Women in Science (16) Helen Macdonald

Foto: The Daily Mail

Obwohl so viele Menschen das Buch gelobt und mir empfohlen haben, war ich lange nicht davon zu überzeugen. Ein Buch über Trauerbewältigung und Greifvögel klang einfach überhaupt nicht nach mir. Und dann stand es eines Tages im Bücherschrank und ich blätterte hinein, blieb hängen und ich bin so froh darüber, denn es wäre mir ein wunderbares Leseerlebnis durch die Lappen gegangen.

“The hawk was everything I wanted to be: solitary, self-possessed, free from grief, and numb to the hurts of human life.” 

Falknerei ist ein Thema, mit dem ich mich absolut noch nicht beschäftigt habe. Außer dem Bild von Menschen, die einen großen Greifvogel auf einem riesigen Lederhandschuh tragen, wußte ich gar nix darüber. Irgendwie schafften es diese Menschen, dass die Greifvögel für sie jagten und auch tatsächlich immer wieder brav auf dem Arm landeten.

Einen Vogel abzurichten ist eine große Verantwortung die man übernimmt, wenn man den Vogel trainiert und mit ihm zusammenlebt. Ich war überrascht, dass Helen Macdonald ihre Mabel im Wohnzimmer hält, ich bin immer davon ausgegangen, die Vögel sitzen draußen in Volieren und werden nur herausgenommen, wenn man sie jagen läßt.

Einen Habicht zu trainieren ist ein nahezu übermenschliches Unterfangen, wie das Buch anhand des Trainings von Mabel und parallel dazu anhand T. H. Whites mißglücktem Versuch, einen männlichen Habicht namens Gos zu trainieren, zeigt. Das Training lenkt die Autorin von ihrer tiefen Trauer ab, da ihr Schmerz über den Verlust des Vaters fast zu einer Identitätskrise für sie wird. „H wie Habicht“ ist die Geschichte ihrer Reise aus dem Verlustschmerz hinaus, in die Welt ihres Habichts hinein, den sie als nur wenige Monate alten Jungvogel von einem Züchter übernimmt.

“I think of what wild animals are in our imaginations. And how they are disappearing — not just from the wild, but from people’s everyday lives, replaced by images of themselves in print and on screen. The rarer they get, the fewer meanings animals can have. Eventually rarity is all they are made of. The condor is an icon of extinction. There’s little else to it now but being the last of its kind. And in this lies the diminution of the world. How can you love something, how can you fight to protect it, if all it means is loss?”

Helen Macdonald ist Historikerin, Naturforscherin, Affiliated Scholar an der University of Cambridge im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften sowie eine herausragende Autorin im Bereich „Nature Writing“.

 

MacDonald stand ihrem Vater, dem bekannten Fotografen Alisdair Macdonald, sehr nah. Er war es auch, der sie als Kind mit der Falknerei in Berührung brachte. Das Training von Mabel war ihr Weg, nach dem Tod mit dem Vater in Verbindung zu bleiben.

„The archaeology of grief is not ordered. It is more like earth under a spade, turning up things you had forgotten. Surprising things come to light: not simply memories, but states of mind, emotions, older ways of seeing the world.“

Das Buch beschreibt das erste Jahr, das Macdonald mit Mabel verbringt. Es beginnt mit intensivem Eingwöhnungstraining bis hin zu Mabels ersten Jagd-Flügen ohne Leine. Das Buch endet mit ihrem ersten gemeinsam verbrachten Frühling, wenn Habichte in die Mauser kommen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, sie für die Saison in eine Voliere zu geben und es klingt, als hätte Macdonald sie danach im Grunde von vorne trainieren müssen, nachdem ihre Federn nachgewachsen waren.

Insgesamt verfolgt das Buch vier Erzählstränge. Der erste ist Macdonalds fortwährendes Bemühen, Mabel zu trainieren. Im zweiten geht es um die Beziehung zu ihrem Vater, die dritte beschäftigt sich mit ihrem emotionalen, existentiellen Kampf, sich durch die Trauer wieder zurück ins Leben zu kämpfen und im letzten geht es um den Falkner TH White.

Sowohl White als auch Macdonald nutzen das Habicht abrichten, um sich von der Welt draußen zurückzuziehen. Lena Headey, die Schauspielerin, die insbesondere durch ihre Rolle in „The Game of Thrones“ bekannt geworden ist, kaufte die Filmrechte für das Buch und ich bin sehr gespannt, ob und wann es Mabel auf die große Leinwand schafft.

Macdonald ist ein wunderbar poetisches, emotionales Buch gelungen. Man merkt ihr an, wieviel sie über Greifvögel weiß und sie versteht es, den Leser an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, ohne jemals langweilig oder belehrend zu wirken.

Ganz große Leseempfehlung. Weitere begeisterte Rezensionen findet ihr bei Zeichen und Zeiten sowie bei Buzzaldrins. 

Erschienen ist „H wie Habicht“ im Allegra Verlag.

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Women in Science (13) – Sandra Aamodt

Sandra Aamodt ist die Autorin zweier populärwissenschaftlicher Bücher „Welcome to your Brain“ und „Other Puzzles of Everyday Life“ (beide in Zusammenarbeit mit Sam Wang). Beide Bücher wurden in über 10 Sprachen übersetzt. Sandra Aamodt schreibt seit Jahren für die Science Seiten der New York Times, Washington Post, El Mundo und der London Times. Sie war Chefredakteurin der Zeitschrift „Nature Neuroscience“, ein führendes Magazin im Bereich der Hirnforschung. Aamodt hat einen Abschluß in Biophysik von der John Hopkins Universität und machte ihren Doktor in Neurowissenschaften an der Universität Rochester.

Zu ihrem Buch „Welcome to your Brain“ animierte mich vor einiger Zeit ihr  TED Talk. Wir nutzen unser Hirn praktisch in jedem Moment unseres Lebens und doch haben die Wenigsten von uns eine Idee, wie es überhaupt funktioniert. Vieles von dem, was wir glauben über das Hirn zu wissen, beruht auf irgendwelchen Legendenbildungen: das wir nur 10 Prozent unseres Hirns überhaupt nutzen, dass der Genuss von zuviel Alkohol Hirnzellen abtötet etc. Diese und andere Mythen über das Hirn sind falsch, wie die Heerscharen an Neurowissenschaftlern in ihrer Forschung in den letzten Jahrzehnten herausgefunden haben.

Was sie aber tatsächlich über die Funktionsweise des Hirns gelernt haben, davon dringt erstaunlich wenig aus den Forschungslaboren. In diesem gut lesbaren und unterhaltsamen Buch räumen Aamodt und Wang mit einigen dieser Mythen auf und bieten einen umfangreichen, nützlichen Überblick darüber, wie das Hirn tatsächlich funktioniert. Sie zeigen auf, wie man mit Jet Lag umgehen sollte, was das Hirn mit Religion zu tun hat und wie sich die Hirne von Männern und Frauen unterscheiden. Mit viel Witz und Charme machen sie die Materie überaus zugänglich. Der Text wird durch eine Reihe von Charts, Illustrationen, kleinen Quizzes und wissenswerten Kleinigkeiten unterstützt.

women-science-logo@2x

 

Den Autoren sind Fakten und sorgfältig durchgeführte Studien wichtig und sie wollen den Leser dazu animieren, weniger auf Emotion und verbreitete Mythen über das Gehirn zu hören, als kritischer nachzufragen und zu recherchieren. Sie räumen im Buch mit einigen der Mythen auf, beispielsweise mit den sagenumwobenen 10% des Hirns, die wir angeblich nur nutzen, dass Mozart hören Babys klüger macht oder das Impfstoffe Autismus auslösen.

Daneben geben sie praktische Tipps wie man z. B. mit Videospielen sein Gehirn schulen kann oder wie man das Hirn am besten überlistet, wenn man abnehmen will.

 

Für Film-Freaks vielleicht besonders interessant ist die Liste an Filmen, die neurologische Krankheitsbilder besonders gut beschrieben haben (z.B. Memento, A Beautiful Mind und Awakenings) oder auch eher ungenau, wie z.B. Total Recall und 50 First Dates.

Dieser respektlose Führer durch die Welt unseres Gehirns von Samuel Wang und Sandra Aamodt gibt einen guten Überblick über unser Gehirn und seine Funktionen. Es geht nicht sonderlich in die Tiefe, ist aber gut geschrieben, leicht lesbar und somit ein empfehlenswerter Einstieg in die Neurowissenschaften.

#WomeninScience (10) Elisabeth Oberzaucher

War es schon nicht immer einfach Mitstreiter*innen für meine Reihe #WomeninSciFi zu finden, gegen #WomeninScience war es ein Zuckerschlecken. Die Idee bekommt viel Zuspruch, aber nur wenige haben etwas von oder über Wissenschaftlerinnen gelesen oder planen es und es hagelt Körbe 😉 vielleicht aber auch ein Zeichen, wie nötig so eine Reihe ist um die Frauen in den Natur- und Geisteswissenschaften mal ordentlich unter den Scheinwerfer zu halten.

Um so mehr freue ich mich über Petras Beitrag heute vom wunderbaren Blog „Elementares Lesen„, sie ist schon eine Veteranin und ich hoffe innigst es wird nicht ihr letzter Beitrag für #WomeninScience sein. Jetzt aber Bühne frei für Elisabeth Oberzaucher und ein kleiner Appell noch – wer Lust hat bei der Reihe dabei zu sein meldet euch bitte gerne (zahlreich :)) – ich freue mich sehr auf eure Beiträge.

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Die Verhaltensbiologin Dr. Elisabeth Oberzaucher lehrt und forscht an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt und Kriterien für die Partnerwahl. 2015 erhielt sie zusammen mit Karl Grammer den Ig-Nobelpreis für Mathematik – eine satirische Auszeichnung für ihre Studie zur Fortpflanzungsfähigkeit des marokkanischen Königs Moulay Ismael. Der hatte im 17. Jahrhundert angeblich 888 Kinder gezeugt. Vielleicht kennt Ihr die österreichische Forscherin auch als Mitglied des preisgekrönten Wissenschaftkabaretts Science Busters. Ein weiteres Thema, mit dem sich Elisabeth Oberzaucher als Wissenschaftliche Leiterin des Forschungsinstituts „Urban Human“ beschäftigt, ist das Thema Stadtentwicklung. Davon handelt auch ihr Buch Homo urbanus.

Elisabeth Oberzaucher © Sabine Oberzaucher

Foto: Sabine Oberzaucher

Elisabeth Oberzaucher untersucht das Leben von Menschen in der Stadt aus evolutionsbiologischer Perspektive. Unsere Vorfahren streiften durch die Savannen Ostafrikas, offenen Graslandschaften, die einen guten Überblick und Schutz vor Feinden boten. Dieses Erbe bewirkt eine Vorliebe für bestimmte Landschaftstypen und geschützte Bereiche. Sind wir modernen Menschen überhaupt für die Stadt geschaffen, mit Menschenmassen, räumlicher Enge und Lärm? Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Der Kampf ums Überleben in der Savanne zwang unsere Vorfahren zur Zusammenarbeit, zum Leben in immer größeren Gemeinschaften. Diese soziale Komplexität steigerte ihre Intelligenz und führte zur Entwicklung der Sprache, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen und Beziehungen zu pflegen. Optimal war eine Gruppengröße bis zu 150 Personen. Mehr war kaum zu bewältigen – und das gilt auch für den modernen Menschen. In der Großstadt begegnen wir Tausenden Individuen. Mit den vielen Eindrücken, die auf uns niederprasseln, kommen wir nur zurecht, indem wir vieles einfach ausblenden, unseren Tunnelblick einsetzen und zum Beispiel Blickkontakt vermeiden – so wird die soziale Komplexität reduziert.

Oberzaucher Homo Urbanus

Im Laufe der Evolution haben wir gelernt, unser Verhalten an das Territorium anzupassen, in dem wir uns gerade aufhalten, und die jeweiligen Regeln zu respektieren. Der Wunsch, das eigene Territorium, zum Beispiel durch persönliche Gegenstände, zu markieren, schlummert noch immer in uns, ob im Café oder am Arbeitsplatz. Wichtig im Kontakt mit der Umwelt sind das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu den Mitmenschen, geeignete Rückzugsorte und – besonders wichtig – eine funktionierende Nachbarschaft. Dies muss auch bei der Planung von Neubauten berücksichtigt werden.

Vor allem lebendige Elemente wie Pflanzen und fließendes Wasser können die Lebensqualität in den Städten verbessern. Sie dämpfen den Lärm, filtern die Luft, reduzieren den Stress und tun uns einfach gut. Naturbereiche dürfen daher in Städten nicht fehlen. Die Autorin erklärt plausibel, woher unsere Neigung zu Grünem und Wasser stammt und wie man ihr in der Stadt Rechnung tragen kann.

Unser evolutionäres Erbe als Bewohner der Savanne ist auch heute noch spürbar, wie Elisabeth Oberzaucher mit faszinierenden Beispielen belegt. In ihrem lesenswerten Sachbuch zeigt die Wissenschaftlerin, wie unsere Städte menschengerecht gestaltet werden können, auch für die Zukunft, denn die Zahl der Stadtbewohner wächst. Homo urbanus ist ein dichter, konzentrierter Text, eignet sich also nicht zum nebenbei Lesen. Wesentliche Aussagen werden jedoch in verschiedenen Kontexten wiederholt. Die Lektüre lohnt sich, denn sie bietet spannende Einblicke in die Wurzeln unseres Verhaltens und die Überlebensstrategien des Homo sapiens in der Stadt!

Book-a-Day Challenge: Day 15+16

The recommendation today comes from the deepest corners of the sea. This wonderful book about one of my favorite creatures: The Octopus 🙂

This extract from the publishers site tells you best why this is the book makes a great present:

„What if intelligent life on Earth evolved not once, but twice? The octopus is the closest we will come to meeting an intelligent alien. What can we learn from the encounter? In Other Minds, Peter Godfrey-Smith, a distinguished philosopher of science and a skilled scuba diver, tells a bold new story of how nature became aware of itself – a story that largely occurs in the ocean, where animals first appeared.

Tracking the mind’s fitful development from unruly clumps of seaborne cells to the first evolved nervous systems in ancient relatives of jellyfish, he explores the incredible evolutionary journey of the cephalopods, which began as inconspicuous molluscs who would later abandon their shells to rise above the ocean floor, searching for prey and acquiring the greater intelligence needed to do so – a journey completely independent from the route that mammals and birds would later take.

But what kind of intelligence do cephalopods possess? How did the octopus, a solitary creature with little social life, become so smart? What is it like to have eight tentacles that are so packed with neurons that they virtually ‘think for themselves‘? By tracing the question of inner life back to its roots and comparing human beings with our most remarkable animal relatives, Godfrey-Smith casts crucial new light on the octopus mind – and on our own.“

Published by Harper Collins.

Book-a-Day Challenge – Day 3

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Had to take this one diredtly from the blurp of the book, couldn’t resist – I couldn’t say it any better:

„Forget the Kama Sutra. When it comes to inventive sex acts, just look to the sea. There we find the elaborate mating rituals of armored lobsters; giant right whales engaging in a lively threesome whilst holding their breath; full moon sex parties of groupers and daily mating blitzes by blueheaded wrasse. Deep-sea squid perform inverted 69s, while hermaphrodite sea slugs link up in giant sex loops. From doubly endowed sharks to the maze-like vaginas of some whales, Sex in the Sea is a journey unlike any other to explore the staggering ways life begets life beneath the waves.

Beyond a deliciously voyeuristic excursion, Sex in the Seauniquely connects the timeless topic of sex with the timely issue of sustainable oceans. Through overfishing, climate change, and ocean pollution we are disrupting the creative procreation that drives the wild abundance of life in the ocean. With wit and scientific rigor, Hardt introduces us to the researchers and innovators who study the wet and wild sex lives of ocean life and offer solutions that promote rather than prevent, successful sex in the sea. Part science, part erotica, Sex in the Sea discusses how we can shift from a prophylactic to a more propagative force for life in the ocean.“

This is an incredibly interesting and funny book where you learn so much more about the various creatures in the sea than you ever expected. I totally fell in love with the love sick lobster and if I wasn’t madly in love with octopodes before …

This book is the perfect Christmas gift for the inner Marine Biologist in yourself or any of your family members.

Compliment „Sex in the Sea“ with Sly Montgomery’s „The soul of an Octopus“ and Susan Middleton’s „Spineless: Portraits of Marine Invertebrats, the Backbone of Life“

Do you have a favorite animal in the deep sea…

Die Geschichte der Bienen – Maja Lunde

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Die Pestizide lassen die Bienen sterben, ohne Bienen keine befruchteten Pflanzen und dann sind wir so gut wie tot. Man könnte Maja Lundes Roman „speculative fiction“ nennen, aber in dem Fall spiegelt der Roman erschreckenderweise fast die Realität wider und liest sich stellenweise wie ein Sachbuch, das Vorgänge beschreibt, die (noch) nicht passiert sind.
Maja Lunde gibt uns das Gefühl, dass wir schon zu zweidritteln über dem Abgrund hängen und damit ist sie leider nicht weit von der Realität entfernt. Das beunruhigende Gefühl von fast schon Wirklichkeit hat vielleicht auch damit zu tun, dass zwei der drei Erzählstränge in der Vergangenheit liegen.
Im Jahr 1852 treffen wir auf William, einen Samenhändler mit vielen Kindern, der depressiv im Bett liegt und es nicht mehr schafft seine Familie zu ernähren.

Die Ursache für seine Depressionen scheinen in der Tatsache zu liegen, dass der einst erfolgversprechende Biologe sich genötigt sah, seine zahlreiche Familie zu ernähren und seine Ambitionen, ein berühmter Biologe zu werden, den Bach runtergehen sieht. Symphatisch fand ich ihn nicht und man würde meinen, ein Biologe hätte mehr Ahnung davon, wie man der zum Teil zumindest unerwünschten Kinderschar Einhalt gebietet.

Seinen Durchbruch hat er dann mit einem neuartigen effizienten Bienenkorb. Die einzige symphatische in dem Teil der Geschichte ist seine Tochter, die später in seine Fußstapfen tritt und nach Amerika auswandert.

Foto: Louis Masai

 

155 Jahre später sind wir in Ohio und treffen auf einen anderen Vater, George, der sein Leben als traditioneller Farmer und Imker verbracht hat und all seine Hoffnung darauf setzt, dass sein Sohn Tom, sein Leben in der gleichen Weise weiterführt. Tom hat allerdings andere Ideen und als sei diese Abfuhr nicht genug, verschwinden eines Tages auch noch Georges Bienen während eines landesweiten Bienenkolonie-Kollaps.

Noch einmal 100 Jahre weiter erleben wir die drastischere Seite dieses Kollapses in China. Insekten sind mittlerweile ausgestorben, was zu weltweiten Hunger-Katastrophen führt. Menschen haben als menschliche Bienen das Bestäuben von Pflanzen übernommen, eine knochenharte Arbeit, die gerade so das Überleben sichert. Tao erhofft sich für ihren dreijährigen Sohn ein besseres Leben, doch in wenigen Jahren wird er genau wie sie als menschliche Arbeitsbiene im Akkord Blüten bestäuben müssen.
Foto: Savethebeesproject

An einem der seltenen Ruhetage wandert der kleine Junge für einen Moment davon und wird bei einem schrecklichen, mysteriösen Unfall schwer verletzt. Die Behörden bringen ihn nach Bejing, ohne die Eltern auf dem Laufenden zu halten. Tao folgt ihrem Sohn in die Stadt, die sehr an Cormac McCarthys Welt erinnert, in der Hoffnung ihn zu finden…

Lunde hat bislang Kinderbücher und Drehbücher geschrieben, was man eventuell an der Klarheit und Einfachheit der Sprache erkennen kann und dem soliden Verknüpfen sämtlicher loser Enden in der Geschichte.

Ich fand „Die Geschichte der Bienen“ stellenweise etwas klebrig-süß, aber dennoch ganz interessant, auch wenn ich den mega Trubel um das Buch nicht ganz nachvollziehen kann. Wobei ihr wahrscheinlich zurecht hauptsächlich wichtig ist, dass bei möglichst vielen Menschen die Message ankommt, dass wir uns um die Bienen und alle anderen Insekten kümmern müssen, wenn wir nicht demnächst vor die Hunde gehen wollen.

Die Gelegenheit nutzte ich im Übrigen, um noch ein weiteres Bienen-Buch aus meinem Bestand zu lesen und zwar den Thriller „The Prophecy of Bees“ von R. S. Pateman.

Der Autor hat einen atmosphärischen schaurigen und spannenden Thriller um alte Landhäuser, kleine englische Dörfer, Aberglaube, Prophezeiungen, Familien und Bienen geschrieben.

Als Lindy, eine kürzlich verwitwete Amerikanerin, die schon lange in England lebt, ein großes altes Landhaus in den Cotswolds kauft, erhofft sie sich damit einen Neuanfang für sich und ihre schwierige Tochter Izzy. Stagcote Manor ist ein großes Haus voller Geschichte und Lindy freut sich auf diesen Neuanfang.

Ihre Tochter Izzy ist da weniger überzeugt. Sie will zurück in den Trubel der Londoner Großstadt, zu ihren Freunden und den Goth-Clubs, in denen sie rumhängt. Außerdem ist da irgendetwas beunruhigendes am Haus, auch wenn Izzy noch nicht wirklich sagen kann was es genau ist. Als Izzy dann doch beginnt, sich mehr und mehr auf das Leben in Stagcote und die Dorfgemeinschaft einzulassen, merkt sie nach und nach, was für seltsame und beunruhigende abergläubische Ideen in den Köpfen der Einheimischen spuken und viele davon hängen direkt mit ihrem Landhaus zusammen.

Als Izzy beginnt, die Geschichte des Hauses zu erforschen, wird ihre Unruhe noch um einiges heftiger als die dunkle Vergangenheit des Landhauses und die Prophezeiungen der Bienen ans Licht kommt…

 

Foto: savethebees

 

Hirngymnastik Psychologie

Es wird Zeit für die nächste Hirngymnastik! Mit der Psychologie habe ich mich jetzt eine ganze Weile beschäftigt, denn da kam immer wieder Neues und Spannendes dazu und die Liste an zu rezensierenden Büchern für diese Ausgabe wuchs und wuchs. Jetzt mache ich einfach mal Halt, auch wenn ich noch ewig weiter spannende Bücher aus dem Bereich Psychologie/Hirnforschung finden und lesen könnte.

Begonnen habe ich mit einem Fast-Lehrbuch, das mir eine Freundin aus meinem Bookclub ausgeliehen hatte, die es während ihres Psychologie-Studiums in den USA nutzte und es mir als Standard-Einstiegswerk ans Herz legte. Hierbei handelt es sich um „Psychology – An Introduction“ von Charles G. Morris und Albert A. Maisto.

Psychologie entstand als eigenständige Disziplin 1879 als Wilhelm Wundt, ein deutscher Arzt in Leipzig, das erste Labor einrichtete, das sich ausschließlich mit psychologischen Studien, Experimenten und Forschung beschäftigen sollte. Wundt war auch der erste, der sich selbst als Psychologe bezeichnete. Die frühen Väter der Psychologie (ja alles Männer), sind beispielsweise Hermann Ebbinghaus, ein Pionier in der Erforschung des Gedächtnisses, William James, der amerikanische Gründer des Pragmatismus und Ivan Pavlov, der sich mit klassischer Konditionierung beschäftigte.

Kurz nach der Entwicklung der experimentellen Psychologie entstanden unterschiedlichste Zweige der angewandten Psychologie. Stanley Hall und John Dewey brachten die wissenschaftliche Pädagogik zwischen 1880 und 1890 von Deutschland in die USA und Hugo Münsterberg begann, über die Anwendung der Psychologie in der Industrie, Gesetzgebung und anderen Feldern zu forschen.

Die erste psychologische Klinik wurde ebenfalls in den 1890er Jahren von Ligthner Witmer eröffnet. Währenddessen entwickelte Sigmund Freud in Wien einen ganz eigenen Zugang zur Erforschung des menschlichen Geistes, den er Psychoanalyse nannte und der überaus einflussreich war.

Die Kritik auf Wundts Empirismus führte zur Entwicklung des Behaviorismus, der insbesondere durch B. F. Skinner berühmt wurde. Der Behaviorismus legte Wert auf die Studie von offensichtlichen Verhaltensweisen, da diese quantifiziert werden konnten und einfach messbar waren.

Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden die Kognitionswissenschaften ganz groß, eine interdisziplinäre Wissenschaft zur Erforschung bewusster und potentiell bewusster Vorgänge.

„Psychology – An Introduction“ unterteilt sich in folgende Kapitel:

  • The Science of Psychology
  • The Biological Basis of Behavior
  • Sensation and Perception
  • States of Consciousness
  • Learning
  • Memory
  • Cognition and Language
  • Intelligence and Mental Abilities
  • Motivation and Emotion
  • Life Span Development
  • Personality
  • Stress and Health Psychology
  • Psychological Disorders
  • Therapies
  • Social Psychology

Das Buch gibt einen soliden Überblick, ist gut lesbar und stellenweise richtig spannend. Bin fast ein bisschen traurig, dass ich es zurückgeben muss, eventuell werde ich es mir doch kaufen, auch wenn es mit über 50,- € für eine gebrauchte Ausgabe nicht gerade günstig ist.

Nachdem der Einstieg gemacht war, beschäftigte ich mich mit „Welcome to your Brain“ von Sandra Aamodt, deren TED Talk mich damals zum Kauf ihres Buches animierte.

 

 

Der respektlose Führer durch die Welt unseres Gehirns von Samuel Wang und Sandra Aamodt gibt einen guten Überblick über unser Gehirn und seine Funktionen. Es geht nicht sonderlich in die Tiefe, ist aber gut geschrieben, leicht lesbar und somit ein empfehlenswerter Einstieg in die Neurowissenschaften.

Den Autoren sind hartgewonne Fakten und sorgfältig durchgeführte Studien wichtig und wollen den Leser dazu animieren, weniger auf Emotion und verbreitete Mythen über das Gehirn zu hören, als kritischer nachzufragen und zu recherchieren. Sie räumen im Buch mit einigen der Mythen auf, beispielsweise mit den sagenumwobenen 10% des Hirns, die wir angeblich nur nutzen, das Mozart hören Babys klüger macht oder das Impfstoffe Autismus auslösen.

Daneben geben sie praktische Tipps wie man z. B. mit Videospielen sein Gehirn schulen kann oder wie man das Hirn am besten überlistet, wenn man abnehmen will.

 

 

 

 

Für Film-Freaks vielleicht besonders interessant ist die Liste an Filmen, die neurologische Krankheitsbilder besonders gut beschrieben haben, (zB Memento, A Beautiful Mind und Awakenings) oder auch eher ungenau wie z. B. Total Recall und 50 First Dates.

Von den Beschreibungen psychologischer Störungen in Filmen geht es jetzt weiter mit folgendem Buch, das ebenfalls aus der Bibliothek meiner Bookclub-Freundin stammt.

„The Abnormal Personality through Literature“ von Alan und Sue Stone.

 

 

Ich fand das Konzept spannend, Auszüge aus Büchern der Weltliteratur zu nehmen und diese mit der korrespondierenden psychischen Erkrankung/Persönlichkeitsstörung zu matchen. Nicht alle Auszüge waren gleichermassen spannend und man merkt dem Buch den Zahn der Zeit an, denn „Homosexualität“ findet sich unter dem Kapitel „Perversions“.

Aufgeteilt ist es in folgende Kapitel:

  1. The Three Major Types of Abnormality (Texte von Anton Chekhov, Jean Stafford, Nicolai Gogol)
  2. The Struggle with Impulse (Texte von Victor Hugo, Thomas Mann und James T Farrell)
  3. Psychosis: The Break with Reality (Texte von Balzac, Shakespeare, Gogol, Fitzgerald, Sartre, Flaubert, Alphonse Daudet, Luise Rinser, Dostojewski, Maxim Gorky und Theodore Dreiser)
  4. Psychotic Synotoms (Texte von Edgar Allan Poe, Chekhov, Rilke, Eduardo Mallea, Conrad Aiken, Steinbeck)
  5. The Neuroses: Anxiety and Its Manifestations (Texte von Rudolf Besier, Nabokov, Graham Greene, Collette, Somerset Maugham)
  6. Neurotic Symptoms (Texte von Updike, Rilke, Melville, Hawthorne, Emily Dickinson, Thomas Mann, George Eliot, Luigi Pirandello, James Joyce, Marcel Proust, Chekhov, John Cheever)
  7. Character Disorders (Texte von Ivan Gonchorov, Willa Cather, Nikolai Leskov, Edmund Wilson, Pio Baroja, Thomas Mann, Chekhov)
  8. The Problem of Identity: An Approach to the Study of Social Adaptation (Texte von Richard Hughes, Sherwood Anderson, Alberto Moravio, August Strindberg, M. Saltykov-Schedrin, Leo Tolstoi)
  9. Perversions: The Deviations of Sexual Thought and Behavior (Texte von D. H. Lawrence, Thomas Mann, James Joyce, Lawrence Durell, Dostojewski, Bernard Malamud, Jean-Jacques Rousseau, Dorothy Parker, Andre Malraux, Nelson Algren)
  10. The Psychotherapeutic Process (Texte von Chekhov, Ivan Goncharov, T. C. Worsley)
  11. The Abnormal Personality in Childhood (Texte von William Carlos Williams, Katherine Ann Porter, Elizabeth Bowen, Isaac Babel)
  12. Psychiatry and the Law (Text von Shiga Naoya)

Die meisten Texte waren passend, haben einen guten ersten Einblick ins jeweilige Krankheitsbild gegeben und ich habe ein paar interessante Autoren besser oder überhaupt erst kennengelernt.

Den Abschluss meiner Psychologie-Gymnastik bilden zwei Bücher des von mir sehr geschätzten Psychologen und Philosophen Erich Fromm.

 

„Authentisch leben“ ist eine Sammlung verschiedener Essays, die Rainer Funk für diesen Band zusammengefasst und mit einem Vorwort versehen hat. Es geht darum, was unter Authentizität zu verstehen ist, wie häufig wir Worte gebrauchen, deren Sinn über die Zeit verändert wurde und deren Ursprung uns häufig nicht mehr klar ist. Fromm räumt da auf, er definiert, schafft Klarheit und belegt dann, dass es nur möglich ist wirklich authentisch zu leben, wenn man sowohl mit sich als auch mit seiner Umwelt in echten Beziehungen steht, nicht nur oberflächlich vor sich hin lebt.

Er weist auf die Hürden hin, die auf dem Weg zu einer solchen Authentizität liegen, die zu falscher Freiheit führen können. Er warnt vor überzogenem Invidiualismus und irrationalen Autoritäten. Ich bin beim Lesen gar nicht mehr aus dem Unterstreichen herausgekommen. Fromm ist jemand, der es immer wieder schafft, meine unklaren Gedanken zu sortieren und präzise in wunderbare Sätze zu packen:

„In eben diesem Sinne ist Freiheit … die Offenbarung der menschlichen Würde oder – anders gesagt – das Wesen des Menschen selbst, also das, was er ist und was er trotz aller durch seine Endlichkeit bedingten Schranken, Hindernisse und Grenzen zu sein vermag.“

„Selbsterkenntnis besagte von jeher, seine Grenzen zu überschreiten und zur Reife zu gelangen – bedeutete also, der zu werden, der wir potentiell sind.

„… es gibt nichts, dessen wir uns mehr schämen, als nicht wir selbst zu sein, und es gibt nichts, was uns stolzer und glücklicher macht, als das zu denken, zu fühlen und zu sagen, was wirklich unser Eigentum ist.“

„Die Furcht vor der Freiheit“ erschien 1941 unter dem Eindruck des herrschenden Faschismus und ist meines Erachtens dennoch aktuell wie eh und je. Er nähert sich dem Thema Freiheit aus verschiedenen Perspektiven und seine Einsichten beziehen sich auf historische Ereignisse, religiöse Dogmen, soziologische und anthropologische Beziehungen und psychologische Phänomene im Versuch zu verstehen, was der Preis ist, den wir für unsere Suche nach Freiheit und Individualität zahlen.

Denken wurde schon seit dem Anbeginn der Zeit als Sünde betrachtet, als Adam und Eva aus dem Paradies flogen, als sie sich für das Wissen und die Fähigkeit zum Denken entschieden und auch heute noch ist Bildung viel zu häufig gleichgesetzt mit dem Instandhalten der Kapitalismusmaschine und legt wenig Betonung auf Individualität und kritisches Denken.

Fromm warnt davor, unser ganzes Leben darauf zu konzentrieren, dem hinterherzulaufen, um zu bekommen was wir wollen, ohne wirklich zu wissen, wer wir eigentlich sind. Also nicht nach oben buckeln und nach unten treten, sich von falschen Autoritäten befreien und sein eigenes Denken stets hinterfragen.

„Das Recht der Gedankenfreiheit bedeutet jedoch nur dann etwas, wenn wir auch fähig sind, eigene Gedanken zu haben.“

Spaß hat mir auch der Crash Kurs „Psychologie“ der Brüder John & Hank Green gefallen:

Danke an alle, die bis hierher durchgehalten haben. Ich hoffe die Hirngymnastik Psychologie hat Euch Spaß gemacht, die nächte Hirngymnastik wird sich mit dem Thema „Meeresbiologie“ beschäftigen, ich hoffe ihr freut euch drauf.

Hier die Übersicht der Büche mit Link zur deutschen Ausgabe (wenn erhältlich):

Sandra Aamodt – Welcome to your brain
Alan & Sue Stone – The Abnormal Personality through Literature
Erich Fromm – Authentisch Leben
Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit