Meine Woche

Import June 17 303

Gesehen: „13th“ (2016) von Ava DuVernay. Tiefgehende Analyse des US Strafvollzugssystem und der systematischen ethischen Diskriminierung. Unbedingt ansehen, ist schockierend, heftig und macht echt wütend.

„Inherent Vice“ (2014) von Paul Thomas Anderson mit Joaquin Phoenix. Verfilmung von Thomas Pynthons Roman, der mir so viel besser gefallen hat als ich je vermutet hätte. Toller Soundtrack.

Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ (2004) von Michel Gondry mit einem ausnahmsweise gar nicht nervenden Jim Carry und einer ganz wundervollen Kate Winslet. Abgefahren und wunderschön.

Gehört:  „Sacrifice & Bliss“ – Anno Birkin, „Vitamin C“ – Can, „Spooks“ – Johnny Greenwood, „Coolverine“ – Mogwai, „Smoke and Mirrors“ – Kikagaku Moyo, „Spinae“ – Duct Hearts, Ya tog rid pa’i gyer – Phurpa und die grandiose Vertonung von Virgina Woolfs Texten von Max Richter

Gelesen: Zadie Smiths‘ Ode an die Bibliomanie, wie Designer sich Science Fiction Welten vorstellen, Is Accelerationism a great or dangerous idea, warum Mercedes Lauenstein nicht mehr verreisen muss,

Getan: den Lendenwirbel wieder einrenken lassen (aua), einem Science Slam gelauscht, mich tränenreich von Bonnie verabschiedet, viel über Design und Websites erfahren

Geplant: Academy 2.0

Gegessen: Pizza Buffalina

Getrunken: Aperol Sprizz

Gelacht: über den Titel meiner Autobiografie

Geärgert: den ganzen Samstag auf eine Waschmaschine zu warten die bis 14.00 Uhr geliefert werden sollte und dann doch nicht kam

Gefreut: endlich keine Schmerzen mehr, über eine Book-Nerd Tasche mit 3 spannenden Büchern und Post aus dem Norden

Geheult: über den fürchterlichen Hochhaus-Brand in London

Gewünscht: dieses Bett-Shelfie, einen Bildband von HR Giger, dieses Arbeitszimmer

Geklickt: auf den Podcast von npr zur Verhandlung des Polizisten der im Juli 2016 einen schwarzen Jungen erschossen hat, auf dieses Interview mit Jennifer Doudna zu Evolution accelerated und Crispr-cas9

Gekauft: Musik

Gefunden: nix

Gewundert: über die unglaublich vielen coolen Tattoos in der Design & Creative Community

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Nachts – Mercedes Lauenstein

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Sollte es morgens um halb 3 oder halb 4 mal bei uns klingeln, werde ich künftig wohl immer mit Frau Lauenstein vor der Tür rechnen. Ihre Erzählerin besuchte Menschen, die nachts wach waren, bei denen Licht brannte und ließ sich die Gründe erklären, warum sie nicht schlafen.

Was für eine grandiose Idee. Dazu hätte ich auch große Lust, es gibt für mich wenig schöneres, als nachts durch Städte zu laufen und in erleuchtete Fenster zu gucken, nur zu klingeln habe ich mich nie getraut. Hätte nicht gedacht, dass so viele überhaupt aufmachen. Es sei denn wir haben es hier natürlich unverschämterweise mit einem Fall von unzuverlässiger Erzählerin zu tun. Bestimmt nicht, hab Frau Lauenstein im Literaturhaus ja getroffen, die lügt nicht.

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Spannend waren die Geschichte, ich konnte gar nicht genug davon bekommen. Tür auf und man wußte nie, was einen erwartet. Junge und alte Leute mit Angst vor der Dunkelheit mit aufgeräumten Wohnungen oder müffelnden Socken, Menschen die zufällig noch wach sind, andere, die Angst vorm Einschlafen haben, eindeutig verrückt sind oder berufsbedingt einen anderen Rhythmus haben.

„Gibt es nur noch ein einziges erleuchtetes Fenster in einer ganzen Straße, bleibe ich stehen, blicke hoch und bete, dass es jetzt nicht erlischt. Einer muss übrig bleiben, einer muss immer übrig bleiben.“

Die Personen gehen mir noch immer im Kopf herum und es ist mir ziemlich piepegal, ob es eine tiefere Botschaft gibt, die vermittelt werden sollte, ich habe diese ungewöhnlichen Portraits einfach sehr gerne gelesen.

Lauenstein hat dem Format der Kurzgeschichte einen frischen Anstrich verpasst, ähnlich wie Karen Köhler mit ihren wunderbaren Raketen. Die Sprache ist reduziert, die Stimmung melancholisch wie eine einsame schlaflose Nacht. Sie gingen mir zu Herzen diese ganz normalen Menschen mit ihren Fragen, Sehnsüchten und Wünschen.

Wenn ich das nächste Mal nicht schlafen kann, dann geh ich vielleicht auch mal irgendwo klingeln, ich packe aber auf jeden Fall ein Buch ein und biete an, den Leuten vorzulesen bis sie eingeschlafen sind.

 

Herbstmix im Literaturhaus München

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Die Aussicht auf spannende neue Literatur PLUS Musik UND interessante Drinks hatte meine Herzdame dann doch überzeugt, mich trotz nasskalter Oktobernacht ins Literaturhaus zu begleiten. Der Mix war dieses Mal nicht wie gewohnt im Foyer im 3. Stock, sondern in der Bibliothek des Literaturhauses. Das war in meinen Augen eher ein Gewinn, denn der Raum hat eine tolle Atmosphäre und man wirkt nicht so verloren wie im 3. Stock, auch wenn der Blick dort oben über das nächtliche München natürlich ziemlich umwerfend ist.

Besonders gespannt war ich auf Mercedes Lauenstein, über deren Debüt „Nachts“ ich schon das eine oder andere gelesen und gehört hatte. Als Eule mit Vorliebe für nächtliche Spaziergänge schien das Buch wie für mich geschrieben. Mercedes war dann auch die erste, die die schummrig beleuchtete „Bühne“ betrat und war soooo unglaublich nervös, es war irgendwie entzückend. Sie startete ihre Lesung mit Pink Floyds „Hey You“ und einem sehr leckeren Gin Fizz. Sie liest nicht gerne vor, gab sie selbst freimütig zu, dafür kann sie um so schöner erzählen. Ich war von den nächtlichen Geschichten gefangen und nur kurz besorgt, ob der zweite Gin Fizz nicht das Vorlese-Tempo eventuell noch erhöhen würde.

Es waren eine spannende und unterhaltsame Tour mit ihr durch die Vorstadt-Slums Münchens, auch wenn man über die Autorin selbst erstaunlich wenig erfahren hat. Sie ist aus Kappeln, hält Spaghetti-Eis für eine wahnsinnig wichtige Mahlzeit und schreibt in der jetzt Redaktion der Süddeutschen Zeitung und als freie Autorin für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihre Webseite ist ziemlich hässlich, die Texte darauf allerdings wirklich spannend. Grund genug, das Buch zu kaufen und mit einem Glas Rotwein auf die zweite Autorin zu warten.

IMG_4448 Verena Boos stellte ihr Debüt „Blutorangen“ und leitete ihre Lesung mit der Ouvertüre aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ein. Das einzige, was Verena Boos und Mercedes Lauenstein zu verbinden scheint, ist der Aufbau-Verlag, mit dem beide debütiert haben. Boos schien gar nicht aufgeregt, hatte als Absolventin der Bayerischen Akademie des Schreibens auch ein Stückchen weit Heimspiel und schien durch ihre Lesungen beim „Open Mike“ auch Vorlese-Routine gewonnen zu haben.

Sie verknüpft in ihrem Roman „deutsche und spanische Geschichte über einen Zeitraum von achtzig Jahren hinweg, mit Eindringlichkeit und narrativer Vielfalt“ (Zitat Thomas Lehr). Die Lesung machte durchaus Lust auf mehr, aber momentan ist mein SUB so hoch, ich muss wirklich selektiv sein, obwohl mich ihre geniale Musikauswahl zum Ausklang mit Policas „Lay your cards out“ fast noch in letzter Sekunde umgestimmt hätten.

Nach Orangenpapier, Spanien und Rotwein ging es dann zum letzten Debütanten, Marcus Lucas, aktuell stellvertretender Chefredakteur des Lifestyle Magazins GQ (und ja, er war auch irgendwie hübsch angezogen), der das Music-Comic „Ice Ice Baby. One Hit Wonders 1955 – 2015“ zusammen mit der Illustratorin Carolin Löbbert, im avant-Verlag veröffentlicht hat.

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Er brachte neben dem interessant klingenden Jägermeister-Mate-Getränk, an das ich mich dann doch nicht mehr herangetraut habe, einen ganzen Sack voll One-Hit-Wonders mit. Von The La’s „There she goes„,  über Maurice Williams & The Zodicas „Stay“ bis hin zu Nenas „99 Red Balloons“ und noch so einige andere, an die ich mich nicht erinnern kann.

Zu jedem Künstler gab es  witzige, traurige, überraschende Geschichten und ich kann mir das Buch als tolles Geschenk unter vielen Weihnachtsbäumen vorstellen.

Ich liebe diese Mix-Veranstaltungsreihe und freue mich schon jetzt auf den Wintermix. Immer wieder neue Eindrücke, neue Autoren, neue Mischgetränke – einfach wunderbar. Für alle Münchner – unbedingt hingehen, macht wirklich riesigen Spaß,  für alle Nicht-Münchner die beste Entschuldigung, endlich mal (wieder) anzureisen.

So – jetzt ab in die Nacht mit Gin Fizz oder vielleicht auch einfach Kamillentee 😉