Kein Teil der Welt – Stefanie de Velasco

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Der zweite Roman von Stefanie de Velasco, die mich schon mit „Tigermilch“ sehr begeistern konnte, macht seine Leser*innen mit einer Parallelwelt vertraut, die mir bislang ziemlich unbekannt war. Esther und Sulamith sind beste Freundinnen seit sie klein sind, sie gehen nicht nur nach dem Kindergarten auch in die gleiche Schule, sie verbringen auch ihre gesamte Freizeit miteinander, die wirkliche freie Zeit und die organisierte Freizeit, die bei beiden eng mit den Zeugen Jehovas verwoben ist.

Esthers Familie war schon vor ihrer Geburt bei den Zeugen Jehovas, Sulamith flüchtete mit ihrer Mutter aus Rumänien und diese tritt aus Dankbarkeit für die erbrachte Unterstützung für sie und ihre Tochter ebenfalls den Zeugen Jehovas bei. Die Kindheit der beiden Mädchen unterscheidet sich gravierend von der ihrer Mitschüler. Wie fundamentalistisch und komplett nicht Teil dieser Welt diese Glaubensgemeinschaft ist, war mir bislang nicht klar.

Was de Velasco in ihrem Buch gut gelingt, ist aufzuzeigen, wie eng die Welt in einer solchen Glaubensgemeinschaft ist. Wie nebensächlich es ist, ob das woran geglaubt oder nicht geglaubt wird einen Sinn ergibt, es erscheint fast, je widersinniger die Ansichten, desto eifriger glauben die Gemeindemitglieder. In erster Linie bieten die Zeugen Jehovas – wie wahrscheinlich auch viele andere Sekten und strengen Glaubensgemeinschaften – Halt, Zusammengehörigkeitsgefühl, Unterstützung, aber eben auch enge Kontrolle, viel Autorität und wenig Freiheit.

Ich fand es interessant, dass man an Sulamith sieht, dass gerade diejenigen, die wirklich nach etwas Höherem suchen, die wirklich glauben wollen, die sich ernsthaft mit dem beschäftigen, wofür ihr Glaube steht, in Schwierigkeiten geraten und oft den Glauben verlieren bzw. die Glaubensgemeinschaft verlassen. Wem es hauptsächlich um die Gemeinschaft geht, hinterfragt weniger, glaubt, was geglaubt werden soll und versucht, einfach nicht anzuecken.

Beim Lesen hab ich mich manchmal regelrecht beklemmt gefühlt. Ich fühlte mich stellenweise an Tara Westovers „Educated“ erinnert, zwischen dem Fundamentalismus der Mormonen und dem der Zeugen Jehovas habe ich keinen großen Unterschied gesehen. Krass war für mich, wie sehr sich diese Glaubensgemeinschaft für die einzig Auserwählten hält, im Gegensatz zu all den anderen draußen in der Welt. Die Ungläubigen, die sich nicht auf ihre Bekehrensversuche einlassen, sind eigentlich nur unverständliches Hintergrundrauschen.

De Velasco, die selbst mit 15 Jahren aus der Gemeinschaft austrat, spricht schonungslos darüber, wie es ist , in einer Glaubensgemeinschaft wie den Zeugen Jehovas aufzuwachsen, ohne je eine reine klassische Aussteigergeschichte zu schreiben. Interessant fand ich auch die geschichtliche Entwicklung zu sehen, die die Zeugen Jehovas durchlaufen haben. Als absolute Pazifisten wurden sie während der NS-Zeit ins KZ gebracht, auch in der DDR wurde ihnen die Glaubensausübung untersagt und sie waren eher auf der Seite der Verfolgten. Heute, wo sie keinerlei Zwängen unterliegen, kommen die Zeugen Jehovas deutlich mehr als Verfolger rüber, die Andersgläubigen wenig Symphatie entgegenenbringen.

Wenn ich das nächste Mal in der Innenstadt Menschen mit ihren „Wachturm“ oder „Erwachet“-Hefterln sehe, muss ich aufpassen, dass ich nicht ein Fachgespräch starte, jetzt wo ich soviel weiß über den treuen und verständigen Slaven, Harmagedon und den Gemeinschaftsentzug…

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

Tigermilch – Stefanie de Velasco

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Ich habe ohnehin eine Schwäche für Coming-of-age Romane und wenn dann auch noch zwei starke weibliche Protagonistinnen im Mittelpunkt stehen, dann bin ich hoffnungslos verloren. Mir hat die Energie und die Dynamik der Geschichte sehr gut gefallen. Nini ist die etwas melancholischere der beiden, deren Realitätsferne abgefangen wird von der beleseneren tougheren Jameelah, die schon einiges erlebt hat in ihrem jungen Leben.

„Wir müssen üben, für später, für das echte Leben, irgendwann mal müssen wir ja wissen, wie alles geht. Wir müssen wissen, wie alles geht, damit uns keiner was kann.“

Respekt, Bewunderung und Vertrauen sind einige der Qualitäten, die wir in unseren Freunden suchen, die Nini und Jamelah sich gegenseitig geben. Familie ist für sie ein Netzwerk an Menschen, die füreinander da sind. Leicht haben sie es nicht unbedingt. Ninis Vater ist schon lange weg, ihre Mutter liegt ständig katatonisch auf dem Sofa und Jameelah und ihrer Mutter droht die Abschiebung. Das wird uns ohne jegliches Selbstmitleid klar gemacht.

„Mama liegt eigentlich immer auf dem Sofa. Meistens hat sie die Augen zu, aber wenn ich nach Hause komme, dann schlägt sie sie auch manchmal auf und fragt, wo warst du. Wenn sie die Augen aufschlägt, sieht sie immer furchtbar müde aus, so als wäre sie von weit her gereist und dabei nur zufällig auf dem Sofa gelandet, hier bei uns im Wohnzimmer. Eine Antwort will sie, glaube ich, gar nicht haben. Ich hingegen wüßte schon gern, wo sie war, wo sie hinter ihren geschlossenen Augen immer hinreist, all die Stunden, die sie allein auf dem Sofa liegt. Mamas Sofa ist eine Insel, auf der sie lebt. Und obwohl diese Insel mitten in unserem Wohnzimmer steht, versperrt dicker Nebel die Sicht. An Mamas Insel kann man nicht anlegen.“

Gemeinsam durchschippern sie das Limbo zwischen Kindheit und Erwachsensein.  In der Nachbarschaft herrscht ein rauher Umgangston, Kulturen prallen aufeinander und gelegentlich prostituieren sich die beiden mehr zum Üben, als für das Geld. Stefanie de Velasco erspart einem nichts, doch ist Ninis und Jameelas schonungslose Offenheit ohne jede Sentimentalität oft einfach sehr rührend und es gibt unglaublich viele Momente voller unerwarteter Schönheit in diesem wilden, rauen Multi-Kulti Berlin, das einen manchmal eher an die Bronx oder das Tenderloin-Viertel in San Francisco erinnert.  Tigermilchtage und Tigermilchnächte.

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„In der rechten Hand hält er eine Flasche Wein, aus seiner Jackentasche schaut ein zerfleddertes Buch hervor, und das ist nur eine von den hunderttausend Millionen Sachen, die Jameelah so an ihm liebt. Ich kann das überhaupt nicht verstehen, jemand, der so viel liest, keine Ahnung, war daran so toll sein soll, finde ich irgendwie nicht normal.“

„Immer diese Taschentücher, denke ich, wie kleine Stofftiere, nur für Mütter, nur für Sorgen, traurig geknetete Tierchen aus Tränen, jedes mit seiner eigenen Geschichte.“

Niemals wieder im Leben können Fremde im Laufe eines Nachmittags zu besten Freunden werden, die dir genau die Unterstützung bieten, die Du gerade brauchst.

Ich hätte ehrlich gesagt auch gut ohne den Ehrenmord im Buch leben können, den die beiden als Augenzeugen miterleben. Ich wäre ihnen einfach auch so durch Berlin gefolgt und hätte ihnen beim Abenteuer Erwachsen werden zugeschaut.

„Ach, irgendwann, sagt Jameelah, jetzt, jetzt sind die da glücklich, aber irgendwann, irgendwann trennen die sich. Solche Leute glauben, dass das Leben wie Knetgummi ist, dass man alles draus machen kann, aber irgendwann, da wird das Leben sie auseinanderreißen, und dieser Morgen hier im Gemüsegarten, der wird eine Erinnerung sein, die so wehtut, dass sie sich wünschen werden, sie niemals erlebt zu haben. Irgendwann werden sie über das, was sie am glücklichsten gemacht hat, am meisten weinen. Diese Idioten, glauben immerzu an das Gute.“

Tigermilch ist roh, authentisch und tut streckenweise richtig weh. Die beiden Mädchen sind verletzlich und man schließt sie einfach ins Herz, mit ihrer Neugierde auf Sex und die erste Liebe, mit ihrem Glauben an die Freundschaft und die Loyalität. Wenn sie auf Disney Strandtüchern liegen, Tigermilch trinken, diesen wilden Mix aus Milch, Mariacron und Fruchtsaft, der getrunken wird aus einem ausgeleerten Schoko-Müllermilchbecher und die Fragen für Jameelahs Einbürgerungstest üben.

Erwachsen werden ist aufregend und schön, tut aber manchmal auch verdammt weh. Unbedingte Leseempfehlung. Ein wirklich tolles Buch, das wunderbar zu diesem Sommer gepasst hat. Hier gibt es übrigens noch eine weitere ganz tolle Rezension zu Tigermilch. Wirklich tolles Debüt und ich bin gespannt auf das nächste Buch von Stefanie de Velasco.

 

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