November Lektüre

Im November war mein Lesemonat besonders produktiv und abwechslungsreichAus irgendeinem Grund habe ich vergessen sowohl Sloan Wilsons „The Man in the Gray Flannel Suit“ als auch Jhumpa Lahiris „Roman Stories“ mit aufs Foto zu nehmen. Sowas.
Es war ein Monat mit zwei großen Highlights, ohne echte Enttäuschungen und vielen schönen Momenten, die ich hier mit euch teilen möchte.

Wie gewohnt in alphabetischer Reihenfolge:

Isabel Allende – Das Geisterhaus erschienen im Suhrkamp Verlag, übersetzt von Annelise Botond

Hierzu werde ich hier gar nicht viel schreiben, denn Chile war ja einer der Stops im November und ihr könnt hier alles über das Buch und über das Land nachlesen.

Diane Cook – The Wilderness auf deutsch unter dem Titel „Die neue Wildnis“ im Heyne Verlag erschienen, übersetzt von Astrid Finke

Diane Cook entführt uns in ihrem Roman der 2020 den Booker Prize gewonnen hat in eine erschreckende Dystopie. Die Welt, wie wir sie kennen, liegt in Trümmern, und der „Wilderness State“ ist die letzte Zuflucht für Mensch und Natur. Im Zentrum steht Bea, die sich dem Experiment anschließt, um ihrer Tochter Agnes ein Überleben fern der verpesteten Stadt zu ermöglichen.

Ich war fasziniert von der intensiven Darstellung dieser rauen Welt, die Cook mit präzisen, fast poetischen Beschreibungen zum Leben erweckt. Die Beziehung zwischen Bea und Agnes, geprägt von Konflikten und dem Versuch, Nähe in einer gnadenlosen Umgebung zu finden, bildet das emotionale Herz des Romans. Besonders beeindruckend fand ich, wie die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Generationen herausgearbeitet werden – Bea, die noch Erinnerungen an die Stadt hat, und Agnes, die nur die Wildnis kennt.

She hated her mother’s fierce love. Because fierce love never lasted. Fierce love now meant that later, there would be no love, or at least that’s what it would feel like. Agnes wanted a mild mother, one who seemed to love her exactly the same every day. She thought, Mild mothers don’t run away.

Doch obwohl mich die Geschichte in vielerlei Hinsicht gefesselt hat, hätte ich mir an einigen Stellen mehr Hoffnung gewünscht. Die düstere Konsequenz, mit der die Figuren oft in ihrer Isolation verharren und die Menschheit insgesamt mit einem schonungslosen Blick betrachtet wird, verdüsterte mir ganz schön das Gemüt. Hoffnungsschimmer, die zeigen, wie Kooperation und Mitgefühl in einer so feindlichen Welt gedeihen könnten, hätten das Bild abgerundet.

Trotzdem ist The New Wilderness ein starker, nachdenklich stimmender Roman, der mich noch immer beschäftig. Cook stellt unbequeme Fragen: Was bleibt von unserer Menschlichkeit, wenn die Welt um uns herum zerbricht? Und wie können wir uns – oder überhaupt eine Zukunft – neu erfinden? Dieses Buch ist keine leichte Kost, aber eine Reise, die sich lohnt.
Traut ihr euch?

Louise Glück – Wilde Iris erschienen im Luchterhand Verlag, übersetzt von Ulrike Draesner

Momentan brauchen wir glaube ich unbedingt zwei Dinge: Glück und Poetry. Daher habe ich heute eine Portion von beidem für euch – verbunden mit einer großen Empfehlung für Louise Glücks zweisprachigen Gedichtband „Die Wilde Iris“, großartig übersetzt von Ulrike Draesner. In dieser einzigartigen Sammlung lässt Glück die Natur selbst sprechen: Pflanzen und Blumen werden zu Stimmen, die von Vergänglichkeit, Trauer und Hoffnung erzählen. Ihre Sprache ist klar und meditativ, voller leiser Kraft und Nachdenklichkeit, die tief in das Wesen der Existenz blicken lässt. Die Wilde Iris ist nicht nur ein poetisches Werk, es ist fast schon ein Gespräch mit der Natur, das uns die oft übersehene Weisheit des Einfachen und die Schönheit des Neuanfangs zeigt. Hier findet man Momente der Stille, der Reflexion und garantiert ein kleines Glück.

I don’t need your praise
to survive. I was here first,
before you were here, before
you ever planted a garden.
And I’ll be here when only the sun and moon
are left, and the sea, and the wide field.

I will constitute the field.

Mairi Hedderwick – An Eye on the Hebrides: An Illustrated Journey erschienen im Birlinn Verlag, bislang nicht auf deutsch erschienen

Ich habe diesen bezaubernden Bildband regelrecht verschlungen. Mairi Hedderwick nimmt uns mit auf eine Reise durch die Hebriden, die gleichzeitig eine Hommage an diese rauen, atemberaubenden Inseln ist. Besonders berührt haben mich ihre lebendigen Aquarelle und die witzigen Beobachtungen des Alltags – ein ästhetisches und literarisches Erlebnis gleichermaßen.

Da ich selbst einige der beschriebenen Inseln besucht habe, fühlte ich mich sofort zurückversetzt: Der salzige Wind, die Farben der Landschaft, die Einsamkeit der Strände – alles wurde durch Hedderwicks Skizzen und Beschreibungen lebendig. Ihr Buch macht Lust, die Taschen zu packen und direkt aufzubrechen. Vielleicht sogar auszuwandern? Wäre da nicht die allgegenwärtige Plage der Midges – könnten wir die nicht nach Texas exportieren?

„An Eye on the Hebrides“ ist mehr als ein Reisetagebuch; es ist ein Liebesbrief an die Hebriden und ein Weckruf, den Zauber des Einfachen zu entdecken.

Jhumpa Lahiri – Roman Stories auf deutsch unter dem Titel „Das Wiedersehen: Römische Geschichten“ im Rowohlt Verlag erschienen, übersetzt von Julika Brandestini

Diese Kurgeschichtensammlung haben wir bereits im Oktober im Bookclub gelesen, aber ich hatte sie tatsächlich bislang vergessen zu besprechen, hol ich also einfach im November nach.

Jhumpa Lahiris Kurzgeschichtensammlung Roman Stories hat mich mit ihrer atmosphärischen Dichte und sprachlichen Eleganz durchaus beeindruckt. Die neun Geschichten sind ein kaleidoskopischer Blick auf Rom und seine Bewohner – Einheimische wie Zugezogene –, die alle auf die eine oder andere Weise mit Entfremdung kämpfen. Lahiri fängt die Spannung zwischen Schönheit und Zerfall der Stadt mit meisterhaften Details ein, und ihre Figuren bleiben lange im Gedächtnis.

Einige Geschichtenhaben mich besonders berührt. Sie erforschen Themen wie Verlust, Schuld und die Suche nach einem Ort, den man Heimat nennen kann. Lahiris Fähigkeit, das Unsagbare in präzise und bewegende Worte zu fassen, ist hier klar zu spüren. Die Übersetzung aus dem Italienischen, teils von Lahiri selbst, ist dabei durchweg geschmeidig und elegant.

Certain stories are hard to bear, as are certain things we’ve lived or observed or fumbled or explored with great care. They transmit an energy that extends beyond the disposable day-to-day. Our deepest memories are like infinite roots reflected in the brook, a simulacrum without end. And yet every story, like every life, lasts only so long.

Trotzdem konnte die Sammlung für mich nicht an die emotionale Wucht von Lahiris Roman „The Lowlands“ heranreichen, den wir im Sommer im Bookclub gelesen haben. Roman Stories ist zurückhaltender, fragmentierter – mehr Skizze als Gemälde. Die Geschichten sind oft so knapp, dass ich mich nach mehr Tiefe und Kontext sehnte. Auch die durchgehende Melancholie, obwohl eindringlich, wirkte mitunter etwas überwältigend.

John Steinbeck – Von Mäusen und Menschen im dtv Verlag erschienen, übersetzt von Elisabeth Rotten

Ich war von John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ sehr beeindruckt. In nur wenigen Seiten entfaltet sich eine intensive, oft schmerzvolle Geschichte über Freundschaft, Träume und die Härten des Lebens. Die Novelle spielt zur Zeit der Great Depression in Kalifornien und folgt den beiden Wanderarbeitern George und Lennie, die sich – trotz aller Widrigkeiten – gegenseitig unterstützen. George, der clevere und umsorgende Beschützer, und Lennie, dessen kindliche Naivität und enorme Kraft ihn in Schwierigkeiten bringt, träumen gemeinsam von einem kleinen Stück Land, das ihnen Sicherheit und Freiheit bieten soll. Doch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen, gepaart mit Lennies impulsivem Verhalten, führen unaufhaltsam zu einem tragischen Ende.

Steinbeck, selbst in Kalifornien geboren, erlebte die sozialen und wirtschaftlichen Kämpfe der einfachen Arbeiter hautnah, was seine Werke, wie auch „Of Mice and Men“, so glaubwürdig und mitfühlend macht. Er gehört zu den großen amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts und widmete sich immer wieder dem Schicksal der Arbeiterklasse.

Maybe ever’body in the whole damn world is scared of each other.

Obwohl ich die Geschichte mochte und sie mich emotional tief berührt hat, ist mir Steinbecks „Cannery Row“ dennoch etwas lieber. „Von Mäusen und Menschen“ endet mit einer solchen Tragik, die mich noch lange beschäftigte. „Cannery Row“ dagegen, ebenfalls tiefgründig, bietet doch einen wärmeren, versöhnlicheren Ausklang. Für mich zeigt Steinbeck hier nicht nur sein Talent, das harte Leben zu schildern, sondern auch, wie er Momente von Menschlichkeit und Gemeinschaft aufleben lassen kann.

Dennoch: Es ist ein Meisterwerk der amerikanischen Literatur, das ich unbedingt empfehlen würde. Steinbeck schafft es, in kurzer Form eine bleibende, intensive Geschichte zu erzählen, die definitiv lange nachwirkt.

Olga Tokarczuk – Empusion erschienen im Kampa Verlag, übersetzt von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein

Das war der zweite Stopp diesen Monat bei der literarischen Weltreise und ich verweise für die Besprechung auf den Beitrag hier.

Sloan Wilson – The Man in the Gray Flannel Suit auf deutsch unter dem Titel „Der Mann im Grauen Flanell“ im Dumont Verlag erschienen, übersetzt von Eike Schönfeld

Sloan Wilsons „The Man in the Gray Flannel Suit“ (1955) ist ein zeitloses Porträt der amerikanischen Nachkriegs-gesellschaft und ein Klassiker, der heute genauso relevant ist wie vor fast 70 Jahren. Mit scharfsinniger Beobachtung und tiefem Mitgefühl schildert Wilson das Leben von Tom Rath, einem Kriegsveteranen und Familienvater, der sich in den Untiefen des amerikanischen Vorstadtlebens und der Businesswelt der 1950er Jahre zurechtfinden muss.

Tom Rath steht für eine Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen ihren Idealen und den Zwängen des modernen Lebens zerrieben wurde. Gefangen in einer Welt, die auf Erfolg, Status und Materialismus ausgerichtet ist, ringt er mit den großen Fragen: Was bedeutet es, ein gutes Leben zu führen? Wie kann man Integrität und Authentizität bewahren? Tom und seine Frau Betsy versuchen, ihre Ehe und ihre Werte zu wahren, während sie sich den Herausforderungen stellen, die der Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie mit sich bringt.

Eine der stärksten Nebenfiguren ist der Judge Bernstein. Er verkörpert eine Tugendhaftigkeit und moralische Klarheit, die in scharfem Kontrast zu der zynischen Geschäftswelt steht, in der sich Tom bewegt. Seine Weisheit machen ihn zu einer Art moralischem Kompass des Romans und ist damit ähnlich wie Betsy oder Tom sind Menschen voller Aufrichtigkeit und Mitgefühl, die sich die „MAGA“-Idioten zum Vorbild nehmen sollten, wenn sie davon quaken Amerika wieder great machen zu wollen. Dann verhaltet euch halt so. Das sind die Qualitäten, die heute überall dringend gebraucht werden.

Wilson zeigt, dass wahre Größe nicht im Streben nach Reichtum oder Status liegt, sondern im Streben nach einem Leben, das von Liebe, Pflichtbewusstsein und persönlichen Prinzipien geprägt ist. Es ist ein Plädoyer für die Rückbesinnung auf Werte, die jenseits von Egoismus und Gier liegen – eine Botschaft, die sich wunderbar als Antwort auf die Oberflächlichkeit und den Zynismus unserer Zeit eignet.

1956 wurde das Buch mit Gregory Peck und Jennifer Jones in den Hauptrollen verfilmt. Der Film fängt die Essenz des Romans gut ein. Das Buch erinnert stark an Mad Men und ich frage mich, ob die Serie sich an den Roman angelehnt hat. Auf jeden Fall wird ständig und dauernd getrunken. Martinis werden geshaked, Cocktails zu allen Tages- und Nachtzeiten getrunken. Das waren echt andere Zeiten.

How smoothly one becomes, not a cheat, exactly, not really a liar, just a man who’ll say anything for pay.

Sloan Wilson (1920–2003) war ein amerikanischer Schriftsteller, dessen Werke oft den Konflikt zwischen persönlicher Integrität und gesellschaftlichen Erwartungen thematisierten. Neben „The Man in the Gray Flannel Suit“ schrieb er zahlreiche weitere Bücher, darunter A Summer Place, ein ebenfalls berühmter Roman über gesellschaftlichen Wandel.

Ich würde mich sehr freuen, wenn der Roman wieder entdeckt würde. Seine große Positivität – geprägt von Hoffnung, Verantwortung und wichtigen Werten – macht ihn zu einer inspirierenden und zeitlosen Lektüre. Im Bookclub waren wir durch die Bank begeistert. Große Empfehlung!

Geschafft – bin ganz schön rumgekommen im November. Ich war in Chile, den USA, auf den Hebriden-Inseln, in Rom und in Polen. Nicht schlecht, oder?
Welche der vorgestellten Bücher kennt ihr und wie fandet ihr sie und was waren eure Highlights im November? Freue mich über eure Kommentare.

Oktober Lektüre

Der Oktober brachte eine interessante Mischung an Leseerlebnissen mit sich. Von einem echten 5-Sterne-Highlight über solide 4-Sterne-Bücher bis hin zu einem 3-Sterne-Werk war alles dabei. Ich freue mich, euch einige dieser besonderen Titel vorzustellen und bin gespannt, wie euer Lesemonat verlaufen ist! Gab es für euch absolute Highlights oder vielleicht auch Enttäuschungen? Und welche meiner Empfehlungen kennt ihr schon oder machen euch neugierig? Eure Rückmeldungen sind wie immer herzlich willkommen!

Rebecca F. Kuang – Yellowface im Eichborn Verlag erschienen, übersetzt von Jasmin Humburg
★★★★☆

„Yellowface“ von R. F. Kuang hat mich tatsächlich ganz schön gefesselt – für mich ein echter Pageturner. Der Roman dreht sich um June Hayward, eine erfolglose Autorin, die das Manuskript ihrer verstorbenen Kollegin Athena Liu stiehlt und es unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht. June war stets mega neidisch auf den Erfolg ihrer College Freundin Athena in deren Schatten sie stand. Schon am Anfang war klar, dass Junes Karriere nach diesem Coup zunächst steil bergauf gehen würde – und ihr Fall umso tiefer. Das war richtig nervenaufreibend obwohl ich die Protagonistin nicht wirklich sympathisch fand. Aber gerade die moralischen Grauzonen machten das Buch so spannend.

Besonders faszinierend fand ich, wie tief man hinter die Kulissen der Verlagsbranche blicken konnte. Kuang zeigt schonungslos, wie gnadenlos und oft auch scheinheilig dieser Markt ist, wo Marketing, Macht und Identität eng verknüpft sind. Von toxischen Gatekeepern über die Frage nach kultureller Aneignung bis hin zur Rolle von Social Media – das Buch liefert eine spannende Analyse, die unter die Haut geht und einem eine Menge zum Nachdenken mitgibt. Ich habe dabei richtig viel über die oft verborgenen Strukturen und Dynamiken gelernt, die über Erfolg oder Scheitern eines Buches entscheiden.

Der Literaturbetrieb sucht sich einen Gewinner oder eine Gewinnerin aus – attraktiv genug, cool und jung und, mal ehrlich, wir denken es doch alle, also sprechen wir es doch auch aus, „divers“ genug – und überschüttet diese Person mit Geld und Unterstützung.

Rebecca F. Kuang ist wirklich eine beeindruckende junge Autorin. Schon ihr Roman Babel war großartig. Man hat das Gefühl was Kuang anpackt wird zu Gold. Sie hat einen beeindruckenden akademischen Hintergrund und ich hab keine Ahnung wie sie es schafft mit 28 Jahren in Cambridge und Yale zu studiert zu haben, jetzt ihren PhD zu machen und nebenher noch 5 Bücher zu schreiben. Wow 😮

Wenn ich überlege was ich mit 28 so gemacht habe – ähm ja 😉 Ich hatte das Glück, beim Eichborn Verlag eine signierte Ausgabe zu gewinnen, freu mich noch immer sehr darüber. Ich liebe signierte Bücher 😊

RF Kuang ist eine Autorin die ich definitiv im Auge behalten werde und ich bin echt gespannt was noch alles kommt!

Tonio Schachinger – Echtzeitalter erschienen im Rowohlt Verlag
★★★☆☆

Tonio Schachingers „Echtzeitalter“, der Roman, der 2023 den Deutschen Buchpreis erhielt, hat mich zwiespältig zurückgelassen. Grundsätzlich fand ich die Coming-of-Age-Geschichte spannend, und auch den humorvollen, teils bissigen Stil, mit dem Schachinger das Leben seines jugendlichen Protagonisten an einer Wiener Eliteschule beschreibt, durchaus unterhaltsam. Die Wahl des Theresianums als fiktive Kulisse ist eine gute Grundlage, um das Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und den inneren Welten Jugendlicher darzustellen. Der 1992 in Wien geborene Autor greift dabei gekonnt auf die Tradition des Schulromans zurück – eine Linie, die an Klassiker wie Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ oder Hesses „Unterm Rad“ anknüpft. Und ja, es gibt viel zu erkennen in Schachingers Schilderungen: Gesellschaftskritik, eine ironische Distanz zur Wiener Tradition und einiges an literarischem Witz.

Denn der Dolinar hält, ebenso wie Palffys Eltern und die meisten sich als konservativ beschreibenden Menschen, das Bekanntwerden einer Verfehlung immer für schlimmer als die Verfehlung selbst.

Würden Till und seine Klassenkollegen Antonio Gramsci lesen statt Adalbert Stifter, dann wüssten sie, dass Hegemonie immer auf Konsens basiert, dass all die Sachen, die uns wie Erleichterungen unseres Elends vorkommen – die Spiele, die Freizeit -, in Wahrheit dieses Elend erst ermöglichen. Weil es uns erpressbar macht, an etwas zu hängen; weil die Erleichterungen vom Elend uns das Elend erst ertragen lassen.

Und doch hatte ich Schwierigkeiten, eine echte Bindung zu den Figuren aufzubauen. Der Protagonist bleibt für mich seltsam fremd, und auch die Nebenfiguren blieben oft skizzenhaft und nicht wirklich nahbar. Das liegt vielleicht daran, dass das Thema Computerspiele eine so zentrale Rolle spielt – ein Bereich, mit dem ich persönlich wenig verbinde. Schachingers Protagonist entzieht sich dem klassischen Schulalltag, indem er sich in die Welt der Games flüchtet, und das ist für ihn nicht nur Hobby, sondern eine fast identitätsstiftende Leidenschaft, die auch hilft, den Tod des Vaters zu verarbeiten. Dieser Aspekt der Geschichte hat sicher eine eigene Faszination und bringt eine neue, unkonventionelle Perspektive in die literarische Darstellung jugendlicher Selbstfindung. Dennoch habe ich mich oft eher als distanzierter Beobachter gefühlt denn als wirklich involvierter Leser.

Obwohl ich „Echtzeitalter“ durchaus als lesenswert empfinde und es auch seine unterhaltsamen wie tiefsinnigeren Momente hat, halte ich es persönlich nicht unbedingt für preiswürdig. Rückblickend auf das Literaturjahr und die anderen Werke der Shortlist hätte ich wohl eine andere Wahl getroffen.

Die Juryentscheidung wirkt, wie bereits manche Kritiker angemerkt haben, fast ein wenig willkürlich – und das nicht nur wegen der Vorhersehbarkeit des Themas „Computerspiele und Jugendkultur“.

Ich danke @kitty_cat_84 für das wunderbare Foto – es war einfach unerlässlich bei dem Roman ein paar Reclamhefte im Hintergrund zu haben.

Anne Michaels – Wintergewölbe erschienen im Berlin Verlag, übersetzt von Nora Matocza
★★★☆☆

Als ich nach vielen Jahren Anne Michaels‘ Wintergewölbe in die Hände bekam, war ich sehr darauf gespannt. Ihr Roman „Fugitive Pieces – Fluchtstücke“ ist eines meiner Lieblingsbücher, das ich mehrmals gelesen habe. Besonders fasziniert haben mich im Wintergewölbe die Passagen über den Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten – eine beeindruckende und melancholische Reflexion über den Verlust von Heimat und Geschichte. Michaels verbindet das Schicksal der durch den Staudamm vertriebenen Nubier auf poetische Weise mit dem Bau des Sankt-Lorenz-Seewegs in Kanada. Ihre Beschreibungen sind so detailreich und lebendig, dass man spürt, wie tiefgreifend diese Eingriffe in das Leben der Menschen sind.

Ich glaube wir Menschen haben nur alle in unserem Leben nur ein, zwei philosophische oder politische Grundgedanken, haben nur ein, zwei Ordnungsprinzipien in unserem gesamten Leben, und alles Übrige kommt von dort …

Die Atmosphäre des Romans ist typisch Michaels: melancholisch und poetisch, was mir sehr gefallen hat. Ihre Sprache ist von großer Schönheit. Doch trotz dieser Momente der sprachlichen Brillanz und der bewegenden Thematik erreicht Wintergewölbe für mich bei Weitem nicht das emotionale Niveau von Fugitive Pieces. In Wintergewölbe geht es mehr um das Argument als um die Geschichte – wie eine Kritikerin so treffend sagte: „Michaels konstruiert eine Brücke zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern.“ Doch genau diese Konstruktion bleibt mir zu distanziert, zu abstrakt. Die Figuren sind in weiten Teilen mit sich selbst beschäftigt, und obwohl Jean, die zentrale Figur, durch ihre stillen Beobachtungen und ihren Schmerz tief berührt, bleibt die emotionale Verbindung für mich im Vergleich zu Michaels‘ früherem Buch doch blasser.

Der Roman fühlt sich an manchen Stellen wie ein lehrreiches Stück Geschichte an, und während die Passagen rund um die technischen und architektonischen Meisterleistungen spannend sind, vermisst man oft die intime Nähe zu den Figuren. Das Buch, so lyrisch es auch ist, lässt die Leser*in letztlich eher kalt, besonders im Vergleich zu Fugitive Pieces. Dennoch ist Michaels’ Blick auf Verlust und Erinnerung klar und packend, auch wenn dieser Roman nicht die gleiche emotionale Wucht erreicht.

Ich bin auf jeden Fall sehr auf ihren neuesten Roman „Held“ gespannt, der aktuell auf der Booker Shortlist steht.

Welches ist euer Lieblingsroman von Ms Michaels?

Daniel Kehlmann – Tyll erschienen im Rowohlt Verlag
★★★☆☆

„Tyll“ von Daniel Kehlmann hatte mich eigentlich durchaus angesprochen – die Idee, einen Gaukler als Wegbegleiter durch den Dreißigjährigen Krieg zu erleben, schien faszinierend. Tyll ist angelehnt an die historische Figur Till Eulenspiegel, und Kehlmann lässt ihn in seinem Buch als schillernde, rätselhafte Figur durchs zerrissene Land ziehen, voller List, scharfsinniger Streiche und Grausamkeit. Die Episoden, die Kehlmann miteinander verknüpft – Tyll als Narr eines exilierten Königspaares, die Begegnungen mit erfundenen und historischen Persönlichkeiten – zeichnen ein fast kaleidoskopartiges Bild dieser düsteren Zeit.

Dabei fand ich beeindruckend, wie gekonnt Kehlmann Fiktion und Realität miteinander vermischt. Die Erzählweise bleibt immer unterhaltsam, oft poetisch und verzichtet darauf, Leid und Elend zu explizit zu schildern, was dem/der Leser*in einen gewissen Abstand erlaubt. Trotz dieser Leichtigkeit, die Kehlmann den Schrecken gegenüberstellt, fiel es mir schwer, einen richtigen Zugang zu Tyll zu finden.

Verachtet, gefürchtet, ausgegrenzt. Offen ansprechen, gar berühren durfte man sie nicht. Sie selbst lebten vom Tod, von der Folter und in der ständigen Angst von einem Delinquenten verflucht zu werden. Ihren Kindern und Kindeskindern stand kein anderer Beruf mehr offen, einmal Henker, immer Henker …“

Vielleicht liegt es an der Schelmenfigur selbst, die mir zu distanziert und unnahbar blieb. Auch wenn Kehlmanns Buch komplex und kunstvoll komponiert ist, habe ich mich als Leserin oft nur als Beobachterin gefühlt und weniger als emotional Beteiligte. Vielleicht liegt es daran, dass der Schelmenroman per se nicht mein bevorzugtes Genre ist. Trotzdem bereue ich das Lesen keineswegs – es war faszinierend, wie Kehlmann den Dreißigjährigen Krieg auf diese Art belebt und erzählt. Nur wirkliche Begeisterung wollte sich für mich einfach nicht einstellen.

Habt ihr es gelesen? Wie fandet ihr Tyll?

Jörg Bong – Die Flamme der Freiheit erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag
★★★★★

Jörg Bongs „Die Flamme der Freiheit“ ist ein Buch, das sich wie ein Denkmal für die lange Zeit vergessenen deutschen Freiheitskämpferinnen und Freiheitskämpfer der Revolution von 1848/49 liest – eine Geschichte, die im heutigen Bewusstsein oft im Schatten steht, obwohl sie einen zentralen Ursprung unserer demokratischen Tradition darstellt. Bongs Darstellung packt die Leser, sie bringt die Szenen der Revolution und die Menschen, die dafür gekämpft haben, lebendig nahe. Dabei hat das Buch für mich persönlich eine fast magische Anziehungskraft entfaltet: Ich habe beinahe jeden zweiten Satz markiert und mich in ein Recherche-Fieber versetzt gefunden, das mich Seite um Seite tiefer in die Geschichte hineinriss.

Goethes und Schillers dringlicher Rat an die Deutschen zu ihrer Zukunft widerstrebt Gagern im Innersten: Am besten sollten sie, empfehlen die beiden, die Entwicklungsstufe der Nation überspringen und gleich kosmopolitisch werden, Weltbürger, Goethes letzte große Idee

Die Freiheitskämpfer*innen die in Bongs Erzählung so lebendig werden, kämpfen für eine Demokratie, die damals noch in weiter Ferne lag – und es ist erschreckend zu lesen, wie ähnlich die Bedrohung der Demokratie heute in vielerlei Hinsicht ist. Die Bilder, die Bong beschreibt, erinnern an eine Zeit, in der die Menschen gegen den autoritären Preußenstaat aufstanden, sich gegen Repression, Ungerechtigkeit und für Freiheitsrechte stellten. Bongs Protagonisten scheitern bekanntlich letztlich mit ihrem Anliegen, doch die Entschlossenheit und das Durchhaltevermögen dieser Frauen und Männer können nicht genug gewürdigt werden. So eindringlich wie in „Die Flamme der Freiheit“ wurde dieses Kapitel der deutschen Geschichte selten erzählt – und wenn je eine Mahnung zur Verteidigung demokratischer Werte nötig war, dann ist sie in Bongs Werk eindrucksvoll eingeflochten.

Die Hauptakteure in Bongs Buch wie zB der Rheinländer Carl Schurz sind teilweise in den USA viel bekannter als bei uns. Die „48er“ hatten dort einen unglaublich guten Ruf. Schurz zB der gescheiterten Revolution flieht er vor der preußischen Obrigkeit in die USA, kämpfte im amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Nordstaaten gegen die Sklaverei und bringt es bis zum US-Innenminister. Es ist bedauerlich, dass die 48er in Deutschland so wenig bekannt ist, obwohl sie doch so bedeutend für unsere Demokratie sind und wir ihnen soviel zu verdanken haben.

Das Ehepaar Georg und Emma Herwegh war ein außergewöhnliches Duo innerhalb der revolutionären Bewegungen der Jahre 1848/49. Georg Herwegh, bekannt als „Der eiserne Dichter der Revolution“, begeisterte viele Menschen mit seinen scharfsinnigen, freiheitsliebenden Gedichten. Emma Herwegh, seine Frau, ging jedoch über das bloße Unterstützen hinaus und entwickelte sich selbst zu einer mutigen, aktiv handelnden Figur der Revolution. Sie war nicht nur Begleiterin ihres Mannes, sondern übernahm eigenständig Verantwortung und engagierte sich leidenschaftlich für die Freiheitsideale ihrer Zeit. Mit außergewöhnlicher Entschlossenheit half sie bei der Organisation der sogenannten „Deutschen Demokratischen Legion“, die unter der Führung ihres Mannes im badisch-pfälzischen Aufstand gegen die reaktionären Mächte kämpfte. Emma wurde zur Symbolfigur für viele revolutionär gesinnte Frauen, weil sie sich den ihr zugeschriebenen, traditionellen Rollen widersetzte und eine aktive politische Rolle einnahm. Ihre Tapferkeit und Standfestigkeit verliehen der Bewegung eine zusätzliche moralische Kraft, und ihre Beteiligung stellte ein frühes Beispiel für den Kampf um Gleichberechtigung und weibliche Selbstbestimmung dar.

Doch Emma sieht messerscharf, was sich anbahnt: der historische Kampf zwischen Demokratie und Nationalismus. Sie formuliert ihren Satz von den „beiden Elementen“ die nun zu einem epochalen Showdown antreten: die neue demokratische Freiheit gegen den neuen „scheußlichsten Absolutismus“ des Nationalen.

Die Revolution von 1848/49 war eine Möglichkeit, die leider verpasst wurde, wie der Historiker Thomas Nipperdey es einmal beschrieb – eine Möglichkeit, der deutschen Geschichte eine friedlichere Wendung zu geben, die vielleicht spätere Katastrophen hätte verhindern können. „Die Flamme der Freiheit“ von Jörg Bong ist in diesem Sinne weit mehr als eine historische Schilderung: Es ist ein Mahnmal und eine Aufforderung, für die Demokratie zu kämpfen, auch wenn der Erfolg nicht gewiss ist. Ein Meisterwerk, das hoffentlich seinen Weg zu vielen Leser finden wird und die Erinnerung an eine bedeutsame Zeit aufrecht erhält.

Mit seiner greifbaren Darstellung und der Detailtreue, die sich selbst kleinsten Aspekten widmet, versetzt Bong die Leser*innen direkt in die Mitte der revolutionären Geschehnisse – sei es bei der Beisetzung der Märzgefallenen oder bei den Barrikadenkämpfen, wo der preußische König Friedrich Wilhelm IV. unter Demütigungen letztlich nachgeben muss, nur um sich insgeheim grausame Rache zu schwören. Die Auseinander-setzungen um die Demokratie waren kein bloßes Streben nach Reformen; es waren die harten Kämpfe der deutschen Revolution, die in einer Zeit stattfanden, in der von Demokratie kaum ernsthaft zu träumen war.

Bong verzichtet auf Belehrungen und verurteilt die historischen Figuren nicht aus der Sicht der Gegenwart, sondern versucht, deren Handeln in der jeweiligen Zeit verständlich zu machen. Dabei bleibt er den historischen Figuren nahe, fängt die Atmosphäre ihrer Zeit ein und entfaltet die Tragik ihrer Geschichte: eine Tragödie des Scheiterns und des ungenutzten Potentials für eine demokratischere deutsche Geschichte, eine, die uns bis heute in Trauer zurücklässt.

Ich war zutiefst schockiert was für ein grausames Arschloch der spätere Kaiser Wilhelm I war. Sorry das kann mich nicht feiner ausdrücken. Wie er in die protestierenden Menschenmassen reingeschossen hat, Unruhe absichtlich gestiftet hat, um den Rebellen Dreck in die Schuhe schieben zu können um dann pro Forma einen Grund für sein rücksichtsloses Abschlachten hat – ohne Worte.
Wir sollten die Demokratie auf keinen Fall für etwas Selbstverständliches halten und sie schützen und aktiv sein, um sie widerstandsfähig zu machen und gegen ihre Gegner zu schützen.

Nguyễn Phan Quế Mai – Der Gesang der Berge, Insel Verlag, übersetzt von Claudia Feldmann
★★★★☆

Meine literarische Weltreise hat mich noch einmal nach Vietnam zurückgeführt, diesmal mit Nguyen Phan Que Mais Roman „Der Gesang der Berge.“ Noch beeindruckt von Cecile Pins Wandering Souls, wollte ich tiefer in die vietnamesische Geschichte eintauchen. Das Buch hat mich von der ersten Seite an mitgerissen, nicht zuletzt durch die zentrale Rolle der Großmutter Dieu Lan, die mich an meine eigene Großmutter erinnerte, bei der ich aufgewachsen bin. Geschichten, in denen Großmütter eine tragende Rolle spielen, ziehen mich immer ganz besonders an, und Dieu Lan ist eine dieser unvergesslichen Figuren. Ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen und ihre bedingungslose Liebe zu ihrer Enkelin Huong haben mich tief berührt.

Die Handlung entfaltet sich über mehrere Jahrzehnte vietnamesischer Geschichte – ein Bild voll Schmerz, Verlust und Hoffnung. Durch die abwechselnden Erzählperspektiven von Dieu Lan und Huong hat man das Gefühl, man sei direkt dabei, als die Familie die Schrecken der Landreform, die Zerstörungen des Krieges und die bedrückenden Jahre der Teilung Vietnams durchlebt. Die Erzählungen von Bombenangriffen, Flucht und den traumatischen Folgen von Agent Orange lassen das unermessliche Leid der vietnamesischen Bevölkerung greifbar werden. Dennoch ist es der Mut, den Dieu Lan ihrer Enkelin weitergibt, der mich am meisten bewegt hat – ein starker, unzerstörbarer Familienkern, der trotzig die Zerstörung des Krieges überlebt.

Je mehr ich las, desto größer wurde meine Angst vor Kriegen. Kriege haben die Macht, liebenswerte und kultivierte Menschen in Ungeheuer zu verwandeln

Die Großmutter erinnert Huong daran, wie die Machthaber die Macht beanspruchen, Geschichte umzuschreiben – ein düsteres Bild, das die Zeit der Landreform und der kommunistischen Herrschaft in Nordvietnam prägte. In einer Welt voller Schmerz und Verlust verkörpert Dieu Lan für mich das Bild einer Überlebenden, die an Hoffnung festhält auch wenn die Gegenwart mehr als düster ist und der es gelingt, Huong eine Zukunft zu schenken.

Nguyen Phan Que Mai erinnert daran, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Menschen wie Dieu Lan Hoffnung und Menschlichkeit bewahren.

Margot Douaihy – Verbrannte Gnade, erschienen im Blumenbar Verlag, übersetzt von Eva Kemper
★★★☆☆

Margot Douaihys Verbrannte Gnade hat mich auf unerwartete Weise begeistert. Der Krimi führt uns in das schwüle, drückende New Orleans, das durch Douaihys poetischen Stil fast wie eine weitere Figur erscheint. Sister Holiday, die lesbische, kettenrauchende, tätowierte Nonne mit einer Punk-Vergangenheit, ist alles andere als gewöhnlich – sie ist gebrochen, komplex und auf eine ganz eigene Art gläubig. Ihre innere Zerrissenheit und ihr Kampf, trotz ihrer rauen Fassade, ihren Glauben zu bewahren, machen sie zu einer faszinierenden Protagonistin.

Der Kriminalfall selbst, bei dem es um eine Reihe von mysteriösen Bränden an einer katholischen Schule geht, war für mich ehrlich gesagt etwas weniger fesselnd. Die eigentliche Stärke des Romans liegt in der düsteren Atmosphäre und den Charakteren. Die Hitze von New Orleans ist fast greifbar, und Douaihy beschreibt sie so intensiv, dass man das Gefühl hat, selbst in dieser dampfenden Stadt zu stehen, wo alles ein bisschen verfallen wirkt. Diese Kulisse verstärkt das Gefühl, dass jeder Charakter in irgendeiner Form vor der eigenen Vergangenheit oder den eigenen Dämonen flieht.

God never judged me as harshly as I judged myself.

Douaihy, ursprünglich aus Scranton, Pennsylvania, bringt eine raue, fast schon „Rust Belt“-Ästhetik in ihre Darstellung von New Orleans ein, was der Stadt einen spannenden, einzigartigen Anstrich gibt. Ihre Erfahrung als Lyrikerin zeigt sich in den detailreichen, stimmungsvollen Beschreibungen und der eher langsamen Entfaltung der Geschichte. Das Tempo ist manchmal fast hypnotisch, doch gerade das unterstreicht die erdrückende Hitze und die psychischen Kämpfe der Figuren.

Sister Holiday ist weit mehr als nur eine Nonne, die Detektivin spielt. Sie ist auf einer eigenen Reise der Selbstfindung und Sühne, die für mich spannender war als der Kriminalfall selbst. Definitiv eine Figur die mir noch lange im Gedächtnis bleibt und ich hätte auf jeden Fall Lust sie auch bei ihrem nächsten Fall zu begleiten.

Khaled Hosseini – And the Mountains echoed auf deutsch unter dem Titel „Traumsammler“ im S. Fischer Verlag erschien, übersetzt von Henning Ahrens.
★★★☆☆

Afghanistan war die zweite Station auf meiner literarischen Reise um die Welt und die ausführliche Besprechung zum Buch und Informationen über Afghanistan könnt ihr hier nachlesen.

So – geschafft! Freu mich von euch zu hören. Welche habt ihr auch gelesen und was waren eure Lese Highlights im Oktober?

Read around the World: Afghanistan

Von Vietnam geht es direkt weiter nach Afghanistan bei unserer literarischen Weltumrundung. Da wahrscheinlich die meisten von uns noch nicht in Afghanistan waren und so schnell wohl leider auch nicht hinreisen werden, beginne ich mal mit einem Überblick über die Geschichte, Geographie, die Kultur und gehe auch auf insbesondere auf die für Frauen schreckliche Situation im Land ein:

Afghanistan liegt im Herzen Asiens, umgeben von Pakistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und China. Das Land ist bekannt für seine gebirgige Landschaft, insbesondere das Hindukusch-Gebirge, das es in Ost und West teilt. Die Hauptstadt Kabul liegt in einem Tal im Osten des Landes. Afghanistan hat eine strategisch bedeutende Lage entlang wichtiger Handelsrouten, was es historisch zu einem Schauplatz vieler Konflikte gemacht hat.

Afghanistan hat eine lange und bewegte Geschichte. Schon in der Antike war es Teil des Achämenidenreichs und wurde von Alexander des Großen erorbert. In den darauffolgenden Jahrhunderten war es ein Zentrum der Seidenstraße und erlebte das Kommen und Gehen verschiedener Reiche, darunter das buddhistische Kushan-Reich und islamische Kalifate. Das Land ist etwa 1,8 Mal größer als Deutschland. Trotz dieser größeren Fläche hat Afghanistan jedoch eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte als Deutschland (42 Mio Einwohner*innen), da ein großer Teil des Landes gebirgig und weniger dicht besiedelt ist.

Im 19. Jahrhundert wurde Afghanistan zum Spielball der Großmächte im sogenannten „Great Game“ zwischen dem Britischen Empire und dem Russischen Reich. Nach mehreren Kriegen mit den Briten wurde Afghanistan 1919 ein unabhängiges Königreich. 1979 wurde das Land durch die Sowjetunion besetzt, was zu einem Jahrzehnt blutigen Guerillakriegs führte. Nach dem Abzug der Sowjets und einem brutalen Bürgerkrieg übernahmen die Taliban 1996 die Macht.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 griffen die USA Afghanistan an, da die Taliban dem Terrornetzwerk Al-Qaida Unterschlupf gewährten. Dies führte zum Sturz der Taliban, doch die darauffolgende Phase des Wiederaufbaus war von Instabilität und Korruption geprägt. Die Taliban gewannen nach und nach wieder an Einfluss, und im August 2021, nach dem Abzug der internationalen Truppen, übernahmen sie erneut die Kontrolle über das Land.

Fotos: Amber Clay, Pixabay

Afghanistan ist ein multikulturelles Land mit einer reichen Tradition. Die Bevölkerung besteht aus verschiedenen ethnischen Gruppen, darunter Paschtunen, Tadschiken, Hazara und Usbeken. Die offizielle Sprache ist Dari (eine Variante des Persischen) und Paschtu. Die afghanische Kultur ist geprägt von einer langen Geschichte, in der Poesie, Musik, Teppichweberei und Kalligraphie bedeutende Rollen spielen. Einer der berühmtesten Dichter des Landes ist Rumi, dessen Werke weltweit Anerkennung finden. Die afghanische Küche ist deftig und basiert auf Reis, Linsen, Brot und Fleisch.

Wir haben uns bei unserem afghanischen Dinner im Rahmen der literarischen Weltreise für ein Auberginen-Gericht entschieden „Borani Banyan“ und die Bingereader Gattin hat sich echt übertroffen – war wahnsinnig lecker. Ich habe das Rezept verlinkt, falls ihr Lust habt es nachzukochen.


Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 steht Afghanistan vor großen Herausforderungen. Die Taliban-Regierung hat wieder strenge islamische Gesetze eingeführt. Unter der aktuellen Taliban-Herrschaft haben sich die Lebensbedingungen für Frauen und Mädchen drastisch verschlechtert. Die Taliban haben eine Reihe von Gesetzen und Vorschriften eingeführt, die Frauen aus dem öffentlichen Leben weitgehend ausschließen und ihre grundlegenden Menschenrechte massiv einschränken. Zu den gravierendsten Maßnahmen zählen:

  • Verbot der weiterführenden Bildung für Mädchen: Mädchen dürfen seit Ende 2021 nicht mehr die weiterführende Schule besuchen, was ihnen die Möglichkeit auf Bildung und berufliche Chancen nimmt.
  • Beschränkungen für Frauen im Arbeitsmarkt: Frauen dürfen in vielen Bereichen nicht mehr arbeiten, insbesondere in Berufen, die mit Männern zu tun haben. Viele Frauen, die zuvor in Nichtregierungsorganisationen oder im öffentlichen Dienst tätig waren, haben ihre Jobs verloren.
  • Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Frauen dürfen oft nur in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen und müssen sich in der Öffentlichkeit vollständig verschleiern.
  • Schließung öffentlicher Räume für Frauen: Öffentliche Parks, Fitnessstudios und andere Freizeiteinrichtungen sind für Frauen in vielen Städten verboten worden.

Diese Maßnahmen und der generelle Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben machen Afghanistan zu einem der repressivsten Länder weltweit in Bezug auf Frauenrechte. Internationale Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen haben die Taliban für diese Politik stark kritisiert und warnen vor den langfristigen Folgen für das Land und seine Entwicklung.

Afghanistan gilt daher heute als eines der Länder, in denen Frauen und Mädchen am stärksten diskriminiert werden. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Einschränkungen der Freiheiten und die Behandlung von Minderheiten sowie Frauen scharf.

Die internationale Gemeinschaft hat sich weitgehend von Afghanistan zurückgezogen, und das Land leidet unter wirtschaftlicher Isolation, Arbeitslosigkeit und humanitären Krisen. Hunger und Armut sind weit verbreitet. Das Land gehört neben Burundi, dem Südsudan und der zentralafrikanischen Republik zu den ärmsten Ländern der Welt.

Das Buch das ich gelesen habe ist Khaled Hosseinis „And the Mountain echoed“ das 2013 unter dem Titel „Traumsammler“ im S. Fischer Verlag erschien, übersetzt von Henning Ahrens.

Foto: Mika

And the Mountains Echoed ist der dritte Roman des afghanisch-amerikanischen Autors Khaled Hosseini, der auch durch seine Werke Drachenläufer und Tausend strahlende Sonnen bekannt ist. Wie in seinen früheren Büchern gelingt es Hosseini auch hier, emotionale Familiengeschichten mit den tiefen politischen und sozialen Umbrüchen Afghanistans zu verweben.

Der Roman beginnt mit einer herzzerreißenden Szene, in der der Vater eines kleinen Mädchens namens Pari sie verkaufen muss, um das Überleben seiner Familie zu sichern. Diese Tat hat weitreichende Konsequenzen, die das Leben vieler Charaktere im Laufe des Buches beeinflussen. Die Erzählung springt in verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven hin und her, von Afghanistan bis in die USA und Frankreich, und verbindet das Schicksal zahlreicher Figuren.

Hosseinis Themen sind Familie, Liebe, Verlust und Opfer. Mich beeindruckt seine Fähigkeit, die Zerrissenheit der afghanischen Diaspora und die Belastungen durch die immerwährenden Kriege und Konflikte im Land darzustellen. Gleichzeitig schafft er es, uns auch die Schönheit Afghanistans und ihre reiche kulturelle Vielfalt zu übermitteln.

Was diesen Roman von Hosseinis anderen unterscheidet, ist seine Struktur: And the Mountains Echoed besteht nicht aus einer linearen Handlung, sondern eher aus einer Sammlung miteinander verbundener Geschichten. Dies verleiht dem Buch eine epische Dimension und spiegelt vielleicht die Komplexität des modernen Afghanistan wider.

Einige dieser Geschichten haben mich tief berührt, während ich in andere weniger gut hineingefunden habe. Besonders gefallen hat mir die Geschichte, die aus der Sicht von Nabi erzählt wird, und seine Beziehung zu seinem Arbeitgeber, Mr. Wahdati. Hosseini fängt die Komplexität dieser Charaktere auf eindrucksvolle Weise ein, lässt ihre inneren Konflikte lebendig werden und ist dabei so berührend.

Allerdings fand ich insgesamt die Vielzahl der Personen manchmal überwältigend. Irgendwann habe ich ein bisschen den Überblick verloren, was der emotionalen Tiefe des Romans etwas im Weg stand. Trotz meines Gefühls der Überfrachtung war es dennoch eine Lektüre, die ich gerne gelesen habe. Vor allem, weil das Buch mir Einblicke in das Leben und die Kultur Afghanistans gab, die ich sonst vielleicht nicht in dieser Intensität erfahren hätte.

Im Vergleich zu Hosseinis früherem Roman Drachenläufer, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, muss ich sagen, dass mir dieser rückblickend vielleicht einen Tick besser gefallen hat. „And the Mountains Echoed“ ist komplexer und experimenteller, aber Drachenläufer war für mich emotional zugänglicher und stringenter. Dennoch ein lesenswertes Buch, das einen tiefen Einblick in die Schicksale der afghanischen Bevölkerung gibt.

Mein musikalischer Tipp aus Afghanistan ist die Dokumentation „Keeping the Music alive – Musikerinnen gegen die Taliban“ von Sarah El Younsi und Mandakini Gahlot über Zhora das erste weibliche Orchester Afghanistans:

Foto: WikiCommons

Mein Filmtipp ist „Der Film „Osama“ (2003), der unter der Regie von Siddiq Barmak entstand, der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens in Afghanistan während der Taliban-Herrschaft. Da Frauen nicht arbeiten dürfen und Männer in ihrer Familie fehlen, verkleidet ihre Mutter sie als Jungen, damit sie arbeiten kann und die Familie überleben kann. Sie nimmt den Namen „Osama“ an, doch das Versteckspiel wird zunehmend gefährlicher, als sie in die strengen Alltagsstrukturen der Taliban eintritt. Der Film zeigt die bedrückende Lage der Frauen unter den Taliban und die extreme Unterdrückung in dieser Zeit. Ein auch visuell wirklich beeindruckender Film:

Auf meinem Blog ist bisher wenig Lektüre aus Afghanistan zu finden, ich kann euch daher keine älteren Beiträge verlinken, allerdings habe ich ein weiteres Buch auf meiner „To-Read-Liste“ das ich euch auch gern ans Herz legen möchte: „My Pen is the Wing of a Bird: New Fiction by Afghan Women“ eine Anthologie die sehr vielversprechend klingt.

Wie hat euch mein Ausflug nach Afghanistan gefallen? Habt ihr Literatur-, Musik- oder Filmtipps aus der Region? Hier noch der link zum vorherigen Stopp Vietnam.

Seid ihr schon gespannt auf den nächsten Stopp? Ich verrate nur so viel: wir müssen ca 15.000 KM reisen. Freu mich auf Euer Feedback.

September Lektüre

Der September hat sich als Lesemonat auch wirklich nicht lumpen lassen. 9 Bücher und ein Hörbuch – das kann sich sehen lassen und wieder kein wirklicher Ausfall dabei. Wie schön. Lasst uns loslegen, ich möchte euch auf ein paar wirklich schöne Bücher neugierig machen und bin auch sehr gespannt wie euer Lesemonat war. Was hat euch begeistert? Oder enttäuscht? Und ich bin gespannt, welche meiner Vorstellungen ihr bereits kennt oder auf welche ich euch Lust machen kann. Freue mich auf eure Rückmeldungen.

Artful – Ali Smith auf deutsch unter dem Titel „Wem erzähle ich das“ im Luchterhand Verlag erschienen, übersetzt von Silvia Morawetz

Ali Smiths Artful hat mich auf eine Weise bewegt, die ich nur schwer in Worte fassen kann. Es ist eines dieser Bücher, die einen sofort in ihren Bann ziehen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es sich jeder klaren Kategorisierung entzieht. Es ist weder ein Roman noch eine einfache Sammlung von Essays, sondern eine seltsame, faszinierende Mischung aus beidem. Die vier Kapitel basieren auf Vorlesungen, die Smith ursprünglich an der Universität Oxford gehalten hat, und doch fühlt sich das Buch eher wie ein poetischer, manchmal sogar traumähnlicher Dialog an – zwischen Leben und Tod, zwischen Kunst und Denken.

Die Erzählung, die sich durch das Buch zieht, handelt von einer Frau, die nach dem Tod ihrer Geliebten trauert und plötzlich von deren Geist heimgesucht wird. Diese Tote ist nicht nur ein vages Gespenst; sie ist chaotisch, unordentlich, sie spricht in Rätseln, stiehlt Gegenstände und verbreitet einen Geruch, der die Nachbarn beunruhigt. Was mich daran so fasziniert hat, war, wie natürlich und zugleich verstörend Smith diesen Übergang zwischen Leben und Tod beschreibt. Es ist nicht das Drama eines tragischen Verlustes, sondern eher eine leise, seltsam humorvolle Akzeptanz des Unerwarteten.

“We do treat books surprisingly lightly in contemporary culture. We’d never expect to understand a piece of music on one listen, but we tend to believe we’ve read a book after reading it just once.”

Gleichzeitig spielt Smith meisterhaft mit den Themen Zeit, Form und Kunst. Manchmal fühlte es sich an, als wäre ich in einem wilden Gedankenspiel gefangen, das von einem intellektuellen Abendessen zu stammen schien, bei dem Figuren wie Virginia Woolf, Freud und Shakespeare zusammenkommen. Die ständige Bewegung zwischen intellektuellem Diskurs und ganz persönlichen, emotionalen Momenten hat mich tief beeindruckt. Es ist, als würde Smith mit Leichtigkeit zwischen den Ebenen von Gedanken und Gefühlen hin- und herspringen und dabei eine emotionale Tiefe erreichen, die mich oft unvorbereitet getroffen hat.

Recitatif – Toni Morrison erschienen unter dem Titel „Rezitativ“ im Rowohlt Verlag übersetzt von Tanja Handels

Toni Morrisons „Rezitativ“ ist eine unglaubliche Geschichte, die mich einfach nicht loslässt. Sie erzählt von zwei Mädchen, Twyla und Roberta, die in einem Heim aufwachsen. Eine ist weiß, die andere schwarz – doch Morrison gibt uns nie klar zu erkennen, wer welche Hautfarbe hat. Und genau das macht den Reiz der Geschichte aus: Man glaubt ständig, die Lösung zu wissen, doch dann zweifelt man wieder. Die Vorurteile, die man selbst mitbringt, werden dabei auf subtile Weise herausgefordert.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie Morrison es schafft, unsicher zu bleiben. Jede Szene scheint Hinweise zu liefern, und doch bleibt man bis zum Ende ratlos. Es geht dabei nicht nur um die Hautfarbe der Protagonistinnen, sondern um viel mehr: um Vorurteile, um Machtstrukturen und um die Art und Weise, wie wir Menschen in Schubladen stecken. Diese Unsicherheit zieht sich durch die gesamte Geschichte und sorgt dafür, dass man sie auch lange nach dem Lesen nicht aus dem Kopf bekommt.

“Difficult to “move on” from any site of suffering if that suffering goes unacknowledged and undescribed.”

Interessant fand ich auch das Nachwort von Zadie Smith, das mir nochmal eine neue Perspektive eröffnet hat: Weiße Leserinnen und Leser neigen dazu, die Protagonistin als weiß zu lesen, während schwarze Leserinnen und Leser sie oft als schwarz interpretieren. Es zeigt, wie stark unsere Wahrnehmung von den eigenen Erfahrungen geprägt ist.

„Rezitativ“ ist viel mehr als nur eine Geschichte über zwei Mädchen – es ist ein intensives Spiel mit Wahrnehmung und Identität. Es zwingt einen dazu, sich selbst und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Für mich war es eine Lektüre, die nachhallt und die ich sicher noch mehrmals lesen werde. Ganz große Klasse von Toni Morrison!

So long, see you tomorrow – William Maxwell auf deutsch unter dem Titel „Also dann bis morgen“ im Hanser Verlag erschienen, übersetzt von Benjamin Schwarz

Maxwells Roman, der nur 134 Seiten umfasst, beginnt mit einer außerehelichen Affäre und einem Mord in einer kleinen Stadt in Illinois zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler schildert die Ereignisse um den Mord, versucht aber gleichzeitig, sich emotional davon zu distanzieren. Während er sich erinnert, reflektiert er über den Wandel der Welt seit seiner Kindheit.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist Maxwells Fähigkeit, die Charaktere so lebendig und vielschichtig darzustellen. Obwohl die Handlung eher ruhig verläuft, sind es diese fein ausgearbeiteten Figuren, die das Buch tragen. Vor allem die Beziehung des Erzählers zu seinem Freund Cletus, dessen Vater den Mord beging, bleibt im Gedächtnis. Der Erzähler quält sich bis ins hohe Alter mit Schuldgefühlen, weil er Cletus nach dem Mord ignorierte, als sie sich in der Schule begegneten.

Maxwell erzählt eine leise Geschichte, die tief bewegt, die zeigt, wie stark Kindheitserinnerungen und Schuld das Leben eines Menschen prägen können. Für alle, die langsame, tiefgründige Romane mögen, ist So Long, See You Tomorrow absolut empfehlenswert.

„I had to find an explanation other than the real one, which was that we were no more immune to misfortune than anybody else, and the idea that kept recurring to me…was that I had inadvertently walked through a door that I shouldn’t have gone through and couldn’t get back to the place I hadn’t meant to leave.“

William Maxwell (1908–2000) war ein amerikanischer Schriftsteller und über 40 Jahre Lektor beim New Yorker. Neben seinen Romanen schrieb er auch Kurzgeschichten und Kinderbücher, und seine Werke sind bekannt für ihre sensible Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen.

The Last Supper – Rachel Cusk erschienen im Picador Verlag – bislang nicht auf deutsch übersetzt

Rachel Cusks „The Last Supper“ ist ein ungewöhnliches, persönliches Reisebuch, das mich auf eine eigenwillige und charmante Reise durch Italien mitgenommen hat. Es ist kein klassischer Reisebericht, in dem schöne Landschaften und sonnige Tage im Vordergrund stehen. Stattdessen widmet sich Cusk der Kunst, dem Alltag und ihren inneren Beobachtungen, und sie tut dies mit einer Sprache, die oft poetisch und metaphorisch ist. Ihre Beschreibungen der Renaissance-Kunstwerke, die sie mit ihrer Familie betrachtet, wirken oft fast spirituell, als ob die Figuren auf den Gemälden ihr eigene Geschichten zuflüstern.

Es geht in diesem Buch jedoch nicht nur um Kunst und Architektur. Was mich besonders faszinierte, ist, wie Cusk ihre Umgebung und ihre Erlebnisse durch ihre eigene, kritische Linse betrachtet. Sie hinterfragt die touristischen Klischees von Italien, die Vorstellung von der „italienischen Lebensart“ und auch die Simplizität des Essens, die oft romantisiert wird. Wiederholt essen sie und ihre Kinder dasselbe einfache Essen – Tomaten, Schafskäse, grobes Brot – und beginnen, die Vielfalt des Essens in ihrer Heimat als etwas fast Groteskes zu empfinden.

„I wish I could learn how to read the structure of life as a weathermen read the structure of clouds, where the future must be written, if only you knew what to look for“

Interessanterweise wird in The Last Supper Cusks Ehemann nicht ein einziges Mal erwähnt, obwohl ihre beiden Töchter eine wichtige Rolle in der Erzählung spielen. Sie sind präsent, sie reisen mit, sie reagieren auf die fremde Umgebung – aber der Mann, mit dem sie in Italien unterwegs ist, bleibt unsichtbar. Es wirkt fast so, als wäre er in ihrer Wahrnehmung bereits verblasst, obwohl das Buch während der Ehe geschrieben wurde. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung ließen sich die beiden tatsächlich scheiden. Die Tatsache, dass er nicht auftaucht, verleiht der Geschichte eine subtile Spannung und lässt Raum für Spekulationen.

Rachel Cusk wurde 1967 in Kanada geboren, zog aber im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Großbritannien. Sie studierte Englische Literatur in Oxford und veröffentlichte 1993 ihren ersten Roman Saving Agnes, für den sie den Whitbread First Novel Award gewann.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull – Thomas Mann erschienen im S. Fischer Verlag

Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ hat mich total überrascht. Eigentlich hatte ich erwartet, dass mich der Stil überfordern könnte, oder ich wie beim Zauberberg kurz vor Schluß einfach nicht mehr mag, aber genau das Gegenteil war der Fall: Die Sprache ist ein reiner Genuss! Mann schreibt mit einer Eleganz und Leichtigkeit, die mich sofort in die Geschichte hineingezogen hat.

Manns Sprache ist ein Hochgenuss – elegant, ironisch und dabei erstaunlich leicht zugänglich. Schon nach wenigen Seiten war ich ganz im Bann von Felix Krull, einem Hochstapler mit so viel Charme und Witz, dass man ihm einfach alles verzeihen will. Er stiehlt sich durch die Gesellschaft mit einer Leichtigkeit, die mich fasziniert hat, und gleichzeitig ist er so sympathisch, dass ich mich fast ertappt fühle, wie ich ihm innerlich zujubelte.

Felix Krull selbst ist eine faszinierende Figur. Er ist ein Hochstapler, ja, aber einer mit so viel Charme und einem goldenen Herz, dass man ihm seine Täuschungen fast schon verzeiht. Die Art, wie er sich durch die Gesellschaft bewegt, immer mit einem Augenzwinkern, ist so unterhaltsam, dass ich mir fast wünsche, ihm mal im echten Leben zu begegnen – idealerweise bei einem Glas Champagner. Trotz seiner Betrügereien bleibt er durchweg sympathisch, was vor allem an der Art liegt, wie Mann ihn darstellt: als jemanden, der die Regeln der Gesellschaft geschickt ausnutzt, ohne dabei wirklich boshaft zu sein.

„Es war der Gedanke der Vertauschbarkeit. Den Anzug, die Aufmachung gewechselt, hätten sehr vielfach die Bedienenden ebensogut Herrschaft sein und hätte so mancher von denen, welche, die Zigarre im Mundwinkel, in den tiefen Korbstühlen sich rekelten – den Kellner abgeben können. Es war der reine Zufall, daß es sich umgekehrt verhielt – der Zufall des Reichtums; denn eine Aristokratie des Geldes ist eine vertauschbare Zufallsaristokratie.“

Interessant ist auch, dass Felix Krull schon früh in Manns Leben eine Rolle spielte. Bereits 1911 tauchte die Figur erstmals in einer Erzählung auf, und Mann kehrte später zu ihr zurück, als er sich mehr dem Humor und der Leichtigkeit zuwandte. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Werke, die oft von existenziellen Themen durchzogen sind, ist „Felix Krull“ ein eher heiteres und spielerisches Werk – fast so, als hätte Mann hier eine Pause vom Ernst des Lebens machen wollen. Ich kann im Übrigen auch die Verfilmung aus dem Jahr 1957 von Kurt Hoffmann mit Horst Buchholz in der Hauptrolle empfehlen – hat mir sehr gefallen.

Unbedingte Empfehlung – jetzt hab ich richtig Lust auf die Buddenbrocks bekommen.

Wie sieht es bei euch aus? Thomas Mann – yeahhh oder mehhh?

Brian – Jeremy Cooper erschienen bei Fitzcarraldo Editions, bislang nicht auf deutsch übersetzt

Ich hatte eigentlich nur vor, mal kurz in Jeremy Coopers Roman Brian reinzulesen, bin aber direkt hängengeblieben. Das Buch hat mich einfach reingezogen. Der Fitzcarraldo Verlag ist ein faszinierender Verlag aus London mit interessanten Romanen oft in Übersetzung bei dem ich oft fündig werde.

Cooper erzählt die Geschichte von Brian, einem einsamen Mann, der sein Leben um seine täglichen Routinen herum gebaut hat – ein Job im Camden Council, Mittagessen im Café Il Castelletto und zurück in seine kleine Wohnung. Alles läuft in geordneten Bahnen, bis Brian eines Tages das BFI (British Film Institute) entdeckt und das Kino zu einem festen Teil seines Lebens wird. Ab da sieht er sich fast jeden Abend Filme an, von Ozu über Fellini bis zu Varda, und findet so endlich eine Gemeinschaft, eine Gruppe von gleichgesinnten Filmfans. Es ist eine so schöne Idee, wie das Kino für ihn zu einem Zufluchtsort wird, wo er Freundschaft und Zugehörigkeit erlebt – etwas, das ihm sein bisheriges Leben nicht bieten konnte.

Die Art, wie Cooper die innere Welt von Brian beschreibt, ist so nah und gleichzeitig distanziert, dass man den Charakter förmlich vor sich sieht. Und ja, ich ertappe mich jetzt schon dabei, dass ich mich im Kino umsehe, ob Brian vielleicht irgendwo sitzt. Es ist ein Charakter, der einem einfach nicht aus dem Kopf geht.

„All his life, everywhere he went, Brian had shunned attention, the scars unhealed from being singled out at school in Kent as different and blamed for being so, by teachers, by other boys and by his mother. To ease his hurt he had made himself an expert at forgetting, a skill now matured, able most of the time to erase unwelcome thoughts and happenings. It did mean that he needed to hold himself on constant altert, ready to combat the threat of being taken by surprise, a state-of-being he had managed to achieve without the tension driving him crazy. There had been costs, by now discounted and removed from memory.“

Ich finde, das Buch macht auf eine sanfte, unaufgeregte Weise klar, wie stark Kunst – und in diesem Fall eben Filme – unser Leben bereichern und uns zu uns selbst führen kann. Brian erlebt das durch seine Filmleidenschaft, und ich denke, das ist etwas, womit sich viele identifizieren können, die im Kino einen besonderen Ort gefunden haben.

Wer Filme liebt und sich für das Zwischenmenschliche interessiert, sollte Brian unbedingt lesen. Es ist ein leises, aber nachhallendes Buch, das riesige Lust aufs Kino macht und meine Filmliste ist um etliches länger geworden. Große Empfehlung!

Wandering Souls – Cecile Pin erschienen im Atlantik Verlag, übersetzt von Maria Hummitzsch

Cecile Pins Debütroman Wandering Souls ist ein bewegender Roman, der die vietnamesische Flüchtlingserfahrung und die psychischen Belastungen der Assimilation einfängt. Es war mir in der Buchhandlung ins Auge gefallen, habe kurz reingelesen und konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Pin nimmt uns mit auf die Reise der 16-jährigen Anh und ihrer jüngeren Brüder Minh und Thanh, die sich nach dem Vietnamkrieg auf die gefährliche Flucht nach Hongkong begeben. Die Familie ist gezwungen, auf zwei verschiedenen Booten zu reisen, und nur die drei älteren Geschwister erreichen ihr Ziel. Ihre Eltern und vier weitere Geschwister kommen auf tragische Weise ums Leben.

„Die Vietnamesen haben diese Tradition“, sagte er. „Sie glauben, dass man die Toten angemessen in ihrem Heimatort beerdigen muss. Tut man das nicht, sind Ihre Seelen dazu verdammt, als Geister auf der Erde herumzuirren.“

Die Geschichte setzt drei Jahre nach dem Abzug der US-Truppen ein, als Vietnam in politischem und wirtschaftlichem Chaos versinkt. Anh, Minh und Thanh landen nach vielen Stationen – darunter Flüchtlingslager und Ablehnung durch die US-Einwanderungsbehörde – in London. Dort kämpfen sie in den 1980er Jahren mit den Herausforderungen des Lebens in einer neuen, oft feindseligen Umgebung. Besonders Anh trägt als älteste Schwester die Last der Verantwortung, während Minh in Schwierigkeiten gerät und Thanh versucht, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden.

Der Roman schafft es, sowohl die emotionalen Wunden der Flucht als auch die Herausforderungen der Assimilation in einer neuen Gesellschaft eindrucksvoll darzustellen. Dabei setzt Pin nicht nur auf emotionale Tiefe, sondern auch auf historische Genauigkeit. Man merkt wie sehr sie für diesen Roman recherchiert hat. Es gibt Momente großen Schmerzes, schrecklicher Grausamkeiten und der Verzweiflung, aber auch Zusammenhalt, Liebe und Hoffnung.

Und was hat das mit mir zu tun? – Sacha Batthyany erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Der Autor begibt sich auf eine tiefgründige und bewegende Spurensuche, die mir noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis bleiben wird. Das Buch erzählt die erschütternde Geschichte eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Österreich – das Massaker von Rechnitz – und verbindet diese düstere Vergangenheit mit Batthyanys eigener Familiengeschichte.

Was mich an diesem Buch besonders berührt hat, ist die Ehrlichkeit, mit der Batthyany die Geschehnisse aufarbeitet. Er scheut sich nicht, sich selbst und seine Familie kritisch zu hinterfragen. Auf eindringliche Weise erzählt er, wie er erst als Erwachsener von dem Massaker erfuhr und wie er sich daraufhin entschloss, der Wahrheit über seine eigene Familie auf den Grund zu gehen. Diese Recherche zieht sich über sieben Jahre und führt ihn an verschiedene Orte, von Ungarn über Sibirien bis nach Buenos Aires. Dabei werden Fragen aufgeworfen, die oft unbeantwortet bleiben – das macht die Geschichte umso eindringlicher und verstörender.

Besonders die Darstellung der Gräfin Margit Thyssen-Batthyány, Batthyanys Großtante, hat mich zum Nachdenken angeregt. Ihre Rolle in der Nacht des Massakers bleibt unklar, doch der Autor macht deutlich, dass sie eine Mitwisserin war, die mit den Tätern feierte. Diese Ambivalenz zwischen Festlichkeit und Grauen ist ein starkes Motiv des Buches. Es ist erschreckend zu sehen, wie das Schweigen über die Vergangenheit selbst in der eigenen Familie weitergegeben wurde, und Batthyanys Entschlossenheit, das zu durchbrechen, ist inspirierend.

„Die Schweiz war für sie immer nur ein Spieleland, das Leben kein echtes, jedenfalls keines mit Höhen und Tiefen, mit Glück und Leid. Denn wer nicht mindestens ein paar Verwandte im Krieg verloren, wer nie miterlebt hatte, wie eine fremde Besatzungsmacht, seien es Deutsche oder Russen, alles umstürzte, der durfte nicht von sich behaupten, wirklich etwas vom Leben zu verstehen.“

Sacha Batthyany wurde 1972 in Zürich geboren und ist Journalist und Autor. Heute arbeitet er als Korrespondent in Washington. Seine journalistische Laufbahn umfasst eine Vielzahl von Themen, wobei er oft gesellschaftliche und historische Fragestellungen aufgreift. „Und was hat das mit mir zu tun?“ ist sein Debüt in der literarischen Sachbuchszene, und es zeigt eindrucksvoll, wie persönliche Geschichte und historische Ereignisse miteinander verwoben sind.

„Und was hat das mit mir zu tun?“ ist nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern auch eine tiefgreifende persönliche Auseinandersetzung mit Schuld, Verantwortung und dem Umgang mit der Vergangenheit. Batthyanys ehrlicher und verletzlicher Schreibstil zieht einen in seinen Bann. Es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte, um die schmerzhaften Wahrheiten über die eigene Geschichte und die Geschichte der anderen nicht zu vergessen.

Lessons – Ian McEwan erschienen unter dem Titel „Lektionen“ im Diogenes Verlag, übersetzt von Bernhard Robben

Die Geschichte um Roland Baines, dessen Leben sich durch Zufälle und historische Ereignisse immer wieder in unerwartete Bahnen lenkt hat mich sehr begeistert. Die Art, wie McEwan über das Leben, die Liebe und die Last der Vergangenheit schreibt, ist mir stellenweise richtig nah gegangen – ich hätte so viele Sätze am liebsten direkt unterstrichen! Die philosophischen Gedanken und feinen Beobachtungen über menschliche Beziehungen und politische Umbrüche wirken nie aufgesetzt, sondern weben sich organisch in Rolands Lebensweg ein. Ich hatte das Gefühl, mit ihm gemeinsam durch die Jahrzehnte zu reisen und die Welt aus seiner Perspektive zu erleben.

Besonders gut gefallen hat mir McEwans Fähigkeit, alltägliche Momente so zu beschreiben, dass sie plötzlich eine ganz neue Bedeutung erhalten. Es sind oft die kleinen, beiläufigen Szenen, die einem noch lange im Kopf bleiben. Gleichzeitig stellt das Buch aber auch große Fragen: Wie beeinflussen uns die großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit? Wie sehr bestimmt die Vergangenheit unser Handeln in der Gegenwart? Ich habe das Gefühl, dass ich das Buch irgendwann unbedingt noch einmal lesen muss, weil man sicher viele Details erst beim zweiten Mal so richtig erfasst.

“His accidental fortune was beyond calculation, to have been born in 1948 in placid Hampshire, not Ukraine or Poland in 1928, not to have been dragged from the synagogue steps in 1941 and brought here. His white-tiled cell – a piano lesson, a premature love affair, a missed education, a missing wife – was by comparison a luxury suite. If his life so far was a failure, as he often thought, it was in the face of history’s largesse.”

Die Stimme des Sprechers hat perfekt zur Stimmung gepasst und die melancholischen, aber auch hoffnungsvollen Töne des Romans wunderbar transportiert. Insgesamt ist „Lektionen“ für mich ein nachdenkliches und intensives Werk, das lange nachhallt.

Ian McEwan mausert sich immer mehr zu einem meiner Lieblings-Autoren zu dessen Werken man fast blind greifen kann und man einfach sicher sein kann, nicht nur gut unterhalten zu werden, eine Menge zu lernen sondern die einem auch noch lange im Gedächtnis bleiben und mit deren Fragestellungen man sich noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Read Around the World: Vietnam

Habt Ihr Lust auf eine Weltreise? In meiner neuen Reihe werde ich ein Buch aus jedem Land der Erde lesen und vorstellen, ein Projekt auf das ich schon lange Lust habe. Mithilfe eines Zufallsgenerators lose ich die jeweils nächsten drei Länder aus, sodass ich genügend Zeit habe, die passende Lektüre zu besorgen. Wo immer möglich ein Buch eine*r Autor*in aus dem jeweiligen Land. Da ich aber außerdem meinen SUB (Stapel ungelesener Bücher) abarbeiten möchte, werde ich in wenigen Ausnahmefällen ein Buch wählen dass sich bereits in meinem Regal befindet, auch wenn der/die Autor*in nicht ursprünglich aus dem Land kommt. Darüber hinaus werde ich auch zu jedem Land weitere kulturelle Elemente einbauen: ein Film, eine lokale Band, ein typisches Gericht zum Nachkochen sowie – wenn möglich – persönliche Erfahrungen und Fotos. Im Fall von Vietnam füge ich Bilder unserer Reise 2011 hinzu, als wir dieses faszinierende Land erkundeten. Alles klar? Dann kann es ja losgehen:

Wandering Souls – Cecile Pin auf deutsch unter dem gleichnamigen Titel im Atlantik Verlag erschienen, übersetzt von Maria Hummitzsch


Cecile Pins Debütroman Wandering Souls ist ein bewegender Roman, der die vietnamesische Flüchtlingserfahrung und die psychischen Belastungen der Assimilation einfängt. Es war mir in der Buchhandlung ins Auge gefallen, habe kurz reingelesen und konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Pin nimmt uns mit auf die Reise der 16-jährigen Anh und ihrer jüngeren Brüder Minh und Thanh, die sich nach dem Vietnamkrieg auf die gefährliche Flucht nach Hongkong begeben. Die Familie ist gezwungen, auf zwei verschiedenen Booten zu reisen, und nur die drei älteren Geschwister erreichen ihr Ziel. Ihre Eltern und vier weitere Geschwister kommen auf tragische Weise ums Leben.

Die Geschichte setzt drei Jahre nach dem Abzug der US-Truppen ein, als Vietnam in politischem und wirtschaftlichem Chaos versinkt. Anh, Minh und Thanh landen nach vielen Stationen – darunter Flüchtlingslager und Ablehnung durch die US-Einwanderungsbehörde – in London. Dort kämpfen sie in den 1980er Jahren mit den Herausforderungen des Lebens in einer neuen, oft feindseligen Umgebung. Besonders Anh trägt als älteste Schwester die Last der Verantwortung, während Minh in Schwierigkeiten gerät und Thanh versucht, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden.

Der Roman schafft es, sowohl die emotionalen Wunden der Flucht als auch die Herausforderungen der Assimilation in einer neuen Gesellschaft eindrucksvoll darzustellen. Dabei setzt Pin nicht nur auf emotionale Tiefe, sondern auch auf historische Genauigkeit. Man merkt wie sehr sie für diesen Roman recherchiert hat. Es gibt Momente großen Schmerzes, schrecklicher Grausamkeiten und der Verzweiflung, aber auch Zusammenhalt, Liebe und Hoffnung.

Die Vietnamesen haben diese Tradition“, sagte er. „Sie glauben, dass man die Toten angemessen in ihrem Heimatort beerdigen muss. Tut man das nicht, sind Ihre Seelen dazu verdammt, als Geister auf der Erde herumzuirren.

Ich mochte Pins präzisen ungeschnörkelten Stil. Es ist eine vielschichtige Erzählung, die sowohl das persönliche Schicksal der Charaktere als auch die größere historische Tragödie des Vietnamkriegs und seiner Nachwirkungen umfasst. Es ist ein beeindruckendes Debüt das 2023 auf der Longlist des Women’s Prize for Fiction landete, das auf sensible Weise den Verlust und die Anpassung an eine neue Realität beleuchtet.

Cecile Pin ist eine britisch-vietnamesische Autorin, die in Paris geboren und in London aufgewachsen ist. Sie studierte Philosophie und Politik und arbeitete in der Verlagsbranche, bevor sie sich dem Schreiben widmete.

Mir hat der „Wandering Souls“ richtig gut gefallen und freue mich schon auf weitere Romane von Cecile Pin.

Vietnam wird für uns immer einen besonderen Platz im Herzen haben, da wir dort 2011 unsere Hochzeitsreise verbracht haben. Unsere Reise begann in Hanoi, einer faszinierenden Stadt, die wie ein lebendiger Bienenstock summt. Besonders die Altstadt mit ihren labyrinthartigen Gassen hat uns beeindruckt, und das Gedränge aus Fahrrädern und Mopeds machte selbst einen einfachen Straßenspaziergang zu einem kleinen Abenteuer. Wir standen am ersten Tag gefühlt 15 Minuten am Straßenrand bis wir uns trauten uns einfach todesmutig in den Verkehr zu stürzen und irgendwie zwischen all den Millionen Fahrzeugen auf die andere Straßenseite zu gelangen.

Von Hanoi aus fuhren wir zur Halong-Bucht, wo wir eine traumhafte dreitägige Bootstour auf einer traditionellen Dschunke unternahmen. Die zerklüfteten Kalksteinfelsen und die mystische Atmosphäre der Bucht gehören zu den schönsten Erinnerungen, die wir von dieser Reise mitgenommen haben. Zum Programm gehörte auch eine Kanufahrt, bei der wir uns nicht wirklich talentiert anstellten. Wir hatten Sorge wir machen die Halong Bay kaputt, als wir ziemlich heftig an einen der ikonischen Felsen rammten und die Vietnames*innen in den Booten um uns rum die auf dem Weg zum floating Market waren, haben glaube ich um ihr Leben gebangt und einen großen Bogen um unser Kanu-from-Hell gemacht.

Die Halong Bay war wirklich eine einzigartige Erfahrung, eines der schönsten Erlebnisse unserer Reisen war wirklich diese Bootstour, danach ging es weiter nach Hoi An, einer wirklich hübschen Stadt, die für ihre gut erhaltene Altstadt und die bunten Lampions bekannt ist. Dort nahmen wir an einem Kochkurs teil und entdeckten einen sehr charmanten Second-Hand-Buchladen, bei dem wir Reiselektüre nachkaufen konnten.

Die letzte Etappe unserer Reise führte uns nach Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt), das uns leider weniger begeisterte. Nach zwei bis drei Tagen waren wir froh, auf die Insel Phu Quoc zu reisen, wo wir in einer malerischen kleinen Hütte am Strand übernachteten. Es war fast perfekt – wenn nicht eine Ratte nachts ins Zimmer gekommen wäre!

Foto: Amy

Die Geschichte Vietnams ist geprägt von Kriegen und Kolonialismus, besonders durch die französische Kolonialzeit und den verheerenden Vietnamkrieg. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1954 wurde Vietnam in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden geteilt. Der Vietnamkrieg (1955–1975) brachte großes Leid und Zerstörung, und nach dem Sieg der kommunistischen Kräfte wurde das Land wiedervereinigt. Heute ist Vietnam eine sozialistische Republik, die sich wirtschaftlich öffnet und einen bemerkenswerten Wandel erlebt hat.

Die vietnamesische Küche ist bekannt für ihre frischen Zutaten und ihre zarten Aromen. Im Gegensatz zur thailändischen Küche beispielsweise wird in Vietnam in der Regel nicht übermässig scharf gegessen. Wir haben stets phänomenal gegessen, oft am besten an den winzig kleinen Straßenständchen in denen ein riesiger Topf über offenem Feuer hing und wo es Phở, eine herzhafte Nudelsuppe mit Rind- oder Hühnerfleisch gab, ein Klassiker der vietnamesischen Küche der traditionell zum Frühstück gegessen wird. Das war überhaupt mein Highlight für mich alte Suppentante. Suppe zum Frühstück ist für mich der perfekte Start in den Tag.

Zu den weiteren bekanntesten Gerichten gehört Bánh Mì, ein knuspriges Baguette, gefüllt mit Fleisch oder Tofu, eingelegtem Gemüse, Kräutern und einer pikanten Sauce oder auch Wasserspinat (Rau Muống) den wir auch sehr sehr gerne gegessen haben. Ein weiteres Highlight ist der vietnamesische Kaffee (Cà Phê), der mit süßer Kondensmilch serviert wird – ein perfekter Abschluss für eigentlich jede Mahlzeit.

Filmempfehlung: The Scent of Green Papaya (1993)
Für Vietnam möchte ich den Film The Scent of Green Papaya von Regisseur Tran Anh Hung empfehlen. Der Film spielt im Saigon der 1950er Jahre und erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens namens Mùi, das als Dienerin in einer wohlhabenden Familie arbeitet. Der Film besticht weniger durch eine komplexe Handlung, sondern durch seine visuelle Poesie und die subtile Darstellung des Alltagslebens in Vietnam. Die Sinnlichkeit des Films liegt in den alltäglichen Details: das Schälen der grünen Papaya, das leise Geräusch des Regens und die ruhigen, fast meditativen Bilder. Ich habe den Film vor ein paar Tagen gerade wieder geschaut und er ist und bleibt einer meiner allerliebsten Filme – ich kann ihn euch nur ans Herz legen.

Musiktipp: Timekeeper
Vietnam hat eine dynamische und vielfältige Musikszene, die weit über traditionelle Töne hinausgeht. Eine spannende Band, die ich vorstellen möchte, ist Timekeeper. Diese Post-Rock-Band aus Ho-Chi-Minh-Stadt erschafft atmosphärische Klanglandschaften die eine ganz besondere Stimmung erzeugen. Nicht nur für Post-Rock-Fans ein echter Leckerbissen. Hört mal rein:

https://timekeeper.bandcamp.com/album/2014

Wer jetzt Lust hast noch ein bißchen länger in Vietnam zu verweilen bzw mehr von vietnamesischen Autor*innen zu lesen, dem empfehle ich:
Monique Truong – Das Buch vom Salz
Ocean Vuong – On Earth we are briefly gorgeous
Mai Phan Que – Nguyen – Der Gesang der Berge

Noch ein paar Fakten über Vietnam:
Vietnam ist etwa 8% kleiner als Deutschland, hat dabei aber knapp 20% mehr Einwohner*innen. Das bedeutet, die Bevölkerungsdichte in Vietnam ist auch höher, besonders in städtischen Gebieten wie Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt.

OK – das war der erste Beitrag meiner Reihe „Read Around the World“. Habt ihr Lust auf die Reihe? Fehlt euch was? War es zu lang, zu kurz und möchtet ihr vorab wissen wohin es als nächstes geht, oder wollt ihr euch überraschen lassen?

Freu mich auf euer Feedback!

Cornwall by the Book

Cornwall – wild, ungezähmt, und ehrlich gesagt hatten wir uns in Sachen Wetter auf so ziemlich alles eingestellt. Aber das, was dann kam, war so viel besser als erwartet: Bis auf einen Tag strahlender Sonnenschein! Doch selbst die wenigen Wolken konnten unsere Stimmung nicht trüben – was auch daran liegen könnte, dass wir uns in einer sehr hübschen Ferienwohnung in Penzance einquartiert hatten. Der perfekte Ausgangspunkt für unsere täglichen Erkundungstouren.

Penzance hat einen rustikalen Charme, und die an Piraten reiche Geschichte Cornwalls konnte man nur ein paar Häuser weiter von unserer Unterkunft im sehr urigen seit 1695 bestehenden Admiral Bentow Pub bestens erkunden. Unser kulinarisches Highlight der Reise erlebten wir allerdings im „Cork & Fork“, wo wir eine richtig gute Seezunge gegessen haben. Empfehlenswert!

Ein anderer schöner Ort war der „The Edge of the World Bookshop“. Allein der Name verspricht schon ein kleines Abenteuer. Und genau so fühlt es sich an, wenn man erstmal durch die Tür tritt. Gemütlich, einladend, und – Achtung – unglaublich schwer, ohne mindestens drei Bücher unter dem Arm wieder rauszugehen. Sogar der Duft der Seiten hatte etwas Magisches. Man möchte fast glauben, dass ein paar dieser Bücher direkt aus Narnia stammen.

Kleine Anekdote am Rande: In Penzance haben wir auch die Morrab Library entdeckt. Ein echter Geheimtipp! Die Bibliothek befindet sich in einem alten Landhaus, das aussieht, als sei es einem Jane-Austen-Roman entsprungen. Über 70.000 Bücher, und das Beste: Die werden alle noch mit Papier-Karteikarten verwaltet! Ich fühlte mich sofort in die öffentliche Bibliothek meiner Kindheit zurückversetzt – wir wurden mit einem Lächeln empfangen, wir durften jeden Räum erkunden und sie haben sogar ein Foto mit uns gemacht, weil sie sich sehr über internationale Besucher freuen 🙂

Im Treppenhaus hängt ein großes Porträt von John le Carré Er lebte lange in Cornwall und war ein großer Fan der Morrab Library und unterstütze sie auch großzügig. Le Carré, der eigentlich David Cornwell hieß, fand in Cornwall nicht nur ein Refugium, sondern auch Inspiration. Seine Liebe zur Region und ihre Verbindung zur Natur spiegeln sich in vielen seiner Werke wider. Es wird gesagt, dass er sich von den Küsten Cornwalls ebenso zu seinen Spionageromanen inspirieren ließ wie von den politischen Spannungen seiner Zeit. Ein Mann voller Widersprüche – einerseits mit der Welt der Geheimdienste vertraut, andererseits mit einem Rückzugsort, der idyllischer nicht sein könnte. Cornwall und le Carré – das ist eine Verbindung von Kontrast und Harmonie und ich muss endlich mal meinen Le Carré Roman aus dem Bücherregal vorholen und endlich lesen.

Es ist übrigens überhaupt kein Problem ohne Auto in Cornwall unterwegs zu sein. Wahrscheinlich ist es sogar die bequemere Variante, denn die Single Track Roads sind tückisch und bei unseren Busfahrten haben wir so manche Autofahrer*in rückwärts manövrierend fast im Graben landen. Das Busnetz ist gut ausgebaut und sehr günstig – 2 GBP pro Strecke, und für 7 GBP gab’s ein Tagesticket, mit dem man sich kreuz und quer durch die Landschaft bewegen konnte.


Einer unserer ersten Ausflüge führte uns zu einem Treffen mit Freundinnen ins schöne St Ives, die dort zufällig auch gerade urlaubten. St. Ives ist ein wirklich niedliches Fischerstädtchen berühmt für sein gutes Licht und daher seit Jahrhunderten Anziehungspunkt für eine Menge Maler*innen. Wir schlenderten durch die Gassen, aßen abends richtig guten Chowder – diese fabelhafte, cremige Fischsuppe, die man in Cornwall überall findet – und genossen am Nachmittag einen richtig guten Cornish Cream Tea. Scones, clotted cream und Marmelade – da der Tag in St. Ives auch gleichzeitig der kühlste und regnerischste unserer Reise war, waren heißer Tee und süße Scones die perfekte Antidote dafür.


Ein weiteres Highlight unserer Reise war Mousehole. Nein, das ist kein Tippfehler. Mousehole (ausgesprochen „Mauzl“) ist ein winziges Fischerdorf, das wirklich charmant und zauberhaft ist. Die Häuser kleben an den Klippen, und die Boote im kleinen Hafen schaukeln gemütlich in der Sonne. Kein Wunder, dass Dylan Thomas, der walisische Dichter, Mousehole als „das schönste Dorf Englands“ bezeichnet hat. Finde ich total nachvollziehbar. Nach einem guten Mittagessen mit Blick auf den Hafen, packten wir uns mit unseren Büchern an den kleinen Strand im Ort und ließen uns die Sonne auf den gut gefüllten Bauch brennen.


Dann war da noch Mount St. Michael – diese märchenhafte Inselburg, die bei Ebbe zu Fuß erreichbar ist. Allein die Überquerung über den trockengelegten Meeresboden fühlte sich an, als ob wir Teil eines Fantasy-Abenteuers wären. Ein bisschen wie „Der Herr der Ringe“, nur ohne Orks, dafür mit einer imposanten Burg. Besonders angetan hatte es uns der riesige Blumengarten, soooo schön und der Ausblick – mir fehlen wirklich ein bißchen die Worte. Man hatte an dem Tag definitiv das Gefühl irgendwo im Süden zu sein.

Natürlich stand auch ein Besuch bei Lands End, dem westlichsten Punkt Englands, auf dem Plan. Die Klippen dort sind der Hammer! Das tosende Meer, das gegen die Felsen schlägt, und der Wind, der einem die Haare zerzaust – Cornwall in seiner wildesten und schönsten Form. Ich hätte stundenlang da sitzen und einfach nur aufs Wasser starren können. Oder Rebecca lesen. Was mich jetzt auch langsam aber sicher zum „by the Book“-Teil der Reise bringt. Da ich zwar eine ganze Menge du Mauriers zu Hause habe, mir die alle aber zu schade waren im Rucksack durch die Gegend geschlörrt zu werden, entschied ich mich für ein Hörbuch und zwar die Biografie von Daphne du Maurier.

Ein bisschen wehmütig wurden wir jedoch, als uns klar wurde, dass wir Manderley nicht besuchen konnten. Warum? Weil es nur in unserer Fantasie existiert! Aber auch das echte Vorbild, Menabilly House, konnten wir nicht besichtigen, da es sich in Privatbesitz befindet. Via Hörbuch tauchte ich ein in ihr du Mauriers faszinierendes Leben und insbesondere ihre mehrwöchtigen Wanderungen zu dem nahezu verfallenen Menabilly House und wie sie die damaligen Besitzer dazu überreden konnte es ihr zu vermieten. Maurier verbrachte einen Großteil ihres Lebens in Cornwall, und viele ihrer Bücher sind von dieser dramatischen Landschaft geprägt. Mit ihren düsteren Geschichten und mysteriösen Figuren hat sie Cornwall auf die literarische Landkarte gesetzt. Jeder noch so kleine Buchladen und Souvenirshop hat ihr gesamtes Angebot stets in verschiedensten Ausgaben im Angebot. Bei unserem nächsten Besuch in Cornwall wollen wir unbedingt den Jamaica Inn Pub besuchen, den sie in ihrem Roman unsterblich gemacht hat.

Ein Filmtipp den ich noch unterbringen möchte ist der sehr atmosphärisch-verstörende Film „Enys Men“ der wunderschöne Bilder hat und am Rande auf die Bergwerks-Vergangenheit Cornwalls eingeht. Sehr sehenswert!


Cornwall war früher ein Hotspot für Schmuggler. Die zerklüfteten Küsten und versteckten Buchten waren ideal für den illegalen Handel mit Brandy, Tabak und anderen Schmuggelwaren. Parallel dazu war Cornwall auch ein Zentrum des Bergbaus, besonders für Zinn und Kupfer. Heute? Heute ist der Bergbau weitestgehend Geschichte, aber der Tourismus boomt, wobei es höchstens in St. Ives für meinen Geschmack ein wenig überlaufen war.

Cornwall ist eine wunderschöne Gegend, wir kommen wieder und dank des „The Edge of the World Bookshops“ bin ich jetzt auch mit einer langen Liste von spannenden Büchern ausgestattet die dort spielen und die mal nicht von Daphne du Maurier geschrieben wurden.

Es gibt jetzt noch einen finalen Stopp – dann kommt unsere literarische Englandreise aus dem Frühsommer dieses Jahres zu seinem Ende. Kommt ihr mit nach Oxford? Habt ihr eine Idee was ich dafür an Literatur im Gepäck hatte und wie hat euch mein Cornwall Bericht gefallen? Seid ihr schon dort gewesen? Mögt ihr Daphne du Maurier – ich freue mich sehr von euch zu hören.


Flirrende August Lektüre

Der August war ein wirklich guter Lesemonat mit acht Büchern, darunter zwei Highlights, viele weitere großartige Titel – kein einziger Ausfall, ich bin rundum zufrieden! Aber jetzt ohne groß Schnacken geht es direkt los. Bin gespannt, welche davon ihr bereits kennt oder auf welche ich euch Lust machen kann. Freue mich auf eure Rückmeldungen. Wie war euer Lesemonat August?

Für den Zweifel – Carolin Emcke erschienen im S. Fischer Verlag

Beim Lesen von Carolin Emckes „Für den Zweifel“ als auch beim Besuch ihres Gesprächs mit Asal Dardan in der Monacensia in München im Juni habe ich unglaublich viel gelernt. Emcke denkt und spricht in Lichtgeschwindigkeit, und ich habe versucht, mir so viele Notizen wie möglich zu machen. Ihre kluge und gleichzeitig bescheidene Art, insbesondere ihr ständiges Zweifeln und das Eingeständnis, nicht alles zu wissen, hat mich sehr beeindruckt. Davon bräuchten wir heute viel mehr.

Emckes Buch ist eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema Zweifel. Sie zeigt, dass Zweifel keine Schwäche, sondern ein wichtiger Teil des Erkenntnisprozesses ist. In einer Welt, die oft nach schnellen und einfachen Antworten sucht, erinnert sie uns daran, dass es wichtig ist, innezuhalten und gründlich nachzudenken. Ihre Bereitschaft, Unsicherheit zuzulassen und Fragen offen zu lassen, vermittelt eine wertvolle Lektion in Bescheidenheit und Offenheit.

„Dass es Erfahrungen geben kann, die sich nicht sofort beschreiben lassen, ja, dass es Erfahrungen gibt, die sich nicht einmal sofort verstehen lassen, weil sie uns überfordern, weil sie alles außer Kraft setzen, was sonst gilt, weil sie alle Erwartungen an das, was Menschen aneinander antun, übersteigen – das ist ungeheuerlich.“

Ein zentraler Punkt in Emckes Werk und im Gespräch war der Umgang mit Gewalt und Fanatismus in unserer Gesellschaft. Sie betont die Bedeutung des Dialogs und des Verständnisses für den Anderen, selbst wenn es schwierig ist. Sie fordert dazu auf, die Ursachen von Hass und Gewalt zu verstehen, anstatt vorschnelle Urteile zu fällen.

Ihre Erfahrungen als Reporterin in Krisengebieten verleihen ihren Argumenten eine besondere Authentizität. Emckes Berichte über ihre Begegnungen mit Gewalt und Entmenschlichung sind erschütternd und inspirierend zugleich. Sie zeigt, wie wichtig es ist, die Geschichten und Erfahrungen anderer Menschen zu hören, um die Welt besser zu verstehen.

In „Für den Zweifel“ fordert Emcke uns auf, immer wieder innezuhalten und zu reflektieren. Diese Haltung, stets neugierig und offen für Neues zu bleiben, sind inspirierend und da lasse ich gerne meine Hirnwindungen (ver)glühen…

Trespasses – Louise Kennedy auf deutsch unter dem Titel „Übertretung“ im Steidl Verlag erschienen, übersetzt von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser

Ich muss ehrlich zugeben, dass es einige Themen in der Literatur gibt, um die ich normalerweise einen großen Bogen mache: zum Beispiel Mafia, Sport, Spionage oder auch der Nordirland-Konflikt. Doch manchmal purzeln durch meinen Bookclub Bücher auf meine Leseliste, die ich sonst wahrscheinlich nie in die Hand genommen hätte – und das ist wirklich gut so. Ein perfektes Beispiel dafür ist Louise Kennedys Trespasses, das mich gehörig aufgewühlt hat.

Die Geschichte spielt im Jahr 1975 in Nordirland, zu einer Zeit, in der der Alltag der Menschen von Gewalt und Terror geprägt war. Was mich besonders fasziniert hat, ist die Art und Weise, wie Kennedy den alltäglichen Schrecken darstellt. Diese Abgestumpftheit, die sich in den Menschen festsetzt, wenn Bedrohung und Anschläge zur traurigen Normalität werden, ist erschütternd und geht unter die Haut. Es ist kein Buch, das man leicht vergisst, weil es einem diese dunklen, tragischen Aspekte so unmittelbar vor Augen führt.

Im Zentrum der Handlung steht Cushla, eine junge katholische Lehrerin, die sich in einen älteren, verheirateten protestantischen Anwalt verliebt. Obwohl die Liebesgeschichte einen zentralen Teil des Buches ausmacht, hat sie mich persönlich weniger interessiert. Viel mehr habe ich mich auf die Darstellung des alltäglichen Lebens während der „Troubles“ konzentriert, auf die kleinen Details, die Kennedy so meisterhaft einfängt – wie den „soft dunt“ eines sich schließenden Kühlschranks oder die bedrückende Atmosphäre in einem Pub, in dem britische Soldaten die Gäste im Auge behalten.

Wir hatten eine wirklich spannende Diskussion im Bookclub, auch oder vielleicht gerade, weil es sehr unterschiedliche Meinungen zum Buch gab. Ein besonders spannender Aspekt bei der Diskussion über Trespasses in unserem Bookclub war, dass wir Informationen aus erster Hand hatten. Eine Teilnehmerin, die während der Troubles in Nordirland aufgewachsen ist – glücklicherweise auf dem Land, wo die Gewalt weniger spürbar war als in Belfast – lobte das Buch in den höchsten Tönen.Sie war besonders beeindruckt von der realistischen Darstellung der Ereignisse und bestätigte, wie genau Kennedy die bedrückende Atmosphäre jener Zeit eingefangen hat.

„Sprengfalle. Brandsatz. Plastiksprengstoff. Nitroglyzerin. Molotowcocktail. Gummigeschoss. Saracen. Internierung. Special Powers Act. Vortrupp. Was heutzutage zum Wortschatz eines siebenjährigen Kindes gehört.“

Kennedy ist eine Autorin, die erst spät zur Literatur gefunden hat, nachdem sie fast drei Jahrzehnte als Köchin gearbeitet hat. Vielleicht ist es gerade diese Lebenserfahrung, die ihrem Schreiben diese besondere Tiefe und Sensibilität verleiht. In Trespasses geht es nicht nur um die äußeren Umstände, sondern auch um die inneren Kämpfe der Charaktere – und genau das macht das Buch so lesenswert.

Ich bin froh, dass ich mich aus meiner literarischen Komfortzone herausgewagt habe, denn Trespasses ist ein Buch, bei dem ich eine Menge gelernt habe und das mir glaube ich noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Ich danke dem @steidlverlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar.

Der grosse Sommer – Ewald Arenz erschienen im Dumont Verlag

I know I know dieses Buch hätte ich natürlich auf dem 10m Brett im Schwimmbad fotografieren müssen, aber die Schlange war zu lang, ihr müsst also mit dem Bächlein hinterm Haus vorlieb nehmen. Ich denke das Buch muss ich nicht großartig vorstellen. Gefühlt hat es schon jede*r gelesen und ich jetzt auch. Ich mochte es, es zu lesen fühlt sich nach Sommerferien, Freibadpommes und Gartenglück an.

„Nana blätterte weiter. Ein Regenbild am Abend. Sie konnte einfach so gut malen. Ich fühlte einen Stich. Ich wollte auch etwas können. Richtig können. Irgendwas.“

Vielleicht werde ich mich bald nicht mehr an allzu viel aus dem Buch erinnern – aber das macht nichts. Ich habe darin eine neben Dulcie aus „The Offing“ eine weitere wunderbare coole weise Lady kennengelernt – gute Role Models fürs Alter kann man gar nicht genug haben.

Hier kurz der Klappentext:
Die Zeichen auf einen entspannten Sommer stehen schlecht für Frieder: Nachprüfungen in Mathe und Latein. Damit fällt der Familienurlaub für ihn aus. Ausgerechnet beim gestrengen Großvater muss er lernen. Doch zum Glück gibt es Alma, Johann – und Beate, das Mädchen im flaschengrünen Badeanzug. In diesen Wochen erlebt Frieder alles: Freundschaft und Angst, Respekt und Vertrauen, Liebe und Tod. Ein großer Sommer, der sein ganzes Leben prägen wird.
Hellsichtig, klug und stets beglückend erzählt Ewald Arenz von den Momenten, die uns für immer verändern.

Ein Buch das bezaubert, an vergangene Sommer erinnert und wirklich sehr große Lust auf Arschbombe im Freibad macht.

Keyserlings Geheimnis – Klaus Modick erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Klaus Modicks „Keyserlings Geheimnis“ liest sich ganz wunderbar am Ufer des Starnberger Sees. Wer also plant seine Sommerfrische dort zu verbringen, für den gibt es keine passendere Lektüre. Der Roman schafft es auf wunderbare Weise, die Stimmung des Fin de Siècle lebendig werden zu lassen und die Leser*innen in die Welt des Schriftstellers Eduard von Keyserling mitzunehmen. Modick verwebt geschickt historische Fakten mit Fiktion und lässt uns teilhaben an einem schicksalhaften Sommer am Starnberger See im Jahr 1901. Der Fokus liegt auf den letzten Lebensjahren von Keyserling, einem geheimnisvollen, von der Syphilis gezeichneten Dichter, der seine Vergangenheit sorgsam unter Verschluss hält.

Mir gefiel, wie Modick die Atmosphäre dieser Zeit einfängt – die Sommerfrische, die intellektuellen Gespräche in den Münchner Kneipen, die dekadente Bohème, die sich dort versammelt. Er schafft es, das Lebensgefühl jener Epoche einzufangen, ohne dabei kitschig oder nostalgisch zu werden. Stattdessen entsteht ein authentisches, lebendiges Bild, das Lust darauf macht, sich tiefer mit dieser Zeit und ihrer Literatur auseinanderzusetzen.

„Der wahre Sommer ist niemals der, den man gerade erlebt, sondern der andere, lichtdurchwobene, dufterfüllte, wundervolle, an den man sich eines Tages erinnert. Die heimatliche Sonne leuchtet heller in der Fremde, die Gärten der Kindheit duften stärker in der Erinnerung. Was verloren geht, das gerinnt zum Bild. Oder wird zu einer Geschichte. Es ist natürlich lästig, dass sie erst noch geschrieben werden muss, während die Erinnerung einfach da ist, die unauslöschliche Erinnerung an Ado oder auch an Veronika, an Vroni, die er in seinem Wiener Roman Tini genannt hat“

Die Figur des Eduard von Keyserling selbst, ein adeliger Dandy und Außenseiter, bleibt dabei rätselhaft und faszinierend. Durch die Augen des Malers Lovis Corinth, der Keyserling porträtiert, und des Dramatikers Max Halbe, der ihn zu dieser Sommerfrische eingeladen hat, erleben wir einen Mann, der charmant und wortgewandt ist, aber stets eine gewisse Distanz wahrt. Die Gerüchte um einen Skandal in seiner Jugendzeit, die ihn schließlich ins Exil trieben, werden nur angedeutet und tragen zur geheimnisvollen Aura bei, die den Schriftsteller umgibt.

Modicks Roman macht definitiv Lust mehr über Eduard von Keyserling zu erfahren. Geboren 1855 in einem deutsch-baltischen Adelsgeschlecht, führte Keyserling ein Leben, das ebenso schillernd wie tragisch war. Nach einem Skandal verließ er seine Heimat und verbrachte einen Großteil seines Lebens in München. Seine impressionistischen Werke, die oft von einer melancholischen Grundstimmung durchzogen sind, gehören zu den bedeutendsten literarischen Zeugnissen dieser Zeit.

Die Bagage – Monika Helfer erschienen im Hanser Verlag

Monika Helfer hat mit „Die Bagage“ einen Roman vorgelegt, der tief in die Geschichte einer armen und teilweise am Existenzminimum lebenden Familie eintaucht und gleichzeitig das Thema Herkunft auf nachdrückliche Weise behandelt. Die Autorin nimmt uns mit in ein abgelegenes österreichisches Bergdorf während des Ersten Weltkriegs, wo sie die Geschichte ihrer Großeltern Maria und Josef erzählt.

Maria, eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, und Josef, ihr schweigsamer und furchteinflößender aber ebenfalls sehr schöner Ehemann, stehen im Zentrum des Romans. Ihre Geschichte wird von den Gerüchten im Dorf über die Familie sowie aufgrund des drohenden Krieges überschattet. Als Josef eingezogen wird, geraten Maria und die Familie noch weiter ins Visier der Dorfbewohner, und die Unsicherheit über die wahre Herkunft eines ihrer Kinder wird zum Kern der Erzählung. Helfer erzählt eine ländlich geprägte Geschichte die dennoch universell erscheint.

Was Helfers Roman besonders auszeichnet, ist die Art und Weise, wie sie die Fragmentierung von Erinnerungen und Geschichten darstellt. „Die Bagage“ ist nicht nur ein Familienroman, sondern auch eine Reflexion darüber, wie Geschichte erzählt und wahrgenommen wird. Die Autorin gelingt es, die Balance zwischen dokumentarischer Genauigkeit und spekulativer Erzählung zu halten, wodurch die Lebensgeschichten ihrer Vorfahren in einem neuen Licht erscheinen. Helfer bleibt als Erzählerin meist im Hintergrund, lässt ihre Figuren jedoch durch kleine Details und liebevolle Beobachtung lebendig werden.

„Ihr braucht nicht mehr in die Schule zu gehen“ sagte sie. „Überhaupt nicht mehr. Nicht mehr, solange Krieg ist. Alles, was ihr in der Schule lernt, kann ich euch auch beibringen.“

„Die Bagage“ ist ein dichter und atmosphärischer Roman von nur knapp 160 Seiten, der durch seine präzise und doch poetische Sprache besticht. Die Art, wie Helfer die Beziehungen und Spannungen innerhalb der Familie schildert, lässt erahnen, wie schwer das „Gepäck“ der eigenen Herkunft wiegen kann. Besonders die Tatsache, dass das Buch auf realen Familienerinnerungen basiert, verleiht ihm eine zusätzliche Tiefe und Authentizität.

Monika Helfer hat mit diesem Roman nicht nur die Geschichte ihrer Familie auf beeindruckende Weise festgehalten, sondern gezeigt, dass ein Werk verfasst, das über das Individuelle hinausgeht und universelle Fragen nach Identität und Zugehörigkeit aufwirft. Ich habe auf jeden Fall Lust bekommen weitere Werke der Autorin zu entdecken.

Prodigal Summer – Barbara Kingsolver auf deutsch ist das Buch unter dem Titel „Im Land der Schmetterlinge“ im Piper Verlag erschienen, übersetzt von Anne Ruth Frank-Strauss

„Prodigal Summer“ von Barbara Kingsolver hat mich, nachdem ich „Demon Copperhead“ Anfang des Jahres verschlungen habe, wieder tief beeindruckt. Obwohl es nicht ganz an die Intensität von „Demon Copperhead“ heranreicht, war es wieder eine Lektüre, die ich kaum aus der Hand legen konnte. Besonders faszinierend fand ich es, über die Generation vor den Ereignissen in „Demon Copperhead“ zu lesen, und einen Einblick in das Leben der „Hillbillies“ in den Appalachen rund um das Jahr 2000 zu bekommen.

Das Leben auf den Farmen, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat, bekommt zunehmend Risse. Man merkt wie der traditionelle Lebensstil immer mehr unter Druck gerät. Die Veränderungen in der Landwirtschaft, die Kingsolver beschreibt, wie das langsame Sterben kleiner Betriebe, die vom Farming allein nicht mehr leben können, machen deutlich, wie diese Entwicklung unaufhaltsam in die Armut und die Opioid-Krise der folgenden Jahrzehnte führen würde.

“Her body moved with the frankness that comes from solitary habits. But solitude is only a human presumption. Every quiet step is thunder to beetle life underfoot; every choice is a world made new for the chosen. All secrets are witnessed.“

Das Buch erzählt drei miteinander verwobene Geschichten von Menschen, die alle ihre Verbindung zur Natur auf unterschiedliche Weise leben und erleben. Die Protagonisten Deanna, Lusa und Garnett sind tief in ihrer Umgebung verwurzelt, und ihre jeweiligen Geschichten vermitteln ein starkes Gefühl für die Herausforderungen aber auch die Schönheiten des ländlichen Lebens. Besonders hat mir die Figur der Deanna gefallen, die als Park Rangerin allein in den Bergen lebt und sich für die dort ansässigen Kojoten einsetzt. Ihre Begegnungen mit einem jungen Mann bringen ihr selbstgewählt einsames Leben durcheinander und eröffnen spannende Perspektiven auf das Zusammenspiel von Mensch und Natur.

Lusa, die durch den plötzlichen Tod ihres Mannes in eine völlig neue Lebenssituation geworfen wird, muss sich in der rauen und teilweise feindseligen Schwiegerfamilie behaupten. Ihre Geschichte zeigt, wie tief verwurzelt Vorurteile und Traditionen in solch kleinen Gemeinschaften sein können, und wie schwer es sein kann, diese zu überwinden.

Das Buch vom Salz – Monique Truong erschienen im C. H. Beck Verlag und wurde von Barbara Rojahn-Deyk aus dem Englischen übersetzt.

„Das Buch vom Salz“ von Monique Truong ist eine Geschichte, die gleichzeitig melancholisch und von einer sommerlichen Leichtigkeit durchzogen ist. Die Erzählweise, ist fein und sinnlich, lässt einen förmlich den Duft frischer Kräuter und exotischer Gewürze in der Luft riechen.

Binh, der vietnamesische Koch von Gertrude Stein und Alice B. Toklas, ist die Hauptfigur dieses Romans. Durch seine Augen erleben wir nicht nur den Alltag dieser beiden berühmten Frauen, sondern vor allem seine eigene, schmerzhafte Geschichte des Exils und der Suche nach Zugehörigkeit. Die Art, wie Truong die Sinnlichkeit des Kochens und der Sprache miteinander verwebt, ist beeindruckend und lässt den/die Leser*in selbst in die Küche eilen, um etwas von dieser Magie einzufangen.

„Ich war sicher, daß ich die vertraute Schärfe von Salz spüren würde, aber was ich wissen mußte, war, was für eine Art von Salz: Küche, Schweiß, Tränen oder das Meer“

Die Melancholie, die über allem liegt, erinnert an die bittersüßen Momente, die das Leben so lebenswert machen. Gleichzeitig ist da aber auch eine Leichtigkeit, fast wie ein warmer Sommerwind, der durch die Seiten streicht wenn man Binhs „stream of consciousness“ folgt. Man fühlt mit Binh – mit seiner Sehnsucht, seinen Erinnerungen und seiner stillen Traurigkeit, aber auch mit seiner Leidenschaft für das Kochen und das Leben selbst.

Der Roman erinnert wie stark das Band zwischen Essen und Erinnerung sein kann, wie tief eine einfache Mahlzeit Gefühle und Vergangenheit miteinander verbinden kann. „Das Buch vom Salz“ ist ein sinnliches Erlebnis, das einen dazu einlädt, mit allen Sinnen zu lesen und danach den Kochlöffel in die Hand zu nehmen. Eine literarische Reise, auf die ich euch gerne mitnehmen möchte mit diesem Buch.

Liebesgeschichten – Marie Luise Kaschnitz erscheint im Suhrkamp Verlag

Marie Luise Kaschnitz’ „Liebesgeschichten“ wollte ich anfangs erst gar nicht so recht lesen, denn ich bin jetzt nicht unbedingt ein Fan von Liebesgeschichten. Ich hatte aber arge Lust wieder was von dieser spannenden Autorin zu lesen und aktuell war das alles was die heimische Bibliothek hergab. Zum Glück! Was für eine Überraschung – das schmale Büchlein enthält 11 Kurzgeschichten (ausgewählt von #elisabethborchers) , die auf faszinierende Weise das Unheimliche und Skurrile des Alltags offenbaren. Die erste Geschichte, spielte in Pompeji (juhu!!) und hat mich begeistert – die Atmosphäre ist so dicht und „unsettling“, damit hatte ich nicht gerechnet.

„Du hast deinen Kopf nach links und rechts gedreht, wie die Eisbären, und ich habe dich darum oft meinen Eisbären genannt.“

Die Erzählungen sind überraschend und oft auch beunruhigend. Besonders „Eisbären“ hat mich beeindruckt: Hier wird eine kleine Notlüge einer Frau zum Schicksalsschlag. Es zeigt, wie sehr unsere unausgesprochenen Erwartungen unser Leben prägen können. Auch „Die Füße im Feuer“ wird mir im Gedächtnis bleiben – eine Geschichte über jemanden, der keinen Schmerz empfindet und dadurch fast die Fähigkeit verliert, das Leben richtig zu spüren. Das fand ich unglaublich intensiv.

Kaschnitz, die 1901 geboren wurde und bis 1974 lebte, gehört für mich zu den spannendsten Erzählerinnen ihrer Zeit. Ihre Art zu schreiben ist so aufmerksam und präzise, dass sie die feinen Nuancen des Lebens mit wenigen Worten auf den Punkt bringt. Ich würde mir so wünschen, dass viel mehr Menschen #marieluisekaschnitz wieder entdecken. Mit diesem Band hier kann sie Shirley Jackson oder Muriel Spark absolut Konkurrenz machen. Große Leseempfehlung!

Danke fürs Durchhalten – ich hoffe, ihr hattet auch einen guten Lesemonat. Welches der Bücher würde euch am meisten interessieren?

Sommerliche Juli Lektüre

Mein Lesemonat Juli – der war richtig gut. Gute Mischung, ein paar Kracher waren dabei, Neuentdeckungen für mich und keine wirklichen Ausfälle.
Wie war Euer Juli und welche Bücher hier habt ihr schon gelesen bzw möchtet ihr lesen?

Nochmal von vorne – Dana von Suffrin erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Ich mochte den Roman „Noch mal von vorn“ von Dana von Suffrin sehr. Er schafft es, ein ernstes Thema leicht und humorvoll zu präsentieren. Besonders interessant war die Veranstaltung im Literaturhaus, moderiert von Sascha Chaimowicz, bei der Dana von Suffrin erklärte: „Ja, Humor ist natürlich ein Bewältigungsmechanismus, aber auch die einzige Waffe, die ich habe.“

Dana von Suffrin, die bereits für ihren Debütroman „Otto“ (2019) ausgezeichnet wurde, erzählt in ihrem neuen Werk die Geschichte von Rosa Jeruscher. Rosa versucht, die eigene komplizierte Familiengeschichte zu rekonstruieren und die vielen Kratzer im Familien Furnier zu glätten. Die Handlung beginnt, als Rosa am Arbeitsplatz vom Tod ihres Vaters erfährt. Obwohl sie mit seinem Tod gerechnet hatte, stellt die Endgültigkeit des Abschieds vom Vaters eine bedeutende Zäsur dar – vor allem in ihrem Kopf. Jetzt muss sie sich allein mit der komplizierten Familiengeschichte auseinandersetzen.

Erinnerungen an die heftigen Diskussionen ihrer Eltern, die sie passiv, aber aufmerksam verfolgt hat, tauchen auf: „So tat ich, was ich meistens tat: überhaupt nichts, ich bewegte mich nicht und merkte mir alles.“ Die schwierige und belastete deutsch-israelische Beziehung der Eltern lastet wie ein Felsbrocken auf der Familie.

Dana von Suffrin verzichtet auf eine lineare Handlung und flicht fragmentarische Ereignisse aus der Weltgeschichte ein. Sie springt in die Vergangenheit, baut überlieferte Erinnerungen des Vaters und imaginierte Träume in die Handlung ein, und wechselt zurück zu Monologen nach dem Tod des Vaters. So entsteht ein vielschichtiges Bild einer Familie, deren Geschichte von persönlichen Enttäuschungen und Vorwürfen geprägt ist.

„Später beklagte die beauftragte Kommission, dass Hitler es versäumt hatte, seinen Bleistift anzuspitzen. Er war stumpf, und eine viel zu dicke Linie wurde nun zur Grenze, im Maßstab der Karte war sie sechs Kilometer breit geraten“, heißt es in einer historischen Anekdote.

Dana von Suffrin erzählt dieses ihre jüdische Familiengeschichte überraschend leicht, ohne Pathos, aber mit einer Affinität zum schwarzen Humor.

Im Nachhinein, sagte meine Mutter, würde man sich an Tage, an denen etwas besonders Schlimmes oder auch etwas besonders Schönes geschah, immer so erinnern, als hätte etwas in der Luft gelegen, aber das stimmte nicht, in der Luft lag nie etwas.

Rosa sucht nach Normalität, Unbeschwertheit und vielleicht sogar Lebensfreude. Die Autorin zeigt, wie Geschichte in uns weiterlebt und transportiert wird.
Große Empfehlung – unbedingt lesen!

No one is talking about this – Patricia Lockwood auf deutsch unter dem Titel „Und keiner spricht darüber“ im btb Verlag, übersetzt von Anne-Kristin Mittag

Unser Juli Bookclub-Treffen geriet dieses Mal eher zu „No one is reading about this“ Selten habe ich erlebt, dass ein Buch so wenig Anklang fand, besonders der erste Teil, den die meisten wirr und undurchdringlich fanden. Es finden sich sonst fast immer ein paar Fans, ein paar die ein Buch gar nicht mochten und ein paar zwischendrin. Aber dieses Mal war das ungewöhnlich krass. Ich war noch eine von denen die (wie man im Foto sehen kann) durchaus ein paar interessante Absätze und Beobachtungen fand, aber auch ich als damit schon „Fan“ im Bookclub, konnte mich gerade mal zu 3 Sternen durchringen.
Trotzdem hatten wir einen gelungenen Abend im Bookclub, und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Viele fühlten sich allerdings „zu alt“ für das Buch weil sie Twitter noch nie genutzt hatten daher insgesamt wenig Berührungspunkte mit dem Buch und seiner Protagonistin hatten.

Patricia Lockwood beschreibt in ihrem Roman „No one is talking about this“ zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten. Im ersten Teil geht es um eine Protagonistin, die quasi auf Twitter lebt. Sie denkt ständig darüber nach, welche witzige Bemerkung sie als nächstes twittern kann und wie jede noch so kleine Begegnung in ihrem Alltag zum nächsten viralen Tweet wird. Der zweite Teil hingegen ist sprachlich und emotional auf einer ganz anderen Ebene und hat allen, die es bis dahin geschafft haben (oder die dann nur den 2. Teil gelesen haben), tatsächlich gut gefallen.

Bekannt wurde Patricia Lockwood durch ihr Gedicht „The Rape Joke“, das 2013 viral ging, und ihre Memoiren „Priestdaddy“, in dem sie von ihrer Jugend in einer streng katholischen Familie erzählt, in der ihr Vater durch Sondergenehmigung als Priester ordiniert wird, trotz Ehefrau und seiner drei Kinder.

White people, who had the political educations of potatoes – lumpy, unseasoned, and biased towards the Irish – were suddenly feeling compelled to speak out about injustice. This happened once every forty years on average, usually after a period when folk music became popular again. When folk music became popular again, it reminded people that they had ancestors, and then, after a considerable delay, that their ancestors had done bad things.

Im ersten Teil des Romans führt Lockwood uns in die Gedankenwelt einer namenlosen Protagonistin ein, die durch ihre witzigen Tweets berühmt geworden ist. Sie wird eingeladen, in Städten weltweit über „die neue Kommunikation, den neuen Informationsstrom“ zu sprechen. Der Humor und die Ironie des „Portals“ – so nennt sie das Internet – dominieren ihr Leben. Der zweite Teil des Buches verändert den Ton komplett als die Protagonistin mit einer familiären Tragödie konfrontiert wird. Plötzlich ist der vorher dominierende Humor nicht mehr ausreichend, um mit der Realität umzugehen.

Lockwood’s Fähigkeit, die absurde und oft triviale Natur des Internets zu beobachten und zu beschreiben, ist beeindruckend. Ihre Protagonistin kämpft mit „Ironie-Vergiftung“, und ihre Gedankenwelt ist ein chaotisches Durcheinander von absurden Internet-Memen und ernsthaften Gefühlen. Der Roman ist in zwei Hälften geteilt: Die erste ist eine Studie über ein statisches Leben, das ständig in den Abgrund des „Portals“ starrt. Im zweiten Teil jedoch nimmt das Buch an Tiefe und Komplexität zu, als eine persönliche Tragödie die Protagonistin und ihre Familie trifft.

Ein Buch das polarisiert, aber eigentlich durchweg sehr gute Kritiken bekommt. Nicht jedes Buch passt zu jede*r Leser*in.
Da es so viele Bücher gibt, die noch warten von mir gelesen zu werden, wird es vermutlich keine weiteren Romane von Ms Lockwood für mich geben, aber auf der anderen Seite: sag niemals nie 😉

Einige Herren sagten etwas dazu – Nicole Seifert erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Ich habe dieses Buch so so gerne gelesen! Eines, das endlich den Scheinwerfer auf die zu Unrecht zum großen Teil vergessenen und wieder zu entdeckenden Autorinnen richtet. Meine Leseliste ist auf jeden Fall um Welten länger geworden: Nicole Seiferts „Einige Herren sagten etwas dazu“ ist ein beeindruckendes Werk, das eine wichtige Lücke in der literarischen Aufarbeitung der Nachkriegszeit schließt. Die Autorin beleuchtet die Rolle der Schriftstellerinnen der Gruppe 47, die stets im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen und deren Beiträge zur Literaturgeschichte ungerechtfertigt in Vergessenheit gerieten.

Das Buch beginnt mit einem Einblick in die Strukturen und Mechanismen der Gruppe 47, die von Männern dominiert und geprägt wurde. Seifert zeigt, wie Frauen, trotz ihrer Talente und literarischen Leistungen, oft auf ihre äußere Erscheinung oder ihre Rolle als Ehefrauen oder „Tänzerinnen“ reduziert wurden. Seifert konfrontiert die sexistischen Kommentare mit den eigenen Aussagen der betroffenen Frauen, wodurch die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der tatsächlichen literarischen Arbeit deutlich wird.

Bevor ich sie kennenlernte, sagte mir jemand, sei sei ein „Pummelchen““, beginnt Richter seine Beschreibung Ilse Aichingers. Tatsächlich habe er dann „eine schöne Frau“ vor sich gehabt, „die einige meiner Tagungsmitglieder so stark anzog, dass sie ganz außer sich gerieten und für meine Begriffe ein wenig an Contenance verloren.

Nicole Seifert startet jedes Kapitel mit Zitaten von Männern und Frauen der Gruppe 47. Diese Gegenüberstellungen verdeutlichen nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch die vorherrschenden Vorurteile und die systematische Ausgrenzung der Frauen. Besonders ergreifend ist die Darstellung von Ilse Schneider-Lengyel, einer vielseitigen Künstlerin, die trotz ihrer umfangreichen Bildung und ihrer einzigartigen literarischen Stimme von ihren männlichen Kollegen kaum anerkannt wurde.

Ein weiteres starkes Kapitel widmet sich Gisela Elsner, einer Gesellschaftskritikerin, deren scharfsinnige Satiren über patriarchale Strukturen und Gewaltverhältnisse auch heute noch relevant sind. Elsner spielte bewusst mit ihrem Äußeren, um die Erwartungen der Männer zu unterlaufen und ihre eigene literarische Identität zu betonen.

Seiferts Buch ist nicht nur eine Sammlung von Biografien und literarischen Analysen, sondern auch eine fundierte Kritik am literarischen Kanon und der Rolle, die Frauen darin spielen oder vielmehr nicht spielen dürfen. Das Vergessen von Schriftstellerinnen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis systematischer Benachteiligung. Es ist an der Zeit, diese ungerecht behandelten Stimmen wiederzuentdecken und zu würdigen.

Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat – Annett Gröschner / Peggy Mädler / Wenke Seemann erschienen im Hanser Verlag

Der Titel verspricht schon einiges – und das Buch hält es auch. Was passiert, wenn eine Dramaturgin, eine Journalistin und eine Soziologin zusammenkommen, um über den idealen Staat zu philosophieren? Genau: Ein witziger, tiefgründiger und höchst unterhaltsamer Trialog!

Die drei Frauen nehmen uns mit auf eine Reise durch ihre Gedankenwelt, gespickt mit persönlichen Anekdoten und scharfsinnigen Beobachtungen. Sie werfen einen kritischen Blick auf die Wendezeit, den heutigen Stand der deutschen Einheit und die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Dabei schrecken sie nicht davor zurück, auch mal ordentlich auszuteilen – sei es gegen alte DDR-Nostalgiker oder die kapitalistische Realität im vereinten Deutschland.

Ein zentraler Punkt des Buches ist die Frage nach der Solidarität, die in der DDR ein hohes Gut war und heute oft vermisst wird. Die Autorinnen diskutieren, wie diese verloren gegangen ist und warum sie heute wichtiger denn je ist. Besonders spannend wird es, wenn die drei sich mit einem Gläschen Wodka (oder auch mal einem Bier) in der Hand über die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft austauschen. Man spürt regelrecht die Energie und Leidenschaft, mit der sie ihre Visionen und Ideen teilen.

Annett Gröschner erinnert uns an den Satz von Gerhard Gundermann: „Der Trabi und der Mercedes fahren auf den Abgrund zu. Der Trabi fällt halt nur schneller runter als der Mercedes – der fliegt noch eine Weile.“ Dieses Bild benutzen sie, um den unaufhaltsamen Wandel von Systemen zu beschreiben und um die Frage zu stellen, was danach kommen könnte. Besonders beeindruckend ist ihre Überzeugung, dass Veränderungen möglich sind – nicht durch Abwickeln, sondern durch aktives Gestalten.

Gegenüber, in der Mietwohnanlage der Deutschen Wohnen, die inzwischen Vonovia gehört, schreit einer laut und betrunken nach seiner Freundin, solche Eskapaden kann man sich hier noch leisten, anders als auf der anderen Seite der Ringbahn, wo der Kredit für die Eigentumswohnung zu mehr Disziplin und Selbstbeherrschung zwingt. Dort ist es nicht die Leber, die belastet wird, sondern das Herz, das viel Jogging (oder andere Formen der Selbstoptimierung), Arbeit, Vernetzung und späte Elternschaft managen muss.

Peggy Mädler betont, dass Privatisierung von Wohnraum ein Verrat am Sozialstaat ist und fragt, ob die Dogmen des Kapitalismus nicht genauso fatal sind wie die des Sozialismus. Sie fordert ein weniger moralisierendes, mehr dialektisches Denken: „Das, was uns an der Dialektik so gefällt, ist diese Form von ’nach-Erkenntnis-streben‘, Widersprüche auszuhalten und zu akzeptieren, dass Dinge gleichzeitig sein können, obwohl sie sich widersprechen.“

Die drei Autorinnen sind sich einig, dass es im Leben keine einfachen Antworten gibt und dass man stets in Bewegung bleiben muss – geistig und gesellschaftlich. Sie sehen das Leben als einen nimmer endenden Widerspruch, den man aushalten und durch den man wachsen kann.

„Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, zum Lachen bringt und den Leser immer wieder überrascht. Ich habe richtig viel gelernt. Ich kannte die DDR aus diversen Besuchen, habe aber nie dort gelebt. Habe viel nachgelesen und insbesondere den Verfassungsentwurf für die DDR 89/90 fand ich sehr spannend.

Hier ist eine Einladung, sich auf die Widersprüche des Lebens einzulassen und aus ihnen zu lernen. Ein Buch, für alle, die sich für gesellschaftliche Fragen interessieren und die Freude an klugen, humorvollen Dialogen haben.

Reise im Mondlicht – Antal Szerb übersetzt aus dem ungarischen von Christa Viragh, erschienen im dtv Verlag

Antal Szerb ist eine schillernde Figur der ungarischen Literaturgeschichte. Geboren 1901 in Budapest, war er nicht nur Schriftsteller, sondern auch Literaturwissenschaftler und ein brillanter Kopf. Bevor er mit „Reise im Mondlicht“ 1937 ein Meisterwerk der Weltliteratur schuf, hatte Szerb bereits als Autor und Literaturkritiker für Aufsehen gesorgt. Seine Schriften und seine Leidenschaft für die Literatur prägten nicht nur seine Zeit, sondern beeinflussten auch Generationen nach ihm. Leider wurde sein Leben durch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs abrupt beendet; 1945 wurde er von den Nationalsozialisten ermordet. Doch seine Werke, insbesondere „Reise im Mondlicht“, leben weiter und verzaubern Leser*innen weltweit.

Ich habe mich von Anfang an in die Atmosphäre des Romans verliebt. Die Geschichte beginnt mit einem unglücklichen ungarischen Geschäftsmann, Mihály, der sich mit seiner Frau in Venedig auf Hochzeitsreise befindet. Diese Szenerie mag auf den ersten Blick als ein einfaches Klischee erscheinen, doch Szerb gelingt es meisterhaft, eine tiefere, vielschichtige Erzählung zu entwickeln. Mihály, der sich von seiner Vergangenheit befreien möchte, wird bald von Erinnerungen eingeholt, die ihm zeigen, dass er seine eigene Geschichte und die seiner Mitmenschen nie ganz durchdringt und es stets ein tiefer liegendes Geheimnis gibt.

Was mich besonders an diesem Roman gefesselt hat, ist Szerbs brillante Art, Charaktere zu zeichnen und insgesamt mochte ich den Ton des Buches sehr. Mihály, der sich als Außenseiter fühlt, wird in Wirklichkeit von seiner Frau und den Menschen um ihn herum oft falsch eingeschätzt. Die scharfsinnigen Beobachtungen und die subtile Ironie machen das Buch zu einem Werk in dem ich aus dem Markieren spannender Sätze gar nicht mehr rauskam. Es ist eine Geschichte über die Suche nach Identität, über das Spannungsfeld zwischen Konvention und Rebellion, zwischen Mystik und Rationalität. Szerb verbindet Humor mit Tragik, und das auf eine Art und Weise, die mich immer wieder zum Staunen brachte.

Der Roman enthält eine Reihe von seltsamen Zufällen und Wendungen, die fast an einen moderne Schelmenroman oder Road Movie erinnern. Warum es umso erstaunlicher ist, wie gut mir dieser Roman gefallen hat, denn beides sind eigentlich nicht unbedingt meine Lieblings Themen in Romanen.

„Reise im Mondlicht“ ist ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat, und ich kann gar nicht anders, als es allen, die ich kenne, zu empfehlen. Lest dieses Buch! Ich würde mich freuen, wenn Antal Szerb noch viel mehr Menschen ein Begriff wäre. Besonders freue ich mich schon auf Szerbs Fantasy-Roman „Die Pendragon Legende“, der mir wärmstens ans Herz gelegt wurde.

Die seligen Jahre der Züchtigung – Fleur Jaeggy aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden, erschienen im Suhrkamp Verlag

Diese kleine Novelle hat es in sich“ „Die seligen Jahre der Züchtigung“ von Fleur Jaeggy wurde von Barbara Schaden übersetzt aus dem Italienischen übersetzt und spielt in einem Mädcheninternat im Appenzell der sechziger Jahre. Jaeggy schafft es, in einer relativ schmalen, aber unglaublich dichten Erzählung eine Atmosphäre zu erzeugen, die mich ziemlich in seinen Bann gezogen hat.

Die Geschichte wird von einer vierzehnjährigen Ich-Erzählerin erzählt, deren Alltag von Gehorsam und Disziplin geprägt ist. Die heitere Landschaft vor den Fenstern des Internats steht im krassen Gegensatz zu der strengen Ordnung des Hauses. Die Erzählerin verbringt stundenlange, einsame Spaziergänge in dieser idyllischen Umgebung. Doch dann betritt Frédérique die Szene – schön, streng und voller Überdruss. Frédérique hat eine gewisse Aura um sich, etwas Leises und Schreckliches, das die Erzählerin sofort fasziniert.

Wie man sieht, hatte ich damals noch nicht die Kunst des Vermittelns gelernt, ich glaubte noch, um etwas zu bekommen, müsse man geradewegs das Ziel ansteuern; in Wahrheit aber sind es nur die Ablenkungen, die Unbestimmtheit, der Abstand, die uns dem Vorhaben näherbringen – das Ziel trifft uns, nicht umgekehrt.

Die Beziehung zwischen den beiden Mädchen ist komplex und tiefgründig. Die Erzählerin fühlt sich immer stärker zu Frédérique hingezogen, nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Disziplin und Perfektion. Es ist fast wie eine morbide Anziehungskraft, die sie nicht loslässt. Erst viele Jahre später kann die Erzählerin ihre abgründige Liebe zu Frédérique in Worte fassen.

Jaeggy beschreibt diese düstere, fast surreale Welt mit einer solchen Präzision und Klarheit, dass man als Leser*in förmlich die beklemmende Atmosphäre des Internats spüren kann. Die Landschaft ist dunkel, die Stimmung melancholisch, und die Beziehungen zwischen den Mädchen sind von einer „keuschen Promiskuität“ geprägt, wie Jaeggy es nennt.

In den Internaten, zumindest in denen, die ich kennengelernt habe, wurde eine senile Kindheit in die Länge gezogen, bis an die Grenze des Schwachsinns.

Was mich besonders an diesem Buch fasziniert hat, ist Jaeggys Fähigkeit, komplexe Gefühle und Stimmungen in kurzen, prägnanten Sätzen einzufangen. Ihre Prosa ist kühl und präzise, fast chirurgisch, und sie schafft es dennoch, eine tiefe emotionale Wirkung zu erzielen. Man merkt, dass Jaeggy selbst eine Art Einsiedlerin ist, die sich in ihre eigene Welt zurückzieht und die vielen Spaziergänge in der Novelle und der Anfang der Geschichte lassen auch auf eine Hommage an Robert Walser schließen.

Eine Geschichte über Einsamkeit, Disziplin und die unergründliche Anziehungskraft zwischen zwei jungen Mädchen. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird mit einer tiefgründigen und bewegenden Lektüre belohnt, die man so schnell nicht vergisst.

Faserland – Christian Kracht erschienen im S. Fischer Verlag

Mich hat das Buch etwas ratlos zurückgelassen. Normalerweise gehe ich dann davon aus, dass ich irgendetwas nicht verstanden habe, besonders wenn es von Menschen, deren Geschmack und Empfehlungen ich schätze, hoch gelobt wird. Insgesamt bin ich auch kein großer Fan von Roadmovies (wie nennt man das bei Büchern? Roadbook?) und das ständige Erbrechen des Protagonisten war schwer zu ertragen. Aber jetzt möchte ich eine Barbour-Jacke (ich hatte mal eine Wachsjacke von Marks & Spencer, die leider bei einem Umzug verloren ging).

Das Buch schildert die abgründigen Seiten des Party-Deutschlands – von Fisch-Gosch, Champagner und Scampis auf Sylt, über bunte Pillen, schwule Burschenschaftler, Models und Yuppies in Hamburg, Frankfurt und Heidelberg, vom P1 in München und Parties in der Schweiz. Diese unterhaltsam klingenden Geschichten werden oft als Popliteratur bezeichnet, aber ist „Faserland“ eigentlich Popliteratur? Die oberflächliche Zärtlichkeit, mit der Kracht die Dinge beschreibt, scheinen das Leiden an der Welt des Protagonisten auszudrücken. Die Welt ekelt ihn an und er erbricht sich pausenlos.

Das Buch ist eine Topographie des Hedonismus im Verfallsstadium, wobei Kracht prätentiös, aber durchaus stilsicher vorgeht. „Faserland“ ist ein sehr deutsches Buch, denn es dreht sich um die alles durchdringende Angst. Diese Dynamik treibt die Erzählung voran, gekoppelt mit einem Hass auf dieses Land, der auf eine bislang kaum gesehene Weise in eine kosmopolitische und episch ergiebigere Form gegossen wird: Es ist ein Buch des Ekels.

Wie auch schon in Krachts Untergangsphantasie „1979“ ist „Faserland“ die Geschichte einer Reise, die im Verschwinden oder in der Selbstauslöschung endet. Der Ekel vor der Welt ist auch ein Ekel vor sich selbst, was dem markenbewussten Nihilismus des Buchs einen poetischen, fast schon ethischen Kern verleiht. Krachts Weg, sich der Welt zu nähern, ist die Flucht.
Seine permanenten Vorurteile und Ablehnungen scheinen seine Art zu sein sich die Welt zu erschließen. Tief in seinem Herzen ist der Protagonist wohl ein Romantiker.

Also zahle ich dem Taxifahrer seinen Fahrpreis und gebe ihm noch ein dickes Trinkgeld, damit er in Zukunft weiß, wer der Feind ist.

Krachts Sehnsucht nach der Schauspielerin Isabella Rosselini beschreibt die feine Distanz, mit der er sich die Welt vom Leib hält, obwohl er sich so danach sehnt: „Ich meine, ich berühre sie nicht, ich denke auch nicht direkt an sie, sondern lasse sie am Rand meiner Gedanken auftauchen, ohne ihr näherzutreten oder mit ihr zu sprechen, ohne sie anzusehen.“

Es ist eine Reise ohne offensichtlichen Grund, ein Vaterland, das er wie von außen betrachtet und das ihm dabei immer mehr anekelt. Freunde mit mottenzerfressenen Pullis oder grünen Barbourjacken tauchen auf und verschwinden wieder. Erinnerungen verblassen im Taumel aus Alkohol und Drogen. Das Bild, das er von Deutschland zeichnet, ist präzise und einseitig zugleich, und spiegelt eine Wahrheit wider: das vom Ende einer Welt, noch bevor die Mehrheut überhaupt erkannte, dass diese Welt überhaupt existierte – geschweige denn, dass sie bereits wieder vorbei war. Kracht hat eine Erzählung geschaffen, die einem mit das Gefühl von totaler existenzieller Verlassenheit vermittelt.

The Driver Seat – Muriel Spark auf deutsch unter dem Titel „Töte Mich“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Matthias Fienbork

Ich habe gerade Muriel Spark’s „The Driver’s Seat“ gelesen und bin immer noch völlig fasziniert von dieser kurzen Geschichte. Es ist ein atemloses, spannendes, hypnotisches und verrücktes Werk, das mich von Anfang bis Ende gefesselt hat.

Die Geschichte beginnt mit Lise, einer eher unscheinbaren Frau, die eines Tages aus ihrem Büro spaziert, sich ein auffälliges neues Outfit zulegt und einen mädchenhafteren Tonfall annimmt. Sie macht sich auf den Weg zum Flughafen, um in den Süden zu fliegen. Im Flugzeug nimmt sie Platz zwischen zwei Männern: Der eine ist erfreut über ihre Gesellschaft, der andere zutiefst beunruhigt. So beginnt eine unheimliche Reise in die dunkleren Bereiche der menschlichen Natur.

Muriel Spark, die Autorin dieses faszinierenden Romans, wurde 1918 in Schottland geboren. Sie war 2x shortlisted für den Booker Prize, hat ihn aber leider nie gewonnen.Ihr Erzählstil ist knapp und drängend, ma ist sofort in einer extravaganten Szene, die die fragile, extravagante Natur von Lise, einer 36-jährigen Frau, zeigt. Die Geschichte nimmt immer düsterere Wendungen, und früh wird uns klar, dass Lise ein schreckliches Schicksal ereilen wird. Diese düstere Geschichte entfaltet sich zu einer unerbittlichen Marschroute in den Tod.

Her lips are slightly parted: she, whose lips are usually pressed together with the daily disapprovals of the accountants‘ office where she has worked continually, except for the months of illness, since she was 18, that is to say, for 16 years and some months. Her lips, when she does not speak or eat, are normally pressed together like the ruled line of a balance sheet, marked straight with her old-fashioned lipstick, a final and judjing mouth, a precision instrument.

„The Driver’s Seat“ ist ein Buch voller Grausamkeit und enthält nur wenige flüchtige Momente des Mitgefühls. Es ist kaum mehr als 100 Seiten lang, doch jede Seite ist randvoll mit intensiven, verstörenden Szenen, die mich total fasziniert haben. Absolut verrückte Geschichte.
Wer nach einer packenden und ungewöhnlichen Lektüre sucht, liegt hier genau richtig. Muriel Spark hat ein Meisterwerk geschaffen, das trotz seiner Dunkelheit und Absurdität tief beeindruckt.
Es gibt auch eine faszinierende Verfilmung mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle namens „Identikit“ aus dem Jahr 1974.

Ich mach mich jetzt auf die Suche nach weiteren Büchern von Ms Spark. Kannte bislang nur „The Prime of Miss Jean Brodie“ – welche ihrer Bücher könnt ihr mir empfehlen?

Bath by the Book

Unsere England Reise Ende Mai begann in München, und nach einem kurzen Zwischenstopp in London landeten wir in Bath, einer Stadt, die so viel mehr zu bieten hat als nur ihre weltberühmten römischen Bäder. Bath, mit seiner beeindruckenden Architektur, seinen wunderschönen Parks und Gärten und den vielen Ecken, die man aus Film und Fernsehen kennt, ist ein echtes Juwel im Herzen Englands.

Schon bei unserer Ankunft waren wir von der Eleganz, den gemütlichen Pubs und den vielseitigen Restaurants beeindruckt. Bath ist bekannt für seine georgianische Architektur, die sich in den honigfarbenen Sandsteinbauten widerspiegelt, die die Stadt schmücken. Ein Spaziergang durch die Straßen von Bath fühlt sich an wie eine Reise in die Vergangenheit, und man kann sich leicht vorstellen, wie Jane Austen, die wohl berühmteste Bewohnerin der Stadt, hier ihre Inspiration fand. Austen lebte von 1801 bis 1806 in Bath und einige ihrer Romane, darunter „Northanger Abbey“ und „Persuasion“, spielen hier.

Unser erster Halt war die imposante Bath Abbey, ein prächtiges gotisches Bauwerk, das sich majestätisch im Zentrum der Stadt erhebt. Die Abbey, die im 7. Jahrhundert gegründet wurde, ist ein wunderbarer Ort, um die reiche Geschichte Baths zu erleben. Gleich nebenan befinden sich die römischen Bäder, ein beeindruckendes Zeugnis der römischen Präsenz in Großbritannien. Die gut erhaltenen Thermalbäder und der faszinierende Museumskomplex bieten einen tiefen Einblick in das Leben und die Kultur der Römer.

Ein weiteres architektonisches Highlight ist der Royal Crescent, eine halbmondförmige Reihe von 30 Stadthäusern, die zu den besten Beispielen georgianischer Architektur in Großbritannien zählt. Man glaubt jeden Moment kommt Jane Austen um die Ecke, und es ist leicht zu verstehen, warum dieser Ort so oft als Kulisse für historische Dramen genutzt wird. Auch die Pulteney Bridge, eine der wenigen Brücken weltweit, die mit Geschäften bebaut ist, hat einen ganz einzigartigen Charme und ist ein beliebter Drehort für Filme. Ich möchte hier unbedingt auch noch mal auf die kostenlosen großartigen Stadtführungen der Stadt Bath hinweisen. Der Spaziergang ging etwa 2,5 Stunden und hat wirklich Spaß gemacht.

Während unseres Aufenthalts in Bath besuchten wir auch das Jane Austen Centre, das einen interessanten Einblick in das Leben und die Werke der Autorin bietet. Die Ausstellung ist nicht nur für eingefleischte Austen-Fans interessant, sondern für jeden, der mehr über die literarische Geschichte der Stadt erfahren möchte. Ein weiteres literarisches Highlight ist das jährliche Jane Austen Festival. Wie man sieht war Ms Austen aber nicht wirklich an mir interessiert 😉

Bath ist eine Literatur-Stadt, die nicht nur wahnsinnig tolle Buchläden hat wie zum Beispiel Persephone Books, Mr B’s Emporium of Reading Delights oder auch Topping & Company. Wir stöberten stundenlang in diesen Buchläden in den Regalen, fanden besondere Ausgaben und ließen uns von den Empfehlungen des freundlichen Personals inspirieren und ich weinte bitterlich über den viel zu kleinen Koffer in den ich kaum etwas unterbrachte zumal es ja erst unser erster Stopp der Reise war. Diese Läden sind ein Muss für jeden Bücherwurm, der nach Bath kommt.

All diese Bücher machten uns dann irgendwann ziemlich durstig und wir entdeckten einen Pub, der umgehend in unsere Top 10 der besten Pubs der Welt aufstieg: The Raven mit eigen gebrautem Bier und einer unfassbar tollen Bibliothek im oberen Stockwerk, wo man sich lesend und weiter „book browsing“ betreibend ein Pint oder zwei schmecken lassen konnte.

Von Bath aus unternahmen wir einen Tagesausflug nach Stonehenge und in die Cotswolds, eine wirklich schöne Landschaft mit malerischen Dörfern, Steinkreisen, Kathedralen etc bekannt. Unser erster Halt war Avebury, ein charmantes Dorf, das inmitten eines der größten steinzeitlichen Monumente Europas liegt. Die mächtigen Steinkreise von Avebury sind mindestens genauso beeindruckend wie Stonehenge und es gab dort sehr viele super süße kleine Lämmchen zu sehen.

Weiter ging es nach Lacock, ein weiteres hübsches Dorf, das auch oft als Drehort wird. Die gut erhaltenen mittelalterlichen Gebäude und die wunderschöne Lacock Abbey, die im 13. Jahrhundert gegründet wurde, machen einen Abstecher dorthin auf jeden Fall lohnenswert. Fans der Harry-Potter-Filme werden Lacock bestimmt wiedererkennen, da mehrere Szenen in den Gängen der Abbey gefilmt wurden.

Unser letzter Halt in den Cotswolds war Castle Combe, das oft als das schönste Dorf in England bezeichnet wird. Mit seinen putzigen Cottages, wunderschönen Gärten und Pubs fühlt man sich definitiv ins vorige Jahrhundert zurückversetzt. Irgendwann möchten wir noch mal in die Cotswolds zurück und ein paar Tage dort verbringen, zum wandern und ausspannen. Allerdings wird man an einigen Stellen von Influencern ein bisserl totgetreten, aber verrückterweise immer nur ganz punktuell an bestimmten Stellen in Bath oder auch in den Cotswolds, zack einmal um die Ecke rum und alle waren weg. Seltsam 😉

Stonehenge ist ein prähistorisches Monument in Wiltshire, England, das vermutlich zwischen 3000 und 2000 v. Chr. errichtet wurde und das man nun wirklich nicht näher vorstellen muss. Die monumentalen Steine, die in konzentrischen Kreisen angeordnet sind, sind das Ergebnis mehrerer Bauphasen wurden ursprünglich als Grabanlage genutzt. Stonehenge wird oft mit rituellen und astronomischen Funktionen in Verbindung gebracht, da es möglicherweise als Kalender oder Tempel diente. Die genauen Gründe für den Bau und die Nutzung des Ortes bleiben bis heute ein Rätsel – ich liebe mysteriöse Rätsel und fand den Ort trotz aller Touristen sehr beeindruckend. Rund um Stonehenge gibt es eine ganze Reihe Menschen die dorthin pilgern, dort übernachten und sich von der Spiritualität der Gegend beeinflussen lassen wollen.

Passend zu Stonehenge hatte ich als Reiselektüre „Sarum“ von Edward Rutherford eingepackt. Ein Roman, der die Geschichte der Region um Salisbury, von der Urgeschichte bis in die Moderne erzählt. Im Mittelpunkt steht der Ort Sarum (heute Salisbury), und Rutherfurd verwebt fiktive Erzählungen mit realen historischen Ereignissen. Besonders ich die Teile um Stonehenge, dessen Errichtung in prähistorischer Zeit thematisiert wird. Rutherfurd zeigt, wie Stonehenge im Laufe der Jahrtausende eine zentrale Rolle im Leben der Menschen in der Region spielte und wie es sowohl als religiöses als auch als gesellschaftliches Symbol diente.

Wir wohnten in Bath in der Nähe des Stadtzentrum in einer kleinen Ferienwohnung die wir ganz bezaubernd fanden. Auch wenn unser Aufenthalt in Bath nur der erste Teil unserer Reise war, hat uns die Stadt mit ihrem Charme und ihrer reichen literarischen Tradition sehr beeindruckt. Ich bin ganz sicher, dass wir irgendwann noch einmal hinfahren, denn man kann auch rund um die Stadt tolle Wanderungen machen und wir haben noch lange nicht alles gesehen.

Meine Literaturempfehlungen für Bath, Stonehenge und die Cotswolds:

  • Northanger Abbey – Jane Austen
  • Persuasion – Jane Austen
  • Cider with Rosie – Laurie Lee
  • The White Cottage Mystery – Margery Allingham
  • Sarum – Edward Rutherford

Falls Ihr Lust habt dabei zu sein: Nächste Woche geht es dann weiter an die Englische Riviera und dort treffen wir the Queen of Crime: Agatha Christie. Kommt ihr mit?

April by the Book

Willkommen zu meinem Lesemonat April! Der war wirklich spannend, vor allem wegen meiner Reise nach Neapel und Pompeji. Aber auch im Kopf ging’s rund: Nele Pollatschek hat mich nach Oxbridge entführt, ich hab Zeit in Timor Kaleyas Sanatorium verbracht und eine Menge Einblicke in das Kastensystem der USA gelernt. Ich ließ mich von der poetischen Sprache Marie-Luise Kaschnitz‘ verzaubern habe über die die Sternstunden der Menschheit nachgedacht. Hier wieder ein kurzer Abriss meines Lesemonats in alphabetischer Reihenfolge:

Pompeii – Mary Beard auf deutsch unter dem gleichen Titel im Fischer Verlag erschienen, übersetzt von Ursula Blank-Sangmeister

Mary Beards Buch „Pompeii: The Life of a roman town“ ist ein faszinierender und humorvoller Streifzug durch die Stadt und die Geschichte. Sie liebt es gängige Annahmen über Pompeij zu widerlegen und kann dabei im Text ordentlich austeilen anderen Kolleg*innen gegenüber.

Beard betont immer wieder die Grenzen unseres Wissens und die Unbeständigkeit unserer Konstrukte. Sie widerlegt die Vorstellung, dass Pompeji eine „eingefrorene Stadt in der Zeit“ sei, wie es oft behauptet wird. Vielmehr zeigt sie auf, dass Pompeji von verschiedenen historischen Ereignissen geprägt wurde, angefangen von einem verheerenden Erdbeben bis hin zu Plünderungen und Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg.

Das Buch bietet einen überraschenden Blick hinter die Kulissen von Pompeji und beleuchtet das tägliche Leben der Menschen, ihre Häuser, ihre Bäder und sogar ihre Bordelle. Beard führt uns durch die Straßen, in die Häuser und öffentlichen Gebäude und lässt uns die Stadt mit all ihren Gerüchen und Geräuschen erleben.

In fact, a marriage was normally contracted, as the Romans put it, ‘by practice’: that is, in our terms, ‘by cohabitation’. If you lived together for a year, you were married.

Besonders bemerkenswert ist Beards Fähigkeit, komplexe Themen auf eine zugängliche und unterhaltsame Weise zu präsentieren. Man kann förmlich spüren, wie sie durch die Ruinen von Pompeji spaziert und uns dabei mit ihrem Wissen und ihrer Begeisterung mitreißt.

Lästige Liebe – Elena Ferrante erschienen im Suhrkamp Verlag, übersetzt von Karin Krieger

„Elena Ferrante“ ist das Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, deren wahre Identität bis heute ein gut gehütetes Geheimnis ist. Ihre Romane setzen sich häufig mit Themen wie weiblicher Freundschaft, Familienbeziehungen und dem Leben im südlichen Italien auseinander.

Ihr Debütroman „Lästige Liebe“ (Originaltitel: „L’amore molesto“), veröffentlicht im Jahr 1992, ist eine eindringliche, ziemlich beklemmende Geschichte über eine Frau namens Delia, die nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter Amalia deren Tagebuch entdeckt. Während Delia versucht, die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter aufzudecken, taucht sie immer tiefer in deren geheimnisvolle Vergangenheit ein.

Betritt man die Wohnung eines vor kurzem verstorbenen Menschen, fällt es schwer, sie für unbewohnt zu halten.

„Lästige Liebe“ ist ein Roman, der mich mit seiner düsteren Atmosphäre und den komplexen Charakteren stellenweise durchaus in seinen Bann ziehen konnte, bin aber nicht wirklich warm geworden mit den Figuren und ich war bei der Lektüre eigentlich abwechseln verwirrt oder ein bißchen verstört. Durchaus ein gelungener Debütroman, Frau Ferrante kann wirklich schreiben – aber ich kann nicht sagen, dass ich unbändige Lust bekommen habe noch weitere Romane von ihr zu lesen.

Pompeij – Robert Harris im Heyne Verlag erschienen, übersetzt von Christel Wiemken

Robert Harris‘ Pompeij ist ein faszinierender historischer Roman, der des verheerenden Ausbruchs des Vesuvs und der Zerstörung der Stadt erzählt. Mit einer Mischung aus akribischer historischer Recherche und fesselnder Erzählung entführt Harris die Leser in die Welt des antiken Roms und verwebt geschickt Fakten mit Fiktion.

Die Geschichte folgt dem jungen Ingenieur Marcus Attilius Primus, der nach Pompeji kommt, um die Wasserleitungen der Stadt zu reparieren. Doch bald entdeckt er Anzeichen für ungewöhnliche Aktivitäten des Vesuvs und wird in ein Netz aus Intrigen, Machtspielen und persönlichen Dramen verstrickt. Während Attilius verzweifelt versucht, die Bewohner vor der bevorstehenden Katastrophe zu warnen, bahnt sich das Unheil unaufhaltsam an.

What is leadership, after all, but the blind choice of one route over another and the confident pretense that the decision was based on reason

Harris gelingt es richtig gut, die Atmosphäre und das Leben im antiken Pompeji zum Leben zu erwecken. Durch seine detaillierte Darstellung der Stadt, ihrer Bewohner und ihrer Bräuche entsteht ein lebendiges Bild dieser Tage und es hat was sehr beklemmendes wenn man schon von der ersten Seite an weiß, dass sehr bald unweigerlich eine Katastrophe passieren wird.

Man spürt die intensive Recherche, die in den Roman eingeflossen ist, und die Liebe zum Detail, mit der Harris die Welt von Pompeji zum Leben erweckt.

„Pompeji“ ist ein packender historischer Roman, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Er wirft Fragen nach der Natur der Macht, dem Verhalten in Krisensituationen und der Fragilität menschlicher Existenz auf.

Heilung – Timon Karl Kaleyta erschienen im Piper Verlag

Ein Sanatoriumsroman kann wie eine Reise in eine unbekannte Welt sein, eine Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und der Leser selbst zum Mitreisenden wird. Timon Karl Kaleytas Roman „Heilung“ ist eine solche Reise, die den Leser in die verschneiten Berge des San Vita entführt, einem Ort, der mehr Geheimnisse birgt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Die Geschichte dreht sich um einen namenlosen Protagonisten, der plötzlich von Schlaflosigkeit geplagt wird und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt. Seine Frau schickt ihn in das exklusive San Vita, nicht um eine Krankheit zu heilen, sondern um ein diffuses Unbehagen zu vertreiben. Unter der Leitung von Professor Trinkl durchläuft er unkonventionelle Behandlungsmethoden, die eher an ein Abenteuer als an eine medizinische Therapie erinnern. Doch bald schon bricht er aus dem engen Korsett des Sanatoriums aus und findet sich auf dem Bauernhof seines Jugendfreundes Jesper wieder, wo er eine ganz andere Art der Heilung erfährt.

Was diesen Roman so faszinierend macht, ist die Atmosphäre der Ambiguität, die er schafft. Kaleytas Erzählstil lässt bewusst viele Fragen offen, und genau das macht den Reiz des Romans aus. Man wird als Leser dazu eingeladen, selbst zu interpretieren und zu reflektieren, anstatt alle Antworten serviert zu bekommen.

Besonders beeindruckend ist die Art und Weise, wie Kaleytas die Themen Männlichkeit und Selbstfindung behandelt. Anders als viele zeitgenössische Autoren, die sich in autofiktionalen Werken in endlosen Selbstreflexionen verlieren, schlägt Kaleytas einen erfrischend anderen Weg ein. Sein Protagonist ist kein klassischer Held, sondern ein Durchschnittsmensch, der sich in einer Welt voller Widersprüche und Ambivalenzen verliert. Es ist diese Alltäglichkeit, die den Roman so zugänglich und gleichzeitig so tiefgründig macht.

Auch die Settings, sei es das exklusive Sanatorium oder der idyllische Bauernhof, sind meisterhaft inszeniert und tragen zur Atmosphäre des Romans bei. Man fühlt sich geradezu, als würde man selbst durch die verschneiten Berge streifen oder den Morgentau auf den Feldern spüren.

Ins San Vita kommen Menschen, die wissen, dass sie gesund sind. Sie haben bereits die besten Ärzte der Welt aufgesucht. Und nun wollen sie von uns bestätigt bekommen, dass auch darüber hinaus alles in Ordnung ist. Sie wollen, wie soll ich sagen, von einem unguten Gefühl befreit werden, von einem Unbehagen, dass sie belastet.

Natürlich hat der Roman auch seine Schwächen. Einige Passagen wirken etwas überkonstruiert, und der manierierte Erzählstil mag nicht jedermanns Geschmack treffen. Doch gerade diese Unvollkommenheiten verleihen dem Roman eine gewisse Authentizität und machen ihn zu einem echten Erlebnis.

Insgesamt hat mir „Heilung“ von Timon Karl Kaleytas außerordentlich gut gefallen. Die unkonventionelle Erzählweise, die fesselnde Atmosphäre und die tiefgründigen Themen haben mich von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann gezogen. Wer gerne auf literarische Entdeckungsreise geht und sich von einem Roman überraschen lassen möchte, dem kann ich „Heilung“ nur wärmstens empfehlen.

Orte / Gedichte – Marie-Luise Kaschnitz erschienen im Insel bzw Suhrkamp Verlag

Ich bin so so glücklich diese wundervolle Autorin für mich entdeckt zu haben. Ein absoluter Zufallsfund aus dem Bücherschrank, den ich nach einem Gedicht gesehen bei @buddenbohm aufschlug und nicht mehr weglegen konnte.

In Marie-Luise Kaschnitz‘ Werk „Orte“ begeben sich Leser auf eine faszinierende Reise durch die Landschaften der menschlichen Seele. Kaschnitz, eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, verwebt in diesem Werk auf meisterhafte Weise poetische Sprache mit tiefgründigen Einblicken in die menschliche Existenz.

Marie-Luise Kaschnitz wurde am 31. Januar 1901 in Karlsruhe, Deutschland, geboren. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie und erhielt eine umfassende Bildung, die ihre Liebe zur Literatur und zum Schreiben förderte. Ihr Schaffen umfasst eine Vielzahl von Gedichten, Erzählungen, Essays und Romanen. Kaschnitz‘ Werke zeichnen sich durch eine klare, prägnante Sprache aus, die oft existenzielle Themen wie Vergänglichkeit, Einsamkeit und die Suche nach Identität behandelt.

Ihr literarisches Schaffen erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte, in denen sie eine Vielzahl von Preisen und Auszeichnungen erhielt, darunter den Georg-Büchner-Preis im Jahr 1955. Marie-Luise Kaschnitz verstarb am 10. Oktober 1974 in Rom, hinterließ jedoch ein bedeutendes Erbe in der deutschen Literaturgeschichte.

Paris 1939, und wie töricht und glücklich wir dort sind. Wie wir die in den Buchhandlungen ausliegenden pazifistischen Bücher, die Späße der Goliarden auf den Straßen für ein Zeichen der Überlegenheit nehmen, wie wir selbst, aus der Kaserne Deutschland für kurze Zeit entlassen, gelöst umhergehen, fast tanzend in unserem lateinischen Viertel, im Jardin du Luxembourg und die Seine entlang.

„Orte“ ist eine Sammlung von Texten, die die Vielschichtigkeit menschlicher Erfahrungen und Emotionen erkunden. Kaschnitz führt die Leser durch metaphorische Landschaften, in denen sie die Untiefen des menschlichen Geistes erkunden. Jeder Ort, den sie beschreibt, ist nicht nur ein geografischer Ort, sondern auch ein Zustand des Bewusstseins.

Die Erzählungen in „Orte“ sind oft fragmentarisch und lassen Raum für Interpretation. Kaschnitz spielt mit Symbolen und Bildern, um tiefe emotionale Resonanzen zu erzeugen. Sie beschreibt verlassene Orte, einsame Landschaften und verträumte Szenerien, die eine Reflexion des inneren Zustands der Protagonist*innen sind.
Kaschnitz‘ Sprache ist von einer tiefen Melancholie und einer unbestreitbaren Schönheit geprägt. Jedes Wort ist sorgfältig gewählt, jede Beschreibung ist kunstvoll ausgearbeitet.

Die Gedichte von Marie-Luise Kaschnitz sind oft von einer tiefen, introspektiven und existenziellen Stimmung geprägt. Ihre Poesie zeichnet sich durch eine präzise und zugleich poetische Sprache aus, die komplexe emotionale Zustände und philosophische Themen erforscht. Kaschnitz‘ Werke reflektieren häufig Themen wie Vergänglichkeit, Einsamkeit, Verlust und die Suche nach Sinn.

Dear Oxbridge – Nele Pollatschek erschienen im Galiani Verlag

Nele Pollatscheks „Dear Oxbridge“ bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt der britischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge. Als langjährige Studentin dieser renommierten Institutionen beleuchtet Pollatschek nicht nur das akademische Leben, sondern wirft auch einen Blick hinter die Kulissen der britischen politischen Elite, die maßgeblich den Brexit beeinflusst hat.

Das Buch beginnt mit einer tragikomischen Pointe, als Pollatschek am Morgen des Brexit-Votums ihre Studienschulden begleichen kann, jedoch nicht aus Freude über den Ausgang der Abstimmung, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Von diesem Ausgangspunkt aus reflektiert sie über die Entstehung des Brexit und die Rolle der politischen Klasse, die von den Eliteuniversitäten geformt wird.

Pollatschek beschreibt Oxbridge als Symbol für Reichtum, Elite und Macht. Sie zeigt auf, wie diese Institutionen ein Milieu schaffen, das von seinen eigenen Privilegien überzeugt ist und diese über Generationen hinweg weitergibt. Dabei deckt sie auch die dunklen Seiten dieser Welt auf, wie die elitären Clubs und die Kultur der Abgeschlossenheit und menschenverachtenden Praktiken.

Trotz dieser kritischen Betrachtung ist Pollatschek jedoch nicht verbittert. Sie zeigt eine tiefe Zuneigung zu Großbritannien und seinen Universitäten, insbesondere zu der Leidenschaft für Wissen und Lehre, die dort herrscht. „Dear Oxbridge“ kann daher auch als eine Art universitärer Coming-of-Age-Text betrachtet werden, der neben dem Brexit vor allem Pollatscheks eigene intellektuelle Reifung thematisiert.

Der Politikertyp, der aus Oxbridge kommt, der vorher natürlich schon in Eton war, also Menschen wie David Cameron und Boris Johnson, das ist jemand, der immer schon alle Privilegien hatte, der immer schon etwas Besseres war, und der gleichzeitig gar nicht weiß, dass er sich das nicht erarbeitet hat, sondern dass das einfach ein Privileg ist, dass das einfach von Geburt an da ist. Und weil die vermehrt denken: Boah, das habe ich mir alles erarbeitet, das verdiene ich, kommt daraus eine Gnadenlosigkeit, also der Gedanke, dass diejenigen, die das nicht haben, was man selber hat, es auch nicht verdienen.

Das Buch besteht aus einer Reihe locker verbundener Essays, die humorvoll und pointiert geschrieben sind. Es offenbart Risse und Widersprüche in der britischen Gesellschaft und bietet gleichzeitig ein warmes Plädoyer dafür, immer wieder zuzuhören und die Menschlichkeit in den Diskussionen zu bewahren.

Ein großartiges Buch das ich sehr gerne gelesen habe und das nicht nur Einblicke in die Welt der Eliteuniversitäten bietet, sondern auch wichtige Fragen zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Großbritanniens aufwirft. Wer verstehen möchte, was hinter den Türen von Oxbridge passiert und warum Großbritannien weiterhin von Bedeutung ist, sollte dieses Buch lesen.

Caste – The Origins of our Discontents – Isabel Wilkerson auf deutsch unter dem Titel „Kaste – Die Ursprünge unseres Unbehagens“ im Kjona Verlag erschienen, übersetzt von Jan Wilm

Isabel Wilkinsons „Kaste – Die Ursprünge unseres Unbehagens“ war mein Hörbuch im April, es wird von der New York Times als das bisher wichtigste Sachbuch des 21. Jahrhunderts gelobt. In ihrer Analyse betrachtet Wilkerson das System der Kaste als eine universelle Grammatik der Unterdrückung, die düstere Kontinuitäten wie Polizeigewalt, Wahlunterdrückung und Bildungsungleichheiten aufdeckt. Sie sieht wenig Platz für hoffnungsvolle Zukunftsszenarien, insbesondere in einer Welt nach Trump, in der die Frage „Weißsein oder Demokratie?“ im Mittelpunkt steht.

Radical empathy, on the other hand, means putting in the work to educate oneself and to listen with a humble heart to understand another’s experience from their perspective, not as we imagine we would feel. Radical empathy is not about you and what you think you would do in a situation you have never been in and perhaps never will. It is the kindred connection from a place of deep knowing that opens your spirit to the pain of another as they perceive it.

Empathy is no substitute for the experience itself. We don’t get to tell a person with a broken leg or a bullet wound that they are not in pain. And people who have hit the caste lottery are not in a position to tell a person who has suffered under the tyranny of caste what is offensive or hurtful or demeaning to those at the bottom. The price of privilege is the moral duty to act when one sees another person treated unfairly. And the least that a person in the dominant caste can do is not make the pain any worse.

Obwohl Wilkerson das Konzept der Kaste auf das gesamte gesellschaftliche Gefüge der USA anwendet, zeigt sich, dass dieses Konzept manchmal zu starr ist und den realen Fortschritten der Bürgerrechtsbewegung sowie einem langsamen, aber stetigen gesellschaftlichen Wandel entgegensteht.

Trotzdem präsentiert Wilkerson am Ende ihres Buches ein hoffnungsvolles Konzept der radikalen Empathie. Durch ein konsequentes Denken an der Stelle des Anderen hält sie eine Welt ohne Kaste grundsätzlich für möglich. Dieser Ansatz lässt Raum für Hoffnung und zeigt einen Weg auf, wie eine gerechtere und empathischere Gesellschaft erreicht werden könnte.

Vom Zauber des Untergangs – Gabriel Zuchtriegel erschienen im Propyläen Verlag

Gabriel Zuchtriegels Buch „Vom Zauber des Untergangs war die perfekte vorbereitende Reiselektüre auf meinen Besuch in Pompeij letzte Woche. Das Buch bietet nicht nur einen faszinierenden Einblick in die archäologischen Schätze Pompejis, sondern spannt auch einen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart.

Gabriel Zuchtriegel, ein 42-jähriger Archäologe leitet seit 2021 den Archäologiepark Pompeji in Italien. Sein Buch reflektiert nicht nur die Geschichte der antiken Stadt, sondern wirft auch einen neuen Blick auf ihre Bedeutung für unsere heutige Zeit. Als ich durch die gut erhaltenen Überreste von Garküchen, Sklavenzimmern und Tempeln wanderte, wurde mir klar, dass diese vergangenen Zivilisationen mehr mit unserer Gegenwart zu tun haben, als wir oft glauben.

Zuchtriegel beschreibt in seinem Buch nicht nur die archäologischen Ausgrabungen und Restaurierungen, sondern auch die neuen Forschungsergebnisse, die ständig ans Licht kommen. Dabei schlägt er immer wieder eine Brücke zwischen der antiken Welt und unserer modernen Gesellschaft. Er stellt Fragen nach dem Wandel der Gesellschaft und der Bedeutung von Kultur und Erbe für unsere Identität.

Während man die beeindruckenden Überreste der antiken Villen und Theater bewundert, kommt man nicht umhin, darüber nachzudenken, wie sich das Leben in Pompeji vor dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs abspielte. Doch Zuchtriegel erinnert uns daran, dass Pompeji nicht nur eine historische Stätte ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration und Reflexion für unsere heutige Zeit.

Zuchtriegels Buch ist nicht nur eine Sammlung von Fakten und Daten über Pompeji, sondern auch eine persönliche Reise durch die Geschichte und Kultur einer vergangenen Zivilisation. Seine Leidenschaft für die Archäologie und sein Engagement für den Schutz und die Bewahrung des kulturellen Erbes sind in jedem Wort spürbar und ansteckend.

Gibt es auch heute Sachverhalte, von denen zukünftige Generationen sagen werden, dass uns dafür die Begriffe fehlten? Und welche könnten das sein?

Pompeji ist nicht nur eine historische Stätte, sondern auch ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens und die Notwendigkeit, unser kulturelles Erbe zu schützen und zu bewahren.

Gabriel Zuchtriegel lädt uns ein, Pompeji mit neuen Augen zu sehen und die versteckten Geschichten und Geheimnisse dieser faszinierenden antiken Stadt zu entdecken. Eine Lektüre, die nicht nur für Archäologen und Geschichtsinteressierte, sondern für alle, die sich für die menschliche Geschichte und Kultur interessieren, von Interesse ist.

Sternstunden der Menschheit – Stefan Zweig erschienen im S. Fischer Verlag

Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“ ist ein zeitloses Meisterwerk, das die Leser auf eine faszinierende Reise durch die Geschichte menschlicher Errungenschaften führt. Mit seiner unvergleichlichen Erzählkunst fängt Zweig vierzehn historische Momente ein, die als Sternstunden der Menschheit gelten können.

Von bedeutenden Persönlichkeiten wie Napoleon und Dostojewski bis hin zu wagemutigen Entdeckern und begabten Künstlern erzählt Zweig von den wegweisenden Ereignissen, die die Geschichte maßgeblich geprägt haben. Jeder dieser Augenblicke wird von Zweig mit einer novellistischen Intensität und einem tiefen Verständnis für die menschliche Natur dargestellt.

Immer sind Millionen Menschen innerhalb eines Volkes nötig, damit ein Genius entsteht, immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit in Erscheinung tritt.

Durch Zweigs meisterhafte Erzählungen werden die Leser in die Atmosphäre und die Bedeutung dieser historischen Momente hineingezogen. Man spürt die Spannung von Napoleons Niederlage in Waterloo, erlebt die Aufregung der Entdeckung Kaliforniens und fühlt die Erleichterung von Dostojewskis Begnadigung.

„Sternstunden der Menschheit“ ist mehr als nur eine Sammlung von Geschichten – es ist eine Hommage an die Menschheit und ihre Fähigkeit, in entscheidenden Momenten über sich hinauszuwachsen. Stefan Zweigs Werk bleibt auch nach 125 Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil der Weltliteratur und fasziniert weiterhin Leser auf der ganzen Welt.

Das war insgesamt ein richtig guter Lesemonat. Fast durchweg Bücher, denen ich 4-5 Sterne gegeben habe, bis auf Elena Ferrante auch alles Autor*innen die ich definitiv wieder lesen würde.

Was waren Eure Highlights im April und konnte ich euch auf das eine oder andere Buch hier Lust machen? Freu mich von Euch zu hören.