarah van der Watt und ihr sechsjähriger Sohn Fred werden während des Burenkrieges aus ihrem Haus in ein Internierungslager verschleppt, wo die höflichen britischen Angreifer ihnen versichern, sie seien in Sicherheit dort.

2014. Der sechzehnjährige Willem ist ein Außenseiter. In der Hoffnung, dass er endlich der Sohn wird, den sich seine Mutter und ihr Freund wünschen, zwingen sie ihn, ins New Dawn Safari Training Camp zu gehen, wo man stolz darauf ist, aus Jungs Männern zu machen. Sie versprechen ihm, er werde dort in Sicherheit sein.

“Above all this the stars shine. Willem pauses for a moment and feels the world turn as he struggles to pick out the Southern Cross among the interstellar static, He’s never seen a sky so big or so bright. It’s dizzying and he spins slowly to take it all in…” 

You will be safe hier ist ein eindringlicher Roman, der zwei südafrikanische Geschichten miteinander verbindet. Ein Roman um das Vermächtnis von Gewalt und unseren Willen zu überleben. Ein Buch das unter die Haut geht.

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Machines Like Me spielt in einer alternativen Vergangenheit in den 1980er Jahren in London. Charlie treibt antriebslos durch sein Leben, verdient ein paar Kröten mit Online-Börsenhandel und ist in seine Nachbarin Miranda verliebt, die ein schreckliches Geheimnis hütet. Als Charlie Geld erbt, kauft er sich einen Adam, einen der ersten künstlichen Menschen. Mit Mirandas Hilfe co-designt er Adams Persönlichkeit.

“The future kept arriving. Our bright new toys began to rust before we could get them home, and life went on much as before.” 

Dieser nahezu perfekte Mensch ist schön, stark, klug und es entspinnt sich sehr bald ein subversive Dreiecksbeziehung. Die drei werden mit einem tiefgehenden moralischen Dilemma konfrontiert – McEwans beliebter Modus Operandi.

McEwan hat wieder einen unglaublich intelligenten, unterhaltsamen und anregenden Roman geschrieben, der sich mit den grundsätzlichen Fragen beschäftigt: Was macht uns zu Menschen? Unsere äußerlichen Handlungen oder unser innerstes Sein? Kann eine Maschine das menschliche Herz verstehen? Wieviel Rechte hat ein künstliches Leben?

“We create a machine with intelligence and self-awareness and push it out into our imperfect world. Devised along generally rational lines, well disposed to others, such a mind soon finds itself in a hurricane of contradictions. We’ve lived with them and the list wearies us. Millions dying of diseases we know how to cure. Millions living in poverty when there’s enough to go around. We degrade the biosphere when we know it’s our only home. We threaten each other with nuclear weapons when we know where it could lead. We love living things but we permit a mass extinction of species. And all the rest – genocide, torture, enslavement, domestic murder, child abuse, school shootings, rape and scores of daily outrages.” 

Ein provokanter, spannender Roman, der uns davor warnt, Geister zu rufen, die wir dann nicht loswerden bzw. nicht mehr kontrollieren können…

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Als Cora Seabornes brillianter, aber auch dominanter Ehemann stirbt, beginnt ein neues Leben für sie. Sie lässt ihre unglückliche Ehe hinter sich und hat endlich Gelegenheit, ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und Neugier den Raum zu geben, den sie braucht.

Zusammen mit ihrer Freundin und ihrem wahrscheinlich autistischen Sohn Francis verlässt sie London für einen Besuch an der Küste Essex, wo sie – ihrem Vorbild Mary Anning gleich – einem wissenschaftlichen Geheimnis auf der Spur ist.

Sie trifft bei ihren Nachforschungen auf den Pfarrer William Ransom, der ebenfalls mit dem Geheimnis um die „Essex Serpent“ beschäftigt ist. Cora ist eine begeisterte Naturforscherin mit wenig Sinn für Übersinnliches oder Religion und so sehr William und sie sich als Freunde schätzen, immer wieder geraten sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen aneinander.

The Essex Serpent ist eine großartige Gothic Novel im besten Sinne. Die Geschichte mag im späten 19. Jahrhundert spielen, die Themen finden sich aber ganz genau so im 21. Jahrhundert wieder. Glaube und Aberglaube treffen auf Wissenschaften und Fakten und auch die unterschiedlichen Formen der Liebe sowie moralische Limitierungen sowohl in der Liebe als auch in der Medizin.

“We both speak of illuminating the world, but we have different sources of light” 

Besonders gefiel mir, wie differenziert Perry mit den verschiedenen Formen der Liebe umgeht. Den schmalen Grat erfasst, wo Freundschaften sich verwandeln in andere Formen von Beziehungen, nicht immer klar benennbar, sondern changierend und abwechslungsreich.

“The windows in her room were open and light was fading on the wall. She said, ‘There may be blood,’ and he said, ‘Better that way – better’; and it was Cora’s mouth he kissed, and Cora’s hand she placed where she wanted it most. Each was only second best: they wore each other like hand-me-down coats.”

Großes Lesevergnügen.

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Loyalty Island in Washington State wird vom Meer beherrscht. Jeden Herbst fahren die Schiffe der Loyalty Islander hoch zur Bering See, um den Winter über Königskrabben zu fangen. Das ist die Industrie, die die Stadt und seine Geschäfte am Leben erhält, auch wenn stets der drohende Tod auf See über ihnen hängt. Für Cal, dessen Vater Kapitän eines der Boote ist, haben das Meer und Alaska etwas ähnlich mystisches wie die Piratengeschichten, die sein Vater ihm als Kind erzählte – aber er sieht auch, wie sehr das Meer verantwortlich dafür ist, dass die Ehe seiner Eltern alles andere als glücklich verläuft. Sowohl wenn sein Vater auf See ist, als auch, wenn er für ein paar Monate wieder zu Hause ist.

„Loyalty Island – das war der Gestank von Hering, Lackfarbe und fauligem Seetang an Anlegestellen und auf Stränden. Der Geruch von Kiefernnadeln, die sich am Boden braun verfärbten. Das Rumpeln von Außenbordern, von Windböen und Eismaschinen, das Heulen hydraulischer Winschen. Es war graues Dämmerlicht, das morgens und abends kam und ging – wie Ebbe und Flut.

Es war eine Aura der Einsamkeit.“

Die Familie Gaunt ist die mächtigste und einflußreichste auf der Insel. Ihnen gehört seit Generationen die Fangflotte auf Loyalty Island und sie sind der größte Arbeitgeber der Insel. Als John Gaunt plötzlich stirbt und sein entfremdeter Sohn Richard alles erbt, gerät das Leben auf der Insel außer Balance. Richard scheint wild entschlossen alles an die Japaner zu verkaufen und somit den Bewohnern der Insel ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage zu entziehen. Als Cal entdeckt, dass sein Vater möglicherweise drastische Schritte unternommen hat, um ihre gewohnte Lebensweise zu bewahren, steht er vor einer schwierigen Wahl…

Ein wunderbarer Roman über Väter und Söhne, das Ende der Kindheit,  Verantwortung, Loyalität und über die Frage, was Menschen zu unmoralischem Handeln treib. Ein Buch, das definitiv seinen eigenen Soundtrack verdient:

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Gordon Comstock verachtet den Materialismus und die Oberflächligkeit der Mittelklasse, ihre Anbetung des Geldes und ihr Streben nach langweiliger muffiger Seriosiät. Er will ganz nach seinen Idealen leben und kündigt seine gut bezahlte Stelle als Werbetexter und gibt sich ganz seinem Leben in Armut und anderen edelmütigen Aktivitäten hin.

So ein Leben in Armut ist allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken und seine permanente Geldfixiertheit (bzw. der Mangel an Geld) geht einem irgendwann auf den Keks. Es vergeht kein Absatz, in dem das Wort Geld nicht vorkommt. Ich hätte eventuell mehr Respekt für Gordon aufgebracht, wenn er in seiner edelmütigen Lebensweise in Armut nicht permanent auch seine Mitmenschen, insbesondere seine Verlobte und seine Schwester, mit ins Unglück gezerrt hätte.

“The mistake you make, don’t you see,is in thinking one can live in a corrupt society without being corrupt oneself. After all, what do you achieve by refusing to make money? You’re trying to behave as though one could stand right outside our economic system. But one can’t. One’s got to change the system, or one changes nothing. One can’t put things right in a hole-and-corner way, if you take my meaning.”

So edel seine Beweggründe sind, sich und seine Kunst (er ist Schriftsteller) nicht zu verkaufen, so wenig juckt es ihn, wie er die Menschen behandelt, die ihm nahestehen.
Ich bereue es keinesfalls, das Buch gelesen zu haben, es ist durchaus gut und hat viele gute Passagen, aber die Art, wie er mit Frauen umgeht und sein egozentrisches Verhalten haben ihn für mich zu einem der unsympathischsten Protagonisten gemacht, die ich seit langem in Büchern getroffen habe.

Down and out in Paris and London hat mir deutlich besser gefallen.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • Damian Barr – „You will be safe here“ erschienen bei Bloomsbury
  • Ian McEwan – „Machines like me“ auf deutsch unter dem Titel „Maschinen wie ich“ bei Diogenes erschienen
  • Sarah Perry – „The Essex Serpent“ auf deutsch unter dem Titel „Die Schlange von Essex“ bei Eichborn erschienen
  •  George Orwell „Keep the Aspidistra flying“ auf deutsch unter dem Titel „Die Wonnen der Aspidistra“ im Diogenes Verlag erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich.

Meine Woche

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Foto: Eduardo Kobra

Gesehen: „L’Avenir“ (2016) von Mia Hansen-Løve mit Isabelle Huppert. Wunderschöner Film um eine Philosophie-Lehrerin die mit ihrer plötzlichen totalen Freiheit zurecht kommen muss.

Welt am Draht“ (1973) von Rainer-Werner Fassbinder mit Klaus Löwitsch und Barbara Valentin. Abgefahrene Sci-Fi mit viel Ästhetik und einem Thema das an die Matrix erinnert und als „The 13th Floor“ noch einmal verfilmt wurde. Lang aber sehenswert.

The Good Time Girls“ (2017) Kurzfilm von Courtney Hoffman. Sehr heftiger feministischer Western mit der grandiosen Laura Dern. Vorsicht blutig.

Don’t breathe“ (2016) von Fede Alvarez. Horrorfilm um einen Einbruch der richtig schief geht. Super intens, heftig und ich habe in der Tat fast den ganzen Film lang nicht geatmet. Unbedingt anschauen, wenn ihr euch traut.

Gehört: „The Unspoiled“ – Esben and the Witch, „She makes president“ – Sophie Hunger, „We’re not done“ – Mogwai, „Kiss Me“ – Sixpence non the Richer, „Up against Me“ – LP, „Tier“ – Tristan Brusch, „Oh my love“ – Louise Gold, „Schüsse in die Luft“ – Kraftklub

Gelesen: diese neue Kurzgeschichte von Haruki Murakami, diesen Artikel über Buckminster Fuller, diesen Artikel über die tollen Bibliotheken in Kanada, hier noch mal eine verständliche Erklärung zu Blockchain, when female artists stop being seen as muses und Sylvia Plath on female rage

Getan: den HNO Arzt aufgesucht, einen Confluence Workshop besucht und sehr lecker im Nana gegessen

Geplant: Birgit in Augsburg besuchen :), Don Quijote in der Glyptothek und Purcell im Müllerschen Volksbad

Gegessen: Kritharaki Taco Bowl

Getrunken: viel Tee

Gelacht: über dieses Foto

Geärgert: über die Nazi Vollidioten

Gefreut: großer Respekt für Dunja Hayalis Arbeit in Chemnitz

Geklickt: auf diesen TED Talk von Burcin Mutlu-Pakdil zu bislang unbekannten Galaxie-Formen und auf diese Literatur-Hotels

Gewünscht: diesen umgebauten Bus, dieses Outfit, diesen Korb, diese Schale von Setsuko Nagasawa

Gekauft: nix

Gestaunt: über diese Luftaufnahmen von Tempeln in Myanmar, wie Spinnen es schaffen 100 von km zu fliegen und über diesen riesigen Kalmar

Gefunden: ein vermisstes Buch im Keller

Gefragt: soll ich einen Kurs machen „Hieroglyphen lesen für Anfänger“ im Ägyptischen Museum? Lust hätte ich schon …

Gedacht: „But if thought corrupts language, language can also corrupt thought.“
(George Orwell)

Meine Woche

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Gesehen: „Plein Soleil“ (1960) von René Clément mit Alain Delon als Tom Ripley und ganz überraschend Romy Schneider in einer winzigen Szene. Tolle Patricia Highsmith Verfilmung mit wunderschönen Italien Bildern, nur das Ende war doof.

Paris Texas“ (1984) von Wim Wenders mit Harry Dean Stanton und Nastassja Kinski. Tolle Bilder, habe ihn gerne wiedergesehen, nur an der Botschaft des Filmes (ein Kind gehört immer zur leiblichen Mutter störe ich mich sehr)

Gehört: „Jungle“ und „Notion“ –  Tasha Sultana, „Inhaler“ – Hilary Woods, „Female Vampire“ – Jenny Hval, „The Changeling Prince“ – Thou, „Please“ – Blanck Mass, „For my Crimes“ – Marissa Nadler,  „Sohn“ – Olafur Arnalds, „Alpha“ – AEnigma

Gelesen: Disabled Millanials and the housing market, Gutenbergs Revenge, How did we enter the age of obesity, warum bist du Feministin, why retail is not (yet) dead, how George Orwell predicted the challenge of writing today.

Getan: mich immer noch mit der Erkältung rumgeschlagen und Bücherregale aufgebaut

Geplant: mit Freunden im Nana essen gehen

Gegessen: Pfirsich-Blaubeer-Galette

Getrunken: kalten Ananas Grüntee

Gelacht: Music was better when ugly people were allowed to make it

Geärgert: nein

Gefreut: über meine neue Leseecke

Geklickt: auf die Bibliothek den Tempel des Wissens, wie wichtig mobile Büchereien sind,

Gewünscht: diese In-Ear Kopfhörer, dieses Bad, diese Wohnung

Gekauft: die Zeit

Gestaunt: wie heftig es ist durch einen Waldbrand zu fahren

Gefunden: nix

Gedacht: Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus (Alexander von Humboldt)

George Orwells London

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Einmal im Jahr muss ich nach London, sonst bekomme ich schlimmes Heimweh. Auch wenn ich durchaus in alle möglichen Ecken der Stadt gekommen bin und länger im Westen Londons wohnte, das Eastend und der Osten Londons sind nach wie vor eher Terra incognita für mich. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass wir uns am Ende für ein Hotel im Eastend entschieden haben, weil es mir die endlich die Gelegenheit gab, mal mehr im Eastend zu sehen als nur die Streetart rund um Brick Lane (auch wenn die immer wieder nur allein für sich schon eine Reise wert ist).

Was passt besser, als sich George Orwells „Down and out in Paris and London“ als Reiselektüre einzupacken? Orwell wurde 1903 als Eric Arthur Blair in Motihari, British India, geboren, wo sein Vater für die Opium-Abteilung des indischen Civil Service arbeitete. Seine Mutter wuchs in Burma auf und zog mit dem kleinen Eric und seinen beiden Schwestern 1904 nach Oxfordshire, wo sie bis 1912 ohne den Vater lebten, der weiterhin in Asien blieb und in all den Jahren nur für einen kurzen Besuch bei der Familie nach England kam.

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Seiner Mutter war wichtig, dass Eric eine vornehme public school besucht, die Familie konnte sich die Gebühren jedoch nicht leisten, er bekam aber 1916 ein Stipendium in Eton. Er war dort nicht sonderlich glücklich, seine akademischen Leistungen nicht überragend, er schrieb in jeder freien Minute und war Mitherausgeber eines College Magazins. 1921 verließ er Eton ohne Abschluss und beschloss, bei der Indian Police in Burma zu arbeiten.

1927 zog er nach London, wo ihm eine Freundin der Familie half, eine Wohnung in der Portobello Road zu finden. Sie mochte seine schriftstellerische Arbeit und ermutigte ihn, weniger poetisch zu schreiben, sondern sich mit der Realität um ihn herum zu beschäftigen. Seinem Vorbild Jack London folgend begann er, die ärmeren Ecken Londons zu erkunden. Er lebte teilweise auf der Straße, schlief in Obdachlosenasyls, ob aus tatsächlicher finanzieller Notwendigkeit oder zu Recherchezwecken war mir bei der Lektüre von „Down and Out“ nicht immer ganz klar. Er wollte das Buch nicht unter seinem Namen herausbringen (was insbesondere seine Mutter sehr glücklich machte) und wählte das Pseudonym George Orwell, inspiriert wurde er beim Nachnamen wohl vom Fluss Orwell in Suffolk.

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Er beschreibt das Obdachlosenasyl in der Commercial Street, der Straße, in der unser Hotel war und Orwells Beschreibungen hätten ehrlich gesagt auch Zeitungsberichte aus dem Jahr 2018 sein können.

Viele Stadtteile Londons sind nahezu frei von Obdachlosen, doch schon wenn man die Stufen der Aldgate East Tubestation heraufsteigt, sitzen die ersten im Eingang und auf den wenigen Schritten von dort zu unserem Hotel waren jede Menge Frauen und Männer, die auf Matratzen vor Geschäften und Hotels auf dem Boden liegen.

Die umstrittene PSPO (Public Space Protection Order), die 2014 von der zu der Zeit Home Secretary Therese May eingeführt wurde, gibt den Councils die Möglichkeit, Menschen aus den Stadtteilen zu verbannen und sie mit Geld- oder Gefängnis zu bestrafen, wenn sie betteln oder auf öffentlichen Plätzen „gammeln“. Eine „Criminal Behavior Order“ (CBO) zu brechen kann Geldbußen von bis zu 1000 GBP und Gefängnisstrafen von bis zu 5 Jahren nach sich ziehen.

Die Councils nutzen teilweise nicht nur die PSPO, um sich Obdachloser zu entledigen, sondern auch Verbote wie Alkohol trinken oder Fluchen in der Öffentlichkeit. Statt sich um die Wurzeln der Problematik zu kümmern, werden ohnehin schon schwache soziale Gruppen tiefer in die Kriminalität und Hoffnungslosigkeit gestoßen.

Wer durch East London läuft fühlt sich teilweise wie in einem dystopischen Roman. Schicke neue Hochhäuser, hippe Restaurants und gleichzeitig Scharen von Menschen, die auf offener Straße Crackpfeifen auspacken, versuchen in Coffeeshops vom erbettelten Geld ein warmes Getränk zu bekommen und die von den Security Guards umgehend wieder auf die Straße gesetzt werden.

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Ganz schwarz weiß ist das alles aber natürlich nicht. Es gibt professionelle Bettler, die gar nicht obdachlos sind, die in Gangs umherziehen und das Betteln als lukrative Einnahmequelle sehen. Oder auch Obdachlose, die vollkommen zugedröhnt sind und aggressiv die Leute beschimpfen und bedrohen, wenn man nichts oder nicht genug gibt. Aber klar, einfach Obdachlosigkeit bestrafen und verbieten und peng löst sie sich in Luft auf – Problem gelöst…

Ein Bekannter berichtete schon vor einer Weile von solch dystopischen Zuständen in San Francisco und im Silicon Valley, wo Heerscharen von Süchtigen auf der Straße leben und aufgrund der absurden Miet- und Lebensmittelpreise keine Chance haben, in ein „normales“ Leben zurückzukehren.

Das ist definitiv jetzt auch in London angekommen und erfahrungsgemäß dauert es nicht lange, bis das dann in dieser Heftigkeit auch bei uns ankommt. München ist sicherlich noch weit entfernt von solchen Zuständen, auch wenn es hier natürlich auch genug Armut und Obdachlosigkeit gibt.

Die Schere geht immer weiter auseinander und ich fürchte, das wird noch heftiger. In London sind abgeschlossene Parks und Wohnanlagen, die nur per Sicherheitscode erreichbar sind, an der Tagesordnung, das gibt es hier noch eher selten, aber ich denke die Getthoisierung in Städten wird weiter zunehmen.

George Orwells Abneigung gegen den Imperialismus führte nicht nur zu einer persönlichen Abneigung gegen das Leben der Bourgeoisie, sondern führte bei ihm zu einer kompletten politischen Umorientierung. Direkt nach seinem Aufenthalt in Burma bezeichnete er sich für ein paar Jahre als Anarchist. In den 1930er Jahren bezeichnete er sich dann als Sozialist, er war in seinem Denken jedoch zu freiheitsliebend, um sich einen Kommunisten zu nennen, was in dieser Zeit weit verbreitet war.

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Er kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten und wurde heftig verwundet. Ein Schuss in Arm und Kehle führten dazu, dass er ein paar Jahre lang nicht sprechen konnte. Seine Frau und er wurden in Spanien des Verrats angeklagt, glücklicherweise wurde die Anklage fallen gelassen und er konnte mit ihr das Land verlassen.

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In England arbeitete er in einem Buchladen, als Journalist und Literaturkritiker und ab 1941 bei der BBC als Producer. Er war zeitlebens häufig krank und 1938 wurde bei ihm Tuberkulose diagnostiziert, weswegen er im zweiten Weltkrieg nicht eingezogen wurde sondern im Rahmen seiner Tätigkeit bei der BBC als Propagandachef für die Britische Regierung agierte.

Seine Bücher „Animal Farm“ und insbesondere „1984“ wurden seine größten Erfolge. Letzeres schrieb er auf der schottischen Insel Jura wo er von 1946 bis zu seinem Tod im Jahr 1950 lebte.

Obwohl er seinen Job und die BBC zeitlebens hasste, wurde 2017 vor dem Eingang der BBC eine George Orwell Statue aufgestellt:

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Keine Ahnung, was er dazu gesagt hätte, wenn er diesen Moment miterlebt hätte. Ich bin mir allerdings sicher, er hätte den Obdachlosen in Essays und Zeitungsartikeln auch 2018 eine Stimme gegeben und die unsägliche PSOP in Grund und Boden verdammt.

Down and Out in Paris in London erscheint auf deutsch unter dem Titel „Erledigt in Paris und London“ im Diogenes Verlag.