Nachts – Mercedes Lauenstein

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Sollte es morgens um halb 3 oder halb 4 mal bei uns klingeln, werde ich künftig wohl immer mit Frau Lauenstein vor der Tür rechnen. Ihre Erzählerin besuchte Menschen, die nachts wach waren, bei denen Licht brannte und ließ sich die Gründe erklären, warum sie nicht schlafen.

Was für eine grandiose Idee. Dazu hätte ich auch große Lust, es gibt für mich wenig schöneres, als nachts durch Städte zu laufen und in erleuchtete Fenster zu gucken, nur zu klingeln habe ich mich nie getraut. Hätte nicht gedacht, dass so viele überhaupt aufmachen. Es sei denn wir haben es hier natürlich unverschämterweise mit einem Fall von unzuverlässiger Erzählerin zu tun. Bestimmt nicht, hab Frau Lauenstein im Literaturhaus ja getroffen, die lügt nicht.

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Spannend waren die Geschichte, ich konnte gar nicht genug davon bekommen. Tür auf und man wußte nie, was einen erwartet. Junge und alte Leute mit Angst vor der Dunkelheit mit aufgeräumten Wohnungen oder müffelnden Socken, Menschen die zufällig noch wach sind, andere, die Angst vorm Einschlafen haben, eindeutig verrückt sind oder berufsbedingt einen anderen Rhythmus haben.

„Gibt es nur noch ein einziges erleuchtetes Fenster in einer ganzen Straße, bleibe ich stehen, blicke hoch und bete, dass es jetzt nicht erlischt. Einer muss übrig bleiben, einer muss immer übrig bleiben.“

Die Personen gehen mir noch immer im Kopf herum und es ist mir ziemlich piepegal, ob es eine tiefere Botschaft gibt, die vermittelt werden sollte, ich habe diese ungewöhnlichen Portraits einfach sehr gerne gelesen.

Lauenstein hat dem Format der Kurzgeschichte einen frischen Anstrich verpasst, ähnlich wie Karen Köhler mit ihren wunderbaren Raketen. Die Sprache ist reduziert, die Stimmung melancholisch wie eine einsame schlaflose Nacht. Sie gingen mir zu Herzen diese ganz normalen Menschen mit ihren Fragen, Sehnsüchten und Wünschen.

Wenn ich das nächste Mal nicht schlafen kann, dann geh ich vielleicht auch mal irgendwo klingeln, ich packe aber auf jeden Fall ein Buch ein und biete an, den Leuten vorzulesen bis sie eingeschlafen sind.

 

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4 Kommentare zu “Nachts – Mercedes Lauenstein

  1. Also, solltest Du nachts mal durch Augsburg laufen, darfst Du gerne klingeln. Ich kann aber nicht garantieren, dass ich es höre, wenn ich erst mal die Schäfchen gezählt habe 🙂
    Spaß beiseite – das Buch wird ja ganz unterschiedlich besprochen, ich werde es wohl nicht lesen – aber das Konzept und die Idee dahinter finde ich spannend.

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